Erstes Capitel.

In welchem der sechsunddreiigste Bewohner des Gallia-Sphrodes ohne besondere Feierlichkeit vorgestellt wird.

Der sechsunddreiigste Bewohner der Gallia war endlich aus Warm-Land angekommen. Bisher blieben die einzigen, kaum verstndlichen Worte aus seinem Munde jener Ausruf:

Das ist mein Komet, der meine! Das ist mein Komet!

Was bedeutete dieser Satz? Wollte er damit sagen, da jene bisher unerklrte Thatsache, die Hinausschleuderung eines kolossalen Stckes der Erde in den Weltraum, von dem Stoe eines Kometen herzuleiten sei? Hatte das Erdsphrod also einen Zusammensto erlitten? Belegte der Einsiedler von Formentera mit dem Namen Gallia nun jenen veranlassenden Haarstern oder den in die Sonnenwelt hinausgeschleuderten Block selbst mit diesem Namen? Die Lsung dieser Frage war nur von dem Gelehrten selbst zu erwarten, der seinen Kometen so energisch reclamirt hatte.

Jedenfalls durfte man diesen Halbtodten als den Urheber jener kurzen Nachrichten betrachten, welche die Dobryna whrend der Reise aufgefischt hatte, ihn auch als den Astronomen, von welchem das durch die Brieftaube nach Warm-Land berbrachte Document herrhrte. Nur er allein konnte Etui und Bchse in das Meer geworfen und die Freiheit jenem Vogel gegeben haben, den sein Instinct nach dem einzigen bewohnbaren und wirklich bewohnten Punkt des neuen Asteroides gefhrt hatte. Der Gelehrte kannte also - daran war nicht mehr zu zweifeln - einige Elemente der Gallia. Ihm war es gelungen, deren zunehmende Entfernung von der Sonne zu messen und die Abnahme ihrer Tangential-Geschwindigkeit zu berechnen. Hatte er auch - und das blieb doch die Hauptfrage - die Natur ihrer Bahn bestimmt und ermittelt, ob diese eine Hyperbel, eine Parabel oder eine Ellipse bildete? Hatte er diese krumme Linie durch drei aufeinander folgende Beobachtungen der Gallia bestimmt? Wute er, ob der neue Weltkrper sich in den erwnschten Verhltnissen befand, um einmal nach der Erde zurckzukehren, und auch in welcher Zeit das geschehen werde?

Das waren etwa die Fragen, die Graf Timascheff erst sich selbst, dann aber auch Kapitn Servadac und Lieutenant Prokop vorlegte. Letzterer vermochte sie natrlich nicht zu beantworten. Auch sie hatten alle diese verschiedenen Hypothesen in's Auge gefat und whrend ihrer Rckfahrt allseitig erwogen, ohne doch zu einem Resultate zu kommen. Zum Unglck schien es nun, als htten sie den einzigen Menschen, der die Lsung dieser Probleme besitzen mochte, nur als Leiche mit zurckgebracht! Wenn das der Fall war, so mute man eben auf jede Hoffnung, die Zukunft der Gallia-Welt vorher zu erfahren, verzichten.

Jetzt galt es demnach vor allen Dingen, den Krper des Astronomen, welcher kein Lebenszeichen gab, wieder zu erwecken. Die mit allen Arzneimitteln reichlich ausgestattete Apotheke der Dobryna konnte ja gar keine bessere Verwendung finden, als zur Erreichung dieses Zieles zu verhelfen. Mau ging also sofort an's Werk; vorzglich auf Ben-Zouf's ermuthigende Zurufe:

Vorwrts nur, mein Kapitn! Sie glauben gar nicht, was fr ein zhes Leben solche Gelehrte haben!

Nun begann man denn mit der Behandlung des Scheintodten, sowohl uerlich durch so krftiges Kneten, da es einen Lebendigen fast umgebracht htte, als auch innerlich durch so herzhafte Reizmittel, da sie wohl einen Todten wieder erweckt htten.

Ben-Zouf, den Negrete gelegentlich ablste, wurde mit der uerlichen Behandlung betraut, und man darf sicher sein, da diese beiden handfesten Massirer ihre Arbeit gewissenhaft verrichteten.

Inzwischen fragte sich Hector Seruadac vergeblich, wer dieser Franzose wohl sein mge, den er von Formentera mitgebracht, und in welchen Beziehungen er jemals zu ihm gestanden haben knne.

Er htte ihn wohl wieder erkennen sollen; aber er hatte jenen nur in dem Lebensalter gesehen, das man nicht ohne Grund das undankbare Alter zu nennen pflegt, was es in moralischem und physischem Sinne gleichmig ist.

In der That war jener Gelehrte, der hier in dem groen Saale des Nina-Baues lag, niemand Anderer als Hector Servadac's alter Lehrer der Physik am Gymnasium Charlemagne.

Dieser Lehrer hie Palmyrin Rosette. Er war ein Gelehrter durch und durch und vorzglich bewandert in den Fchern der Mathematik. Schon in dem ersten Jahre hatte Hector Servadac von der, untersten Classe das Gymnasium Charlemagne verlassen, um nach der Militrschule von Saint-Cyr berzusiedeln; seitdem hatten sich sein Lehrer und er niemals wieder gesehen und, so glaubten sie wenigstens, einander vollstndig vergessen.

Als Schler befleiigte sich Hector Servadac, wie wir wissen, der Studien eben nicht mit besonderem Eifer. Dafr aber spielte er, im Vereine mit einigen anderen Kameraden von dem nmlichen Schlage, dem armen Palmyrin Rosette gern die rgsten Streiche.

Wer setzte damals dem destillirten Wasser im Laboratorium wiederholt einige Salzkrnchen zu, so da es bei den Experimenten oft die unerwartetsten Reactionen hervorbrachte? Wer entnahm dem Gefe des Barometers einen Tropfen Quecksilber, um es in schreienden Widerspruch mit dem Zustand der Atmosphre zu setzen? Wer erwrmte das Thermometer immer einige Augenblicke vorher, bevor der Lehrer nach ihm sah? Wer steckte immer Abends Insecten zwischen Ocular und Objectio der Fernrhre? Wer strte die Isolirung der Elektrisirmaschine, so da sie keinen einzigen Funken gab? Wer machte endlich ein unsichtbares Loch in den Teller der Luftpumpe, so da Palmyrin Rosette sich abmhen konnte, so viel er wollte, ohne einen luftleeren Raum erzeugen zu knnen?

Das waren so etwa die gewhnlichen Unarten: des Schlers Servadac und seiner ausgelassenen Gesellschaft.

Derlei Possenstreiche ergtzten aber die Schler um so mehr, als der betreffende Professor ein Isegrimm erster Sorte war. Da gab es denn manchen Ausbruch von Zorn und Wuth, der die alten Huser des Gymnasiums weidlich amsirte.

Zwei Jahre nach Hector Servadac's Abgang, vom Gymnasium verlie auch Palmyrin Rosette, der in sich mehr den Kosmographen als den Physiker fhlte, die Laufbahn als Lehrer, um sich ganz und gar den astronomischen Studien zu widmen. Er suchte eine Stellung bei der Sternwarte zu erhalten. Bei seinem unter den Gelehrten des Observatoriums bekannten griesgrmigen Charakter aber blieben ihm die Pforten desselben verschlossen. Da er einiges Vermgen besa, betrieb er nun, ohne officiellen Titel, Astronomie auf eigene Faust und machte sich ein besonderes Vergngen daraus, die Arbeiten anderer Astronomen recht bitter zu kritisiren. Plan verdankte ihm brigens die Entdeckung der letzten drei teleskopischen Planeten und die Berechnung der Elemente des 123. Kometen des Katalogs. Professor Rosette und sein Schler Servadac hatten sich aber, wie gesagt, vor jenem zuflligen Zusammentreffen auf dem Eilande Formentera niemals wieder getroffen. Nach Verlauf von zwlf Jahren durfte es also nicht Wunder nehmen, wenn Kapitn Servadac seinen alten Lehrer Rosette, vorzglich bei dem Zustande, in welchem er ihn fand, nicht sofort wieder erkannte.

Als Ben-Zouf und Negrete den Gelehrten aus den Pelzen gewickelt hatten, die ihn vom Kopf bis zu den Fen umhllten, sahen sie sich gegenber einem kleinen Manne von fnf Fu zwei Zoll Lnge, der jetzt offenbar abgemagert war, es aber auch schon von Natur zu sein schien, mit einem jener schn polirten Schdel, welche dem dicken Ende eines Straueneies so auffallend hneln, ohne jeden Bart, wenn man von dem Anflug eines solchen absah, der seit acht Tagen nicht rasirt sein mochte, mit langer, scharf gebogener Nase, auf der eine gewaltige Brille sa, die ja bei gewissen kurzsichtigen Personen einen integrirenden Bestandtheil des Individuums auszumachen scheint.

Unzweifelhaft war dieses Mnnchen sehr nervser Natur. Man htte ihn wohl mit einem Ruhmkorff'schen Inductor vergleichen knnen, dessen Drahtwindungen einen Nerven von mehreren Hectometern Lnge darstellten, und in dem der Nervenstrom die Elektrizitt, und zwar in derselben Intensitt, ersetzte. Mit einem Worte, die Nervositt - man verzeihe dieses hier etwas khn gebrauchte Wort - war in dem Rosette'schen Inductor mit ebenso hoher Spannung aufgespeichert, wie die Elektricitt in dem Ruhmkorff'schen.

So nervs der Professor auch sein mochte, so lag darin kein Grund, ihn ohneweiters aus dem Leben entwischen zu lassen. In einer Welt, welche nur fnfunddreiig Bewohner zhlt, ist das Leben des Sechsunddreiigsten nicht zu verachten. Als der Scheintodte zum Theil entkleidet war, konnte man sich berzeugen, da sein Herz, wenn auch nur schwach, doch jedenfalls noch schlug. Voraussichtlich mute er also, bei der peinlichen Sorgfalt, welche ihm gewidmet ward, auch wieder zum Bewutsein kommen. Ben-Zouf knetete und frottirte den trockenen Krper wie eine alte Weinrebe, so da man frchten mute, er werde Feuer fangen, und trllerte dazu, als putze er seinen Sbel zu einer Parade, den bekannten Refrain:

Dem Tripel nur, Du Sohn des Ruhms, Verdankt Dein Stahl den schnen Glanz.

Endlich, nach zwanzig Minuten des unablssigen Reibens, entrang sich ein Seufzer den Lippen des Halbtodten, dem bald ein zweiter und ein dritter nachfolgten. Seine Augen ffneten sich ein wenig, schlossen sich wieder und ffneten sich dann weiter, offenbar vllig unklar ber die Verhltnisse, in denen er sich wieder fand. Der bisher hermetisch geschlossene Mund lie jetzt eine leichte Spalte zwischen den Lippen sehen. Er murmelte einige Worte, welche jedoch Niemand verstehen konnte. Palmyrin Rosette streckte die rechte Hand aus und erhob sie nach der Stirn, als suche er etwas, was da nicht zu finden war. Dann verzerrten sich seine Zge und das Gesicht rthete sich, als knnte er nur gleichzeitig mit einem Zornausbruch in's Leben zurckkehren, und er rief laut:

Meine Brille! Wo ist meine Brille?

Ben-Zouf suchte die verlangte Brille. Er fand sie glcklich wieder. Das monumentale Gestell war mit wahrhaft teleskopischen Glsern ausgestattet. Whrend des Massirens war jene von den Schlfen abgefallen, auf welche sie doch fest angeschraubt schien, als verlief eine Achse derselben von einem Ohre zum anderen durch den Schdel des Gelehrten. Jetzt ward das Monstrum wieder auf der Adlernase, ihrem gewhnlichen Sitze, angebracht, worauf noch ein neuer Seufzer, der aber in ein Brumm, brumm von guter Vorbedeutung ausging, nachfolgte.

