Reise durch die Sonnenwelt

Erstes Kapitel

Der Graf: Hier meine Karte! Der Kapitn: Und hier die meine!

Nein, Kapitn, es konveniert mir nicht, Ihnen den Platz zu rumen!

Bedaure, Herr Graf, Ihre Prtensionen werden aber die meinigen nicht verringern.

Gewi nicht?

Gewi nicht.

Ich mache Sie indessen darauf aufmerksam, da der Zeit nach mir der Vorrang gebhrt.

Und ich antworte Ihnen hierauf, da die Anciennitt allein keinerlei Recht begrnden kann.

Ich werde Sie zu zwingen wissen, mir den Platz zu rumen.

Das glaube ich nicht, Herr Graf.

Ich denke, so ein Hieb mit dem Degen ...

Nicht mehr, als ein Pistolenschu ...

Hier meine Karte!

Und hier die meine!

Nach diesen Schlag auf Schlag hervorgestoenen Worten wechselten die beiden Gegner ihre Karten.

Auf der einen las man:

Hector Servadac.
Kapitn im Generalstabe.

Auf der anderen:

Graf Wassili Timascheff.
An Bord der Golette Dobryna.

Wo und wann treffen meine Sekundanten die Ihrigen? fragte Graf Timascheff, bevor sich beide trennten.

Heute um zwei Uhr, wenn es Ihnen beliebt, im Generalstabsamte, erwiderte Hector Servadac.

In Mostagenem?

Zu dienen.

Nach diesen Worten grten sich Kapitn Servadac und Graf Timascheff kalt aber hflich. Als sie schon im Fortgehen waren, machte Graf Timascheff noch eine Bemerkung.

Kapitn, sagte er, ich glaube, es ist besser, ber den wahren Grund unseres Renkontres zu schweigen.

Ganz meine Meinung, antwortete Servadac.

Es wird kein Name genannt!

Keiner.

Nun, aber der Vorwand?

Der Vorwand ...? Nun, sagen wir eine musikalische Diskussion, wenn das Ihnen recht ist, Herr Graf.

Gewi, erwiderte Graf Timascheff; ich habe z.B. Wagners Partei genommen, das entsprche ganz meinen Anschauungen.

Und ich die Rossinis, das harmonierte mit den meinigen, entgegnete lchelnd Kapitn Servadac.

Nach diesen Worten grten sich der Stabsoffizier und Graf Timascheff noch einmal und gingen auseinander.

Die eben geschilderte, mit einer Herausforderung endende Szene spielte um die Mittagszeit am uersten Ende eines kleinen Kaps der algerischen Kste zwischen Tenez und Mostagenem, etwa drei Kilometer von der Mndung des Cheliff. Jenes Kap erhob sich gegen zwanzig Meter aus dem Meere; an seinem Fue erstarben die blauen Wellen des Mittelmeeres und leckten an den von Eisenoxyd gerteten Felsen des Ufers. Die Sonne, deren schrge Strahlen sonst an jedem vorspringenden Punkt der Kste sich flimmernd widerspiegelten, war jetzt hinter einem dichten Wolkenschleier verborgen. Ein undurchdringlicher Nebel lagerte ber Land und Meer. Unerklrlicherweise hllten diese Nebelmassen schon seit lnger als zwei Monaten die ganze Erdkugel ein und legten der Kommunikation zwischen den verschiedenen Erdteilen recht empfindliche Hindernisse in den Weg. Indes, hiergegen war nichts zu tun.

Als Graf Wassili Timascheff den Stabsoffizier verlie, lenkte er seine Schritte nach einem Boote mit vier Ruderern, das ihn in einer der kleinen Buchten des Ufers erwartete. Sobald er darin Platz genommen, stie das leichte Fahrzeug ab und legte an einer Golette an, welche in der Entfernung weniger Kabellngen verankert lag.

Kapitn Servadac rief durch einen kurzen Pfiff einen Soldaten herbei, der gegen zwanzig Schritte hinter ihm gewartet hatte. Schweigend fhrte der Soldat ein prchtiges arabisches Pferd heran. Der Kapitn sprang gewandt in den Sattel und wandte sich von seiner ebenso gut berittenen Ordonanz begleitet auf Mostagenem zu.

Es war Mittag, als die beiden Reiter den Cheliff auf der erst unlngst von den Genietruppen geschlagenen Brcke passierten, und genau 1-3/4 Uhr, als ihre schaumbedeckten Rosse durch das Tor von Maskara strmten, eine der fnf Pforten, welche die krenelierte Umfassungsmauer der Stadt entfalten.

Jenerzeit zhlte Mostagenem ziemlich 15000 Einwohner, darunter gegen 3000 Franzosen. Es bildete von jeher eine wichtige Arrondissements-Hauptstadt der Provinz Oran und war nicht minder von Bedeutung in militrischer Hinsicht. Hier fabrizierte man noch verschiedene Nahrungsmittel fr das Ausland neben kostbaren Geweben, zierlichen Mattengeflechten und Artikeln aus Maroquin. Der Export nach Frankreich lieferte Getreide, Baumwolle, Wolle, Tiere, Feigen und Weintrauben. Zur Zeit, in der unsere Erzhlung spielt, htte man aber vergeblich den alten Ankerplatz gesucht, auf dem sich ehedem die Schiffe vor den gefhrlichen West- und Nordwestwinden nicht zu halten vermochten. Mostagenem besa jetzt einen wohlgeschtzten Hafen, welcher der Verwertung der reichen Produkte der Mina und des unteren Cheliff ungemein frderlich war.

Dank diesem sicheren Zufluchtsorte konnte es die Golette Dobryna wagen, an einer Kste zu berwintern, welche sonst fast nirgends einen Schutz gewhrte. Hier flatterte schon seit zwei Monaten an ihrer Gaffel die russische Flagge und am Top des Gromastes der Wimpel der Yacht Club de France mit dem unterscheidenden Zeichen: M.C.W.T.

Kapitn Servadac eilte, sobald er in die Stadt kam, nach dem Militrquartier von Matmore. Dort begegnete er einem Offizier vom 2. Tirailleur- und einem Kapitn vom 8. Artillerie-Regimente - zwei Kameraden, auf welche er sich verlassen konnte.

Mit groem Ernste vernahmen die beiden Offiziere das Verlangen Hector Servadacs, ihm bei dem bevorstehenden Ehrenhandel als Zeugen zu dienen; aber sie lchelten, als ihr Freund ihnen als wirkliche Ursache dieses Zweikampfes eine musikalische Diskussion angab, die zwischen ihm und Graf Timascheff stattgefunden habe.

Vielleicht liee sich das beilegen? uerte der Kommandant der Tirailleure.

Das darf selbst nicht versucht werden, entgegnete Hector Servadac schnell.

Einige unwesentliche Zugestndnisse ... fuhr der Artillerie-Kapitn fort.

Zwischen Wagner und Rossini ist keine Annherung mglich, erwiderte ernsthaft der Stabsoffizier. Beide sind Originale. brigens ist Rossini in diesem Falle der Beleidigte. Dieser Narr, der Wagner, hat ber Rossini verschiedene Albernheiten geschrieben; ich will Rossini rchen.

Im schlimmsten Falle, meinte der Kommandant, ist ein Degenhieb nicht allemal tdlich.

Vorzglich, wenn man, wie ich, entschlossen ist, einen solchen gar nicht zu erhalten, besttigte Hector Servadac.

Nach dieser Antwort hatten die beiden Offiziere nichts anderes zu tun, als sich nach dem Generalstabsgebude zu begeben, woselbst sie, genau um zwei Uhr, die Sekundanten Graf Timascheffs treffen sollten.

Es sei hier die Bemerkung eingeschoben, da der Kommandant der Tirailleure und der Kapitn der Artillerie sich von ihrem Kameraden keineswegs hatten dpieren lassen. Doch, was war in Wirklichkeit der Grund, der ihm die Waffen in die Hand drckte? Sie ahnten ihn vielleicht, hatten aber nichts Besseres zu tun, als jenen Vorwand gelten zu lassen, den er Kapitn Servadac gefallen hatte, ihnen mitzuteilen.

Zwei Stunden spter waren sie zurck, nachdem sie die Zeugen des Grafen getroffen und mit ihnen die Einzelheiten des Duells verabredet hatten. Graf Timascheff, Adjutant des Kaisers von Ruland, wie so viele Russen, welche sich im Auslande aufhalten, hatte sich fr den Degen, die Waffe des Soldaten, entschieden. Beide Gegner sollten sich nchsten Tages, am 1. Januar morgens neun Uhr, an einer drei Kilometer von der Mndung des Cheliff entfernten Stelle treffen.

Also morgen, mit soldatischer Pnktlichkeit, versicherte Hector Servadac.

Krftig drckten die beiden Offiziere die Hand ihres Freundes und begaben sich nach dem Caf Zulma, um dort ihre gewohnte Partie Piquet zu spielen.

Kapitn Servadac dagegen drehte wieder um und verlie eiligst die Stadt.

Seit etwa vierzehn Tagen befand sich Hector Servadac nicht in seiner gewhnlichen Wohnung in dem Waffenplatze. Betraut mit einer topographischen Aufnahme, hauste er jetzt in einem Gourbi (arabische Htte) an der Kste von Mostagenem, etwa acht Kilometer vom Cheliff, wo ihm nur seine gewhnliche Ordonnanz Gesellschaft leistete. Es war daselbst nicht gar zu reizend und jeder andere, als der Kapitn des Generalstabes, wrde sein Exil auf diesem abscheulichen Posten mehr fr eine Strafe angesehen haben.

Er machte sich also in der Richtung nach seinem Gourbi auf den Weg und qulte sich mit einigen Reimen ab, die er sich Mhe gab, in die etwas veraltete Form eines Rondeaus einzufgen. Dieses beabsichtigte Rondeau - es ist ja unntz, es verheimlichen zu wollen - war fr eine junge Witwe bestimmt, die er heimzufhren gedachte; jetzt suchte er ihr dichterisch zu beweisen, da, wenn man in seiner Lage sei, eine der hchsten Achtung wrdige Person zu lieben, dieses auf die einfachste Weise von der Welt geschehen msse. Ob diese Aphorisme viel Wahrheit enthalte oder nicht, darber grmte sich Kapitn Servadac nicht im mindesten; er reimte eben, um Verse zu machen.

Ja, ja! murmelte er, whrend die Ordonnanz schweigsam an seiner Seite dahintrottete,ein tiefgefhltes Rondeau verfehlt nie seinen Zweck. Sie sind rar, diese Rondeaus, hier an der Kste Algiers, und das meinige wird deshalb hoffentlich eine desto bessere Aufnahme finden!

Und der Dichter-Kapitn begann folgendermaen:

Bei Gott! Wenn innig liebt der Mann,
ist es voll Einfachheit...

Jawohl! Einfach, d.h. ehrlich, sowohl dem winkenden Ehebunde, als auch mir gegenber, der so zu Ihnen spricht... Ja, zum Teufel, das reimt sich aber nicht! Die fatalen Reime auf 'an' sind doch recht unbequem. Eine sonderbare Idee, da ich mein Rondeau gerade so anfangen mute. He! Ben-Zouf!

Ben-Zouf war die Ordonnanz des Kapitn Servadac.

Herr Kapitn, erwiderte Ben-Zouf.

Hast du wohl manchmal Verse gemacht?

Nein, Herr Kapitn, aber ich habe welche machen sehen.

Von wem?

Nun, in der Bude einer Hellseherin, eines Abends, bei einem Feste auf dem Montmartre.

Und hast du sie wohl noch im Kopfe?

Gewi, hren Sie, Herr Kapitn:

Herein! Das hchste Glck hier blht,
es reut keinen, der's probiert.
Denn die ihr liebt, hier jeder sieht,
und die geliebt er wird!

Mordio, deine Verse sind aber abscheulich!

Das kommt daher, weil ihnen die Begleitung einer Flte fehlt, mein Kapitn! Sonst wren sie gewi so gut wie viele andere.

Schweig still, Ben-Zouf! rief Hector Servadac. Schweig still. Jetzt finde ich eben den dritten und vierten Reim!

Bei Gott! Wenn innig liebt der Mann
ist's voller Einfachheit...
Vertrau dich mehr der Liebe an,
als selbst dem Eid!

Weiter vermochte den Kapitn Servadac aber nicht die grte poetische Anstrengung vorwrts zu bringen, und als er gegen sechs Uhr seinen Gourbi erreichte, stand er noch immer bei seinem ersten Quatrain.

Zweites Kapitel

In welchem Kapitn Servadac und seine Ordonnanz Ben-Zouf krperlich und geistig fotografiert werden.

In der Offiziersliste des Kriegsministeriums fr jenes Jahr, von dem wir sprechen, konnte man lesen:

Servadac (Hector), geb. am 19. Juli 18.. in St. Trelody, Kanton und Arrondissement Lespare, Department der Gironde.

Vermgensverhltnisse: 1200 Francs Rente.

Dienstzeit: 14 Jahre, 3 Monate, 5 Tage.

Spezialisierung des Dienstes und etwaiger Feldzge: Schule von St.-Cyr: 2 Jahre. Schule fr praktische Ausbildung: 2 Jahre. Beim 87. Linienregimente: 2 Jahre. Beim 3. Jgerregimente: 2 Jahre. In Algier: 7 Jahre. Feldzug in Sudan. Feldzug in Japan.

Rang: Kapitn des Generalstabes in Mostagenem.

Dekorationen: Ritter der Ehrenlegion am 13. Mrz 18..

Hector Servadac zhlte dreiig Jahre. Eine Waise, ohne Familie, fast ohne Vermgen, ehrgeizig, etwas Tollkopf, voll Mutterwitz; immer bereit zum Angriff wie zur schlagenden Verteidigung, edelmtig, tapfer, offenbar ein Schtzling des Gottes der Schlachten, dem er freilich manche Angst machte, fr einen Sprling seiner Heimat nicht gerade ein Schwtzer, zwanzig Monate genhrt von einer krftigen Winzerin, ein leibhaftiger Abkmmling jener Helden, welche zur Zeit der kriegerischen Grotaten blhten - das war, nach geistiger Seite, unser Kapitn Servadac, einer jener liebenswrdigen Leutchen, welche die Natur schon zu Auerordentlichem bestimmt zu haben scheint, und an deren Wiege die Fee der Abenteuer und die des glcklichen Erfolges Patenstelle vertraten.

uerlich reprsentierte Hector Servadac einen hbschen Offizier: 5 Fu 6 Zoll gro, schlank und grazis, natrliche dunkle Locken, schne Hnde und proportionierte Fe, wohlgepflegter Schnurrbart, blaue Augen mit offenem Blicke, mit einem Worte, geschaffen zu gefallen, und gefallend, ohne sich darauf besonders etwas einzubilden.

Wir mssen zugeben, da Hector Servadac, der es brigens offen eingestand, nicht klger war, als eben notwendig. Wir treiben keine Torheiten, sagen gern die Offiziere der Artillerie. Bei Hector Servadac war das nicht der Fall. Zu mancher Tollheit aufgelegt, war er von Natur Flaneur und schreckenerregender Poet; bei seiner leichten Auffassungsgabe und der Gewandtheit, sich alles ohne Anstrengung zu assimilieren, hatte er seine Vorschule doch mit so gutem Erfolge absolviert, da er in den Generalstab Eintritt fand. Er zeichnete ziemlich gut, sa bewunderungswrdig zu Pferde, ja selbst der sonst unbertroffene Springer der Manege von St.-Cyr, der Nachfolger des weitberhmten Onkel Tom, hatte in ihm seinen Meister gefunden. Seine Dienstzeugnisse meldeten, da er mehrmals in den Tagesbefehlen erwhnt worden war - jedenfalls nur ein Akt der Gerechtigkeit.

Man erzhlte sich folgenden Zug von ihm:

In einem Laufgraben fhrte er einmal eine Abteilung Jger zu Fu. An einer Stelle hatte die von Geschossen durchwhlte Schulterwehr vor dem Graben nachgegeben und bot den Soldaten keine hinreichende Deckung mehr gegen den Kugelregen. Jene zauderten, vorber zu marschieren. Da stieg Kapitn Servadac aus dem Graben herauf und legte sich quer vor die Bresche, welche er gerade mit seinem Leibe ausfllte.

Nun, marsch vorber! kommandierte er.

Die Kompanie zog inmitten des heftigen Gewehrfeuers vorbei; der mutige Stabsoffizier blieb unverletzt.

Seit seinem Austritt aus der Schule fr praktische Ausbildung diente Hector Servadac, mit Ausnahme der beiden Feldzge in Sudan und Japan, ununterbrochen in Algier. Zur Zeit funktionierte er als Offizier beim Stabe der Subdivision von Mostagenem. Vertraut mit mehreren topographischen Aufnahmen der Kstenstrecke zwischen Tenez und der Mndung des Cheliff, bewohnte er den erwhnten Gourbi, der ihm wohl oder bel Obdach gewhrte. Er war indes nicht der Mann, sich wegen Kleinigkeiten graue Haare wachsen zu lassen. Er liebte es, in der freien Gottesluft und derjenigen Freiheit zu leben, die einem Offizier eben nachgelassen ist. Bald mhte er sich zu Fu durch den Sand der flachen Ufer, bald strich er zu Pferde ber andere Kstenstrecken, jedenfalls beeilte er sich aber nicht ber die Maen mit der ihm zugeteilten Arbeit.

Dieses so gut wie unabhngige Leben sagte ihm besonders zu. Dazu nahm ihn seine Beschftigung nicht so unausgesetzt in Anspruch, da es ihm nicht mglich geworden wre, wchentlich zwei- oder dreimal die Eisenbahn zu bentzen, um entweder zu den Empfangsabenden des Generals in Oran oder bei den Festlichkeiten des Gouverneurs in Algier zu erscheinen.

Bei einer solchen Veranlassung sah er zum ersten Male auch Madame L..., der jenes prchtige Rondeau, von welchem freilich nur die ersten vier Zeilen das Licht der Welt erblickt hatten, gewidmet werden sollte. Jene junge, schne, sehr zurckhaltende, ja vielleicht etwas hochmtig stolze Frau, die Witwe eines Obersten, bemerkte die ihr dargebrachten Huldigungen entweder wirklich nicht oder wollte sie nicht beachten. Auch Kapitn Servadac hatte sich noch zu keiner Erklrung ermutigt gefhlt, trotz seiner Kenntnis mehrerer Rivalen, zu denen, wie der Leser nun wohl erriet, auch jener Graf Timascheff gehrte. Eben diese Wettbewerbung hatte den beiden Gegnern jetzt, ohne da die junge Frau davon das geringste ahnte, die Waffen in die Hnde gegeben. Wie uns bekannt, war ihr Name bei dieser Affre auch vllig auer dem Spiele geblieben.

Mit Hector Servadac hauste in dem Gourbi dessen Ordonnanz, Ben-Zouf.

Dieser Ben-Zouf war dem Offizier, bei dem er die Ehre hatte, als Bursche zu dienen, mit Leib und Seele ergeben. Zwischen der Stellung eines Adjutanten beim Generalgouverneur von Algier und der einer Ordonnanz bei Kapitn Servadac wre ihm die Wahl nie schwer geworden. Wenn er aber in bezug auf seine Person jedes Ehrgeizes ermangelte, so war das doch ganz anders bezglich seines Offiziers, und jeden Morgen unterwarf er die Uniform seines Herrn der sorgsamsten, eingehendsten Musterung.

Sein Name Ben-Zouf knnte zu der Annahme verleiten, da dessen Trger ein Landesabkmmling aus Algier wre. Nicht im mindesten. Es war jenes nur ein Zuname. Warum nannte man den Burschen, der ursprnglich Laurent hie, aber Zouf? - Warum Ben, da er doch aus Paris und noch dazu vom Montmartre stammte? Das ist so eine jener Sprachanomalien, welche auch die gelehrtesten Etymologen niemals zu ergrnden vermgen.

Ben-Zouf entspro nun nicht allein dem Quartier Montmartre, sondern speziell dem berhmten Erdhgel dieses Namens, da er seinerzeit zwischen dem Solferinoturm und der Galette-Mhle das Licht der Welt erblickte. Hatte man aber das Glck, unter solchen exzeptionellen Verhltnissen geboren zu werden, so erscheint eine rckhaltlose Bewunderung seines Geburtshgels, neben dem in der Welt nichts Groartiges existiert, nur zu natrlich. Auch in den Augen des Offiziersburschen galt der Montmartre als der einzige ernsthafte Berg in der Welt, und das Quartier dieses Namens setzte sich fr seine Anschauung aus allen Weltwundern zusammen. Ben-Zouf war auch gereist. Hrte man ihn reden, so hatte er in jedem beliebigen Lande nur lauter Montmartres gesehen, die vielleicht etwas hher sein mochten, aber jedenfalls minder pittoresk waren, als sein Berg in der Heimat. Besitzt der Montmartre nicht tatschlich eine Kirche, die der Kathedrale von Burgos die Wage hlt? Nicht Marmorbrche, die denen des Penthelikon nicht nachgeben? Eine Wasserflche, welche das Mittelmeer zur Eifersucht reizt? Eine Mhle, welche nicht nur gemeinsames Mehl, sondern auch die weitberhmten Brotkuchen liefert? Den Solferinoturm, der wahrhaftig gerader steht, als jener Turm in Pisa? Einen Rest von Wldern, die beim Einfalle der Kelten gewi noch jungfruliche Wlder zu nennen waren? Und endlich einen Berg, ja, einen wirklichen, leibhaftigen Berg, den nur Neid und Migunst durch den entehrenden Namen Erdhaufen zu erniedrigen versuchen konnten? Ben-Zouf htte sich eher in Stcke hacken lassen, ehe er zugegeben htte, da dieser Berg nicht 5000 Meter hoch wre.

Wo auf dem weiten Erdboden knnte man so viele Wunder auf einen einzigen Punkt vereinigt wiederfinden?

Nirgends, nirgends! behauptete Ben-Zouf gegenber jedem, der seine Ansichten etwas bertrieben fand.

Bei dieser gewi unschuldigen Manie beherrschte Ben-Zouf nur eine Sehnsucht, einmal nach dem Montmartre zurckzukehren, um seine Tage auf dem Erdhgel zu schlieen, auf dem sie einst einmal begonnen hatten - natrlich mit seinem Kapitn, das verstand sich von selbst. Auch Hector Servadacs Ohren hallten unausgesetzt wider von den unvergleichlichen Wundern des XVIII. Arrondissements von Paris und wurden ihm allmhlich zu Schrecken.

Indes, Ben-Zouf zweifelte niemals an der endlichen Bekehrung seines Herrn und beharrte bei dem Entschlusse, jenen nun und nimmer zu verlassen. Seine Dienstzeit war abgelaufen. Er hatte schon zweimal den Abschied erhalten und wollte im Alter von achtundzwanzig Jahren den Dienst verlassen, ein einfacher berittener Jger erster Klasse vom 8. Regiment, als er zur Ordonnanz Hector Servadacs erhoben wurde. Er zog mit seinem Herrn ins Feld. Er schlug sich mehrmals an seiner Seite, und zwar mit solcher Auszeichnung, da ihm ein Kreuz verliehen werden sollte; er schlug das aber aus, um als Ordonnanz bei seinem Kapitn bleiben zu knnen. Rettete Hector Servadac in Japan einst Ben-Zouf das Leben, so vergalt ihm Ben-Zouf diesen Liebesdienst in dem Feldzuge von Sudan. Das sind Sachen, welche sich nun und nimmermehr vergessen lassen.

Kurz, das ist der Grund, weshalb Ben-Zouf dem Dienste bei seinem Stabsoffizier zwei durch und durch gehrtete Arme widmete; eine durch alle Klimate erprobte Gesundheit von Eisen; eine physische Kraft, die ihm gewi das Prdikat das Bollwerk des Montmartre erworben htte, und endlich ein Herz, das alles wagte, und eine Ergebenheit, die alles ausfhrte.

Hier sei auch erwhnt, da, wenn Ben-Zouf auch nicht fr einen Dichter, wie sein Herr, gelten konnte, er doch eine lebendige Enzyklopdie darstellte, eine unerschpfliche Buchsammlung aller unsinnigen Redensarten und aller Possenstreiche des Soldatenhandwerks. Nach dieser Seite besiegte er leicht jedermann, da sein wunderbares Gedchtnis ihm die Witze und Spottreden gleich dutzendweise lieferte.

Kapitn Servadac kannte den Wert seines Mannes. Er schtzte ihn und sah seiner Montmartre-Manie durch die Finger, da sie der ungetrbte Humor der Ordonnanz meist ertrglicher erscheinen lie; bei Gelegenheit wute er ihm auch Sachen zu sagen, die den Diener nur noch unlsbarer an den Herrn zu fesseln pflegen.

Eines Tages, als Ben-Zouf so recht gemtlich im Sattel sa und sein Steckenpferd weidlich im XVIII. Arrondissement herumtummelte, begann der Kapitn: Weit du wohl, Ben-Zouf, wenn der Montmartre nur 4705 Meter hher wre, da er dann sogar den Montblanc erreichte?

Bei dieser Bemerkung schossen des ehrlichen Burschen Augen zwei Blitze der innigsten Befriedigung, und von dem Tage ab verschmolzen der heimatliche Erdhgel und der Kapitn in seinem Herzen zu einer anbetungswrdigen Vorstellung.

Drittes Kapitel

Worin man sieht, wie die dichterische Begeisterung Kapitn Servadacs durch einen fatalen Sto unterbrochen wird.

Ein Gourbi ist nichts anderes als eine aus Rststangen erbaute und mit Stroh, das die Eingeborenen Dri nennen, gedeckte Htte. Etwas mehr als ein arabisches Zelt, bleibt eine solche Wohnung doch weit hinter einem Haus aus Bruch- oder Backsteinen zurck.

Der von Kapitn Servadac bewohnte Gourbi bestand alles in allem aus einem einzigen Zimmer, das seinen Gsten kaum den notdrftigsten Raum gewhrt htte, wenn er nicht mit einem verlassenen, aus Sternen errichteten Wachthause zusammengehangen htte, das Ben-Zouf und die beiden Pferde beherbergte. Frher diente dieses Wachthaus einer Genieabteilung und enthielt noch einige Werkzeuge wie Hacken, xte, Schaufeln, usw.

Von Komfort konnte in dem Gourbi natrlich keine Rede sein, er bildete ja auch nur einen provisorischen Zufluchtsort. In bezug auf Nahrung und Wohnung waren brigens weder der Kapitn noch seine Ordonnanz besonders whlerisch.

Mit ein wenig Philosophie und einem guten Magen ist man berall gut aufgehoben, wiederholte Hector Servadac gern.

Mit der Philosophie stand's bei ihm aber wie mit dem Geld beim Gaskogner, der immer etwas in der Brse hat, und was den Magen betraf, so htte das ganze Wasser der Garonne durch den des Kapitns laufen knnen, ohne ihn nur einen Augenblick zu belstigen.

Ben-Zouf, wenn wir einmal die Metempsychose gelten lassen, mute in seinem frheren Leben ein Strau gewesen sein, von dem er sich noch jene phnomenalen Eingeweide bewahrt hatte, welche Kieselsteine ebenso leicht verdauen wie Hhnerpastete.

Die beiden Einsiedler in dem Gourbi waren brigens mit Vorrten fr einen Monat wohlversorgt; eine Zisterne lieferte ihnen Trinkwasser im berflu, die Dachsparren des Stalles strotzten voll Futter, und dazu konnte die beraus fruchtbare Ebene zwischen Tenez und Mostagenem mit den reichen Gegenden der Mitidja wetteifern. Das Wild war hier nicht gar so selten, und einem Offizier des Stabes ist es niemals verboten, bei seinen Streifzgen eine Jagdflinte mitzufhren, wenn er nur seine Winkelmainstrumente und das Zeichenbrett nicht vergit.

Als Kapitn Servadac nach dem Gourbi zurckgekehrt war, a er mit einem Appetite, den die Promenade fast zum Heihunger ausgebildet hatte. Ben-Zouf verstand sich ausgezeichnet auf die Verwaltung der Kche. Aus seiner Hand konnten geschmacklose Gerichte gar nicht hervorgehen. Er salzte und wrzte und pfefferte militrisch. Aber, wie gesagt, er sorgte auch fr zwei Magen, welche der schrfsten Gewrze spotteten und ber die die Gastralgie keine Herrschaft hatte.

Nach dem Essen und whrend seine Ordonnanz die Reste der Mahlzeit sorgfltig in seinem Unterleibsschranke unterzubringen suchte, verlie Kapitn Servadac den Gourbi, um frische Luft zu schpfen, und promenierte rauchend am Rande der Kste.

Die Nacht sank herab. Schon seit einer Stunde war die Sonne verschwunden hinter den dichten Wolken und unter dem Horizonte, den die Ebene in der Richtung nach dem Cheliff zu scharf abgrenzte. Der Himmel bot einen eigentmlichen Anblick, den kein Beobachter kosmischer Erscheinungen ohne Erstaunen wahrgenommen htte. Gegen Norden nmlich, wo es schon so dunkel war, da sich der Gesichtskreis etwa bis auf einen halben Kilometer einengte, zitterte ein rtlicher Lichtschein auf den oberen Dunstschichten der Atmosphre. Man entdeckte weder regelmige Streifen, noch eine deutliche Lichtstrahlung von einem gemeinsamen Mittelpunkte aus. Nichts lie also etwa ein Nordlicht vermuten, dessen prchtige Erscheinung brigens fast ausschlielich nur unter dem Himmel hherer Breitengrade sichtbar wird. Ein Meteorolog wre also gewi in Verlegenheit gekommen, zu sagen, von welchem Phnomen diese herrliche Beleuchtung der letzten Nacht des Jahres herrhrte.

Kapitn Servadac war aber kein Meteorolog vom Fach. Man darf annehmen, da er seit dem Verlassen der Schule seine Nase wohl niemals wieder in das Lehrbuch der Kosmographie gesteckt hatte. Gerade diesen Abend war er auch keineswegs in der Stimmung, die Himmelskugel mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten. Er flanierte und rauchte. Dachte er vielleicht allein an das Rencontre, das ihn morgen frh mit Graf Timascheff zusammenfhren sollte? Wenn ein solcher Gedanke manchmal sein Hirn durchkreuzte, so geschah es gewi nicht, um ihn mehr als ntig gegen den Grafen einzunehmen. Die beiden Gegner fhlten in der Tat keinen Ha gegeneinander, trotzdem sie Rivalen waren. Es handelte sich hierbei ja nur darum, einer Situation ein Ende zu machen, bei der einer von zweien allemal zuviel ist. Hector Servadac hielt Graf Timascheff gewi fr einen Ehrenmann, und der Graf seinerseits konnte fr den Offizier nur die hchste Achtung haben.

Um acht Uhr abends kehrte Kapitn Servadac zurck in das einzige Zimmer des Gourbi, das neben seinem Feldbette einen kleinen Arbeitstisch auf Stellhlzern und einige Koffer enthielt, die den Dienst von Schrnken verrichteten. Die ntigen Kchenarbeiten besorgte die Ordonnanz nicht in dem Gourbi, sondern in dem benachbarten Wachthause, und dort schlief der brave Bursche auch, wie er sagte, den Schlaf des Gerechten! Das hinderte ihn aber nicht, volle zwlf Stunden zu schlafen, und auch darber hinaus wre er noch eine Wette mit einem Murmeltiere eingegangen.

Kapitn Servadac, der gar nicht solche Eile hatte, zu schlummern, setzte sich an den mit seinen Instrumenten bedeckten Tisch. Mechanisch ergriff er mit der einen Hand den roten und blauen Stift und mit der anderen den Reduktionszirkel. Dann begann er auf dem Pauspapier vor sich verschieden gefrbte ungleiche Linien zu ziehen, welche einer strengen topographischen Aufnahme nicht im geringsten hnlich sahen.

Unterdessen wartete Ben-Zouf, der noch keinen Befehl erhalten hatte, sich schlafen zu legen, in einer Ecke, und versuchte zu schlafen, was ihm nur die sonderbare Aufgeregtheit seines Kapitns sehr erschwerte.

In der Tat hatte nicht der Stabsoffizier, sondern der gaskognesche Poet an dem Arbeitstische Platz genommen. Ja? Hector Servadac qulte sich auf die beste Art und Weise. Er bearbeitete mit aller Kraft dieses Rondeau, das sich so ungeheuer bitten lie. Focht er wohl mit dem Zirkel, um seinen Versen eine genaue mathematische Form zu sichern? Verwandte er einen mehrfarbigen Stift, um den rebellischen Reimen mehr Abwechslung zu geben? Fast htte man das glauben knnen. Doch, wie dem auch sei, es war eine sauere Arbeit.

Ei, zum Kuckuck! rief er, was mute ich auch diese Form eines Quatrain whlen, die mich zwingt, die Reime, wie die Flchtlinge in einer Schlacht, immer wieder vorzufhren? Aber bei allen Teufeln, ich werde kmpfen! Man soll nicht sagen, da ein franzsischer Offizier vor einigen Reimen Reiaus genommen htte. Ein einzelner Vers, der gleicht etwa einem Bataillon! Die erste Kompanie hat schon Feuer gegeben! - Er wollte sagen, das erste Quatrain. - Nun, vorwrts die anderen!

Die bis aufs Messer verfolgten Reime schienen endlich zu gehorchen, denn bald entstand eine rote und eine blaue Linie auf dem Papier:

Was ntzt das schne Reden all,
das sich Vertrauen stiehlt!...

Was Teufel qult sich nur mein Kapitn? fragte sich Ben-Zouf, der sich hin- und herdrehte. Da ficht er nun schon eine Stunde herum, wie ein Gelbschnabel, der vom halbjhrigen Urlaub zurckkehrt.

Hector Servadac durchma den Gourbi, eine willenlose Beute seiner dichterischen Begeisterung:

Wenn bei der leeren Worte Schwall
das Herz nichts fhlt?

Es steht fest, er macht Verse, sagte sich Ben-Zouf, indem er sich in seine Ecke zurckzog. Ja, das ist ein geruschvolles Geschft, da ist nicht an schlafen zu denken. Er lie ein dumpfes Knurren hren.

He, Ben-Zouf, was hast du denn? fragte Hector Servadac.

Nichts, mein Kapitn, mich drckt nur der Alp!

Der Teufel soll dich holen!

Wre mir schon recht, und zwar gleich auf der Stelle, murmelte Ben-Zouf, vorzglich wenn der Gottseibeiuns keine Verse macht!

Dieser Esel hat mich im schnsten Flu unterbrochen! wetterte der Kapitn. Ben-Zouf!

Hier, Herr Kapitn! versetzte die Ordonnanz und erhob sich, die eine Hand an der Mtze, die andere an der Hosennaht.

Muckse nicht, Ben-Zouf! Muckse nicht, ich bin eben bei der glcklichen Vollendung meines Rondeau!

Und mit begeisterter Stimme und den Gestikulationen eines groen Poeten fgte Hector Servadac hinzu:

Oh, glaub mir, meine Lieb' ist echt,
ich ruf dir's ehrlich zu,
da ich dich liebe hei und recht.
Und fr...

Das letzte Wort war noch nicht gesprochen, als Kapitn Servadac und Ben-Zouf mit unerhrter Gewalt zu Boden geworfen wurden.

Viertes Kapitel

Welches dem Leser Gelegenheit gibt, die Ausrufungs- und Fragezeichen beliebig zu vermehren.

Wie kam es, da der Horizont sich eben jetzt so auffallend und pltzlich verndert hatte, da auch das gebte Auge eines Seemanns die Kreislinie nicht htte erkennen knnen, in der sonst Himmel und Wasser verschmolzen? Warum trmte das Meer jetzt seine Wogen auf eine Hhe empor, welche die Gelehrten bis dahin nie fr mglich gehalten htten?

Auf welche Weise entstand bei dem Krachen des zerreienden Bodens ein solcher Hllenlrm mit den verschiedensten Geruschen, mit dem Knirschen der gewaltsamen Verschiebung der Rippen der Erdkugel, mit dem Rauschen des bis dahin auf ungeahnte Tiefen aufgewhlten Wassers, mit dem Pfeifen der Luftmassen, die in eine Zyklone hereingerissen schienen?

Woher dieser auergewhnliche Glanz am Himmel, der die Strahlung eines Nordlichtes bei weitem bertraf, ein Glanz, der das ganze Firmament einnahm und vorbergehend die Sterne jeder Gre verlschte?

Wie kam es, da das fr einen Augenblick scheinbar entleerte Mittelmeer sich ebenso pltzlich wieder mit entsetzlich wild emprten Wogen fllte?

Warum schien die Scheibe des Mondes sich unverhltnismig zu vergrern, als habe das Gestirn der Nacht sich der Erde in wenig Sekunden von 48000 Meilen auf 5000 Meilen genhert?

Woher erschien das neue, ungeheure, flammende Sphroid am Firmamente, das sich bald hinter der dichten Wolkenschicht verlor?

Welch auerordentliche Erscheinung lag berhaupt dieser Umwlzung zugrunde, welche die Tiefen der Erde, des Meeres, den Himmel und den ganzen Weltraum erschtterte?

Wer htte es sagen knnen?

War auf der Erdkugel denn noch ein Bewohner brig, um auf diese Fragen zu antworten?

Fnftes Kapitel

In welchem von der Abnderung einiger physikalischer Gesetze die Rede ist, ohne da man den Grund dafr anzugeben wei.

Alles in allem schien mit dem algerischen Kstenstriche, der im Westen durch das rechte Ufer des Cheliff und im Norden durch das Mittelmeer begrenzt ist, keine Vernderung vor sich gegangen zu sein. Trotz des frchterlichen Stoes zeigte sich weder an dieser fruchtbaren, nur hier und da etwas wellenfrmigen Ebene, noch an der unregelmigen Uferlinie etwas besonders Aufflliges in der ueren Erscheinung. Auch das steinerne Wachthaus hatte bei seiner festen Verbindung der einzelnen Mauerteile hinreichend Widerstand geleistet, der Gourbi freilich lag platt auf dem Boden wie ein Kartenhaus, das ein Kind umblies, und seine beiden Bewohner waren unter den mit dem Strohdach bedeckten Trmmern vergraben.

Erst zwei Stunden nach der Katastrophe kam Kapitn Servadac wieder zu sich. Er hatte natrlich einige Mhe, seine Gedanken zu sammeln, die ersten Worte aber, welche ber seine Lippen kamen - wen knnte das wundernehmen - waren die letzten Silben des berhmten Rondeaus, bei denen er auf eine so ungewhnliche Weise gestrt worden war:

... hei und recht,
und fr...

Erst nach diesen fragte er sich: Was zum Teufel ist denn geschehen?

Die Antwort auf diese an sich selbst gerichtete Frage fiel ihm freilich schwer. Er bohrte mit den Armen nach oben; es gelang ihm, die Strohdecke zu durchbrechen und den Kopf durch das zusammengestrzte Dach zu drngen.

Kapitn Servadac sah sich verwundert um.

Der Gourbi umgeworfen! sagte er. Da wird eine Trombe ber die Kste gestrmt sein!

Er schwieg. Er fhlte keine Verrenkung, berhaupt keine Wunde.

Mordio, und mein Bursche?

Er arbeitete sich in die Hhe und rief:

Ben-Zouf!

Bei der Stimme des Kapitns whlte sich ein zweiter Kopf durch das Strohdach.

Hier! antwortete Ben-Zouf.

Es schien, als habe die Ordonnanz nur auf den Appell gewartet, um auf Soldatenart anzutreten.

Hast du eine Idee davon, was vorgefallen ist, Ben-Zouf? fragte Hector Servadac.

Mir sieht es aus, mein Kapitn, als wren wir nahe an der letzten Parade gewesen.

Ei was, eine Trombe war es, Ben-Zouf, eine einfache Trombe.

Nun, meinetwegen eine Trombe! erwiderte philosophisch die Ordonnanz. Nichts Wichtiges gebrochen, Herr Kapitn?

Nichts, Ben-Zouf.

Bald waren beide auf den Fen; sie rumten den Trmmerhaufen des Gourbi zusammen und fanden die Instrumente, Werkzeuge, Waffen und alles brige so ziemlich intakt wieder. Jetzt fragte der Stabsoffizier:

Um wieviel Uhr mag es wohl sein?

Mindestens um acht Uhr, erwiderte Ben-Zouf, indem er die Sonne betrachtete, welche schon ziemlich hoch ber dem Horizonte stand.

Um acht Uhr?

Mindestens, Herr Kapitn.

Wre das mglich?

Ja, wir werden aufbrechen mssen.

Aufbrechen? Wohin?

Nun, nach unserem Rendezvous.

Welches Rendezvous?

Ei, das Renkontre mit dem Grafen ...

Mordio, rief der Kapitn, das htte ich fast vergessen!

Er zog seine Uhr.

Was sagst du, Ben-Zouf? Du bist ein Narr, es ist kaum zwei Uhr.


Zwei Uhr frh oder zwei Uhr Nachmittag?

Hector Servadac hielt die Uhr ans Ohr.

Sie geht, sagte er.

Und die Sonne auch, bemerkte die Ordonnanz.

Wahrhaftig, nach der Hhe ber dem Horizont zu urteilen ... ah, bei allen Weinbergen Medocs ...

Was ist Ihnen, Herr Kapitn?

Es mu ja um acht Uhr abends sein?

Abends?

Gewi, die Sonne steht im Westen, sie ist offenbar beim Niedergehen.

Im Untergehen, nein, nein, mein Kapitn, antwortete Ben-Zouf; sie steht jetzt auf, wie ein Konskribierter beim Morgenschlu. Da sehen Sie, whrend wir sprechen, ist sie schon hher gestiegen.

So geht die Sonne also jetzt im Westen auf, murmelte Servadac. Ach was, das ist ja unmglich!

Immerhin war die Tatsache nicht wegzuleugnen. Das Strahlengestirn stieg scheinbar ber den Wellen des Cheliff auf und beschrieb seinen Bogen ber dem westlichen Horizonte, den es frher erst nachmittags durchmessen hatte.

Hector Servadac sah nun wohl ein, da ein absolut unerhrtes und ebenso unerklrliches Ereignis, wenn auch nicht die Lage der Sonne in der siderischen Welt, so doch die Richtung der Erdrotation um ihre Achse verndert habe.

Es war zum Verstandverlieren. Konnte das Unmgliche zur Wahrheit werden? Htte Kapitn Servadac eines der Mitglieder des Lngenvermessungsbros bei der Hand gehabt, er wrde einige Aufklrung zu erlangen gesucht haben. Da er ganz auf sich allein angewiesen war, so trstete er sich mit den Worten:

Meiner Treu, die ganze Sache geht im Grunde nur die Astronomen an, ich werde ja in acht Tagen sehen, was sie in den Zeitungen darber verffentlichen.

Ohne sich noch unntig lange bei der Untersuchung des Grundes dieser seltsamen Erscheinung aufzuhalten, rief er nach seiner Ordonnanz.

Nun vorwrts! Was hier auch passiert ist und ob die ganze Erde und Himmelsmechanik in Unordnung geraten ist, jedenfalls mu ich der erste am Platze sein, um Graf Timascheff die Ehre zu erweisen ...

Ihm den Degen durch den Leib zu bohren, vervollstndigte Ben-Zouf den Satz.

Wren Hector Servadac und seine Ordonnanz besonders aufgelegt gewesen, auf die physischen Vernderungen zu achten, die in dieser Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar mit ihnen so pltzlich vorgegangen waren, nachdem sie doch die Modifikation in der scheinbaren Bewegung der Sonne konstatiert hatten, ihr Erstaunen wre sicher noch mehr gewachsen. Um zuerst von ihnen selbst zu sprechen, so fhlten sie sich etwas beengt, muten hufiger Atem holen, wie es den Bergsteigern zu ergehen pflegt, so als sei die umgebende Luft minder dicht und folglich auch minder reich an Sauerstoff; dazu erschien ihre Stimme sehr schwach. Entweder also waren sie ber Nacht halb taub geworden, oder sie muten annehmen, da die Luft pltzlich eine Verminderung ihrer Leitungsfhigkeit fr Schallwellen erfahren habe.

Diese physikalischen Vernderungen bekmmerten im gegenwrtigen Augenblicke aber weder Kapitn Servadac noch Ben-Zouf, und beide trabten auf den Cheliff zu, wobei sie dem Wege auf dem steilen Ufer folgten.

Auch das gestern noch sehr dunstige Wetter zeigte sich wesentlich verndert. Ein eigentmlich gefrbter Himmel, der sich schnell mit niedrigen Wolken bedeckte, versteckte bald die Sonne, so da das Auge ihren Lauf nicht mehr verfolgen konnte. Es drohte ein wahrer sintflutlicher Regen, wenn nicht ein gewaltiges Gewitter, doch gelangten diese Dunstmassen nicht zur Kondensation und schlugen sich also auch nicht nieder.

Zum ersten Male an dieser Kste schien das Meer ganz und gar verlassen. Kein Segel, keine Rauchsule war auf dem blulichen Wasser oder an dem grauen Himmel zu sehen. Der Horizont selbst - beruhte das nur auf optischer Tuschung - schien sich ungemein verengt zu haben, und zwar der ber dem Meere ebenso, wie der, welcher nach der anderen Seite die Ebene begrenzte. Die ungeheuren Fernsichten waren gleichsam verschwunden, so als ob die Konvexitt der Erdkugel sehr stark zugenommen habe.

Kapitn Servadac und Ben-Zouf gingen schnell dahin, ohne ein Wort zu wechseln, und muten bald die fnf Kilometer zurckgelegt haben, die den Gourbi von dem Platze des Stelldicheins trennten. Beide htten an diesem Morgen empfinden mssen, da sie physiologisch ganz anders organisiert waren. Ohne sich besondere Rechenschaft zu geben, fhlten sie sich krperlich so leicht, als ob sie Flgel an den Fen trgen. Die Ordonnanz mochte ihre Gedanken etwa dahin zusammengefat haben, da heute alles ferm und flott gehe.

Nicht zu vergessen, murmelte er, da wir heute nicht einmal eine ordentliche Ration zu uns genommen haben.

Es mu anerkannt werden, da ein derartiges Versehen bei dem braven Soldaten sonst nicht vorzukommen pflegte.

Da lie sich ein recht widerliches Gebell zur Linken des Fuweges hren. Fast gleichzeitig sprang ein Schakal aus einer dichten Gruppe Mastixbume. Das Tier gehrte einer besonderen Art der afrikanischen Fauna an, deren Fell regelmige schwarze Flecken und einen ebenso gefrbten Streifen an der Vorderseite der Beine hat.

Der Schakal kann gefhrlich werden, wenn er in der Nacht in Herden auf Raub auszieht. Einzeln ist er nicht mehr zu frchten als ein Hund. Ben-Zouf war gewi nicht der Mann, sich von jenem ngstigen zu lassen, aber Ben-Zouf liebte auch die Schakale nicht - wahrscheinlich weil sie nicht mit einer besonderen Art in der Fauna des Montmartre vertreten waren.

Von dem Dickicht aus lief das Tier auf einen Felsen zu, der mindestens zehn Meter Hhe haben mochte. Mit offenbarer Unruhe betrachtete es die beiden Wanderer. Ben-Zouf tat, als ob er auf dasselbe anlegte, auf welche drohende Haltung das Tier zum grten Erstaunen des Kapitns und seiner Ordonnanz mit einem einzigen Satz auf die Hhe des Felsens sprang.

Das nenn' ich einen Springer! rief Ben-Zouf, die Bestie schnellte sich mindestens dreiig Fu in die Hhe.

Wahrhaftig, antwortete Kapitn Servadac tiefsinnend, einen solchen Sprung hab' ich niemals fertiggebracht!

Der Schakal setzte sich auf dem Gipfel des Felsens nieder und stierte die beiden mit glotzenden Augen an. Ben-Zouf erhob einen Stein, um ihn zu vertreiben.

Der Stein war sehr gro und doch wog er in der Hand der Ordonnanz scheinbar nicht mehr als ein Stck Bimsstein.

Verdammter Schakal, sagte Ben-Zouf, dieser Stein schadet ihm auch nicht mehr als ein Ksekeulchen! Doch warum in aller Welt ist der so gro und doch so leicht?

Da er indes nichts anderes zur Hand hatte, schleuderte er genanntes Ksekeulchen mit aller Kraft fort.

Er traf den Schakal nicht. Jedenfalls gengten dem klugen Tiere aber Ben-Zoufs nichts Gutes verheiende Bewegungen, um sich aus dem Staube zu machen. Schnell verschwand er wieder hinter anderen Bumen und entfloh mit solchen riesigen Sprngen, wie man sie hchstens einem Knguruh aus Gummi elasticum zugetraut htte. Statt sein Ziel zu treffen, beschrieb der Stein einen sehr flachen Bogen zum grten Erstaunen Ben-Zoufs, der ihn etwa fnfhundert Schritt hinter dem Felsen niederfallen sah.

Vermaledeiter Beduine! rief er; aber warte, ich werfe nun blo noch mit vierpfndigen Kanonenkugeln!

Ben-Zouf befand sich einige Schritte vor seinem Herrn dicht an einem mit Wasser gefllten, gegen zehn Fu breiten Graben, den sie berschreiten muten. Er nahm einen Anlauf und sprang darber, da es einem Gymnastiker zur Ehre gereicht htte.

Halt, halt, Ben-Zouf, wo willst du hin? Was fllt dir denn ein? Du wirst dir die Rippen zerbrechen, du Waghals! Kapitn Servadac stie diese Worte hervor, weil er seine Ordonnanz eben etwa vierzig Fu hoch in der Luft schweben sah.

Bei dem Gedanken an den gefhrlichen Fall Ben-Zoufs versuchte nun auch Hector Servadac ber den Graben zu springen; sein Aufwand von Muskelkraft schnellte auch ihn selbst zu einer Hhe von wenigstens dreiig Fu. Er kreuzte beim Aufspringen Ben-Zouf, der eben im Herabfallen war. Spter sank auch er infolge der Gravitationsgesetze wieder mit wachsender Schnelligkeit nach dem Erdboden zurck, doch ohne einen heftigeren Sto zu empfinden, als ob er etwa vier bis fnf Fu hoch gesprungen wre.

Alle Wetter, Herr Kapitn, rief da Ben-Zouf hell auflachend, wir sind ja zu leibhaftigen Clowns geworden!

Nach einigem Nachsinnen trat Hector Servadac nher an seine Ordonnanz heran und legte dem Soldaten die Hand auf die Schulter.

Fliege mir nicht davon, Ben-Zouf, begann er, und sieh mich aufmerksam an. Ich bin noch nicht ganz wach; wecke mich, stich mich, wenn es sein mu. Wir sind entweder Narren oder wir trumen.

Tatsache ist, Herr Kapitn, antwortete Ben-Zouf, da so etwas noch nirgends anders vorgekommen ist als im Lande der Trume; wenn ich mich im Traume z. B. fr eine Schwalbe hielt und ber den Montmartre wegflog, so leicht, als ob ich ber mein Kppi sprnge. Die ganze Geschichte geht nicht mit natrlichen Dingen zu. Uns ist etwas passiert, aber etwas, was noch keiner lebenden Seele vorgekommen ist. Ist das etwa eine besondere Eigentmlichkeit der Kste von Algier?

Hector Servadac war in dumpfes Sinnen versunken.

Das ist zum Verrcktwerden! fuhr er auf. Wir schlafen ja nicht, wir trumen doch nicht...

Doch er war nicht der Mann, sich eine halbe Ewigkeit mit diesem unter den gegebenen Verhltnissen ohnehin schwer lslichen Probleme herumzuschlagen.

Nun, so mag meinetwegen geschehen, was da will! rief er, entschlossen, sich ber nichts mehr zu wundern.

Recht, mein Kapitn, bekrftigte Ben-Zouf, vor allen Dingen wollen wir die Sache mit Graf Timascheff in Ordnung bringen.

Jenseits des Grabens breitete sich eine mig groe Wiese mit weichem Grase aus. Verschiedene vor etwa fnfzig Jahren angepflanzte Bume, Eichen, Palmen, Johannisbrotbume, Sykomoren, dazwischen verschiedene Aloes und ber alle hinausragend, einige ungeheure Eukalypten, bildeten einen herrlichen Rahmen um dieselbe.

Hier war der verabredete Platz, auf dem der Ehrenhandel der beiden Gegner zum Austrag kommen sollte.

Hector Servadac lie die Blicke ber die Wiese schweifen.

Mordio, rief er, da er niemand sah, wir sind also doch die ersten beim Rendezvous.

Oder vielleicht die letzten! versetzte Ben-Zouf.

Was, die letzten? - Noch ist es nicht neun Uhr, versicherte Kapitn Servadac, der seine Uhr beim Aufbruch aus dem Gourbi nach der Sonne gestellt hatte.

Herr Kapitn, fragte da die Ordonnanz, sehen Sie dort durch die Wolken jene weiliche Kugel?

Gewi, antwortete der Kapitn, der eine in Dunst verhllte Scheibe erblickte, welche jetzt im Zenit stand.

Nun gut, fuhr Ben-Zouf fort, diese Kugel kann nur die Sonne oder hchstens deren Stellvertreter sein.

Die Sonne im Zenit - Mitte Januar und im neununddreiigsten Grade der Breite? rief Hector Servadac.

Sie ist es, Herr Kapitn, sie zeigt Mittag, wenn Sie erlauben. Es scheint, sie hat's sehr eilig heute, und ich wette mein Kppi gegen eine Schssel Brei, da sie in drei Stunden schon untergegangen sein wird.

Die Arme gekreuzt, blieb Hector Servadac einige Minuten unbeweglich stehen. Dann drehte er sich einmal ganz um sich selbst, um alle Punkte des Horizontes ins Auge fassen zu knnen, und sagte:

Die Gesetze der Schwere verndert, die Himmelsgegenden verwechselt, die Dauer des Tages um fnfzig Prozent verkrzt... das knnte freilich mein Zusammentreffen mit Graf Timascheff unbestimmt lange verzgern. Zum Teufel, es ist doch mein Gehirn nicht und auch nicht das Ben-Zoufs, die jetzt auer Rand und Band wren.

Der gleichgltige Ben-Zouf, dem auch die auerordentliche kosmische Erscheinung keinen Ausruf der Verwunderung entlockt htte, sah seinen Offizier sehr seelenruhig an.

Herr Kapitn?

Du siehst hier niemand.

Ich sehe niemand. Der Russe ist wieder weg.

Angenommen, er wre zurckgekehrt, so wren doch meine Sekundanten hier geblieben oder bei meinem Ausbleiben nach dem Gourbi gekommen.

Das stimmt allerdings, Herr Kapitn.

Ich schliee daraus also, da sie berhaupt nicht hier waren.

Und wenn sie wirklich nicht kommen? ...

Da sie jedenfalls nicht haben kommen knnen. Was den Grafen Timascheff...

Statt den Satz zu vollenden, nherte sich Kapitn Servadac dem felsigen, das Meer berragenden Ufer und schaute hinaus, ob die Golette Dobryna vielleicht nahe der Kste vor Anker lge. Es war ja mglich, da Graf Timascheff zu Wasser nach dem Orte des Stelldicheins kam, wie es auch gestern der Fall war.

Die Wasserflche war leer, auch bemerkte Hector Servadac jetzt, da dieselbe trotz der unzweifelhaften Windstille ungemein bewegt erschien, so als ob das Wasser lange ber dem Feuer im Sieden erhalten wre. Sicherlich vermochte die Golette gegen diesen Seegang nur sehr schwer standzuhalten.

Zu seinem grten Erstaunen sah er auch jetzt zum ersten Male, wie sich die Kreislinie, an der sich Himmel und Wasser scheinbar berhrten, so auffallend verengt hatte.

Fr einen auf dem Kamme des hohen Ufers befindlichen Beobachter htte der Gesichtskreis in der Tat einen Halbmesser von 40 Kilometern (5 1/3 geogr. Meilen) haben mssen. Hier schlo er schon mit hchstens 10 Kilometern ab, als habe sich das Volumen der Erdkugel binnen wenigen Stunden betrchtlich vermindert.

Das ist alles doch gar zu sonderbar! sagte der Stabsoffizier.

Inzwischen hatte Ben-Zouf, ein ebenso fertiger Kletterer wie der gewandte Vierhnder, den Wipfel einer Eukalypte erstiegen. Von diesem hohen Punkte aus bersah er die Umgebung sowohl in der Richtung nach Tenez und Mostagenem, als nach der Sdseite zu. Als er herabgestiegen, meldete er seinem Kapitn, da die ganze bersehbare Flche vollkommen de erscheine.

Wir wollen nach dem Cheliff gehen, sagte Hector Servadac. Der Flu wird uns ber unsere Lage aufklren.

Also an den Cheliff! antwortete Ben-Zouf.

Hchstens drei Kilometer lagen zwischen der Wiese und dem Flusse, den der Kapitn berschreiten wollte, um sich bis Mostagenem zu begeben. Er mute eilen, um die Stadt noch vor Untergang der Sonne zu erreichen. Durch den dichten Wolkenschleier sah er, wie sie sich rasch senkte und - ein neues Wunder zu den frheren - statt den schrgen Bogen zu beschreiben, wie er der Breitenlage Algiers entsprochen htte, bewegte sie sich fast lotrecht gegen den Horizont.

Unterwegs berlegte sich Kapitn Servadac noch mehrfach diese verschiedenen Sonderbarkeiten. Wenn durch ein wahrhaft unerhrtes Ereignis die Achsendrehung der Erde verndert erschien; wenn man in Anbetracht der durch den Zenit wandelnden Sonne zu der Annahme kam, da die Kste Algiers nach jenseits des quators versetzt worden sei, so schien es doch wiederum, als habe die Konvexitt der Erdrinde, wenigstens in diesem Teile Afrikas, keine nennenswerte Vernderung erlitten. Das Ufer bildete noch wie zuvor eine Reihe von steilen und flachen sandigen Strecken, sowie von nackten, roten, scheinbar eisenhaltigen Felsen. So weit der Blick reichte, entdeckte er an der Kste keine neue Gestaltung? Ebenso verhielt es sich zur Linken, nach Sden zu, wenigstens nach der Himmelsgegend hin, welche Hector Servadac noch den Sden nannte, obwohl die Lage der beiden Kardinalpunkte des Himmels offenbar gewechselt hatte - denn augenblicklich wenigstens konnte man sich nicht verhehlen, da sie direkt vertauscht erschienen. In einer Entfernung von etwa drei Stunden erhoben sich die ersten Anfnge des Gebirges Merjejah und zeichnete sich die Linie ihrer Gipfel in gewohnter Form am Firmamente ab.

Mordio, rief Kapitn Servadac, ich bin doch begierig zu hren, was sie in Mostagenem von dem ganzen Zauber denken! Was wird der Kriegsminister sagen, wenn er per Telegramm erfhrt, da seine Kolonie Afrika in ihrer physikalischen Lage pltzlich so ergreifend umgewandelt ist, wie es nach der moralischen Seite noch niemals hat gelingen wollen?

Die Kolonie Afrika, erwiderte Ben-Zouf, kommt einfach in Polizeiarrest.

Und da die Himmelsgegenden mit den militrischen Reglements in schreiendem Widerspruch stehen.

Die Himmelsgegenden werden in eine Strafkompanie versetzt.

Und da die Sonne im Monat Januar mich gerade auf den Kopf trifft.

Einen Offizier zu beleidigen! Die Sonne wird standrechtlich erschossen!

Oh, Ben-Zouf war sattelfest in dem Kapitel der Disziplin.

Hector Servadac und er beeilten sich nach Mglichkeit. Untersttzt durch ihre geringe spezifische Schwere, die ihnen schon zur zweiten Natur geworden war, ebenso wie sie die verdnntere, das Atmen beschleunigende Luft gewhnt waren, liefen sie schneller als Hasen, sprangen sie wie Gemsen. Sie folgten gar nicht mehr dem Fupfade auf dem Kamme des Ufers, dessen Windungen ihren Weg verlngert htten. Sie drangen in krzester Richtung vorwrts, mit Vogelflgeln, wie man in der Neuen Welt sagt. Eine Hecke - sie hpften darber; ein Bach - sie berschritten ihn mit einem Satze; eine Reihe Bume - sie sprangen mit gleichen Fen darber hinweg; ein Hgel - sie passierten ihn im Fluge. Unter den gegebenen Verhltnissen htte der Montmartre Ben-Zouf nur einen Schritt gekostet. Beide hatten nur die eine Befrchtung, sie mchten zu groe Bogen in vertikaler Richtung machen, da sie doch horizontal vorwrts wollten. In der Tat berhrten sie kaum den Erdboden, der fr sie nur als Schwungbrett mit unbegrenzter Elastizitt diente.

Endlich ward das Ufer des Cheliff sichtbar, und mit wenigen Sprngen standen Kapitn Servadac und seine Ordonnanz an dessen rechter Seite.

Doch hier muten sie haltmachen. Die Brcke war verschwunden.

Keine Brcke mehr! rief Kapitn Servadac. Hier hat's also eine berschwemmung gegeben, so eine kleine Wiederholung der Sintflut.

Bah? machte sich Ben-Zouf bemerkbar.

Und doch war hier das Staunen am rechten Orte. Der Cheliff als solcher existierte nicht mehr. Sein linkes Ufer war spurlos verschwunden. Das rechte, frher der Rand eines fruchtbaren Landes, bildete jetzt eine Seekste. Im Westen vertrat ein tobendes Wasser, statt der murmelnden, friedlichen Wellen, von blauer, statt der frheren gelben Farbe, bis auf Sehweite sein freundliches Bett. Ein Meer schien den Flu verdrngt zu haben. Hier endete vorlufig die Gegend, welche frher das Territorium von Mostagenem bildete.

Hector Servadac wollte Klarheit. Er ging bis dicht ans Ufer, schpfte etwas Wasser mit der Hand und fhrte diese zum Munde ...

Salzig! rief er. In wenigen Stunden hat das Meer den ganzen Westen von Algier verschlungen.

Dann, Herr Kapitn, meinte Ben-Zouf, wird das etwas lnger dauern als eine gewhnliche berschwemmung.

Das ist die verkehrte Welt! erwiderte kopfschttelnd der Stabsoffizier. Und die Umwlzung kann wahrhaft unberechenbare Folgen haben. Was mag aus meinen Freunden, meinen Kameraden geworden sein?

Ben-Zouf hatte Hector Servadac noch nie so erregt gesehen. Er suchte also sein Gesicht mit dem des anderen in Einklang zu bringen, obgleich er fr seine Person noch keine so rechte Vorstellung von dem hatte, was hier vorgegangen sei. Auch htte er schon als Philosoph seine Partei genommen, wenn er sich nicht militrisch verpflichtet gefhlt htte, die Empfindungen seines Kapitns zu teilen.

Das neu entstandene, vom rechten Ufer des Cheliff gebildete Ufer verlief in leicht gerundeter Linie von Norden nach Sden. Es schien nicht, als habe die Erdrevolution, deren Schauplatz dieser Teil Afrikas war, dasselbe besonders berhrt. Noch immer entsprach es auf den ersten Blick mit seinen Gruppen groer Bume, seinem launenhaft abgeschnittenen Ufer und dem grnen Teppich der benachbarten Wiesen der frheren topographischen Aufnahme. Nur bildete es jetzt, statt der einen Wand eines Flubettes, die Kste eines unbekannten Meeres.

Kaum gelang es aber dem Kapitn Servadac, der jetzt sehr ernst geworden war, die eingreifenden Vernderungen genauer ins Auge zu fassen. Als die Sonne im Osten den Horizont erreicht hatte, versank sie unter diesen so schnell wie eine Kanonenkugel im Meere. Wre man am 21. Mrz oder 21. September unter den Tropen gewesen, zur Zeit wo die Sonne die Ekliptik schneidet, der bergang vom Tage zur Nacht htte sich nicht schneller vollziehen knnen. Keine Dmmerung begleitete diesen Abend, und voraussichtlich fehlte auch das Morgenrot dem anderen Tage. Himmel, Erde und Meer, alles ward fast augenblicklich in tiefer Finsternis begraben.

Sechstes Kapitel

Welches den Leser veranlat, Kapitn Servadac beim ersten Ausfluge in sein neues Gebiet zu begleiten.

Erinnert man sich des abenteuerlustigen Charakters unsers Kapitn Servadac, so begreift man auch leicht, da er sich angesichts so ganz auergewhnlicher Ereignisse doch keineswegs bestrzt zeigte. Nur wollte er, da er weniger indifferent als Ben-Zouf beanlagt war, gern die letzte Ursache der Dinge kennenlernen. Die Folgen berhrten ihn weit weniger, wenn die Ursache einer Erscheinung ihm klar vor Augen lag. Die Aussicht, von einer Kanonenkugel zerrissen zu werden, htte ihm keinen Kummer gemacht von dem Augenblick an, da er wute, nach welchen Gesetzen der Ballistik und in welcher Flugbahn sie gerade die Mitte der Brust treffen mute. Das war so seine Art, die Dinge in der Welt anzusehen. Ohne sich also weiter, als sein Temperament das zulie, um die Konsequenzen des vorliegenden Phnomens zu kmmern, dachte er an nichts anderes als an die Ergrndung der Ursache desselben.

Donnerwetter! rief er, als es so pltzlich Nacht wurde, das mu man hier bei vollem Tageslichte sehen ... in der Voraussetzung, da es berhaupt wieder mehr oder weniger hell wird, denn mich soll doch der erste beste Wolf verschlingen, wenn ich wei, wo die Sonne hingekommen ist.

Herr Kapitn, begann da Ben-Zouf, ohne Ihnen Vorschriften machen zu wollen, was beginnen wir aber nun?

Wir bleiben vorlufig an Ort und Stelle und morgen, wenn's berhaupt ein Morgen gibt, kehren wir nach dem Gourbi zurck, nachdem wir die Kste im Westen und Sden in Augenschein genommen haben. Das Wichtigste ist, zu wissen, wo und woran wir sind, solange wir uns nicht ber das ganze wunderbare Ereignis Rechenschaft geben knnen. Dann nach Untersuchung der Kste im Westen und Sden ...

Wenn es berhaupt noch eine Kste gibt! fiel Ben-Zouf ein.

Und wenn noch ein Sden vorhanden ist! vervollstndigte Kapitn Servadac.

Also kann man nun schlafen?

Jawohl, wer das fertigbringt!

Fuend auf diese Autorisation, verkroch sich Ben-Zouf, dessen Gleichmut auch so viel wunderbare Ereignisse nicht zu erschttern vermochten, in einer Ausbuchtung des Ufers, legte die Hand ber die Augen und schlief den Schlaf des Nichtswissers, der manchmal noch tiefer ist als der des Gerechten.

Kapitn Servadac dagegen irrte an der Kste des neuen Meeres umher und qulte sich mit unzhlbaren Fragen ab, die vor seinem inneren Auge schwirrten.

Welche Wichtigkeit mochte zunchst der ganzen Katastrophe beizulegen sein? Beschrnkte sie sich nur auf einen gewissen Teil Afrikas? Waren Algier, Oran und Mostagenem, jene so nahe beieinanderliegenden Stdte, jetzt voneinandergerissen worden? Sollte Hector Servadac glauben, da seine Freunde und Kameraden von der Subdivision zugleich mit den zahlreichen Einwohnern der Kste jetzt verschlungen waren, oder da das durch irgendeine Erderschtterung aufgewhlte Mittelmeer nur diesen Teil des algerischen Gebietes neben der Mndung des Cheliff berdeckt habe? Diese Annahme wrde zwar das Verschwinden des Flusses bis zu einer gewissen Grenze erklren, verbreitete aber ber die anderen kosmischen Erscheinungen keinerlei Licht.

Eine andere Hypothese. War vielleicht anzunehmen, das afrikanische Kstengebiet sei pltzlich unter die quatorialzone versetzt worden? Damit erklrte sich sowohl der neue, von der Sonne beschriebene Tagesbogen, als auch das totale Fehlen der Dmmerung, wiederum aber nicht, warum die Tage jetzt nur zwlf Stunden lang zu sein schienen, noch wie es zuging, da die Sonne jetzt im Westen auf- und im Osten unterging.

Nichtsdestoweniger steht es fest, wiederholte sich Hector Servadac mehrmals, da wir heute nur sechs Stunden lang Tag hatten und da die Kardinalpunkte des Himmels jetzt Steven gegen Steven gewechselt haben, wie der Seemann sagen wrde, mindestens bezglich des Sonnen-Auf- und Unterganges. Nun, wir werden ja morgen sehen, wenn die Sonne wiederkommt - ja wenn sie berhaupt wiederkommt! Kapitn Servadac war sehr mitrauisch geworden.

Wirklich, abscheulicherweise blieb der Himmel bedeckt und das Firmament zeigte nicht seine gewhnliche Illumination durch die Sterne. Obwohl wenig bewandert in der Kosmographie, kannte Hector Servadac doch die hauptschlichstem Sternbilder. Er htte also sehen mssen, ob der Polarstern an seiner Stelle war, oder ob ein anderer Stern diese eingenommen habe, was unwiderleglich bewiesen htte, da die Erdkugel um eine neue Achse und vielleicht in entgegengesetztem Sinne rotierte, wodurch sich ber viele Erscheinungen Licht verbreitet htte. Aber keine ffnung entstand in den Wolken, welche dick genug schienen, um eine ganze Sintflut zu enthalten, kein Sternlein zeigte sich dem Auge des verzweifelten Beobachters.

Auf den Mond war jetzt nicht zu hoffen, denn zu dieser Zeit des Monates war gerade Neumond, und jener mute also zugleich mit der Sonne unter dem Horizonte verschwunden sein.

Wer mit aber das Erstaunen Hector Servadacs, als er nach anderthalbstndiger Promenade am Horizonte einen hellen Schein bemerkte, der auch den Rand der Wolken beleuchtete.

Der Mond! rief er. Doch nein, der kann es ja nicht sein. Sollte die keusche Diana auch ihrerseits Torheiten machen und im Westen aufstehen? Nein, der Mond ist das nicht. Er knnte kein so intensives Licht verbreiten, er mte sich denn der Erde ganz ber die Maen genhert haben.

In der Tat erglnzte das Licht dieses Gestirns, mochte es nun sein, welches es wollte, so stark, da es den Schirm von Dnsten durchbrach und sich eine halbe Tageshelle ber die Umgebung verbreitete.

Sollte es wohl die Sonne sein, fragte sich der Offizier. Aber sie ist ja kaum seit zehn Minuten im Osten verschwunden! Doch wenn es weder der Mond noch die Sonne ist, was ist es dann? Eine ungeheure Feuerkugel vielleicht? Ei, tausend Teufel, wollen denn diese verwnschten Wolken niemals zerreien?

Dann begann er mit einem Rckblick auf seine Vergangenheit:

Es wre doch wohl besser gewesen, ich htte einen Teil der manchmal so tricht verschwendeten Zeit darauf verwendet, etwas Astronomie zu treiben. Wer wei? Vielleicht ist alles das, worber ich mir hier den Kopf zerbreche, etwas ganz Einfaches?

Die Geheimnisse dieses neuen Himmels blieben in undurchdringliches Dunkel gehllt. Der enorme Lichtschein, der offenbar von einer hellglnzenden Scheibe mit ungeheuren Dimensionen ausging, strmte etwa eine Stunde lang auf die obere Flche der Wolkendecke nieder. Nachher aber - wiederum eine erstaunliche Seltsamkeit - schien die Scheibe, statt nach dem entgegengesetzten Horizonte hinabzusinken, sich in einer zur Ebene des quators perpendikulren Linie zu entfernen und das dem Auge so angenehme Halbdunkel, welches in der Atmosphre schimmerte, mit sich fortzunehmen.

Alles versank wieder in Dunkelheit, und das Gehirn des Kapitn Servadac war davon nicht ausgeschlossen. Der Kapitn wute sich nach keiner Seite Rat. Die elementarsten Regeln der Mechanik waren hier verletzt, die Himmelskugel glich einer Uhr, in der die Feder auer Ordnung gekommen ist; die Planeten entzogen sich den Gesetzen der Gravitation und es lag somit gar kein Grund fr die Annahme vor, da die Sonne jemals wieder ber irgendeinen Punkt des Erdhorizontes aufsteigen werde.

Drei Stunden spter jedoch ward das Tagesgestirn ohne vermittelnde Dmmerung im Westen wieder sichtbar; das Morgenlicht erhellte die Wolkenbank, der Tag folgte wieder auf die Nacht, und Kapitn Servadac berzeugte sich durch Vergleichung seiner Uhr, da die Nacht genau sechs Stunden gedauert hatte.

Sechs Stunden reichten fr Ben-Zouf freilich nicht aus; der unerschrockene Schlfer mute geweckt werden.

Hector Servadac rttelte ihn ohne Umstnde munter.

Allons, steh auf, und vorwrts! rief er.

Ah, Herr Kapitn! antwortete Ben-Zouf, sich die Augen reibend, mir scheint, ich habe meine Ration noch nicht. Ich war doch eben erst im Einschlafen.

Du hast die ganze Nacht vertrumt.

Eine Nacht! Das wre ...

Ja, freilich nur eine Nacht von sechs Stunden, aber du wirst dich an solche Nchte gewhnen mssen.

Das wird auch noch geschehen.

Vorwrts denn, es ist keine Zeit zu verlieren. Wir wollen schnellstens nach dem Gourbi zurckkehren und sehen, was aus den Pferden geworden ist und was sie ber das alles denken.

Sie werden sich wundern, antwortete die Ordonnanz, da ich sie seit gestern nicht gefttert habe. Ich werde ihnen dafr eine ordentliche Mahlzeit vorsetzen.

Schon gut, aber mach's nur schnell ab, und sobald sie gesattelt sind, beginnen wir unsere Rekognoszierung. Mindestens mssen wir doch in Erfahrung bringen, was aus den anderen Teilen Algiers geworden ist.

Und dann?

Und dann - nun, sollten wir Mostagenem im Sden nicht erreichen knnen, so werden wir uns im Osten bis Tenez durchschlagen.

Kapitn Servadac und seine Ordonnanz folgten wieder dem Fuwege lngs der Kste, um nach dem Gourbi zu gelangen. Da sie einen tchtigen Appetit versprten, so machten sie sich kein Gewissen daraus, unterwegs Feigen, Datteln und Orangen zu pflcken, die ihnen eben handrecht hingen. Auf diesem jetzt gnzlich verlassenen Teil des Territoriums, aus dem neuere Anpflanzungen einen reichen, ausgedehnten Fruchtgarten gemacht hatten, brauchten sie deshalb keinen Proze zu frchten.

Anderthalb Stunden nach ihrem Aufbruche von der Kste, dem frheren rechten Ufer des Cheliff, erreichten sie den Gourbi, wo sich alles in der frheren Ordnung vorfand. Unzweifelhaft war whrend ihrer Abwesenheit kein Mensch hier gewesen und schien der stliche Teil des Landes ebenso wst und verlassen zu sein wie der westliche, durch den sie eben gekommen waren.

Schnell wurden alle kleinen Vorbereitungen zum Aufbruch getroffen. Etwas Zwieback und konserviertes Wild brachte Ben-Zouf in einer Reisetasche unter. Fr Getrnke hatten sie nicht zu sorgen, da sich zahlreiche klare Bche durch die Ebene schlngelten. Diese frheren Nebenarme eines Flusses bildeten jetzt selbst Flsse und mndeten unmittelbar in das Mittelmeer.

Zephir - das Pferd des Kapitn Servadac - und Galette (eine Reminiszenz an den Montmartre) -, der Zelter Ben-Zoufs, wurden im Handumdrehen gesattelt. Die beiden Reiter saen auf und galoppierten nach dem Cheliff zu.

Hatten sie selbst aber vorher schon die Folgen der verminderten Schwerkraft versprt, war ihnen ihre Muskelkraft mindestens verfnffacht erschienen, so unterlagen auch die Pferde jetzt in demselben Verhltnisse den auffallendsten physikalischen Vernderungen. Das waren keine einfachen Vierfler mehr. Als wirkliche Hippogryphe berhrten sie kaum den Boden. Glcklicherweise saen Hector Servadac und Ben-Zouf so sicher im Sattel, da sie den Tieren die Zgel schieen lieen und sie eher noch antrieben, als zu zhmen suchten.

In zwanzig Minuten waren die acht Kilometer vom Gourbi nach der Cheliff-Mndung durchflogen, von wo aus die Pferde in langsamerem Tempo nach Sdosten lngs des frheren rechten Fluufers dahintrabten.

Das Ufergelnde hatte auch jetzt sein frheres Aussehen bewahrt. Das entgegengesetzte nur war, wie wir wissen, pltzlich verschwunden, und an seine Stelle ein weiter Meereshorizont getreten. Folglich mute, mindestens bis auf die Entfernung dieses scheinbaren Horizontes, dieser ganze Teil der vor Mostagenem gelegenen Provinz Oran in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar untergegangen und berflutet worden sein.

Kapitn Servadac kannte das von ihm persnlich vermessene Terrain sehr genau. In Erinnerung der frher ausgefhrten Triangulation fiel es ihm nicht schwer, sich in jeder Richtung genau zu orientieren. In seiner Absicht lag es, nach Besichtigung des mglichst grten Teiles der betroffenen Landstrecke einen Rapport zu erstatten, den er zu adressieren gedachte an ... ja, an wen, das wute er selbst noch nicht.

Im Laufe der vier noch brigen Tagesstunden legten die Reiter von der Mndung des Cheliff ab etwa noch fnfunddreiig Kilometer zurck. Mit einbrechender Nacht lagerten sie sich an einer kleinen Bucht des frheren Flusses, der gegenber noch gestern ein linksseitiger Nebenflu, die jetzt in dem neuen Meere aufgegangene Mina, seine Wellen ergo.

Whrend dieser Exkursion war man, was ja nicht wundernehmen kann, keiner lebenden Seele begegnet.

Ben-Zouf machte ein Nachtlager zurecht, so gut es eben ging, die Pferde wurden angebunden und konnten nach Belieben das fette Gras des Ufers abweiden. Die Nacht verstrich ohne Zwischenfall.

Am nchsten Tage, dem 2. Januar, d. h. zu dem Zeitpunkte, wo nach dem alten Erdenkalender erst die Nacht vom 1. zum 2. Januar beginnen sollte, bestiegen Kapitn Servadac und seine Ordonnanz wieder die Pferde und setzten die Untersuchung des Ufergebietes fort. Mit der Sonne aufbrechend, legten sie whrend der sechs Stunden des Tages eine Strecke von siebzig Kilometern zurck.

Die Grenze des Landes bildete fort und fort das frhere rechte Ufer des Flusses. Nur etwa zwanzig Kilometer von der Mndungsstelle der Mina war ein betrchtlicher Teil des Ufers verschwunden und mit ihm ein Vorort von Surkelmittu samt seinen achthundert Einwohnern. Und wer wei, ob die greren, am Cheliff gelegenen Stdte Algiers, wie Mazagran, Mostagenem, Orleansville, nicht dasselbe Schicksal teilten?

Nach Umgehung der kleinen durch den Abbruch des Ufers entstandenen Bai kehrte Hector Servadac wieder nach dem Flurande zurck und betrat diesen gerade der Stelle gegenber, wo die gemischte Gemeinde Ammi-Mussa, das alte Khamis der Beni-Uragh, liegen mute. Es fand sich aber keine Spur von diesem Kreis-Hauptorte, nicht einmal von dem 1126 Meter hohen Pic von Mankura, vor dessen Fue jenes Stdtchen erbaut war.

An diesem Abend rasteten unsere beiden Forscher an einem Winkel, der ihr neues Gebiet von dieser Seite scharf abgrenzte. Diese Stelle entsprach ungefhr dem Punkte, wo sich der bedeutende Flecken Memounturroy, von dem kein Restchen brig schien, htte finden mssen.

Und ich hatte daraufgerechnet, heute abend in Orleansville zu speisen und zu bernachten, sagte der Kapitn, whrend er das dunkle, vor seinen Augen ausgedehnte Meer betrachtete.

Unmglich, Herr Kapitn, erwiderte Ben-Zouf, im Falle wir nicht zu Schiff dahin gelangen knnen.

Weit du, Ben-Zouf, da wir beide ganz besonderes Glck haben?

Recht gut, Herr Kapitn, das ist unsere alte Gewohnheit! Sie werden sehen, da wir auch Mittel finden, dieses Meer zu berschreiten und an der Seite von Mostagenem daran spazierenzugehen.

Hm, wenn wir uns, wie zu hoffen ist, auf einer Art Halbinsel befinden, so mchten wir uns eher aus Tenez neuere Nachrichten holen ...

Oder solche dahin bringen, bemerkte sehr verstndig Ben-Zouf.

Beim Wiedererscheinen der Sonne, sechs Stunden spter, konnte Kapitn Servadac die Formation des Landes genauer berblicken.

Von der Stelle des letzten Nachtlagers aus verlief das Kstengebiet ziemlich genau von Sden nach Norden. Es endete dasselbe hier mit keinem natrlichen Ufer, wie an anderen Stellen mit dem des Cheliff. Ein frisch entstandener Bruch begrenzte die weite Ebene. An dieser Ecke fehlte, wie erwhnt, der Flecken Memounturroy. Ben-Zouf vermochte auch nach Besteigung eines etwas landeinwrts gelegenen Hgels jenseits des Meereshorizontes nichts Weiteres zu erblicken. Kein Land war in Sicht. Folglich auch Orleansville nicht, das von hier aus gegen zehn Kilometer sdwestlich lag.

Kapitn Servadac und sein Begleiter verlieen ihre Lagersttte und folgten der neuen Kste durch quer bereinander geworfenes Land, wild zerrissene Felsstcke, halb entwurzelte und nach dem Wasser berhngende Bume, unter welchen sich auch einige uralte Olivenbume befanden, deren wunderbar gekrmmter Stamm wie mit der Axt abgehauen erschien.

Nur langsam drangen die beiden Reiter weiter vor, da das buchten- und landzungenreiche Ufer sie zu manchem Umwege ntigte. So hatten sie bei Sonnenuntergang nach einer Tour von etwa fnfunddreiig Kilometern erst den Fu der Berge von Dj Merjejah erreicht, welche vor der Katastrophe nach dieser Seite zu die Kette des Kleinen Atlas abschlossen.

Hier zeigte sich die Gebirgskette gewaltsam abgeschnitten und erhob sich nur noch in einzelnen Bergspitzen lngs des Ufers.

Nachdem sie am anderen Morgen eines der tiefen Zwischentler zu Pferde durchzogen hatten, erstiegen Hector Servadac und Ben-Zouf einen der hchsten Gipfel und gewannen dadurch eine Totalbersicht ber diesen beschrnkten Teil des algerischen Gebietes, dessen einzige Bewohner sie zu sein schienen.

Da setzte sich die neue Kste vom Fue der Merjejah-Berge fort bis zu den entfernten Ufern des Mittellndischen Meeres, und zwar in einer Gesamtlnge von etwa dreiig Kilometern. Keine Landenge verband dieses Gebiet mit dem verschwundenen Distrikt von Tenez.

Die beiden Reiter rekognoszierten also nicht eine Halbinsel, wie sie noch immer gehofft hatten, sondern eine wirkliche Insel. Mit Hilfe seines hohen Beobachtungspunktes mute Kapitn Servadac zu seinem groen Schrecken konstatieren, da ihn das Meer von allen Seiten umflutete und er, so weit auch sein Blick jetzt reichte, nirgends sonst Land entdecken konnte.

Diese vor kurzem aus dem Boden Algiers herausgeschnittene Insel entsprach der Form nach etwa einem unregelmigen Viereck, beinahe einem Dreieck, dessen Seiten folgende Verhltnisse zeigten: 120 Kilometer an dem frheren Ufer des Cheliff, 35 Kilometer von Sden nach Norden aufsteigend zur Kette des Kleinen Atlas; 30 Kilometer einer schief nach dem Meere verlaufenden Linie und 100 Kilometer lngs der alten Kste des Mittellndischen Meeres. Alles in allem ein Umfang von 285 Kilometern.

Sehr schn, aber wozu das nun?

Bah! Wozu sollte es denn nicht sein? meinte Ben-Zouf. Das ist so, weil es eben so ist! Wenn es der ewige Vater so gewollt hat, wird man sich eben dreinfgen mssen.

Sie stiegen wieder von dem Berge herab und holten die Pferde, welche sich ruhig an dem saftigen Grase gtlich taten. Denselben Tag ritten sie noch bis zu dem Ufer des Mittelmeeres, ohne eine Spur des kleinen Stdtchens Montenotte zu finden, das wie Tenez verschwunden und von dem auch kein Trmmerhaufen eines Hauses zu entdecken war.

Am anderen Tage, dem 5. Januar, streiften sie in forciertem Marsch lngs der Kste des Mittelmeeres hin. Das Ufer desselben war nicht so vollstndig verschont geblieben, als der Stabsoffizier dachte, denn es fehlten hier vier Flecken, Callaat-Chimah, Agmi, Marabut und Pointe-Basse.

Die Landvorsprnge, auf welchen dieselben lagen, hatten dem Stoe nicht zu widerstehen vermocht und sich von dem brigen Lande getrennt. Nebenbei muten sich unsere Wanderer berzeugen, da ihre Insel auer ihnen selbst keine Bewohner habe, whrend die Fauna noch durch einige Wiederkuer Vertretung fand, welche auf der Ebene umherschweiften.

Kapitn Servadac und seine Ordonnanz hatten zu dieser Reise um ihre Insel fnf der neuen Tage, in Wirklichkeit also zweiundeinhalb frhere Erdentagen gebraucht. Sechzig Stunden nach dem Aufbruch kehrten sie wieder zum Gourbi zurck.

Und nun, Herr Kapitn? begann Ben-Zouf.

Nun, Ben Zouf?

... sind Sie Generalgouverneur von Algier!

Von Algier ohne Einwohner!

Was? Werde ich denn gar nicht gezhlt?

Gewi, du bist also ...

Die Bevlkerung, Herr Kapitn, die Einwohnerschaft.

Und mein Rondeau? murmelte der Kapitn, als er sich niederlegte, diese Mhe htt' ich mir wohl auch ersparen knnen.

Siebtes Kapitel

In welchem sich Ben-Zouf ber einige Vernachlssigung seitens des Generalgouverneurs zu klagen berechtigt glaubt.

Zehn Minuten spter lagen der Generalgouverneur und die Bevlkerung in tiefem Schlafe, und zwar in einem Raume des Wachthauses, da der Gourbi aus seinen Ruinen noch nicht wieder erstanden war. Den Schlummer des Offiziers strte freilich immer noch ein wenig der Gedanke, da es ihm trotz Konstatierung so zahlreicher, neuartiger Tatsachen nicht gelingen wollte, deren letzte veranlassende Ursache zu ergrnden. Ohne eben gerade Kosmograph zu sein, erinnerte er sich bei einiger Anstrengung seines Gedchtnisses doch gewisser Grundgesetze, die er schon gnzlich vergessen zu haben glaubte. Er berlegte, ob nicht eine pltzliche Vernderung der Neigung der Erdachse zur Ekliptik alle jene Erscheinungen hervorrufen knne. Erklrte eine solche Vernderung aber auch den Ortswechsel der Meere und etwa den der Kardinalpunkte des Horizontes, so konnte sie doch weder eine Verkrzung der Tage, noch eine Verminderung der Schwerkraft auf der Oberflche der Erdkugel zur Folge haben. Hector Servadac mute diese Hypothese bald fallenlassen - was ihn nicht wenig wurmte, da er, wie man zu sagen pflegt, mit seinem Latein nun so ziemlich zu Ende war. Hchstwahrscheinlich schlo die Reihe der berraschungen jetzt noch nicht ab, und dann konnte ihn ja eine weitere fremdartige Erscheinung vielleicht auf den rechten Weg fhren.

Am nchsten Morgen beschftigte Ben-Zouf zunchst die Bereitung eines krftigen Frhstcks. Zum Kuckuck, der Mensch mu sich doch einmal strken! Und er, er hatte ja Hunger fr drei Millionen Algerier. Jetzt oder nie war es an der Zeit, mit einem Dutzend Eiern fertig zu werden, welche die Erdrevolution, die das Land zerbrach, doch verschont hatte. Mit einer nicht zu kleinen Schssel Kuskussu, fr deren Zubereitung die Ordonnanz den Meistertitel ehrlich verdiente, versprach das eine kstliche Mahlzeit.


Der Kochofen fand sich ja im Wachthause vor, die Kasserolen glnzten, als kmen sie eben aus des Kupferschmieds Hnden, und frisches Wasser stand zur Hand in einem groen Alkazara, dessen porses Material durch Verdunstung den Inhalt sehr khl erhlt. Durch drei Minuten langes Eintauchen in siedendes Wasser hoffte Ben-Zouf schmackhafte, halbweiche Eier zu gewinnen.

Sofort zndete er also Feuer an und trllerte dazu wie gewhnlich den Refrain eines Soldatenliedchens:

Gibt es denn Salz?
Fehlt's nicht an Schmalz?
Fleisch hast du wohl
im Kasseroll?

Auf- und abgehend beobachtete Kapitn Servadac neugierigen Blickes diese kulinarischen Vorbereitungen. In der Erwartung neuer Erscheinungen, welche ihn seiner Ungewiheit entreien knnten, achtete er gespannt auf alles, was vor seinen Augen vorging, ob der Ofen wohl seine Schuldigkeit tun, ob die jetzt modifizierte Luft ihm den ntigen Sauerstoff zufhren werde u. dergl.

Ja, der Ofen kam in Gang; mit hrbarem Blasen half Ben-Zouf etwas nach, und bald schlug eine helle Flamme aus den mit Reisig gemischten Kohlen. Hier war also nichts bernatrliches zu sehen.

Die Kasserolle ward auf das Feuer gesetzt, mit Wasser gefllt und Ben-Zouf wartete, bis es ins Sieden kam, um die Eier hineinzulegen, die ihm so leicht vorkamen, als wren sie hohl.

Das Gef befand sich kaum zwei Minuten im Ofen, als das Wasser schon kochte.

Alle Teufel, das Feuer macht jetzt aber eine tchtige Hitze, rief Ben-Zouf.

Das Feuer heizt nicht mehr als sonst, erwiderte Kapitn Servadac nach einigem Nachdenken, doch das Wasser siedet schneller.

Er ergriff ein Zentesimal-Thermometer, das noch an der Wand hing, und tauchte es in das wallende Wasser.

Das Instrument zeigte nun Sechsundsechzig Grad.

Recht hbsch! sagte der Offizier, jetzt kocht das Wasser schon bei Sechsundsechzig Grad statt sonst bei hundert!

Und dann, Herr Kapitn?

Dann, Ben-Zouf rate ich dir, deine Eier getrost eine Viertelstunde in der Kasserolle zu lassen, und auch dann werden sie kaum gekocht sein.

Aber hart?

Nein, mein Freund, hchstens drften sie dann so weit gesotten sein, um unser Brot mit Eierschnittchen belegen zu knnen.

Die Ursache dieser Erscheinung lag offenbar in einer Hhenabnahme der Atmosphrenschichten, was auch schon mit der beobachteten Verringerung der Dichtigkeit der Luft bereinstimmte. Hierin tuschte sich Kapitn Servadac nicht. Die Luftsule ber der Erdoberflche hatte ungefhr um ein Viertel abgenommen, und aus demselben Grunde kochte auch das unter einem geringeren Drucke stehende Wasser schon bei niedrigeren Wrmegraden.

Dieselbe Erscheinung wrde sich auf einem etwa 10000 Meter hohen Berge gezeigt haben, und wre Kapitn Servadac im Besitze eines Barometers gewesen, so htte er die Abnahme der Luftschwere nachzuweisen vermocht. Aus eben der Ursache leitete sich ferner bei ihm und Ben-Zouf die Abschwchung der Stimme, die lebhaftere Atmung her, ebenso wie die hohe Spannung in den Blutgefen, an welche sie sich schon gewhnt hatten.

Und doch, sagte er zu sich selbst, ich kann doch unmglich annehmen, da unser Aufenthaltsort zu einer solchen Hhe emporgehoben worden wre, denn dort sieht man ja das Meer, dessen Brandung sich an dem steilen Ufer bricht.

Trotz Hector Servadacs richtiger Schlufolgerungen war er doch nicht im Stande, die Ursache jener Phnomene zu erklren. Inde irae.

Infolge des lngeren Verweilens im Wasser erschienen die Eier wirklich nahezu gekocht. Dasselbe war mit dem Kuskussu der Fall. Ben-Zouf berzeugte sich sehr bald, da er seine Kchenverrichtungen in Zukunft einfach eine Stunde frher beginnen msse, und setzte seinem Herrn die Speisen vor.

Als dieser nun trotz seiner wechselnden Empfindungen mit grtem Appetite a, begann Ben-Zouf, der jedes Gesprch mit einer unbestimmten Frage einzuleiten liebte:

Und nun, Herr Kapitn?

Nun, Ben-Zouf! erwiderte der Offizier, nach der ebenso unabnderlichen Gewohnheit seiner Ordonnanz zu antworten.

Was werden wir nun beginnen?

Ei, wir werden warten.

Warten? Auf was?

Bis jemand uns abholt.

Auf dem Seewege?

Natrlich, da wir vorlufig auf einer Insel kampieren.

Sie meinen also, Herr Kapitn, da die Kameraden ...

Ich denke, oder vielmehr ich hoffe, da die Verwstungen der unerklrlichen Katastrophe auf vereinzelte Punkte der algerischen Kste beschrnkt geblieben sind und unsere Kameraden sich demnach wohl und gesund befinden.

Ja, freilich, Herr Kapitn, das wollen wir hoffen.

Es unterliegt ferner keinem Zweifel, da der Generalgouverneur infolge dieser Vorgnge gewisse Maregeln anordnen wird. Er mu z. B. von Algier aus notwendig ein Fahrzeug aussenden, um das jetzige Ufer zu untersuchen, und ich hoffe auch, da er unser nicht ganz vergessen habe. Hab' also acht auf das Meer, Ben-Zouf, wenn ein Schiff in Sicht kommt, mssen wir ihm Signale geben.

Doch wenn sich keines sehen lt?

Dann bauen wir selbst ein solches und fahren zu denen, die nicht zu uns kamen.

Recht schn, Herr Kapitn. Sie sind also auch Seemann?

Seemann ist man immer, wenn es sein mu, erwiderte mit unerschtterlicher Ruhe der Stabsoffizier.

Wir wissen nun, warum Ben-Zouf im Laufe der nchsten Tage fast unausgesetzt mit einem Fernrohr vor den Augen den Horizont musterte. Kein Segel erschien aber im Gesichtsfelde seines Glases.

Verdammter Kabyle! rief er, seine Exzellenz der Herr Generalgouverneur scheint uns einigermaen zu vernachlssigen!

Am 6. Januar hatte sich die Situation der beiden Insulaner nach keiner Seite gendert. Mit diesem sechsten Januar ist brigens das wahre Datum, d. h. dasjenige des irdischen Kalenders bezeichnet, bevor die Erdentage noch zwlf Stunden von ihren vierundzwanzig verloren hatten.

Kapitn Servadac zog es nicht ohne Grund, und vorzglich um klarer zu bleiben, vor, nach der gewohnten Methode zu rechnen. Wenn die Sonne also auch schon zwlfmal ber dem Horizonte der Insel auf- und untergegangen war, so zhlte er vom 1. Januar um Mitternacht, dem Anfange des brgerlichen Jahres, doch bis jetzt erst sechs Tage. Es liegt auf der Hand, da eine Pendeluhr ihm infolge der verminderten Schwerkraft nur falsche Zeit htte weisen knnen; eine Federuhr aber unterliegt nicht den Gesetzen der allgemeinen Anziehung und, die Gte der Uhr Hector Servadacs vorausgesetzt, mute diese trotz der Strung der physikalischen Ordnung aller Dinge dennoch regelmig weitergehen. Das war aber unter gegenwrtigen Verhltnissen wirklich der Fall.

Potz Wetter, Herr Kapitn, lie sich da Ben-Zouf, der in der schnen Literatur etwas bewandert war, vernehmen, mir scheint, Sie spielen hier ganz die Rolle des Robinson und ich die Freitags! Bin ich nicht etwa schon zum Neger geworden?

Nein, Ben-Zouf, sagte Kapitn Servadac, bis jetzt bist du noch immer hbsch - dunkelwei.

Ein weier Freitag ist zwar nur ein halber, versetzte Ben-Zouf, es ist mir aber doch lieber so!

Als sich auch am 6. Januar nichts zeigte, beschlo der Kapitn, wie es alle Robinsons zu tun pflegen, die vegetabilischen und animalischen Hilfsquellen seines Landes zu untersuchen.

Die Insel Gourbi - diesen Namen legte man ihr bei - hatte eine Oberflche von etwa 3000 Quadratkilometer, d. h. von ungefhr 300000 Hektar. Ochsen, Khe, Ziegen und Schafe fanden sich in groer Menge, ihre Anzahl konnte jedoch nicht sicher festgestellt werden. Wild gab es in berflu, ohne da man zu befrchten brauchte, da es entfliehen knnte. An Cerealien fehlte es nicht. Drei Monate spter mute die Korn-, Reis- und Maisernte beginnen. Alles in allem schien die ntige Nahrung fr den Gouverneur, die Bevlkerung und die beiden Pferde mehr als gesichert. Selbst wenn die Insel noch weitere Einwohner erhielt, konnte sich kein Mangel fhlbar machen.

Vom 6. bis zum 13. Januar regnete es in Strmen. Fortwhrend erschien der Himmel mit dicken Wolken bedeckt, welche trotz der stattfindenden Kondensation nicht merkbar abnahmen. Dazwischen traten einige tchtige Gewitter auf - eine in dieser Jahreszeit sehr seltene meteorologische Erscheinung. Hector Servadac beobachtete dabei auch sehr bald, da die Temperatur ganz abnormer Weise in raschem Steigen begriffen war. Welch ein wunderbar frhzeitiger Sommer, der schon im Januar begann! Noch mehr. Jene Temperaturzunahme war nicht nur eine sehr konstante, sondern auch entschieden progressiv, so als ob die Erdkugel sich der Sonne regelmig und fortwhrend nherte.

Mit der Wrme der Luft stieg gleichzeitig die Intensitt des Lichtes, und ohne den dichten Wolkenschleier zwischen dem Himmel und der Insel htte die Bestrahlung der Sonne die irdischen Gegenstnde in ganz ungewohnter Weise hell beleuchten mssen. Zu seinem grten Leidwesen konnte Hector Servadac niemals die Sonne, den Mond, die Sterne oder irgendeinen anderen Punkt des Himmels beobachten, der ihm, wenn jene Nebelmassen sich verzogen, doch eine weitere Aufklrung geben mute. Ben-Zouf versuchte zwar einige Male, seinen Herrn darber zu beruhigen, indem er auch ihm jene Resignation empfahl, die ihm bis zur Indifferenz eigen war; er kam damit jedoch so bel an, da er kein Wort mehr davon zu uern wagte und sich begngte, seine Wachdienste zu erfllen. Trotz Regen, Sturm und Ungewitter bezog er Tag und Nacht seinen Posten auf einem Felsen am Ufer und gnnte sich nur wenige Stunden Schlaf. Aber vergeblich durchirrten seine Augen den leeren Horizont. Welches Schiff brigens htte diesem abscheulichen Wetter mit seinen wilden Ben zu widerstehen vermocht? Das Meer wlzte seine Wogen zu einer wahrhaft ungeheuren Hhe und der Orkan heulte dazu mit ganz unvergleichlicher Wut. Selbst in der zweiten Schpfungsperiode, als die ersten, vorher durch die innere Erdwrme in Dampfform erhaltenen Wasser sintflutartig auf die junge Erde niederstrzten, konnten diese Prozesse sich nicht mit grerer Intensitt abspielen.

Am 13. hrte die Sintflut wie durch Zauber pltzlich auf.

In der Nacht vom 13. zum 14. Januar verscheuchten die letzten Auslufer des Sturmes den Rest der Wolken. Sobald Hector Servadac, der sechs Tage lang in dem Wachthause eingesperrt gewesen war, bemerkte, da Regen und Wind nachlieen, begab er sich ins Freie. Er eilte nach dem Ufer, um auch seine Blicke forschend hinausschweifen zu lassen. Was sollte er nun in den Sternen lesen? Zeigte sich vielleicht jene groe, in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar gesehene Scheibe einmal wieder? Wrde das Geheimnis seiner Bestimmung nun entrtselt werden?

Der Himmel strahlte in schnstem Glnze. Kein Nebel verhllte die Sternbilder. Das Firmament lag einer ungeheuren Himmelskarte gleich vor ihm ausgebreitet, und da und dort sah man leichte Nebelflecke mit bloem Auge, die sonst ein Astronom ohne Fernrohr nicht zu entdecken im Stande gewesen wre.

Die erste Sorge des Offiziers war es, den Polarstern ins Auge zu fassen, denn hierin lag seine grte Strke.

Er fand ihn, aber sehr tief am Horizonte, und es schien, als stelle jener nicht mehr den Angelpunkt fr die Umdrehung des ganzen Sonnensystems dar. Mit anderen Worten, die unendlich verlngerte Erdachse traf nicht mehr den Punkt des Firmamentes, den jener Stern sonst einnahm. Wirklich hatte er schon nach einer Stunde seinen Stand merkbar verndert und neigte sich mehr und mehr dem Horizonte zu, als gehrte er zu einem Sternbilde des Tierkreises. Jetzt galt es, das Gestirn aufzufinden, das etwa an dessen Stelle getreten wre, also den Punkt, welchen die verlngerte Erdachse nun durchschnitt. Dieser Beobachtung widmete sich Hector Servadac mehrere Stunden lang. Der neue Polarstern mute ebenso unbeweglich erscheinen wie frher der alte; um ihn allein mute sich die scheinbar tgliche Revolution des gesamten Sternenheeres vollziehen.

Kapitn Servadac erkannte bald, da ein dem nrdlichen Horizonte sehr nahe stehender Stern diese Bedingung der Unbeweglichkeit erfllte und allein unter allen brigen stationr erschien.

Dieser Stern war die Wega in der Leier - derselbe brigens, der infolge des Fortschreitens der Nachtgleichen in 12000 Jahren wirklich die Rolle des Polarsternes zu bernehmen bestimmt ist. Da in vierzehn Tagen aber 12000 Jahre doch unmglich verflossen waren, so blieb nur die Annahme brig, da die Erdachse eine pltzliche Vernderung ihrer Richtung erlitten haben msse.

Und nicht die Achsenrichtung allein, schlo der Kapitn weiter, ist jetzt eine andere, sondern das Mittelmeer mu auch in die Nhe des quators versetzt sein, da jener Stern von hier aus dem Horizonte so nahe zu stehen scheint.

Er versank in tiefes Sinnen, whrend seine Blicke vom groen Bren, der jetzt ein Sternbild des Tierkreises darstellte und dessen Schwanz gar nicht mehr zu sehen war, nach jenen neuen Sternen der sdlichen Hemisphre schweiften, die sich zum ersten Male vor seinen Augen erhoben.

Ein Ausruf Ben-Zoufs erinnerte ihn erst wieder an die Erde.

Der Mond! rief die Ordonnanz.

Der Mond!

Ja, ja, der Mond! wiederholte Ben-Zouf, hoch erfreut, den Begleiter der irdischen Nchte, wie die Dichter sagen, wiederzusehen.

In der Tat zeigte sich eine Scheibe an der dem jetzt von der Sonne eingenommenen Punkte entgegengesetzten Stelle.

War das der Mond oder einer der kleineren Planeten, der infolge der Annherung vielleicht nur grer erschien.

Kapitn Servadac wre sehr in Verlegenheit gewesen, sich hierber auszusprechen. Er holte ein starkes Fernrohr, dessen er sich bei seinen geodtischen Arbeiten gewhnlich zu bedienen pflegte, und richtete es nach dem Gestirn.

Wenn das der Mond ist, sagte er dann, so mu er sich betrchtlich von uns entfernt haben. Ich schtze die Distanz bis zu ihm nicht auf Tausende, sondern auf Millionen von Meilen!

Nach genauer Beobachtung glaubte er behaupten zu knnen, da das der Mond nicht sei. Er fand auf der beleuchteten Scheibe nicht jene Abwechslung von Licht und Schatten, welche ihr einige hnlichkeit mit einem Menschenantlitz verleihen; nichts von den Ebenen und Bergen des Mondes, noch von dem bekannten Stern von Streifen, die rings um den berhmten Berg Tycho ausstrahlen.

Nein, nein, das ist nimmermehr der Mond! erklrte er.

Ja, warum denn nicht? fragte Ben-Zouf, der von seiner vermeintlichen Entdeckung nicht so leicht abzubringen war.

Weil jenes Gestirn daselbst noch einen kleinen Mond, der ihm als Satellit dient, besitzt.

Wirklich zeigte sich ein kleiner leuchtender Punkt, etwa hnlich den Satelliten des Jupiter in mittelstarken Teleskopen anzusehen, in dem Gesichtsfelde des Rohres.

Wenn das der Mond aber nicht ist, was ist's denn dann? rief Kapitn Servadac und stampfte mit dem Fue. Die Venus ist es nicht und Merkur ist es nicht, denn diese haben keine Satelliten. Unzweifelhaft aber handelt es sich hier nur um einen Planeten innerhalb der Bahn der Erde, da er die Sonne bei ihrer scheinbaren Bewegung begleitet.

Zum Teufel, wenn es Venus und Merkur nicht ist, so kann es aber nur der Mond sein, und wenn es der Mond ist, wo, zum Kuckuck, hat er jenen Satelliten hergestohlen?

Achtes Kapitel

Worin die Rede ist von der Venus und dem Merkur, welche zu Steinen des Anstoes zu werden drohen.

Bald stieg die Sonne wieder auf, und das ungezhlte Heer der Sterne verschwand vor ihrem mchtigen Glnze. Jetzt war's mit dem Beobachten zu Ende. Bei geeignetem Zustande der Atmosphre sollte die Fortsetzung in der nchsten Nacht folgen.

Von der Scheibe, welche frher durch die Wolkendecke schimmerte, keine Spur. Sie war entweder infolge einer ungeheuren Entfernung oder der Richtung ihres regellosen Laufes dem Blicke vollkommen verschwunden.

Die Witterung lie sich wieder prchtig an. Der nach dem frheren Westen umgesprungene Wind hatte sich fast vollstndig gelegt. Mit tadelloser Pnktlichkeit ging die Sonne ber ihrem neuen Horizonte auf und an dem entgegengesetzten unter. Tage und Nchte whrten mathematisch genau je sechs Stunden lang, woraus der Schlu folgte, da die Sonne sich nicht von dem neuen quator entfernte, dessen Kreisbogen ber die Insel Gourbi lief.

Gleichzeitig stieg die Temperatur fortwhrend. Kapitn Servadac las mehrmals tglich das in seinem Zimmer angebrachte Thermometer ab und fand am 15. Januar, da es im Schatten 500 C. (= 400 R.) zeigte.

Da der Gourbi auch jetzt noch in Ruinen lag, so versteht es sich von selbst, da Kapitn Servadac und Ben-Zouf das grte Zimmer des Wachthauses mglichst wohnlich in Stand gesetzt hatten. Erst boten dessen Mauern ihnen einen besseren Schutz gegen die wahrhaft diluvianischen Regengsse, jetzt wehrten sie erfolgreicher dem Eindringen der versengenden Tageshitze. Letztere ward nach und nach wirklich unertrglich, vorzglich da kein Wlkchen mehr den entsetzlichen Sonnenbrand auffing, und gewi brtete weder ber dem Senegal noch ber den quatorialgebieten Afrikas jemals vorher eine solche verzehrende Glut. Wenn diese Temperatur anhielt, mute alle Vegetation der Insel in krzester Zeit verkohlen.

Treu seinen Prinzipien gab Ben-Zouf sich alle Mhe, von dieser abnormen Hitze gar nicht belstigt zu erscheinen; der Schwei aber, der ihm in Strmen herabrann, strafte ihn Lgen. Er hatte trotz der Abmahnungen seines Kapitns seinen Wachtdienst auf dem Uferfelsen nicht einstellen wollen. Dort lie er sich, auf dem Ausflug nach dem wie ein Teich so stillen und ganz verlassenen Mittelmeere, gewissensruhig braten. Er mute wohl eine doppelte Haut und mit einer Auenwand verblendete Hirnschale haben, um die lotrechten Strahlen der Mittagssonne berhaupt aushalten zu knnen.

Eines Tages machte Kapitn Servadac ihm gegenber eine derartige Bemerkung.

Na, du bist doch wohl unter den Tropen geboren?

Ei nein, Herr Kapitn, direkt auf dem Montmartre, und da ist's manchmal ebenso!

Darber, da auf Ben-Zoufs Leib- und Lieblingshgel eine ebensolche Hitze herrschen knne wie in den quatorgegenden, war mit ihm gar nicht zu diskutieren.

Die auergewhnliche Temperatur mute natrlich auch auf die Produkte der Insel Gourbi ihren sichtbaren Einflu uern. Auch die Natur empfand ja die Folgen jenes schroffen klimatischen Wechsels. Binnen wenig Tagen scho der Saft der Bume bis in deren letzte Zweige in die Hhe, die Knospen sprangen, die Bltter entfalteten sich, die Blumen erblhten und die Frchte erschienen. Nicht anders stand es mit den Cerealien. Korn- und Maishren wuchsen vor den Augen und die Wiesen bedeckten sich mit einem ppigen grnen Teppich. Heu-, Getreide- und Fruchternte fielen in ein und dieselbe Periode; Sommer und Herbst flossen zu einer einzigen Jahreszeit zusammen.

Warum hatte Kapitn Servadac auch sich nicht eingehender mit Kosmographie beschftigt? Er htte sich dann folgendes sagen mssen:

Wenn die Neigung der Erdachse eine andere wurde und, worauf alles hinzudeuten scheint, einen rechten Winkel mit der Ekliptik bildet, so mssen die Verhltnisse jetzt ganz denen auf dem Jupiter entsprechen. Es kann auf der Erdkugel keine Jahreszeiten mehr, sondern nur noch Zonen eines ewigen Frhlings, Sommers, Herbstes und Winters geben.

Er htte aber ohne Zweifel auch noch hinzugefgt:

Aber bei allen Rebenhgeln der Gascogne, welcher Ursache verdanken (?) wir diese Vernderung?

Die sich gleichsam selbst bereilende Saison machte den Kapitn und seine Ordonnanz doch einigermaen bedenklich. Fr so viel gleichzeitige Arbeiten muten ja die helfenden Arme fehlen, selbst wenn die ganze Bevlkerung der Insel aufgeboten wurde. Dazu hinderte auch die brennende Sonne ein unausgesetztes Arbeiten auf den Feldern. Jedenfalls drohte noch keine Gefahr im Verzuge. Neben den sehr reichlichen Vorrten des Gourbi lag die Hoffnung nahe, da bei dem jetzt ruhigen und prachtvollen Wetter ein Schiff in Sicht der Insel passieren werde. Gerade dieser Teil des Mittellndischen Meeres ist ja sehr stark besucht. Hier verkehren die Regierungsschiffe, welche den Dienst lngs des Landes haben, neben Kstenfahrern von allen Nationalitten, welche in lebhafter Verbindung mit den kleineren Seepltzen stehen.

Ein solches Rsonnement war gewi ganz begrndet, aber aus einem oder dem anderen Grunde erschien leider kein Segel auf dem Meere und Ben-Zouf htte sich ganz vergeblich auf dem kalzinierten Uferfelsen schmoren lassen, wenn ihm nicht ein improvisierter Sonnenschirm einigermaen als Schutz diente.

Whrend dieser Zeit versuchte Kapitn Servadac, leider ziemlich vergeblich, seine alten Erinnerungen aus College und Schule wieder aufzufrischen. Er vertiefte sich in kopfzerbrechende Rechnungen, um bezglich der neuen Verhltnisse des Erdsphroids ins reine zu kommen, aber freilich ohne besonderes Resultat. Dabei htte er sich doch auch sagen mssen, da neben jener Vernderung der Erdrotation um die Achse des Planeten auch dessen Bahn um die Sonne jedenfalls nicht dieselbe geblieben sein knne und sich damit die Lnge des Jahres, entweder durch eine Zunahme oder durch eine Verminderung derselben, verndert zeigen msse.

Allem Anscheine nach nherte sich die Erde der Sonne. Ihre Bahn war offenbar eine andere geworden; damit stimmte nicht nur die auffallende Erhhung der Temperatur berein, sondern auch noch andere Erscheinungen htten Kapitn Servadac darber belehren mssen, da die Erdkugel sich dem Zentrum der Attraktion in unserem Planetensystem nhere.

In der Tat ma der Durchmesser der Sonnenscheibe das Doppelte von frher, vorausgesetzt, da man jene vor diesen auergewhnlichen Ereignissen mit unbewaffnetem Auge betrachtete. Ein Beobachter auf der Oberflche der Venus, d. h. in einer mittleren Entfernung von etwa 12-1/2 Millionen Meilen von der Sonne, htte letztere ungefhr in derselben Gre wahrgenommen. Hieraus lie sich folgern, da jetzt die Erde statt durchschnittlich 20 Millionen Meilen nur noch deren 12-1/2 Millionen von dem Zentralkrper abstehen knne. Nun wurde es von hohem Interesse, zu wissen, ob diese Entfernung nicht noch weiter abnehmen werde, in welchem Falle ja die Befrchtung entstand, da die Erdkugel infolge einer Strung des Gleichgewichtes zwischen den sie beherrschenden anstoenden und abstoenden Krften bis zur Sonnenoberflche selbst gerissen werden knne, was natrlich ihrem totalen Untergange gleich zu achten war.

Wenn die anhaltend schnen Tage jetzt die Beobachtung des Himmelsgewlbes begnstigten, so untersttzten die nicht minder schnen Nchte Kapitn Servadac sehr wesentlich bei seinen Betrachtungen der prchtigen Sternenwelt. Fixsterne und Planeten prsentierten sich da wie Glieder eines ungeheuren Alphabetes - nur da er dieses so wenig zu entziffern vermochte, machte ihm so manchen Kummer. Die Fixsterne muten ihm selbstverstndlich zwar unter denselben Gren- und relativen Entfernungsverhltnissen erscheinen. Man wei ja, da die Sonne, welche mit einer Schnelligkeit von 36 Millionen Meilen im Jahre nach dem Sternbilde des Hercules zueilt, noch keine bemerkenswerte Vernderungen der scheinbaren Stellung der Fixsterne hervorgebracht hat. Dasselbe ist der Fall mit dem Arktur, der sich mit einer Geschwindigkeit von ber elf Meilen in der Sekunde, d. i. dreimal so schnell als die Erde, durch den Weltraum bewegt.

Boten aber auch die Fixsterne keine Anhaltepunkte zur Lsung der betreffenden Rtsel, so stand es doch anders bezglich der Planeten, wenigstens derjenigen, deren Bahn innerhalb der Erdbahn gelegen ist.

Dieser Bedingung entsprechen zwei, die Venus und der Merkur. Die erstere kreist um die Sonne in einer mittleren Entfernung von 16 Millionen Meilen, der letztere in einer solchen von 9 Millionen. Die Bahn der Venus umschliet also die des Merkur, die Erdbahn aber die anderen beiden. Nach langer Beobachtung und anstrengendem Grbeln kam Kapitn Servadac auch zu dem Resultate, da die Quantitt der Wrme und des Lichtes, welche die Erde jetzt tatschlich empfing, etwa der gleich kam, welche die Venus von der Sonne erhielt, d. h. das Doppelte der frher die Erde treffenden Menge. Sein daraus gezogener Schlu, da sich die Erdkugel der Sonne merklich genhert haben msse, wurde nur besttigt durch den jetzigen Anblick der Venus, die, wenn sie als Morgen- oder Abendstern aus den Strahlen der Sonne hervortritt, auch die Bewunderung der Indifferentesten wachruft.