Kapitn Servadac hatte sich ber das Antlitz Palmyrin Rosette's geneigt, den er mit gespannter Aufmerksamkeit ansah. Gerade jetzt ffnete dieser die Augen vollstndig. Ein lebhafter Blick scho durch die dicken Linsen der Brille und mit hchst rgerlicher Stimme rief der Gerettete:

Schler Servadac, fnfhundert Zeilen Strafarbeit bis morgen!

Das waren die Worte, mit denen Palmyrin Rosette den Kapitn Servadac begrte.

Gerade durch diese Sonderbarkeit des Anfangs einer Unterhaltung, welche offenbar auf eine pltzliche Erinnerung an die frheren Streiche Hector Servadac's zurckzufhren war, erkannte auch dieser, obwohl er buchstblich zu trumen glaubte, seinen alten Lehrer der Physik vom Gymnasium Charlemagne wieder.

Herr Palmyrin Rosette! rief er. Mein alter Lehrer hier mit Fleisch und Bein!

- Vorlufig mehr mit dem letzteren, bemerkte Ben-Zouf.

- Alle Wetter, das nenne ich ein eigenthmliches Zusammentreffen! fgte Kapitn Servadac erstaunt hinzu.

Inzwischen war Palmyrin Rosette auf's Neue in eine Art Schlummer versunken, den man fr passend hielt, zu respectiren.

Beruhigen Sie sich, mein Kapitn, sagte Ben-Zouf. Er wird leben, ich stehe ihnen dafr. Diese Leutchen bestehen ja fast nur aus Nerven. Ich habe noch weit ausgetrocknetere gesehen, welche noch viel weiter herkamen.

- Und woher denn, Ben-Zouf?

- Aus Egypten z. B., mein Kapitn, in einem hbschen eisenbeschlagenen Kasten.

- Das waren wohl Mumien, Dummkopf!

- Wie Sie sagen, Herr Kapitn!

Da der Professor tief zu schlummern schien, schaffte man ihn nun in ein warmes Bett und mute die Lsung der brennenden Fragen bezglich seines Kometen wohl oder bel bis nach dem Erwachen des Gelehrten vertagen.

Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop - die Reprsentanten der Akademie der Wissenschaften unserer kleinen Kolonie - konnten sich, statt geduldig bis zum anderen Morgen zu warten, nicht enthalten, die allerunwahrscheinlichsten Hypothesen aufzustellen. Welcher Komet war es im Grunde, dem Palmyrin Rosette den Namen Gallia gegeben hatte? Bezog sich dieser Name nur auf das von der Erdkugel abgesprengte Stck? Galten jene in den einzelnen Notizen gefundenen Berechnungen der Entfernungen und Geschwindigkeiten nur fr den Kometen Gallia oder fr das neue Sphroid, das jetzt Hector Servadac und seine fnfunddreiig Gefhrten durch die Sonnenwelt trug? Sollten sich diese Ueberlebenden von der alten Erde als Bewohner jener Gallia ansehen oder nicht?

So lauteten etwa die Hauptfragen. Wer konnte aber dafrstehen, ob Alles, was sie mhsam ausgeklgelt, nicht jmmerlich zusammenfiel, wenn sich ihre Voraussetzung, sich auf einem von der Erdkugel abgerissenen Bruchstck zu befinden, unerwarteter Weise nicht besttigen sollte?

Nun, zerbrechen wir uns den Kopf nicht weiter, rief endlich Hector Servadac, Professor Rosette ist hier, um uns das Richtige zu sagen, und er wird es daran nicht fehlen lassen.

Da Kapitn Servadac einmal auf Professor Rosette zu sprechen kam, so theilte er seinen Genossen Einiges ber seinen frheren Lehrer mit, z. B. da er ein Mann sei, mit dem sich nur schwer in gutem Einvernehmen leben lasse und der zu seinen Nchsten gewhnlich in ziemlich gespanntem Verhltnisse stehe. Er schilderte ihnen denselben als ein unverbesserliches Original von grter Starrsinnigkeit und heftigem Temperamente, im Grunde aber als einen sehr braven Mann. Seiner Ansicht nach wrde es am Besten sein, seinen Unwillen immer ruhig austoben zu lassen, wie man etwa ein Unwetter unter Dach und Fach vorberziehen lasse.

Nach Vollendung dieser kleinen biographischen Skizze durch Kapitn Servadac nahm Graf Timascheff das Wort und sagte:

Halten Sie sich versichert, Kapitn, da wir Alles thun werden, um mit Professor Rosette auf gutem Fue zu bleiben. Durch die Mittheilungen seiner Beobachtungen wird er uns natrlich einen geographischen Dienst erweisen, doch halte ich das nur unter einer Bedingung fr mglich.

- Und diese Bedingung wre? fragte Kapitn Servadac.

- Nun die, da er selbst wirklich der Verfasser jener von uns aufgefangenen Documente ist.

- Und daran knnten Sie zweifeln?

- Nein, Kapitn. Alle Wahrscheinlichkeiten sprechen ja gegen mich und ich erwhnte das nur, um keine ungnstige Hypothese unbercksichtigt zu lassen.

- Ei, wer sollte denn jene verschiedenen Notizen verfat haben, wenn nicht mein alter Lehrer? bemerkte Kapitn Servadac.

- Vielleicht doch ein anderer auf irgend einem anderen Punkte der Erde zurckgebliebener Astronom.

- Das kann nicht wohl der Fall sein, fiel Lieutenant Prokop da ein, da nur jene Documente uns mit dem Namen Gallia bekannt machten und Professor Rosette dasselbe Wort gleich zuerst aussprach.

Auf diesen sehr richtigen Einwurf gab es wirklich keine Antwort, und es wurde unzweifelhaft, da nur der Einsiedler von Formentera der Urheber jener Nachrichten sein knne. Was er auf jener Insel zu schaffen hatte, durfte man ja aus seinem eigenen Munde zu erfahren hoffen.

Zum Ueberflu waren nicht nur seine Thr, sondern auch seine Bcher mitgenommen und man hielt es fr keine Indiscretion, dieselben einstweilen zu consultiren.

Es geschah.

Die Schriftzge und Ziffern rhrten offenbar von derselben Hand her, welche auch die Documente verfat hatte. Die Thr erwies sich vollstndig bedeckt mit algebraischen Zeichen, die mittels Kreide geschrieben waren und welche man hchst sorgfltig zu bewahren suchte. Die Papiere bestanden in der Hauptsache aus losen Blttern mit mathematischen Figuren darauf. Hier kreuzten sich Hyperbeln, jene offenen Curven, darin beide Schenkel unendlich lang sind und sich immer weiter von einander entfernen; Parabeln, d. s. Curven, welche sich durch ihre zurckkehrende Form auszeichnen, deren Schenkel jedoch ebenfalls unendlich lang sind; endlich Ellipsen, d. h. immer in sich geschlossene Curven, wenn sie auch eine noch so verlngerte Form besitzen.

Lieutenant Prokop bemerkte hierbei erluternd, da sich diese verschiedenen Bogen alle auf Kometenbahnen bezgen, welche parabolische, hyperbolische oder elliptische sein knnen, wodurch gleichzeitig gesagt ist, da in den beiden ersteren Fllen von der Erde aus beobachtete Kometen niemals nach unseren Horizonte zurckkehren knnen, whrend sie im dritten Falle periodisch und in mehr oder weniger greren Zwischenrumen wieder erscheinen.

Es lag also schon nach Einsichtnahme der Papiere und jener Thr auf der Hand, da sich der Professor mit der Berechnung der Elemente eines Kometen beschftigt habe; aus den verschiedenen, von ihm studirten Curven konnte man allerdings noch keine weiteren Schlsse ziehen, da die Astronomen bei den Kometen von Anfang an stets eine parabolische Bahn voraussetzen.

Aus Allem ging hervor, da Palmyrin Rosette whrend seines Aufenthaltes auf Formentera ganz oder doch zum Theil die Elemente eines neuen Kometen berechnet habe, der im Kataloge noch nicht existirte.

Datirte diese Rechnung aber aus der Zeit vor oder nach der Katastrophe des 1. Januar? - Das konnte nur er allein wissen.

Warten wir es ab, sagte Graf Timascheff.

- Ich warte, aber ich brenne vor Verlangen, antwortete Kapitn Servadac, der seine Ungeduld kaum zu bemeistern vermochte. Ich gbe einen Monat meines Lebens fr jede Stunde, welche Professor Rosette weniger schliefe.

- Da knnten Sie doch leicht ein schlechtes Geschft machen, Kapitn, sagte da Lieutenant Prokop.

- Wie, um das unserem Asteroiden noch bevorstehende Schicksal kennen zu lernen....

- Ich mchte Ihnen keine Illusionen rauben, Kapitn, erwiderte Lieutenant Prokop, doch selbst wenn der Professor ber den Kometen Gallia noch so viel wei, so ist damit noch nicht gesagt, da er uns auch nur das Geringste ber das Bruchstck, welches uns entfhrt, mittheilen knnen msse. Steht berhaupt die Erscheinung des Kometen ber dem Horizonte der Erde in irgend welchen Wechselbeziehungen zu der Fortschleuderung eines Fragmentes der Erdkugel in den Weltraum?

- Zum Teufel, natrlich! rief Kapitn Servadac. Der Zusammenhang ist ganz einleuchtend. Es liegt klar zu Tage, da ....

- Da ....? fragte Graf Timascheff, als htte er schon die Antwort erwartet, welche der Andere eben geben wollte.

- Da die Erde von einem Kometen einen Sto erhalten und da dieser die Ursache wurde, dem die Fortschleuderung des Stckes, welches uns trgt, zuzuschreiben ist!

Auf diese, von Kapitn Servadac mit solcher Ueberzeugung ausgesprochene Hypothese, sahen sich Graf Timascheff und Lieutenant Prokop einige Augenblicke schweigend an. Trotz der Unwahrscheinlichkeit des Zusammentreffens der Erde mit einem Kometen, konnte man ein solches Ereigni doch nicht geradezu unmglich nennen. Ein Sto dieser Art - ja, das lieferte die Erklrung zu den bis jetzt unerklrlichen Erscheinungen, das war die veranlassende Ursache jener so ganz auergewhnlichen Folgen.

Sie knnten wohl recht haben, Kapitn, antwortete Lieutenant Prokop, nachdem er sich die Frage von diesem Gesichtspunkte aus berlegt hatte, es ist nicht ganz abzuleugnen, da es zu einem solchen Sto kommen und dieser ein betrchtliches Stck der Erdkugel absprengen knnte. Nehmen wir diesen Fall an, so wre die ungeheure Scheibe, welche wir in der Nacht nach der Katastrophe ja Alle gesehen haben, nichts Anderes gewesen als jener aus seiner Bahn abgelenkte Komet, dessen Schnelligkeit doch eine so groe war, da ihn die Erde im Centrum ihrer Attraction nicht festzuhalten vermochte.

- Das scheint mir wirklich die einzige Erklrung fr jenes unbekannte Gestirn zu sein, wiederholte Kapitn Servadac.

- Somit htten wir ja, sagte Graf Timascheff, eine neue, scheinbar recht annehmbare Hypothese. Sie setzt unsere eigenen Beobachtungen mit denen des Professor Rosette in bereinstimmung. Den Namen Gallia htte er also dem Wandelstern beigelegt, durch den wir jenen Sto erlitten.

- Ohne Zweifel, Graf Timascheff.