Phosphorus oder Lucifer, Hesperus oder Vesper, wie ihn die Alten nannten, der Abendstern, der Morgen- oder der Hundsstern - niemals hat ein anderes Gestirn, mit Ausnahme vielleicht des Mondes, soviel Namen erhalten - kurz, die Venus zeigte sich dem Auge des Kapitn Servadac unter der Form einer relativ ungeheuren Scheibe. Sie erschien wie ein kleiner Mond und man konnte ihre Phasen mit bloem Auge recht gut beobachten. Bald voll, bald in der Quadratur, immer waren alle Teile derselben sichtbar. Wenn sie zu- oder abnahm, sah man deutlich, da die Strahlen der Sonne auch noch bis nach solchen Punkten hindrangen, fr welche jene eigentlich schon untergegangen sein mute; ein Beweis, da die Venus eine Atmosphre besa, da sich diese Erscheinungen der Refraktion an ihrer Oberflche zeigten. Einige neben dem Lichtrande hervorragende helle Stellen gehrten eben so vielen hohen Bergen an, denen Schrter mit Recht eine den Montblanc etwa zehnfach bersteigende Hhe zuschreibt, indem diese etwa den 144. Teil des Durchmessers des Planeten erreicht. Kapitn Servadac glaubte zu dieser Zeit annehmen zu drfen, da die Venus sich nur gegen eine Million Meilen von der Erde entfernt befand, und teilte seine Mutmaung auch Ben-Zouf mit. Die hchsten Berge der Erde erreichen nur den 740. Teil ihres Durchmessers.

Nun, Herr Kapitn, erwiderte die Ordonnanz, ich dachte, das wre recht hbsch, so eine Million Meilen Entfernung zwischen zwei Planeten.

Fr zwei Armeen im Felde wre das wohl eine Strecke, antwortete Kapitn Servadac, aber fr zwei Planeten ist es so gut wie nichts!

Und was kann da geschehen?

Der Teufel, wir werden auf die Venus fallen.

Nun, was ist das weiter, Herr Kapitn? Ist denn daselbst auch noch Luft zu finden?

Jawohl.

Und Wasser?

Gewi.

Nun gut, so besuchen wir einmal Frau Venus.

Aber der Sto bei der Ankunft wird entsetzlich werden, denn die beiden Planeten scheinen sich in entgegengesetztem Sinne zu bewegen, und da ihre Massen so ziemlich gleich sind, mu die Kollision fr den einen und den anderen wahrhaft furchtbar ausfallen.

Ei, zwei Zge, weiter nichts, zwei Zge, die aufeinanderfahren! entgegnete Ben-Zouf mit einer Ruhe, die den Kapitn nahezu auer sich brachte.

Jawohl, zwei Zge, Tlpel! rief Hector Servadac, aber zwei solche, welche tausendmal so schnell dahinfliegen wie die Kurierzge, wodurch dann magst du sehen, was von deinem Erdenklo von Montmartre noch brig ist!

Das war Ben-Zouf ein Stich ins Herz. Er prete die Lippen aufeinander und ballte die Fuste, aber er bezwang sich, und nach einigen Augenblicken, als er den Erdklo glcklich hinuntergewrgt hatte, sagte er ruhig:

Herr Kapitn! Hier stehe ich. Befehlen Sie! Wenn es ein Mittel gibt, diesen Zusammensto zu verhindern ...

Es gibt keines, Dummkopf - geh zum Teufel!

Auf diese Antwort hin verlie Ben-Zouf verletzt den Platz und sprach kein weiteres Wort.

Im Laufe der nchsten Tage verminderte sich die Entfernung zwischen den beiden Planeten noch mehr, und offenbar mute die Erde infolge der Lage ihrer neuen Bahn die der Venus schneiden. Gleichzeitig hatte sie sich auch dem Merkur merkbar genhert. Dieser Planet, der mit bloem Auge nur selten, und zwar nur dann sichtbar ist, wenn er sich in der grten stlichen oder westlichen Abweichung von der Sonne befindet, strahlte jetzt in vollem Glanze. Seine den Mondphasen ganz analogen Vernderungen, seine Brechung der Strahlen der Sonne, welche ihm siebenmal mehr Licht und Wrme zusendet als der Erde, seine heien und kalten Zonen, welche infolge der starken Neigung seiner Umdrehungsachse fast durcheinanderfallen, seine quatorgegenden und die bis neunzehn Kilometer hohen Berge - alles erhhte das Interesse an der Beobachtung dieser leuchtenden Scheibe, der die Alten den Namen die Glnzende gaben.

Doch vom Merkur drohte ja noch keine unmittelbare Gefahr. Am 18. Januar war die Distanz zwischen den beiden anderen Planeten etwa auf eine halbe Million Meilen reduziert. Die Lichtintensitt der Venus warf schon einen deutlichen Schatten hinter die irdischen Gegenstnde. Man konnte auf jener bereits Wolken entdecken und schien die mit Dnsten berladene Atmosphre die Scheibe mit zebrahnlichen Streifen zu berziehen. Man sah die sieben Flecke, welche, wie Bianchini ganz richtig angenommen hat, wirklich unter sich zusammenhngenden Meeren angehren. Endlich war der Planet auch bei hellem Tageslichte zu sehen, was dem Kapitn Servadac jedenfalls weit weniger schmeichelte als seinerzeit dem General Bonaparte, als er, noch unter dem Direktorium, die Venus am hellen Mittag sah und sie nicht ungern als seinen Stern bezeichnen hrte.

Am 20. Januar hatte die reglementmig den beiden Gestirnen vorgeschriebene Distanz noch weiter abgenommen.

In welcher Angst mgen jetzt unsere Kameraden von der afrikanischen Armee schweben, unsere Freunde in Frankreich und berhaupt alle Bewohner beider Kontinente? fragte sich wiederholt Kapitn Servadac. Wie viele Artikel darber werden jetzt die Zeitungen fllen? Welche andchtige Menge in den Kirchen! Jetzt wird man das Ende der Welt kommen glauben! Ich denke auch, Gott sei mir gndig, da es noch nie so nahe war! Und ich, ich erstaune darber, da kein Schiff in Sicht der Insel erscheinen will, um uns Verlassene abzuholen. Hat denn der Generalgouverneur, hat der Kriegsminister jetzt die Zeit, um an uns zu denken? Vor Verlauf von zwei Tagen wird die Erde in Millionen Stckchen zertrmmert sein, welche dann ganz nach Belieben im Weltraume umherirren.

Es sollte aber anders kommen.

Von diesem Tage ab schienen sich die beiden einander drohenden Gestirne nach und nach zu entfernen. Zum Glck fielen die Bahnen der Erde und die der Venus nicht vollstndig zusammen, so da es nicht zur Kollision kam.

Ben-Zouf stie einen Seufzer des guten Zutrauens aus, als sein Kapitn ihm die frohe Botschaft mitteilte.

Am 25. Januar war die Distanz schon gro genug, um in dieser Hinsicht jede Furcht zu verscheuchen.

Nun wohl, sagte Kapitn Servadac, diese Annherung hat uns wenigstens dazu gedient, zu zeigen, da die Venus keinen Mond besitzt!

Wirklich hatten Dominique Cassini, Short, Montaigne des Limoges, Montbarron und einige andere Astronomen ganz im Ernste an das Vorhandensein eines solchen Satelliten geglaubt.

Es ist wirklich fatal, scherzte Hector Servadac, diesen kleinen Mond htten wir vielleicht im Vorberfliegen abfangen knnen und besen dann zwei solche Begleiter. Aber zum Kuckuck, ich komme doch nie dazu, eine Erklrung fr diese Umnderung der ganzen Himmelsmechanik zu finden.

Herr Kapitn? lie sich da Ben-Zouf vernehmen.

Was willst du?

Gibt es nicht in Paris am Ende des Luxemburg ein Haus mit einer groen Haube auf dem Kopfe?

Das Observatorium?

Ja freilich. Ist es denn nicht die Sache der Herren, die in diesem Haubenhause wohnen, alles das zu erklren.

Ohne Zweifel.

Nun, so wollen wir den Ausspruch der Herren ruhig abwarten, Herr Kapitn, und uns als Philosophen fgen.

Ei, Ben-Zouf, weit du denn berhaupt, was man unter einem Philosophen versteht?

Gewi, weil ich Soldat bin.

Nun, was denn?

Sich dem Schicksal zu unterwerfen, wenn man es zu ndern nicht im Stande ist, und das ist ganz unser Fall.

Hector Servadac gab seiner Ordonnanz keine weitere Antwort, man darf aber wohl mit Recht vermuten, da er vorlufig wenigstens darauf verzichtete, das zu erklren, was fr ihn doch unerklrlich blieb.

Da trat ganz unerwartet ein Ereignis ein, welches von sehr weitreichenden Folgen sein konnte.

Am 27. Januar gegen neun Uhr morgens kam Ben-Zouf ganz seelenruhig nach dem Wachthause, um den Offizier aufzusuchen.

Herr Kapitn? begann er, als ob gar nichts passiert sei.

Was gibt's? antwortete Kapitn Servadac.

Ein Schiff!

Tlpel, das sagt der Mensch so ruhig, als meldete er, da die Suppe serviert sei.

Ei, ei, wir sind ja Philosophen! entgegnete Ben-Zouf.

Neuntes Kapitel

In welchem Kapitn Servadac eine Reihe Fragen stellt, die ohne Antwort bleiben.

Hector Servadac war hinausgeeilt, so schnell er konnte, um den gewhnlich zur Umschau dienenden Uferfelsen zu erreichen.

Ein Fahrzeug segelte in Sicht der Insel, das unterlag keinem Zweifel, nur trennten es noch mindestens zehn Kilometer von der Kste, so da man bei der starken Konvexitt der Erde, welche den Gesichtskreis beschrnkte, jetzt nur die Spitze eines Mastes sehen konnte.

Obwohl der Rumpf des betreffenden Schiffes noch lange Zeit verborgen blieb, verriet doch der schon sichtbare Teil der Takelage, welcher Klasse von Fahrzeugen jenes angehrte. Offenbar war es nmlich eine Golette, und zwei Stunden nach Ben-Zoufs Meldung von ihrem Erscheinen wurde sie auch in allen Teilen sichtbar.

Unausgesetzt betrachtete Kapitn Servadac den Segler mit dem Fernrohre.

Die Dobryna! rief er aus.

Die Dobryna? wiederholte Ben-Zouf zweifelnd. Das kann sie nicht sein, man sieht ja keinen Rauch.

Sie geht nur unter Segel, versicherte Kapitn Servadac, aber es ist und bleibt doch die Golette des Grafen Timascheff.

Es war in der Tat die Dobryna, und wenn sich auch der Graf selbst an Bord befand, so fhrte ein beraus merkwrdiger Zufall die beiden Nebenbuhler wieder zusammen.

Selbstverstndlich sah Kapitn Servadac in dem Manne, den die Golette jetzt nach der Insel trug, nur noch seinesgleichen und keinen Gegner mehr, ja, er gedachte jetzt mit keiner Silbe weder seines unterbrochenen Ehrenhandels mit dem Grafen, noch auch der Ursachen zu demselben. Alle Verhltnisse lagen ja so gendert, da er das lebhafteste Verlangen fhlte, Graf Timascheff zu sehen und sich mit ihm ber so viele auerordentliche Ereignisse auszusprechen. Whrend einer Abwesenheit von siebenundzwanzig Tagen hatte die Dobryna ja recht wohl die benachbarten Ksten Algeriens, vielleicht auch Spanien, Italien, Frankreich, berhaupt die Anlnder des so pltzlich vernderten Mittelmeeres besuchen knnen, und folglich durfte man von ihr Nachrichten ber alle jene Lndergebiete erwarten, von denen die Insel Gourbi jetzt abgeschnitten war. Hector Servadac hoffte also nicht nur Nheres ber den Umfang der beispiellosen Katastrophe zu erfahren, sondern vielleicht auch deren Ursache kennenzulernen.

Wo soll die Golette aber jetzt, wo die Cheliffmndung nicht mehr existiert, ans Land gehen? fragte Ben-Zouf.

Sie wird gar nicht anlegen, antwortete der Kapitn. Der Graf sendet gewi nur ein Boot ans Ufer, um uns abzuholen.

Die Dobryna nherte sich, wenn auch nur langsam, denn sie hatte Gegenwind und konnte nur durch ganz scharfes Segeln am Winde Fahrt machen. Es mochte auffallen, da sie ihre Dampfkraft unbenutzt lie, denn gewi war man an Bord begierig zu erfahren, welche Insel sich da am Horizonte erhob. Mglicherweise fehlte es der Dobryna etwas an Brennmaterial und sie bediente sich nur ihres Segelwerkes, um jenes zu schonen. Zum Glck hielt sich die Witterung, trotz verdchtiger Streifen von Windwolken am Himmel, recht gut, die Brise gnstig, das Meer verhltnismig ruhig, und so kam die Golette ohne widrigen Seegang ziemlich gut von der Stelle.

Hector Servadac zweifelte keinen Augenblick, da die Dobryna die ihr auftauchende Kste nicht anzulaufen trachte. Graf Timascheff mute sich fr weit verschlagen halten; denn wo er den Anblick des afrikanischen Festlandes erwartete, traf er nur auf eine Insel. Konnte er nicht befrchten, an dieser ihm neuen Kste keinen passenden Platz zu finden, wo sein Schiff sicher ankerte? Vielleicht tat Kapitn Servadac wohl daran, einen Ankerplatz zu suchen und nach Auffindung eines solchen ihn der Golette, wenn sie zgern sollte, nher zu kommen, durch Signale zu bezeichnen.

Bald lag es auer Zweifel, da die Dobryna auf die frhere Mndung des Cheliff zu hielt. Kapitn Servadacs Beschlu war nun schnell gefat. Zephir und Galette wurden gesattelt und flogen bald, mit ihren Reitern auf dem Rcken, nach dem Westende der Insel.

Zwanzig Minuten spter stiegen der Stabsoffizier und seine Ordonnanz aus dem Bgel und untersuchten so weit als tunlich diesen Teil des Ufers.

Hector Servadac fand bald, da sich hinter jener Landspitze, und von ihr geschtzt, eine kleine Bucht ausbreitete, welche einem Schiffe von mittlerem Tonnengehalte recht gut als Hafen dienen konnte. Gegen die offene See schlo die kleine Wasserflche eine Reihe groer Klippen ab, durch welche ein schmaler Kanal als Einfahrt diente. Auch bei schwerem Wetter mute dieser Schlupfwinkel ziemlich ruhig bleiben. Wie erstaunte aber Hector Servadac, als er bei nherer Betrachtung der Uferfelsen an diesen die Spuren einer vorausgegangenen, durch lange Linien zurckgebliebener Varecbschel bezeichneten Hochflut entdeckte.

Was zum Teufel! rief er, jetzt hat also das Mittelmeer wirkliche Gezeiten?

Ganz entschieden machte sich hier in der Tat das Steigen und Fallen des Wassers bemerkbar, und zwar in ganz betrchtlichem Mae - eine neue Sonderbarkeit neben den vielen anderen, denn bisher beobachtete man Ebbe und Flut im Mittelmeer nur in ganz geringen Andeutungen.

Dabei zeigte sich, da die Fluthhe, seit ihrem strksten Ansteigen, welches ohne Zweifel auf die Nhe der enormen Scheibe in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar zurckzufhren war, sich immer weiter vermindert hatte und sich jetzt in den bescheidenen, vor Eintritt der Katastrophe gewhnlichen Verhltnissen bewegte.

Kapitn Servadac hielt sich aber nicht lange mit dieser Erscheinung auf, sondern wandte seine ganze Aufmerksamkeit nur der Dobryna zu.

Die Golette befand sich jetzt nur zwei bis drei Kilometer vom Ufer. Die ihr geltenden Signale muten an Bord bemerkt und verstanden werden. Wirklich nderte sie ein wenig ihren Kurs und zog die Obermarssegel ein. Bald trug sie nur noch die Gro- und einige Stag- und Klversegel, um dem Steuer schneller nachzugeben. Endlich umschiffte sie die Spitze der Insel und drang, indem sie gegen den ihr vom Stabsoffizier bezeichneten Durchfahrtskanal manvrierte, khn in denselben ein. Einige Minuten spter griff der Anker in den sandigen Grund der Bucht, ein Boot ward flottgemacht und Graf Timascheff betrat das Ufer.

Kapitn Servadac eilte ihm entgegen.

Herr Graf, rief der Stabsoffizier, vor jeder anderen Auseinandersetzung, was in aller Welt ist geschehen?

Graf Timascheff, eine sehr khle Natur, deren unbesiegbares Phlegma mit der quecksilbernen Lebhaftigkeit des Franzosen auffallend kontrastierte, verneigte sich ein wenig und antwortete mit dem allen Russen eigentmlichen Akzent:

Herr Kapitn, erlauben Sie mir, Ihnen vor allem anderen zu bemerken, da ich nicht die Ehre zu haben hoffte, Sie hier wiederzusehen. Ich verlie Sie auf einem Kontinente und finde Sie auf einer Insel ...

Ohne da ich von der Stelle gekommen bin.

Ich wei es, Herr Kapitn, und bitte auch mein Ausbleiben von dem besprochenen Rendezvous zu entschuldigen, indes ...

Oh, Herr Graf, fiel ihm da Kapitn Servadac ins Wort, davon knnen wir, wenn es Ihnen beliebt, spter sprechen.

Ich stehe Ihnen stets zu Diensten.

So wie ich Ihnen. Jetzt lassen Sie mich nur die Frage wiederholen: Was, was ist geschehen?

Das wollte ich Sie fragen, Herr Kapitn.

Wie? Sie wten nichts?

Gar nichts!

Und vermgen mir also keine Auskunft zu geben, welches unerhrte Ereignis diesen Teil Afrikas in eine Insel verwandelte?

Leider vermag ich das nicht.

Noch wie weit sich die Wirkungen dieser Katastrophe erstreckten?

Davon wei ich nicht mehr als Sie, Herr Kapitn.

Aber mindestens knnen Sie mir ber den nrdlichen Teil des Mittellndischen Meeres Aufschlu geben ...

Ja, gibt es denn noch ein Mittelmeer? unterbrach Graf Timascheff Kapitn Servadacs Erkundigungen.

Das mssen Sie doch besser wissen als ich, Herr Graf, da Sie es ja eben befahren haben.

Ich habe es nicht befahren.

Sie htten sich an keinem Punkte der Kste aufgehalten?

Nicht einen Tag, nicht eine Stunde lang, ja, ich habe berhaupt kein Land zu Gesicht bekommen.

Stumm vor Erstaunen starrte der Stabsoffizier den Russen an.

Aber mindestens, Herr Graf, nahm er das Gesprch wieder auf, beobachteten Sie doch, da seit dem 1. Januar Osten und Westen vertauscht sind?

Ja.

Da die Lnge des Tages nur noch sechs Stunden betrgt?

So ist es.

Da die Intensitt der Schwere abgenommen hat?

Ganz recht.

Da wir unseren Mond verloren?

Wie Sie sagen.

Da wir beinahe auf die Venus gestoen wren?

Einverstanden.

Und da folglich die Bewegungen der Erde um sich selbst und um die Sonne eine nderung erlitten haben?

Das steht unzweifelhaft fest.

Verzeihen Sie mein Erstaunen, Herr Graf, fgte Kapitn Servadac hinzu. Ich glaubte nicht, Ihnen etwas mitteilen zu mssen, sondern hoffte, viel Neues von Ihnen zu erfahren.

Ich wei nichts weiter, Herr Kapitn, als da meine Golette, als ich mich in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar auf dem Meere unterwegs zu unserem Stelldichein befand, von einer enormen Woge zu einer ganz unberechenbaren Hhe emporgeschleudert ward. Die Elemente dnkten mir durch irgendeine kosmische Erscheinung, deren Ursache jeder Erklrung spottet, direkt durcheinandergewrfelt. Seit diesem Augenblicke sind wir, der Untersttzung unserer etwas havarierten Maschine entbehrend, aufs Geratewohl und auf Gnade und Ungnade dem entsetzlichen Sturme berliefert, welcher einige Tage hindurch wtete, weitergesegelt. Ein Wunder ist es, da die Dobryna nicht in Stcke ging, und der Wahrscheinlichkeit, da sie sich bei jenem frchterlichen Zyklone im Zentrum desselben befand, schreibe ich es zu, da sie trotz alledem nicht so sehr weit verschlagen wurde. Land haben wir freilich nicht wieder gefunden, und Ihre Insel ist das erste, welches uns zu Gesicht kam.

Dann erscheint es aber geboten, Herr Graf, bemerkte Kapitn Servadac, wieder in See zu gehen, das Mittelmeer zu durchsegeln und nachzuforschen, wie weit sich die Verwstungen jener Katastrophe erstrecken.

Das ist meine Absicht.

Werden Sie mir gestatten, mit an Bord zu gehen, Herr Graf?

Gewi, Herr Kapitn, selbst zum Zwecke einer Weltumseglung, wenn es ntig wre.

Oh, es handelt sich nur um eine Rundfahrt auf dem Mittelmeere.

Wer steht uns dafr ein, versetzte kopfschttelnd Graf Timascheff, da eine Fahrt um das Mittelmeer jetzt nicht gleichbedeutend mit einer Fahrt um die Erde ist?

Kapitn Servadac wurde nachdenklich und gab keine Antwort.

Jedenfalls gab es keinen anderen Ausweg als den eben beschlossenen, nmlich das afrikanische Ufer ab- oder vielmehr aufzusuchen, in der Stadt Algier Nachrichten ber den noch verbliebenen Rest der bewohnten Erde einzuholen, und, im Falle die ganze brige Sdkste des Mittelmeeres untergegangen wre, sich nach Norden zu wenden und mit den anwohnenden Vlkern Europas in Verbindung zu setzen.

Vor allem muten die Havarien an der Maschine der Dobryna ausgebessert werden. Im Innern des Kessels waren mehrere Flammenrohre gesprungen, durch welche das Wasser einen Weg nach dem Feuerroste fand, so da man jenen vor Ausfhrung dieser Reparaturen absolut nicht heizen konnte. Nur unter Segeln zu gehen, das erschien einesteils zu langsam und anderenteils schwierig, wenn das Meer zu unruhig und der Wind kontrr werden sollte. Da nun die auf einem Stapelplatze der Levante verproviantierte Dobryna noch fr zwei Monate Kohlen in ihren Behltern fhrte, so empfahl es sich, lieber unter Benutzung dieses Materials schnell zu reisen, selbst auf die Gefahr hin, sich im ersten besten Hafen wieder nach Ersatz umsehen zu mssen.

Nach dieser Seite war man sehr bald einig.

Auch die Havarien konnten glcklicherweise schnell ausgebessert werden. Unter den Vorrten der Golette befand sich eine Anzahl Reserverohre, welche anstelle der nun unbrauchbaren eingesetzt wurden. Drei Tage nach der Ankunft an der Insel Gourbi war der Kessel der Dobryna wieder im Stande, Dampf zu halten.

Whrend seines Aufenthaltes auf der Insel berichtete Hector Servadac dem Grafen Timascheff alles, was er bezglich seines engbegrenzten Gebietes wahrgenommen hatte. Beide streiften zu Pferde noch einmal lngs der neuen Ufer hin und glaubten sich nach dieser Besichtigung berechtigt, die Veranlassung zu allen jenen Vorkommnissen auerhalb dieses Teiles Afrikas zu suchen.

Am 31. Januar war die Golette zur Abfahrt bereit. In der Sonnenwelt schien keine neuere Vernderung eingetreten zu sein. Die Thermometer verkndeten allerdings eine geringe Erniedrigung der Temperatur, welche sich einen Monat ber auerordentlich hoch gehalten hatte. Sollte man daraus schlieen, da die Bewegung der Erde um die Sonne in einer neuen Kurve vor sich gehe? Vor Ablauf einiger Tage lie sich hierber nichts Bestimmtes sagen.

Die Witterung blieb bestndig schn, obwohl sich einige Dnste in der Luft ansammelten und die Barometersule etwas herabsank. Das war aber kein durchschlagender Grund, die Abreise der Dobryna zu verzgern.

Nun bestand blo noch die Frage, ob Ben-Zouf seinen Kapitn begleiten solle oder nicht. Neben manchen anderen zwang ihn besonders ein Grund, auf der Insel zurckzubleiben. Man konnte nmlich die beiden Pferde auf der hierzu nicht eingerichteten Golette unmglich mit einschiffen, und Ben-Zouf htte sich niemals von Zephir und Galette - vorzglich von der letzteren - trennen knnen. Die notwendige berwachung des neuen Landes, die Mglichkeit, da hier auch andere Fremde landen knnten, die Sorge fr einen Teil der Herden, welche man sich nicht ganz selbst berlassen konnte, da sie im Notfall die einzige Hilfsquelle der berlebenden Inselbewohner bildeten usw. - Alles das gab den Ausschlag, die Ordonnanz zurckzulassen, so da sich Kapitn Servadac, wenn auch ungern, endlich der Notwendigkeit fgte. Eine Gefahr brachte das Verlassenbleiben auf der Insel fr den wackeren Burschen ja nicht mit sich. Nach Einsichtnahme von dem neuen Zustande der Dinge wollten alle zurckkehren und im gnstigen Falle Ben-Zouf abholen und heimfhren.

Am 31. Januar nahm Ben-Zouf, etwas bewegt, wie es der Anstand erfordert, und bekleidet mit allen Machtvollkommenheiten des Gouverneurs von Kapitn Servadac Abschied. Er legte diesem noch ans Herz, fr den Fall, da er bis zum Montmartre kommen sollte, sich ja zu berzeugen, ob dieser etwa auch durch irgendein kosmisches Ereignis von seiner Stelle gerckt sei - und bald schwamm die Dobryna, welche mit Hilfe ihrer Schraube die kleine Bucht verlie, lustig auf dem offenen, weiten Meere.

Zehntes Kapitel

Worin man mit dem Fernrohr vor dem Auge und der Sonde in der Hand einige Spuren der Provinz Algier wiederzufinden sucht.

Die auf den Werften der Insel Wight bewundernswert solid gebaute Dobryna war ein Schiff von 200 Tonnen, das zu einer solchen Rundfahrt mehr als ausreichend erschien. Weder Kolumbus noch Magellan besaen so groe und verlliche Fahrzeuge, als sie sich ber den Atlantischen und den Pazifischen Ozean hinauswagten. Dazu barg die Dobryna in der Kombse Lebensmittel fr mehrere Monate, weshalb sie leicht auch rings um das ganze Mittelmeer fahren konnte, ohne unterwegs Proviant einnehmen zu mssen. Hier sei auch bemerkt, da es sich als unntig erwies, bei der Insel Gourbi die Menge des Ballastes zu vergrern.

Wenn die Golette auch seit der Katastrophe, ebenso wie alle materiellen Gegenstnde, wesentlich weniger wog, so war doch auch das Wasser um ebensoviel leichter und folglich minder tragfhig geworden. Bei dem Gleichbleiben des Verhltnisses beider Gewichte segelte die Dobryna also auch jetzt unter den nmlichen nautischen Bedingungen.

Graf Timascheff selbst war nicht Seemann. Die Fhrung, wenn auch nicht das Kommando der Golette, lag in Leutnant Prokops Hnden.

Dieser Leutnant, ein Mann von dreiig Jahren, war als Sohn eines lange vor dem berhmten Ukas des Kaisers Alexander freigelassenen Leibeignen auf einem Gute des Grafen geboren und hing aus Dankbarkeit, ebenso wie aus Freundschaft, mit Leib und Seele an seinem frheren Herrn. Am Bord verschiedener Kriegs- und Handelsschiffe zum ausgezeichneten Seemann ausgebildet, trat er mit dem Leutnantspatent in der Tasche auf der Dobryna ein. An Bord dieser Golette verlebte Graf Timascheff den grten Teil des Jahres auf Seereisen, kreuzte whrend des Winters hier- und dorthin ber das Mittelmeer und besuchte im Sommer die Meere des Nordens.

Leutnant Prokop war, auch auerhalb seines eigentlichen Faches, ein sehr unterrichteter Mann. Er machte Graf Timascheff, ebenso wie sich selbst, dadurch alle Ehre, da er sich eine seines hohen Gnners vollkommen wrdige Ausbildung erworben hatte. Besseren Hnden konnte die Dobryna gar nicht anvertraut werden. Auch die Mannschaft verdiente alles Lob. Sie bestand aus dem Mechaniker Tiglew, den vier Matrosen Niegoch, Tolstoy, Etkef und Panofka, und dem Koche Mochel, lauter Shne von Zinsbauern des Grafen, der auch auf dem Meere den Traditionen der groen russischen Familien treu blieb. Die Seeleute lieen sich wegen der Strung der physikalischen Weltordnung kein graues Haar wachsen, sobald sie wuten, da ihr angeborener Herr dasselbe Los mit ihnen teilte.

Leutnant Prokop war freilich sehr unruhig und sagte sich, da mit Graf Timascheff im Grunde dasselbe der Fall sei.

Die Dobryna steuerte unter Dampf und Segel den Kurs West-Ost und mute bei dem sehr gnstigen Winde ohne Zweifel mindestens elf Knoten in der Stunde zurcklegen, wenn die hohen Wellen nicht jeden Augenblick diese Schnelligkeit gebrochen htten.

Obwohl der aus Westen - jetzt dem neuen Osten - herwehende Wind hchstens den Namen einer guten Brise verdiente, so ging das Meer, wenn auch nicht bermig hoch, doch ziemlich betrchtlich. Die Ursache ist leicht einzusehen. Die infolge der verminderten Attraktion der Masse der Erde weit leichteren Wassermolekle erhoben sich durch einen einfachen Effekt der Oszillation zu ganz enormer Hhe. Arago, der das Maximum der Elevation fr die hchsten Wogen zu sieben bis acht Meter ansetzte, wrde sie hier zu seiner grten Verwunderung bis zu fnfzig oder sechzig Fu haben ansteigen sehen. Und das waren noch nicht einmal Brandungswellen, die gegeneinander stoend oft hoch aufspringen, sondern langgestreckte Wasserberge, welche die Golette bisweilen mit einer Niveaudifferenz von zwanzig Metern hoben und senkten. Die seit der Abnahme der Schwerkraft ebenfalls verhltnismig leichtere Dobryna tanzte ordentlich auf und nieder, und wenn Kapitn Servadac zur Seekrankheit inkliniert htte, wre er unter diesen Verhltnisse gewi ganz jmmerlich geqult worden.

brigens traten diese Niveauunterschiede auch nicht so schnell und stoend auf, da sie nur von einer Art sehr gestreckter hohler See herrhrten. Die Golette arbeitete dabei nicht mehr, als ob sie gegen die im allgemeinen so kurzen und harten Wellen des Mittelmeeres kmpfte. Das einzige Unbequeme des jetzigen Zustandes der Dinge lag vor allem in der verminderten Fahrgeschwindigkeit des Schiffes.

In einer Entfernung von zwei bis drei Kilometern folgte die Dobryna einer Linie, welche etwa der algerischen Kste entsprechen mute. Nach Sden hin zeigte sich kein Land. Obwohl Leutnant Prokop nicht im Stande war, den wirklichen Ort der Golette durch Planetenbeobachtungen zu ermitteln, da die gegenseitigen Stellungen jener Sterne gestrt waren, und obwohl er also kein Besteck machen, d. h. die geographische Lnge und Breite durch Berechnung des Hhenstandes der Sonne ber dem Horizonte nicht bestimmen konnte und die Resultate einer solchen Berechnung berdies nur nutzlos in die vor dem neuen kosmographischen System bearbeiteten Karten eingetragen worden wren, so lie sich der Kurs der Dobryna doch mit annhernder Genauigkeit bestimmen. Einesteils reichte fr diese beschrnkte Seefahrt hierzu die mittels der Logleine zu erlangende Schtzung des durchlaufenen Weges aus, anderenteils sicherten ihn die ganz genauen Angaben des Kompasses.

Glcklicherweise zeigte letzterer keinen Augenblick eine Strung oder Miweisung. Die kosmischen Phnomene blieben ohne Einflu auf die Magnetnadel, welche den magnetischen Nordpol noch immer in derselben Richtung, zweiundzwanzig und einen halben Grad vom nrdlichen Pole der Welt, markierte. Waren also Ost und West eines an die Stelle des anderen getreten, so hatten doch Nord und Sd ihre Stellung unter den Kardinalpunkten des Horizontes unverrckt beibehalten. Auch ohne die, wenigstens vorlufig unmgliche Benutzung des Sextanten konnte man sich also mit den Angaben des Kompasses und der Logleine begngen.

Im Laufe des ersten Reisetages erklrte Leutnant Prokop, der in diesen Dingen natrlich mehr Kenntnisse hatte als der franzsische Stabsoffizieren Gegenwart des Grafen Timascheff diese verschiedenen Einzelheiten. Er sprach, wie die Russen meistens, vollkommen franzsisch. Die Unterhaltung wendete sich erklrlicher Weise den Erscheinungen zu, deren letzte Ursache dem Leutnant Prokop freilich ebenso unbekannt war wie unserem Kapitn. Vorzglich handelte es sich dabei um die neue Bahn, welche die Erdkugel seit dem ersten Januar eingeschlagen hatte.

Es liegt auf der Hand, Kapitn, sagte Leutnant Prokop, da die Erde, welche eine uns unbekannte Ursache der Sonne nicht unbedeutend genhert, ihre alte Bahn um jene nicht mehr beschreibt.


Davon bin ich fest berzeugt, erwiderte Kapitn Servadac; doch jetzt ist es von besonderem Interesse, zu wissen, ob wir nach Durchschneidung der Bahn der Venus auch noch die des Merkur passieren werden.

Um zum Schlu auf die Sonne zustrzen und dort elend zugrunde zu gehen, setzte Graf Timascheff hinzu.

Das wre demnach ein Fallen, ein entsetzliches Fallen! rief Kapitn Servadac.

Nein, nein, bemerkte da Leutnant Prokop, ich glaube versichern zu knnen, da die Erde augenblicklich nicht von einem solchen Sturze bedroht ist. Sie bewegt sich nicht geradlinig nach der Sonne, sondern beschreibt unzweifelhaft eine neue Bahn rund um dieselbe.

Kannst du fr diese Hypothese Beweise beibringen? fragte Graf Timascheff.

Ja, Vater, erwiderte Leutnant Prokop, und einen Beweis, der dich berzeugen wird. Wenn die Erdkugel nmlich im Fallen begriffen wre, so stnde auch die endliche Katastrophe sehr nahe bevor und wir mten dem Zentrum der Attraktion schon sehr nahe sein. Wenn es ein Fallen wre, so mte die Tangentialkraft, welche in Verbindung mit der Anziehungskraft der Sonne die Planeten in ihre elliptischen Bahnen um letztere zwingt, augenblicklich aufgehoben worden sein, und unter dieser Bedingung wrde die Erde nur vierundsechzig und einen halben Tag brauchen, um auf die Sonne zu fallen.

Und Sie folgern aus dem allen? ... fragte Kapitn Servadac.

Da wir eben sicher nicht im Fallen sind, erklrte Leutnant Prokop. Bedenken Sie, da die Erdbahn schon einen ganzen Monat gendert und die Erdkugel doch noch kaum an der Venus vorbergekommen ist. Sie hat sich in diesem Zeitraume der Sonne also nur um sechs Millionen von den etwa zwanzig Millionen Meilen, dem Halbmesser der Erdbahn, genhert. Wir haben also alle Ursache, die jetzige Bewegung der Erde nicht als ein Fallen aufzufassen. Gewi ist das ein Glck zu nennen. brigens glaube ich sogar, da wir uns wieder von der Sonne zu entfernen anfangen, denn die Temperatur hat sich allmhlich vermindert, und die Hitze auf der Insel Gourbi erscheint nicht bedeutender, als sie es auch in Algier sein wrde, wenn dieses noch unter dem sechsunddreiigsten Breitengrade lge.

Ihre Schlufolgerungen sind ohne Zweifel richtig, Leutnant, stimmte Kapitn Servadac diesen Ausfhrungen bei. Nein, die Erde ist nicht auf die Sonne gestrzt worden, sondern kreist noch immer um diese.

Nicht minder sichtbar ist aber, fgte Leutnant Prokop hinzu, da infolge der Umwlzung, nach deren Grunde wir vergeblich forschen, das Mittelmeer samt dem anliegenden Kstenstriche Afrikas pltzlich in die quatoriale Zone versetzt wurde.

Wenn es noch afrikanische Kstenlnder gibt, sagte Kapitn Servadac.

Und berhaupt noch ein Mittelmeer, vervollstndigte Graf Timascheff.

Wie viele Fragen tauchten da wohl auf! Jedenfalls schien es zur Zeit festzustehen, da die Erde sich nach und nach von der Sonne entfernte und da ein Fall auf das Zentrum der Attraktion nicht zu befrchten sei.

Was war aber von jenem afrikanischen Kontinente brig, dessen Reste die Golette zu entdecken suchte?

Vierundzwanzig Stunden nach der Abfahrt von der Insel hatte die Dobryna offenbar die Punkte passiert, an denen lngs der Kste Algiers Tenez, Chercell, Koleah und Sidi-Ferruch liegen muten, ohne da eine dieser Stdte auch mittels des Fernrohres zu entdecken gewesen wre. Unbegrenzt wlzte das Meer auch da seine Wogen hin, wo ihnen sonst der Festlandswall ein Halt! gebot.

Bezglich des von der Dobryna gesteuerten Kurses konnte Leutnant Prokop sich nicht wohl tuschen. Unter Bercksichtigung der Kompaangaben, der ziemlich gleichbleibenden Richtung der Winde, ferner der mittels Log bestimmten Schnelligkeit der Gelette und der gleichzeitig wirklich durchlaufenen Strecke konnte er an diesem Tage annehmen, da das Schiff sich unter 36 47' der Breite und 20 44' stlicher Lnge vom Ferro, d. h. an der Stelle befinde, wo die Hauptstadt Algiers zu suchen war.

Die Stadt Algier aber, ebenso wie Tenez, Cherchell, Koleah und Sidi-Ferruch, war ebenfalls in der Tiefe verschwunden.

Mit gerunzelter Stirne und zusammengepreten Lippen richtete Kapitn Servadac die wild aufflammenden Augen ber das Meer, welches sich ber den unbegrenzten Horizont hinaus erstreckte. Alle Erinnerungen seines Lebens tauchten wieder in ihm auf. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Hier, an der Stelle der Stadt Algier, in der er einst mehrere Jahre verlebte, traten die Bilder seiner Freunde, die nun nicht mehr waren, vor seine Seele. Sein Gedanke schweifte weiter nach der Heimat, nach Frankreich. Er fragte sich, ob die furchtbare Erdrevolution nicht auch dort verheerend aufgetreten sein mge. Dann suchte er in der Tiefe des Wassers einige Spuren der verschlungenen Hauptstadt zu entdecken.

Nein, rief er verzweifelt, eine solche Katastrophe ist doch reinweg unmglich! Eine Stadt verschwindet doch nicht im Handumdrehen mit Mann und Maus! Es mten doch wenigstens einige Trmmer umherschwimmen. Von der Kasbah, von dem hundertfnfzig Fu hohen Fort Empereur wrde doch eine Spitze das Wasser berragen! Und wenn nicht ganz Afrika tief in die Eingeweide der Erde verschlungen wurde, mssen wir doch einige Spuren desselben wiederfinden!

Es erschien in der Tat auffallend, da kein Trmmerstck auf dem Meere schwamm, kein entwurzelter oder gebrochener Baum, dessen ste doch fortgetrieben wren, keine Planke von den vielen Fahrzeugen in der prchtigen, zwanzig Kilometer langen Bai, die sich noch vor einem Monat zwischen Kap Matifou und der Landspitze Pescade erstreckte.

Wenn das Auge aber nur ber die Meeresoberflche Aufschlu gab, konnte man dann nicht eine Sonde benutzen und mit deren Hilfe irgendein berbleibsel der auf so sonderbare Weise verschwundenen Stadt zu erlangen suchen?

Graf Timascheff, der Kapitn Servadacs Gemt von jedem Zweifel entlasten wollte, gab Befehl zu sondieren. Das Bleigewicht sank in die Tiefe.

Zur grten Verwunderung aller und vorzglich zum grten Erstaunen Leutnant Prokops wies die Sonde einen Grund von fast konstantem Niveau und nur in fnf bis sechs Faden Tiefe nach. Zwei Stunden lang ward diese Sonde ber eine weite Strecke dahingeschleppt und verriet dabei doch niemals nur andeutungsweise jene Niveauunterschiede, wie sie eine, wie Algier, in amphitheatralischer Form nun auch noch annehmen, da die Wogen mit Eintritt der Katastrophe auch die ganze Umgebung der Hauptstadt Algiers eingeebnet htten.

Das war doch etwas zu unwahrscheinlich.

Der Meeresboden selbst bestand weder aus Felsen, noch aus Schlamm, weder aus Sand, noch aus Muscheldetritus. Die Sonde lieferte nur einen durch sein lebhaft goldiges Schimmern ausgezeichneten Metallstaub, dessen eigentliche Natur fr jetzt nicht weiter zu bestimmen war. Jedenfalls entsprach der Befund sehr wenig den im Mittelmeere durch Sondierungen gewhnlich erlangten Resultaten.

Da sehen Sie, Leutnant, sagte Hector Servadac, wir sind entfernter von der Kste Algiers, als Sie glauben.

Wenn wir weit davon weg wren, entgegnete kopfschttelnd der Angeredete, so wrden wir nicht fnf Faden Tiefe, wohl aber zwei- bis dreihundert finden.

Nun dann? ... fragte Graf Timascheff.

Ich wei nicht, was ich hiervon denken soll.

Herr Graf, begann da Kapitn Servadac, ich wage die Bitte, Ihr Schiff geflligst nach Sden gehen zu lassen, um dort vielleicht zu finden, was wir hier vergeblich suchen!

Graf Timascheff wechselte einige Worte mit dem Leutnant Prokop, und da die Witterung gnstig erschien, ward der Beschlu gefat, die Dobryna etwa sechsunddreiig Stunden lang nach Sden steuern zu lassen.

Hector Servadac dankte seinem Wirte, der dem Untersteuermann Befehl gab, den neuen Kurs einzuhalten.

Mit grter Sorgfalt wurde nun im Laufe der nchsten sechsunddreiig Stunden das Fahrwasser untersucht. Man begngte sich dabei nicht allein mit der Sondierung des verdchtigen Meeres, das noch immer bei vier bis fnf Faden Tiefe einen durchweg ebenen Boden zeigte, sondern schleppte ber letzteren auch eiserne Schaufeln hin, welche indessen weder einen bearbeiteten Stein, noch ein Stckchen Metall, einen abgebrochenen Zweig oder eine einzige Wasserpflanze, noch eines jener zahllosen Seetiere zutage frderten, die sonst auf dem Meeresgrunde zu nisten pflegen. Welcher Erdboden vertrat also jetzt wohl die Stelle des frheren Grundes im Mittellndischen Meere?

Die Dobryna segelte bis zum 36. Grade der Breite. Die Eintragung in die an Bord vorhandenen Karten ergab unzweifelhaft, da das Schiff sich zur Zeit ber dem vormaligen Sahel, einem Bergrcken, der das Meer von der gesegneten Mitidja-Ebene scheidet, und zwar genau an dem Punkte befand, wo sich frher die hchste Spitze desselben, die Bouzareah, bis auf vierhundert Meter erhob. Nach der berflutung des umgebenden Landes htte doch dieser Gipfel die Flche des Ozeans als Eiland berragen mssen!

Weiterhin dampfend, gelangte die Dobryna ber Douere, den Hauptort der Sahelberge, hinaus, passierte Bouffavic, die Stadt mit den breiten, von Platanen beschatteten Straen, und lie auch Blidah hinter sich, von dessen den Qued-el-Kebir um vierhundert Meter berragendem Fort nicht eine Spur aufzufinden war.

Leutnant Prokop, der sich auf dieses unbekannte Meer allzuweit hinaus zu wagen frchtete, schlug zwar vor, wieder einen nrdlichen oder wenigsten stlichen Kurs zu nehmen; auf Kapitn Servadacs dringendes Ersuchen ward indes die Richtung nach Sden vorlufig noch beibehalten.

So setzte man diese Entdeckungsreise fort bis zu den Bergen von Mouzafa mit ihren sagenhaften Grotten, welche frher den Kabylen als Zuflucht dienten, wo ehemals Johannesbrot- und Nesselbume und Eichen aller Art grnten, whrend Lwen, Hynen und Schakale hier ihre Lager hatten. Der hchste Berggipfel, der sich noch vor sechs Wochen zwischen Bou-Roumi und Chiffa erhob, htte sich eigentlich weit ber die Fluten erheben mssen, denn er erreichte eine Hhe von nahe sechzehnhundert Meter! ... Aber nichts, gar nichts war zu sehen, weder an der Stelle selbst, noch am Horizonte, wo sich Himmel und Wasser vermhlten.

Man sah sich also gezwungen, nach Norden umzukehren, und bald schaukelte die Golette wieder auf den Wogen des frheren Mittelmeeres, ohne eine Spur des Landes wiedergefunden zu haben, das ehedem die Provinz Algier bildete.

Elftes Kapitel

Kapitn Servadac entdeckt ein von der Katastrophe verschontes Eiland - freilich nur ein Grab.

Es unterlag keinem weiteren Zweifel, da ein sehr groer Teil der Kolonie Afrika untergegangen war. Offenbar handelte es sich hier um mehr als das bloe Verschwinden einiger Landstrecken unter dem Wasser. Es schien vielmehr, als htten sich die gierig geffneten Eingeweide der Erde ber einem ganzen Lande wieder geschlossen. In der Tat waren ja die ganzen Felsenrcken der Provinz spurlos verschwunden und ein neuer, aus unbekannten Substanzen bestehender Boden vertrat jetzt die Stelle des frheren sandigen Grundes, auf dem das Meer sonst ruhte.

Die Ursache dieser unerhrt entsetzlichen Zerstrung entging auch jetzt noch den Fahrgsten der Dobryna. Jetzt galt es diesen nur, die letzte Grenze jener Verwstung aufzufinden.

Nach reiflicher berlegung kam man dahin berein, mit der Golette weiter nach Osten, lngs der Linie zu segeln, welche frher die Kste des afrikanischen Festlandes an dem jetzt scheinbar unbegrenzten Meere bildete. Die Fahrt bot keine besonderen Schwierigkeiten, und so benutzte man gern die Chancen der jetzt so freundlichen Witterung und des gnstigen Windes.

Aber auch whrend dieser Reise lngs der Kste vom Cap Matifou bis zur Grenze von Tunis fand man durchaus keinen berrest von frher, weder die amphitheatralisch angelegte Seestadt Dellys, noch am Horizonte eine Andeutung der Jura-Kette, trotzdem deren hchster Gipfel bis auf zweitausenddreihundert Meter anstieg; weder die Stadt Bougie, noch die steilen Abhnge des Gouraya, den Berg Adrar, Didjela, die Berge Kleinkabyliens, den Triton der Alten, jene Gruppe von sieben Landvorsprngen mit einer Erhebung bis zu elfhundert Meter; weder Collo, den alten Hafen von Konstantine, noch Stora, den neuen Hafen von Philippeville, noch auch Bona, das ber seinem Golfe von vierzig Kilometer ffnung thronte. Man sah nichts mehr, weder vom Cap de Garde, noch vom Cap Rose, weder von dem First der Berge von Edough, noch von den sandigen Dnen der Kste, weder von Mafrag, noch von dem durch die ausgedehnte Industrie seiner Korallenarbeiter berhmten Calle, und wurde eine Sonde auch zum hundertsten Male auf den Grund hinabgesenkt, nie, niemals brachte sie ein Exemplar der prchtigen Wassertiere des Mittelmeeres mit empor.

Graf Timascheff beschlo nun, der Linie zu folgen, welche sich vordem von der tunesischen Kste nach dem Cap Blanc, d. h. nach dem nrdlichsten Punkte Afrikas hinzog. An dieser engsten Stelle des Meeres zwischen dem afrikanischen Festlande und Sizilien konnte jenes vielleicht einige bemerkenswerte Erscheinungen bieten.

Die Dobryna hielt sich also in der Richtung des siebenunddreiigsten Breitengrades und passierte am 7. Februar den siebenundzwanzigsten Grad stlicher Lnge.

Der Grund aber, welcher Graf Timascheff in bereinstimmung mit Kapitn Servadac und Leutnant Prokop zur Einhaltung dieser Linie bestimmte, lag in folgendem:

Zu eben jener Zeit war - nachdem man diese Unternehmung schon lngere Jahre fast aufgegeben hatte - infolge franzsischen Einflusses das Meer der Sahara geschaffen worden. Dieses groartige Werk, eigentlich nur eine Zurckerstattung des ausgedehnten Bassins des Tritonsees, das einst das Schiff der Argonauten trug, hatte die klimatischen Verhltnisse der Umgebung sehr gnstig verndert und den Verkehr zwischen Sudan und Europa in die Hnde Frankreichs gegeben.

Welchen Einflu hatte nun die Wiederauferstehung dieses alten Meeres auf den jetzigen Zustand der Dinge geuert? Das sollte zunchst in Erfahrung gebracht werden.

In die Hhe des Golfes von Gabes, auf dem vierunddreiigsten Grade der Breite, lie jetzt ein breiter Kanal die Fluten des Mittelmeeres in die tiefe Bodendepression der Bezirke von Kebir, Garsa u. a. m. einstrmen. Die zwanzig Kilometer nrdlich von Gabes und genau an der Stelle gelegene Landenge, nach der hin eine Bai des Tritonsees der alten Welt sich bis nahe an das Meer erstreckte, war durchstochen worden, und die Wasser wlzten sich nun in ihr frheres Bett, aus dem sie vor Zeiten aus Mangel eines hinreichenden Zuflusses unter der glhenden Sonne Libyens durch Verdunstung entwichen waren.

Konnte nicht an der Stelle dieses Durchstiches gerade der Bruch stattgefunden haben, dem man das Verschwinden eines betrchtlichen Teiles Afrikas zuschreiben mute?

Durfte man nicht glauben, die Dobryna werde etwa nach berschreitung des vierunddreiigsten Parallelkreises die Kste von Tripolis wiederfinden, welche der Weiterausbreitung der Zerstrung widerstanden haben mochte?

Wenn wir an diesem Punkte, bemerkte Leutnant Prokop sehr richtig, nach Sden hin immer noch ein unbegrenztes Meer antreffen, so bleibt uns dann nichts brig, als nach Europa zurckzukehren und uns dort die Lsung des Rtsels zu holen, welches hier unlsbar erscheint.

Ohne jede Rcksicht auf Kohlenersparnis setzte die Dobryna unter Dampf ihren Weg nach Kap Blanc zu fort, ohne die zwischenliegenden Kap Nero und Kap Serrat zu Gesicht zu bekommen. Auf der Hhe von Bizerta, einer reizenden Stadt von vllig orientalischem Charakter, sah sie weder den lieblichen See, der sich jenseits der engeren Hafeneinfahrt ausbreitet, noch ihre von prchtigen Palmen beschatteten Marabouts. Die Sonne wies unter dem auch hier sehr durchsichtigen Wasser unverndert den flachen, leeren Meeresboden nach, der allberall die Wassermassen des Mittelmeeres trug.

Um das Kap Blanc, oder richtiger um die Stelle, wo sich jenes vor fnf Wochen noch befand, fuhr man am 7. Februar. Die Golette durchschnitt also jetzt das Wasser, welches etwa der Bai von Tunis entsprach. Von dem ganzen prchtigen Golf war aber keine Spur mehr vorhanden, ebensowenig weder von der amphitheatralisch gebauten Stadt, noch von dem Fort des Arsenals, weder von dem benachbarten la Goulette, noch von den beiden Bergspitzen des Bou-Kournein. Auch das Kap Bon, diese nach Sizilien am weitesten vorgeschobene Spitze Afrikas, erschien samt dem Festlande in den Eingeweiden der Erde verschwunden.

Vor all diesen so auerordentlichen Ereignissen stieg der Grund des Mittelmeeres hier in einer sehr steilen Bschung zu einem langen, schmalen Satteldache an. Die Erde erhob sich gleichsam zu einem Rckgrate, welches sich in die libysche Meerenge hinaufdrngte und ber dem durchschnittlich nur siebzehn Meter Wasser standen. Vielleicht verband dieser Strang vor Zeiten sogar das Kap Bon mit dem am weitesten vorspringenden Kap Furina auf der Insel Sizilien, ein hnliches Verhltnis, wie man es zweifellos fr Ceuta und Gibraltar nachgewiesen hat.

Leutnant Prokop, ein Seemann, der das Mittelmeer bis in alle Einzelheiten kannte, war natrlich auch hiervon unterrichtet. Es gab das brigens Gelegenheit, zu prfen, ob der Boden des Mittelmeeres zwischen Afrika und Sizilien neuerdings eine Vernderung erlitten htte, oder ob jener unterseeische Bergkamm der libyschen Enge noch jetzt existierte.

Graf Timascheff, Kapitn Servadac und der Leutnant wohnten alle drei den vorzunehmenden Sondierungen bei. Ein auf den Rsten des Focksegels sitzender Matrose senkte das Bleigewicht in die Tiefe.

Wieviel Faden? fragte Leutnant Prokop.

Fnf, antwortete der Matrose.

Und die Oberflche des Bodens?

Ganz eben.

Jetzt sollte die Gre der Bodensenkung zu beiden Seiten des submarinen Kammes bestimmt werden. Die Dobryna dampfte langsam, je eine halbe Meile nach rechts und nach links von der ersten Stelle, um daselbst Sondierungen auszufhren.

Immer und berall fnf Faden! Ein unvernderlich ebener Grund! Die Bergkette zwischen Kap Bon und Kap Furina existierte nicht mehr. Es lag auf der Hand, da die stattgefundene Umwlzung eine durchgehende Nivellierung des Mittelmeergrundes hervorgebracht hatte. Dabei bestand der letztere immer wieder aus jenem metallischen Staube von unbekannter Art. Nirgends fanden sich Schwmme, Meerasseln, Haarsterne, Quallen, Wasserpflanzen oder Muscheln, welche sonst in Menge die unterseeischen Felsen bedecken.

Die Dobryna drehte nach Sden bei und setzte ihre Entdeckungsreise weiter fort.

Unter den Eigentmlichkeiten dieser Seefahrt verdient auch der Umstand Erwhnung, da das Meer sich vollstndig verlassen erwies. Kein einziges Fahrzeug kam zu Gesicht, das die Golette um aufklrende Nachrichten htte ansprechen knnen. Die Dobryna schien allein durch diese Wasserwste zu segeln, und es fragte sich im Gefhle der trostlosen Isolierung jeder, ob die Golette jetzt nicht vielleicht der einzige bewohnte Punkt des Erdenrundes sein mge, eine neue Arche Noah, welche die letzten berlebenden nach der entsetzlichen Katastrophe, die einzigen atmenden Wesen der Erde trug!

Am 9. Februar segelte die Dobryna genau ber der Stadt Didon, dem alten Byrsa, welche jetzt noch grndlicher zerstrt war, als seinerzeit das punische Karthago durch Scipio und das rmische durch den Gassaniden Hassan.

Als an diesem Abend die Sonne am stlichen Horizonte unterging, stand Kapitn Servadac in Gedanken versunken, gelehnt an das Hackbord der Golette. Sein Blick irrte ber den Himmel, wo einzelne Sterne durch einen leichten Dunstschleier schimmerten, und ber das Meer, dessen Wogen sich mit der einschlafenden Brise gltteten.

Da, als er sich zufllig lngs des Schiffes nach dem sdlichen Horizonte wandte, empfand sein Auge eine Art schwachen Lichteindruckes. Erst glaubte er das nur von einer optischen Tuschung herleiten zu sollen und sah deshalb noch einmal aufmerksamer nach der betreffenden Stelle.

Wirklich flimmerte da ein entferntes Licht, das auch ein hinzugerufener Matrose deutlich erkannte.

Sofort erhielten Graf Timascheff und Leutnant Prokop Nachricht von dieser Entdeckung.

Ist das ein Land? ... fragte Kapitn Servadac.

Sollten es nicht vielmehr die Nachtlaternen eines Schiffes sein? meinte Graf Timascheff.

Binnen einer Stunde werden wir ja wissen, woran wir sind! rief Kapitn Servadac.

Kapitn, das werden wir erst morgen erfahren, erklrte Leutnant Prokop.

Du steuerst also nicht auf das Licht zu? fragte ihn verwundert der Graf.

Nein, Vater, ich denke vielmehr gegenzubrassen und den Tag abzuwarten. Wenn sich dort eine Kste befnde, wage ich nicht, auf dem unbekannten Wasser zu fahren.

Der Graf machte ein Zeichen der Zustimmung, die Dobryna brate, um auf der Stelle zu bleiben, und ruhig sank die Nacht ber das weite Meer.

Eine Nacht von sechs Stunden whrt zwar nicht lange, und doch schien diese eine Ewigkeit anzudauern. Aus Furcht, der schwache Lichtschein mchte verschwinden, verlie Kapitn Servadac das Verdeck lieber gar nicht. Aber jenes glnzte ruhig weiter, etwa wie ein Leuchtfeuer zweiter Klasse in der grten Gesichtsweite.

Und immer an derselben Stelle, bemerkte Leutnant Prokop. Daraus ist mit grter Wahrscheinlichkeit zu schlieen, da wir ein Land vor uns haben und nicht ein Schiff.