- Sehr schn, Kapitn, und doch bleibt ein mir dunkler Punkt zu erklren brig.

- Und welcher?

- Nun, da sich der gelehrte Herr mehr mit dem Kometen beschftigt zu haben scheint als mit dem Erdbruchstck, das ja auch ihn selbst in den Weltraum entfhrte.

- O, Graf Timascheff, antwortete Kapitn Servadac, Sie glauben gar nicht, welch' sonderbare Kuze solche Fanatiker der Wissenschaft manchmal sind, und der meinige gehrt unter die tollsten.

- brigens, bemerkte Lieutenant Prokop, knnte die Berechnung der Elemente der Gallia recht wohl aus der Zeit vor dem Zusammentreffen herrhren. Der Professor wird den Kometen haben kommen sehen und beobachtete ihn gewi schon vor der Katastrophe.

Diese Andeutung Lieutenant Prokop's schien fr sich selbst zu sprechen; jedenfalls vereinigten sich Alle in der Annahme der Hypothese Kapitn Servadac's. Nach dieser wre also der ganze Sachverhalt folgender:

Ein die Ekliptik schneidender Komet war in der Nacht vom 31. December zum 1. Januar mit der Erde zusammengestoen und hatte von dieser ein nicht unbetrchtliches Stck abgesprengt, welches nun selbststndig durch den interplanetarischen Weltraum gravitirte.

Wenn die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften auf der Gallia auch die volle Wahrheit noch nicht erkannten, so waren sie dieser doch bestimmt sehr nahe gekommen.

Nur Palmyrin Rosette war im Stande, das vorliegende Problem vollstndig zu lsen.

Zweites Capitel.

Dessen letztes Wort dem Leser lehrt, was er ohne Zweifel schon vorher errathen hatte.

So verlief also der 19. April. Whrend ihre Vorgesetzten sich in dieser Weise besprachen, betrieben die Colonisten ihre gewohnten Arbeiten. Das unerwartete Erscheinen des Professors auf der Scene der Gallia vermochte sie keineswegs besonders zu erregen. Die Spanier, bei ihrer natrlichen Sorglosigkeit, und die Russen, bei dem felsenfesten Vertrauen zu ihrem Herrn, beunruhigten sich weder ber sichtbare Wirkungen, noch ber deren Ursachen. Ob die Gallia jemals nach der Erde zurckkehrte, oder ob sie auf derselben leben, d. h. auch hier sterben sollten, das kmmerte sie nicht im Geringsten. Auch whrend der folgenden Nacht lieen sie sich um keine Stunde Schlaf bringen und schlummerten wie Philosophen, welche nichts zu beunruhigen vermag.

Der zum Krankenwrter umgewandelte Ben-Zouf verlie das Lager des Professor Rosette nicht einen Augenblick. Er hatte die Sache zur seinigen gemacht und sich einmal in den Kopf gesetzt, Jenen wieder auf die Fe zu bringen. Seine Ehre war hierbei im Spiele. Wie pflegte er ihn aber auch! Welch' gewaltige Quantitten seiner Herzstrkungen flte er ihm bei der geringsten Gelegenheit ein! Wie zhlte er seine Seufzer! Wie lauschte er auf jedes Wort, das von seinen Lippen kam! Um wahr zu sein, mssen wir hier bemerken, da der Name Gallia in Palmyrin Rosette's unruhigem Schlummer hufig, und bezglich seiner Betonung von der einfachen Unruhe bis zum Zorne wechselnd, wiederkehrte. Trumte vielleicht der Professor, da man ihm seinen Kometen stehlen, die Entdeckung der Gallia bestreiten, ihm die Prioritt seiner Beobachtungen und Berechnungen ableugnen wollte? - Das konnte wohl sein. Palmyrin Rosette gehrte zu den Leuten, welche selbst im Schlafe wthend werden.

Trotz seiner schrfsten Aufmerksamkeit gelang es dem Krankenwrter doch nicht, aus jenen unzusammenhngenden Worten etwas zu verstehen, was das groe Problem seiner Lsung nher gebracht htte. brigens schlief der Professor die ganze Nacht hindurch, anfnglich noch mit leisen Seufzern, spter aber mit lautem Schnarchen von bester Vorbedeutung.

Als die Sonne sich schon ber dem westlichen Horizonte der Gallia erhob, schlummerte Palmyrin Rosette noch immer und Ben-Zouf erachtete es fr angemessen, seine Ruhe nicht zu stren. brigens wurde die Aufmerksamkeit der Ordonnanz gerade jetzt durch einen kleinen Zwischenfall abgeleitet.

Es klopfte nmlich Jemand wiederholt an die starke Thr, welche die Hauptgalerie des Nina-Baues abschlo. Diese Thr diente nicht etwa zur Abhaltung unliebsamer Besucher, sondern nur zum Schutz gegen die Klte.

Ben-Zouf verlie seinen Pflegebefohlenen auf einen Augenblick; bald aber glaubte er, unrecht gehrt zu haben, und kehrte wieder um, da er sich nicht als Portier betrachtete, und Andere da waren, welche, minder beschftigt als er, den Riegel entfernen konnten. Er verhielt sich also ganz still.

Im Nina-Bau lag Alles noch in tiefem Schlafe. Das Gerusch wiederholte sich. Offenbar rhrte es von einem lebenden Wesen her, das mit irgend einem Instrumente gegen die Thr schlug.

In drei Teufels Namen, das ist zu arg! fuhr Ben-Zouf auf. Wer zum Kuckuck mag das sein?

Er ging nach der Hauptgalerie zu.

Bei dieser Thr angelangt, fragte er rgerlich:

Wer da?

- Ich bin's, erklang die Antwort mit slicher Stimme.

- Wer ist Ich?

- Isaak Hakhabut.

- Und was begehrt Ihr, Astaroth?

- Da Sie mir die Thr ffnen, Herr Ben-Zouf.

- Was wollt Ihr hier? Eure Waaren verkaufen?

- Sie wissen ja, da Niemand Lust hat, sie zu bezahlen.

- Nun, so scheert Euch zum Teufel!

- Mein Herr Ben-Zouf, fuhr der Jude in fast bittendem Tone fort, ich mchte Seine Excellenz den Herrn General-Gouverneur sprechen.

- Er schlft noch.

- Ich warte, bis er erwacht.

- Gut, so wartet da, wo Ihr jetzt seid, Abimelech. Ben-Zouf wollte eben wieder nach seinem Posten zurckkehren, als Kapitn Servadac, den das Gerusch geweckt hatte, dazu kam.

Was giebt's, Ben-Zouf?

- O, nichts, oder doch so gut wie nichts. Der Kerl, der Hakhabut ist drauen und will Sie sprechen.

- Nun gut, so ffne ihm, antwortete Hector Servadac. Ich mu doch erfahren, was ihn heute hierher fhrt.

- Jedenfalls nur sein eigenes Interesse.

- ffne die Thr, sag' ich Dir! Ben-Zouf gehorchte. Sofort drngte sich Isaak Hakhabut, in seinen alten, langen berrock gehllt, herein. Kapitn Servadac ging nach dem Hauptsaale und der Jude folgte ihm mit den devotesten Ehrenbezeigungen.

Was wollt Ihr? fragte Kapitn Servadac und sah Isaak Hakhabut gerade in's Gesicht.

- O, Herr General-Gouverneur, wissen Sie denn seit einigen Stunden gar nichts Neues?

- Wie, Ihr denkt hier Neuigkeiten zu erfahren?

- Gewi, Herr Gouverneur, und ich hoffe, Sie werden haben die Gte, sie mir mitzutheilen.

- Ich werde Euch gar nichts mittheilen knnen, Meister Isaak, denn ich wei selbst nichts.

- Nun, es ist doch gekommen noch ein Mann gestern hierher nach Warm-Land?...

- Also das wit Ihr schon?

- Was sollt' ich's nicht, Herr Gouverneur? Von meiner armseligen Tartane aus hab' ich den You-You wegsegeln sehen auf eine weite Reise, und habe gesehen, da er wieder gekommen ist. Mir schien, man lud daraus mit groer Vorsicht ...

- Nun, was oder wen?

- Nun, Herr Gouverneur, verhielt es sich nicht so, da Sie gestern htten aufgenommen hier einen Fremden? ..

- Der Euch bekannt wre?

- O, das sage ich ja nicht, Herr Gouverneur, inde, ich mchte ... ich wnschte ...

- Was?

- Jenen Fremden zu sprechen, denn vielleicht kommt er ...

- Von wo? - Von her nrdlichen Kste des Mittelmeeres, und es wre zu hoffen, er brchte ...

- Nun, er brchte?

- Nachrichten aus Europa! sagte der Jude mit einem bezeichnenden Blicke auf den Kapitn Servadac.

Der Starrkopf verweilte also, trotz dreiundeinhalbmonatlichen Aufenthaltes auf der Gallia, bei seinen frheren Ansichten. Bei seinem Temperament fiel es ihm gewi schwerer, als jedem Andern, sich geistig als von der Erde getrennt anzusehen, obwohl er es buchstblich war. Mute er auch das Auftreten abnormer Erscheinungen zugestehen, wie die Verkrzung der Tage und Nchte, die Verkehrung der Hauptpunkte des Himmels bezglich des Auf- und Unterganges der Sonne, so vollzog sich seiner Meinung nach das Alles eben auf der Erde selbst. Das Meer hier blieb fr ihn immer noch das Mittelmeer. War auch ein Theil Afrikas durch irgend eine Katastrophe unzweifelhaft verschwunden, so existirte nach ihm doch das ganze Europa, einige hundert Meilen im Norden, unverndert weiter. Seine Bewohner lebten gewi wie zuvor und auch er wrde dort umherziehen, kaufen und verkaufen, mit einem Worte schachern knnen. Die Hansa wrde in Ermanglung des afrikanischen Ufers den Kstenhandel lngs des europischen Ufers betreiben und bei diesem Tausche wahrscheinlich nichts einben. Deshalb war Isaak Hakhabut spornstreichs herbei geeilt, um im Nina-Bau Nachrichten von Europa zu erhalten.

Diesen Juden aufklren und seine starr festgehaltenen Ansichten brechen zu wollen, schien eine vergebliche Mhe. Kapitn Servadac dachte auch nicht im Geringsten daran, mit diesem Renegaten, der ihn anwiderte, neue Beziehungen anzuknpfen, und begngte sich, als Antwort auf dessen Gesuch nur mit den Achseln zu zucken.

Wer aber auch noch mehr als mit den Achseln zuckte, das war Ben-Zouf. Die Ordonnanz hatte das Begehren des Juden gehrt und antwortete nun Isaak Hakhabut an Stelle des Kapitn Servadac, der ihm den Rcken zugekehrt hatte.

Ich habe mich also nicht geirrt, fuhr der Jude mit lebhafter erglnzenden Augen fort. Gestern ist ein Fremder hier angekommen?

- Ja wohl, antwortete Ben-Zouf.

- Lebend?

- Man hofft es.

- Und kann ich erfahren, Herr Ben-Zouf, von welchem Orte ist gekommen dieser Reisende?

- Von den Balearen, belehrte ihn Ben-Zouf, der beobachten wollte, welche Wirkung das auf Isaak Hakhabut uern wrde.

- Von den Balearen! rief der Jude. O, das ist ein herrlicher Platz zum Handeln! Was hab' ich sonst dort gemacht fr ein feines Geschft! Die Hansa ist gar wohl bekannt auf jenen Inseln.

- Nur zu bekannt!

- Sie liegen aber blos entfernt fnfzehn Meilen von der spanischen Kste, und jedenfalls wird der Herr Reisende bringen knnen Nachrichten von Europa.

- Gewi, Manasse, er wird Euch so manches Interessante mittheilen knnen.

- Ist das wahr, Herr Ben-Zouf?

- Natrlich.

- Ich werde nicht ansehen ... fuhr der Jude zgernd fort... nein ... gewi ... ich bin zwar nur ein armer Mann ... ich werde nicht ansehen ein Paar Realen, um mit ihm sprechen zu knnen.

- Oho, Ihr werdet sie doch ansehen.

- Ja, das werde ich ... aber ich werde sie geben trotzdem, wenn ich ihn sprechen kann sogleich.

- Aha! lie sich Ben-Zouf vernehmen. Leider ist unser Reisender sehr abgespannt und schlft jetzt noch.

- Aber wenn man ihn weckte ...

- Hakhabut, fiel da Kapitn Servadac ein, wenn Ihr Euch unterfangt, hier irgend Jemand zu wecken, so weis' ich Euch die Thr!

- Herr Gouverneur, entschuldigte sich der Jude im unterwrfigsten Tone, ich mchte ja nur wissen ...

- Ihr werdet Alles erfahren, unterbrach ihn Kapitn Servadac. Ich bestehe sogar darauf, da Ihr zugegen seid, wenn unser neuer Gefhrte seine Nachrichten aus Europa mittheilt.

- Und ich auch, Ezechiel, fgte Ben-Zouf hinzu, denn ich mchte Euer frhliches Gesicht dabei sehen.

Isaak Hakhabut brauchte nicht lange zu warten. Eben lie sich die ungeduldig rufende Stimme Palmyrin Rosette's vernehmen.

Bei diesem Rufe eilten Alle nach dem Lager des Professors, Kapitn Servadac ebenso, wie Graf Timascheff, Lieutenant Prokop und Ben-Zouf, dessen krftige Hand Mhe hatte, den Juden Hakhabut etwas zurckzuhalten.

Der Professor war offenbar nur erst halb munter und rief, wahrscheinlich unter der Nachwirkung eines Traumes: He, Joseph! den Kerl soll der Teufel holen! Wirst Du bald kommen, Joseph!

Dieser Joseph war gewi der Diener Palmyrin Rosette's; erscheinen konnte er ohne Zweifel deshalb nicht, weil er wohl noch die alte Welt bewohnte. Der Sto der Gallia hatte auch die Wirkung gehabt, pltzlich, und wohl fr immer, Herrn und Diener zu trennen.

Inzwischen erwachte der Professor vollstndig und rief von Neuem:

Joseph! Vermaledeiter Joseph! Wo ist meine Thr?

- Hier, erwiderte Ben-Zouf, Ihre Thr ist sorgfltig verwahrt.

Palmyrin Rosette ffnete die Augen weiter und sah die Ordonnanz stirnrunzelnd scharf an.

Du bist Joseph? fragte er.

- Zu dienen, Herr Palmyrin, erwiderte seelenruhig Ben-Zouf.

- Schn, Joseph, fuhr der Professor fort, meinen Kaffee, aber schnell!

- Den gewnschten Kaffee! rief Ben-Zouf nach der Kche eilend.

Unterdessen half Kapitn Servadac Palmyrin Rosette sich halb empor zu richten.

Verehrtester Professor, begann er, Sie haben also Ihren alten Schler von der Charlemagne wieder erkannt?

- Gewi, Servadac, gewi! besttigte Palmyrin Rosette. Ich hoffe, Sie werden sich binnen zwlf Jahren etwas gendert haben?

- Von oben bis unten, erwiderte Kapitn Servadac lachend.

- Schn, das ist gut! sagte Palmyrin Rosette. Aber meinen Kaffee mcht' ich haben. Ohne Kaffee keine klaren Gedanken, und diese braucht man heutzutage nothwendig.

Zum Glck brachte Ben-Zouf eben das ersehnte Labsal - eine groe Tasse schwarzen, dampfenden Kaffees.

Palmyrin Rosette leerte diese, erhob sich vollends, verlie das Lager, trat in den Hauptraum der Wohnung ein, sah sich zerstreut ein wenig um und lie sich endlich in einen der besten Lehnsthle aus dem Salon der Dobryna nieder.

Dann ging der Professor, wenn auch mit etwas sauertpfischem Gesicht, aber doch mit einem Tone, der an das all right, va bene und nil desrandum seiner Nachrichtsbltter erinnerte, auf die brennende Frage ein.

Nun, meine Herren, was denken Sie von der Gallia?

Kapitn Servadac wollte darauf vor Allem selbst die Frage stellen, was diese Gallia sei, als sich Isaak Hakhabut vordrngte.

Beim Anblicke des Juden runzelten sich des Professors Augenbrauen von Neuem und er rief mit dem Tone eines Mannes, der sich durch eine unziemliche Begegnung beleidigt fhlt:

Und was hat das zu bedeuten?

- Lassen Sie sich den da nicht kmmern, erwiderte Ben-Zouf, whrend der Gelehrte Isaak Hakhabut mit der Hand abzuwehren suchte.

Es war aber weder leicht, den Juden zurck zu halten, noch ihn am Sprechen zu verhindern. Er nahm immer und immer wieder einen Anlauf, ohne der anderen Anwesenden zu achten.

Mein Herr, sagte er, im Namen des Gottes Abraham's, Israel's und Jakob's, geben Sie uns Nachricht von Europa!

Palmyrin Rosette sprang, wie von einer Feder emporgeschnellt, aus seinem Sessel auf.

Nachrichten von Europa! rief er. Er will Nachrichten von Europa haben!

- Ja ... ja ... antwortete der Jude, der sich an den Lehnsessel des Professors klammerte, um dem ihn zurckdrngenden Ben-Zouf zu widerstehen.

- Und wozu das? fuhr Palmyrin Rosette fort.

- Um dahin zurckzukehren.

- Dahin zurckkehren! - Welches Datum haben wir doch heute? fragte der Professor nach seinem frheren Schler gewendet.

- Den zwanzigsten April, antwortete Kapitn Servadac.

- Gut; also heute am zwanzigsten April, erklrte Palmyrin Rosette, dessen Stirn sich wie von leichtem Nachdenken furchte, heute ist Europa nahezu dreiundsiebzig Millionen Meilen von uns entfernt!

Isaak Hakhabut sank zusammen, als htte man ihm das Herz aus dem Leibe gerissen.

Ah, wie mir scheint, wei man hier noch nichts? fragte Palmyrin Rosette.

- Einiges doch, antwortete Kapitn Servadac. Mit kurzen Worten theilte er dem Professor Alles mit. Er erzhlte, was sich seit der Nacht des 31. Decembers zugetragen, wie die Dobryna eine Entdeckungsreise unternommen und aufgefunden habe, was noch von den alten Continenten brig war, nmlich einige Punkte von Tunis, Sardinien, Gibraltar und Formentera; ferner da seine Documente in drei Fllen in ihre Hnde gekommen seien, und endlich, da man die Insel Gourbi verlassen, um nach Warm-Land berzusiedeln und den alten Wachtposten gegen den Nina-Bau zu vertauschen.

Palmyrin Rosette hatte diesem Berichte nicht ohne einige Zeichen von Ungeduld zugehrt. Als Kapitn Servadac geendet hatte, fragte er:

Nun, meine Herren, wo glauben Sie sich denn augenblicklich zu befinden?

- Auf einem neuen Asteroiden, der durch die Sonnenwelt kreist, erwiderte Kapitn Servadac.

- Und dieser neue Asteroid wre Ihrer Ansicht nach? ....

- Ein ungeheures Bruchstck, das aus der Erde gerissen ward.

- Herausgerissen, ah so, herausgerissen! Ein Fragment der Erdkugel! Und durch wen, durch was herausgerissen?

-Durch den Anprall eines Kometen, dem Sie, lieber Professor, den Namen Gallia gegeben haben.

- Nun, Sie irren sich doch, meine Herren, erklrte Palmyrin Rosette aufstehend. Die Sache verhlt sich noch weit besser!

- Noch weit besser! wiederholte lebhaft Lieutenant Prokop.

- Gewi, fuhr der Professor fort, gewi. Es ist ganz richtig, da ein bisher unbekannter Komet in der Nacht vom 31. December zum 1. Januar, um zwei Uhr siebenundvierzig Minuten und fnfunddreiig Secunden die Erde getroffen hat, aber er hat sie dabei sozusagen nur gestreift und die kleinen Bruchstckchen mit entfhrt, welche Sie bei Ihrer Entdeckungsfahrt auffanden.

- Und folglich, rief Kapitn Servadac, befinden wir uns ...

- Auf dem Gestirn, welches ich Gallia genannt habe, antwortete Palmyrin Rosette triumphirenden Tones. Sie leben jetzt auf meinem Kometen!

Drittes Capitel.

Einige Variationen ber das lngst bekannte Thema von den Kometen und anderen Wanderern der Sonnenwelt.

Wenn Professor Palmyrin Rosette einen Vortrag ber Kometographie hielt, so definirte er, in bereinstimmung mit den hervorragendsten Astronomen, die Kometen folgendermaen:

Gestirne mit einem leuchtenden Centralpunkte, dem sogenannten Kerne, mit einer Nebelhlle, welche man auch als Strahlenkranz bezeichnet, und einem schwcher leuchtenden Anhngsel, dem Schweife, wobei diese Gestirne in Folge der groen Excentricitt ihrer Bahn fr die Bewohner der Erde nur zeitweilig und im Vergleich zur Dauer ihres Umlaufs nur sehr kurze Zeit sichtbar find.

Palmyrin Rosette unterlie es auch niemals, hinzuzusetzen, da seine Definition eine vollkommen treffende sei - freilich mit den Ausnahmefllen, da diese Gestirne wohl auch ohne Kern und Schweif und ohne Nebelhuelle auftreten knnten und dennoch als Kometen zu betrachten seien.

Auch setzte er, nach Arago, stets noch hinzu, da ein solches Gestirn, um den Ehrennamen eines Kometen zu verdienen, noch: 1. eine eigene Bewegung besitzen und 2. eine sehr verlngerte Ellipse beschreiben msse, in welcher es sich so weit entferne, um von der Erde und der Sonne aus unsichtbar zu werden. Bei Erfllung jener ersten Bedingung konnte dann ein solcher Wandelstern nicht mehr mit einem Fixsterne und bei Erfllung der zweiten auch nicht mit einem Planeten verwechselt werden. War es dann endlich nicht unter die Klasse der Meteore zu bringen, so mute ein solches Gestirn, das weder ein Fixstern noch Planet war, nothwendig ein Komet sein.

Wenn Professor Palmyrin Rosette in der Art von seinem bequemen Lehnstuhl aus docirte, wiegte er sich immer in dem Glauben, einmal noch von einem Kometen fortgerissen und durch die Sonnenwelt gefhrt zu sehen. Unentwegt bewahrte er fr diese behaarten oder unbehaarten Gestirne eine ausgesprochene Vorliebe. Ahnte er vielleicht voraus, was ihm die Zukunft wirklich gewhren sollte? In der Kometographie war er, wie man sich leicht denken kann, denn auch ganz besonders sattelfest. Nach dem Zusammenstoe hatte er auf Formentera gewi nur das Eine schmerzlich vermit, keinen Zuhoererkreis um sich zu haben; denn in diesem Falle htte er bestimmt sofort einen Eilcursus ber die Kometen begonnen und sein Lieblingsthema in folgender Ordnung abgehandelt:

1. Wie gro ist die Zahl der Planeten im Weltraume?

2. Welche sind die periodischen Kometen, d. h. die, welche nach einer gewissen Zeit wiederkehren, und welche sind die nichtperiodischen?

3. Wie verhlt es sich mit der Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoes zwischen der Erde und irgend einem jener Kometen?