Mit Tagesanbruch richteten sich alle an Bord vorhandenen Fernrohre nach der Stelle, an der in vergangener Nacht der Lichtschein flimmerte. Der letztere erbleichte mit dem helleren Tage, an seiner Stelle aber erschien, etwa sechs Meilen von der Dobryna, ein eigentmlich geformter Felsen, den man wohl fr ein verlorenes Eiland mitten in dem wsten Meere ansehen konnte.

Das ist nur ein Felsen, behauptete Graf Timascheff, oder vielmehr der Gipfel eines untergegangenen Berges.

Immerhin schien es wichtig, diesen Felsen nher zu untersuchen, denn er bildete ein gefhrliches Riff, die dem in Zukunft sich zu hten die Schiffe alle Ursache hatten. Man hielt also auf das bezeichnete Eiland zu und drei Viertelstunden spter befand sich vor Dobryna nur noch zwei Kabellngen davon entfernt.

Das Eiland bestand aus einem nackten, drren und steilen Hgel, der sich kaum vierzig Fu ber das Wasser erhob. Keinerlei Felsengerll lag in der Umgebung, was den Glauben erregte, da derselbe sich unter dem Einflu jenes unerklrten Phnomens langsam gesenkt haben msse, bis er einen neuen Sttzpunkt fand, der ihn in der jetzigen Hhe ber dem Wasser hielt.

Doch auf dem Eiland befindet sich eine Wohnsttte! rief Kapitn Servadac, der mit dem Fernrohr vor den Augen jeden Punkt desselben musterte. Vielleicht auch noch ein Lebender ...

Diese Hypothese des Kapitns begleitete Leutnant Prokop mit einem sehr bezeichnenden Kopfschtteln. Das Eiland schien vollkommen de zu sein und auch ein Kanonenschu von der Golette lockte keinen Bewohner desselben an das Ufer.

Freilich erhob sich am hchsten Punkte des Eilandes eine Art Steingemuer, das einige hnlichkeit mit einem arabischen Marabout zeigte.

Das groe Boot der Dobryna wurde flottgemacht. Graf Timascheff, Kapitn Servadac nebst Leutnant Prokop nahmen darin Platz und vier krftige Matrosen handhabten die Ruder.

Bald darauf betraten die Mnner das Land und kletterten ohne langes Besinnen den steilen Abhang hinauf nach dem Marabout.

Dort wurden sie zuerst durch eine Umfassungsmauer aufgehalten, welche mit antikem Schmuckwerk, wie Vasen, Sulen, Statuen und kleinen Monolithen, aber ohne alle Ordnung und jeden kunsthistorischen Wert, besetzt war.

Graf Timascheff umschritt mit seinen zwei Begleitern diese Mauer und gelangte an eine enge, geffnete Pforte, durch welche alle eintraten.

Eine zweite, ebenfalls offene Tr, vermittelte den Zugang nach dem Innern des Marabout. Auch hier waren die Mauern mit arabischen, aber wertlosen Skulpturen bedeckt.

In der Mitte des einzigen Rumen dieses Marabout erhob sich ein sehr einfaches Grab. Darber hing eine ungeheure silberne Lampe mit einem noch vorhandenen lvorrat von mehreren Litern und sehr langem, auch jetzt brennendem Dochte.

Das Licht von dieser Lampe war es, das im Laufe der letzten Nacht Kapitn Servadacs Auge getroffen hatte.

Der Marabout erwies sich unbewohnt. Sein Wchter wenn er berhaupt einen solchen gehabt - mochte im Augenblick der Katastrophe entflohen sein. Seitdem diente er einigen Seeraben als Zuflucht, welche beim Eintritt der Mnner in raschem Fluge nach Sden zu entflohen.

In einem Winkel des Grabes lag ein altes Gebetbuch. Dieses in franzsischer Sprache gedruckte Buch war fr den Gottesdienst zum Gedenktage am 25. August aufgeschlagen.

In Kapitn Servadacs Kopfe stieg pltzlich ein Gedanke auf.

Der Punkt des Mittelmeeres, den das Eiland einnahm, das jetzt mitten im offenen Meere isolierte Grabmal, die in dem Buche aufgeschlagene Seite, alles wies ihn darauf hin, an welcher Stelle er sich mit seinen Begleitern befand.

Das Grab des heiligen Ludwig, meine Herren, sagte er.

In der Tat verstarb hier einst jener Knig von Frankreich. Seit mehr als sechs Jahrhunderten ehrte dasselbe der fromme Sinn vieler Franzosen.

Kapitn Servadac verneigte sich vor der geheiligten Sttte, und seine beiden Begleiter ahmten ihn andchtig nach.

Die hier ber dem Grabe eines Heiligen brennende Lampe war jetzt vielleicht der einzige Leuchtturm, der ber dem ganzen Mittelmeere glnzte, und wie bald sollte auch dieser verlschen.

Die drei Mnner verlieen den Marabout und den den Felsen. Das Boot fhrte sie an Bord zurck, und nach Sden steuernd verlor die Dobryna bald das Grab Ludwig IX. aus den Augen, den einzigen Punkt der Provinz Tunis, den die unerklrliche Katastrophe verschont zu haben schien.

Zwlftes Kapitel

In welchem der Leutnant Prokop, nachdem er als Seemann seine Schuldigkeit getan, sich in den Willen Gottes ergibt.

Die erschreckten Seeraben hatten bei der Flucht aus dem Marabout ihren Flug nach Sden zu gerichtet, woraus sich wohl annehmen lie, es mchte in dieser Himmelsgegend ein nicht zu entferntes Land zu finden sein. An diese Hoffnung klammerten sich die Insassen der Dobryna.

Einige Stunden nach dem Verlassen des Eilandes schwamm die Golette auf diesem neuen Meere, das die ganze Halbinsel Dakhul, welche frher die Bai von Tunis und den Golf von H'Amamat trennte, in geringer Tiefe berdeckte.

Zwei Tage spter erreichte sie, nach vergeblicher Aufsuchung der tunesischen Kste von Sahel, den vierunddreiigsten Breitengrad, der hier den Golf von Gabes durchschneiden mute.

Keine Spur war hier brig von der Stelle, an der sechs Wochen vorher der Kanal des Meeres der Sahara mndete, und unabsehbar breitete sich die Wasserflche nach Westen hin aus.

Inzwischen erscholl am 11. Februar aufs neue der Ruf Land! aus dem Takelwerk der Golette, und es zeigte sich eine Kste da, wo man eine solche nach geographischer Voraussetzung nicht erwartet htte.

In der Tat, das konnte die Kste von Tripolis nicht sein, welche im allgemeinen niedrig und aus grerer Entfernung schwer zu erkennen ist. brigens lag diese Kstenstrecke auch zwei Grade sdlicher.

Das neue, sehr zerrissene Land erstreckte sich weit von Osten nach Westen und schlo den Horizont im Sden gnzlich ab. Zur Linken teilte es den Golf von Gabes in zwei Teile und verbarg dem Blicke die Insel Djerba, welche dessen uerste Spitze bildet.

Das Land wurde auf den Schiffskarten sorgfltig eingetragen und es legte die Vermutung nahe, da das Sahara-Meer durch den neuen Kontinent ziemlich eingeengt worden sein mge.

Nachdem wir also, begann Kapitn Servadac, bis hierher das Mittelmeer befahren haben, wo wir ein Festland voraussetzen muten, begegnen wir hier einem Lande, wo wir nur das Meer erwarten durften.

Und dabei sieht man auf dieser Wasserflche, fgte Leutnant Prokop hinzu, weder maltesische Tartanen, noch levantische Chebecs, welche sich sonst hier in groer Anzahl finden.

Wir werden zunchst, nahm Graf Timascheff das Wort, eine Entscheidung darber treffen mssen, ob wir dieser Kste nach Osten oder Westen hin folgen.

Mit Ihrer Erlaubnis nach Westen, Herr Graf, fiel schnell der franzsische Offizier ein, damit ich wenigstens wei, ob jenseits des Cheliff wirklich nichts von der Kolonie Algier briggeblieben ist. Im Vorbeifahren knnten wir dann meinen auf der Insel Gourbi zurckgelassenen Gefhrten mit aufnehmen und bis Gibraltar segeln, um dort von Europa Neuigkeiten zu erfahren.

Kapitn Servadac, erwiderte Graf Timascheff mit gewohntem ruhigen Antlitz, die Golette steht zu Ihrer Verfgung. Prokop, erteile danach deine Befehle.

Dagegen mchte ich mir doch, sagte der Leutnant nach einigem Nachdenken, eine Bemerkung erlauben.

Rede.

Der Wind weht von Westen und scheint aufzufrischen, antwortete Prokop, wir werden zwar mit dem Dampf allein, aber doch nur schwierig gegen denselben aufkommen. Gehen wir dagegen mit Segel und Dampfkraft nach Osten, so mssen wir binnen wenig Tagen die Kste gyptens erreichen und werden dort, in Alexandria oder an jeder anderen Stelle, dieselbe Aufklrung finden knnen, die uns etwa Gibraltar verspricht.

Sie hren selbst, Kapitn? fragte Graf Timascheff zu Hector Servadac gewendet.

Trotz seines Wunsches, nach der Provinz Oran zu gelangen und Ben-Zouf wiederzusehen, erkannte er doch die Richtigkeit der Bemerkung des Leutnant Prokop an. Die westliche Brise frischte auf, und die Dobryna konnte im Kampfe gegen dieselbe nur wenig Fahrt machen, wogegen sie mit dem Winde im Rcken die gyptische Kste schnell erreichen mute.

Das Schiff ward nach Osten gewendet. Der Wind drohte steif zu werden. Glcklicherweise wlzten sich die Wogen in derselben Richtung, wie die Golette selbst steuerte, und berstrzten sich nicht heftig.

Seit ungefhr vierzehn Tagen beobachtete man mit Sicherheit, da die Temperatur, welche auffallend zurckgegangen war, nur ein Mittel von fnfzehn bis zwanzig Grad ber dem Nullpunkt des Thermometers ergab. Diese wachsende Abnahme rhrte von einer sehr natrlicher Ursache her, nmlich von der zunehmenden Entfernung der Erdkugel in ihrer neuen Bahn. In dieser Hinsicht konnte es keinen Zweifel geben. Nachdem sich die Erde dem Zentrum ihrer Attraktion so weit genhert hatte, da sie bis ber die Bahn der Venus hinauskam, entfernte sie sich jetzt allmhlich und nahm augenblicklich eine viel weiter entlegene Stelle ein, als je frher in ihrem Verhltnis zur Sonne. Etwa am 1. Februar schien sie wieder 23 Millionen Meilen von derselben abzustehen, also ebenso weit wie am 1. Januar, und seit dieser Zeit mochte sie noch um ein Viertel entfernter stehen. Es erhellte das nicht allein aus der Abnahme der Temperatur, sondern auch aus dem Anblick der jetzt offenbar verkleinerten Sonnenscheibe, welche vom Mars aus dem Auge des Beobachters ungefhr in hnlicher Gre erschienen wre. Daraus lie sich demnach schlieen, da die Erde die Bahn dieses Planeten erreicht habe, der ihr brigens auch in physischer Hinsicht sehr hnlich ist. Schlielich fhrte das alles zu der Annahme, da die neue von der Erde innerhalb des Sonnensystems durchlaufene Bahn eine sehr verlngerte Ellipse bilden mute.

Um diese kosmische Erscheinung kmmerten sich die Insassen der Dobryna zur Zeit freilich blutwenig. Sie beunruhigten sich nicht wegen der vernderten Bewegung des Erdballs in seiner Bahn, sondern hatten nur ein Auge fr die auf der Oberflche desselben vorgegangenen Umwlzungen, deren Bedeutung sie noch gar nicht begriffen.

In einer Entfernung von zwei Meilen folgte die Golette also dem neuen Ufersaume, an dem jedes Schiff unrettbar verloren gewesen wre, das im Sturm nicht von demselben abkommen konnte.

Die Kste des neuen Kontinentes bot in der Tat nirgends einen Hafen. Von ihrem Grunde an, den die von der offenen See hereintreibenden Wogen peitschten, erhob sie sich steil bis auf zwei- bis dreihundert Fu Hhe. Dieser untere, wie eine Courtinenmauer glatte Teil bot auf keiner Stelle einen Vorsprung, auf dem der Fu htte haften knnen. Am oberen Kamme erschien sie wie bedeckt mit einem Walde von Spitzen, Obelisken und kleinen Pyramiden. Man htte eine enorme Konkretion vor sich zu haben geglaubt, deren Kristallisationen eine Hhe von tausend Fu erreichten.

Das alles aber war noch nicht das Sonderbarste an diesen gigantischen Felsenmassen. Am meisten erstaunten die Fahrgste der Dobryna darber, da dieselben berhaupt ganz neu waren. Die atmosphrischen Einflsse schienen noch nirgends weder die Reinheit der scharfen Kmme, noch die glatten Linien oder die Farben der Substanz alteriert zu haben. Das Ganze hob sich gegen den Himmel mit einer berraschenden Sauberkeit der Zeichnung ab. Alle Felsblcke, welche die Gebirgsmasse bildeten, glnzten so frisch, als seien sie eben aus den Hnden des Gieers hervorgegangen. Ihr metallischer, goldigirisierender Schein erinnerte etwa an den der Pyriten. Es entstand nun die Frage, ob ein einziges, vielleicht dem von den Sonden heraufgebrachten Staube hnliches Metall diesen Gebirgswall zusammensetzte, den plutonische Krfte aus dem Wasser emporgedrngt hatten.

Zur Untersttzung der ersteren bot sich auch noch eine zweite Beobachtung. Gewhnlich zeigen die Felsen, wo es auch immer sei, selbst bei entschiedenster Drre, doch einzelne schmale Furchen, in denen das durch Kondensation der Dnste entstehende Wasser je nach der Formation der Gesteine herabrinnt. Auerdem gibt es keine einzige noch so isolierte Klippe, welche nicht wenigstens einige Moose und vereinzelte magere Gebsche trge. Hier aber zeigte sich nicht der geringste kristallene Faden, nicht das drftigste Grn. Kein Vogel belebte diese traurige Einde. Nichts lebte hier, nichts bewegte sich, weder ein Wesen aus dem Pflanzen- noch aus dem Tierreiche.

Die Besatzung der Dobryna brauchte sich also gar nicht zu wundern, da die Albatrosse, Seemwen und Felsentauben eine Zuflucht auf der Golette suchten. Das Geflgel war nicht einmal durch einen Flintenschu zu vertreiben und blieb Tag und Nacht auf den Rahen sitzen. Wurden einige Krmchen Nahrung auf das Verdeck verstreut, so strzten die Vgel heihungrig darber her und verschlangen alles mit groer Gier. Wenn man sie so verhungert sah, mute man wohl zu der Ansicht kommen, da hier kein Punkt der Nachbarschaft ihnen irgendwelche Nahrungsmittel liefern knne, jedenfalls nicht die vorliegende Kste, da sie der Pflanzen und des Wassers ganz entbehrte.

Solcher Art war das sonderbare Ufer, dem die Dobryna mehrere Tage folgte. Manchmal nderte sich sein Profil und erschien auf die Lnge einiger Kilometer als ein einziger scharfer Kamm, so glatt, als sei er fein abgehobelt. Dann traten wiederum jene groen prismatischen Lamellen auf, die in unlsbarem Gewirr aufstrebten. Nirgends breitete sich aber am Fue dieses steilen Ufers ein sandiger Strand oder ein kieselbedeckter Landstreifen aus, noch sah man eine Kette von Riffen, welche sonst so hufig in dem tiefsten Wasser verstreut sind. Kaum ffnete sich hier und da eine enge Spalte. Kein Wasserlauf war zu entdecken, an dem ein Schiff sich htte mit neuem Vorrat versehen knnen - berall nur offene Reeden, die nach drei Seiten hin jedem Winde freilagen.

Nach einer Fahrt von etwa vierhundert Kilometer lngs dieser Kste ward die Dobryna pltzlich durch eine scharfe Biegung derselben aufgehalten. Leutnant Prokop, der Stunde fr Stunde die Lage des neuen Kontinentes auf der Karte nachgetragen hatte, erklrte, da sie jetzt in der Richtung von Norden nach Sden verlaufe. Hier erschien das Mittelmeer, etwa entsprechend dem 22. Meridian, also abgeschlossen. Erstreckte sich diese Sperrung nun bis nach Italien oder Sizilien? Das mute ja bald entschieden sein, und wenn es der Fall war, so erschien das groe Bassin, dessen Wellen Europa, Asien und Afrika besplten, um fast die Hlfte seiner Ausdehnung verkleinert.

Die Golette drehte, in der Absicht, jeden Punkt dieser neuen Kste zu untersuchen, nach Norden bei und dampfte in der Richtung auf Europa zu. Nach einigen weiteren hundert Kilometern mute sie in die Gegend von Malta kommen, wenn diese alte Insel, welche nacheinander die Phnizier, die Karthager, die Sizilier, Rmer, Vandalen, Griechen, Araber und die Malteserritter besaen, von der Katastrophe verschont geblieben war. Man fand aber nichts, und als die Sonde am 14. Februar an der von Malta eingenommenen Stelle herabgesenkt wurde, brachte sie wiederum nur jenen metallischen Staub herauf, der jetzt den Boden des Mittelmeeres bildete und dessen Natur noch immer unbekannt blieb.

Die Zerstrungen reichen also bis weit ber das Festland Afrikas hinaus, bemerkte Graf Timascheff.

Ja, antwortete Leutnant Prokop, und wir knnen die Grenze derselben jetzt unmglich bestimmen!

Was ist nun aber Ihre Absicht, Vater? Nach welchem Teile Europas soll die Dobryna gehen?

Nach Sizilien, nach Italien, nach Frankreich, ganz gleich, dahin, wo wir endlich hren knnen ...

Wenn die Dobryna nicht die einzigen berlebenden der Erdkugel trgt, fiel ihm mit ernstem Tone Graf Timascheff ins Wort.

Kapitn Servadac schwieg still, denn seine traurigen Ahnungen waren mit denen des Grafen Timascheff ganz identisch. Das Schiff ward gewendet und passierte bald die Stelle, wo sich der Breitengrad und der Meridian der verschwundenen Insel kreuzten.

Die Kste erstreckte sich immer gleichmig von Sden nach Norden und unterbrach jede Verbindung mit dem Golf von Sydra, der frheren groen Syrte, die sich ehedem bis nach gypten ausdehnte. Ebensowenig konnte man weiter im Norden, jetzt voraussichtlich mehr nach Griechenland und den Hfen des trkischen Reiches gelangen. Damit muten dann auch der griechische Archipel, die Dardanellen, das Marmarameer, der Bosporus, das Schwarze Meer und die diesen benachbarten Landstrecken Rulands verschlossen sein.

Der Golette stand fr spter also nur ein einziger Weg offen, d. h. der nach Westen, um auf diese Weise die nrdlichen Kstenlnder des Mittelmeeres zu erreichen.

Im Laufe des 16. Februar versuchten die Reisenden jene Richtung einzuschlagen. Aber als ob die Elemente sich gegen sie verschworen htten, vereinigten sich Wind und Wellen, um sie von diesem Wege zurckzuhalten. Bald entfesselte sich ein furchtbarer Sturm, der es einem Fahrzeuge von nur zweihundert Tonnen berhaupt schwermachte, die See zu halten. Die Gefahr wuchs aber noch mehr, da es der Wind gegen die Kste trieb.

Leutnant Prokop ward hchst unruhig. Er hatte alle Segel einnehmen und die Marsstengen niederholen lassen, vermochte aber durch die Kraft der Maschine allein nicht gegen das schwere Wetter aufzukommen.

Die enormen Wellen warfen die Golette wohl hundert Fu hoch empor und schleuderten sie ebenso tief in die Abgrnde, welche sich zwischen den Wogen ffneten. Oft arbeitete die Schraube nur noch in der Luft und verlor also ihre Wirkung gnzlich. Obwohl die Dampfspannung bis auf das irgend zulssige Maximum gesteigert wurde, so verlor die Golette doch an Weg gegen den wtenden Orkan.

In welchem Hafen konnte sie nun Schutz suchen? Die unzugngliche Kste bot ja keinen einzigen. Leutnant Prokop konnte also in die unangenehme Verlegenheit geraten, auf gut Glck gegen das Land anzufahren. Er berlegte diesen Ausweg. Was sollte indes aus den Schiffbrchigen werden, wenn es ihnen auch gelang, an diesem steilen Ufer Fu zu fassen? Welche Hilfsquellen hatten sie in jenem offenbar ganz wsten Lande zu erwarten? Wie konnten sie nach Erschpfung ihrer Provision dieselbe erneuern? Durfte man darauf hoffen, jenseits dieser unwirtlichen Mauer einen noch verschonten Teil des frheren Festlandes aufzufinden?

Die Dobryna kmpfte noch immer gegen den Sturm und ihre mutige und ergebene Mannschaft arbeitete mit wunderbar kaltem Blute. Kein einziger der Matrosen, welche unwandelbar den Kenntnissen und dem Geschick ihres Kapitns vertrauten, verlor den Mut auch nur einen Augenblick. Die Maschine arbeitete dabei, da man immer frchten mute, sie in Stcke gehen zu sehen. Dabei fhlte die Golette ihre Schraube gar nicht mehr, und da sie ganz ohne Segel war, denn der Sturm zerri auch den kleinsten Fetzen Leinwand, so ward sie unaufhaltsam gegen die Kste gedrngt.

Die Mannschaft befand sich vollzhlig auf dem Deck; jeder Mann sah klar, in welch verzweifelte Lage der Sturm sie versetzt hatte. Das Land erhob sich nur etwa noch vier Meilen unter dem Winde und die Dobryna wich dahin mit einer Schnelligkeit ab, welche alle Hoffnung raubte.

Vater, sagte Leutnant Prokop zu Graf Timascheff, die Kraft des Menschen hat ihre Grenzen; ich vermag der Abweichung, welche uns hinwegfhrt, nicht mehr zu widerstehen!

Hast du getan, was dir als Seemann zu tun mglich war? fragte Graf Timascheff, dessen Gesicht keinerlei Erregung zeigte.

Alles, antwortete Leutnant Prokop, doch vor Ablauf einer Stunde wird unsere Golette auf den Strand geworfen sein.

Vor Ablauf einer Stunde, sagte Graf Timascheff, und so laut, da ihn alle verstehen muten, kann Gott uns auch gerettet haben!

Nur wenn sich das Land dort ffnet, um der Dobryna die Durchfahrt zu ermglichen!

Wir sind in der Hand dessen, der alles vermag! schlo Graf Timascheff, das Haupt entblend.

Hector Servadac, der Leutnant und die Matrosen ahmten ihn stillschweigend nach.

Als Prokop sich immer mehr berzeugte, da ein Abkommen vom Lande unmglich sei, traf er seine Maregeln, um wenigstens unter den mindest ungnstigen Verhltnissen ans Ufer zu treiben. Er dachte auch schon daran, da die Schiffbrchigen, wenn einige Personen sich aus dem wtenden Meere retten sollten, whrend der ersten Tage ihres Aufenthaltes auf dem neuen Festlande nicht ganz ohne Hilfsmittel wren, und lie deshalb Kisten mit Lebensmitteln und Tonnen mit sem Wasser auf das Verdeck schaffen, welche mit leeren Fssern zusammengebunden wurden, um auch nach der Zerstrung des Schiffes schwimmen zu knnen. Mit einem Worte, er ordnete alles an, wie es dem Seemanne unter solchen Umstnden geziemt.

In der Tat, er hatte keine Hoffnung, die Golette zu retten, denn die endlose Ufermauer zeigte nirgends eine Buch, einen geschtzten Einschnitt, in welche ein gefhrdetes Schiff sich htte flchten knnen. Nur ein pltzlicher Umschlag des Windes, der die Dobryna vielleicht wieder nach der offenen See triebe, konnte ihr zum Heile dienen, wenn Gott nicht, wie Leutnant Prokop gesagt hatte, durch ein Wunder diese Kste ffnete, um sie hindurchzulassen.

Doch der Wind sprang nicht um, er sollte nicht umspringen.

Bald schwankte die Golette nur noch eine Meile von der Kste. Man sah das furchtbare Ufer von Minute zu Minute anwachsen, ja, es schien, als strzte es sich selbst auf die Golette, um sie zu zertrmmern. Jetzt trieb das Schiff nur noch drei Kabellngen vor jener. Jedermann an Bord glaubte die letzte Stunde gekommen.

Gott befohlen, Herr Graf Timascheff, sagte Kapitn Servadac und reichte seinem Gefhrten die Hand.

Ja, Gott befohlen, erwiderte der Graf gen Himmel zeigend.

Jetzt hob eine furchtbare Woge die Dobryna in die Hh und drohte sie an den Felsen zu zerschellen.

Pltzlich erscholl eine laute Stimme.

Hurtig, hurtig, Jungens! Hi das groe Focksegel! Hi das Sturmsegel! Schnell!

Prokop war es, der, auf dem Vorderkastell der Dobryna stehend, diese Befehle erteilte. So unerwartet sie kamen, so schnell wurden sie doch vollzogen, whrend der Leutnant selbst nach dem Hinterteile lief und das Steuer ergriff.

Was beabsichtigte denn der Leutnant? Offenbar wendete er das Schiff gerade auf die steile Kste zu.

Achtung, rief er noch einmal, luv an, hi das Fockmarssegel!

In diesem Augenblick erscholl ein Schrei ... aber kein Ausruf des Entsetzens war es, der sich den beklommenen Herzen der Armen entrang.

Zwischen zwei steilen Mauern zeigte sich ein etwa vierzig Fu breiter Einschnitt der Felsenkette. Hier bot sich ein Hafen, wenn nicht eine Durchfahrt. Die Dobryna gehorchte der krftigen Hand des Leutnants Prokop und scho, getrieben von Wind und Wellen, in den rettenden Hafen hinein! ... Vielleicht sollte sie nie wieder daraus entkommen!

Dreizehntes Kapitel

In dem die Rede ist vom Brigadier Murphy, Major Oliphant, Korporal Pim und einem Gescho, das sich jenseits des Horizontes verliert.

Wenn Sie erlauben, werde ich Ihren Lufer nehmen sagte der Brigadier Murphy, der sich nach zweitgigem Zgern zu diesem allseitig berlegten Zuge entschlo.

Gewi erlaube ich, was ich doch nicht hindern kann, erwiderte der Major Oliphant, ganz versunken in die Betrachtung des Schachbrettes.

Diese Worte fielen am Morgen des 17. Februars - alten Stils, d. h. des Kalenders, der vor sechs bis sieben Wochen die richtigen Zeitangaben enthielt; doch verging der ganze Tag, ehe Major Oliphant auf jenen Zug Brigadier Murphys durch einen Gegenzug antwortete.

Wir bemerken hierzu, da erwhnte Schachpartie seit nun vier Monaten im Gang war und die beiden Gegner doch noch nicht mehr als zwanzig Zge getan hatten. Beide gehrten brigens zur Schule des berhmten Philidor, der die Bauern die Seele des Spieles nennt, und niemanden fr stark ansieht, der mit diesen nicht geschickt zu operieren wei. So war auch bei vorliegender Partie noch kein Bauer leichtsinnig geopfert worden.

Ganz dem entsprechend, berlieen der Brigadier Henage Finch Murphy und der Major John Temple Oliphant niemals etwas dem Zufalle, sondern handelten unter allen Umstnden nur nach reiflicher berlegung.

Brigadier Murphy und Major Oliphant waren zwei ehrenwerte Offiziere der englischen Armee, vom Geschick zusammengewrfelt auf einer entlegenen Station, wo sie sich die drckende Langeweile durch Schachspielen zu verkrzen pflegten. Beide etwa vierzig Jahre alt, gro von Gestalt. Beide rotblond, das Gesicht verziert mit den schnsten Backenbrten der Welt, an deren unteren Ecken wieder ein langer Schnurrbart auslief, stets in Uniform, immer phlegmatisch, stolz auf ihre Nationalitt als Englnder, und alles von Natur miachtend, was nicht englischen Ursprungs war, huldigten sie der Anschauung, da der Angelsachse aus einem ganz besonderen Teige geknetet sei, der sich auch noch jetzt jeder chemischen Analyse entziehe. Diese Offiziere waren vielleicht nur zwei geistlose Gliedermnner, aber doch solche, vor denen die Vgel Angst haben, und welche das ihnen anvertraute Feld untadelhaft verteidigen. Die Englnder fhlen sich gewhnlich berall zu Hause, selbst wenn das Schicksal sie Tausende von Meilen von der engeren Heimat verschlgt; bei ihren Kolonisationstalenten wrden sie ohne Zweifel den Mond kolonisieren - sobald es ihnen mglich wrde, daselbst die britische Flagge aufzupflanzen.

Die Umwlzung mit ihren auf einen Teil der Erdkugel so tief eingreifenden Vernderungen hatte stattgefunden, ohne weder bei Major Oliphant noch bei Brigadier Murphy ein besonderes Erstaunen zu erregen. Sie sahen sich nur pltzlich zugleich mit elf Mann auf einem Posten isoliert, den sie schon vor der Katastrophe innehatten, whrend von dem ungeheuren Felsen, auf dem tags vorher noch mehrere hundert Offiziere und Soldaten kasernierten, nichts mehr briggeblieben war als ihr beschrnktes, vom Meere umspltes Eiland.

Oho! begngte sich damals der Major zu sagen, das ist ja eine sonderbare Geschichte.

Wahrhaftig, eine sonderbare! hatte ihm einfach der Brigadier geantwortet.

Aber noch lebt Alt-England!

Jetzt und immerdar!

Seine Schiffe werden uns auch wieder heimfhren.

Gewi.

So bleiben wir ruhig auf unserem Posten.

Einverstanden.

brigens mchte es den beiden Offizieren und den elf Mann etwas schwierig geworden sein, ihren Posten zu verlassen, selbst wenn sie es gewollt htten, denn sie besaen nur ein einfaches Boot. Heute noch Bewohner des Festlandes, morgen nebst ihren zehn Soldaten und dem Diener Kirke pltzlich Insulaner, erwarteten sie mit unerschtterlicher Geduld die Stunde, bis irgendein Schiff ihnen Nachrichten vom Mutterlande bringen wrde.

Die Verpflegung der wackeren Leute schien brigens hinreichend gesichert. In unterirdischen Rumen des Eilandes fanden sich noch Vorrte, dreizehn Mgen - sogar dreizehn englische - mindestens sechs Monate lang zu sttigen. Wenn Pkelfleisch, Ale und Brandy zur Hand sind, dann ist ja all right, wie sie sagen.

Wegen der eingetretenen physikalischen Vernderungen, des Wechsels der Himmelsgegenden zwischen Osten und Westen, der Verminderung der Schwere auf der Erdoberflche, der Verkrzung der Tage und Nchte, der Abweichung der Umdrehungsachse, der neuen Bahn der Erde im Weltraume, hatten sich die beiden Offiziere und ihre Mannschaften nach Konstatierung jener Tatsachen nicht weiter beunruhigt. Der Brigadier und der Major stellten ihre durch den Sto durcheinandergeworfenen Schachfiguren wieder in Ordnung und nahmen phlegmatisch ihre endlose Partie wieder auf. Die jetzt weit leichteren Lufer, Springer oder Bauern standen nun wohl weniger sicher auf dem Schachbrette - vorzglich die Knige und Kniginnen, die ihrer Gre wegen bei der geringsten Erschtterung umfielen; bei einiger Vorsicht gelangten Oliphant und Murphy indes doch dazu, ihre kleine elfenbeinerne Arrmee hinreichend auf den Fen zu erhalten.

Wie erwhnt, bekmmerten sich zwar auch die auf dem Eilande eingeschlossenen Soldaten nicht sonderlich um alle jene kosmischen Erscheinungen. Um wahr zu sein, mu hier jedoch hinzugefgt werden, da unter jenen Vernderungen doch zwei zu Reklamationen ihrerseits Veranlassung gaben.

Drei Tage nach Eintritt der Katastrophe hatte Korporal Pim, als Wortfhrer und Dolmetscher fr seine Leute, um eine Unterredung mit den beiden Offizieren nachgesucht.

Diese Unterredung wurde zugestanden. Pim trat, gefolgt von neun Mann, in das Zimmer des Brigadier Murphy. Dort erwartete der Korporal, die Hand an der Mtze, welche, auf dem rechten Ohr sitzend, unter dem Kinn durch den Sturmriemen gehalten wurde, eng eingeschnrt in seine rote Jacke und mit flatternd weiten grnlichen Beinkleidern, die Genehmigung zu sprechen, von seinen Vorgesetzten.

Diese unterbrachen ihre Schachpartie.

Was will der Korporal Pim? fragte Brigadier Murphy, indem er mit Wrde den Kopf etwas erhob.

Meinem Brigadier eine Bemerkung bezglich des Soldes unterbreiten, antwortete der Gefragte, und meinem Major eine zweite bezglich der Verpflegung.

Der Korporal teile seine erste Bemerkung mit, erwiderte Murphy mit einer zustimmenden Geste.

Diese bezieht sich also auf den Sold, Euer Gnaden, begann Korporal Pim. Wird jetzt, da die Tage nur noch halb so lang sind, auch der Sold um die Hlfte gekrzt werden?

Auf diese unerwartete Frage dachte der Brigadier Murphy einen Augenblick lang nach, wobei einige zustimmende Bewegungen des Kopfes verrieten, da er jene Bemerkung nach Zeit und Umstnden ganz gerechtfertigt finde.

Korporal Pim, sagte er dann, da der Sold bisher fr den Zeitraum zwischen Aufgang und Untergang der Sonne berechnet worden ist, wie lang jener auch sei, so wird der Sold auch jetzt derselbe bleiben wie vorher. England ist reich genug, um seinen Ruhm und seine Soldaten zu bezahlen.

Eine liebenswrdige Art und Weise, anzudeuten, da die Armee und der Ruhm Englands in eins zusammenfallen.

Hurra! riefen die zehn Mann, aber kaum mit mehr erhobener Stimme, als ob sie einfach ich danke! gesagt htten.

Korporal Pim wandte sich nun an Major Oliphant.

Der Korporal teile seine zweite Bemerkung mit, sagte der Major mit einem Blick auf seinen Untergebenen.

Diese bezieht sich auf die Verpflegung, Euer Gnaden, antwortete Korporal Pim. Werden wir jetzt, da die Tage nur sechs Stunden dauern, nur noch Anspruch auf zwei Mahlzeiten haben, statt wie frher auf vier?

Der Major berlegte einen Augenblick und machte gegen Brigadier Murphy ein Zeichen, mit dem er offenbar andeuten wollte, da Korporal Pim doch wirklich ein begabter, logischer Kopf sei.

Korporal, erwiderte er, diese physischen Erscheinungen berhren die militrischen Reglements nach keiner Seite. Sie und Ihre Leute werden auch vier Mahlzeiten des Tages erhalten, in Zwischenrumen von je anderthalb Stunden. England ist reich genug, um sich den Gesetzen des Universums anzupassen, wenn das Reglement so etwas erheischt! fgte der Major mit einer leichten Verneigung gegen Brigadier Murphy hinzu, erfreut, die von seinem Vorgesetzten gebrauchte Phrase auf einen zweiten Fall haben anwenden zu knnen.

Hurra! riefen die zehn Soldaten, indem sie diesen zweiten Ausdruck ihrer Zufriedenheit etwas mehr betonten.

Dann machten sie auf den Abstzen kehrt und verlieen, Korporal Pim an der Spitze, in militrischem Schritt das Zimmer der beiden Offiziere, welche sofort ihre unterbrochene Partie wieder aufnahmen.

Diese Englnder hatten ganz recht, auf England zu zhlen, denn England verlt seine Kinder nie. Aber sicherlich war es zu dieser Zeit sehr beschftigt, Erstaunt ber die erfolgreiche Schpfung des Sahara-Meeres durch den Kapitn Roudaire, und um gegen Frankreich nicht zurckzustehen, schuf England ein australisches Meer im Zentrum des fnften Erdteiles. und die brigens so geduldig erwartete Hilfe erschien diesmal nicht. Vielleicht wute man im Norden Europas gar nicht, was im Sden desselben geschehen war.

Jetzt waren neunundvierzig der alten Tage von vierundzwanzig Stunden seit jener merkwrdigen Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar verflossen und noch immer erschien kein englisches Schiff am Horizonte. Der von dem Eiland aus zu bersehende, sonst sehr stark befahrene Teil des Meeres blieb de und leer. Offiziere und Soldaten empfanden darber indes nicht die geringste Unruhe, nicht die leiseste Verwunderung, und folglich auch nicht die Spur einer Anwandlung von Entmutigung. Alle verrichteten ihren Dienst wie gewhnlich und bezogen regelmig ihre Wache. Ebenso pnktlich nahmen der Brigadier und der Major der Garnison die Parade ab. Alle befanden sich sichtlich wohl bei einer Lebensweise, welche sie mstete, und wenn die beiden Offiziere sich hteten, im Essen und Trinken zuviel zu tun, so lag es darin, da ihr Grad ihnen jedes zu starke Embonpoint verbot, welches sich nicht mit der Uniform vertragen htte.

Im allgemeinen verbrachten die Englnder auf dem Eilande ihre Zeit recht angenehm. Die beiden, nach Charakter und Geschmacksrichtung einander sehr hnlichen Offiziere lebten in schnster bereinstimmung. Ein Englnder langweilt sich brigens niemals, auer im eigenen Lande.

Was ihre verschwundenen Kameraden betraf, so bedauerten sie diese gewi, aber doch mit einer ganz britischen Zurckhaltung. Wie sie vor der Katastrophe zusammen achtzehnhundertfnfundneunzig Mann und nach derselben nur noch dreizehn zhlten, so lehrte sie eine einfache Subtraktion, da achtzehnhundertzweiundachtzig beim Appell fehlten, was in dem Rapport pflichtmig verzeichnet wurde.

Wir sagten, da jenes von dreizehn Englndern bewohnte Eiland - der berrest einer enormen Felsmasse, welche sich frher 2400 Meter ber das Meer erhob - der einzige feste Punkt war, der in dieser Gegend das Wasser berragte. Das ist nicht vollstndig richtig. In Wahrheit tauchte, gegen zwanzig Kilometer weiter sdlich, noch ein zweiter ganz hnlicher Felsen empor, der hchste Punkt eines Bergstockes, der frher das Pendant zu dem der Englnder bildete. Dieselbe Katastrophe hatte beide Stellen zu zwei kaum noch bewohnbaren Felsenresten reduziert.

War dieses zweite Eiland menschenleer oder diente es irgendeinem berlebenden als Zufluchtssttte? Diese Fragen legten sich die beiden englischen Offiziere vor und besprachen sie grndlich zwischen zwei Zgen ihrer Partie. Sie hielten dieselbe sogar fr wichtig genug, um vollstndig geklrt zu werden, benutzten also eines Tages die gnstige Witterung und bestiegen ihr Boot, um den die beiden Eilande trennenden Meeresarm zu berschiffen; eine Exkursion, von der sie erst nach sechsunddreiig Stunden zurckkehrten.

Trieb sie ein Gefhl von Nchstenliebe dazu, jenen Felsen zu besuchen? Hatten sie irgendein anderes Interesse dabei? Sie sprachen sich ber ihren Ausflug gegen niemanden, nicht einmal gegen Korporal Pim aus. War das Eiland bewohnt? Der Korporal konnte davon nichts erfahren. Wie die beiden Offiziere ganz allein abgefahren waren, so kamen sie auch allein zurck. Major Oliphant machte nur ein groes Kuvert zurecht, dessen Adresse Brigadier Murphy schrieb und es dann mit dem Siegel des 33. Regimentes verschlo, um es dem ersten Schiff bergeben zu knnen, das in Sicht der Insel erscheinen wrde. Dieses Kuvert trug die Aufschrift:

An Admiral Fairfax,
Erster Lord der Admiralitt.
Vereinigtes Knigreich Grobritannien.

Noch hatte sich aber kein Schiff gezeigt und der 18. Februar kam heran ohne Wiederanknpfung der Verbindungen zwischen dem Eiland und den Behrden in der Hauptstadt.

Als Brigadier Murphy an diesem Tage erwachte, sprach er wie folgt zu Major Oliphant:

Heute, begann er, ist ein Fest- und Freudentag fr jedes echt englische Herz.

Ein groer Festtag, erwiderte der Major.

Ich bin nicht der Ansicht, fuhr der Brigadier fort, da die eigentmlichen Verhltnisse, in denen wir uns augenblicklich befinden, zwei Offiziere und elf Mann von der Armee des Vereinigten Knigreiches abhalten drfen, einen kniglichen Jahrestag gebhrend zu feiern.

Das denke ich auch nicht, antwortete Major Oliphant.

Hat sich Ihre Majestt mit uns bis jetzt noch nicht wieder in Verbindung gesetzt, so wird sie es eben noch nicht fr angemessen gehalten haben.

Ganz gewi.

Ein Glas Portwein, Major Oliphant?

Mit Vergngen, Brigadier Murphy.

Der, wie es scheint, ganz speziell fr den englischen Konsum reservierte Wein verschwand in den britischen Mundffnungen, welche Spottvgel mit dem Namen der Kartoffelfalle bezeichnen, die man aber ebensogut die Fluschwinde der Rhne nennen knnte.


Und nun, sagte der Brigadier, besorgen wir vorschriftsmig die bliche Ehrensalve.

Ganz nach dem Reglement, stimmte Major Oliphant bei.

Der Korporal Pim ward herbeigerufen und erschien, die Lippen noch feucht von dem nationalen Brandy.

Korporal Pim, begann der Brigadier, heute ist der 18. Februar, wenn wir, wie es die Pflicht jedes guten Englnders ist, nach dem frheren britischen Kalender rechnen.

Gewi, Euer Gnaden, antwortete der Korporal.

Es ist der Geburtstag der Knigin.

Der Korporal salutierte militrisch.

Korporal Pim, fuhr der Brigadier fort, sorgen Sie fr die Ehrensalve von einundzwanzig Kanonenschssen.

Zu Befehl, Euer Gnaden.

Ah, Korporal, fgte jener noch hinzu, achten Sie mglichst darauf, da die Bedienungsmannschaft nicht zu hitzig und unvorsichtig handelt.

Soweit es in meinen Krften steht, erwiderte Korporal Pim, der sich nach dieser Seite nicht gar soweit verpflichten wollte.

Von den frheren, sehr zahlreichen Geschtzen des Forts war nur ein groer Vorderlader, eine 27-Zentimeter-Kanone, briggeblieben, ein gewaltiges Geschtz, das man jetzt zum Salutschieen benutzen mute, da sich ein kleineres, wie es sonst bei solchen Gelegenheiten gebraucht ward, nicht vorfand.

Korporal Pim kommandierte die ntigen Leute und begab sich nach dem gedeckten Reduit, das eine schrg durchgebrochene Schiescharte fr jenes Monstregeschtz enthielt. Man brachte die ntigen Kartuschen fr die gebruchlichen einundzwanzig Schu herbei. Natrlich sollte nur blind geschossen werden.

Brigadier Murphy und Major Oliphant stellten sich in groer Uniform mit dem Federhute auf dem Kopfe ein, um der Feierlichkeit beizuwohnen.

Das Geschtz ward nach allen Regeln des Manual des Artilleristen geladen und das Freudenschieen nahm seinen Anfang.

Nach jedem Schu wachte Korporal Pim, eingedenk der ihm gewordenen Ermahnung darber, da das Zndloch sorgfltig geschlossen wurde, um zu verhindern, da ein sich zur Unzeit lsender Schu die Arme der ladenden Bedienung nicht in Stcke reie - ein Unfall, der bei ffentlichen Belustigungen nicht gar so selten vorkommt. Diesmal ging aber alles glcklich vorber.

Die dnnere Luft setzte brigens den aus dem Kanonenrohre hervordringenden Pulvergasen einen weit geringeren Widerstand entgegen, so da auch die Detonationen minder laut ausfielen, als das vor sechs Wochen der Fall gewesen wre; eine Beobachtung, welche den beiden Offizieren gar nicht gefallen wollte. Jetzt hrte man nichts von jenem mchtigen Echo, das sonst, von den Hhlen und Ausbuchtungen der Felsen zurckgeworfen, den trockenen, scharfen Knall des Geschtzes zum furchtbaren Donner verwandelte; nichts von jenem majesttischen Rollen, wie es sich sonst durch die Elastizitt der Luft bis in endlose Fernen verbreitete. Man begreift also, da die Eigenliebe der Englnder infolge des scheinbaren Milingens der Feier eines Jahrestages recht empfindlich verletzt wurde.

Zwanzig Schu waren abgefeuert.

Als zum letzten Male geladen werden sollte, bedeutete Brigadier Murphy den Soldaten mit der Kartusche einzuhalten.

Laden Sie eine Kugel, sagte er, ich bin doch begierig, die jetzige Tragweite des Geschtzes kennenzulernen.

Das wre zu versuchen, stimmte Major Oliphant bei. Haben Sie verstanden, Korporal?

Zu Befehl, Euer Gnaden! besttigte Korporal Pim.

Einer von der Mannschaft brachte auf einem Karren ein Vollgescho im Gewichte von zweihundert Pfund herbei, welches ehedem auf die Entfernung von fnf Viertelmeilen geschleudert wurde. Folgte man der Flugbahn der Kugel mit einem Fernrohre, so mute man dieselbe recht gut in das Meer einschlagen sehen, um daraus die Tragweite des gewaltigen Geschtzes abnehmen zu knnen.

Die Kanone ward geladen und ihr zur Vergrerung der Schuweite eine Elevation von 42 gegen den Horizont gegeben. Der Major kommandierte Feuer!

Beim heiligen Georg! rief der Brigadier aus.

Beim heiligen Georg! wiederholte der Major.

Die beiden Offiziere standen mit offenem Munde da und vermochten kaum ihren Augen zu trauen.

In der Tat war es unmglich, dem Geschosse zu folgen, auf welches die Anziehungskraft jetzt weit weniger wirkte als sonst auf der Oberflche der Erde. Man konnte mit den Fernrohren nicht einmal dessen Einschlagen in das Meer beobachten.

Weiter als zwei Meilen! meinte der Brigadier.

Gewi, - viel weiter! besttigte der Major.

Aber - war das eine Tuschung? - auf den Knall des englischen Geschtzes schien eine schwache Detonation von der offenen See aus zu antworten.

Die beiden Offiziere und alle Soldaten lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit.

Von derselben Gegend her hrte man nacheinander noch drei weitere Detonationen.

Ein Schiff! rief der Brigadier erfreut, und wenn es ein solches ist, so kann es nur ein englisches Fahrzeug sein!

Etwa eine halbe Stunde spter tauchten die Masten eines Schiffes ber dem Horizonte auf.

Alt-England kommt zu uns! sagte der Brigadier mit dem Tone eines Mannes, der schon gewhnt ist, seine Vorhersagungen in Erfllung gehen zu sehen.

Es hat den Donner unserer Kanone erkannt, fgte Major Oliphant hinzu.

Wenn unsere Kugel nur nicht etwa das Schiff getroffen hat! murmelte Korporal Pim halb fr sich.

Nach einer weiteren halben Stunde zeigte sich auch der Rumpf jenes Schiffes ber dem Horizonte. Eine lange, zum Himmel aufsteigende Rauchsule verriet, da es ein Dampfer war. Bald konnte man es als eine Dampfgolette erkennen, deren Richtung ihre Absicht, das Eiland anzulaufen, unzweifelhaft erkennen lie. Zwar flatterte eine Flagge an ihrem Top, doch war es vorlufig unmglich, aus derselben die Nationalitt zu erkennen.

Keinen Augenblick verloren Murphy und Oliphant die Golette aus den Augen, um sofort deren Flagge zu begren.

Pltzlich aber, wie durch eine automatische, vllig gleichzeitige Bewegung, senkten sich beide Arme, und voller Erstaunen sahen sich die beiden Offiziere an.

Die Flagge Rulands! sagten sie.

Wirklich flatterte ein weies Flaggentuch mit dem blauen russischen Andreas-Kreuz darin an der Mastspitze der Golette.

Vierzehntes Kapitel

Welches eine gewisse Spannung der internationalen Verhltnisse erkennen lt und auf ein geographisches Migeschick hinausluft.

Der Dampfer nherte sich dem Eiland sehr schnell, und die Englnder konnten am Heck desselben den Namen Dobryna erkennen.

Eine Felsenaushhlung bildete im sdlichen Teile des Eilandes eine kleine Bucht, welche kaum vier Fischerboote htte aufnehmen knnen; die Golette fand daselbst jedoch einen hinreichenden Ankerplatz, der sogar recht sicher erschien, solange der Sd- oder Ostwind nicht allzusehr auffrischte. Sie fuhr also hier hinein. Der Anker sank auf den Grund, und ein vierruderiges Boot, in dem Graf Timascheff und Hector Servadac saen, stie bald an das Ufer des Eilandes.

Stumm und steif erwarteten sie der Brigadier Murphy und der Major Oliphant.

Vorschnell, wie ein Franzose von Natur, redete Hector Servadac die beiden an.

Ah, meine Herren, rief er, Gott sei Dank! Sie sind gleich uns dem Schicksal entgangen, und wir sind glcklich, zwei unseresgleichen die Hand drcken zu knnen!

Die englischen Offiziere, welche sich nicht von der Stelle rhrten, machten auch keinerlei Bemerkung.

Aber ich bitte, fuhr Hector Servadac, der diese vornehme Zurckhaltung gar nicht zu bemerken schien, redselig fort, haben Sie Nachrichten von Frankreich, von Ruland, von England, von Europa? Bis wohin hat sich jene Umwlzung erstreckt? Stehen Sie in Verbindung mit Ihrer Heimat? Haben Sie ...

Mit wem haben wir die Ehre zu sprechen? fragte da Brigadier Murphy, der sich in seiner ganzen Lnge aufrichtete.

Richtig, antwortete Kapitn Servadac mit nicht mizuverstehendem, mitleidigem Achselzucken, richtig, wir haben einander noch nicht vorgestellt.

Damit wandte er sich an seinen Begleiter, dessen russische Zugeknpftheit dem kalten Empfange der britischen Offiziere vllig die Waage hielt.

Herr Graf Wassili Timascheff, sagte er.

Major Sir John Temple Oliphant, erwiderte der Brigadier, seinen Begleiter vorstellend.

Der Russe und der Englnder verneigten sich.

Herr Generalstabs-Kapitn Hector Servadac, sagte nun seinerseits Graf Timascheff.

Brigadier Sir Henage Finch Murphy, antwortete mit ernster Stimme Major Oliphant.

Neue Verbeugung der betreffenden Personen.

Den Gesetzen der Etikette war nun Genge geschehen; man konnte ungezwungen plaudern.

Selbstverstndlich bediente man sich der franzsischen Sprache, die auch den Englndern und Russen gelufig ist ein Resultat, welches durch den Starrsinn und die durchschnittliche Ungebildetheit der Landsleute Kapitn Servadacs herbeigefhrt worden ist, die sie verhindert, fremde Sprachen zu lernen.

Brigadier Murphy lud seine Gste, denen Major Oliphant nachfolgte, durch eine Handbewegung ein und fhrte sie nach dem Zimmer, das er nebst seinem Kollegen bewohnte. Dieses bestand in einer Art aus dem Felsen ausgehhlten, aber keineswegs jedes Komforts entbehrenden Kasematte. Jeder nahm einen Sitz ein, und die Unterhaltung konnte nun beginnen.

Hector Servadac, den so viele leere Frmlichkeiten verstimmt hatten, berlie das Wort meist dem Grafen Timascheff. Dieser begann, eingehend auf die Prtension der Englnder, vor geschehener gegenseitiger Vorstellung nichts gehrt zu haben, noch einmal ab ovo.

Meine Herren, sagte er, Sie wissen ohne Zweifel, da sich in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar eine Katastrophe ereignet hat, deren Ursache und Umfang wir noch nicht zu durchschauen vermochten. Sieht man das Restchen von Land, welches Sie bewohnen, also dieses Eiland, so liegt die Vermutung nahe, da auch Sie deren Wirkung sehr heftig empfunden haben werden.

Die beiden englischen Offiziere verneigten sich zustimmend.

Mein Begleiter, der Kapitn Servadac, fuhr der Graf fort, hat selbst von diesem Ereignis zu leiden gehabt. Er befand sich als Stabsoffizier an der Kste Algeriens ...

Das ist ja wohl eine franzsische Kolonie? fiel Major Oliphant halb die Augen schlieend ein.

Es gibt nichts, was durch und durch franzsischer wre, antwortete Kapitn Servadac schnell aber trocken.

Es war nahe der Mndung des Cheliff, fuhr Graf Timascheff phlegmatisch fort. Dort verwandelte sich in jener Schreckensnacht ein Teil des afrikanischen Festlandes urpltzlich in eine Insel, whrend alles brige vollkommen von der Erde verschwunden zu sein scheint.

Ah, sagte Brigadier Murphy, dem die Nachricht nur diesen einzigen Ausruf entlockte.

Aber Sie, Herr Graf, mischte sich jetzt Major Oliphant ein, darf ich fragen, wo Sie sich whrend jener Nacht befanden?

Auf dem Meere, mein Herr, an Bord meiner Golette, und ich betrachte es noch heute als ein Wunder, da wir damals nicht mit Mann und Maus zu Grunde gingen.

Wir gratulieren Ihnen noch heute, Herr Graf, sagte verbindlich Brigadier Murphy.

Graf Timascheff nahm seinen Bericht wieder auf.

Der Zufall fhrte mich nach der Kste Algeriens zurck, und ich war hocherfreut, auf der neuen Insel Kapitn Servadac wiederzufinden, und bei ihm seine Ordonnanz Ben-Zouf.

Ben? ... fragte Major Oliphant noch einmal.

Zouf! rief Hector Servadac, tief aufatmend, als habe er sich durch ein Ouf! erleichtern wollen.

Da Kapitn Servadac, fuhr Graf Timascheff unbeirrt fort, dringend daran gelegen war, einige Nachrichten zu erhalten, so schiffte er sich an Bord der Dobryna ein, und wir wandten uns nach Osten, um zu sehen, was von der franzsischen Kolonie noch brig sei ... Wir fanden leider nichts!

Brigadier Murphy bewegte ein wenig die Lippen, so, als htte er sagen wollen, da diese Kolonie, schon allein, weil sie franzsisch war, nicht von solidem Bestande sein knne. Hector Servadac erhob sich auch schon halb zur Erwiderung, aber er bezwang seinen Unmut noch.

Meine Herren, sagte Graf Timascheff, die Zerstrung ist eine ungeheuere. Im ganzen stlichen Teile des Mittelmeeres trafen wir auf kein berbleibsel von den frheren Lndern, weder von Algerien, noch von Tunis, einem Punkt ausgenommen, einen Felsen, der nahe bei Karthago das Wasser berragte, mit dem Grabe eines Knigs von Frankreich ...

Ich glaube Ludwigs IX.? sagte der Brigadier.

Bekannter unter dem Namen des heiligen Ludwig, mein Herr! warf Kapitn Servadac ein, den Brigadier Murphy mitleidig besnftigend anlchelte.

Dann erzhlte Graf Timascheff weiter, da die Golette nach Sden bis zur Hhe des Golfes von Gabes vorgedrungen sei; da das Meer der Sahara nicht mehr existiere - was die beiden Englnder schon deshalb, weil jenes eine Schpfung Frankreichs gewesen, ganz natrlich zu finden schienen; - da vor dem Kstengebiete von Tripolis eine neue, fremdartig gebildete Uferwand emporgestiegen sei und diese etwa lngs des einundzwanzigsten Meridians von Sden nach Norden ungefhr bis zur Hhe der Insel Malta verlaufe.

Und diese englische Insel, beeilte sich Kapitn Servadac hinzuzufgen, also Malta, samt Lavalette, seinen Forts, Soldaten, Offizieren und dem Gouverneur ist Algerien in den Abgrund nachgefolgt.

Einen Augenblick lang verdunkelte eine Wolke die Stirn der beiden Briten, aber bald und fast gleichzeitig verriet ihr Gesicht nur noch den ausgesprochensten Zweifel an dem, was der franzsische Offizier gesagt hatte.

An einen derartigen absoluten Untergang ist doch nur schwer zu glauben, bemerkte Brigadier Murphy.

Und warum? fragte Kapitn Servadac.

Malta ist Eigentum der britischen Krone, erwiderte Major Oliphant, und als solches ...

Ist es ebenso spurlos verschwunden, als htte es China angehrt! unterbrach ihn der Stabsoffizier.

Vielleicht ist bei Ihren Aufnahmen whrend der Fahrt der Golette ein Fehler unterlaufen.

Nein, meine Herren, versicherte Graf Timascheff, von einem Beobachtungsfehler kann hierbei nicht die Rede sein; hier gilt es, sich der nackten Wahrheit zu fgen. Die Zerstrung betrifft England gewi in hervorragendem Mae, denn nicht nur die Insel Malta existiert nicht mehr, sondern es hat auch ein neuer Kontinent den stlichen Teil des Mittelmeeres berhaupt abgeschlossen. Ohne eine ganz schmale Durchfahrt, welche an einem einzigen Punkte dessen Kstenlinie unterbricht, htten wir nimmermehr hierher zu Ihnen gelangen knnen. Es unterliegt also leider keinem Zweifel, da, wenn Malta dem Untergange verfiel, auch nichts mehr vorhanden sein wird von den Jonischen Inseln, welche seit einigen Jahren wieder unter dem Protektorate Englands standen.

Und mir scheint, fgte Kapitn Servadac hinzu, Ihr Chef, der Lord-Oberkommissar, mchte nicht viel Ursache haben, sich wegen der Resultate jener Umwlzung zu beglckwnschen.

Der Lord-Oberkommissar ... unser Chef? ... antwortete Brigadier Murphy mit einer Miene, als verstehe er die Worte des Franzosen nicht.

Ja gewi, fuhr Kapitn Servadac fort, nicht mehr Ursache, als Sie haben, sich zu dem Reste zu gratulieren, der Ihnen von Korfu geblieben ist.

Korfu? ... erwiderte Major Oliphant. Sagte der Herr Kapitn wirklich Korfu?

Gewi, Kor-fu! besttigte Hector Servadac.

Die beiden Englnder standen vor Staunen einen Augenblick stumm und sahen sich fragend an, was sie von dem franzsischen Offizier halten sollten; doch ihre Verwunderung steigerte sich noch, als Graf Timascheff zu wissen wnschte, ob sie entweder durch englische Schiffe oder mittels des submarinen Kabels Nachrichten aus England erhalten htten.

Nein, Herr Graf, belehrte ihn Brigadier Murphy, das Kabel ist gebrochen.

So stehen Sie mit dem Festlande aber doch noch mittels der italienischen Telegrafenlinie in Verbindung?

Der italienischen? fragte Major Oliphant verwundert. Sie wollten ohne Zweifel sagen, mittels der spanischen?

Italienische oder spanische, fiel Kapitn Servadac ein, darauf kommt nicht viel an, meine Herren, wenn Ihnen nur berhaupt Kunde aus der Hauptstadt zugegangen ist.

Noch sind wir ohne Nachricht, erklrte Brigadier Murphy, indessen flt uns das keinerlei Unruhe ein, denn es kann nicht mehr lange whren ...

Vorausgesetzt, da es berhaupt noch eine Hauptstadt gibt! sagte Kapitn Servadac jetzt ernster.

Keine Hauptstadt mehr!

Gewi, wenn es berhaupt kein England mehr gibt!

Kein England mehr!

Brigadier Murphy und Major Oliphant fuhren gleichzeitig in die Hhe, als wrden sie von ein und derselben Feder emporgeschnellt.

Mir scheint, lie sich Brigadier Murphy vernehmen, eher als England mte doch Frankreich ...

Frankreich steht gesicherter, denn es bildet einen Teil des Kontinentes! fiel ihm Kapitn Servadac schon einigermaen erregt ins Wort.

Wie? Gesicherter als England? ... England ist zuletzt doch nur eine Insel und dazu von so zerrissener Gestaltung, da es recht wohl ganz und gar zugrunde gehen konnte!

Jetzt drohte ein unangenehmer Auftritt. Den beiden Briten schwoll der Kamm und Kapitn Servadac schien auch um keinen Fu breit weichen zu wollen.

Graf Timascheff suchte die Gegner, welche sich wegen einer eitlen Nationalittsfrage erhitzten, vergeblich zu beruhigen.

Meine Herren, erklrte Kapitn Servadac sehr khl, ich glaube, diese Auseinandersetzung drfte nur gewinnen, wenn sie unter freiem Himmel weitergefhrt wrde. Hier sind Sie zu Hause; wenn es Ihnen gefllig wre, mit hinauszutreten? ...

Hector Servadac verlie das Zimmer. Graf Timascheff nebst den beiden Englndern folgte ihm auf dem Fue nach. Alle kamen auf einer offenen, den hchsten Punkt des Eilandes einnehmenden Stelle zusammen, welche Kapitn Servadac gleichsam fr neutralen Boden hielt.

Meine Herren, wandte sich Kapitn Servadac hier an die beiden Englnder, wenn Frankreich durch den Verlust Algeriens auch noch so empfindlich geschdigt wurde, so ist es doch immer noch in der Lage, jeder Provokation, von welcher Seite sie auch ausgehen mge, entgegenzutreten. Als franzsischer Offizier habe ich die Ehre, mein Vaterland auf dieser Insel mit demselben Rechte zu reprsentieren, wie Sie, meine Herren, Grobritannien.

Ganz einverstanden, antwortete Brigadier Murphy.

Ich werde also niemals dulden ...

So wenig wie ich, sagte Major Oliphant.

Und da wir hier auf neutralem Boden stehen ...

Auf neutralem? rief Brigadier Murphy. Sie befinden sich hier auf englischem Grund und Boden, mein Herr,

Auf englischem?

Gewi, auf einem Boden, ber dem die Flagge Englands weht!

Der Brigadier zeigte bei diesen Worten nach dem Banner Grobritanniens, das auf dem hchsten Punkte des Eilands im Winde flatterte.

Bah, sagte ironisch Kapitn Servadac, also deshalb, weil es Ihnen gefiel, diese Flagge nach der Katastrophe aufzupflanzen ...

Sie wehte schon vorher an derselben Stelle.

Als Zeichen des Protektorates, nicht des Besitzes.

Des Protektorates? riefen beide Offiziere gleichzeitig.

Meine Herren, fuhr Hector Servadac unbekmmert und mit dem Fue stampfend fort, dieses Eiland ist alles, was von dem Areale einer reprsentativen Republik brigblieb, der gegenber England nie etwas anderes als das Recht der Protektion zustand.

Was? Eine Republik? erwiderte Brigadier Murphy, dessen Augen sich ganz ber die Maen weit ffneten.

Und dazu, fiel Kapitn Servadac wieder ein, lt sich dieses zehnmal verlorene und zehnmal wieder erlangte Protektionsrecht ber die Jonischen Inseln noch vielfach bestreiten.

Die Jonischen Inseln! rief Major Oliphant.

Und hier auf Korfu ...

Auf Korfu?

Das Erstaunen der beiden Englnder sprach sich in deren Zgen so auffllig aus, da Graf Timascheff trotz seiner Zurckhaltung und seiner Neigung, die Partei des Stabsoffiziers zu nehmen, sich veranlat fhlte, beschwichtigend in das Gesprch einzugreifen. Er wollte sich eben an Brigadier Murphy wenden, als dieser schon mit weit ruhigerem Tone das Wort an ihn richtete.

Mein Herr, begann er, ich kann Sie unmglich lnger in einem uns allerdings unerklrlichen Irrtume lassen. Sie stehen hier auf einem Boden, der seit 1704 englisch ist durch das Recht der Eroberung und des unbestrittenen Besitzes, ein Recht, welches der Vertrag von Utrecht ausdrcklich besttigte. Wohl haben sowohl Frankreich als auch Spanien in den Jahren 1729, 1779 und 1782 England zu verdrngen gesucht, sie erzielten damit aber keinen Erfolg. Sie sind auf diesem Eiland, und wre es noch so klein, also ebensogut in England, als befnden Sie sich auf dem Trafalgar-Square in London.

Wir wren demnach nicht in Korfu und nahe der frheren Hauptstadt der Jonischen Inseln? fragte Graf Timascheff im Tone des hchsten Erstaunens.

Nein, meine Herren, das nicht, hier sind Sie in Gibraltar.

Gibraltar! Wie ein Donnerschlag traf dieses Wort das Ohr des Grafen Timascheff und des Stabsoffiziers. Sie glaubten in Korfu, am stlichen Ende des Mittelmeeres zu sein, und sahen sich nun in Gibraltar, am westlichen Eingange zu jenem, trotzdem die Dobryna auf ihrer Entdeckungsfahrt niemals den stlichen Kurs gendert hatte.

Hier trat also eine neue Tatsache hervor, deren Konsequenzen man sich klarmachen mute. Graf Timascheff wollte eben hierauf eingehen, als ein Getse seine Aufmerksamkeit ablenkte. Er drehte sich um und sah mit miflligem Erstaunen Mannschaften von seiner Dobryna im Streite mit englischen Soldaten.

Und die Ursache dieser Aufregung? Ganz einfach ein Wortwechsel zwischen dem Matrosen Panofka und dem Korporal Pim. Woher aber rhrte dieser? Weil das aus der Kanone geschleuderte Gescho einen Balken der Golette zertrmmert und dabei Panofkas Pfeife gebrochen hatte, was freilich ohne eine kleine Schramme an der Nase, welche fr eine russische Nase wohl etwas zu lang sein mochte, nicht abgegangen war.

Whrend also Graf Timascheff und Kapitn Servadac einige Mhen hatten, sich mit den englischen Offizieren zu verstndigen, drohte auch noch ein Handgemenge zwischen der Besatzung der Dobryna und der Garnison des Eilandes.

Natrlich vertrat Hector Servadac hierbei den Matrosen und zog sich hierdurch von Major Oliphant die Erklrung zu, da England fr seine Geschosse nicht verantwortlich sei; da hier ein Fehler des russischen Matrosen vorliege; da dieser Matrose sich an einem Punkte befunden habe, wo er, zur Zeit als die Kugel vorbersauste, nicht htte sein sollen, und da die ganze Sache, wre er ein Landsmann gewesen, gewi gar nicht vorgekommen wre u. dergl. m.

Trotz seiner reservierten Haltung ward Graf Timascheff hierber doch allmhlich bse, und nach Austausch einiger nicht gar so freundlicher Worte mit den beiden Offizieren befahl er seinen Leuten, sich unverzglich einzuschiffen.

Wir werden uns noch treffen, meine Herren, verabschiedete sich Hector Servadac von den beiden Englndern.

Wann es Ihnen beliebt! erwiderte Major Oliphant.

Fr jetzt erfllte, gegenber dieser neuen Erfahrung, nach der Gibraltar an der Stelle lag, wo man Korfu gesucht htte, den Grafen Timascheff und Kapitn Servadac nur noch der eine Gedanke, einerseits Ruland, andererseits Frankreich wieder aufzusuchen.

Eben deshalb lichtete die Dobryna auch ohne Sumen die Anker, und zwei Stunden spter sah man nichts mehr von dem, was von Gibraltar noch briggeblieben war.

Fnfzehntes Kapitel

In welchem man sich bemht, eine Wahrheit zu entdecken, der man sich vielleicht nhert.

Gleich die ersten Stunden der Fahrt verwendete man darauf, die Konsequenzen jener neuen und unerwarteten Tatsache zu besprechen. Gelang es ihnen dabei auch noch nicht, die volle Wahrheit zu ergrnden, so durften der Graf, der Kapitn und Leutnant Prokop doch hoffen, einen Schritt weiter in das Geheimnis ihrer sonderbaren Lage einzudringen.

Nun, und was wuten sie denn jetzt unzweifelhaft? Das eine, da die Dobryna, nachdem sie die Insel Gourbi unter 18 stlicher Lnge verlassen, die neu entstandene Kste etwa unter 33 stlicher Lnge angetroffen hatte. Es entsprach das also einer Entfernung von fnfzehn Lngengraden. Rechnete man hierzu die Lnge der Meerenge, auf welcher sie den neuen unbekannten Kontinent durchfahren hatten, zu etwa dreiundeinhalb Grad, dann noch die Strecke von deren stlichem Ausgange bis Gibraltar zu etwa vier Graden, und endlich den Raum zwischen Gibraltar und der Insel Gourbi zu ungefhr sieben Lngengraden, so ergab das im Ganzen neunundzwanzig Grade.

Die Dobryna htte demnach von ihrem Abfahrtspunkte an der Insel Gourbi bis ebendahin zurck, wobei sie genau demselben Breitengrade folgte oder mit anderen Worten eine vollstndige Rundfahrt ausfhrte, annhernd neunundzwanzig Grade zurckzulegen gehabt. Achtzig Kilometer auf einen Grad gerechnet, ergab das eine Summe von 2320 Kilometern.

Wenn die Insassen der Dobryna anstelle Korfus und der Jonischen Inseln auf Gibraltar trafen, so sagte das, da der ganze Rest der Erdkugel, im Umfange von 331 Lngengraden, vollstndig verschwunden war. Htte man vor der Katastrophe in stlicher Richtung von Malta nach Gibraltar segeln wollen, so htte man die zweite, stliche Hlfte des Mittelmeeres, den Kanal von Suez, das Rote Meer, das Indische Meer, den Stillen Ozean, das Kap Hoorn und nordstlich hinauf das Atlantische Meer passieren mssen. Statt dieses ungeheuren Weges hatte eine neue Meerenge von zweihundertsechzig Kilometer Lnge hingereicht, die Golette nach einem von Gibraltar etwa fnfzig Meilen entfernten Punkte zu fhren.

Dieses Resultat ergaben die Berechnungen des Leutnant Prokop, welche selbst unter Annahme der mglichen Fehler doch hinreichten, darauf weitere Schlsse zu bauen.

Da die Dobryna also, sagte Kapitn Servadac, fast nach ihrem Ausgangspunkte zurckgekehrt ist, ohne den Kurs zu wechseln, so mte man daraus folgern, da das Sphroid der Erde nur noch einen Umfang von 2320 Kilometer hat.

Jawohl, stimmte Leutnant Prokop zu. Sein Durchmesser verminderte sich damit auf nahezu 740 Kilometer, d. h. er wre sechzehnmal kleiner als vor der Katastrophe, wo er 12792 Kilometer betrug. Es unterliegt keinem Zweifel, da wir eben eine Reise um den noch brigen Rest der Erde zurckgelegt haben.

Das wrde allerdings mehrere der von uns beobachteten, so aufflligen Erscheinungen erklren, sagte Graf Timascheff. So mu z. B. die Schwere auf einem so auerordentlich verkleinerte Sphroid vermindert sein, ebenso leuchtet mir ein, da die Rotation um seine Achse dadurch so beschleunigt wurde, da die Zeit zwischen zwei Sonnenaufgngen nur noch zwlf Stunden betrgt. Bezglich der neuen Kreisbahn, welche jenes um die Sonne beschreibt ...

Graf Timascheff unterbrach sich, da es ihm nicht zu gelingen schien, diese Erscheinung aus seinem neuen Systeme herzuleiten.

Nun, Herr Graf, fragte Kapitn Servadac, was die neue Kreisbahn betrifft? ...

Was ist hierber deine Ansicht, Prokop? antwortete der Graf, sich an den Leutnant wendend.

Vater, erwiderte Prokop, zwei Mglichkeiten gibt es nicht, diese vernderte Bahn im Weltraume zu erklren; es gibt nur eine, nur eine einzige!

Und diese wre? fragte Kapitn Servadac lebhaft und schnell, als habe er eine Vorahnung der Antwort des Leutnants.

Sie beruht, fuhr Prokop fort, in der Annahme, da sich ein Fragment der Erde unter Mitnahme eines Teiles der Atmosphre losgelst hat und nun die Sonnenwelt in einer anderen Bahn umkreist, als die der Erdkugel war.

Nach dieser so einleuchtend wahrscheinlichen Erklrung sahen sich Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Leutnant Prokop eine Weile lang schweigend an. Im strengsten Sinne des Wortes angewurzelt, berdachten sie die unberechenbaren Folgen dieses neuen Zustandes der Dinge. Wenn sich nun wirklich ein ungeheures Stck von der Erdkugel losgelst hatte, wohin trieb es wohl? Welche Bedeutung war der Exzentrizitt der elliptischen Bahn zuzuschreiben, welcher jenes jetzt folgte? Bis zu welcher Entfernung von der Sonne wrde es entfhrt werden? Welche Dauer mochte sein Lauf um das Zentrum der Attraktion haben? Sollte es gleich den Kometen Hunderte von Millionen Meilen hinausgeschleudert oder bald nach der Quelle des Lichtes und der Wrme zurckgefhrt werden? Fiel die Ebene seiner Bahn wohl mit der Ekliptik zusammen und durfte man einige Hoffnung hegen, da dieser losgelste Teil sich einmal wieder mit der Erdkugel verbinden werde?

Kapitn Servadac war der erste, der das Schweigen unterbrach und fast wider Willen ausrief:

Zum Teufel, nein! Ihre Erklrung, Leutnant Prokop, trifft zwar nach vielen Seiten zu, ist aber doch nicht annehmbar.

Warum, Kapitn? fragte der Leutnant. Sie scheint mir im Gegenteil jedem Einwurfe zu begegnen.

Nein, nein, einer mindestens wird durch Ihre Hypothese nicht entkrftet.

Und welcher wre das? fragte Prokop.

Nun, verstehen wir uns recht, sagte Kapitn Servadac. Sie bleiben bei der Ansicht stehen, da ein Stck der Erdkugel, jetzt also ein neuer Asteroid, der uns trgt und der das Mittellndische Meer von Gibraltar bis Malta umfat, durch die Sonnenwelt kreise?

Das ist meine Ansicht.

Nun gut, Leutnant; wie erklren Sie dann aber das Auftauchen jenes eigentmlichen Kontinentes, der dieses Meer jetzt einrahmt, und speziell die Bildung seiner Kste? Wrden wir auf einem Stck der Erdkugel hinweggefhrt, so htte dasselbe doch gewi sein altes Granit- oder Kalksteinskelett behalten und knnte an der Oberflche nicht jene mineralischen Bestandteile aufweisen, deren Zusammensetzung uns noch nicht einmal bekannt ist.

Das war freilich ein gewichtiger Einwurf des Kapitn Servadac gegen die Theorie des Leutnants. Man konnte wohl damit einverstanden sein, da sich von der Erdkugel ein Fragment losgelst habe, welches einen Teil der Atmosphre und des Mittelmeeres entfhrte; konnte zugeben, da dessen Bewegungen um sich selbst und in der Bahn um die Sonne nicht mit denen der Erde identisch seien; weshalb aber erhob sich anstelle der fruchtbaren Ufer, welche das Mittelmeer sonst im Sden, Westen und Osten begrenzten, jetzt jene aller Vegetation entbehrende, steile Kstenmauer von so gnzlich unbekannter Natur?

Leutnant Prokop vermochte diesen Einwurf nicht zu beantworten und trstete sich nur mit der Hoffnung, da die Zukunft noch Licht ber bisher dunkle Punkte verbreiten werde. Jedenfalls veranlate ihn Kapitn Servadacs Einrede nicht, eine Hypothese aufzugeben, welche so vieles vorher Unerklrliche aufhellte. Die erste Ursache der ganzen Vernderung entging ihm freilich auch noch jetzt. Sollte man annehmen, da eine expansive Wirkung zentraler Krfte ein solches Bruchstck aus der festen Erdrinde habe lsen und in den Weltraum hinausschleudern knnen? Das war doch sehr unwahrscheinlich. Wie viele Rtsel gab dieses groartige Problem zu lsen!

Alles in allem, sagte Kapitn Servadac zum Schlusse, kommt ja sehr wenig darauf an, auf einem neuen Gestirn durch die Sonnenwelt zu fliegen, wenn uns nur Frankreich begleitet.

Frankreich ... und Ruland! fgte Graf Timascheff hinzu.

Und Ruland! wiederholte der Stabsoffizier, der sich beeilte, die legitime Reklamation des Grafen anzuerkennen.

Wenn es aber wirklich nur ein Stck der Erdkugel war, das sich in einer neuen Ellipse um die Sonne bewegte, und wenn auch dieses Bruchstck eine Kugelgestalt hatte - wobei es notwendigerweise nur sehr beschrnkte Dimensionen aufweisen konnte - mute man dann nicht befrchten, da ein Teil Frankreichs und mindestens der grte Teil Rulands mit der alten Erde in Verbindung geblieben sei? Ebenso England, bezglich dessen schon das sechs Wochen lang andauernde Ausbleiben aller Nachricht und Aufhren jeder Verbindung zwischen Gibraltar und dem Vereinigten Knigreiche darauf hinzudeuten schien, da weder zu Land noch zu Wasser, weder durch die Post noch durch den Telegrafen eine Kommunikation mglich sei. Wenn die Insel Gourbi wirklich, wie das fortwhrende Gleichbleiben der Tage und Nchte vermuten lie - im quator des Asteroiden lag, so muten die beiden Pole im Norden und Sden von der Insel gleichmig und zwar so weit voneinander entfernt sein, als der bei der Fahrt der Dobryna gefundene halbe Umfang, also 1160 Kilometer. Der Nordpol war also gegen 580 Kilometer nrdlich von der Insel Gourbi, der Sdpol ebensoweit sdlich von derselben zu suchen. Bestimmte man diese Punkte auf der Karte, so fiel der Nordpol nicht ber die Kste der Provence hinaus, der Sdpol aber in die afrikanische Wste etwa in den neunundzwanzigsten Grad der Breite.

Hatte nun Leutnant Prokop wohl recht, auf der Annahme seines neuen Systemes zu beharren? War in der Tat ein so gewaltiges Stck von der Erdkugel abgerissen worden? Keiner vermochte das endgltig zu entscheiden. Die Lsung des Problems gehrte der Zukunft; vielleicht erscheint aber doch die Annahme nicht zu khn, da Leutnant Prokop, wenn er auch die volle Wahrheit noch nicht erkannte, ihr doch einen bedeutenden Schritt nhergekommen war.

Jenseits der engen Spalte, welche unfern Gibraltar die beiden uersten Enden des Mittelmeeres verband, traf die Dobryna das herrlichste Wetter an. Der Wind begnstigte ihre Fahrt, und unter der doppelten Hilfe der Brise und des Dampfes kam sie desto schneller nach Norden vorwrts.

Wir sagten nach Norden, nicht nach Osten, denn das Kstengebiet Spaniens war, mindestens zwischen Gibraltar und Alicante, vollstndig verschwunden. Weder Malaga, noch Almeria, das Kap von Gata oder das von Palos, noch auch Karthagena, fanden sich an den Stellen ihrer geographischen Koordinaten. Das Meer hatte alle diese Teile der spanischen Halbinsel bedeckt, und die Golette mute bis zur Hhe von Sevilla segeln, nicht um die Kste Andalusiens, sondern um eine ganz gleiche steile Uferwand zu treffen, wie jene jenseits Maltas.

Von diesem Punkte aus schnitt das Meer tief in das Land hinein und bildete einen spitzen Winkel, dessen Scheitel etwa Madrid einnehmen mute. Dann verlief das Ufer wieder in der Richtung nach Sden, griff nun seinerseits in das alte Meeresbassin ein und verlngerte sich, einer drohenden Kralle hnlich, oberhalb der Balearen.

Als sich die Seefahrer, um etwaige Spuren dieser wichtigen Inseln aufzufinden, etwas von ihrer Route entfernten, machten sie einen ganz unerwarteten Fund.

Es war am 21. Februar acht Uhr morgens, als einer der Matrosen, der am Vorderteile der Golette die Wache hatte, pltzlich ausrief:

Eine Flasche im Meer!

Diese Flasche konnte mglicherweise ein wertvolles, auf den damaligen Zustand der Dinge bezgliches Dokument enthalten.

Auf den Ruf des Matrosen waren Graf Timascheff, Hector Servadac, der Leutnant und alle nach dem Vorderteile geeilt. Die Golette manvrierte so, da sie sich dem bezeichneten Gegenstande nherte, der dann auch bald aufgefischt und an Bord gehit wurde.

Es war keine Flasche, sondern ein Lederetui, von der Art, wie man sie zur Aufbewahrung mittelgroer Fernrohre zu benutzen pflegt. Der Deckelteil zeigte sich sorgfltig mit Wachs verkittet, und wenn das Etui erst vor kurzer Zeit ausgeworfen war, so hatte das Wasser aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hineindringen knnen.

Leutnant Prokop musterte in Gegenwart des Grafen Timascheff und des Stabsoffiziers aufmerksam das Etui. Kein Fabrikzeichen deutete auf seinen Ursprung. Das Wachs, mit dem es verschlossen war, zeigte sich unversehrt und hatte auch noch einen Petschaftabdruck deutlich bewahrt, auf dem man die Buchstaben P. R. erkannte. Der Behlter ward geffnet und der Leutnant zog aus ihm ein vom Wasser noch vollkommen verschontes Papier hervor, nur ein einfaches viereckiges Blttchen, das offenbar aus einem Notizbuche gerissen war und auf dem sich in groer, verkehrt geneigter Schrift folgende mit Frage- und Ausrufungszeichen reich versehenen Worte fanden:

Gallia???
Ab sole, au 15. fvr., dist.: 59 000 000 l.!
Chemin parcouru de janv. au fvr.:
82 000 000 l.
Va bene! All right! Parfait!!!

Deutsch: Gallia???
Von der Sonne, am 15. Febr., Entf.:
35 400 000 Meilen!
Durchlaufener Weg vom Jan. bis Febr.:
49 200 000 M.
Geht gut! Ganz wohl! Vortrefflich!!!

Was soll das bedeuten? fragte Graf Timascheff, als er das Blatt nach allen Seiten gewendet hatte.

Ich wei es nicht, erwiderte Kapitn Servadac; nur eines ist sicher, da der Verfasser dieses Dokumentes, wer es auch immer sei, am 15. Februar noch lebte, denn das Schriftstck trgt dieses Datum.

Unzweifelhaft, stimmte Graf Timascheff zu.

Das Dokument selbst war nicht unterzeichnet. Nichts deutete auf seinen Ursprungsort. Es fanden sich darin lateinische, italienische, englische und franzsische Worte, letztere in berwiegender Anzahl.

Eine Mystifikation kann das nicht wohl sein, meinte Kapitn Servadac. Es liegt auf der Hand, da dieses Dokument auf die neue kosmographische Ordnung Bezug nimmt, deren Folgen auch wir empfinden. Das Etui, in dem es sich befand, gehrte irgendeinem Beobachter an Bord eines Schiffes ...

Nein, Kapitn, fiel Leutnant Prokop ins Wort, dann htte es jener in einer Flasche verschlossen, in der es besser als in dem Lederfutteral vor der Feuchtigkeit geschtzt war. Ich glaube vielmehr, irgendein Gelehrter, der allein auf einem verschonten Punkte einer Kste briggeblieben ist, hat, um die Resultate seiner Beobachtungen bekanntzugeben, dazu diesen Behlter benutzt, der ihm augenblicklich vielleicht minder wertvoll erschien, als seine Flasche.

Am Ende kommt darauf wenig an, sagte Graf Timascheff. Jetzt scheint es mir nutzbringender, den Inhalt dieses sonderbaren Dokumentes zu entrtseln, als sich ber dessen Urheber den Kopf zu zerbrechen. Wir wollen es Wort fr Wort vornehmen. Also zuerst, was bedeutet dieses Gallia?

Ich kenne keinen greren oder kleineren Planeten, der diesen Namen fhrte, bemerkte Kapitn Servadac.

Kapitn, begann da der Leutnant Prokop, erlauben Sie, bevor wir weitergehen, eine Frage an Sie zu stellen.

Mit Vergngen.

Sind Sie nicht der Meinung, da gerade dieses Dokument meine letztere Hypothese zu untersttzen scheint, nach welcher ein Fragment der Erdkugel in den Weltraum hinausgeschleudert wre?

Ja ... vielleicht ... antwortete Hector Servadac ... obwohl der Einwurf bezglich der sonderbaren Grundstoffe, aus der das Innere unseres Asteroiden gebildet ist, noch immer fortbesteht.

In diesem Falle, fgte Graf Timascheff hinzu, htte jener Gelehrte dem neuen Gestirn also den Namen Gallia gegeben.

Das scheint demnach ein franzsischer Gelehrter gewesen zu sein? bemerkte Leutnant Prokop.

Man knnte es glauben, besttigte Kapitn Servadac. Beachten Sie, da unter den achtzehn Worten des Dokumentes sich elf franzsische Worte befinden gegenber drei lateinischen, zwei italienischen und zwei englischen. Es deutet diese Mischung auch darauf hin, da besagter Gelehrter, in der Ungewiheit darber, in welche Hnde sein Dokument fallen werde, einzelne Worte verschiedener Sprachen verwendete, um desto sicherer verstanden zu werden.

Gut, wir nehmen also an, Gallia sei der Name des neuen Asteroiden, der um die Sonne kreist, sagte Graf Timascheff, und gehen nun weiter zu den Worten: 'Von der Sonne, Entfernung am 15. Februar, fnfunddreiig und vier Zehntel Millionen Meilen'.

Das entspricht offenbar der Entfernung, erklrte Leutnant Prokop, welche die Gallia von der Sonne trennte, als sie die Bahn des Mars durchschnitt.

Gut, antwortete Graf Timascheff, das wre also ein erster Punkt des Dokumentes, der mit unseren Beobachtungen bereinstimmt.

Ganz genau, bekrftigte Leutnant Prokop.

Durchlaufener Weg vom Januar bis Februar, fuhr Graf Timascheff lesend fort, neunundvierzig und zwei Zehntel Millionen Meilen.

Es bezieht sich diese Angabe, sagte Hector Servadac, offenbar auf die von der Gallia in ihrer neuen Bahn durchmessene Strecke.

Ganz gewi, stimmte ihm Leutnant Prokop bei, und zwar mute die Umlaufsgeschwindigkeit, entsprechend den Kepplerschen Gesetzen, oder, was auf dasselbe hinauskommt, der in gleichen Zeitrumen durchlaufene Weg progressiv kleiner werden. Die hchste von uns beobachtete Temperatur fiel mit dem 15. Januar zusammen. Hchstwahrscheinlich befand sich die Gallia zu der Zeit in ihrem Perihel, d. h. in der geringsten Entfernung von der Sonne, und bewegte sich damals mit einer doppelten Geschwindigkeit gegenber der der Erde, welche nur siebzehntausendzweihundertachtzig Meilen in der Stunde erreicht.

Das klingt alles sehr schn, lie sich Kapitn Servadac vernehmen, leider verrt es uns nur nicht, bis zu welcher Entfernung von der Sonne sich die Gallia in ihrem Aphel bewegen wird, und was wir von der Zukunft zu hoffen oder zu frchten haben.

Nein, Kapitn, antwortete Leutnant Prokop; doch mittels genauer Beobachtungen auf verschiedenen Punkten der Gallia-Bahn mssen wir mit Hilfe der allgemeingltigen Gravitationsgesetze dahin gelangen, die Elemente dieser Bahn zu bestimmen ...

Und folglich, fiel Kapitn Servadac ein, den Weg, den die Gallia in dem Sonnensysteme einhalten wird.

In der Tat, uerte sich Graf Timascheff, wenn die Gallia ein Asteroid ist, so unterliegt sie, wie alle beweglichen Krper, den Gesetzen der Mechanik, und die Sonne bestimmt ihre Bahn ebenso wie die der Planeten. Von dem Augenblicke an, als sich dieses Fragment von der Erde lste, fesselten es auch die unsichtbaren Ketten der allgemeinen Anziehungskraft und bestimmten genau seine sptere Flugbahn.

Wenigstens so lange, setzte Leutnant Prokop hinzu, als nicht spter vielleicht ein anderer Himmelskrper strend in diese Bahn eingreift. Im Vergleich mit den brigen Krpern des Himmelssystems ist die Gallia nur winzig klein, und die anderen Planeten knnten leicht einen merkbaren Einflu darauf ausben.

Jedenfalls, meinte Kapitn Servadac, knnte die Gallia leicht einem unangenehmen Zusammensto ausgesetzt sein und dadurch von dem rechten Wege abweichen. brigens, meine Herren, bedenken Sie, da wir hier sprechen, als wren wir erwiesenermaen Bewohner dieser Gallia. Wer beweist uns denn aber, da diese Gallia nicht etwa der hundertsiebzigste, neuentdeckte kleine Planet ist?

Nein, nein, erwiderte Leutnant Prokop, davon kann nicht die Rede sein. Die teleskopischen Planeten bewegen sich alle nur in einer schmalen, zwischen der Bahn des Mars und des Jupiters gelegenen Zone. Sie nhern sich infolgedessen der Sonne niemals so sehr, wie die Gallia zur Zeit ihres Perihels. Diese Tatsache kann nicht angezweifelt werden, da das Dokument mit unseren eigenen Hypothesen hierin vollstndig bereinstimmt.

Leider fehlen uns, sagte Graf Timascheff, die zu jenen astronomischen Beobachtungen notwendigen Instrumente, so da wir die Bahnelemente unseres Asteroiden zu berechnen auer Stande sind.

Wer wei, meinte Hector Servadac, zuletzt wird vielleicht auch diese Schwierigkeit beseitigt.

Was die letzten Worte des Dokumentes betrifft, fuhr Graf Timascheff fort, 'Va bene! All right! Parfait!!!' so bedeuten sie wohl gar nichts ...

Auer, da der Verfasser, fiel Hector Servadac ein, damit hat ausdrcken wollen, wie entzckt er von dem neuen Zustande der Dinge sei, und da er alles wunderschn in dieser schnsten der Welten finde.

Sechzehntes Kapitel

In dem man sehen wird, wie Kapitn Servadac alles in seiner Hand hlt, was von einem groen Kontinente brigblieb.

Nachdem die Dobryna das gewaltige Vorgebirge, welches ihr den Weg nach Norden sperrte, umschifft hatte, steuerte sie nach der Gegend, wo sich das Kap von Creus befinden mute.

Fast Tag und Nacht sprachen die Reisenden von den auergewhnlichen Umstnden, in denen sie sich jetzt befanden. Der Name Gallia wiederholte sich bei ihren Unterhaltungen so hufig und unbewut, da er fr sie allmhlich den Wert eines geographischen Namens bekam, nmlich den des Asteroiden, der sie durch die Sonnenwelt entfhrte.

Trotzdem vergaen sie niemals, da ihnen die jetzt unabweisbare Aufgabe oblag, das neue Kstengebiet des Mittelmeeres zu erforschen. So folgte denn die Golette immer so nahe als mglich den neuen Grenzen dieses, wie es schien, einzigen Meeres der Gallia.

Die obere, also nrdliche Kste jenes Vorgebirges berhrte die Stelle, welche an der iberischen Kste frher Barcelona einnahm; die Kste selbst war aber samt jener bedeutenden Stadt verschwunden und lag jedenfalls unter den Fluten begraben, welche unweit davon gegen das steile Ufer brandeten. Letzteres verlief von hier aus nach Nordosten und erreichte, genau an dem Punkte des Kaps von Creus, wieder das frhere Meeresbassin.

Von diesem Kap von Creus war nichts mehr vorhanden.

Dicht an dieser Stelle begann die franzsische Grenze, und man wird sich leicht eine Vorstellung von Kapitn Servadacs Gefhlen machen knnen, als er hier einen neuen Boden an der Stelle desjenigen seines Vaterlandes getreten sah. Noch vor der franzsischen Kste erhob sich eine unbersteigliche Wand, welche jeden Fernblick abschnitt. Steil wie eine lotrechte Mauer, gegen tausend Fu hoch, nirgends eine ersteigbare Flche bietend, ebenso de, zerklftet und neu, wie man sie schon am anderen Ende des Mittelmeeres angetroffen hatte, verlief dieses Kstengebirge lngs derselben Parallele, welche sonst die reizenden Ufer des sdlichen Frankreich einnahmen.

So nahe am Lande sich die Golette auch hielt, nichts von dem Kstengebiete des frheren Departements der stlichen Pyrenen kam ihr zu Gesicht, weder Kap Bearn, noch Port-Vendres, weder die Mndung des Tech, noch die Lagune von St. Nazaire, so wenig, wie der Ausflu des Tet oder die Lagune von Salces. An der Grenze des frher von Weihern und Inseln so pittoresk durchbrochenen Departements der Aude fand sich vom Arrondissement der Narbonne auch nicht ein berbleibsel. Vom Kap d'Agde, an der Grenze des Departements Herault, bis zum Golf von Aigues-Mortes fand sich keine Spur, weder von Cette oder Frontignan, noch von jenem von den Wellen des Mittelmeeres umsplten Bogen des Arrondissements Nmes, weder von den Kieselfeldern von Crau oder Camargue, noch von dem vielverzweigten Delta der Rhne-Mndungen. Martigues, verschwunden! Marseille, verschlungen! Man mute frchten, von dem europischen Kontinent kein Stckchen Land mehr anzutreffen, das einst den Namen Frankreich getragen hatte.

Obwohl Hector Servadac sich schon auf alles vorbereitet hatte, so stand er doch erstarrt der traurigen Wirklichkeit gegenber. Er sah keine Spur mehr von den Ufern, die ihm von frher her so genau bekannt waren. Manchmal, wenn sich die Kstenwand leicht nach Norden wendete, hoffte er ein Restchen franzsischen Bodens zu sehen, der der Zerstrung entgangen wre. Doch wenn sich eine solche Bucht auch weit hinein erstreckte, so zeigte sich doch nichts, was dem prchtigen Ufer der Provence angehrt htte. Wo das neue Ufer nicht mit der alten Meeresgrenze zusammenfiel, da berfluteten das Land die Wogen des vernderten Mittelmeeres, so da Hector Servadac sich die Frage stellte, ob der einzige berrest seines Vaterlandes nicht jener Fetzen des Gebietes von Algier sei, jene Insel Gourbi, nach welcher er werde zurckkehren mssen!

Und doch, uerte er wiederholt gegen Graf Timascheff, endet der Kontinent der Gallia nicht mit dieser unnahbaren Kste. Sein Nordpol liegt ber derselben hinaus! Was mag hinter dieser Mauer sein? Wir mssen es wissen, mssen uns berzeugen, ob es trotz der Erscheinungen, deren Zeugen wir waren, doch nicht vielleicht die Erdkugel ist, auf welcher wir wandeln, ob sie uns nicht auf einer neuen Bahn durch das Planetenreich trgt, ob dort hinter dieser Scheidewand nicht Frankreich, Ruland, vielleicht das ganze Europa liegt. Sollten wir denn keinen flachen Strand antreffen, um einmal an dieser Kste zu landen? Gibt es kein Mittel, diese scheinbar unersteigliche Mauer zu erklimmen und nur einmal nach dem auszulugen, was sie unserem Blicke verbirgt? Ans Land, wo es geht, in Gottes Namen, ans Land!

Aber obwohl die Dobryna fortwhrend fast die Kste streifte, zeigte sich doch nirgends eine Stelle, an der sie htte einlaufen, nicht einmal eine Klippe, auf der die Besatzung htte Fu fassen knnen. Unverndert stieg der Uferwall steil, glatt, senkrecht bis zu einer Hhe von zwei- bis dreihundert Fu auf und war oben mit einem sonderbaren Gewirr kristallinischer Lamellen gekrnt. berall sah die neuaufgestiegene Umfassung des Mittelmeeres sich so hnlich, als wre sie in ein und derselben Form gegossen.

Mit voller Dampfkraft eilte die Dobryna nach Osten. Die Witterung hielt sich gut. Die merkbar abgekhlte Atmosphre konnte nur weniger Wasserdnste aufnehmen. Nur da und dort bildeten sich einige leichte, fast durchsichtige Zyrrhusstreifen an dem azurnen Himmel. Tagsber sandte die deutlich verkleinerte Sonnenscheibe nur blasse Strahlen herber, welche allen Gegenstnden ein unklares Relief verliehen. Whrend der Nacht aber funkelten die Sterne in auerordentlichem Glanze, whrend gewisse Planeten durch die zunehmende Entfernung verblaten. So war es der Fall mit der Venus und dem Mars, sowie mit jenem unbekannten Weltkrper, der im Kreise der unteren oder inneren Planeten, der Sonne bald beim Auf- und bald beim Untergange vorausging. Dagegen nahm der Schimmer des ungeheuren Jupiter und des herrlichen Saturn sichtlich zu, da die Gallia sich diesen Planeten nherte, und Leutnant Prokop zeigte auch den mit bloen Augen sichtbaren Uranus, der sonst nur mittels Fernrohres zu erkennen ist. Die Gallia gravitierte also, indem sie sich noch immer vom Zentrum der Attraktion entfernte, jetzt quer durch das Planetensystem.

Am 24. Februar gelangte die Dobryna, nachdem sie der Bogenlinie gefolgt war, welche vor der Umwlzung die Kste des Departements Var bildete; nachdem sie vergeblich nach Spuren der Hyerischen Inseln, der Halbinsel Saint-Tropez, der Levinischen Inseln, des Golfes von Cannes und des Golfes von Jouan geforscht hatte, nach der Hhe des Kaps von Antibes.

Hier teilte zum grten Erstaunen, aber auch zur grten Freude der Reisenden ein enger Spalt von oben bis unten die steile Kste. Am Fue desselben streckte sich lngs des Meeres ein schmaler Strand hin, welchen ein Boot ohne Gefahr anlaufen konnte.

Endlich werden wir ans Land gehen knnen! rief Kapitn Servadac ganz auer sich vor Freude.

Bei dem Grafen Timascheff kostete es keine Mhe, die Einwilligung dazu zu erhalten, denn er sowohl wie Leutnant Prokop brannten vor Begierde, das Land zu betreten. Wenn sie auf der Bschung dieses Einschnittes, scheinbar dem ausgewaschenen Bette eines Bergstromes, emporklommen, gelang es vielleicht, den Kamm des Uferwalls zu erreichen und dort einen erweiterten Gesichtskreis zu gewinnen, der ihnen, wenn nicht einen Blick ber franzsisches Land, doch einen solchen ber dieses bizarre Gebiet gewhrte.

Um sieben Uhr morgens betraten der Graf, der Kapitn und der Leutnant das Ufer.

Zum ersten Male fanden sie hier einige berreste der alten Erdrinde, wenige Kalksteine von gelbgrauer Farbe, wie sie vorzglich an der Kste der Provence vorkommen. Dieser schmale Strand aber - offenbar ein berbleibsel der alten Erdkugel - hatte kaum einige Quadratmeter Oberflche, und so begaben sich die Forscher sofort nach der Rinne, lngs welcher sie emporsteigen wollten.

Diese Rinne oder Spalte war ganz trocken und verriet deutlich, da hier niemals ein Bergstrom seine tosenden Wsser herabgestrzt habe. Die Felsenwnde zeigten hier ebenso, wie an jeder anderen Stelle der Bergmasse, dieselbe lamellse Struktur, und schienen von den sonst so leicht bemerkbaren Einflssen der Witterung noch so gut wie unberhrt. Ein Geolog wre wohl im Stande gewesen, diesem Gesteine seine richtige Stelle im lithologischen Systeme anzuweisen, aber weder Graf Timascheff, noch der Stabsoffizier oder Leutnant Prokop vermochten deren Natur zu erkennen.

Wenn dieser Hohlweg aber auch keine Spuren von Feuchtigkeit aus der jngsten, oder aus lterer Zeit aufwies, so war doch leicht einzusehen, da er unter vernderten klimatischen Verhltnissen einst sehr betrchtlichen Wassermassen als Abflu dienen werde.

Schon glnzten da und dort auf der Bschung beschrnkte, mit Schnee bedeckte Stellen, welche nach oben immer ausgedehnter auftraten und die hchsten Punkte des Bergkammes in dicken Lagen berdeckten. Hchstwahrscheinlich lag auch das ganze Terrain hinter der Ufermauer unter einer gleichen Schnee- und Eisdecke begraben.

Das wren also die ersten Spuren von Swasser, die wir auf der Gallia entdecken, bemerkte Graf Timascheff.

Jawohl, antwortete Leutnant Prokop, und weiter oben werden wir nicht nur Schnee-, sondern infolge der zunehmenden Klte auch Eisbildungen antreffen. Vergessen wir nicht, da wir uns, wenn die Gallia eine sphroidale Gestalt besitzt, hier in der Nhe ihrer arktischen Gebiete befinden, welche die Sonnenstrahlen nur in sehr schrger Richtung treffen. Es kann daselbst, ebenso wie whrend des Sommers an den beiden Polen der Erde, niemals vllig Nacht werden, da die Sonne, infolge der sehr geringen Neigung der Rotationsachse, den quator kaum verlt; die Klte mu dagegen sehr hohe Grade erreichen, vorzglich wenn sich die Gallia betrchtlich von dem Zentrum der Wrme, der Sonne, entfernen sollte.

Haben wir nicht zu befrchten, Leutnant, fragte Kapitn Servadac, da diese Klte dabei so sehr zunehmen wird, um die Existenz jedes lebenden Wesens zu vernichten?

Nein, Kapitn, erwiderte Leutnant Prokop. So weit wir uns auch von der Sonne entfernen mgen, niemals wird die Klte unter die Temperatur des Weltraumes herabsinken knnen, d. h. unter die derjenigen Stellen, an denen nicht einmal mehr Luft vorhanden ist.

Und diese Temperaturgrenzen sind? ...

Etwa sechzig Grad (des hundertteiligen Thermometers) unter Null, nach der Angabe eines Franzosen, des gelehrten Naturforschers Fourier.

Sechzig Grad! rief Graf Timascheff, sechzig Grad unter Null! Das ist aber eine Temperatur, welche selbst fr Russen unertrglich werden drfte.

hnliche Kltegrade, fuhr Leutnant Prokop fort, haben englische Seefahrer in den Polarmeeren schon angetroffen, und Parry hat, wenn ich nicht irre, auf der Insel Melville sechsundfnfzig Grad unter Null am Thermometer beobachtet.

Die drei Wanderer standen einen Augenblick still, um Atem zu schpfen, denn auch ihnen erschwerte, wie es Bergsteigern so hufig ergeht, die nach und nach sich verdnnende Luft das Aufsteigen mehr und mehr. Auerdem empfanden sie, ohne eine besonders groe Hhe erreicht zu haben - sie mochten etwa 6- bis 700 Fu emporgestiegen sein - eine sehr merkliche Abnahme der Temperatur. Glcklicherweise erleichterte ihnen die streifige Struktur der mineralischen Substanz des Rinnenbettes des Gehen, und so erreichten sie vom Strande aus in etwa anderthalb Stunden die Hhe des Bergkammes.

Dieses Kstengebirge berragte nicht nur das Meer nach Sden zu, sondern auch nach Norden die ganze, rasch abfallende Umgebung.

Kapitn Servadac konnte einen Aufschrei nicht unterdrcken.

Frankreich war nicht mehr vorhanden! Unzhlige Felsengebilde folgten einander bis zum entferntesten Horizonte. Von Schnee und Eis bedeckt, flo dieses Steinmeer zur einfmigen Wste zusammen, in welcher man nichts als eine Anhufung sechskantiger, regelmiger Prismen erkannte. Die ganze Gallia schien das Produkt einer mineralischen, gleichartigen und unbekannten Formation zu sein. Wenn der eigentliche Kamm des steilen Ufers, das jetzt den Rahmen des Mittelmeeres bildete, nicht diese Gleichartigkeit der hchsten Spitzen zeigte, so mochte das von irgendeiner Ursache - vielleicht von derselben, der man berhaupt noch das Vorhandensein des Meeres verdankte - herrhren, welche bei Gelegenheit der groen Katastrophe die uere Textur dieser Gebirgsmauer vernderte.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls sah man in diesem Teile der Gallia kein berbleibsel des europischen Festlandes. berall hatte die neue Substanz den alten Boden bedeckt. Hier fand sich nichts von der hgeligen Landschaft der Provence, nichts von den Orangen- und Zitronengrten, deren rtlicher Humus sich stufenweise auf Schichten trocknen Gesteins ablagerte; nichts von den Olivenwldern mit ihrem meergrnen Laube, noch von den groen Anpflanzungen von Pfeffer- und Nesselbumen, Mimosen, Palmenarten und Eukalypten; nichts von den Gebschen von Riesengeranien, ber welche sich da und dort eine groblttrige Aloe erhob, von den Kalkfelsen des Uferlandes, oder endlich von den tiefer im Lande verlaufenden Bergzgen mit ihrer dster-ernsten Decke dunkler Koniferen.

Hier blhte kein vegetabilisches Leben, denn auch die gengsamsten Pflanzen der kalten Zone, selbst das unter dem Schnee wachsende islndische Moos, htten auf diesem steinigen Boden nicht ausdauern knnen. Hier fehlte es an jedem Tierleben, denn kein Vogel, weder ein Wasserscherer, noch Sturmvogel oder Taucherhuhn, htte hier Nahrung auch nur fr einen Tag gefunden.

Hier herrschte das Steinreich mit all seiner entsetzlichen Trostlosigkeit.

Kapitn Servadac erschien fast mehr erregt, als man von seinem sonst so sorglosen Charakter erwartet htte. Unbeweglich betrachtete er von dem hchsten Punkte eines bereisten Felsens aus mit trnenfeuchten Augen das traurige Gefilde. Er vermochte gar nicht zu glauben, da hier frher das schne Frankreich gelegen habe.

Nein, rief er, und abermals nein! Unsere Ortsaufnahmen sind falsch gewesen! Wir sind nicht in dem Breitengrade, der die Seealpen durchschneidet. Das Land, welches wir suchen, liegt dort noch weiter rckwrts. Eine Mauer ist aus dem Meere aufgestiegen - zugegeben; aber jenseits derselben finden wir noch europischen Boden. Graf Timascheff, kommen Sie, wir wollen diese Eiswste durchwandern, und forschen und suchen, weiter und immer weiter! ...

Bei diesen Worten war Hector Servadac schon gegen zwanzig Schritt vorausgeeilt, um einen gangbaren Pfad durch dieses Labyrinth zu suchen.

Pltzlich hemmte er seine Schritte.

Sein Fu stie unter dem Schnee an einen offenbar bearbeiteten Stein. Seiner Form und Farbe nach konnte derselbe der neuen Bodenformation nicht angehren.

Kapitn Servadac hob ihn auf.

Es war ein Stck gelblicher Marmor, auf dem man noch einige eingravierte Buchstaben lesen konnte, unter anderem die Silbe: Vil...

Villa, rief Kapitn Servadac, und lie das Marmorstck fallen, das dabei in tausend Trmmer sprang.

Von dieser Villa, gewi einer prchtigen Wohnung am Ende des Kaps von Antibes, in der schnsten Lage der Welt, von diesem herrlichen Kap selbst, das wie ein grnender Zweig zwischen den Golf von Jouan und den von Nizza hinausragt, von dem entzckenden Panorama mit den Seealpen im Hintergrunde, das sich von den pittoresken Bergbildungen von Esterelle ber Eza, Monaco, Roquebrunn, Menton und Vintimille bis nach dem italienischen Landvorsprung von Bordighere ausgedehnt - was war von dem allen noch brig? Nicht einmal jenes Stckchen Marmor, das eben in Staub zerfiel.

Kapitn Servadac konnte nicht mehr daran zweifeln, da das Kap von Antibes im Innern dieses neuen Kontinentes verschwunden sei. Bewegungslos hing er seinen traurigen Gedanken nach.

Da nherte sich ihm Graf Timascheff und sagte ernst:

Kapitn, kennen Sie wohl die Devise der Familie Hope?

Nein, Herr Graf, erwiderte Hector Servadac.

Nun, sie lautet: Orbe fracto, spes illaesa!

Sie sagt das Gegenteil von dem verzweifelten Spruche Dantes.

Ja, Kapitn, doch jetzt mag jener Wahlspruch der unsere sein!

Siebzehntes Kapitel

Welches ganz treffend berschrieben werden knnte: Von demselben zu denselben.

Jetzt blieb den Seefahrern nichts weiter brig, als nach der Insel Gourbi zurckzukehren. Dieses beschrnkte Gebiet schien offenbar das einzige Stck des frheren Erdbodens zu sein, welches diejenigen aufnehmen konnte, die das neue Gestirn durch die Sonnenwelt fhrte.

Nun, sagte sich Kapitn Servadac, es ist doch wenigstens ein Stck von Frankreich!

Man besprach also die Rckkehr nach der Insel Gourbi, und schon sollte dieselbe beschlossen werden, als Leutnant Prokop die Bemerkung machte, da man die jetzigen Ufer des Mittellndischen Meeres noch nicht in ihrem ganzen Umfange aufgesucht habe.

Wir haben im Norden, sagte er, von der frheren Stelle des Kaps von Antibes noch den ganzen Kstenstrich bis zu jener schmalen Wasserstrae zu untersuchen, die nach dem Meeresteile westlich von Gibraltar fhrt, und im Sden die Ufer von dem Golf von Gabes ab bis zu der nmlichen Stelle. Im Sden sind wir zwar lngs der alten afrikanischen Kste hin gesegelt, kennen aber die neue Grenze noch nicht. Wer wei, ob uns nach Sden jeder Zugang abgeschlossen und ob nicht eine der fruchtbaren Oasen der Sahara der Vernichtung entgangen ist? Vielleicht haben Italien, Sizilien, der Archipel der Balearen oder die groen Inseln des Mittelmeeres der Katastrophe widerstanden, und es scheint mir geraten, uns darber zunchst Aufklrung zu verschaffen.

Deine Bemerkungen sind zutreffend, Prokop, sagte Graf Timascheff, es scheint auch mir unumgnglich ntig, die hydrographische Aufnahme des neuen Meeresbassins zu vervollstndigen.

Ich fge mich gern, setzte Kapitn Servadac hinzu. Vor allem mssen wir freilich wissen, ob es notwendig ist, unsere Auskundschaftung vollkommen zu Ende zu fhren, bevor wir nach der Insel Gourbi zurckkehren.

Ich bin der Ansicht, bemerkte Leutnant Prokop, wir benutzen die Dobryna noch so lange, als sie uns Dienste leisten kann.

Was willst du damit sagen? fragte Graf Timascheff.

Nun, da die Temperatur allmhlich abnimmt, da die Gallia eine Bahn einhlt, die sie von der Sonne mehr und mehr entfernt, und da sie bald einer ganz ungewhnlichen Klte ausgesetzt sein wird. Dann mu das Meer zufrieren und jede Beschiffung desselben unmglich werden. Ihnen sind ja die Schwierigkeiten einer Reise ber das Eis hinlnglich bekannt. Empfiehlt es sich also nicht, unsere Entdeckungsfahrt so lange fortzusetzen, als wir noch freies Wasser finden?

Du hast recht, Prokop, besttigte Graf Timascheff. Sehen wir zu, was von dem alten Kontinente brig ist, und wurde irgendein Stckchen von Europa verschont, schmachten irgendwo noch einige unglckliche berlebende, denen wir Hilfe zu bringen vermchten, so mu uns darber Klarheit werden, bevor wir nach dem berwinterungshafen zurckkehren.

Gewi war es ein Gefhl von Edelmut, das Graf Timascheff unter diesen Verhltnissen leitete, vorzglich an seinesgleichen zu denken. Doch wer wei? Dachte der nicht auch an sich selbst, der sich jetzt anderer erinnerte? Zwischen den Personen, welche die Gallia durch den unendlichen Weltraum fhrte, konnte ja eine Verschiedenheit der Rasse oder der Nationalitt nicht mehr Geltung haben. Sie bildeten ja die Reprsentanten ein und desselben Volkes, ja eigentlich derselben Familie, denn es mochten ihrer nur wenige berlebende von der alten Erde noch vorhanden sein. Doch, wenn es deren noch gab, so muten alle zusammentreten, ihre Krfte dem gemeinsamen Wohle widmen, und sollte jede Hoffnung schwinden, einmal wieder nach der Erdkugel zu gelangen, auf dem neue Gestirne eine neue Menschheit zu bilden und zu grnden suchen.

Am 25. Februar verlie die Golette den kleinen Schlupfhafen, in dem sie eine Zeitlang Zuflucht gesucht hatte.

Lngs des nrdlichen Ufers dampfte sie mit voller Kraft nach Osten. Eine scharfe Brise machte die Klte recht empfindlich. Das Thermometer hielt sich im Mittel auf zwei Grad unter Null. Glcklicherweise erstarrt das Meer erst bei einer niedrigeren Temperatur als Swasser und bot also der Fahrt der Dobryna keinerlei Hindernisse. Immerhin mute man jetzt eilen.

Die Nchte waren sehr schn. Wolken schienen sich in der nach und nach abgekhlten Atmosphre nur schwerer bilden zu knnen. Am Himmel leuchteten die Sternbilder in unvergleichlicher Klarheit. Wie es Leutnant Prokop als Seemann nur mit Bedauern sehen konnte, da der Mond auf immer verschwunden war, so htte sich dagegen ein Astronom, der die Rtsel der Sternenwelt zu lsen sucht, gewi ob dieser ungetrbten Reinheit der Gallia-Nchte beglckwnscht.

Entbehrten nun die Insassen der Dobryna auch des Mondes, so wurde ihnen dafr gleichsam in Scheidemnze Ersatz. Zu jener Zeit fiel ein wahrhafter Hagel von Sternschnuppen - eine unendlich grere Anzahl, als die irdischen Beobachter whrend der August- und November-Perioden zu Gesicht bekommen. Wenn nach Olmsteds Berichten im Jahre 1833 am Horizonte von Boston 34 000 solcher Asteroiden auftauchten, so durfte man diese Zahl hier mindestens verzehnfachen.

Die Gallia durchschnitt offenbar den mit der Erdbahn nahezu konzentrischen, aber auerhalb derselben gelegenen Ring dieser kleinen Weltkrper. Die leuchtenden Meteore schienen fr das Auge des Beobachters etwa vom Algol, einem Sterne in dem Bilde des Perseus, auszugehen und entbrannten, infolge ihrer ungeheuren Geschwindigkeit und der dadurch bedingten Reibung an der Atmosphre der Gallia, in ganz auergewhnlichem Glanze. Ein Bukett von einer Million Raketen, das Meisterwerk eines Ruggieri, htte mit der Pracht dieser Meteore noch immer keinen Vergleich ausgehalten. Die Kstenfelsen, deren metallische Oberflche jene leuchtenden Krperchen widerspiegelte, erschienen wie gebadet in Lichtglanz, und das Meer blendete die Augen, als fielen feurige Schloen in dasselbe.

Das Wunderschauspiel whrte freilich nur vierundzwanzig Stunden, da sich die Gallia von der Sonne gar so schnell entfernte.

Am 26. Februar wurde die Dobryna in ihrem Wege nach Osten durch eine vorliegende Kste aufgehalten, welche sie etwa bis zur Sdspitze des frheren Korsika von ihrem Kurse abzufallen ntigte. Von Korsika selbst fand sich freilich keine Spur. An der Stelle Bonifacios dehnte sich nur ein des Meer aus. Am 27. aber wurde im Osten, einige Meilen unter dem Winde der Golette, ein Inselchen signalisiert, das man, wenn es seine Entstehung nicht einem ganz neuerlichen Prozesse verdankte, seiner Lage nach fr die Nordspitze Sardiniens halten konnte.

Die Dobryna dampfte auf das felsige Eiland zu. Ein Boot wurde herabgelassen. Bald schifften sich Graf Timascheff und Kapitn Servadac an einer kleinen, grnen, etwa ein Hektar umfassenden Flche aus. Da und dort erhoben sich einige Myrten- und Mastixbume, ber welche noch einzelne alte Olivenbume hinausragten. brigens schien sie kein lebendes Wesen zu bergen.