4. Was wrde die Folge eines solchen Stoes sein, je nachdem der betreffende Komet einen harten Kern bese oder nicht?

Mit der Beantwortung dieser vier Fragen htte Palmyrin Rosette gewi auch die anspruchsvollsten seiner Zuhrer befriedigt.

Eben das wollen wir an seiner Stelle in diesem Capitel versuchen.

Also die erste Frage lautete: Wie gro ist die Zahl der Planeten im Weltraume?

Keppler nahm an, die Kometen am Himmel seien ebenso zahlreich wie die Fische im Wasser.

Drago hat, unter Zugrundelegung derjenigen dieser Gestirne, welche zwischen Merkur und Sonne gravitiren, die Zahl der brigen, welche den Raum unseres Sonnensystems berhren, auf siebzehn Millionen berechnet.

Lambert nimmt allein bis zum Saturn, also innerhalb eines Kanons von etwa zweihundertneunzehn Millionen Meilen, deren gegen fnfhundert Millionen an.

Andere Berechnungen ergeben gar vierundsiebzig Millionen Milliarden dieser Himmelskrper.

Die Wahrheit ist, da man nichts Bestimmtes ber die Anzahl der Haarsterne wei, da man sie niemals gezhlt hat und niemals wird zhlen knnen, aber da sie jedenfalls sehr zahlreich vorhanden sind. Um den Vergleich Keppler's zu verdeutlichen und zu erweitern, knnte man sagen, da ein auf der Sonnenoberflche stehender Fischer seine Angel gar nicht auswerfen knnte, ohne einen Kometen zu fangen.

Und das ist noch nicht Alles. Eine groe Anzahl schweift durch das Universum, welche sich dem Einflusse der Sonne vollstndig entzieht. Es giebt darunter viele so weit und so regellos umherirrende Gestirne, da sie scheinbar ganz nach ihrem Belieben von einem Attractions-Centrum zu einem anderen bergehen. Sie vertauschen unsere Sonnen- (d. h. unsere specielle Fixstern-)Welt mit bedauerlicher Leichtigkeit gegen eine andere, wobei am Horizonte der Erde solche erscheinen, welche man frher hier niemals erblickte, whrend andere dafr auf Nimmerwiedersehen verschwinden.

Um aber nur von denen zu sprechen, die unserem Sonnensysteme zweifellos angehren, haben diese wenigstens eine unvernderlich vorherbestimmte Bahn, wodurch ein Zusammensto entweder zwischen ihnen selbst oder mit der Erde zur Unmglichkeit wrde? - Leider nein! Ihre Bahnen sind fremden Einflssen nicht ganz und gar entzogen. Aus Ellipsen knnen dieselben zu Parabeln oder Hyperbeln werden.

Um nun vom Jupiter zu reden, so ist dieser Planet der hervorragendste Ordnungsstrer der Bahnen vieler Weltkrper. Nach der Beobachtung der Astronomen scheint er vorzglich auf der Heerstrae der Kometen zu wandeln und bt auf die schwchlichen Weltkrper oft einen verderbendrohenden Einflu, der sich freilich durch seine mchtige Anziehungskraft erklrt.

Das ist also in groben Zgen die Kometenwelt, welche Millionen zu ihr gehrender Gestirne zhlt. -

Die zweite Frage: Welche sind die periodischen Kometen und welche die nichtperiodischen?

Durchblttert man die astronomischen Jahrbcher, so finden sich zwischen fnf- und sechshundert Kometen welche zu verschiedenen Zeiten der Gegenstand eingehenderer Untersuchung geworden sind. Hierunter sind aber nur vierzig, deren Umlaufszeiten genau bekannt sind.

Diese vierzig Gestirne zerfallen wiederum in periodische und nichtperiodische Kometen. Die ersteren erscheinen fr die Erde in mehr oder weniger langen, aber fast ganz regelmigen Zeitrumen wieder. Die anderen entfernen sich von der Sonne in wahrhaft unmebare Weiten.

Unter den periodischen Kometen kennt man zehn mit sogenannter kurzer Umlaufszeit, deren Bewegungen mit uerster Genauigkeit berechnet sind. Es sind das die Kometen Halley's, Encke's, Gambart's, Faye's, Brrsen's, d'Arrest's, Tuttle's, Winnecke's, de Vico's und Tempel's.

Einige Worte ber die Geschichte derselben drften hier nicht am unrechten Orte sein, denn einer derselben befand sich einmal in demselben Verhltnisse zur Erde, wie unlngst der Komet Gallia.

Der Halley'sche Komet ist schon am lngsten bekannt. Man nimmt an, da er in den Jahren 134 und 52 v. Chr., und dann 400, 855, 930, 1006, 1230, 1305, 1380, 1456, 1531, 1607, 1682, 1759 und 1835 sichtbar war.

Er bewegt sich von Osten nach Westen, d. h. in umgekehrter Richtung wie die Planeten um die Sonne. Der Zeitraum zwischen zwei Erscheinungen desselben betrgt fnfundsiebzig bis sechsundsiebzig Jahre, je nachdem er auf seiner Bahn durch die Nhe des Jupiter oder Saturnus mehr oder weniger gestrt wurde, wodurch eine Verzgerung bis zu sechshundert Tagen entstehen kann. Der weltberhmte Herschel befand sich zur Zeit seines Erscheinens im Jahre 1835 am Cap der Guten Hoffnung, und damit in gnstigeren Verhltnissen als die Astronomen der nrdlichen Halbkugel der Erde, so da er den Kometen bis zum Mrz 1836 zu verfolgen vermochte, zu welcher Zeit er, wegen allzugroer Entfernung von der Erde, unsichtbar wurde. Zur Zeit seines Perihels nhert sich der Halley'sche Komet der Sonne bis auf 13 1/5 Millionen Meilen, also bis auf eine geringere Entfernung als die der Venus - was bezglich der Gallia ganz ebenso der Fall gewesen zu sein schien. Zur Zeit seines Aphels entfernt er sich bis auf 780 Millionen Meilen, d. i. ber die Kreisbahn des Neptun hinaus.

Der Encke'sche Komet ist derjenige, welcher seinen Umlauf im krzesten Zeitrume vollendet, denn er braucht dazu im Mittel nur 1203 Erdentage, also weniger als drei und ein halbes Jahr. Er bewegt sich in directer Richtung von Westen nach Osten. Zuerst entdeckt am 26. November 1818, erkannte man doch nach Berechnung seiner Bahnelemente, da er mit einem schon im Jahre 1805 gesehenen identisch sei. Wie es die Astronomen schon damals voraussagten, erschien er in den Jahren 1822, 1825, 1829, 1832, 1835, 1838, 1842, 1845, 1848, 1852 u. s. w. regelmig wieder, und hat berhaupt niemals ermangelt, zur bestimmten Zeit ber dem Horizonte der Erde sichtbar zu werden, wobei seine Umlaufszeit sich merkwrdiger Weise jedesmal um 6 Stunden verkrzte, ein Umstand, welcher trotz Encke's eigener und Bessel's spterer Hypothese noch keine allgemein angenommene Erklrung gefunden hat. Seine Bahn liegt noch innerhalb der des Jupiter. Er entfernt sich von der Sonne somit nicht weiter als hchstens 93 . Millionen Meilen, und nhert sich ihr bis 7/8 Millionen Meilen, d. h. mehr als der Merkur. Wie schon durch die Verminderung der Umlaufszeit angedeutet, vermindert sich die groe Achse seiner elliptischen Bahn allmlig, und verkleinert sich demnach seine geringste Entfernung von der Sonne. Es ist folglich gar nicht unwahrscheinlich, da der Enck'sche Komet endlich in die Sonne strzt, die ihn jedenfalls absorbiren wird, im Fall er nicht schon vorher durch die mit der Annherung an dieselbe steigenden Hitze verflchtigt wurde.

Der Gambart'sche oder Biela'sche Komet ward in den Jahren 1772, 1789, 1795 und 1805 schon beobachtet, seine Bahnelemente aber erst am 28. Februar 1826 genau bestimmt. Auch er besitzt eine directe Bewegung. Seine Umlaufszeit betrgt 2410 Tage, also fast sieben Jahre. Zur Zeit seines Perihels kommt er an der Sonne in der Entfernung von 19,626,000 Meilen, also ein wenig nher als die Erde vorber, und entweicht bei seinem Aphel bis auf 141,222,000 Meilen, also bis jenseit der Bahn des Jupiter. Eine merkwrdige Erscheinung bot dieser Himmelskrper im Jahre 1846. Er erschien ber dem Erdhorizonte in zwei Theilen; er hatte sich also unterwegs, jedenfalls unter dem Einflsse eigener, innerer Krfte, getrennt. Die beiden Theile bewegten sich gemeinschaftlich, aber mit einem Zwischenrume von 36,000 Meilen weiter; im Jahre 1852 betrug diese Entfernung schon 350,000 Meilen. Zuletzt wurde der Biela'sche Komet - ob vollstndig in Auflsung begriffen, ist noch nicht festgestellt - am 28. November 1872 als ein unerhrt starker Sternschnuppenfall beobachtet. Die Erde ist an jenem Tage also wahrscheinlich durch jenen Haarstern hindurchgegangen.

Faye's Komet, mit directer Bewegung, wurde zuerst am 22. November 1843 bemerkt. Auf die Berechnung seiner Elemente grndete man die Vorhersage, da er 1850 und 1851, nach siebenundeinhalb Jahren oder 2718 Tagen, wieder erscheinen wrde. Diese Prophezeiung ging in Erfllung: das Gestirn zeigte sich zur damals bestimmten und fr spter berechneten Zeit, wobei es in 38,790,000 Meilen Entfernung seine Sonnennhe passirte, dem Centralsterne also nicht ganz so nahe kam wie der Mars, und sich dann bis auf 135,936,000 Meilen, d. i. weiter als der Jupiter, von ihm entfernte.

Brrsen's Komet wurde am 26. Februar 1846 in Kiel entdeckt. Er vollendet, in directer Bewegung, seinen Kreislauf binnen circa fnfundeinhalb Jahren oder 2042 Tagen. Sein Perihel-Abstand betrgt 14,768,400 Meilen; seine Aphel-Entfernung 129,600,000 Meilen.

Was die anderen Kometen mit kurzer Umlaufszeit betrifft, so vollendet der von d'Arrest seine Bahn binnen etwa sechsundeinhalb Jahren, und schweifte derselbe 1862 gegen 6,500,000 Meilen jenseit des Jupiter; der von Tutle beschreibt seine Ellipse in dreizehn und zwei drittel Jahren; jener von Winnecke in fnfundeinhalb Jahren; der Tempel'sche Komet fast in derselben Zeit, dagegen scheint sich der de Vico'sche in ungemessene Himmelsfernen verloren zu haben. Die letztgenannten Haarsterne wurden noch nicht so eingehend untersucht wie die ersten fnf.

Wir htten nun noch die Kometen von mittlerer oder langer Umlaufszeit anzufhren, von denen vierzig mehr oder weniger eingehend studirt worden sind.

Der von 1556, der sogenannte Komet Karl's V., wurde zwar 1860 erwartet, ist aber nicht erschienen.

Den von Newton 1680 beobachteten Haarstern, welcher nach Whiston durch zu groe Annherung an die Erde deren Untergang herbeifhren sollte, mte man im Jahre 619 und 43 v. Chr. gesehen haben, spter 531 und 1116. Seine Umlaufszeit betrgt gegen fnfhundertfnfundsiebzig Jahre und streift er in seinem Perihel so dicht an der Sonne vorber, da er von derselben eine achtundzwanzigtausendmal strkere Wrme erhlt als die Erde, d. h. zweitausendmal die Hitze des schmelzenden Eisens!