Schon wollten die beiden Mnner das Eiland verlassen, als die Stimme eines Tieres an ihr Ohr schlug und sie eine zwischen den Steinen umherkletternde Ziege bemerkten.

Es war das einzige Exemplar jener Hausziegen, welche mit Recht des Armen Khe genannt werden; ein junges Tier, mit kleinen, regelmig gebogenen Hrnern, das, weit entfernt, vor den Besuchern zu entfliehen, ihnen im Gegenteil entgegenlief, und durch seine Sprnge und sein Meckern dieselben einzuladen schien, ihm zu folgen.

Diese Ziege lebt auf dem Eilande nicht allein! rief Hector Servadac. Wir wollen ihr nachgehen!

Es geschah. Wenige hundert Schritte weiterhin gelangten Kapitn Servadac und Graf Timascheff zu einer Art Hhle, welche einige Mastixbume fast ganz verdeckten.

Dort guckte ein Kind von sieben bis acht Jahren mit groen schwarzen Augen, das Haupt umschattet von reichem, nubraunen Haar und reizend wie die lieblichen Gestalten von Murillos Pinsel auf den Himmelfahrtsbildern, ohne zu groe Scheu zu zeigen, durch die Zweige.

Nachdem es die beiden Wanderer wenige Augenblicke betrachtet hatte, wobei deren Erscheinung ihm mehr Erstaunen als Schrecken einzuflen schien, erhob sich das kleine Mdchen und lief mit vorgestreckten Hnden freundlich auf sie zu.

Ihr seid nicht bs? sagte sie mit weicher, ebenso wohllautender Stimme, wie die italienische Mundart, welche sie sprach. Ihr werdet mir nichts tun? Ich brauche mich nicht zu frchten?

Nein, mein Kind, erwiderte der Graf auf italienisch, wir sind und wollen dir nur Freunde sein!

Er musterte einige Augenblicke das nette Mdchen.

Wie heit du, Schtzchen? fragte er.

Nina.

Kannst du uns sagen, wo wird sind, Nina?

Auf Madalena, antwortete die Kleine. Hier befand ich mich, als sich alles wie mit einem Schlage vernderte.

Madalena war eine Insel in der Nhe von Caprera, im Norden Sardiniens, das bei der grenzenlosen Zerstrung untergegangen war.

Einige Fragen, auf welche Nina sehr verstndig antwortete, belehrten den Grafen Timascheff, da jene auf der Insel allein sei, keine Eltern habe, und da sie eben fr einen Grundbesitzer hier eine Herde Ziegen weidete, als im Augenblick der Katastrophe alles um sie her verschwand, bis auf das kleine Fleckchen Erde, auf dem sie und Marzy, ihr Liebling, gerettet zurckblieben; da sie sich zuerst gewaltig gefrchtet, dann aber beruhigt und Gott gedankt habe, da sich die Erde nicht mehr bewegte. Darauf hatte sie sich, so gut es anging, mit ihrer Marzy einzurichten gesucht. Glcklicherweise besa sie einige Lebensmittel, welche bis jetzt ausgereicht hatten, whrend sie Tag fr Tag darauf hoffte, da ein Schiff kommen wrde, sie abzuholen. Jetzt wnschte sie also nur, freilich nicht ohne ihre Ziege, mitgehen zu knnen, um so bald als mglich nach der Meierei, zu der sie gehrte, zurckzukehren.

Nun, da htten wir ja einen recht hbschen Bewohner der Gallia mehr, sagte Kapitn Servadac, der das kleine Mdchen freundlich umarmte.

Eine halbe Stunde spter waren Nina und Marzy an Bord der Golette untergebracht, wo jeder, wie man sich denken kann, fr den Empfang sein Bestes tat. Man sah das Auffinden dieses Kindes fr eine gnstige Vorbedeutung an. Die im allgemeinen sehr frommen und aberglubischen russischen Matrosen betrachteten sie wie eine Art guten Engel, und mehr als einer gab sich Mhe, zu sehen, ob sie nicht auch Flgel habe. Vom ersten Tage ab nannten sie unter sich das Kind nur die kleine Madonna.

Binnen wenigen Stunden hatte die Dobryna Madalena aus dem Gesichte verloren und traf bei sdstlichem Kurse wieder auf das neue Ufer, welches etwa fnfzig Lieues (= 30 Meilen) vor der frheren italienischen Kste emporstieg. Anstelle der Halbinsel, von der sich keine Spur mehr fand, war also offenbar ein neuer Kontinent getreten. Unter dem Breitengrade von Rom schnitt indes ein tiefer Golf bis jenseits der Stelle ein, welche die ewige Stadt etwa einnahm. Weiterhin berhrte die neue Kste das frhere Meer erst in der Hhe von Kalabrien wieder und verlief dann bis unter das Ende des frheren Landes. Aber nichts zeigte sich mehr von dem Leuchtturme zu Messina, nichts von Sizilien, nicht einmal mehr der enorme Gipfel des tna, der sich frher doch 3 350 Meter ber das Meer erhob.

Sechzig Lieues (= 36 Meilen) sdlicher fand die Dobryna jene Meerenge wieder, welche ihr damals whrend des Sturmes zur Rettung wurde und deren stliche Mndung sich nach dem Meere von Gibraltar zu ffnete.

Von hier aus bis zu dem Engpa von Gabes hatten die Seefahrer die neue Begrenzung des Mittelmeeres schon aufgenommen. Da Leutnant Prokop Veranlassung hatte, mit seiner Zeit zu geizen, durchschnitt er das Meer jetzt in gerader Linie bis zu dem Breitengrade, wo er auf die noch nicht besuchten Ksten des neuen Kontinents stie.

Man schrieb jetzt den 3. Mrz.

Whrend das neue Ufer hier ungefhr Tunis begrenzte, verlief es weiterhin etwa in der Hhe von Constantine quer durch die Oase von Ziban. Dann erhob es sich im schroffen Winkel wieder bis zum zweiunddreiigsten Grade und bildete daselbst einen unregelmig aus den enormen mineralischen Massen ausgeschnittenen Meerbusen. Noch weiter erstreckte es sich in der Ausdehnung von nahezu dreiig Meilen durch die frhere algerische Sahara und nherte sich dabei im Sden der Insel Gourbi mit einer Spitze, welche fr die natrliche Grenze Marokkos anzusehen gewesen wre; wenn Marokko berhaupt noch vorhanden war.

Hier mute man lngs dieser Spitze nach Norden hinauffahren, um dieselbe zu doublieren. Auf dem Wege dahin aber wurden die Reisenden Zeugen einer vulkanischen Erscheinung, deren Vorkommen auf der Gallia sie hiermit zum ersten Male konstatierten.

Ein feuerspeiender Berg bezeichnete jene Landspitze und erhob sich auf etwa dreitausend Fu. Als erloschen war er nicht zu betrachten, denn ber seinem Kopfe wlzten sich noch Rauchwolken dahin, wenn auch keine Flammen aufzulodern schienen.

Die Gallia besitzt also auch ihr inneres Feuer, rief Kapitn Servadac, als der Vulkan durch die Schiffswache der Dobryna signalisiert wurde.

Und warum nicht, Kapitn? antwortete Graf Timascheff, da die Gallia nichts als ein Bruchstck der alten Erdkugel darstellt, warum sollte sie nicht auch einen Teil von deren Zentralfeuer mit sich fortgefhrt haben, wie sie einen Teil der Atmosphre, der Meere und Kontinente derselben entfhrte.

Leider nur einen sehr kleinen Teil, bemerkte Kapitn Servadac, doch hoffentlich einen hinreichend groen fr die Bedrfnisse ihrer tatschlichen Bevlkerung.

Da fllt mir ein, fuhr Graf Timascheff fort, da wir bei unserer Rundfahrt ja auch wieder nach Gibraltar kommen knnten; halten Sie es fr ratsam, jene Englnder von dem neuen Zustand der Dinge und von den notwendigen Folgen desselben zu unterrichten?

Wozu? erwiderte Kapitn Servadac. Diese Herren wissen, wo die Insel Gourbi liegt, und knnen darankommen, wenn es ihnen beliebt. Sie leiden ja keinen Mangel, sondern haben berreichliche Hilfsmittel, welche sie fr lange Zeit sicherstellen. Hchstens zweiundsiebzig Meilen trennen ihr Eiland von unserer Insel, und wenn das Meer erst zugefroren ist, knnen sie zu uns gelangen, sobald sie nur wollen. Wir haben keine Veranlassung, ihren Empfang so sehr zu loben, und wenn sie hierher kommen, werden wir uns rchen ...

Indem wir sie besser aufnehmen, als jene uns, hoffe ich, bemerkte Graf Timascheff.

Ja, Sie haben recht, Herr Graf, antwortete Kapitn Servadac, denn in der Tat, hier gibt es jetzt weder Franzosen, noch Englnder oder Russen ...

Oho, fiel ihm Graf Timascheff ins Wort, Englnder sind und bleiben in jedem Falle Englnder!

Freilich, versetzte Hector Servadac, darin liegt gleichzeitig ihr Vorzug und ihr Fehler!

In dieser Weise beschlo man sich also bezglich der kleinen Besatzung von Gibraltar zu verhalten. Auch fr den Fall, da man sich dahin entschieden htte, wiederholt eine Verbindung mit diesen Englndern anzuknpfen, so wre es vorlufig nicht einmal mglich gewesen, denn die Dobryna htte nicht, ohne ernste Gefahr zu laufen, in die Nhe jenes Eilandes zurckkehren knnen.

In der Tat sank die Temperatur mehr und mehr. Nicht ohne Unruhe berzeugte sich Leutnant Prokop, da das Meer rings um die Golette bald werde zum Stehen kommen. Dabei entleerten sich bei dieser stets unter Dampf fortgesetzten Reise die Kohlenbehlter mehr und mehr, so da ein Mangel an Heizmaterial einzutreten drohte, wenn man dasselbe nicht einigermaen schonte. Der Leutnant entwickelte diese beiden gewi triftigen Grnde, und so beschlo man unter Erwgung der zwingenden Umstnde die Rundfahrt mit Erreichung jener vulkanischen Landspitze abzubrechen. Jenseits derselben fiel die Kste wieder nach Sden zu ab und verlor sich in einem unbersehbaren Meere. Es wre eine Unklugheit gewesen, die Dobryna jetzt, wo es ihr an Brennmaterial zu fehlen begann, in einen Ozean zu fhren, der jeden Augenblick fest werden konnte, was unzweifelhaft die verderblichsten Folgen haben mute. Auerdem durfte man voraussetzen, in diesem ganzen Teile der Gallia, welcher der frheren afrikanischen Wste entsprach, kein weiteres Land, als das bis jetzt bekannte, anzutreffen - einen Boden, dem Wasser und Humus vollstndig fehlten und den keine Menschenarbeit jemals ertragfhig zu machen im Stande wre. Es konnte also keinen Schaden bringen, die Nachforschungen fr jetzt einzustellen, um sie spter unter gnstigeren Verhltnissen wieder aufzunehmen.

An diesem Tage, am 5. Mrz, beschlo man also, da die Dobryna nur zur Insel Gourbi, von der sie hchstens zwanzig Lieues (= 12 Meilen) trennten, zurckdampfen sollte. Mein armer Ben-Zouf! sagte Kapitn Servadac, der whrend dieser fnfwchigen Reise hufig seines Gefhrten gedacht hatte. Wenn ihm nur kein Unglck zugestoen ist!

Die kurze berfahrt von der vulkanischen Landspitze bis zur Insel Gourbi wurde nur durch einen einzigen Zwischenfall unterbrochen. Man fand nmlich im Meere eine zweite Nachricht jenes geheimnisvollen Gelehrten, dem es ohne Zweifel gelungen war, die Elemente der Gallia-Bahn zu berechnen, und der ihrem Laufe Tag fr Tag folgte.

Bei Sonnenaufgang entdeckte die Schiffswache einen Gegenstand im Wasser, den man bald auffischte. Dieses Mal ersetzte eine Konservenbchse die traditionelle Flasche, aber auch heute verschlo ein Siegel mit demselben Abdruck hermetisch die ffnung des Gefes.

Von demselben an dieselben! sagte Kapitn Servadac. Das Gef ward sorgfltig geffnet und man fand in ihm ein Dokument, dessen Inhalt lautete wie folgt:

Gallia (?)
Ab sole, am 1. Mrz, Dist: 87 000 000 L.!
(46 800 000 M.)
Durchlaufener Weg von Februar bis Mrz:
59 000 000 L.! (34 500 000 M.)
Va bene! All right! Nil desperandum!
Entzckt!

Weder eine Adresse, noch sonst eine nhere Bezeichnung! rief Kapitn Servadac, man mchte wahrlich hierbei an eine fortgesetzte Mystifikation denken!

Dann mte diese Mystifikation freilich in sehr vielen Exemplaren ausgefhrt werden, bemerkte Graf Timascheff, denn da wir schon ein zweites Mal ein solches Dokument auffanden, mute dessen Verfasser seine Bchsen und Etuis ber das Meer geradezu ausgest haben.

Wer mag aber dieser hirnverbrannte Gelehrte sein, der nicht einmal daran denkt, seinen Aufenthalt anzugeben?

Seinen Aufenthalt? Der ist im Grunde des Astrologenbrunnens! antwortete Graf Timascheff mit einer Anspielung auf die bekannte Fabel La Fontaines.

Das ist wohl mglich; doch wo ist dieser Brunnen?

Diese Frage des Kapitn Servadac blieb vorlufig freilich unbeantwortet. Weilte der Urheber jenes Dokumentes auf irgendeinem verlorenen Eilande, das der Dobryna nicht in Sicht gekommen war? Reiste er vielleicht an Bord eines Schiffes ebenso auf dem neuen Mittelmeere umher, wie die Golette dasselbe befahren hatte? - Niemand vermochte das zu sagen.

Jedenfalls, uerte der Leutnant Prokop, wenn das Dokument ernsthaft gemeint ist - und allem Anscheine nach mu man das glauben -, knnen wir daraus zwei wichtige Schlufolgerungen ziehen; Die erste ist die, da die Bewegungsgeschwindigkeit der Golette sich um dreiundzwanzig Millionen Lieues (= 13 [4/5] Millionen Meilen) vermindert hat, da der vom Januar zum Februar durchlaufene Weg zweiundachtzig Millionen Lieues (= 49 [1/5] Millionen Meilen) betrug, whrend die Bahnlnge vom Februar bis Mrz nur noch neunundfnfzig Millionen Lieues erreicht. Die zweite aber ist die, da die Entfernung der Gallia von der Sonne, welche sich am 15. Februar auf neunundfnfzig Millionen Lieues (= 34 . Millionen Meilen) belief, am 1. Mrz bis auf achtundsiebzig Millionen Lieues (= 10 . Millionen Meilen) gewachsen ist. Je weiter die Gallia sich demnach von der Sonne entfernt, desto mehr vermindert sich die Schnelligkeit ihrer Bewegung, was mit den Gesetzen der Himmelsmechanik vollstndig bereinstimmt.

Und daraus schlieest du, Prokop? fragte Graf Timascheff.

Da wir, wie ich schon frher aussprach, eine elliptische Bahn verfolgen, deren Exzentrizitt zu berechnen uns vor der Hand freilich unmglich ist.

Auerdem fllt mir auf, fuhr Graf Timascheff fort, da der Urheber jener Schriftstcke sich wiederum des Namens 'Gallia' bedient. Ich schlage also vor, denselben definitiv fr das neue Gestirn, welches uns trgt, anzunehmen und auch dieses Meer das 'Gallia-Meer' zu nennen.

Angenommen, erwiderte Leutnant Prokop, ich werde es unter diesem Namen eintragen, sobald ich unsere neue Seekarte entwerfe.

Ich fr mein Teil, lie sich endlich Kapitn Servadac vernehmen, ich mchte eine dritte Bemerkung machen; mir scheint, jener wackere Mann ist mehr und mehr von den jetzigen Verhltnissen entzckt, und was auch kommen mge, immer und ewig werde ich mit ihm ausrufen: Nil desperandum!

Einige Stunden spter meldete die Schiffswache, da die Insel Gourbi in Sicht sei.

Achtzehntes Kapitel

Welches von dem Empfange des Generalgouverneurs der Insel Gourbi und den Vorkommnissen whrend seiner Abwesenheit handelt.

Die Golette hatte die Insel am 31. Januar verlassen und kehrte zu ihr zurck am 5. Mrz, nach einer Reise von fnfunddreiig Tagen - da das Erdenjahr ein Schaltjahr war. Diese fnfunddreiig Tage entsprachen siebzig Gallia-Tagen, weil die Sonne whrend jenes Zeitraumes den Meridian der Insel ebenso viele Male passierte.

Hector Servadac fhlte sich innerlich erregt, als er sich diesem letzten, von der allgemeinen Zerstrung verschonten Restchen des algerischen Bodens nherte. Wiederholt hatte er sich whrend dieser langen Abwesenheit gefragt, ob er es wohl noch an derselben Stelle samt dem treuen Ben-Zouf wiederfinden werde. Diese Zweifel erschienen nicht ungereimt, wenn man bedenkt, welch eingreifende Vernderung die Oberflche der Gallia durch jene unerhrten kosmischen Prozesse erlitten hatte.

Die Befrchtungen des Stabsoffiziers sollten sich zum Glck aber nicht erfllen. Die Insel Gourbi war vorhanden; ja - welch eigentmliche Erscheinung - noch vor der Ankunft im Hafen des Cheliff vermochte Hector Servadac eine sonderbare Wolke wahrzunehmen, welche nur etwa hundert Fu ber dem Boden seines Gebietes schwebte. Als die Golette nur noch wenige Kabellngen von der Kste entfernt war, zeigte sich die erwhnte Wolke als eine sehr dichte Masse, welche automatisch in der Atmosphre auf- und niederwogte. Kapitn Servadac erkannte auch sehr bald, da es sich hier nicht um eine Anhufung zur Blschenform kondensierter Dunstmassen, sondern um eine ungeheure Schar von Vgeln handelte, welche sich, hnlich den Heringszgen im Meere, dicht aneinander gedrngt hielten. Aus der Mitte dieser weit hingestreckten Wolke tnte ein betubendes Geschrei, dem von unten her hufige Flintenschsse antworteten.

Die Dobryna signalisierte ihre Ankunft durch einen Kanonenschu und ging in dem kleinen Hafen des Cheliff vor Anker.

In diesem Augenblick lief ein Mann mit dem Gewehre in der Hand herbei und sprang auf die Felsen am Ufer.

Es war Ben-Zouf.

Erst blieb er unbeweglich, die Augen auf fnfzehn Schritt Entfernung fixiert, soweit das die Organisation des Krpers zult, wie die Instruktions-Unteroffiziere sagen, mit aller gebhrenden Ehrerbietung stehen. Der brave Soldat vermochte sich aber doch nicht ganz zu bezwingen, sondern eilte seinem Kapitn, der eben das Land betrat, entgegen und kte ihm zrtlich die Hnde.

Statt der sonst gewhnlichen Bewillkommnungen, wie: Welch Glck, Sie wiederzusehen! - Ich wurde schon recht unruhig! oder: Oh, wie lange blieben Sie weg! u. dergl. rief Ben-Zouf vielmehr:

Oh, diese Schurken! Diese Banditen! Oh, das ist gut, da Sie kommen, mein Kapitn! Diese Diebe! Diese Piraten! Diese elenden Beduinen!

Aber was ist dir denn, Ben-Zouf? fragte Hector Servadac, den diese grimmigen Ausrufe zu dem Glauben verleiteten, es sei eine Bande Araber in sein Gebiet eingebrochen.

Nun, diese Satansvgel da oben! antwortete Ben-Zouf. Seit einem Monat schon verschwende ich mein Pulver gegen diese Ruber. Je mehr ich davon totschiee, desto mehr kommen wieder. Ich sage Ihnen, wenn wir diese geschnbelten und gefiederten Kabylen gewhren lieen, bald fnden wir kein Getreidekrnchen mehr auf der Insel!

Graf Timascheff und Leutnant Prokop, welche ebenfalls herzukamen, konnten mit Kapitn Servadac besttigen, da Ben-Zouf keineswegs bertrieb. Die reiche, whrend der groen Hitze im Januar, als die Gallia durch ihr Perihel ging, schnell gereifte Ernte wurde jetzt vielen Tausenden von Vgeln zur Beute. Nur ein kleines berbleibsel derselben war dem gefrigen Geflgel entgangen. Eigentlich sollte man freilich sagen, ein berbleibsel dessen, was von der Ernte noch auf dem Halme stand, denn Ben-Zouf hatte whrend der Abwesenheit der Dobryna nicht gefeiert, wofr die zahlreichen Getreidefeime zeugten, welche da und dort auf den schon kahlen Feldern standen.

Die Schar von Vgeln, welche den Zorn des Kapitnsburschen so hell auflodern machte, bestand aus allen denen, die die Gallia bei ihrer Losreiung von der Erde zufllig entfhrte. Natrlich hatten jene auf der Insel Gourbi Zuflucht gesucht, wo sie allein Felder, Wiesen und Swasser fanden - ein Beweis, da kein anderer Teil des Asteroides ihnen Nahrung zu liefern vermochte. Freilich suchten sie jetzt auf Kosten der Inselbewohner zu leben, ein Unterfangen, dem man mit allen erdenklichen Mitteln entgegentreten mute.

Wir werden ihnen die Wege weisen, sagte Hector Servadac.

Das hoffe ich, mein Kapitn, erwiderte Ben-Zouf. Doch sagen Sie mir, was ist aus unseren afrikanischen Kameraden geworden?

Unsere afrikanischen Kameraden sind noch immer in Afrika, antwortete Hector Servadac.

Die wackeren Soldaten!

Gewi; nur Afrika ist leider nicht mehr vorhanden, fgte Kapitn Servadac hinzu.

Kein Afrika mehr! - Aber Frankreich?...

Frankreich! Oh, das liegt jetzt weit von uns, Ben-Zouf.

Und mein Montmartre?

Diese Frage lag ihm vorzglich am Herzen. Mit kurzen Worten erklrte Kapitn Servadac seiner Ordonnanz, was geschehen sei, und da der Montmartre und mit ihm Paris, mit Paris aber ganz Frankreich, mit diesem Europa und mit Europa berhaupt die ganze Erdkugel jetzt achtzig Millionen Lieues von der Gallia entfernt lgen, die Hoffnung auf eine Rckkehr dahin also nahezu aufzugeben sei.

Ei was da! rief die Ordonnanz. Das wre noch schner! Laurent, genannt Ben-Zouf, vom Montmartre, und sollte den Montmartre nicht wiedersehen! Dummheiten, mein Kapitn, bei aller Hochachtung fr Sie, das sind Dummheiten!

Dazu schttelte Ben-Zouf mit dem Kopfe, wie ein Mann, den keine Macht der Erde eines anderen zu belehren im Stande wre.

Recht so, erwiderte ihm Kapitn Servadac. Hoffe du, soviel es dir beliebt. Man soll niemals verzweifeln! Das ist offenbar auch der Wahlspruch unseres anonymen Korrespondenten. Doch denken wir nun auch daran, uns auf der Insel Gourbi huslich einzurichten, als sollten wir fr immer hierbleiben.

So im Gesprche hatte sich Hector Servadac, der dem Grafen Timascheff und dem Leutnant Prokop vorausging, nach dem durch Ben-Zoufs Sorgfalt wieder in Stand gesetzten Gourbi begeben. Auch das Wachthaus war wieder hergestellt und Galette und Zephir mit reichlicher Streu versorgt. Hier in dieser bescheidenen Htte bot Hector Servadac seinen Gsten Unterkommen an, ebenso wie der kleinen, von ihrer Ziege begleiteten Nina. Unterwegs noch ergtzte sich Ben-Zouf an zwei herzhaften Kssen Ninas und Marzys, welche ihm diese beiden zutraulichen Wesen aus gutem Herzen gegeben hatten.

Nun wurde im Gourbi sofort eine Beratung abgehalten, was wohl zunchst vorzunehmen sei.

Als brennendste Frage trat dabei vor allen die nach der zuknftigen Wohnung hervor. Wie sollte man sich auf der Insel einrichten, um der furchtbaren Klte zu trotzen, welche die Gallia auf ihrer interplanetarischen Fahrt jedenfalls heimsuchen wrde, und deren Dauer man gar nicht abzuschtzen wute? Diese Zeitdauer hing offenbar von der Exzentrizitt der von dem Asteroiden durchlaufenen Bahn ab, und es konnten vielleicht viele Jahre vergehen, bevor dieser wieder in seine Sonnennhe zurckkehrte. Dazu besa man keineswegs reichliche Vorrte an Heizmaterial, Kohle z. B. gab es gar nicht, Bume nur wenige, wohl aber die betrbende Aussicht, da whrend der Periode der gewi exzessiven Klte gar nichts wachsen werde. Was war zu tun? Wie konnte man sich vor diesem drohenden Verhngnis am besten schtzen? Ein Ausweg mute, und zwar in krzester Frist, gefunden werden.

Die Ernhrungsfrage der Kolonie bot weniger unmittelbare Schwierigkeiten; auch bezglich des notwendigen Getrnkes war gewi nichts zu frchten. ber die Ebene rannen ja mehrere Bche, deren Wasser verschiedene Zisternen fllte. Durch andauernde Klte mute auch das Meer der Gallia gefrieren und trinkbares Wasser in berflu liefern, da Eis ja bekanntlich kein Krnchen Salz mehr enthlt.

Die Nahrung im strengsten Sinne des Wortes, d. h. ein Vorrat an den zur Erhaltung des Lebens notwendigen stickstoffhaltigen Materialien war fr lange Zeit gesichert. Einesteils lieferten die Cerealien, welche nur der Einbringung harrten, andererseits die auf der Insel zerstreuten Herden einen hinreichenden Vorrat. Whrend der Klteperiode mute das Land natrlich unfruchtbar bleiben und konnte an eine weitere Futterernte zur Ernhrung der Haustiere nicht gedacht werden. Dieser Umstand ntigte zu gewissen Maregeln, und wenn es gelang, die Dauer des Umlaufs der Gallia um das Zentrum der Attraktion zu berechnen, so wollte man danach die Zahl der whrend der Winterperiode zu haltenden Tiere berechnen.

Die eigentliche Bevlkerung der Gallia aber bestand, abgesehen von den dreizehn Englndern in Gibraltar, aus acht Russen, zwei Franzosen und einer kleinen Italienerin. Elf Bewohner hatte die Insel Gourbi also zu ernhren.

Nach Feststellung dieser Zahl durch Hector Servadac lie sich aber pltzlich Ben-Zouf noch vernehmen.

Nein, mein Kapitn, rief er, es tut mir leid, Ihnen widersprechen zu mssen. Ihre Rechnung stimmt noch nicht.

Wieso?

Ich mu Ihnen melden, da wir dreiundzwanzig Einwohner sind!

Hier auf der Insel?

Jawohl.

Erklre dich nher, Ben-Zouf.

Bis jetzt fand ich noch keine Gelegenheit, meinen Rapport abzustatten. Whrend Ihrer Abwesenheit hab' ich Tischgste bekommen.

Tischgste?

Freilich ... Doch, zur Sache, fuhr Ben-Zouf fort. Sehen Sie sich einmal um, und auch Sie, meine Herren Russen. Die Erntearbeiten sind gewi schon weit vorgeschritten und dazu htten doch meine zwei Arme beim besten Willen nicht gengt.

Das sehe ich ein, bemerkte Leutnant Prokop.

Kommen Sie alle mit. Es ist nicht weit von hier. Nur zwei Kilometer. Doch die Gewehre wollen wir mitnehmen.

Um uns zu verteidigen? ... fragte Kapitn Servadac.

Nicht gegen Menschen, beruhigte ihn Ben-Zouf, aber gegen die verwnschten Vgel.

Neugierig erregt folgten Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop der Ordonnanz, whrend sie die kleine Nina nebst ihrer Ziege im Gourbi zurcklieen.

Unterwegs unterhielten Kapitn Servadac und seine Begleiter ein wohlgezieltes Gewehrfeuer gegen die Wolke von Vgeln, welche ber ihnen hin- und herschwebte. Letztere bestand aus Abertausenden wilder und langgeschwnzter Enten, Wasserschnepfen, Lerchen, Krhen, Schwalben und anderen, zu denen sich die Seevgel, wie Trauerenten, Sturmvgel, Mwen, und von Federwild Wachteln, Rebhhner, Schnepfen und andere mischten. Kein Schu ging fehl, zu Dutzenden fielen die Getroffenen. Es war keine Jagd, vielmehr die Ausrottung einer frechen Ruberbande.

Statt der nrdlichen Kste der Insel zu folgen, schlug Ben-Zouf einen Weg quer ber die Ebene ein. Nach zehn Minuten schon hatten, dank ihres verminderten spezifischen Gewichtes, Kapitn Servadac und seine Begleiter die zwei Kilometer, von denen Ben-Zouf vorher sprach, zurckgelegt, und erreichten damit ein umfngliches Dickicht von Sykomoren und Eukalypten, welches sich anmutig lngs des Fues eines kleinen Hgels hin erstreckte. Hier machten sie halt.

Oh, diese Schurken! Diese Banditen! Diese Beduinen! rief Ben-Zouf den Boden stampfend.

Meinst du damit immer wieder die Vgel? fragte Kapitn Servadac.

Ei nein, mein Kapitn! Ich rede von diesen vermaledeiten Faulenzern hier, die schon wieder ihre Arbeit im Stiche gelassen haben! Da, sehen Sie nur!

Ben-Zouf wies bei diesen Worten auf verschiedene Sicheln, Sensen, Rechen und andere Werkzeuge und Gerte, welche auf der Erde umherlagen.

Nun, zum Kuckuck, Meister Ben-Zouf, wirst du dich bald erklren, um was es sich hier handelt? fragte Kapitn Servadac, dem allmhlich die Geduld ausging.

Still, mein Kapitn, hren Sie, hren Sie! erwiderte Ben-Zouf. Nein, ich tuschte mich nicht.

Bei schrferem Aufhorchen konnten Hector Servadac und seine beiden Gefhrten eine singende Stimme, eine schnarrende Gitarre und taktmig klappernde Kastagnetten hren.

Spanier! rief Kapitn Servadac.

Und das ist noch gar nichts, sagte Ben-Zouf, die Leute schlagen ihre Kastagnetten noch vor der Mndung einer Kanone!

Aber was bedeutet das alles?...

Hren Sie erst, jetzt kommt der Alte an die Reihe.

Eine andere Stimme, welche nicht sang, lie sich mit heftigen Vorwrfen vernehmen.

Kapitn Servadac verstand als geborener Gaskogner hinlnglich spanisch. Nach einem Verse, welcher wie folgt:

Tu sandungo y cigarro,
Y una cana de Jerez,
Mi jamelgo y un trabuco,
Que mas gloria puede haver. Deine Gunst und eine Zigarre, ein Glas Xeres, mein Ro und meine Bchse, was gibt's noch Besseres in der Welt. (Nach der bersetzung von Ch. Davillier.)

lautete, hrte man die andere scharfklingende Stimme wiederholt rufen:

Mein Geld! Mein Geld! Werd ich endlich erhalten mein Geld, das ihr mir schuldig seid, ihr erbrmlichen Majos! Darauf erklang das Lied weiter:

Para Alcarrazas, Chiclana,
Para trigo, Trebujena,
Y para ninas bonitas,
San Lucar de Barrameda. Bei den Alcarrazas, Chiclana, dem blhenden Weizen, Trebujena, den schnsten Mdchen, San Lucar de Barrameda.

Ja, ihr sollt mir bezahlen meine Forderung, ihr Spitzbuben! erscholl wieder jene Stimme unter dem Gerusch der Kastagnetten. Ihr werdet sie mir zahlen bei dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs!

Ei zum Teufel, das ist ja ein Jude! rief Kapitn Servadac.

Ja, und was das Schlimmste ist, ein deutscher Jude.

Gerade als die beiden Franzosen und die zwei Russen aber sich in das Baumdickicht begeben wollten, hielt sie ein merkwrdiges Schauspiel an dessen Rande zurck. Die Spanier begannen eben einen echt nationalen Fandango entsprechend ihrer Gewichtsabnahme, wie der aller auf der Gallia befindlichen Gegenstnde, sprangen sie dabei wohl dreiig bis vierzig Fu in die Hhe und wurden somit oberhalb der Bume sichtbar, was einen unbeschreiblich komischen Anblick gewhrte. Es waren ihrer drei muskulse Majos, die einen alten Mann mit sich emporhoben, der sich sehr wider Willen in solch ungewohnte Hhe versetzt zu sehen schien. Man sah ihn erscheinen und verschwinden, wie es einst dem Sancho Pansa erging, als ihn die lustigen Tuchmacher von Segovia im bermute prellten.

Hector Servadac, Graf Timascheff, Prokop und Ben-Zouf betraten neugierig das Gehlz und gelangten bald nach einer kleinen Lichtung. Dort wanden sich ein Gitarrespieler und ein Kastagnettenschlger, welche am Boden lagen, vor Lachen und feuerten die Tnzer immer mehr und mehr an.

Beim Anblick Kapitn Servadacs und seiner Begleiter verstummten die Musiker pltzlich, und die Tnzer fielen, ihr unglckliches Opfer in der Mitte, sanft zur Erde nieder.

Atemlos und ganz auer sich eilte der Jude sofort auf den Stabsoffizier zu und redete ihn jetzt franzsisch, doch mit sehr deutschtmelndem Dialekt an.

Ah, Herr Generalgouverneur! rief er, diese Schurken wollen mir stehlen mein Hab und Gut. Aber beim ewigen Gott, Sie werden mir helfen zu meinem Rechte!

Verwundert sah Kapitn Servadac auf Ben-Zouf, als wolle er diesen fragen, wie er zu dieser ehrenvollen Titulatur komme, und letzterer schien durch eine bezeichnende Kopfbewegung zu antworten:

Lassen Sie das nur gut sein, mein Kapitn; Sie sind jetzt hier Generalgouverneur. Ich habe das einmal so arrangiert!

Kapitn Servadac bedeutete dem Juden, zu schweigen, und dieser neigte ehrfurchtsvoll den Kopf und kreuzte die Arme ber der Brust.

Jetzt konnte man in nach Belieben mustern.

Es war ein Mann von fnfzig Jahren, den man leicht fr sechzig halten konnte. Klein und hager von Gestalt, mit lebhaften, aber falschen Augen, gebogener Nase, gelblich-rotem Barte, struppigem Haar, groen Fen, langen, krallenartigen Hnden, zeigte er ganz den Typus des deutschen Juden, der sich von allen anderen leicht unterscheidet. Das war der Wucherer mit dem Katzenbuckel und kalten Herzen, der Mnzenkipper, der zusammenscharrende Geizhals von oben bis unten.

Silber hatte auf diesen Menschen ebensoviel Anziehungskraft wie der Magnet auf Eisen, und wenn es diesem Shylock gelungen wre, sich auf die bekannte Weise von seinem Schuldner bezahlt zu machen, so htte er dessen Fleisch gewi noch einmal weiter verschachert. Obwohl von Geburt Israelit, spielte er in mohammedanischen Lndern den Mohammedaner und wre Heide geworden, wenn ihm das mehr abgeworfen htte.

Dieser Jude nannte sich Isaak Hakhabut und stammte aus Kln, war also erst Preue und in zweiter Linie Deutscher. Nach seiner Mitteilung gegen Kapitn Servadac befand er sich das ganze Jahr ber in Handelsgeschften auf der Reise, wobei er Kstenhandel lngs der Umgebungen des Mittelmeeres betrieb. Sein Magazin - eine Tartane von zweihundert Tonnen, ein wahrhafter fliegender Kramladen - versorgte die Kstenorte mit tausenderlei verschiedenen Artikeln, von den Streichhlzchen an bis zu den bunten Bilderbogen aus Frankfurt oder Epinal.

Isaak Hakhabut hatte keinen anderen Wohnsitz als seine Tartane, die Hansa. Unbeweibt und kinderlos lebte er an Bord. Ein Obersteuermann und drei Mann Besatzung gengten zur Fhrung des leichten Fahrzeuges, welches bei seinen kurzen Kstenfahrten Algerien, Tunis, gypten, die Trkei, Griechenland und alle Stapelpltze der Levante berhrte. Mit Vorrten an Kaffee, Zucker, Reis, Tabak, Pulver, Kleidungsstoffen usw. reichlich versehen, verkaufte, vertauschte und trdelte Isaak Hakhabut berall mit grtem Eifer und gewann dabei ein gut Stck Geld.

Die Hansa ankerte zufllig in Ceuta, an der vorspringendsten Spitze Marokkos, als die Katastrophe eintrat. Der Obersteuermann und seine drei Leute befanden sich in der Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar nicht an Bord und verschwanden damals spurlos, gleich so vielen anderen. Der Leser erinnert sich aber, da die uersten Felsen von Ceuta, gegenber Gibraltar, damals verschont blieben, wenn man sich unter den obwaltenden Verhltnissen dieses Ausdruckes bedienen darf; mit und auf ihnen blieben auch zehn Spanier brig, welche nicht im entferntesten ahnten, was vorgegangen war.

Diese Spanier, andalusische Majos (d. s. Gebirgsbewohner Andalusiens mit bunter, phantastischer Tracht und verrufene Raufer), unwissend von Natur, trge aus Liebhaberei, aber immer bei der Hand, Naraja oder Gitarre zu spielen, von Profession Ackerbauer, hatten einen gewissen Negrete zum Anfhrer, dessen Kenntnisse die der brigen nur deshalb ein wenig bertrafen, weil er frher etwas in der Welt umhergekommen war. Als sie sich auf dem Felsen von Ceuta allein sahen, kamen sie in nicht geringe Verlegenheit. Wohl war die Hansa samt ihrem Besitzer zur Stelle, und sie htten gewi keine Gewissensbisse darber empfunden, sich zur Heimfahrt dieses Schiffes zu bemchtigen, nur fand sich leider kein Seemann unter ihnen. Nun konnten sie selbstverstndlich doch nicht ewig auf diesem Felseneilande bleiben, und so zwangen sie nach Aufzehrung ihrer Vorrte Hakhabut, sie an Bord seines Schiffes aufzunehmen.

Mittlerweile erhielt Negrete den Besuch der beiden englischen Offiziere von Gibraltar, dessen im vorhergehenden Erwhnung geschah. Was damals zwischen den Englndern und den Spaniern gesprochen wurde, wute der Jude nicht. Jedenfalls veranlate Negrete infolge dieses Besuches Hakhabut, unter Segel zu gehen, um ihn und seine Genossen nach dem nchsten Punkte der marokkanischen Kste berzufhren. Der Jude sah sich gezwungen, diesem Ansinnen zu entsprechen; bei seiner Gewohnheit aber, aus allem Nutzen zu ziehen, stipulierte er mit den Spaniern einen Preis fr die berfahrt, den diese ebenso schnell bewilligten, als sie fest entschlossen waren, keinen Real zu bezahlen.

Am 3. Februar segelte die Hansa ab. Bei dem herrschenden Westwinde war die Tartane leicht zu fhren. Man brauchte eben nur den Wind in den Rcken derselben blasen zu lassen. So hatten die improvisierten Seeleute also nur die Segel aufzuziehen, um ohne ihr Wissen nach der einzigen Stelle der Erdkugel zu gelangen, welche ihnen noch eine Zuflucht zu bieten vermochte.

Infolgedessen bekam denn Ben-Zouf eines schnen Morgens ein Fahrzeug zu Gesicht, welches der Dobryna keineswegs hnelte und das der Wind ganz sanft in den Hafen des Cheliff, an der ehemaligen rechten Seite des Flusses, hineintrieb.

Ben-Zouf unterzog sich des Berichtes ber die Geschichte des Juden unter der Hinweisung, da die noch sehr wohl assortierte Ladung der Hansa den Bewohnern der Insel von grtem Nutzen sein werde. Jedenfalls wrde man Mhe haben, sich mit Isaak Hakhabut auseinanderzusetzen; unter den gegebenen Verhltnissen erschien es jedoch gewi nicht ungerechtfertigt, dessen Warenvorrte zum allgemeinen Besten zu requirieren, da er sie doch nicht verkaufen konnte.

Bezglich der Streitfrage zwischen dem Eigentmer der Hansa und seiner Passagiere, fgte Ben-Zouf noch hinzu, habe ich die Verabredung getroffen, da dieselben nach dem Ermessen Sr. Exzellenz des Herrn Generalgouverneurs 'bei Gelegenheit der nchsten Inspektionsreise' ihre Erledigung finden sollte.

Hector Servadac konnte bei Ben-Zoufs Bericht ein Lcheln nicht unterdrcken. Er versprach jedoch dem Juden Hakhabut, da ihm Gerechtigkeit werden solle, was endlich seine endlosen Beschwrungen des Gottes Israels, Abrahams und Jakobs verstummen lie.

Wie knnten diese Leute aber berhaupt bezahlen? fragte Graf Timascheff, als der Jude zurckgetreten war.

Oh, sie besitzen Geld, antwortete Ben-Zouf.

Spanier ... Geld! erwiderte Graf Timascheff. Das ist kaum zu glauben.

Und doch ist es an dem, behauptete Ben-Zouf, ich sah mit eigenen Augen englische Mnzen in ihren Hnden.

Aha, bemerkte Kapitn Servadac, der sich des Besuches der beiden englischen Offiziere in Ceuta erinnerte. Doch immerhin. Das wird spter geordnet werden. - Wissen Sie, Graf Timascheff, da die Gallia jetzt sehr verschiedene Reprsentanten der Bewohnerschaft des alten Europa trgt?

Gewi, Kapitn, antwortete Graf Timascheff, auf diesem Bruchstcke der frheren Erdkugel wandeln jetzt die Nationalitten Frankreichs, Rulands, Italiens, Spaniens, Englands und Deutschlands. Letzteres freilich ist durch jenen Juden nicht gerade am glcklichsten vertreten.

Jeder Vernnftige wrde Ihnen darin recht geben, als Franzose kann ich das nicht! bemerkte Kapitn Servadac.

Neunzehntes Kapitel

In welchem Kapitn Servadac einstimmig als Generalgouverneur der Gallia anerkannt wird.

An Bord der Hansa waren, einen zwlfjhrigen Knaben, der ebenfalls dem Verderben entging, mitgezhlt, damals zehn Spanier gekommen. Ehrfurchtsvoll empfingen sie denjenigen, den ihnen Ben-Zouf als den Generalgouverneur der Provinz bezeichnet hatte, und nahmen nach dessen Verlassen der Lichtung ihre Arbeiten wieder auf.

Kapitn Servadac und seine Begleiter, hinter ihnen in gebhrender Entfernung Isaak Hakhabut, begaben sich nach dem Kstenpunkte, wo die Hansa ankerte.

Die Situation war nun vollstndig bekannt. Von der frheren Erde existierten auer der Insel Gourbi noch vier Eilande: Gibraltar, im Besitze der Englnder; Ceuta, das die Spanier verlassen hatten; Madalena, wo man die kleine Italienerin auffand, und das Grabmal des heiligen Ludwig an der tunesischen Kste. Um diese Orte herum dehnte sich das Gallia-Meer, im Umfange etwa der Hlfte des alten Mittelmeeres, aus, um welches steile Felsenufer von unbekannter Substanz und Herkunft eine unbersteigliche Einrahmung bildeten.

Nur zwei von jenen Punkten waren bewohnt; der Felsen von Gibraltar, auf dem dreizehn fr lange Jahre versorgte Englnder hausten, und die Insel Gourbi mit dreiundzwanzig Einwohnern, die sich von den eigenen Erzeugnissen ernhren muten. Auerdem vegetierte jedenfalls auf irgendeinem bislang nicht aufgefundenen Eilande ein weiterer berlebender von der alten Erde, der geheimnisvolle Urheber der von der Dobryna whrend ihrer Rundfahrt aufgefangenen Notizen. Der neue Asteroid besa alles in allem demnach eine Bevlkerung von sechsunddreiig Seelen.

Angenommen, da diese ganze kleine Gesellschaft sich einst auf der Insel Gourbi vereinigte, so mute letztere mit ihren dreihundertfnfzig Hektar fruchtbaren Bodens, wenn dieser gut angebaut und wirtschaftlich ausgenutzt wurde, recht wohl zur Bestreitung aller Bedrfnisse der Kolonie ausreichen. Eine Hauptfrage blieb es nur, zu wissen, wann besagter Boden wieder produktionsfhig werden, oder mit anderen Worten, nach welchem Zeitrume die Gallia nicht mehr unter der furchtbaren Klte des freien Weltraumes leiden und durch die erneute Annherung zur Sonne ihre vegetative Kraft wieder erlangen wrde.

Fr die Bewohner der Gallia gab es also zwei Probleme zu lsen: 1. Folgte ihr Asteroid berhaupt einer Kurve, welche ihn jemals wieder dem Zentrum des Lichtes nher zu fhren versprach? 2. Wenn das der Fall war, welche Ellipse beschrieb diese Kurve, d. h. nach welchem Zeitrume wrde die Gallia nach berschreitung ihres Aphels zur Sonne zurckkehren?

Leider vermochten die Bewohner der Gallia, denen es an allen Hilfsmitteln zu den hierbei notwendigen astronomischen Beobachtungen mangelte, diese Probleme auf keine Weise zu lsen.

Fr jetzt konnte man nur auf die augenblicklich vorhandenen Vorrte zhlen: Die Provisionen der Dobryna, nmlich Zucker, Wein, Branntwein, Konserven u. dergl., die fr etwa zwei Monate ausreichen mochten und welche Graf Timascheff, ohne ein Wort zu verlieren, zum allgemeinen Besten abtrat, und die reiche Fracht der Hansa, welche der Jude Hakhabut frher oder spter, mit oder gegen seinen Willen auszuliefern gezwungen sein wrde, und endlich die Erzeugnisse des Pflanzen- und Tierreiches der Insel, die bei geregelter Ausnutzung der Bevlkerung auf lange Jahre hinaus die ntige Nahrung gewhrleisten muten.

Kapitn Servadac, Graf Timascheff, Leutnant Prokop und Ben-Zouf besprachen natrlich dieses wichtige Thema auf ihrem Wege nach dem Meere. Vorher noch aber wendete sich Graf Timascheff an den Stabsoffizier mit folgenden Worten:

Kapitn, Sie sind jenen Leuten einmal als Generalgouverneur vorgestellt worden, und ich denke, Sie sollten diese Stellung auch fr die Zukunft beibehalten. Sie sind Franzose; wir befinden uns hier auf dem briggebliebenen Boden einer franzsischen Kolonie, und da jede Vereinigung von Menschen eines Vorstehers und Leiters bedarf, so erklre ich hiermit, da ich und meine Leute Sie von jetzt als solchen betrachten.

Meiner Treu, Herr Graf, antwortete ohne Zgern Hector Servadac, ich fge mich den Verhltnissen und unterziehe mich der ganzen Verantwortlichkeit dieses Amtes. Ich bin dabei der guten Hoffnung, da wir einander immer verstehen und unser Bestes im allgemeinen Interesse tun werden. Zum Teufel, das Schlimmste scheint mir doch berstanden und ich rechne darauf, da wir auch spter nicht umkommen, wren wir von unseresgleichen auch fr immer getrennt!

Mit diesen Worten reichte Hector Servadac dem Grafen Timascheff die Hand. Dieser ergriff sie und neigte zustimmend leise den Kopf. Das war der erste Hndedruck, den die beiden Mnner seit ihrer Wiederbegegnung gewechselt hatten, whrend auch keine Anspielung auf ihre frhere Rivalitt wieder vorgekommen war oder je verlauten sollte.

Zunchst, begann Kapitn Servadac, haben wir uns ber eine nicht ganz unwichtige Frage schlssig zu machen. Sollen wir jene Spanier ber unsere tatschliche Lage aufklren?

Ei nein, Herr Gouverneur, antwortete lebhaft Ben-Zouf. Diese Menschen sind von Natur zu weichlich. Wenn sie erfhren, wie es um uns steht, wrden sie verzweifeln und zu nichts mehr zu brauchen sein.

Dazu, bemerkte Leutnant Prokop, erscheinen sie mir auch so unwissend, da sie absolut nichts von dem begreifen wrden, was man ihnen ber kosmographische Verhltnisse mitteilte.

Bah! fiel Kapitn Servadac ein, und wenn sie es begriffen, wrden sie sich auch nicht besonders darum kmmern. Spanier sind, ganz wie die Orientalen, so ziemlich Fatalisten, und solche Leute lassen sich nicht allzuweit aus dem Gleichgewicht bringen. Ein Lied zur Gitarre, ein Fandango und etwas Kastagnettenklang, dann denken sie nicht viel an etwas anderes. Was meinen Sie dazu, Graf Timascheff?

Ich denke, antwortete der Gefragte, es ist besser, ihnen die Wahrheit zu sagen, wie ich es auch gegenber meinen Leuten von der Dobryna gehalten habe.

Das ist auch meine Ansicht, erklrte Kapitn Servadac, und ich glaube nicht, da wir daran guttun wrden, denjenigen bezglich unserer Lage die Wahrheit vorzuenthalten, welche berufen sind, deren Gefahren zu teilen. So unwissend jene Spanier allen Anzeichen nach auch sein mgen, so mssen sie doch notwendigerweise mindestens einige der eingetretenen physikalischen Vernderungen wahrgenommen haben, wie z. B. die Verkrzung der Tage, den Wechsel in der Bewegung der Sonne und die Verminderung der Schwere. Sagen wir ihnen nun also auch, da sie jetzt fern von der Erde durch den Weltraum gefhrt werden, und da von jener nichts als diese Insel briggeblieben ist.

Nun gut, so wre das also abgetan, lie sich Ben-Zouf vernehmen. Wir sagen alles! Fort mit der Geheimniskrmerei! Aber weiden werd ich mich an dem Anblicke des Juden, wenn er erfhrt, da er sich einige hundert Millionen Lieues weit von der alten Erdkugel befindet, wo ein Wucherer, wie er, so manchen Schuldner sitzen haben wird. Nun lauf ihnen nach, mein Kerlchen, wenn du es kannst!

Isaak Hakhabut befand sich fnfzig Schritt weiter rckwrts, konnte von diesem Gesprche also kein Wort verstehen. Er lief jenen halb vorgebeugt, greinend und den Gott Israels anrufend nach; manchmal aber schossen seine Augen grelle Blitze und seine Lippen preten sich aufeinander, so da von dem Munde nichts als eine schmale Linie brigblieb.

Ihm waren jene neuen physikalischen Erscheinungen nicht entgangen, und mehr als einmal hatte er mit Ben-Zouf, dem er immer zu schmeicheln suchte, ber dieselben gesprochen. Letzterer verhehlte allerdings seinen Widerwillen gegen diesen erbrmlichen Nachkommen Abrahams nicht im geringsten. Auf alle drngenden Fragen Hakhabuts antwortete er immer nur mit einem ausweichenden Scherze. So erklrte er ihm wiederholt, da ein Jude seines Schlages bei dem jetzigen Zustande der Dinge ja gar nichts zu verlieren habe, denn statt, wie jeder Sohn Israels, hundert Jahre zu leben, werde er es jetzt auf zweihundert bringen, wobei ihm bei der allgemeinen Verminderung der Schwere auch die Last seiner spteren Jahre gar nicht so unertrglich erscheinen knne. Wenn der Mond jetzt gestohlen worden sei, sagte er ihm ein andermal, so msse das einem Geizhals seines Schlages sehr gleichgltig sein, da er jedenfalls doch nichts darauf geborgt habe. Ferner versicherte er ihm, da, wenn die Sonne jetzt an dem Punkte untergehe, wo sie sonst aufzugehen pflegte, so werde man eben ihr Ruhebett nach einer anderen Stelle geschafft haben - und tausend solche Albernheiten weiter. Wenn Isaak Hakhabut zu sehr in ihn drang, sagte er:

Warte nur auf den Generalgouverneur, Alter! Er wei alles und wird dir alles erklren!

Und wird er auch in Schutz nehmen meine Waren?

Natrlich, Naphtali! Er wird sie weit eher konfiszieren, als dir rauben lassen!

Mit solchen wenig trstlichen Antworten abgespeist, wartete der Jude, dem Ben-Zouf nach und nach alle ihm gelufigen israelitischen Namen beilegte, Tag fr Tag auf die Ankunft des Generalgouverneurs.

Inzwischen waren Hector Servadac und seine Begleiter an das Ufer gekommen., Dort etwa in der Mitte der von der Inselkste gebildeten Hypothenuse lag die Hansa vor Anker. Hier schtzten sie, bei der sonst ganz freien Lage, einige Felsen nur sehr unzulnglich, und jeder strkere Westwind drohte die leichte Tartane an die Kste zu treiben und daselbst in kurzer Zeit zu zertrmmern. Offenbar durfte sie auf diesem Ankerplatze nicht verbleiben, sondern mute je eher je lieber nach der Mndung des Cheliff neben die russische Golette verlegt werden.

Beim Wiedererblicken seiner Tartane hob der Jude mit seinen Klageliedern, und zwar so laut und von solchen Grimassen begleitet, von neuem an, da ihm Kapitn Servadac Schweigen gebieten mute. Dann schiffte er sich, whrend Graf Timascheff und Ben-Zouf am Ufer zurckblieben, mit Leutnant Prokop auf einem Boote der Hansa ein und besuchte diesen schwimmenden Kramladen.

Die Tartane erwies sich vollkommen wohl erhalten, und demnach konnte auch ihre Ladung nach keiner Seite Schaden gelitten haben, wovon man sich brigens leicht zu berzeugen vermochte. Hier im Raume der Hansa fanden sich Zuckerhte zu Hunderten, Teekisten, Scke mit Kaffee, Ballen mit Tabak, Tnnchen mit Branntwein, Fsser voll Wein, gerucherte Heringe, allerlei Stoffe, Baumwolle, wollene Kleidungsstcke, ein Vorrat von Stiefeln fr jeden Fu und Mtzen fr jeden Kopf, Werkzeuge, Kchengeschirre, Porzellan- und Topfwaren, Papier, Tintenflaschen, Pakete mit Streichhlzchen, Hunderte von Kilos Salz, Pfeffer und andere Gewrze, eine Menge hollndischer Kse, eine Sammlung Ltticher Almanachs - alles in allem Wertgegenstnde fr vielleicht hunderttausend Francs. Nur wenige Tage vor der Katastrophe hatte die Tartane in Marseille neue Vorrte eingenommen, um diese von Ceuta bis nach Tripolis hin, d. h. berall da abzusetzen, wo der listige und verschlagene Isaak einen gnstigen Markt zu finden hoffen durfte.

Diese prchtige Ladung wird fr uns eine reiche Fundgrube werden, sagte Kapitn Servadac.

Mindestens, wenn der Eigentmer deren Ausbeutung zugesteht, erwiderte achselzuckend Leutnant Prokop.

Ei, Leutnant, was meinen Sie, da der Jude mit diesen Reichtmern anfangen knne? Wei er erst, da er jetzt keine Franzosen, keine Marokkaner, keine Araber mehr bervorteilen kann, so wird er sich wohl oder bel fgen mssen.

Das mag wohl sein, auf jeden Fall wird er aber Bezahlung fordern fr seine Waren.

Nun gut, wir werden ihn bezahlen, Leutnant, d. h. mit Wechseln auf die frhere Welt!

Im schlimmsten Falle, Kapitn, fgte der Leutnant hinzu, htten Sie ein Recht zu Requisitionen.

Nein, Leutnant. Gerade weil dieser Mann ein Deutscher ist, mchte ich ihm auf andere Weise begegnen. Ich versichere Ihnen brigens, da er unserer bald mehr bedrfen wird als wir seiner. Sobald er wei, da er sich auf einem neuen Weltkrper befindet, ohne Hoffnung, nach dem alten zurckkehren zu knnen, wird er wohl mit sich reden lassen.

Wie dem auch sei, antwortete Leutnant Prokop, jedenfalls darf die Tartane nicht hier vor Anker liegenbleiben. Beim ersten schlechten Wetter mte sie zugrunde gehen und wrde sie schwerlich dem Drange der Eismassen Widerstand leisten, wenn das Meer, was ja nicht mehr lange ausbleiben kann, zufriert.

Schn, Leutnant; Sie und Ihre Leute werden sie also nach dem Hafen des Cheliff berfhren.

Und zwar schon morgen, Kapitn, versprach Leutnant Prokop, denn die Zeit drngt.

Nach Aufnahme des Inventars verlieen Kapitn Servadac und der Leutnant die Hansa wieder. Man beschlo, da die ganze kleine Kolonie sich im Wachtposten des Gourbi zusammenfinden solle, wohin sich auch die Spanier begeben sollten. Isaak Hakhabut wurde bedeutet, dem Gouverneur zu folgen, und gehorchte, nicht ohne einen sorgenvollen Blick nach seiner Tartane zurckzusenden.

Eine Stunde spter fanden sich die zweiundzwanzig Bewohner der Insel in dem groen Zimmer des Wachthauses zusammen. Dort machte der junge Pablo zum ersten Male Bekanntschaft mit der kleinen Nina, welche sehr erfreut schien, in ihm einen Spielkameraden von passendem Alter zu finden.

Kapitn Servadac nahm das Wort und meldete so, da er von dem Juden ebenso wie von den Spaniern verstanden werden konnte, da er sie ber die sehr ernsthafte Lage aufzuklren willens sei, in der sie sich alle befnden. Er fgte brigens hinzu, da er auf ihre Ergebung wie auf ihren Mut rechne und da jetzt alle fr das allgemeine Beste arbeiten mten.

Die Spanier hrten ruhig zu, ohne eine Antwort zu geben, da sie sich noch unklar waren, was man von ihnen erwartete. Negrete allein glaubte eine Bemerkung machen zu mssen und wandte sich also an Kapitn Servadac.