Der Komet von 1586 lie sich, der Lebhaftigkeit seines Glanzes nach, mit einem Fixsterne erster Gre vergleichen.

Der Komet von 1811, der seinen Namen (das Kometenjahr) dem Jahre seines Erscheinens gegeben, besa einen Ring (Kern) von 103,000 Meilen Durchmesser, eine Nebelhlle von 270,000 Meilen und einen Schweif von 27 Millionen Meilen Lnge.

Der Komet von 1843, den man mit dem von 1668, 1494 und 1317 identificiren zu sollen glaubte, wurde von Cassini beobachtet, doch stimmen die Astronomen bezglich seiner Revolutionsperiode keineswegs berein. Er geht an der Sonne in einer Entfernung von nur 7200 Meilen, und mit einer Schnelligkeit von 8000 Meilen in der Secunde vorber. Die Wrme, welche er dabei empfngt, gleicht derjenigen, welche 87,000 Sonnen der Erde in ihrem mittleren Abstnde zustrahlen wrden. Sein Schweif war sogar am hellen Tage sichtbar.

Der Donati'sche Komet, der seiner Zeit zwischen den Sternbildern des nrdlichen Himmels in so lebhaftem Glanze schimmerte, hatte eine etwa siebenhundertmal geringere Masse als die Erde.

Der mit heller leuchtenden Strahlenbscheln geschmckte Komet von 1861 glich einer ungeheuren, phantastischen Muschel.

Der Komet von 1864, dessen Umlaufszeit nicht weniger als 280,000 Jahre betrgt, verliert sich also sozusagen im Weltraume.

Die dritte Frage: Wie verhlt es sich mit der Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoes zwischen der Erde und irgend einem jener Kometen?

Wenn man die Bahnen der Planeten und die der Kometen auf Papier zeichnet, so schneiden sich dieselben an vielen Punkten. In der Wirklichkeit liegt das aber anders. Die Ebenen dieser Bahnen stehen gegen die Ekliptik, d. i. die Kreisbahnebene der Erde, in sehr verschiedenen Winkeln geneigt. Kann es nun aber trotz dieser Vorsichtsmaregeln des Schpfers, bei der ungeheuren Anzahl der Kometen nicht einmal vorkommen, da einer derselben gegen die Erde anstt?

Hier die Antwort:

Die Erde verlt, wie bekannt, niemals die Ebene der Ekliptik, und die von ihr um die Sonne beschriebene Bahn liegt in jedem Punkt in dieser Ebene.

Was mu also zusammentreffen, damit ein Komet gegen die Erde stoen knne:

   1. Dieser Komet mu ihr in der Ebene der Ekliptik begegnen.
   2. Die Stelle, welche der Komet schneidet, mu dieselbe sein, an welcher sich die Erde eben befindet.
   3. Die Entfernung zwischen den Mittelpunkten der beiden Gestirne mu kleiner sein als die Summe ihrer Halbmesser.

Knnen nun diese drei Bedingungen erfllt werden und in Folge dessen einen Zusammensto herbeifhren?

Als man diese Frage einst Arago vorlegte, antwortete er:

Die Wahrscheinlichkeitsrechnung liefert uns die Unterlagen, die Chancen eines solchen Zusammentreffens abzuschtzen, und zwar lehrt sie, da man bei dem Auftreten eines bisher unbekannten Kometen 280 Millionen gegen 1 wetten kann, da derselbe die Erde nicht treffe.

Laplace leugnete die Mglichkeit eines solchen Zusammenstoes nicht vollstndig und beschreibt dessen Folgen in seiner Darstellung des Weltsystemes.

Sind die Aussichten nun hinreichend beruhigend? Darber wird Jeder je nach seinem Temperamente urtheilen. Es verdient hierbei brigens bemerkt zu werden, da die Berechnung des berhmten Astronomen auf zwei Elemente basirt ist, welche unendlich verschieden sein knnen. Er verlangt nmlich: 1. da, der Komet in seinem Perihel der Sonne nher sei als die Erde, und 2. da der Durchmesser dieses Kometen (-kernes) dem halben Radius der Erde mindestens gleichkomme.

Bei diesem Exempel handelt es sich also nur um den Zusammensto zwischen einem Kometenkerne und der Erdkugel. Wollte man auch ein Zusammentreffen mit der Nebelhlle in Betracht ziehen, so mte man jene Zahl um das Zehnfache vermindern, also entweder 280 Millionen gegen 10, oder 28 Millionen, gegen 1 dafr einsetzen.

Bleiben wir zunchst bei Arago's Auseinandersetzung stehen, so sagt er weiter:

Nehmen wir einmal an, da ein die Erde treffender Komet das Leben des ganzen Menschengeschlechtes vernichtete; dann waere die Todesgefahr fr das einzelne Individuum bei der Erscheinung eines unbekannten Kometen ebenso gro, als befnde sich in einer Urne eine einzige weie Kugel unter 280 Millionen anderen Kugeln, und seine Verurtheilung zum Tode wrde davon abhngig gemacht, da diese einzige weie Kugel bei der ersten Ziehung zum Vorschein kme!

Aus Allem geht immerhin hervor, da die Mglichkeit des Zusammenstoes eines Kometen mit der Erde nicht unbedingt auszuschlieen ist.

Ist ein solches Ereigni schon jemals dagewesen?

Nein, behaupten die Astronomen, weil seit die Erde sich um ihre unvernderte Achse dreht, sagt Arago, man mit aller Sicherheit darauf schlieen kann, da sie keinen Sto von einem Kometen erlitten habe. In Folge eines solchen Stoes wre pltzlich eine andere Rotationsachse an Stelle der jetzigen Hauptachse getreten, und die Zonen der Erde htten nach und nach entstandene Vernderungen aufweisen mssen, fr welche aber keinerlei Beweise beizubringen sind. Die Constanz der irdischen Zonen spricht also dafr, da unser Planet seit seiner Entstehung durch keinen Kometen getroffen worden ist... Auch kann man nicht, wie es mehrere Gelehrte wollten, jene etwa hundert Meter unter die Meeresoberflche betragende Senkung des Caspischen Beckens etwa von dem Anprall eines Kometen herleiten.

Da also kein solcher Zusammensto stattgefunden, scheint sicher zu sein, aber htte denn jemals einer stattfinden knnen?

Diese Frage erinnert unwillkrlich an den Gambart'schen Kometen.

Als derselbe im Jahre 1832 erschien, erfllte er die Welt mit einem gewissen Entsetzen. In Folge einer sonderbaren kosmographischen Concidenz schneidet die Bahn dieses Kometen fast diejenige der Erde. Am 29. October, kurz vor Mitternacht, mute derselbe sehr nahe an einem Punkte der Erdbahn vorbeikommen. Wrde die Erde zu derselben Zeit sich ebenda befinden? Wenn das der Fall war, so mute ein Zusammensto stattfinden, denn die Lnge des Kometen-Radius betrug nach Olber's das Fnffache des Erd-Radius und eine Strecke der Erdbahn war von seiner Nebelhlle bedeckt.

Glcklicher Weise gelangte die Erde nach diesem Punkte ihrer Bahn erst einen Monat spter, am 30. November, und als sie daselbst mit der ihr eigenen Geschwindigkeit von 46,400 Meilen im Tage vorberkam, war der Komet von ihr schon gegen 13 Millionen Meilen entfernt.

Recht schn; doch wre sie an diesem Punkte einen Monat frher, oder der Komet einen Monat spter eingetroffen, so htte ein Zusammensto stattgefunden. Wre das mglich gewesen? Unzweifelhaft; denn wenn man auch gar nicht anzunehmen braucht, da irgend ein fremder Einflu die Rotation des Erdsphroides htte beschleunigen knnen, so wird doch Niemand bestreiten, da der Lauf eines Kometen nicht verzgert werden knnte, da diese Gestirne auf ihrer Bahn bekanntermaen oft ganz gewaltige Strungen erleiden.

Wenn ein solcher Sto in der Vergangenheit also nicht stattgehabt hatte, so spricht doch nichts dagegen, da es htte der Fall sein knnen.

Uebrigens war der in Rede stehende Gambart'sche (Biela'sche) Komet im Jahre 1805 schon einmal zehnmal nher, d. h. in einer Entfernung von nur 1,200,000 Meilen, bei der Erde vorbergegangen. Bei der Unbekanntschaft mit diesem Verhltniss rief jene Constellation damals aber keinerlei Besorgniss hervor. Nicht ganz so verhielt es sich mit dem Kometen von 1843, denn man frchtete, da die Erde ganz und gar von dessen Schweif verhllt und unsere Atmosphre vielleicht zum Athmen untauglich wrde.

Die vierte Frage: Was wrde die Folge eines solchen Stoes sein, je nachdem der betreffende Komet einen harten Kern bese oder nicht?

Die Einen dieser weit im Weltrume umherschweifenden Gestirne haben nmlich in der That einen Kern, der den anderen abgeht.

Fehlt den Kometen ein solcher Kern, so erweisen sie sich aus einem so zarten Nebel bestehend, da man durch denselben selbst Fixsterne zehnter Gre wahrzunehmen vermochte. Hierdurch erklrt sich auch der nicht seltene Wechsel in der Form dieser Himmelskrper, und die Schwierigkeit, sie allemal sicher wieder zu erkennen. Dieselbe beraus feine Materie bildet auch ihren Schweif. Letzterer erscheint fast nur als eine unter dem Einflusse der Sonnenwrme entstehende Ausdnstung aus dem Kerne, resp. der Nebelhlle.

Ein Beweis hierfr liegt darin, da dieser Schweif, sei es in der Form einer seinen Feder oder in der eines mehrtheiligen Fchers, sich erst dann auszubilden beginnt, wenn die Kometen nur noch 18 Millionen Meilen, also weniger als die Erde, von der Sonne entfernt sind. Daneben beobachtet man jedoch auch, da gewisse, vielleicht dichtere, massenreichere und gegen hohe Temperaturgrade widerstandsfhigere Kometen kein Anhngsel dieser Art zeigen.

Im Falle ein Zusammensto der Erde mit einem Kometen ohne Kern einmal stattfnde, knnte von einem Stoe im eigentlichen Sinne des Wortes nicht wohl die Rede sein. Der Astronom Faye behauptete, ein Spinnengewebe wrde einer Bchsenkugel mehr Widerstand darbieten als ein Kometennebel. Wenn die Stoffe, welche Nebelhlle und Schweif bilden, nicht an sich gesundheitsgefhrlich sind, so wre bei einem solchen Vorkommni gar nichts zu frchten. Dagegen scheint zweierlei nicht ganz auer Acht zu lassen: entweder da diese Materien glhend wren und vielleicht die ganze Erdoberflche in Brand setzten, oder da sie unserer Atmosphre nicht athembare Gase zufhrten. Letztere Eventualitt ist allerdings nur schwer denkbar. Nach Babinet besitzt die Erdatmosphre gegenber jenen kometarischen Nebeln unzweifelhaft eine so berwiegende Dichtigkeit, so zart sie in den hchsten Schichten auch sein mag, da sie jenen Nebel am Eindringen hindern wrde. Nach Newton's Behauptung wre die Zartheit dieser Kometendnste eine so groe, da, wenn ein Komet mit einem Radius von 219 Millionen Meilen bis zum Dichtigkeitsgrade der Erdatmosphre condensirt wrde, er in einem Wrfel von fnfundzwanzig Millimeter Seite hinreichend Platz fnde.

Von den einfachen Kometennebeln wre als im Fall eines Zusammenstoes so gut wie nichts zu frchten. Wie mchte sich die Sachlage aber gestalten, wenn ein solcher Haarstern einen harten Kern bese?