Herr Gouverneur, sagte er, bevor wir, ich und meine Gefhrten, uns auf irgendwelche Abmachungen einlassen, mchten wir wissen, wann es mglich sein wird, uns nach Spanien zurckzufhren.

Sie nach Spanien zurckbringen, Herr Generalgouverneur! rief der Jude in gutem Franzsisch. Nicht eher, als bis sie meine Forderungen ausgeglichen haben. Diese Spitzbuben haben mir fr die Person zwanzig Realen als Preis der berfahrt auf der Hansa versprochen. Es sind ihrer zehn, das ergibt zweihundert Realen (etwa 35 Mark oder 17 1/2 Gulden), welche sie mir schulden, ich nehme Sie zum Zeugen ...

Wirst du schweigen, Mardoch! rief Ben-Zouf.

Ihr werdet bezahlt werden, sagte Kapitn Servadac.

Das ist auch nicht mehr als recht, antwortete Isaak Hakhabut. Jedem seinen Lohn, und wenn der russische Herr mir will leihen zwei oder drei seiner Matrosen, um meine Tartane nach Algier zu bringen, so werde auch ich bezahlen ... ja, ich werde zahlen ... wenn Sie nicht verlangen gar zuviel von mir!

Algier! rief Ben-Zouf, der nicht mehr an sich halten konnte, so wisse denn ...

La mich den Leuten mitteilen, was sie noch nicht wissen, Ben-Zouf, sagte Kapitn Servadac. Dann fuhr er in spanischer Sprache fort:

Hrt mich, meine Freunde. Ein Ereignis, das wir noch nicht zu erklren vermgen, hat uns von Spanien, Italien, Frankreich, berhaupt von ganz Europa abgerissen! Von allen Kontinenten ist nichts mehr brig, als die Insel, auf der ihr euch hier befindet. Wir sind nicht mehr auf der Erde, aber wahrscheinlich auf einem Bruchstcke der Erdkugel, das uns mit sich fortfhrt, so da es vorlufig unmglich ist, zu sagen, ob wir jemals die brige Welt wiedersehen werden!

Hatten die Spanier diese Erklrung des Kapitn Servadac verstanden? Das war mindestens zweifelhaft, denn selbst Negrete bat um eine Wiederholung dieser Worte.

Hector Servadac tat sein Bestes, und so gelang es ihm unter Anwendung verschiedener, den unwissenden Spaniern gelufigerer Bilder ihnen ihre jetzige Lage klarzumachen. Nach einem kurzen Gesprche zwischen Negrete und seinen Genossen schien es jedenfalls, als ob sie die Sache mit einer gewissen Sorglosigkeit betrachteten.

Hakhabut seinerseits hrte Kapitn Servadac ruhig an und sagte kein Wort dazu; wohl aber verzogen sich seine Lippen, als suche er ein Lcheln zu unterdrcken.

Hector Servadac wendete sich noch direkt an ihn und fragte, ob er noch immer willens sei, in See zu gehen und seine Tartane nach dem Hafen von Algier, von dem keine Spur mehr existierte, zu fhren.

Isaak Hakhabut lachte, aber so, da er von den Spaniern nicht gesehen werden konnte. Dann richtete er seine Worte in russischer Sprache an den Grafen Timascheff, um nur von diesem und seinen Leuten verstanden zu werden.

Das ist ja alles nicht wahr, sagte er, und seine Exzellenz der Herr Generalgouverneur mu selbst darber lachen!

Mit schlecht verhehltem Mimute drehte Graf Timascheff dem widerlichen Menschen den Rcken zu.

Isaak Hakhabut wendete sich dann an Kapitn Servadac und sagte zu ihm franzsisch:

Diese Geschichtchen sind fr jene Spanier ganz gut. Sie werden dadurch hier zurckgehalten. Fr mich liegt die Sache aber anders!

Dann nherte er sich der kleinen Nina und sagte zu ihr italienisch:

Nicht wahr, mein Schtzchen, das ist alles nicht wahr?

Achselzuckend verlie er das Wachthaus.

Ah, zum Teufel, sagte Ben-Zouf, der Kerl redet ja in allen Zungen.

Jawohl, Ben-Zouf, erwiderte Kapitn Servadac, aber ob er sich franzsisch, russisch, spanisch, italienisch oder deutsch ausdrckt, es spricht doch immer der Jude aus ihm!

Zwanzigstes Kapitel

Welches den Beweis liefert, da man stets ein Licht am Horizonte findet, wenn man nur ordentlich aufpat.

Am nchsten Tage, den 6. Mrz, gab Kapitn Servadac, ohne sich weiter darum zu kmmern, ob Isaak Hakhabut ihm glaube oder nicht, Befehl, die Hansa nach dem Hafen des Cheliff zu schaffen. Der Jude unterlie jede Einwendung dagegen, da die Verlegung der Tartane seinem Interesse zu dienen schien. Immer hegte er aber die Hoffnung, heimlich zwei oder drei Matrosen auf seine Seite zu bringen, um nach Algier oder irgendeinen anderen Kstenplatz zu gelangen.

Angesichts der bevorstehenden berwinterung wurden die notwendigen Arbeiten in Angriff genommen, wobei alle durch ihre jetzt grere Muskelkraft eine wesentliche Untersttzung erfuhren. An die Erscheinungen der verminderten Anziehungskraft hatten sie sich ebenso gewhnt, wie an den geringeren Luftdruck, welcher ihre Atmung beschleunigte, ohne da sie davon viel gewahr wurden.

Die Spanier und Russen gingen also eifrig an die Arbeit. Man begann zunchst damit, das Wachthaus fr die Bedrfnisse der kleinen Kolonie in Stand zu setzen, da dieses bis auf weiteres zur allgemeinen Wohnung dienen sollte. Eigentlich bezogen es jetzt nur die Spanier, whrend die Russen auf der Golette blieben, wie der Jude an Bord seiner Tartane.

Die Schiffe sowohl, wie jenes Steingebude konnten indes nur als provisorische Wohnsttten gelten. Wenn der Winter wirklich heranzog, mute man einen wirksameren Schutz gegen die Klte des interplanetarischen Raumes zu finden suchen, einen Zufluchtsort, welcher von Natur etwas warm blieb, da in demselben wegen Mangels an Heizmaterial an eine Erhhung der Temperatur nicht zu denken war.

Einen hinreichenden Schutz konnten den Bewohnern der Insel Gourbi nur tiefe unterirdische Gnge gewhren. Wenn sich die Oberflche der Gallia mit einer dicken Eiskruste bedeckte, so mute diese als ein schlechter Wrmeleiter die Temperatur in der Tiefe auf einem ertrglichen Grad erhalten. Dort wrden Kapitn Servadac und seine Gefhrten allerdings ein wahrhaftes Troglodytenleben fhren, sie hatten aber bezglich der Wohnung keine andere Wahl.

Zum Glck befanden sie sich nicht in derselben Lage wie die Forschungsreisenden oder Walfischfahrer in den Polarmeeren. Wenn diese zu berwintern gezwungen sind, fehlt ihnen meist der feste Boden unter den Fen. Sie leben dann auf einem eisbedeckten Meere und sind nicht im Stande, in dessen Tiefe eine Zuflucht vor der Klte zu suchen. Entweder verkriechen sie sich dann in ihre Schiffe oder errichten Blockhuser von Holz und Schnee, sind aber in jedem Falle sehr ungengend gegen die Einwirkung der Klte geschtzt.

Hier auf der Gallia dagegen bot sich ein fester Boden, und wenn sie sich ihre Winterwohnung einige hundert Fu unter der Oberflche aushhlten, konnten die Bewohner der Gallia sicher sein, auch der strengsten Klte ohne Beschwerde Trotz zu bieten.

Die Arbeiten wurden also sofort begonnen. Axt, Schaufel, Spaten und Werkzeuge der verschiedensten Art fehlten, wie wir wissen, in Gourbi nicht, und unter Leitung Ben-Zoufs als Werkfhrer gingen die spanischen Majos und die russischen Matrosen hurtig ans Werk.

Da sollten aber die Arbeiter und der Ingenieur Servadac eine unerwartete Enttuschung erfahren.

Der zur Ausschachtung der Wohnung gewhlte Ort lag rechts von dem Wachthause, wo der Erdboden in einer leichten Erhebung aufstieg. Am ersten Tage ging die Fortschaffung des Erdreiches ohne Schwierigkeiten vor sich. Als man aber eine Tiefe von etwa acht Fu erreichte, stieen die Leute auf eine so harte Masse, da ihre Werkzeuge derselben nicht das geringste anhaben konnten.

Ben-Zouf machte Hector Servadac und Graf Timascheff hiervon Meldung, und diese erkannten in der betreffenden Substanz sehr bald ganz dasselbe Material, welches ebensowohl die Ksten als auch den Untergrund des Gallia-Meeres bildete. Offenbar bestand aus ihr also auch die eigentliche Masse des. ganzen neuen Weltkrpers. Auf jeden Fall mangelte es also an allen Mitteln, den Boden tief genug auszuhhlen. Auch das gewhnliche Schiepulver mchte kaum hingereicht haben, diese metallenen Unterlagen wirksam anzugreifen, welche bei ihrer Granithrte mindestens des Dynamits bedurft htten, um sie zu sprengen.

Zum Teufel, was mag das fr ein Mineral sein? rief Kapitn Servadac, und wie kann ein Stck unserer alten Erdkugel dieses Material enthalten, das wir nicht einmal zu bezeichnen wissen?

Wahrhaftig, es ist ganz unerklrlich, antwortete Graf Timascheff, doch wenn es uns nicht gelingt, eine Wohnung im Boden auszuhhlen, so steht uns der Tod bald vor der Tr!

In der Tat beruhten die Zahlenangaben des aufgefangengen Dokumentes auf Wahrheit und vergrerte sich nach den Gesetzen der Himmelsmechanik der Abstand der Gallia von der Sonne immer noch mehr, so mute der Asteroid von letzterer jetzt wenigstens hundert Millionen Lieues ( = 60 Mill. Meilen), entfernt sein, d. h. fast genau dreimal so weit, als die Erde whrend ihre Apheliums von dem Zentralkrper. Man begreift unschwer, in welchem Grade die Wrme und das Licht der Sonne unter diesen Verhltnissen abnehmen muten. Freilich entfernte sich infolge der Achsenstellung der Gallia, welche nahezu neunzig Grad erreichte, die Sonne niemals von ihrem quator, und die Insel Gourbi geno diese Vorteile, weil sie unter der Parallele Null lag. Unter dieser Zone mute demnach ein ewiger Sommer herrschen, aber trotz alledem konnte die groe Entfernung von der Sonne deshalb nicht ausgeglichen werden und die Lufttemperatur nahm dann auch zusehends ab. Schon bildete sich zum groen Leidwesen des kleinen Mdchens Eis auf dem Felsen, und es konnte nicht mehr lange whren, bis das ganze Meer zufror.

Bei der spter zu erwartenden Klte, welche 60 Grad (des hundertteiligen Thermometers) recht leicht noch bersteigen konnte, drohte aber allen, wenn eine geeignete Wohnung nicht zu beschaffen war, sicher ein baldiger Tod. Fr jetzt hielt sich das Thermometer im Mittel auf sechs Grad unter Null, wobei der im Wachthause aufgestellte Ofen trotz reichlich zugefhrten Brennmateriales doch nur eine mige Wrme verbreitete. Auf Holz, als Heizmaterial, war also nicht viel zu rechnen; es mute jedenfalls eine andere Unterkunft aufgesucht werden, welche an sich Schutz gewhrte gegen die Erniedrigung der Temperatur, bei der das Quecksilber, vielleicht gar der Alkohol der Thermometer zu gefrieren drohte.

Schon gegen die jetzige, ziemlich lebhafte Klte erwiesen sich die beiden Schiffe, die Dobryna und die Hansa, als unzureichende Zufluchtssttten, so da man an ein dauerndes Bewohnen derselben gar nicht denken konnte. Wer vermochte brigens vorauszusagen, was aus diesen beiden Fahrzeugen werden wrde, wenn sich erst das Eis rings um sie in ungeheuren Massen auftrmte?

Wren Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop die Mnner dazu gewesen, leicht den Mut zu verlieren, jetzt htten sie die beste Gelegenheit gehabt! In der Tat, was sollten sie ersinnen gegen die auffallende Hrte des Bodenuntergrundes, die es ihnen unmglich machte, sich in die Erde einzugraben?

Inzwischen gestalteten sich die Umstnde immer drngender. Bei der zunehmenden Entfernung verkleinerte sich der scheinbare Durchmesser der Sonne immer mehr und mehr. Wenn sie den Zenit passierte, verbreiteten ihre lotrechten Strahlen zwar noch einige Wrme; whrend der Nacht dagegen machte sich die Klte nun schon sehr empfindlich fhlbar.

Kapitn Servadac und Graf Timascheff durchstreiften mit Hilfe Zephirs und Galettes die ganze Insel, um ein zweckmiges Unterkommen aufzufinden. Die beiden Pferde berwanden alle Hindernisse, als ob sie Flgel htten. Vergebens! Man versuchte Sondierungen an der und jener Stelle; immer trafen dieselben schon in geringer Tiefe auf dieselbe stahlharte Schicht, so da man auf eine unterirdische Wohnung verzichten mute.

Wegen Mangels einer so erwnschten Erdhhle wurde also beschlossen, im Wachthause zu verbleiben und dasselbe bestmglich gegen die uere Klte zu schtzen. Es erging demnach die Anordnung, alles trockene oder grne Holz, welches sich auf der Insel vorfand, aufzusammeln und die in der Ebene zerstreuten Bume zu fllen. Jetzt galt es zu eilen. Alles ging denn auch unverzglich an die Arbeit.

Und dennoch - Kapitn Servadac und seine Gefhrten erkannten das recht wohl - konnte alles das nicht hinreichen. Das Brennmaterial drohte schnell genug zu Ende zu gehen. Im hchsten Grade beunruhigt, durchirrte der Stabsoffizier, ohne seine Befrchtungen laut werden zu lassen, die Insel und rief:

Einen Gedanken! Einen Ausweg! Wer hilft hier!

So wandte er sich eines Tages an Ben-Zouf.

Alle Wetter! rief er, hast denn du keinen vernnftigen Gedanken?

Nein, mein Kapitn, erwiderte trocken die Ordonnanz.

Dann fgte der Bursche hinzu:

Oh, wren wir nur auf dem Montmartre! Da gibt es die schnsten Steinbrche und Hhlen in Hlle und Flle.

Schwachkopf! versetzte Kapitn Servadac, wenn wir auf dem Montmartre wren, brauchte ich auch deine Steinbrche nicht!

Inzwischen sollte die Natur den Kolonisten die unumgnglich ntige Mithilfe gewhren, um gegen die Klte des Weltraumes anzukmpfen. Auf folgende Art und Weise wurden sie darauf hingewiesen:

Am 10. Mrz hatten Leutnant Prokop und Kapitn Servadac die Sdwestspitze der Insel besichtigt. Unterwegs sprachen sie von den schweren Gefahren der nchsten Zukunft, und zwar ziemlich lebhaft, da sie ber die Mittel und Wege, jenen zu steuern, nicht ein und derselben Ansicht waren. Der eine bestand hartnckig darauf, eine geeignete, leider nirgends auffindbare Wohnung zu suchen, whrend der andere daran dachte, in der jetzt benutzten nur eine neue Heizungsmethode einzufhren. Leutnant Prokop vertrat die letztere Ansicht und suchte eben seine Grnde dafr darzulegen, als er pltzlich inmitten seiner Beweisfhrung innehielt. Er stand gerade nach Sden zu gewendet und Kapitn Servadac sah nur, wie jener mit der Hand ber die Augen strich, wie um deren Sehkraft zu schrfen, und dann mit gespannter Aufmerksamkeit hinausblickte.

Nein, ich tusche mich nicht! rief er, dort unten sehe in einen Lichtschein!

Einen Lichtschein?

Ja, da, in dieser Richtung.

Wahrhaftig, antwortete Kapitn Servadac, der jetzt ebenfalls den bezeichneten Punkt wahrnahm.

Die Tatsache unterlag keinem Zweifel. ber dem sdlichen Horizonte erhob sich ein erst mig, je dunkler es aber wurde, desto heller aufleuchtender Punkt.

Sollte das ein Schiff sein? fragte Kapitn Servadac.

Dann mte es mindestens in Flammen stehen, antwortete Leutnant Prokop, auf diese Entfernung und in solcher Hhe knnte kein Signallicht sichtbar sein.

brigens bleibt das Feuer an derselben Stelle, setzte Hector Servadac hinzu, und es dnkt mich sogar, als entwickle sich ein Widerschein an den Abendwolken.

Eine kurze Zeit ber beobachteten beide die unerwartete Erscheinung. Da fielen dem Stabsoffizier pltzlich die Schuppen von den Augen.

Der Vulkan! rief er. Das ist der Vulkan, den wir bei der Rckkehr mit der Dobryna umschifft haben!

Und wie inspiriert, setzte er hinzu:

Leutnant Prokop, dort liegt die gesuchte Wohnung. Dort sorgt die Natur allein fr die Heizung des Hauses! Ja! Jene unerschpfliche, glhende Lava, welche der Berg auswirft, werden wir fr alle Bedrfnisse verwenden knnen. Oh, Leutnant, der Himmel verlt uns nicht. Kommen Sie, kommen Sie! Morgen mssen wir dort auf jener Kste sein und suchen, wenn es sein mu, die Wrme, d. h. das Leben, selbst bis in die Eingeweide der Gallia!

Whrend Kapitn Servadac mit solch enthusiastischer berzeugung sprach, suchte sich Leutnant Prokop ber seine Erinnerungen klarzuwerden. Das Vorhandensein des Vulkanes in der bezeichneten Richtung schien auch ihm unbestreitbar. Er erinnerte sich von der Rckfahrt der Dobryna her, da ihm auf der Tour lngs der sdlichen Kste des Gallia-Meeres ein langgedehntes Vorgebirge den Weg verlegte und bis zur frheren Breite von Oran hinauf zu steuern ntigte. Dort umschiffte man dann einen hohen, felsigen Berg mit rauchumlagertem Gipfel. Diesem Rauche war jedenfalls nun ein Ausbruch von Flammen und glhender Lava gefolgt, und eben dieser Ausbruch erleuchtete jetzt den Horizont im Sden und spiegelte sich an den Wolken wider.

Sie haben recht, Kapitn, sagte darauf Leutnant Prokop; ja, das ist jener Vulkan. Morgen werden wir ihn in Augenschein nehmen!

Hector Servadac und Leutnant Prokop kehrten eiligst nach dem Gourbi zurck und teilten von ihrem beabsichtigten Ausflge vorlufig nur dem Grafen Timascheff das Ntige mit.

Ich begleite euch, erwiderte der Graf, natrlich steht die Dobryna dazu zur Disposition.

Ich denke, wendete Leutnant Prokop dagegen ein, die Golette kann ruhig im Hafen des Cheliff bleiben. Bei dem jetzigen schnen Wetter wird ihre Dampfschaluppe zu der berfahrt von hchstens zwlf Meilen vollkommen ausreichen.

Ordne alles ganz nach deinem Ermessen an, Prokop, schlo Graf Timascheff.

Wie so viele jener verschwenderisch ausgestatteten Lust-Goletten besa auch die Dobryna eine sehr schnell fahrende Dampfschaluppe, deren Schraube durch einen kleinen, aber sehr vielen Dampf liefernden Kessel nach Oriolleschem Systeme in Betrieb gesetzt wurde. Bei seiner Unbekanntschaft mit der Gestaltung des Ufers, nach welchem er gehen wollte, gab Leutnant Prokop diesem kleinen, flachgehenden Fahrzeuge auch deshalb den Vorzug, weil es ihm den Besuch selbst der engsten Buchten der Kste gefahrlos zu ermglichen versprach.

Am nchsten Tage, dem 11. Mrz, wurde die Schaluppe also mit Kohlen versorgt, von denen sich etwa noch zehn Tonnen an Bord der Dobryna vorfanden. Dann dampfte das Schiffchen, mit dem Kapitn, dem Grafen und dem Leutnant an Bord, zu Ben-Zoufs grter Verwunderung (denn man hatte ihn gar nicht mit in das Geheimnis gezogen) aus dem Hafen des Cheliff hinaus. Die Ordonnanz blieb dabei aber mit den Vollmachten des Generalgouverneurs auf der Insel zurck, was unserem Helden nicht wenig schmeichelte.

Das schnelle Schiff legte den neunzig Kilometer langen Weg zwischen der Insel und dem Landvorsprunge, auf welchem der Vulkan sich erhob, in weniger als drei Stunden zurck. Der Gipfel des hohen Vorgebirges erschien ganz in Flammen gehllt. Die Eruption war offenbar eine sehr starke. Verband sich hier der Sauerstoff aus der von der Gallia mit fortgerissenen Atmosphre mit den Auswurfstoffen des Vulkanherdes, um dieses imposante Flammenmeer zu ernhren, oder, was noch wahrscheinlicher war, besa dieser Vulkan, wie die feuerspeienden Berge des Mondes, eine ihm eigentmliche Sauerstoffquelle?

Die Schaluppe dampfte lngs der Kste hin, um einen geeigneten Landeplatz aufzusuchen. Nach halbstndiger Fahrt entdeckte man denn auch einen halbmondfrmigen Felsenausschnitt, eine Art kleinen Hafen, der der Golette und der Tartane einen hinlnglichen Schutz zu bieten versprach, wenn die Umstnde deren berfhrung hierher rtlich erscheinen lassen sollten.

Die Dampfschaluppe wurde festgelegt, und ihre Passagiere landeten an dem gegenberliegenden Ufer, von dem aus der mchtige Lavastrom sich lngs des Bergabhanges nach dem Meere hinabwlzte. Zu ihrer grten Befriedigung bemerkten Kapitn Servadac und seine Gefhrten, wie sich die Temperatur der Atmosphre merklich steigerte, je nher sie kamen. Vielleicht sollte die Hoffnung des Stabsoffiziers in Erfllung gehen! Fand sich in dieser ungeheuren Bergmasse eine nur irgend bewohnbare Aushhlung, so entgingen die Bewohner der Gallia vielleicht der am ernsthaftesten drohenden Gefahr.

Nun durchsuchten und durchstberten sie alle Winkel und Spalten des Berges, erklommen die steilsten Abhnge, erkletterten die breiten Abstze und sprangen gleich flinken Gemsen, mit denen sie jetzt an spezifischer Leichtigkeit wetteiferten, von einem Block zum anderen, ohne aber jemals einen anderen Boden anzutreffen, als jene in hexagonalen Prismen angeschlossene Substanz, welche das einzige Mineral des Asteroides darzustellen schien.

Ihre Bemhungen sollten jedoch nicht vergeblich sein.

Hinter einer gewaltigen Felswand, deren Spitze gegen den Himmel pyramidenartig aufstieg, ffnete sich vor ihnen eine enge Galerie, richtiger ein langer, dunkler, in der Seite des Berges ausgehhlter Schlauch. Ohne Zaudern traten sie durch seinen, etwa zwanzig Meter ber der Meeresflche gelegenen Eingang in denselben ein.

Kapitn Servadac und seine Gefhrten muten sich durch die tiefe Dunkelheit fast hindurchtasten, indem sie mit der Wand des Tunnels stets Fhlung behielten und mit den Fen etwaige Vertiefungen des Bodens aufzuspren suchten. An dem zunehmenden Grollen und Donnern erkannten sie, da der Zentralkamin des Vulkanes von hier nicht fern sein knne. Am meisten frchteten sie aber, durch eine unpassierbare Erdwand ihre Untersuchung unterbrochen zu sehen.

Kapitn Servadac bewahrte sich jedoch ein wahrhaft unerschtterliches Vertrauen, das sich je lnger je mehr auch des Grafen Timascheff und des Leutnants Prokop bemchtigte.

Vorwrts! Vorwrts! drngte er. Unter auergewhnlichen Umstnden gilt es auch, auerordentliche Hilfsmittel aufzusuchen. Das Feuer ist entfacht; der Ofen ist in der Nhe. Die Natur selbst liefert das Brennmaterial! Alle Teufel, wir werden uns billig eine warme Stube verschaffen!

Die Lufttemperatur betrug jetzt mindestens fnfzehn Grad ber Null. Legten die Mnner hier die Hnde dichter an die Wand, so fhlten sie, da diese schon fast hei war. Die den Berg bildende Felsmasse schien ein ebenso guter Wrmeleiter zu sein wie die Metalle.

Da sehen Sie es ja, wiederholte Hector Servadac mehrmals, da unten steckt eine leibhaftige Calorifere!

Als die Wanderer noch weiter eindrangen, erhellte ein glnzender Lichtschein den bis dahin dunklen Schacht und es zeigte sich eine groe, blendend erleuchtete Hhle. Die Temperatur ihres Innern war zwar ziemlich hoch, aber doch ertrglich.

Welcher Ursache verdankte wohl diese in der Gebirgsmasse ausgeschachtete Hhle ihren Glanz und ihre Wrme? Ganz einfach einem Lavastrome, der vor ihrer nach dem Meere zu weit offenstehenden Mndung herniederstrzte. Die Erscheinung erinnerte an die Wasserwand des Niagara, welche die berhmte Grotte der Winde mit einem feuchten, stahlgrnen Vorhange abschliet. Hier bestand dieser Vorhang nur nicht aus ungeheuren Wassermassen, sondern aus einem Flammenmeere, das vor der Hhlenffnung lodernd herabflo.

O du hilfreicher Himmel! rief Kapitn Servadac, so viel hatte ich von dir ja gar nicht erbeten!

Einundzwanzigstes Kapitel

In welchem der Leser erfhrt, welch prchtige berraschung die Natur eines schnen Tages den Bewohnern der Gallia bereitet.

Diese durchwrmte und hell erleuchtete Hhle bot der kleinen Welt der Gallia, welche darin untergebracht werden sollte, in der Tat eine prchtige Wohnung. Und nicht nur Hector Servadac nebst seinen Untertanen, wie Ben-Zouf zu sagen liebte, fand hier hinlnglich Platz, sondern es muten auch die beiden Pferde des Kapitns, sowie eine ausreichende Zahl der ntigen Haustiere darin Schutz gegen die Klte des Gallia-Winters finden, wenn dieser Winter berhaupt jemals ein Ende hatte.

Man erkannte sehr bald, da diese ganze gerumige Hhle eigentlich aus den vereinigten Auslufern zwanzig verschiedener Schchte bestand, die sich weiter rckwrts in der Gesteinsmasse verzweigten und welche die erwrmte Luft in sehr hoher Temperatur durchstrich. Man htte sagen knnen, da die Wrme daselbst durch die mineralischen Poren des Berges hindurchschwitzte. Unter diesen dicken Gewlben muten alle lebenden Wesen des neuen Weltkrpers, geschtzt gegen jede Unbill eines polaren Klimas und gegen die Klte des leeren Weltraumes, so tiefe Grade diese auch erreichen mochte, eine sichere Unterkunft finden, wenigstens solange die Ttigkeit des Vulkans anhielt. In bezug auf letztere Frage bemerkte Graf Timascheff aber ganz richtig, da man doch whrend der Fahrt der Dobryna lngs der Kste des neuen Meeres keinen weiteren feuerspeienden Berg angetroffen habe, und da diese Eruption, wenn man hier nur die einzige Ausstrmungsffnung fr das innere Feuer der Gallia vor sich habe, recht leicht Jahrhunderte hindurch andauern knne.

Jetzt galt es also, keinen Tag, nein, keine Stunde zu verlieren. Solange die Dobryna noch offenes Wasser fand, mute man zunchst nach der Insel Gourbi zurckkehren, diese hurtig ausrumen, Menschen und Tiere ohne Sumen nach ihrer neuen Wohnsttte schaffen, daselbst Getreide, Feldfrchte und Futterstoffe aufspeichern und sich endgltig in Warm-Land huslich einrichten - so nmlich nannte man, gewi ganz treffend, diesen vulkanischen Teil des Vorgebirges.

Noch an demselben Tage kehrte die Schaluppe zur Insel Gourbi zurck und schon am nchstfolgenden begannen die ntigen Arbeiten.

Es kam hier eine sehr lange berwinterung in Frage, bei der man sich gegen alle Eventualitten zu decken suchen mute. Ja, eine schwierige, lange, vielleicht endlose berwinterung mit ganz anderen Gefahren und Mhseligkeiten, als sie die sechs Monate Nacht und Winter den Polarfahrern drohen. Wer vermochte in vorliegendem Falle vorauszusehen, wann die Gallia aus den Fesseln des Eises befreit werden wrde? Wer konnte sagen, ob ihre Bahn berhaupt eine in sich zurcklaufende Kurve beschrieb oder eine Ellipse, welche sie jemals nach der Sonne hin zurckfhren wrde?

Kapitn Servadac teilte nun den brigen die gemachte glckliche Entdeckung mit. Der Name Warm-Land fand vorzglich bei Nina und den Spaniern den ungeteiltesten Beifall, und alle dankten aus freudigem Herzen der Vorsehung, welche die Umstnde fr sie so glcklich gestaltete.

Whrend der drei folgenden Tage legte die Dobryna drei Reisen zurck. Bis zur Hhe der Schanzkleidung beladen, transportierte sie zuerst die Vorrte an Cerealien und Futtergewchsen, welche in den tiefen, zu Magazinen bestimmten Schchten abgelagert wurden. Am 15. Mrz bevlkerten sich dann die Felsenstallungen mit Haustieren, Ochsen, Khen, Schafen und Schweinen, in der Anzahl von etwa einem halben Hundert Kpfen, deren Rassen man erhalten wollte. Von den anderen, denen die Klte ohnehin mit baldiger Vernichtung drohte, sollte eine mglichst groe Menge erlegt werden, da die rauhe Witterung das Fleisch derselben ja beliebig lange zu konservieren versprach. Die Gallia-Bewohner muten also einen mehr als ausreichenden Vorrat an Nahrungsmitteln, wenigstens mit Rcksicht auf ihre dermalige Anzahl, erlangen.

Die Frage wegen der ntigen Getrnke bot keine sonderliche Schwierigkeit. Freilich mute man sich mit einfachem Swasser begngen, dieses Wasser aber konnte niemals fehlen, weder im Sommer, wo es die Bche und Zisternen der Insel Gourbi lieferten, noch im Winter, weil es dann die Klte durch Gefrieren des Meerwassers erzeugte.

Whrend man auf der Insel in erwhnter Weise ttig war, beschftigten sich Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop mit der inneren Einrichtung der neuen Wohnsttte auf Warm-Land. Man mute sich beeilen, denn schon widerstand das Eis selbst zu Mittag den lotrechten Strahlen der Sonne, und unzweifelhaft erschien es doch vorteilhafter, den Seeweg zu bentzen, solange das Meer noch freiblieb, statt eines beschwerlichen berganges ber seine erstarrte Oberflche.

Die Einrichtung der verschiedenen, in der Bergmasse des Vulkanes vorhandenen Aushhlungen vollzog sich mit einsichtiger Bentzung aller erreichbaren Vorteile. Wiederholte Nachsuchungen hatten zur Entdeckung noch mehrerer Gnge und Schchte gefhrt. Der ganze Berg glich einem riesenhaften Bienenstock mit einer ungeheuren Anzahl von Zellen. Die Bienen - d. h. hier die Kolonisten - muten darin bequeme, ja mit hinreichendem Komfort ausgestattete Wohnungen finden. Zu Ehren des kleinen Mdchens nannte man das Ganze aufgrund jener inneren Anordnung den Nina-Bau.

Kapitn Servadacs und seiner Genossen erste Sorge war es nun, jene vulkanische, von der Natur so freigebig gelieferte Wrme den Bedrfnissen des tglichen Lebens nutzbar zu machen. Durch Erffnung neuer kleiner Rinnen fr die feurig-flssige Lava wurde ein hinreichender Teil nach geeigneten Stellen abgeleitet. Als die Kche aus der Dobryna auf diese Weise an gelegenem Orte eingerichtet war, erhielt sie also ihre Feuerung durch die Lava, und Mochel, der Oberkoch der Golette, machte sich sehr bald mit dieser neuen Art von Herdfeuerung vertraut.

He, meinte Ben-Zouf, wenn in der alten Welt jedes Haus so einen kleinen Vulkan als Wrmelieferanten haben knnte, der fr seine Leistungen keinen Heller beansprucht, das wre doch einmal ein Fortschritt!

Die grte Hhle, jene Ausmndungsstelle, nach der die Schchte des Berginnern alle zusammenliefen, wurde zur gemeinsamen Wohnung bestimmt und mit den hauptschlichen Mbeln des Gourbi und der Dobryna ausgestattet. Die Segel der Golette waren abgenommen und nach dem Nina-Bau geschafft worden, wo sie zu den verschiedensten Zwecken dienen sollten. Selbstverstndlich fand auch die mit russischen und franzsischen Werken reichlich ausgestattete Schiffsbibliothek in dem groen Wohnraume Aufnahme. Tische, Sthle, Lampen usw. vervollstndigten dessen Einrichtung, whrend die Wnde mit den Seekarten der Dobryna geschmckt wurden.

Wir erwhnten schon, da der Feuervorhang, welcher von der ffnung der Haupthhle herabfiel, dieselbe gleichzeitig erwrmte und erleuchtete. Dieser Lava-Katarakt strzte sich in ein kleines, von einem Kranze zusammenhngender Klippen umschlossenes Bassin, das mit dem Meere in keinerlei Verbindung zu stehen schien, letzteres stellte offenbar die Ausmndung eines sehr tiefen Schlundes dar, dessen Wasser durch die glhenden Auswurfsmassen ohne Zweifel auch dann noch im flssigen Zustande erhalten werden mute, wenn die Klte auch das ganze brige Gallia-Meer in Fesseln und Banden schlug. Eine zweite, im Hintergrunde und links von dem allgemeinen Wohnraume sich anschlieende Hhle wurde zum Privatgemach fr Kapitn Servadac und Graf Timascheff hergerichtet. Der Leutnant Prokop und Ben-Zouf bewohnten zusammen eine andere, sich zur Rechten anschlieende Felsenkammer, und ganz im Hintergrunde des Hauptraumes fand sich auch noch ein freilich nur beschrnktes Stbchen fr die kleine Nina. Die russischen Matrosen und die Spanier errichteten ihre Lagersttten in den nach dem greren Saale ausmndenden Gngen, fr deren Erwrmung das Zentralfeuer des Berges hinlnglich sorgte. Diese Einzelrume zusammen bildeten den erwhnten Nina-Bau. Die kleine auf diese Weise untergebrachte Kolonie konnte nun ohne Zagen den langen, rauhen Winter erwarten, der sie im Berginnern von Warm-Land gefangenhalten mute. Hier konnte sie ungestraft jede beliebige Erniedrigung der Auentemperatur aushalten. Wie weit letztere herabgehen konnte, im Fall die Gallia nur bis zur Bahn des Jupiter gelangen sollte, dafr gibt die Rechnung einen Anhalt, da letztgenannter Planet nur noch den fnfundzwanzigsten Teil derjenigen Sonnenwrme erhlt, welcher der Erde in ihrer Bahn zustrmt.

Was wurde denn aber whrend dieser Auszugsarbeiten, dieser fieberhaften Ttigkeit, welcher sich selbst die Spanier nicht entziehen konnten, aus Isaak Hakhabut, der starrsinnig am Ankerplatze der Insel Gourbi zurckblieb?

Immer unglubig, trotz aller Beweise, welche man ihm aus Menschlichkeit darlegte, um sein Mitrauen zu besiegen, harrte er an Bord seiner Tartane aus, wachte ber seine Warenvorrte, wie der Geizhals ber seine Schtze, murrte jetzt und jammerte dann, und sphte, freilich vergeblich, nach dem Horizonte hinaus, ob nicht ein anderes Schiff in Sicht der Insel erschiene. Die anderen waren nun wenigstens, und niemand beklagte sich darber, von dem Anblick seiner abschreckenden Erscheinung vorlufig befreit. Der Jude hatte mit aller Bestimmtheit erklrt, er werde seine Waren nur gegen kursfhige Mnze ausliefern. Infolgedessen verbot Kapitn Servadac strengstens, ihm irgend etwas zu nehmen, aber gleichzeitig auch, ihm nur das geringste abzukaufen. Man werde ja bald sehen, ob dieser Starrkopf nicht der zwingenden Notwendigkeit und den tatschlichen Verhltnissen, ber die ihm bald die Augen aufgehen muten, nachgeben werde.

Offenbar glaubte Isaak Hakhabut jetzt noch ganz und gar nicht an die merkwrdige und furchtbare Lage, in welche sich die kleine Kolonie versetzt sah. Seiner Meinung nach befand er sich noch immer auf der Erdkugel, von welcher ein unerhrtes Naturereignis nur einige Teile verndert habe, und hoffte frher oder spter Gelegenheit zu finden, die Insel Gourbi verlassen und seinen Handel lngs der Ksten des Mittelmeeres wieder aufnehmen zu knnen. Bei seinem berall hervortretenden Mitrauen bildete er sich ein, es bestehe gegen ihn ein Komplott mit der Absicht, ihm seine Gter zu rauben. Er wollte sich nun einmal, wie er sagte, nicht zum Besten haben lassen, verwarf also jene Hypothese bezglich eines ungeheuren, von der Erde losgerissenen und in den Weltraum hinausgeschleuderten Blockes, und wollte sich nicht plndern lassen, weshalb er sein Schiff Tag und Nacht bewachte. Da aber bis jetzt alles damit bereinstimmte, die Existenz eines neuen, durch die Sonnenwelt wandelnden und nur von den Englndern in Gibraltar und den Ansiedlern der Insel Gourbi bewohnten Gestirns vorauszusetzen, so mochte Isaak Hakhabut sein altes, wie ein langgebrauchtes Ofenrohr geflicktes Fernrohr auf den Horizont richten, soviel er wollte, es zeigte sich doch kein Schiff, es traf kein Hndler ein, der sein Geld gegen die Schtze der Hansa vertauscht htte.

Dem Juden waren die Vorbereitungen fr die projektierte berwinterung nicht unbekannt geblieben. Seiner eingefleischten Gewohnheit nach wollte er zuerst berhaupt nicht daran glauben. Als er aber die hufigen nach Sden gerichteten Fahrten der Dobryna und die Fortschaffung der Ernten und der Haustiere sah, schlo er daraus nur, da Kapitn Servadac und seine Gefhrten im Begriff stnden, die Insel Gourbi zu verlassen.

Was drohte denn nun aus dem armen Hakhabut zu werden, wenn sich alles besttigte, was er jetzt hartnckig leugnete? Nicht mehr auf dem Mittellndischen, sondern auf dem Gallia-Meere zu sein! Sein schnes, deutsches Vaterland nicht wiederzusehen! In Tripoli und Tunis nicht sein Profitchen zu machen! - Oh, das mute sein Untergang sein!

Nun sah man ihn wohl hufiger die Tartane verlassen und sich dort an eine Gruppe Russen oder Spanier herandrngen, die ihn mit irgendeinem schlechten Witze heimschickten. Er versuchte wohl auch Ben-Zouf zu kirren, indem er diesem einige Prisen Tabak anbot, welche die Ordonnanz auf ergangenen Befehl abschlug.

Nichts da, alter Zabulon, sagte er, nicht einmal eine Prise! Du bist im Bann, du wirst deine Vorrte selbst essen und trinken, deinen Tabak selbst aufschnupfen, du ganz allein, alter Sardanapal!

Als Isaak Hakhabut einsah, da er von den Heiligen keine Aufklrung erlangen konnte, wandte er sich an deren Gott selbst und fragte eines Tages Kapitn Servadac, ob alles, was man ihm vorher gesagt, auf Wahrheit beruhe, indem er sich versichert halte, da ein franzsischer Offizier einen armen Mann, wie ihn, nicht werde tuschen wollen.

Zum Teufel, ja, das ist alles wahr, antwortete Hector Servadac, dem ob solch hartnckigen Unglaubens die Geduld ausging. Ihr habt nur noch eins zu tun, nmlich nach dem Nina-Bau berzusiedeln.

Steh mir bei der ewige Gott und der Mohammed! seufzte der Jude, der als halber Renegat beide Anrufungen vereinigte.

Wollt Ihr drei oder vier Mann haben, die Hansa nach dem neuen Ankerplatz bei Warm-Land berzufhren?

Ich mchte gehen nach Algier! erwiderte Hakhabut.

Aber, ich wiederhole euch, Algier existiert hier nicht mehr.

Herrgott Israels, wre das mglich?

Zum letzten Male also, wollt Ihr uns mit der Tartane nach Warm-Land folgen, wo wir zu berwintern denken?

Erbarmen! Erbarmen! Das geht um mein Hab und Gut.

Ihr wollt nicht? Nun wohl, so schaffen wir die Hansa wider euren Willen und ohne euch nach einer sicheren Stelle.

Wider meinen Willen, Herr Gouverneur?

Gewi, denn ich kann nicht zugeben, da diese ganze kostbare Ladung durch eure kurzsichtige Halsstarrigkeit zugrunde gehe, ohne irgend jemandem zu ntzen.

Das ist mein Untergang!

Er wr' es noch sicherer, wenn wir euch gewhren lieen, antwortete Hector Servadac achselzuckend, und nun geht meinetwegen zum Teufel!

Isaak Hakhabut kehrte nach seiner Tartane zurck, streckte die Arme gen Himmel und protestierte heulend gegen die unglaubliche Habgier der schlechten Menschen.

Am 20. Mrz erreichten die letzten Arbeiten auf der Insel Gourbi ihr Ende. Man brauchte nur noch abzureisen. Das Thermometer war allmhlich auf acht Grad unter Null gesunken. In der Zisterne verblieb kein Tropfen flssigen Wassers mehr. Es ward demnach beschlossen, da sich am folgenden Tage alle auf der Dobryna einschiffen und die Insel verlassen sollten, um im Nina-Bau eine Zuflucht zu suchen. Ebenso kam man berein, die Tartane, trotz der wiederholten Proteste ihres Eigentmers, dahin berzufhren. Leutnant Prokop hatte ausdrcklich erklrt, die Hansa werde bei weiterem Verweilen im Hafen des Cheliff dem Drucke des Eises hinreichenden Widerstand nicht bieten knnen und folglich zugrunde gehen. In jener Bucht von Warm-Land werde sie besser geschtzt liegen, und jedenfalls, selbst wenn ihr der Untergang drohe, werde man mindestens ihre Ladung zu bergen im Stande sein.

Bald nachdem die Golette also die Anker gelichtet, bewegte sich auch die Hansa trotz der Wehklagen und Proteste Isaak Hakhabuts vorwrts. Vier russische Matrosen nahmen auf dem Schiffe Platz, das nach Entfaltung seines Gromarssegels, ein schwimmender Kramladen, wie Ben-Zouf sagte, sich nach Sden wandte.

Die fortwhrenden Schimpfereien des Juden whrend der berfahrt, seine ewige Wiederholung, da man wider seinen Willen handle, da er gar niemanden brauche und keinerlei Hilfe verlangt habe, lassen sich hier gar nicht wiedergeben. Er weinte, er klagte und wimmerte - wenigstens mit dem Munde -, denn er konnte es nicht unterdrcken, da seine kleinen grauen Augen dann und wann Blitze schleuderten durch die heuchlerischen Trnen. Als er aber nach drei Stunden in der Bucht von Warm-Land wohl befestigt lag und sich und seine Ladung in Sicherheit wute, da htte jeder, der in seine Nhe kam, erstaunen mssen ber die unzweideutige Befriedigung, die aus seinen Blicken sprach, und bei schrferer Aufmerksamkeit htte er ihn murmeln hren knnen:

Umsonst! Gott, der Gerechte! ber die Schwachkpfe! Sie haben mich umsonst hierher gelotst.

In diesen Worten offenbarte sich der ganze Charakter dieses Menschen. Umsonst! Man hatte ihm einen Dienst umsonst erwiesen.

Die Insel Gourbi war nun von Menschen endgltig verlassen. Nichts verblieb mehr auf diesem letzten Reste einer ehemaligen Kolonie Frankreichs, auer dem Wild und Geflgel, das den Nachstellungen der Jger noch entgangen und durch die zu erwartende Klte dem baldigen Untergange verfallen war. Nachdem die Vgel irgendein anderes, ihnen gnstigeres Land in der Ferne gesucht hatten, waren sie zur Insel zurckgekehrt, ein Beweis, da nirgends ein anderes Gebiet existierte, das sie htte ernhren knnen.

An genanntem Tage nahmen Kapitn Servadac und seine Gefhrten von ihrer neuen Wohnsttte feierlich Besitz. Die innere Einrichtung des Nina-Baues fand allgemeinen Beifall, und jeder wnschte sich Glck, ein so bequemes und vorzglich so angenehm durchwrmtes Unterkommen gefunden zu haben. Nur Isaak Hakhabut teilte die Befriedigung der brigen nicht. Er weigerte sich sogar, berhaupt in die Gnge des Bergstockes mit einzutreten, und verblieb an Bord seiner Tartane.

Er frchtet ohne Zweifel, Mietzins zahlen zu sollen, sagte Ben-Zouf. Doch immerhin. Bald wird er ins Winterlager getrieben werden, der alte Fuchs; die Klte wird ihm schon sein Loch verleiden!

Gegen Abend wurden die Kessel eingehngt, und bald versammelte eine gute Mahlzeit, deren Gerichte ber vulkanischem Feuer bereitet waren, die ganze kleine Welt in einem groen Saale. Mehrere Toaste, zu denen die Vorrte der Dobryna an franzsischen Weinen den ntigen Stoff lieferten, wurden dabei dem Generalgouverneur und seinem Verwaltungsrate ausgebracht. Ben-Zouf bezog natrlich ein gut Teil davon auf seine Person.

Es ging sehr lustig zu. Die Spanier vorzglich wurden geradezu ausgelassen. Der eine holte die Gitarre hervor, ein anderer die Kastagnetten, und alle begannen im Chore zu singen. Ben-Zouf seinerseits gab das in der ganzen franzsischen Armee so bekannte Lied des Zuaven zum besten, dessen Reiz freilich nur der zu schtzen wei, der es von einem Virituosen, wie die Ordonnanz des Kapitn Servadac, vortragen hrte. Es lautete brigens:

Misti goth dar dar tire lyre!
Flic! floc! flac! lirette, lira!
Far la rira,
Tour tala rire,
Tour la Ribaud,
Ricandeau,
Sans repos, rpit, rpit repos, ripette!
Si vous attrapez mon refrain,
Fameux vous tes. Deutsch nicht wiederzugeben, da der grte Teil aus sinnlosen Silben besteht. - Anm. d. bers.

Dann ward ein Ball improvisiert, gewi der erste auf der Gallia. Die russischen Matrosen versuchten sich in einigen vaterlndischen Tnzen, denen alle, selbst nach den bezaubernden Fandangos der Spanier, reichen Beifall zollten. Ben-Zouf exekutierte eine im Elysium des Montmartre sehr beliebte Tanzpiece mit solchem Geschicke und solcher Ausdauer, da der liebenswrdige Choreograph die ernsthaftesten Komplimente Negretes erntete.

Um neun Uhr ging dieses Einzugsfest zu Ende. Jeder fhlte das Bedrfnis, frische Luft zu schpfen, denn durch die Tnze und die schon vorher herrschende Temperatur war es im groen Saale etwas gar zu warm geworden.

Ben-Zouf ging den anderen voraus durch jenen Hauptgang, der an der Kste von Warm-Land auslief. Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop folgten ihm langsameren Schrittes, als wiederholte Ausrufe von auerhalb sie zu grerer Eile antrieben. Sie hrten indessen, da jene keine Ausrufe des Schreckens waren, sondern ein Freudengeschrei mit Hurras, welche in dieser trockenen und reinen Atmosphre laut widerhallten.

Als Kapitn Servadac mit seinen beiden Begleitern den Ausgang der Galerie erreichte, sahen sie die anderen alle auf dem Felsen zusammenstehen. Ben-Zouf wies mit der Hand gen Himmel und schien ganz auer sich zu sein.

Ah, Herr Generalgouverneur! Hier, gndiger Herr! rief er mit nicht wiederzugebender freudig erregter Stimme.

Nun, was gibt es? fragte Kapitn Servadac.

Dort, dort, der Mond! erwiderte Ben-Zouf.

In der Tat, da stieg der Mond auf aus den Nebeldnsten der Nacht und go sein Licht zum ersten Male ber die erstaunten Bewohner der Gallia.

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Welches mit einem kleinen Experimente aus der unterhaltenden Physik endigt.

Der Mond! Doch wenn das der Mond war, warum war er so lange verschwunden? Und wenn er jetzt zurckkehrte, woher kam er? Bisher hatte noch kein Satellit der Gallia auf ihrer Bahn um die Sonne das Geleite gegeben. Verlie die ungetreue Diana jetzt etwa gar die Erde, um bei dem neuen Gestirn in Dienst zu treten?

Nein, das ist unmglich, meinte Leutnant Prokop. Die Erde steht mehrere Millionen Meilen von uns entfernt und ihr Mond gravitiert um sie gewi noch ganz so wie frher.

Ja, darber wissen wir nichts, bemerkte Kapitn Servadac. Warum sollte der Mond nicht in letzterer Zeit in den Attraktionsbereich der Gallia gekommen und deren Satellit geworden sein?

Er mte sich dann an unserem Horizonte schon gezeigt haben, mischte sich Graf Timascheff in das Gesprch, und wir htten nicht erst drei Monate zu warten gebraucht, um ihn wieder zu Gesicht zu bekommen.

Meiner Treu, antwortete Kapitn Servadac, es ist ja alles, was uns widerfuhr, gar so merkwrdig und sonderbar.

Herr Kapitn, erwiderte Leutnant Prokop, die Hypothese, da die Attraktion der Gallia mchtig genug wre, um die Erde ihres Satelliten zu berauben, ist absolut unzulssig.

Zugegeben, Leutnant, entgegnete Hector Servadac. Wer verbrgt Ihnen aber, da dasselbe Ereignis, welches uns von der Erde ablste, nicht gleichzeitig auch den Mond mit fortri? Nach monatelangem Durchirren der Sonnenwelt sucht er sich nun an uns anzuschlieen.

Nein, Herr Kapitn, gewi nicht, versicherte Leutnant Prokop, und zwar aus einem ganz unwiderlegbaren Grunde.

Und der wre?

Der, da die Masse der Gallia eine weit geringere ist als die des Erdtrabanten. Infolgedessen mte die Gallia eher dessen Mond werden, jener aber niemals der unsere.

Ich stimme Ihnen gerne zu, Leutnant, sagte Hector Servadac, wer aber vermag den Beweis zu fhren, da wir nicht wirklich den Mond des Mondes bewohnen und nur den Erdsatelliten auf einer neuen, ihm innerhalb der Planetenwelt zugewiesenen Bahn begleiten?

Verlangen Sie von mir ernstlich eine Widerlegung dieser neuen Hypothese? fragte Leutnant Prokop.

Nein, erwiderte Kapitn Servadac lachend, denn es ist ja einleuchtend, da unser Asteroid als Unter-Satellit nicht wohl drei Monate ntig haben knne, um etwa einen Halbkreis um die nicht erleuchtete Oberflche des Mondes zu beschreiben, und letztere mte uns seit der allgemeinen Katastrophe wohl schon mehr als einmal erschienen sein.

Whrend der Dauer dieser Unterhaltung stieg der Satellit der Gallia - mochte es nun ein Gestirn sein, welches es wollte - schnell am Horizonte empor, wodurch das letzte Argument des Kapitn Servadac eine unmittelbare Besttigung fand. Man konnte jenen jetzt bequem beobachten. Schnell wurden die Fernrohre zur Stelle geschafft, und sehr bald berzeugte man sich, da man hier die alte Phbe der irdischen Nchte bestimmt nicht vor sich habe.

Obwohl dieser Satellit nmlich der Gallia weit nher zu stehen schien, als der Mond jemals der Erde steht, so war er doch offenbar nur sehr klein, und mochte nur den zehnten Teil der Erdenmond-Oberflche besitzen. Hier hatte man also nur einen sehr verkleinerten Mond vor sich, der das Licht der Sonne nur sehr schwach widerstrahlte und damit kaum dasjenige der Sterne achter Gre verdunkelt htte. Er war brigens im Westen, der augenblicklichen Stellung der Sonne gerade entgegengesetzt, aufgegangen, mute jetzt also voll sein. Eine Verwechselung mit dem Monde war ganz unmglich, Kapitn Servadac berzeugte sich bald von dem Nichtvorhandensein jener sogenannten Meere, Rillen, Krater, Berge und aller anderen Einzelheiten, welche man auf den selenographischen Karten so deutlich sieht. Das war nicht das freundliche Gesicht der Schwester Apollos, die nach dem einen jung und schn, nach anderen alt und runzelig, die sublunarischen Sterblichen seit unzhlbaren Jahrhunderten schon ruhigen Blickes beobachtet.

Hier handelt es sich also um einen ihnen eigentmlichen Mond, wahrscheinlich, wie Graf Timascheff uerte, um irgendeinen der Asteroiden, den die Gallia bei ihrem Laufe durch die Zone der teleskopischen Planeten an sich gezogen hatte. Ob das freilich wirklich einer der jenerzeit katalogisierten hundertneunundsechzig kleinen Planeten war, konnte natrlich niemand wissen, vielleicht gab die Zukunft hierber Aufklrung. Es gibt in der Tat solche Asteroiden von so geringem Umfange, da ein guter Fugnger binnen vierundzwanzig Stunden um sie herum gelangen knnte. Ihre Masse erreichte in diesem Falle noch lange nicht die der Gallia, deren Attraktionskraft demnach hingereicht haben wrde, einen dieser Miniatur-Mikrokosmen an sich zu fesseln.

Die erste im Nina-Bau verbrachte Nacht verlief ohne Zwischenfall. Am anderen Tage wurde das gemeinsame Leben endgltig organisiert. Monseigneur, der Generalgouverneur, wie Ben-Zouf sich emphatisch ausdrckte, duldete keinen Miggang, den Hector Servadac wirklich seiner Folgen wegen vor allem frchtete. Man regelte also die tgliche Beschftigung mit mglichster Sorgsamkeit, da es an Arbeit ja nicht fehlte. Einen groen Teil derselben nahm die Sorge fr die Haustiere in Anspruch. Die Zubereitung konservierbarer Nahrungsmittel, der Fischfang, solange ihn das offene Wasser noch gestattete, die bessere Einrichtung der Galerien, welche der Bequemlichkeit halber an manchen Stellen erweitert wurden, endlich tausenderlei unvorhergesehene Abhaltungen lieen die Armee niemals feiern.

Wir fgen hierbei ein, da in der kleinen Kolonie das vollkommenste Einvernehmen herrschte. Russen und Spanier fanden sich ineinander und begannen schon einige franzsische Worte, die offizielle Sprache auf der Gallia, zu benutzen.

Pablo und Nina wurden die Schler des Kapitn Servadac, der sie eifrig unterrichtete, whrend es Ben-Zouf oblag, fr ihre Zerstreuung zu sorgen. Die Ordonnanz lehrte sie nicht nur franzsisch, sondern, was noch weit mehr sagen will, parisisch sprechen. Er versprach ihnen auch, sie dereinst nach einer am Fue eines Berges erbauten Stadt zu fhren, die in der Welt nicht ihresgleichen habe und von der er die verlockendsten Schilderungen entwarf. Der Leser errt, welche Stadt der enthusiastische Lehrmeister im Sinne hatte.

Damals wurde auch eine gewisse Etiketten-Frage gelst.

Man erinnert sich, da Ben-Zouf seinen Herrn als Generalgouverneur der Kolonie vorgestellt hatte. Er begngte sich aber nicht, ihm diesen Titel zu oktroyieren, sondern er nannte ihn bei jeder Gelegenheit auch noch Monseigneur. Hector Servadac berhrte das endlich unangenehm, so da er seiner Ordonnanz aufgab, ihm diesen Ehrentitel nicht ferner beizulegen.

Aber, Monseigneur? ... antwortete unverdrossen Ben-Zouf.

Wirst du schweigen, Kerl.

Ja, Monseigneur!

Da sich Hector Servadac gegen Ben-Zoufs Trotzkpfigkeit nicht anders zu helfen wute, nahm er ihn eines Tages beiseite und sagte:

Wirst du endlich aufhren, mich Monseigneur zu nennen?

Ganz wie es Ihnen beliebt, Monseigneur, antwortete Ben-Zouf.

Weit du Querkopf denn, was du tust, wenn du mich so nennst?

Nein, Monseigneur.

Kennst du nicht die Bedeutung dieses Wortes, das du, wie es scheint, ohne Verstand im Munde fhrst?

Nein, Monseigneur.

Nun, dieses heit im Lateinischen soviel wie: 'Mein Alter', und du verletzest den Respekt gegen deinen Vorgesetzten, wenn du mich 'Mein Alter' nennst.

Seit dieser kleinen Lektion verschwand wirklich der Titel Monseigneur aus Ben-Zoufs Wortschatze.

Die erwartete strenge Klte war mit der zweiten Hlfte des Mrz noch nicht eingetreten, so da Hector Servadac und seine Gefhrten sich auch noch nicht von der Auenwelt abzuschlieen brauchten. Man unternahm sogar einige Ausflge lngs des Ufers und ber den neuen Kontinent, wodurch man sich ber das Gebiet im Umkreise von fnf bis sechs Kilometer nhere Kenntnis verschaffte. berall aber bestand Warm-Land aus einer Felsenwste ohne jede Spur von Vegetation. Da und dort deuteten einige gefrorene kleine Wasserlufe oder mit Schnee bedeckte Stellen das Vorhandensein des flssigen Elementes auf seiner Oberflche an. Wie lange Zeit mute aber der Niederschlag atmosphrischer Dnste fortdauern, bevor diese in Gestalt eines Flusses sich ein Bett in diesem steinigen Boden auszuhhlen und ihre Wellen nach dem Meere zu entsenden im Stande sein wrden! Bildete diese ganze, von den Gallia-Bewohnern Warm-Land genannte, homogene Masse berhaupt einen Kontinent, nur eine Insel, reichte sie vielleicht bis zum Sdpole hinab? Wer htte das entscheiden mgen, da eine Expedition ber die metallischen Kristallisationen rein unmglich erschien!