Zuerst die Frage: Giebt es berhaupt solche Kerne? Man wird hierauf antworten, da das der Fall sein msse, wenn der Komet einen hinreichenden Concentrationsgrad erlangt hat, um aus dem gasfrmigen in den festen Zustand berzugehen. Tritt er dann zwischen einen Stern und einen Beobachter auf der Erde, so verdeckt er den ersteren.

Im Jahre 480 v. Chr., zur Zeit des Xerxes, soll die Sonne, nach Anaxagoras, durch einen Kometen verfinstert worden sein. Ebenso beobachtete Dion, einige Tage vor dem Tode des Augustus, eine hnliche Finsterni, welche vom Monde bestimmt nicht herrhren konnte, da sich dieser an dem betreffenden Tage in Opposition zur Sonne befand.

Die Kometographen erklren diese beiden Zeugnisse jedoch, und wohl nicht mit Unrecht, fr werthlos. Dagegen setzen zwei neuere Beobachtungen die Existenz solcher Kometenkerne auer Zweifel. In der That verdunkelten die Kometen von 1774 und 1828 Fixsterne achter Gre. Ebenso wurde seiner Zeit durch directe Beobachtungen nachgewiesen, da die Haarsterne von 1402, 1532 und 1744 harte Kerne besaen. Fr den Kometen von 1843 ist ein solcher noch zweifelloser nachgewiesen, da man das Gestirn am hellen Tage ohne Hilfe eines Instrumentes nahe bei der Sonne wahrnehmen konnte.

Es existiren nun nicht allein feste Kerne in gewissen Kometenkpfen, sondern man hat jene sogar gemessen. So kennt man Durchmesser solcher von 6 . und 7 Meilen bei den Kometen von 1798 und 1805 (Biela), bis zu 1920 Meilen, bei dem von 1845. Der Kern des letzteren bertrfe an Gre also selbst die Erdkugel, so da im Fall eines Zusammenstoes der Vortheil vielleicht auf der Seite des Kometen bliebe.

Bezglich der schon gemessenen Nebelhllen hat man festgestellt, da deren Durchmesser zwischen 4320 und 270,000 Meilen wechselt.

Wir schlieen das Vorhergehende (mit Arago) also in folgende Stze zusammen:

Es existiren oder knnen doch existiren:

   1. Kometen ohne Kern.
   2. Kometen mit einem jedenfalls durchscheinenden Kerne.
   3. Kometen mit hellerem Glanze, als dem der Planeten, welche wahrscheinlich einen festen und undurchsichtigen Kern besitzen.

Um nun zu untersuchen, welcher Art die Folgen eines Zusammenstoes der Erde mit einem jener Gestirne sein wrden, so ist im Voraus zu bemerken, da, selbst im Falle eines nicht ganz directen Stoes, gewi sehr eingreifende Erscheinungen eintreten mten.

Schon der sehr nahe Vorbergang eines Kometen von hinreichender Masse wrde nicht ohne Gefahr sein. Bei einer im Verhltni zu der der Erde verschwindenden Masse wre nichts zu frchten. So hat z. B. der Komet von 1770, der in einer Entfernung von nur 360,000 Meilen an der Erde vorberzog, die Dauer des Erdenjahres auch nicht um eine Secunde verndert, whrend der Einflu der Erde die Revolution des Kometen um zwei Tage verzgerte.

Wenn ein Komet aber bei annhernder Gleichheit der Massen in der Entfernung von 33,000 Meilen an der Erde vorbeikme, so wrde er die Dauer des Jahres um sechzehn Stunden fnf Minuten verlngern und die Schiefe der Ekliptik um zwei Grad verndern. Vielleicht finge er uns dabei sogar den Mond weg.

Welches wrden nun aber die Folgen eines directen Stoes sein? Versuchen wir, sie im Folgenden darzulegen.

Entweder wrde der Komet, im Fall er den Erdball nur streifte, auf demselben einen Theil von sich zurcklassen, oder er risse - wie das mit der Gallia der Fall war - verschiedene Stcke der Erde los, oder endlich er fgte sich der Erdkugel gnzlich ein, um auf derselben etwa einen neuen Continent darzustellen.

In jedem dieser Flle knnte die Tangentialgeschwindigkeit der Erde pltzlich aufgehoben werden. Alle Wesen, Bume, Huser u. s. w. wrden in der Schnelligkeit von 4,8 Meilen in der Secunde, welche sie vor dem Stoe hatten, weiter geschleudert werden. Die Meere mten aus ihren natrlichen Bassins hervorbrechen, um Alles zu vernichten. Die noch feurig-flssigen Bestandtheile des Erdinnern wrden durch den Gegensto nach der verhltnimig dnnen, festen Kruste unseres Planeten drngen und nach auen durchzubrechen suchen. In Folge der Vernderung der bisherigen Erdachse trte ein neuer Aequator an Stelle des frheren. Endlich knnte die Bahngeschwindigkeit der Erde wohl auch ganz gehemmt werden, wodurch unser Planet, wenn die Anziehungskraft der Sonne durch keine Tangentialkraft mehr aufgehoben wrde, in gerader Linie nach dem Centralgestirn zu strzen und nach einer Fallzeit von 64 . Tagen von letzterem absorbirt werden wrde.

Oder es wrde sich, unter Bercksichtigung der neueren Wrmetheorie, nach der die Wrme nichts anderes ist als eine modificirte Bewegung, die pltzlich unterbrochene Geschwindigkeit unseres Sphroden mechanisch in Wrme umsetzen. Unter einer bis zu mehreren Millionen Graden gesteigerten Temperatur wrde sich dann die Erde schon binnen wenigen Secunden verflchtigen.

Inde, um diese kurze Aufzhlung solcher nicht wnschenswerthen Aussichten abzuschlieen, der Zusammensto zwischen der Erde und einem Kometen hat nur die Wahrscheinlichkeit von 281,000,000 gegen 1 fr sich.

Das ist ganz richtig, uerte spter Palmyrin Rosette, doch wir, wir haben die eine weie Kugel gezogen.

Viertes Capitel.

In welchem man Palmyrin Rosette so entzckt ber das ihm zugefallene Schicksal sehen wird, da das allerlei zu denken giebt.

Mein Komet! das waren des Professors letzte Worte gewesen. Dann runzelte er die Stirn und fixirte seine Zuhrer, als knne Einer derselben den Gedanken haben, ihm seine Eigenthumsrechte auf die Gallia streitig zu machen. Vielleicht fragte er sich auch, mit welchem Rechte sich die ihn umstehenden Eindringlinge auf seinem Gebiete niedergelassen hatten.

Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop verharrten in tiefstem Schweigen. Jetzt kannten sie die ganze Wahrheit, der sie schon recht nahe gekommen waren. Man erinnert sich der nach verschiedenen Errterungen allmlig angenommenen Hypothesen: zunchst bezglich der Vernderung der Rotationsachse der Erde und der Vertauschung der beiden Cardinalpunkte des Himmels; dann der Ansicht, da ein Fragment des Erdsphrodes von diesem abgesprengt und in den Weltraum hinausgeschleudert worden sei; endlich da ein unbekannter Komet die Erde gestreift, einige Theile derselben losgerissen habe und sie nun vielleicht bis zur Fixsternwelt hinaus entfhre.

Die Vergangenheit kannte man. Die Gegenwart hatte man vor Augen. Was wrde nun die Zukunft bringen? Hatte dieses Original eines Gelehrten es vorausgesehen? Hector Servadac und seine Gefhrten zauderten, diese Frage an ihn zu richten.

Palmyrin Rosette legte die volle Amtsmiene an und schien nur darauf zu warten, da ihm die in dem allgemeinen Saale versammelten Fremden unter aller Form vorgestellt wrden.

Hector Servadac bequemte sich zu dieser Ceremonie, um den mitrauischen und mrrischen Gelehrten nicht zu reizen.

Herr Graf Timascheff, sagte er, seinen Begleiter vorstellend.

- Seien Sie mir willkommen, Herr Graf, antwortete Palmyrin Rosette mit jener wohlwollenden Herablassung des Herrn, der sich ganz zu Hause fhlt.

- Herr Professor, lie sich der Graf vernehmen, es lag im Grunde keineswegs in meiner Absicht, da ich auf Ihren Kometen gekommen bin, doch schulde ich Ihnen deshalb nicht geringeren Dank fr Ihre gastfreundliche Aufnahme.

Hector Servadac fhlte die Ironie dieser Worte und sagte lchelnd:

Der Lieutenant Prokop, Befehlshaber der Golette Dobryna, auf welcher wir eine Rundfahrt um die Gallia ausgefhrt haben.

- Eine Umschiffung?... rief der Professor lebhaft.

- Gewi, eine volle Weltumseglung, besttigte Kapitn Servadac.

Dann fuhr er weiter fort: Ben-Zouf, meine Ordon ...

- Adjutant des General-Gouverneurs der Gallia, fiel Ben-Zouf schnell ein, der diese beiden Aemter weder sich noch seinem Kapitn streitig machen lassen wollte.

Einer nach dem Anderen wurden sodann die russischen Matrosen, die Spanier, der junge Pablo und die kleine Nina vorgestellt, welch' Letztere der Professor durch seine Riesenbrille anstarrte wie ein Knecht Ruprecht, der die Kinder nicht leiden mag.

Isaak Hakhabut trat selbst vor und sagte:

Herr Astronom, eine Frage, nur eine einzige, aber sie ist mir von der grten Wichtigkeit... Wann knnen wir hoffen, zurckzukehren? ...

- Ah, antwortete der Professor, wer spricht da schon von Rckkehr, da wir kaum erst abgefahren sind?

Nach geschehener Vorstellung ersuchte Hector Servadac Palmyrin Rosette, seine Geschichte zu erzhlen.

Dieselbe lautete in kurzen Worten:

Um die Bogenmessung des Meridians von Paris prfen und besttigen zu lassen, ernannte die franzsische Regierung eine wissenschaftliche Commission, zu welcher Palmurin Rosette, seiner bekannten Unvertrglichkeit wegen, nicht mit hinzugezogen wurde.

Wegen seiner Ausschlieung erbittert, beschlo der Professor auf eigene Hand an die Arbeit zu gehen. In der Voraussetzung, da die ersten geodtischen Aufnahmen Ungenauigkeiten enthielten, nahm er sich vor, den uersten Theil des Netzes, der die Insel Formentera mit der spanischen Kste durch ein Dreieck von 24 Meilen lngster Seite verband, nachzumessen. Derselben Arbeit hatten sich vor ihm Arago und Biot mit grter Sorgsamkeit unterzogen.

Palmyrin Rosette verlie also Paris. Er begab sich nach den Balearen, errichtete sein Observatorium auf dem hchsten Gipfel jener Insel und traf Anstalt, mit seinem Diener Joseph daselbst als Eremit zu wohnen, whrend einer seiner bewhrten Gehilfen, den er zu diesem Zwecke mitnahm, auf einem erhhten Kstenpunkte Spaniens eine Reverbre so anbrachte, da deren reflectirtes Licht auf Formentera mittels Fernrohrs zu beobachten war. Einige Bcher, die nthigen Instrumente und Lebensmittel auf zwei Monate bildeten das ganze Material, eines groen Himmelsfernrohres nicht zu vergessen, von dem sich Palmyrin Rosette niemals trennte und das schon mehr einen Theil seines eigenen Ichs auszumachen schien. Es kam das von der Vorliebe des frheren Lehrers der Charlemagne her, die Tiefen des Himmels in der Hoffnung zu durchstbern, da ihm noch einmal eine Entdeckung gelingen werde, welche seinem Namen die Unsterblichkeit sicherte. Das war so seine fixe Idee.