Kapitn Servadac und Graf Timascheff gelangten indes eines Tages dazu, sich eine allgemeine Vorstellung ihrer Umgebungen zu verschaffen, als sie dieselben vom Gipfel des Vulkanes aus beobachteten. Dieser Berg erhob sich bekanntlich am Ende des Vorgebirges von Warm-Land und ma etwa neunhundert Meter ber dem Meere. Er stellte einen enormen, sehr regelmigen und in der Form eines abgestumpften Kegels erscheinenden Block dar. An dem stumpfen Gipfel ghnte der enge Krater, durch den die Eruptionsmassen ausflossen, welche fortwhrend ein Riesenhelmbusch von Dunstwolken krnte.

Nach der alten Erde versetzt, htte man diesen Vulkan gewi nur mit grter Mhe besteigen knnen. Seine steilen Abhnge und schlpfrig glatten schiefen Ebenen waren dazu angetan, auch die tollkhnsten Bergsteiger abzuschrecken. Jedenfalls wre ein solcher Versuch mit den grten Schwierigkeiten verknpft gewesen, ohne die Erreichung des letzten Zieles zu gewhrleisten. Hier dagegen verrichteten Hector Servadac und Graf Timascheff, dank der bedeutenden Verminderung der Schwere und der daraus resultierenden, relativen Zunahme ihrer Muskelkraft, wahrhafte Wunder von Gewandtheit und Kraft. Eine Gemse htte nicht behender von einem Felsstcke zum anderen springen, ein Vogel nicht sicherer als sie auf dem schmalen Kamme des Abgrundes dahingehen knnen. Kaum eine Stunde brauchten sie, um den Niveau-Unterschied von etwa dreitausend Fu zwischen dem Fu und dem Gipfel des Berges zu berwinden. Am Krater angelangt, fhlten sie sich nicht mehr ermdet, als wren sie unter anderen Verhltnissen einen Kilometer weit gegangen. Offenbar bot das Bewohnen der Gallia neben verschiedenen Unbequemlichkeiten doch auch manches Angenehme.

Von der Hhe des Berges vermochten die beiden Beobachter mittels Fernrohres zu erkennen, da das uere Ansehen des Asteroiden sich berall gleich blieb. Nach Norden zu dehnte sich das groe Gallia-Meer mit spiegelglatter Ebene aus, denn der Wind schwieg vollstndig, als ob die Luftgase durch die Klte der hheren Schichten erstarrt wren. Ein kleiner, leicht durch den Nebel der Ferne schimmernder Punkt bezeichnete die Stelle der Insel Gourbi. Nach Osten und Westen zu erstreckte sich die wie immer leere, schweigsame Wasserflche.

Gegen Sden endlich verlor sich Warm-Land hinter den Grenzen des Horizontes. Dieser Auslufer des Kontinentes schien ein groes Dreieck zu bilden, dessen eine Spitze der Vulkan einnahm, whrend die gegenberliegende Basis unsichtbar blieb. Von dieser alle kleinen Unebenheiten ausgleichenden Hhe aus zeigte es sich recht deutlich, da dieses unbekannte Hinterland so gut wie ganz unwegsam war. Die Millionen schroff aufstrebender hexagonaler Lamellen htten das Vorwrtskommen selbst eines einzelnen Fugngers gewi unmglich gemacht.

Einen Ballon oder Flgel! rief Kapitn Servadac, eines oder das andere brauchen wir, um dieses Territorium nher in Augenschein zu nehmen. Zum Kuckuck! Wir wandeln hier wahrhaftig auf einem nicht minder merkwrdigen chemischen Produkte, als die, welche man in Museen unter Glasglocken aufzubewahren pflegt.

Bemerken Sie auch, sagte Graf Timascheff, wie die Konvexitt der Gallia hier weit augenflliger erscheint und wie kurz infolgedessen die Entfernung zwischen uns und dem Horizonte ist?

Gewi, Graf Timascheff, antwortete Hector Servadac. Es ist dieselbe Erscheinung, nur in verstrktem Mae, welche mir schon von den hheren Uferfelsen aus auffiel. Fr einen Beobachter, dessen Standpunkt sich etwa tausend Meter ber der alten Erdoberflche befnde, wrde sich der Horizont erst in weit grerer Ferne abschlieen.

Unsere Gallia ist doch im Vergleich mit dem Erdsphroid ein recht winziges Kgelchen, bemerkte Graf Timascheff.

Ganz sicher, und dennoch reicht sie fr ihre tatschliche Bevlkerung vollkommen aus, trotzdem, da der fruchtbare Teil derselben sich auf die dreihundertfnfzig Hektar kultivierten Landes auf der Insel Gourbi beschrnkt.

Jawohl, Kapitn, fruchtbar whrend zwei oder drei Sommermonaten und unfruchtbar whrend einer mehrtausendjhrigen Winterzeit!

Was klagen Sie? fragte Hector Servadac lchelnd. Es hat uns keiner vor unserer Einschiffung auf der Gallia um Rat gefragt, und wir werden wohl am besten tun, als Philosophen die Verhltnisse zu nehmen wie sie sind.

Nicht allein als Philosophen, Kapitn, sondern auch als Dankverpflichtete gegen den, dessen Hand die Lava dieses Vulkanes entzndete. Ohne diesen Feuerausbruch wrden wir auf der Gallia gewi sehr bald dem Tode des Erfrierens verfallen.

Und ich hege die feste Hoffnung, Graf Timascheff, da diese Feuer nicht verlschen werden vor dem Ende ...

Welchem Ende, Kapitn?

Vor dem, das Gott gefllt! Er, nur er allein kennt es ja!

Kapitn Servadac und Graf Timascheff schickten sich nach einem letzten Blicke ber das Land und das Meer zur Rckkehr an. Vorher schenkten sie nur dem Krater des Vulkanes noch ihre besondere Aufmerksamkeit. Sie berzeugten sich dabei zunchst, da die ganze Eruption in wahrhaft merkwrdiger Ruhe vor sich ging. Es begleitete sie kein regelloses Krachen, kein betubender Donner, der sonst gewhnlich den Auswurf vulkanischer Massen kennzeichnet. Diese relative Ruhe mute ihnen notwendigerweise auffallen. Die Lava schien nicht einmal im Sieden zu sein. Diese feurig-flssigen Massen stiegen im Krater in gleichmiger Bewegung in die Hhe und flossen ganz ruhig ab wie ein friedlicher See, der seinen Wasserberflu durch eine Schleuse abgibt. Der Krater glich - man verzeihe diesen Vergleich - nicht einem ber hellem Feuer stehenden Kessel, dessen Wasser in wirbelnder Bewegung ist, sondern weit eher einer bis zum Rande gefllten Cuvette, die sich ohne Gewalt und Gerusch entleert. Auer dieser Lava beobachtete man auch keinerlei andere Eruptionsmassen, kein Emporschleudern glhender Steine durch die Rauchwolkenkrone ber dem Gipfel des Berges, keine Aschenbestandteile unter jener, wodurch sich auch das gnzliche Fehlen von Bimssteinen, Obsidianen und andren plutonischen Erzeugnissen, welche sonst die Umgebung der Vulkane zu bedecken pflegen, hinlnglich erklrte. Ebenso sah man auch nirgends einen sogenannten erratischen Block, da es auf dem Berge bis jetzt noch zu einer Gletscherbildung nicht gekommen war.

Diese Eigentmlichkeit erschien Kapitn Servadac, wie er sagte, von guter Vorbedeutung und lie eine unbegrenzte Dauer der vulkanischen Eruption vermuten. Nach moralischen und physischen Gesetzen fehlt nur der Heftigkeit die Ausdauer. Die heftigsten Strme, ebenso wie der blinde Jhzorn, whren niemals lange. Hier quoll dieser Feuerstrom mit solcher Regelmigkeit empor und flo mit solcher Ruhe ab, da man eine so gut wie unerschpfliche Quelle desselben annehmen mute. Beim Anblicke der Niagaraflle, deren oberes Wasser so friedlich in seinem Trappsteinbette gleitet, kommt uns nie der Gedanke, da sie jemals ein Ende haben knnten. Am Gipfel dieses Vulkanes hatte man dieselbe Empfindung und wrde der Behauptung, da die Lava nicht in Ewigkeit aus diesem Krater flieen knnte, gewi ohne Bedenken widersprochen haben.

An diesem Tage trat auch eine Vernderung im physischen Zustande eines der Elemente der Gallia ein; wir bemerken aber im voraus, da die Bewohner des Asteroiden jene selbst herbeifhrten.

Nach vollendeter Einrichtung der ganzen Kolonie auf Warm-Land und der gnzlichen Rumung der Insel Gourbi, erschien es von Vorteil, die Erstarrung der Oberflche des Gallia-Meeres zu beschleunigen. Das Eis mute ja die Kommunikation mit der Insel erleichtern und den Jgern ein erweitertes Gebiet fr ihre Ausflge schaffen. Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Leutnant Prokop riefen also die ganze Bevlkerung nach einem Uferfelsen an der Spitze des Vorgebirges zusammen.

Trotz der sehr niedrigen Temperatur war das Meer noch eisfrei. Dieser Zustand rhrte von dessen vollkommener Ruhe her, da nicht der leiseste Windhauch seine Oberflche kruselte. Es ist aber bekannt, da das Wasser unter diesen Verhltnissen sich bis weit unter den Nullpunkt des Thermometers abkhlen kann, ohne zu gefrieren. Eine einzige schwache Erschtterung freilich gengt dann, um es sofort in Eiskristallen anschieen zu lassen.

Auch die kleine Nina und Pablo fehlten bei dieser Zusammenkunft nicht.

Wrdest du, mein Schtzchen, fragte Kapitn Servadac, wohl ein Stckchen Eis bis ins Meer werfen knnen?

Ei freilich, antwortete das Kind, mein Freund Pablo wrde es aber wohl weiter zu werfen vermgen.

Versuch es nur erst selbst, fuhr Hector Servadac fort, indem er ein kleines Eisstckchen in Ninas Hnde legte.

Dann setzte er hinzu:

Gib wohl acht, Pablo! Du wirst jetzt sehen, welch mchtige Zauberin unsere kleine Nina ist!

Nina schwenkte einige Male den Arm und schleuderte das Eisstck fort, welches richtig in das ruhige Wasser fiel...

Sofort entstand ein deutlich hrbares Knistern und Knirschen, das sich bis ber die Grenzen des Horizontes hinaus verbreitete...

Das Meer der Gallia erstarrte in seiner ganzen Ausdehnung!

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Welches von einem hochwichtigen Ereignis handelt, das die ganze Kolonie in Aufregung versetzt.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang erhob sich am 23. Mrz der Mond am entgegengesetzten Horizonte und zeigte sich den Blicken der Gallia-Bewohner schon im letzten Viertel.

Binnen vier Tagen war dieser Satellit also vom Syzigium nach der Quadratur vorgeschritten, woraus sich eine etwa eine Woche lang andauernde Periode der Sichtbarkeit desselben oder ein Mondwechsel nach je fnfzehn bis sechzehn Tagen ableiten lie. Fr die Gallia erschienen also die Mondmonate ebenso wie die Sonnentage auf die Hlfte verkrzt.

Drei Tage spter, am 26. Mrz, trat der Mond in Konjunktion zu der Sonne und entzog sich vorlufig der Beobachtung.

Wird er denn wieder erscheinen? fragte Ben-Zouf, der sich als dessen erster Entdecker sehr warm fr den Satelliten interessierte.

Und wahrlich, nach so zahlreichen kosmischen Erscheinungen, deren Ursache noch jeder Erklrung trotzte, durfte man diese Bemerkung Ben-Zoufs nicht fr eine ganz mige halten.

Bei ganz heiterem Himmel und sehr trockener Atmosphre sank das Thermometer am 26. bis auf zwlf Grad (C.) unter Null.

In welcher Entfernung von der Sonne mochte sich die Gallia jetzt befinden? Welchen Weg hatte sie wohl seit dem Datum zurckgelegt, welches das letzte aus dem Meere aufgefischte Dokument bezeichnete? Von den Gallia-Bewohnern htte es keiner zu sagen vermocht, denn die scheinbare, weitere Verkleinerung der Sonnenscheibe konnte nicht einmal einer annhernden Abschtzung als Unterlage dienen. Es war sehr bedauerlich, da der anonyme Gelehrte dem Meere nicht neuere Notizen mit den Resultaten seiner letzten Beobachtungen anvertraut hatte. Ganz vorzglich beklagte Kapitn Servadac, da diese eigentmliche Korrespondenz mit einem Landsmann - denn er blieb dabei, da jener ein solcher sei - nicht ferner stattfinden knne.

brigens, uerte er sich gegen seine Gefhrten, ist es recht gut mglich, da er seine Etuis- oder Bchsen-Briefsendungen auch weiter fortgesetzt hat, aber keine an der Insel Gourbi oder der Kste des Warm-Landes angelangt ist. Jetzt nach Erstarrung des Meeres schwindet uns jede Hoffnung, einen ferneren Brief von diesem Originale zu erhalten.

In der Tat war das Meer, wie der Leser wei, vollkommen zugefroren. Dieser solide Zustand trat damals an die Stelle des flssigen beim prchtigsten Wetter, als nicht der geringste Wind das Wasser des Gallia-Meeres bewegte. Infolge davon fror dessen Oberflche auch ganz glatt zu, wie die eines Sees oder des Bassins eines Schlittschuhlufer-Clubs. Keine Erhhung, keine Blase, kein Spalt zeigte sich hier. Es war eine reine, flecken- und fehlerlose Eisflche, welche sich ber Gesichtsweite hinaus erstreckte.

Welch gewaltiger Unterschied gegenber dem gewhnlichen Aussehen der erstarrten Polarmeere, vorzglich dicht vor einer Packeismauer! Da sieht man nichts als Eisberge, Spitzhgel, bereinander getrmte und ohne alle Untersttzung des Gleichgewichtes schwebend erhaltene Blcke. Die Eisfelder stellen in der Tat nichts anderes dar als eine Anhufung regellos durcheinandergeworfener Eisstcke; Trmmer, welche die strenge Klte fr eine Zeitlang in der wunderlichsten gegenseitigen Lage zusammenkittet; Eisberge mit leicht zerbrechlicher Basis, deren Gipfel die hchsten Masten der Walfischfahrer berragt.

In diesen arktischen und antarktischen Meeren ist nichts stabil, nichts unbeweglich; das Packeis ist eben nicht aus Bronze gegossen; ein Windsto, eine Temperaturvernderung erzeugen dort hufig sehr auffllige Vernderungen des ganzen Bildes. Das Ganze gleicht fast einer Reihenfolge feenhafter Dekorationen. Hier dagegen lag das Gallia-Meer bewegungslos in Fesseln und erschien noch ruhiger als im flssigen Zustande, wo seine Oberflche der Einwirkung des Windes unterlag. Die endlose weie Flche war ebener als die Plateaus der Sahara oder die Steppen Rulands - gewi wenigstens fr sehr lange Zeit. ber diesen gleichsam gefangenen Meeresfluten verstrkte sich der Eispanzer mit der zunehmenden Klte und mute seine Festigkeit bewahren bis zum Tauwetter - wenn ein solches jemals wieder eintrat.

Die Russen waren den Anblick der gefrorenen nrdlichen Meere gewhnt, welche sich als sehr unregelmig kristallisierte Flchen darstellen. Sie betrachteten dieses, einem Binnensee gleich ebene Gallia-Meer also mit groer Verwunderung, aber auch mit groer Befriedigung, denn die vollkommen glatte Eisflche lud ja geradezu zum Schlittschuhlaufen ein. Die Dobryna besa auch ein ganzes Sortiment Schlittschuhe, welche den Liebhabern dieses Vergngens zur Verfgung gestellt wurden. Solche Liebhaber lieen nicht auf sich warten. Die Russen unterrichteten die Spanier, und bei diesen schnen Tagen mit zwar lebhafter, aber doch ertrglicher Klte gab es auf der Gallia bald niemanden mehr, der sich nicht in der Ausfhrung der elegantesten Kurven bte. Die kleine Nina und der junge Pablo vollbrachten wahre Wunderwerke und wurden mit herzlichen Bravos berschttet. Der zu jeder gymnastischen bung geschickte Kapitn Servadac tat es bald seinem Lehrmeister, dem Grafen Timascheff, gleich, und auch Ben-Zouf machte Fortschritte, freilich war er schon mehrmals auf dem groen Bassin des Montmartre-Platzes - und das gab einem Meere nichts nach - Schlittschuh gelaufen.

Diese an und fr sich sehr heilsame Krperbung gewhrte den Bewohnern von Warm-Land gleichzeitig eine ntzliche Zerstreuung. Im Falle der Not konnte man sich ihrer als schnellen Befrderungsmittels bedienen. Wirklich legte Leutnant Prokop, allerdings der anerkannt vorzglichste Schlittschulufer von allen, die Strecke von Warm-Land bis zur Insel Gourbi, d. h. zehn Lieues oder sechs Meilen, mehrmals binnen zwei Stunden zurck.

Das wird auf der Gallia also die Stelle der Eisenbahnen unserer alten Welt einnehmen, sagte Kapitn Servadac. brigens ist ja der Schlittschuh nichts als eine bewegliche, am Fue des Fahrenden befestigte Schiene.

Inzwischen fiel die Temperatur allmhlich weiter und erreichte im Mittel fnfzehn bis sechzehn Grad unter Null. Gleichzeitig mit der Wrme verminderte sich auch das Licht, so als ob die Sonnenscheibe stets von dem Monde, wie bei einer partiellen Finsternis, bedeckt wre. ber alle Gegenstnde war nur eine Art Zwielicht gegossen, was einen recht betrbenden Anblick gewhrte und moralisch so niederschlagend wirkte, da man alle Ursache hatte, dagegen anzukmpfen. Wie sollten auch die von der Erdkugel Verbannten nicht an ihre Verlassenheit denken, da sie frher mitten im Strome des Menschenlebens existiert hatten? Wie htten sie vergessen knnen, da die schon so viele Millionen Meilen von der Gallia wandelnde Erde sich weiter und weiter von ihnen entfernte? Durften sie annehmen, jene berhaupt einmal wiederzusehen, da dieser von ihr losgesprengte Block immer tiefer und tiefer in den interplanetarischen Weltraum eindrang? Jetzt sicherte sie sogar noch nichts davor, da sie einst aus der Sphre der Sonnenattraktion heraustreten und sich nach dem Zentrum der Anziehung einer anderen Sonne zu bewegen knnten.

Graf Timascheff, Leutnant Prokop und Kapitn Servadac waren brigens die einzigen Mitglieder der Gallia-Kolonie, welche sich eine solche Eventualitt vorstellen konnten. Ihre Begleiter dagegen durchschauten die Geheimnisse und Gefahren der Zukunft nicht so weit und standen, fast ohne jede klare Vorstellung davon, nur unter dem Einflusse einer in den Annalen des Sonnensystems bis jetzt unerhrten Lage. Man mute sich also entweder durch Arbeiten oder Vergngungen zu zerstreuen suchen, und so bot jene bung im Schlittschuhlaufen eine sehr glckliche Abwechslung gegen die Eintnigkeit der brigen tglichen Arbeiten.

Wenn wir sagten, da alle Bewohner von Warm-Land mehr oder weniger an jener gesundheitsfrdernden Leibesbung teilnahmen, so erleidet das doch eine Ausnahme bezglich Isaak Hakhabuts.

Trotz aller Rauheit der Temperatur war der Jude seit der Hierherfahrt von der Insel Gourbi noch nicht wieder zum Vorschein gekommen. Entsprechend Kapitn Servadacs Verbote, sich jedes Umganges mit ihm streng zu enthalten, hatte ihn auch niemand auf der Hansa aufgesucht. Eine dnne Rauchsule nur, welche aus dem Ofenrohre seiner Kabine aufstieg, verriet noch seine Anwesenheit an Bord. Es kostete ihn das freilich seinen eigenen Vorrat an Heizmaterial, so gering dieser auch war, whrend ihm doch im Nina-Bau die vulkanische Wrme umsonst zur Verfgung stand. Er scheute aber sogar diese erhhten Kosten nicht, um nur auf der Hansa bleiben zu knnen, statt das gemeinschaftliche Leben auerhalb der Tartane zu teilen. Wer htte whrend seiner Abwesenheit denn die kostbare Ladung berwacht?

brigens lagen die Tartane und die Golette so vorzglich, da sie auch der Unbill eines berlangen Winters widerstehen konnten. Leutnant Prokop hatte auf die Sicherung der Schiffe die grte Sorgfalt verwendet. Fest vertut in der geschtzten Bucht und jetzt von dem starren Eispanzer umklammert, waren sie beide vllig unbeweglich. Man hatte auch die Vorsicht gebraucht, das Eis neben und unter ihrem Rumpfe schrg abzuhacken, so da dieses nur am Kiel in direkter Verbindung stand, ein Verfahren, welches die berwinternden in arktischen Meeren stets einzuhalten pflegen. So sicherte man die Fahrzeuge vor der Pressung des Eises, die sie sonst leicht eindrckt. Hob sich das ganze Eisfeld, so muten Golette und Tartane mit emporsteigen, bei etwa eintretendem Tauwetter aber ebenso in ihre Schwimmlinie langsam zurcksinken.

Das Gallia-Meer war jetzt also in seiner ganzen Ausdehnung zugefroren, und hatte sich Leutnant Prokop gelegentlich seines letzten Besuches der Insel Gourbi auch berzeugen knnen, da auch nach Norden, Osten und Westen keine Grenzen des Eisfeldes zu sehen waren.

Eine einzige Stelle dieses ungeheuren Bassins blieb allein von dieser Erstarrung frei: Jener Teich, wenn man so sagen darf, am Fue der Hauptaushhlung, in den sich ununterbrochen der glhende Lavastrom ergo. Hier blieb das Wasser in seinem Felsenrahmen stets vollkommen offen und begannen sich da und dort unter dem Einflusse der strengen Klte ja einige Eisnadeln zu bilden, so verzehrte sie das Feuer doch im nchsten Augenblicke wieder. Das Wasser zischte und verflchtigte sich in Berhrung mit der Lava, und eine Art immerwhrenden Siedens hielt seine Molekle stets in wallender Bewegung. Dieser kleine Meeresteil htte den Fischern wohl gestattet, ihrer Kunst mit einigem Erfolge nachzugehen. Aber wie Ben-Zouf sagte, die Fische darin waren zu hart gesotten, um anzubeien!

Mit den ersten Tagen des April nderte sich die Witterung; der Himmel bedeckte sich, ohne da deshalb eine Steigerung der Temperatur stattfand. Der Thermometerfall stand hier eben nicht mit dem jeweiligen Zustande der Atmosphre in Verbindung, noch auch mit der greren oder geringeren Dunstmenge in derselben. Es verhielt sich mit der Gallia in der Tat nicht so, wie mit den Polarzonen der Erdkugel, welche notwendig unter dem Einflusse des Atmosphrenzustandes stehen und deren Winter infolge der von einem Kompapunkte zum anderen springenden Luftstrmungen doch gewisse Unterbrechungen aufweisen. Die Klte des neuen Sphroides vermochte keine fhlbaren thermometrischen Schwankungen zu veranlassen. Sie rhrte in der Hauptsache ja nur von ihrer Entfernung von der Quelle alles Lichtes und aller Wrme her und mute auch ferner zunehmen, bis sie die von Fourier als untere Temperaturgrenze des freien Weltraumes berechneten Grade erreichte.

Zu dieser Zeit entstand einmal auch ein wirklicher Sturm, ein Sturm zwar ohne Schnee oder Regen, whrend dessen Dauer aber der Wind mit fast unvergleichbarer Heftigkeit wtete. Als er sich auf die Feuermassen strzte, welche den Hauptsaal uerlich abschlossen, brachte er daselbst hchst merkwrdige Wirkungen hervor. Dabei mute man sich gegen die Lavateile, die er nach innen blies, sorgsam schtzen. Da er das Feuer verlschen sollte, daran war nicht im entferntesten zu denken. Im Gegenteil steigerte der Orkan dadurch, da er die Lava mit Sauerstoff sttigte, nur noch die Glut, etwa wie ein ungeheurer Ventilator. Manchmal wuchs der Druck des Windes so sehr an, da der flssige Vorhang einen Augenblick zerri und ein kalter Luftstrom in die Hhle eindrang; die Spalte schlo sich aber augenblicklich wieder, so da man diese durchgreifende Lufterneuerung eher fr gnstig als fr verderblich ansah.

Am 4. April begann der neuerdings erworbene Mond sich in Gestalt eines zarten Halbmondes wieder neben der Irradiation der Sonne abzuheben. Er tauchte also nach einer Periode von etwa acht Tagen wieder auf, ganz wie man es seiner schon beobachteten Bewegung nach vermutet hatte. Die mehr oder minder begrndete Befrchtung, ihn niemals wiederzusehen, ging also zu Ben-Zoufs besonderer Freude nicht in Erfllung, und der neue Satellit schien bestimmt, regelmig seine halbmonatliche Kreisbahn um die Gallia zu beschreiben.

Infolge des Verschwindens alles brigen kultivierten Erdbodens hatten sich, wie wir wissen, alle in der Atmosphre der Gallia mit entfhrten Vgel nach der Insel Gourbi geflchtet. Dort hatte der angebaute Boden zu ihrer Ernhrung whrend der schnen Tage wohl vollkommen hingereicht, und so sah man sie damals auch in Scharen von vielen Tausenden sich auf der Insel niederlassen.

Mit Eintritt der dauernden Klte aber bedeckten sich die Felder dort sehr bald mit Schnee, der an der Oberflche zu einer so harten Kruste zusammenfror, da sie auch der krftigste spitze Schnabel nicht mehr zu durchbrechen vermochte. Dieser Umstand veranlate wieder eine ganz allgemeine Auswanderung der Vgel, die sich nun, durch ihren Instinkt geleitet, Warm-Land zum Wohnsitz erkoren.

Dieser Kontinent hatte ihnen zwar auch keine Nahrung zu bieten, aber er war doch bewohnt. Statt die Menschen zu fliehen, suchten die Vgel sich diesen vielmehr zu nhern. Aller tglich auerhalb der Galerien abgelagerte Abfall verschwand augenblicklich, doch es htte ungeheurer Mengen desselben bedurft, um diese Tausende von Individuen jeder Art zu sttigen. Bald wagten sich, durch Klte und Hunger getrieben, einige hundert Stck Geflgel in den engen Tunnel und erwhlten sogar die inneren Rume des Nina-Baues zu ihrer Wohnung.

Man mute bei der Unertrglichkeit dieses Zustandes also wieder daran denken, auf jene Jagd zu machen. Es bot das wiederum eine Ablenkung von den tglichen Arbeiten, und die Jger der kleinen Kolonie gingen denn auch fleiig ans Werk. Die Anzahl dieser Vgel war eine so bedeutende, da ihr Einzug mehr einem massenhaften berfall von Feinden glich. Sie waren so verhungert und infolgedessen so gierig, da sie den Leuten, welche im groen Saale aen, fast die Fleischschnitten und Brotstckchen aus der Hand rissen. Man verfolgte sie nun mit Steinwrfen, Stockschlgen, selbst mit Flintenschssen, doch nur nach einer ganzen Reihe von Gefechten erreichte man es, sich dieser lstigen Gste wenigstens teilweise zu entledigen, whrend man einige Prchen zur Erhaltung der Rasse schonte.

Ben-Zouf spielte hierbei den Oberjgermeister. Oh, wie er sich da fhlte und wie er kommandierte! Wieviel Soldatenkraftworte verschwendete er gegen die armen Vgel! Und wieviele verzehrte man im Laufe einiger Tage von den ebaren Gattungen darunter, wie wilde und langgeschwnzte Enten, Rebhhner, Schnepfen, Bekassinen usw. Es schien sogar, als ob die Jger diesen Arten mit verdoppeltem Eifer nachstellten.

Nach und nach ward wieder Ordnung im Nina-Bau. Nur etwa hundert Eindringlinge nisteten noch in schwer zugnglichen Lchern des Felsens. Allmhlich betrachteten sich diese Eindringlinge als rechtmige Besitzer und verwehrten anderen selbst den Eingang. Es kam endlich scheinbar zu einem Waffenstillstand zwischen den um den Wohnsitz streitenden Teilen, und so berlie man durch schweigende bereinkunft den Hitzkpfen gern die Polizeiverwaltung der Bergwohnung. Und wie wuten sie diese zu handhaben! Jeder unglckliche Vogel, der sich gegen Recht und Privilegium in die Galerien verirrte, wurde von seinen unerbitterlichen Stammverwandten entweder fortgetrieben oder umgebracht.

Eines Tages, es war am 15. April, hrte man am Ausgange der Hauptgalerie Nina laut um Hilfe rufen.

Pablo erkannte ihre Stimme und berholte sogar Ben-Zouf, um seiner kleinen Freundin zu Hilfe zu eilen.

Komm! Komm schnell! rief Nina, sie werden mich tten!

Pablo sah, als er nahe genug war, etwa ein halbes Dutzend groer Seemwen das Mdchen wtend umflattern. Nur mit einem Stocke bewehrt, strzte er sich in den ungleichen Kampf, und es gelang ihm auch, die beutegierigen Seevgel zu verjagen, freilich nicht ohne da er einige empfindliche Schnabelhiebe davontrug.

Was hast du denn, Nina? fragte er.

Da sieh, Pablo! antwortet das kleine Mdchen, indem sie jenem einen Vogel wies, den sie zrtlich an die Brust drckte.

Ben-Zouf kam jetzt auch hinzu und nahm den Vogel aus den Hnden des Mdchens. Das ist ja eine Taube! rief er erfreut.

Es war in der Tat eine solche, und zwar eine Brieftaube, was ihre leicht bogenfrmig geschweiften und am Ende abgestumpften Flgel bewiesen.

Ah, rief pltzlich Ben-Zouf, bei allen Heiligen des Montmartre, sie trgt ein Beutelchen am Halse!

Bald darauf wurde die Taube Hector Servadac bergeben, und alle liefen in der gemeinschaftlichen Wohnung, neugierig und verwundert ber den unerwarteten Ankmmling, zusammen.

Da kommt ja Nachricht von unserem gelehrten Herrn, rief sogleich Hector Servadac. Nach geschlossener Schifffahrt benutzt er Vgel als Briefboten. Wenn er nur dieses Mal seinen Namen und seine Adresse angegeben htte!

Der kleine Beutel war bei dem Kampfe der Taube gegen die Seemwen etwas zerrissen worden. Bei dessen Erffnung fand man darin folgende kurze, lakonisch abgefate Notiz:

Gallia.
Zurckgelegter Weg vom 1. Mrz bis 1. April: 39 700 000 Lieues (22 1/3 Millionen Meilen).
Entfernung von der Sonne: 110 000 000 Lieues (66 Mill. Meilen).
Im Vorbergange Nerina entfhrt.
Lebensmittel gehen bald aus und ...

Der von den Schnbeln der Mwen zerrissene Rest der Depesche war nicht weiter lesbar.

Oh, verteufeltes Pech! rief Hector Servadac. Hier standen gewi noch Unterschrift, Datum und Ortsangabe! Heute ist auch der ganze Text in franzsischer Sprache abgefat, und gewi ist, der ihn schrieb, ein Franzose, und wir sind auerstande, ihm zu Hilfe zu kommen!

Graf Timascheff und Leutnant Prokop kehrten noch einmal nach dem Platze zurck, an dem die Vgel sich herumgebissen hatten, in der stillen Hoffnung, noch ein abgerissenes Papierstckchen, einen Namen, eine Unterschrift oder irgendeine Hindeutung zu finden, die ihnen auf die Spur des unbekannten Unglcklichen helfen knnte ... ihre Bemhungen waren umsonst.

Sollten wir denn niemals erfahren, wo sich dieser einzige berlebende von der alten Erde aufhlt? fragte Kapitn Servadac.

Ei, rief da pltzlich die kleine Nina, Freund Zouf, sieh einmal hier!

Mit diesen Worten zeigte sie Ben-Zouf die Taube hin, die sie immer sorgfltig in den Hnden hielt.

Auf dem linken Flgel des Vogels sah man sehr deutlich einen Farbenstempel-Abdruck, in welchem nur ein einziges Wort, aber gerade dasjenige, dem die hchste Bedeutung zukam, zu lesen war; es lautete: Formentera.

Vierundzwanzigstes Kapitel

In welchem dem Kapitn Servadac und Leutnant Prokop endlich die Lsung dieses kosmographischen Rtsels gelingt.

Formentera! riefen Graf Timascheff und Kapitn Servadac fast gleichzeitig aus.

Es war dies der Name einer kleinen Insel aus der Gruppe der Balearen im Mittellndischen Meere. Der Ort, an dem sich der Urheber jener wiederholt aufgefangenen Schriftstcke befand, ward hierdurch hinlnglich genau bezeichnet. Was trieb aber dieser Franzose daselbst und war er jetzt auch noch am Leben?

Von Formentera aus hatte jener Gelehrte offenbar die verschiedenen Notizen abgesandt, in welchen er nacheinander die Positionen des von ihm Gallia genannten Bruchstckes der Erde angab.

Jedenfalls bewies das von der Taube berbrachte Dokument durch sein Datum des 1. April, da jener vor vierzehn Tagen dort noch anwesend war. Die letzte Depesche unterschied sich von den frheren vor allem durch das Fehlen jedes Ausdrucks der Befriedigung des Verfassers. Sie schlo nicht mit Va bene,All right oder Nil desperandum!. Dagegen enthielt die nur in franzsischen Ausdrcken abgefate Depesche mehr einen Hilferuf, da auf Formentera die Lebensmittel auszugehen anfingen.

Diese Bemerkungen uerte Kapitn Servadac in kurzen Worten.

Meine Freunde, setzte er hinzu, wir werden diesem Unglcklichen natrlich sofort zu Hilfe eilen ...

Oder diesen Unglcklichen, verbesserte Graf Timascheff. Ich bin bereit, mit Ihnen aufzubrechen, Kapitn.

Ganz sicher ist die Dobryna, bemerkte Leutnant Prokop, nahe bei Formentera vorbergekommen, als wir nach der Balearengruppe suchten. Wenn wir dabei kein Land entdeckten, mag das daher rhren, da nur ein sehr beschrnktes Eiland, ganz wie in Gibraltar und Ceuta, von diesem Archipel briggeblieben ist.

Und wre es noch so klein, wir mssen es wiederfinden! entgegnete Kapitn Servadac. Wie weit mag es von Warm-Land bis Formentera sein, Leutnant Prokop?

Ungefhr hundertzwanzig Lieues (76 Meilen) Kapitn. Darf ich Sie aber fragen, wie Sie dahin gelangen wollen.

Nun, zu Fu natrlich, antwortete Hector Servadac, da das Meer nicht fahrbar ist; das heit, auf unseren Schlittschuhen! Nicht wahr, Graf Timascheff?

Reisen wir ab, Kapitn, sagte der Graf, der einer Frage der Humanitt gegenber niemals indifferent oder unentschlossen war.

Vater, fiel da Leutnant Prokop ein, ich mchte mir einen Einwurf erlauben, nicht um Sie an der Erfllung der Menschenpflicht zu hindern, sondern nur um deren Erfllung auch zu sichern.

Sprich, Prokop.

Kapitn Servadac und Sie wollen diese Reise wagen. Die Klte ist schon sehr streng geworden; das Thermometer zeigt zweiundzwanzig Grad unter Null, und diese Temperatur wird bei der herrschenden steifen Brise aus Sd nahezu unertrglich. Angenommen, Sie legten zwlf Meilen tglich zurck, so wren sechs Tage ntig, um Formentera zu erreichen. Dazu bedarf es eines Lebensmittelvorrates, nicht allein fr Sie selbst, sondern auch fr diejenigen, denen Sie zu Hilfe springen wollen ...

Wir reisen mit dem Futtersack auf dem Rcken, wie zwei echte Soldaten, erwiderte schnell Kapitn Servadac, der nur die Schwierigkeit, nicht aber die Unmglichkeit einer solchen waghalsigen Fahrt begriff.

Zugegeben, antwortete Leutnant Prokop sehr ruhig. Sie werden unterwegs aber notwendigerweise mehrmals ausruhen mssen. Das Eisfeld nun ist vllig eben; Sie werden keine Gelegenheit haben, etwa nach Art der Eskimos eine Htte in einem Eisberge herzustellen ...

Wir reisen Tag und Nacht weiter, Leutnant, entgegnete Hector Servadac, und statt sechs Tage brauchen wir nur drei, nur zwei, um Formentera zu erreichen.

Auch das mag sein, Kapitn Servadac. Ich will einmal - was brigens so gut wie unmglich ist - annehmen, Sie kmen in der kurzen Frist von zwei Tagen dort an. Was beginnen Sie mit den etwaigen Bewohnern des Eilandes, die vielleicht nahe daran sind, vor Hunger und Klte umzukommen? Wollten Sie diese sterbend mitnehmen, so drften Sie nur Leichname nach Warm-Land bringen.

Leutnant Prokops Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Unmglichkeit einer unter solchen Umstnden unternommenen Schlittschuhreise leuchtete endlich allen deutlich ein. Es lag auf der Hand, da Kapitn Servadac und Graf Timascheff, denen auf dem ungeheuren Eisfelde kein schtzendes Obdach winkte, zusammenbrechen wrden, um nie wieder aufzustehen, wenn sie nur ein Schneesturm berfiel und unter seinen Flockenwirbeln begrub.

Nur Hector Servadac, den ein bertriebenes Gefhl von Edelmut und der Gedanke an die Erfllung einer Pflicht verblendete, verschlo sich noch jeder Einsicht. Er widersetzte sich trotzig den khlen Vernunftgrnden des Leutnant Prokop. Sein getreuer Ben-Zouf untersttzte ihn eher noch darin, indem er sich bereit erklrte, mit dem Kapitn sofort seine Marschroute zu unterzeichnen, im Fall Graf Timascheff zgern sollte, mit abzureisen.

Nun, Herr Graf? fragte Hector Servadac.

Ich bin zu allem, was Sie beschlieen, bereit, Kapitn.

Wir knnen unseresgleichen unmglich ohne Lebensmittel, ohne Obdach lassen!

Nein, das drfen wir nicht, besttigte Graf Timascheff.

Dann wendete er sich gegen Prokop.

Gibt es kein anderes Mittel, Formentera zu erreichen, als das, welches du verwirfst, sagte er, so werden wir uns doch dieses einzigen bedienen, Prokop, und Gott wird uns seinen Beistand leihen!

In seine Gedanken vertieft, gab der Leutnant auf diese uerung des Grafen keine Antwort.

Oh, htten wir jetzt nur einen Schlitten! rief da Ben-Zouf.

Ein Schlitten wre wohl leicht genug herzustellen, antwortete Graf Timascheff, woher aber nehmen wir Hunde oder Rentiere zu seiner Bespannung?

Haben wir nicht unsere beiden Pferde, die man mit geeigneten Hufen fr das Eis versehen knnte? rief Ben-Zouf.

Sie wrden diese strenge Klte nicht aushalten und unterwegs strzen, erwiderte der Graf.

Einerlei, fiel Hector Servadac ein. Hier gilt kein Zaudern. Lat uns einen Schlitten bauen ...

Der wre schon vorhanden, bemerkte Leutnant Prokop.

Desto besser, so bespannen wir ihn ...

Nein, Kapitn. Wir besitzen einen weit verllicheren und schneller frdernden Motor als Ihre Pferde, welche den Strapazen einer solchen Fahrt nicht widerstehen wrden.

Und das wre?... fragte Graf Timascheff.

Nun, der Wind, belehrte ihn Leutnant Prokop.

Ja gewi, der Wind! Die Amerikaner verstehen schon seit langem, ihn fr ihre Segelschlitten mit groem Vorteil zu benutzen. In den endlosen Prrien der Union wetteifern diese Vehikel mit den Eilzgen der Eisenbahnen und erreichen manchmal eine Schnelligkeit von fnfzig Metern in der Sekunde oder hundertachtzig Kilometer (24 geogr. Meilen) in der Stunde. Eben jetzt wehte der Wind aus Sden recht frisch. Er konnte einem solchen Fahrzeuge wohl eine Schnelligkeit von sechs bis neun Meilen in der Stunde verleihen. Es erschien also mglich, in der Zeit zwischen zwei Sonnenaufgngen auf der Gallia die Balearen, oder richtiger das einzige Eiland zu erreichen, welches der allgemeinen Zerstrung entgangen war.

Der Motor also stand zum Arbeiten bereit. Gut, Prokop hatte aber gesagt, auch der Schlitten sei zur Abfahrt fertig. Und wahrlich, war nicht der gegen zwlf Fu lange und fnf bis sechs Personen fassende You-You (ein kleines Reserveboot) der Dobryna ein ganz ausgezeichneter Segelschlitten?

Gengte es nicht, diesem zwei falsche eiserne Kiele anzusetzen, welche ebenso die Seitenwnde sttzten, wie sie als Schlittschuheisen fr das Fahrzeug dienten? Wieviel Zeit brauchte der Mechaniker der Golette wohl, um diese beiden Kufen herzurichten? Hchstens wenige Stunden. Mute das leichte Boot ber das vollkommen ebene Eisfeld, das kein Hindernis, keine Erhhung, keine in schiefe Lage gedrngten Schollen zeigte, mit dem Wind im Rcken nicht unvergleichlich schnell dahinfliegen? Dabei konnte man den You-You auch noch mit einem Bretterdache versehen und dieses mit starkem Leinen bedecken. So versprach es nicht nur die zu schtzen, die es bei der Hinfahrt steuerten, sondern auch diejenigen, welche es bei der Rckfahrt mitbringen sollte. Ausgerstet mit Pelzen, verschiedenen Nahrungsmitteln und Herzstrkungen, sowie mit einem kleinen, tragbaren, mittels Spiritus zu heizenden Ofen mte es die gnstigsten Bedingungen vereinigen, um jenes Eiland zu erreichen und die berlebenden Bewohner Formenteras hierher zu fhren.

Etwas Besseres und Praktischeres war gar nicht zu ersinnen. Nur ein einziger Einwurf stand ihm entgegen.

Der Wind wehte jetzt gnstig, um nach Norden zu segeln, doch wenn es dann darauf ankme, nach Sden zu steuern ...

Das tut nichts, erklrte Kapitn Servadac, jetzt denken wir nur an die Hinfahrt! Wie wir zurckkehren, wird sich spter finden.

Vermochte der You-You nun auch nicht so scharf gegen den Wind zu segeln, wie ein vom Steuerruder regiertes Boot, und mute man auch annehmen, da er bei etwaigem Wechsel des Windes ein wenig abwiche, so erlaubten ihm seine in das Eis etwas einschneidenden Kufen doch, auch bei Seitenwind noch zu segeln. Selbst wenn der Wind also zur Zeit der Rckfahrt nicht umschlagen sollte, so war es mglich, gleichsam zu lavieren und auf diese Weise nach Sden vorwrts zu kommen. Doch davon konnte ja erst spter die Rede sein.

Der Mechaniker der Dobryna ging, von einigen Matrosen untersttzt, sofort ans Werk. Gegen Abend war der You-You, der mit einer doppelten Armatur am Vorderteile aufgebogenen Eisens, einem leichten Dache in Form eines Roof (Deckschlafsttte der Schiffsmannschaft) und mit einem langen eisernen Bootsriemen versehen war, der ihn mglichst vor zu groer Abtrift bewahren sollte, zur Abfahrt bereit. Es versteht sich, da man auch hinreichende Provision, Werkzeuge, Decken u. dgl. darin untergebracht hatte.

Jetzt meldete sich aber Leutnant Prokop, um an Graf Timascheffs Stelle neben Kapitn Servadac Platz zu nehmen. Einerseits durfte der You-You nur zwei Passagiere aufnehmen, wenn man etwa in die Lage kme, mehrere Personen mit sich zurckzufhren, andererseits verlangte die Handhabung des Segels und die Sicherung der einzuhaltenden Richtung die Hand- und Fachkenntnis eines Seemannes.

Graf Timascheff bestand zunchst zwar auf seinem Vorsatze, mute sich aber Kapitn Servadacs dringendem Ersuchen, fr ihn whrend seiner Abwesenheit als Stellvertreter zu fungieren, zuletzt doch fgen. Gewi war die Reise eine gewagte zu nennen. Den Passagieren des You-You drohten tausenderlei Gefahren. Schon einem migen Sturme konnte das schwache Gefhrt ja kaum standhalten, und sollte Kapitn Servadac vielleicht berhaupt nicht wiederkehren, so konnte nur Graf Timascheff der natrliche Chef der kleinen Kolonie sein. Er stimmte also endlich bei, zurckzubleiben. Seinen eigenen Platz hatte Kapitn Servadac ihm auch nicht abtreten wollen. Unzweifelhaft war der Hilfesuchende Franzose; ihm, als franzsischen Offizier, kam es also zu, jenem beizuspringen und zu helfen.

Am 16. April schifften sich, wenn dieser Ausdruck hier erlaubt ist, Kapitn Servadac und Leutnant Prokop mit Tagesanbruch auf dem You-You ein. Sie sagten ihren Gefhrten Lebewohl, deren Erregung nicht gering war, als sie die beiden fertig sahen, bei einer Klte von fnfundzwanzig Grad in die grenzenlose, weie Ebene hinauszugleiten.

Die russischen Matrosen und die Spanier, alle wollten dem Kapitn und dem Leutnant noch einmal die Hnde drcken. Graf Timascheff zog den edelmtigen Kapitn an seine Brust und umarmte seinen braven Prokop. Ein herzlicher Ku der kleinen Nina, deren groe Augen die hervorquellenden Trnen nur mhsam zurckhielten, beschlo diese rhrende Abschiedsszene. Einige Minuten spter war der You-You, den seine Segel wie ein groer, mchtiger Flgel pfeilschnell entfhrten, schon jenseits des Horizontes verschwunden.

Das Segelwerk des You-You bestand aus einer Brigantine und einem Klversegel. Diese wurden so eingestellt, um mit dem vollen Rckenwind fahren zu knnen. Die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeugs war eine ganz erstaunliche und schtzten sie dieselbe zu mindestens zwlf Lieues (etwas ber 7 geogr. Meilen) in der Stunde. Eine am hinteren Ende des Deckes ausgesparte ffnung gestattete Leutnant Prokop, den wohl verhllten Kopf nach auen zu stecken, ohne sich mehr als ntig der Klte auszusetzen, und mit Hilfe des Kompasses die gerade Linie nach Formentera einzuhalten.

Der You-You bewegte sich ungemein sanft vorwrts. Er zeigte nicht einmal jenes unangenehme Erzittern, welches man beim Fahren in den Waggons selbst der bestgebauten Eisenbahn empfindet. Leichter auf der Oberflche der Gallia, als er auf der der Erde gewesen wre, glitt der You-You ohne Rollen und Stampfen dahin und gleichzeitig zehnmal so schnell, als es in seinem gewhnlichen Elemente der Fall gewesen wre. Kapitn Servadac und Leutnant Prokop glaubten manchmal in die Luft gehoben zu sein und von einem Aerostaten oberhalb des Eisfeldes dahingefhrt zu werden. Und doch blieben sie stets auf dessen Flche, deren oberste Schicht die eiserne Armatur des Segelschlittens pulverisierte, so da eine endlose Wolke von Schneestaub hinter ihnen herzog.

Hier berzeugte man sich nur sehr bald davon, da das Aussehen dieses gefrorenen Meeres berall dasselbe war. Kein atmendes Wesen belebte diese Einde, die einen recht niederschlagenden Eindruck hervorbrachte. Dennoch fehlte dem meist eintnigen Bilde nicht ein gewisser poetischer Reiz, der auf beide Reisegefhrten je nach ihrem Charakter verschieden einwirkte. Leutnant Prokop beobachtete mehr als Mann der Wissenschaft, Kapitn Servadac als ein fr alles Neue empfnglicher Knstler. Als die Sonne dann zur Ruhe ging und ihre schrg auf den You-You fallenden Strahlen zur Linken desselben die langgezogenen Schatten seiner Segel zeichnete, und endlich die Nacht fast ohne Dmmerung den Tag verdrngte, da rckten die beiden Mnner, wie von einer unwiderstehlichen Kraft getrieben, nher zueinander und drckten sich verstndnisinnig die Hnde.

Da seit dem vorhergehenden Tage Neumond war, wurde die Nacht vollkommen dunkel, nur die Sternbilder leuchteten desto herrlicher an dem schwarzen Himmelsgewlbe. Beim Mangel eines Kompasses htte Leutnant Prokop sich ebenso leicht nach dem Polarsterne richten knnen, der sehr nahe dem Horizonte glnzte. Man begreift ja leicht, da, so gro auch die Entfernung zwischen Gallia und Sonne wurde, diese doch im Vergleich zu der unermebaren Entfernung der Fixsterne eine vllig verschwindende blieb.

Der jetzige Abstand der Gallia war schon ein sehr betrchtlicher. Die letztempfangene Notiz gab darber deutliche Auskunft. Hiermit beschftigen sich vor allem Leutnant Prokops Gedanken, whrend Kapitn Servadac, einem anderen Ideengange folgend, nur an den oder die seiner Landsleute dachte, welchen er zu Hilfe eilte.

Entsprechend dem zweiten Keplerschen Gesetze hatte sich die Geschwindigkeit der Gallia in ihrer Bahn vom 1. Mrz bis zum 1. April um zwanzig Millionen Lieues (= 12 Millionen Meilen) verringert. Ihr Abstand von der Sonne war in demselben Zeitraume um zweiunddreiig Millionen Lieues (= 19 1/5 Millionen Meilen) gewachsen. Sie befand sich demnach jetzt nahezu in der Mitte der teleskopischen Planeten, welche zwischen den Bahnen des Mars und des Jupiter kreisen. Hierdurch erklrte sich auch die Entfhrung jenes Satelliten, nach der letzten Nachricht, der Nerina, d. i. einer der erst jngst entdeckten Planetoiden.

Die Gallia entfernte sich also nach einem ganz bestimmten Gesetze immer weiter von ihrem Mittelpunkte der Anziehung. Konnte man wohl hoffen, da es dem Verfasser jener Dokumente gelingen werde, ihre Bahn zu berechnen und mit mathematischer Sicherheit den Zeitpunkt anzugeben, an dem der Asteroid sein Aphelium erreichen wrde, wenn er berhaupt eine elliptische Bahn beschrieb? Dieser Augenblick fiel dann mit dem grten Sonnenabstande zusammen, von da ab mute er sich dem Tagesgestirn wieder nhern. Dann lie sich sowohl die Dauer des Gallia-Jahres, als auch die Anzahl der Tage desselben genau berechnen.

Leutnant Prokop grbelte ber alle diese beunruhigenden Probleme, als ihn der pltzliche Tagesanbruch berraschte. Kapitn Servadac und er berieten sich. Da sie die seit ihrer Abfahrt in schnurgerader Linie zurckgelegte Entfernung auf mindestens sechzig Meilen schtzten, beschlossen sie, die Schnelligkeit des You-You zu vermindern. Die Segel wurden also etwas eingezogen und die beiden Mnner sandten, trotz der bitteren Klte, ihre Blicke, ruhig und sorgsam prfend, ber die weie Ebene.

Diese erwies sich noch immer vollkommen de. Nicht ein Berg oder Felsen unterbrach ihre tadellose Gleichfrmigkeit.

Befinden wir uns nicht etwa im Westen von Formentera? fragte Kapitn Servadac, nachdem er die einschlgige Karte gemustert.

Das mag sein, antwortete Leutnant Prokop, denn wie bei einer Seefahrt achtete ich auch jetzt darauf, mich unter dem Winde der Insel zu halten. Jetzt werden wir besser auf diese zusegeln knnen.

O tun sie es, Leutnant, drngte Kapitn Servadac, lassen Sie uns keine kostbare Minute verlieren!

Der Kurs des You-You wurde nach Nordosten verndert. Hector Servadac stand trotz des scharfen Windes immer auf dem Vorderteile. Alle seine Krfte konzentrierten sich in seinen Augen. Dabei suchte er in der Luft nicht etwa eine Rauchsule zu entdecken, die ihm den Zufluchtsort des unglcklichen Gelehrten verriete, dem es an Brennmaterial wahrscheinlich ebenso wie an Nahrungsmitteln fehlte. Nein! Er bemhte sich nur den Gipfel eines ber das Eisfeld emporragenden Eilandes aufzufinden, das die immer gerade Linie des Horizontes unterbrche.

Pltzlich leuchtete Kapitn Servadacs Auge auf und er wies mit der Hand hinaus in die Ferne.

Dort! Dort! rief er.

Er zeigte dabei nach einer Art Holzgerst, das sich von hier aus gesehen in der kreisfrmigen Verbindungslinie zwischen Himmel und Eisfeld erhob.

Leutnant Prokop ergriff das Fernrohr.

Ja wahrlich, sagte er, da ... da ... das ist ein Holzturm, der zum Zwecke irgendwelcher geodtischen Arbeiten errichtet erscheint.

Hier war kein Zweifel mglich. Die Segel wurden wieder vllig entfaltet und der You-You, der sich nur gegen sechs Kilometer von dem bezeichneten Punkte befand, scho mit wunderbarer Schnelligkeit darauf zu.

Kapitn Servadac und Leutnant Prokop vermochten, von ihren Gefhlen berwltigt, kein Wort zu sprechen. Das Holzgerst wuchs fr ihre Augen zusehends, und bald nahmen sie auch einen Haufen niedriger Felsen wahr, auf welchen jener Holzbau stand und die mit ihrem Fu die weie Ebene des Eisfeldes berhrten.

Wie es Kapitn Servadac vermutet, wirbelte hier keine Rauchsule empor. Angesichts dieser beraus strengen Klte schwand die Illusion. Sicher war es nur noch ein Grab, auf das der You-You mit vollen Segeln zueilte.

Zehn Minuten spter, etwa ein Kilometer vor dem Ziele, zog Leutnant Prokop die Brigantine ein, da die einmal erlangte Schnelligkeit des Fahrzeuges hinreichen mute, es bis nach den Felsen zu treiben.

Kapitn Servadac fhlte, wie die Beklommenheit seines Herzens unter der wachsenden Erwartung zunahm.

An der Spitze des Turmes flatterte im Winde ein Stck blaues Fahnentuch ... das letzte berbleibsel einer franzsischen Flagge.

Der You-You stie gegen die ersten Felsenstcke. Das Eiland hatte kaum einen halben Kilometer Umfang. Von Formentera, berhaupt von dem ganzen Archipel der Balearen, war keine weitere Spur zu sehen.

Am Fue jenes Turmes erhob sich auch eine unscheinbare, hlzerne Htte mit dicht geschlossenen Fensterlden.

Mit Blitzeseile schwangen sich Kapitn Servadac und Leutnant Prokop auf die Felsen, erklommen die glatten Steine und erreichten die Htte.

Mit wuchtigem Faustschlage donnerte Hector Servadac an ihre von innen verriegelte Tr.

Er rief. Keine Antwort.

Hierher, Leutnant! sagte Kapitn Servadac.

Beide stemmten die Schultern ein und hoben die halb wurmstichige Tr aus den Angeln.

In dem einzigen Rume der Htte herrschte tiefe Finsternis und vollstndige Ruhe.

Entweder hatte der letzte Inwohner das Gemach schon verlassen oder er war noch darin, aber - als Leiche.

Die Lden wurden aufgestoen; es ward hell in dem Zimmer.

Auf dem Kaminherde fand sich nichts, auer etwas lngst erkaltete Asche.

Da, in einer Ecke stand ein Bett; auf ihm lag ein menschlicher Krper.

Kapitn Servadac trat hinzu, und unwillkrlich entrang sich ein Schrei seinen Lippen.

Tot vor Klte! Tot vor Hunger! Leutnant Prokop beugte sich ber den Krper des Armen.

Er lebt noch! rief er.

Schnell entkorkte er ein Flschchen mit einer krftigen Herzstrkung und wute dem Sterbenden einige Tropfen derselben zwischen den Lippen einzuflen.

Da lie sich ein schwacher Seufzer vernehmen und bald darauf noch wenige kaum hrbar hingehauchte Worte.

Gallia?

Ja ... jawohl!... Gallia!... antwortete Kapitn Servadac, das ist ...

Das ist mein Komet, der meine, mein Komet!

Nach diesen Worten sank der Halbtote in tiefe Betubung zurck, whrend Kapitn Servadac murmelte:

Aber ich kenne doch diesen Mann! Wo in aller Welt bin ich ihm frher wohl begegnet?

An Hilfe und Rettung vom Tode war in dieser Htte, der es geradezu an allem fehlte, von Anfang an nicht zu denken. Hector Servadac und Leutnant Prokop kamen schnell zu einem Entschlusse. In wenigen Augenblicken wurde der Sterbende nebst seinen physikalischen und astronomischen Instrumenten, Kleidungsstcken, Bchern und einer alten Tr, die ihm als Rechentafel gedient hatte, in dem You-You untergebracht.

Der Wind war zum Glck um drei Viertel umgesprungen und fast gnstig zu nennen. Man machte sich ihn zu Nutze, setzte Segel bei und verlie das einzige von den Balearen briggebliebene Felseneiland.

Am 19. April, sechsunddreiig Stunden spter, wurde der erstarrte Gelehrte, ohne da er jemals ein Auge aufgetan oder den Mund geffnet htte, im Hauptraume des Nina-Baues niedergelegt, wo die Kolonisten ihre khnen Gefhrten, auf deren Rckkehr sie schon sehnschtig harrten, mit lautschallendem Hurra begrten.