Palmyrin Rosette's Arbeit erforderte vor Allem eine unermdliche Geduld. Nacht fr Nacht mute er das von seinem Gehilfen auf der spanischen Kste unterhaltene Feuer im Auge behalten, um sein Dreieck richtig zu bestimmen, auch hatte er keineswegs vergessen, da Arago und Biot einundsechzig Tage gebraucht hatten, dieses Resultat zu erreichen. Unglcklicher Weise lagerte damals, wie frher erwhnt, ein auerordentlich dichter Nebel nicht allein ber der Kste Spaniens, sondern berhaupt fast ber der ganzen Erdkugel.

Gerade in der Umgebung der Balearen entstanden zu wiederholten Malen Lichtungen von kurzem Bestande in diesem Nebelmeere. Es galt also, mit grter Gewissenhaftigkeit auf dem Beobachtungspunkte auszuharren, woneben Palmyrin Rosette allerdings sich nicht immer enthalten konnte, einige forschende Blicke nach dem Firmamente zu richten, denn er beschftigte sich gleichzeitig mit der Revision derjenigen Abtheilung der Himmelskarten, welche das Sternbild der Zwillinge enthielt.

Mit unbewaffnetem Auge betrachtet, zeigt dieses Sternbild hchstens sechs Sterne; ein Teleskop von siebenundzwanzig Centimeter Ocular-Durchmesser steigert die Zahl aber auf mehr als sechstausend. Palmyrin Rosette besa leider einen Reflector von dieser Gre nicht und half sich also so gut es eben anging mit seinem astronomischen Fernrohre.

Als er nun eines Tages beschftigt war, die Tiefen des Himmels in der Konstellation der Zwillinge zu controliren, glaubte er einen neuen, glnzenden Punkt zu erkennen, den keine Himmelskarte aufwies. Ohne Zweifel war das ein in die Kataloge noch nicht aufgenommener Stern. Durch wiederholte Beobachtung im Laufe mehrerer Nchte berzeugte sich der Professor, da jenes Gestirn seinen Ort bezglich der anderen Fixsterne ungewhnlich schnell vernderte. Hatte er hier einen neuen kleinen Planeten vor sich, den der Gott der Astronomen ihm zusandte? Sollte ihm endlich die lngst geahnte wissenschaftlich wichtige Entdeckung gelingen?

Palmyrin Rosette verdoppelte seine Aufmerksamkeit; bald lehrte ihn die zunehmende Geschwindigkeit des Gestirns, da er hier einen Kometen vor sich habe. Binnen Kurzem ward dessen Nebelhlle sichtbar, und es entwickelte sich der Schweif, als den Kometen nur noch achtzehn Millionen Meilen von der Sonne trennten.

Von diesem Augenblick verblate unseres Gelehrten Interesse an seiner Triangulation vollstndig. Ohne Zweifel unterhielt der Gehilfe Palmyrin Rosette's an der Festlandskste mit unverminderter Gewissenhaftigkeit seine Signalfeuer, aber ebenso sicher wandte Palmyrin Rosette kein Auge mehr nach jener Richtung hin. Objective und Oculare besa er nur noch fr den neuen Haarstern, den er studiren und benennen wollte. Er vegetirte nur noch in jenem Eckchen, des Himmels, in dem die Zwillinge leuchten.

Beabsichtigt man die Elemente eines Kometen zu berechnen, so beginnt man stets damit, eine parabolische Bahn desselben vorauszusetzen. Dieser Weg bietet die gnstigsten Erfolge. Die Kometen erscheinen nmlich im Allgemeinen erst in der Nhe ihres Perihels, d. h. nahe ihrer krzesten Entfernung von der Sonne, welche in dem einen Brennpunkte ihrer Bahn steht. In diesem Theile einer solchen Curve ist nun der Unterschied zwischen Ellipse und Parabel, wenn diese einen gemeinschaftlichen Brennpunkt haben, fast gleich Null, denn die Parabel ist nichts als eine Ellipse mit unendlich langer groer Achse.

Palmyrin Rosette basirte seine Berechnungen also auf die Hypothese einer parabolischen Curve und ging hiermit nicht fehl.

Um einen Kreis mathematisch zu bestimmen, bedarf es der Angabe dreier Punkte seiner Peripherie; ganz ebenso mu man, zur Bestimmung der Elemente eines Kometen, denselben in drei verschiedenen Positionen beobachten. Erst dann vermag man die Linie festzustellen, der er im Weltraume folgen wird, was man mit dem Ausdrucke, seine Ephemeriden bestimmen, bezeichnet.

Palmyrin Rosette begngte sich nicht mit drei Positionen. Unter Benutzung jeder Gelegenheit, wenn der Nebel in seinem Zenith einmal zerri, beobachtete er die gerade Aufsteigung und die Deklination (Abweichung) seines Objectes wohl zehn-, zwanzig- und dreiigmal und erhielt mit grter Genauigkeit die fnf Elemente des neuen Kometen, der sich mit besorgnierregender Schnelligkeit fortbewegte.

Als Beobachtungsresultate erhielt er nmlich:

   1. Die Neigung der betreffenden Kometenbahn gegen die Ekliptik, d. h. gegen die Ebene, in welcher die Kreisbahn der Erde um die Sonne liegt. Gewhnlich ist der Winkel zwischen diesen beiden Ebenen ein ziemlich groer, wodurch sich, wie bekannt, die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoes mit der Erde wesentlich vermindert. Im vorliegenden Falle fielen diese Ebenen freilich zusammen.
   2. Die Bestimmung des aufsteigenden Knotens des Kometen, d. h. seine Lnge in der Ekliptik, oder mit anderen Worten, der Punkt, an dem der Haarstern die Erdbahn schneiden mute
      Aus diesen beiden Elementen lie sich die Lage der Bahn des Kometen im Weltraume ableiten.
   3. Die Richtung der groen Achse der Bahn. Sie wurde erhalten durch Berechnung der Lnge des Perihels des Kometen, und gelangte Palmyrin Rosette hierdurch zur nheren Bestimmung der parabolischen Curve innerhalb ihrer schon bekannten Ebene.
   4. Den Perihel-Abstand des Kometen, d.h. die Entfernung zwischen ihm und der Sonne, wenn er dieser am nchsten stehen wrde - eine Rechnung, welche zuletzt genau die Form der Parabel ergab, deren Brennpunkt nothwendiger Weise die Sonne einnahm.
   5. Endlich die Richtung der Bewegung des Kometen. Diese Bewegung erwies sich gegenber den Planeten als eine retrograde, d. h. er bewegte sich von Osten nach Westen [Funote]Unter 252 Kometen zhlt man 123 mit rechtlufiger (directer) und 129 mit rcklufiger (retrograder) Bewegung im Vergleich zu der aller Planeten. zu.

Nach Kenntninahme dieser fnf Elemente berechnete Palmyrin Rosette das Datum, an welchem der Komet durch sein Perihel gehen wrde. Als er dann zu seiner grten Freude constatiren konnte, da er einen bisher unbekannten Kometen vor sich habe, taufte er ihn auf den Namen Gallia, nachdem er vorher ein wenig zwischen den Benennungen Palmyra und Rosette geschwankt hatte, und ging nun an's Werk, ber den Neuling Bericht zu erstatten.

Man kommt nun auf die Frage, ob der Professor auch die Mglichkeit eines Zusammenstoes zwischen Erde und Gallia vorausgesehen habe.

Sicherlich; und nicht nur die Mglichkeit, sondern die Gewiheit eines solchen.

Wenn man ihn nur entzckt genannt htte ber diese Aussicht, so bliebe dieser Ausdruck noch weit hinter der Wahrheit zurck. Der Gelehrte verfiel in ein wirkliches astronomisches Delirium darber, da die Erde in der Nacht vom 31. December zum 1. Januar einen Sto erleiden und der Anprall um so heftiger sein werde, weil die beiden Himmelskrper in entgegengesetzter Richtung auf einander zueilten.

Jeder Andere wrde Formentera voller Entsetzen verlassen haben. Er blieb ruhig auf seinem Posten. Er verlie seine Insel nicht nur nicht, sondern enthielt sich auch jeder Verffentlichung seiner Entdeckung. Aus den Tagesblttern wute er, da auf beiden Kontinenten jede Beobachtung durch dichte Nebelmassen unmglich war, sowie da keine andere Sternwarte die Annherung dieses Kometen erwhnt hatte - Grund genug fr ihn, zu glauben, da er bis jetzt allein jenen Haarstern im Weltraume aufgefunden habe.

So verhielt es sich in der That, und dieser Umstand ersparte der brigen Erde den entsetzlichen Schrecken, der sich ihrer Bewohner bei der Kenntni jener drohenden Gefahr bemchtigt haben wrde.

Palmyrin Rosette war und blieb also der Einzige, der es wute, da bald ein Zusammensto stattfinden msse zwischen der Erde und jenem Kometen, den ihn der heitere Himmel der Balearen sehen lie, whrend er sich im Uebrigen den Blicken der Astronomen verbarg.

Der Professor harrte also auf Formentera aus, und das mit um so grerer Hartnckigkeit, als der Haarstern die Erde seinen Berechnungen nach im Sden von Algier treffen mute. Diesem Ereigni wollte er beiwohnen, denn bei dem harten Kerne des Kometen mute es dabei sehr merkwrdig zugehen.

Der Sto erfolgte in der uns schon bekannten Art und Weise. Fr Palmyrin Rosette hatte er zunchst die Folge, ihn urpltzlich von seinem Diener Joseph zu trennen. Als er aus langer Betubung, wieder erwachte, sah er sich allein auf einem Eiland, dem einzigen Ueberbleibsel vom Archipel der Balearen.

So lautete die Geschichte des Professors, die er mit vielen Ausrufungen spickte und mit so drohendem, Runzeln der Augenbrauen begleitete, wie es der Kreis seiner wohlwollenden Zuhrer schwerlich verdiente. Er schlo, wie folgt:

Hochwichtige Vernderungen waren eingetreten, wie die Ortsvernderung der Cardinalpunkte des Himmels und die Verminderung der Schwerkraft. Ich, meine Herren, lebte dabei nur nicht wie Sie in der Tuschung, mich noch auf dem Erdsphroid zu befinden. Nein! die Erde gravitirte durch den Weltraum weiter in Begleitung des ihr immer treu gebliebenen Mondes, und folgte ihrer frheren Bahn, welche durch den Sto keine Vernderung erlitt. Der Komet hatte sie ja so zu sagen nur gestreift und ihr die wenigen, verhltnimig unbedeutenden Theile ihrer Oberflche entrissen, welche Sie nach und nach wieder gefunden haben. Es ist demnach Alles sehr glcklich abgegangen und wir haben keinerlei Ursache zu klagen. Wir konnten ja entweder zermalmt werden durch den Anprall des Kometen, oder die Erde konnte letzteren fest an sich halten; in keinem Falle genssen wir den beneidenswerthen Vorzug, jetzt durch die Sonnenwelt zu fliegen.

Palmyrin Rosette sprach das Alles mit einer solchen Befriedigung aus, da an einen Widerspruch gar Nicht zu denken war. Nur Ben-Zouf wagte unkluger Weise seine Meinung dahin zu uern, da, wenn der Komet statt auf jenen Theil Afrikas gegen den Montmartre gestoen wre, dieser Berg gewi hinreichenden Widerstand geleistet htte und dann ....

Der Montmartre! rief Palmyrin Rosette, der Zwerg von Montmartre-Hgel wre in Staub verwandelt worden wie ein gewhnlicher Maulwurfshaufen, dem er ja gleicht!

- Einem Maulwurfshaufen! rief nun seinerseits Ben-Zouf auf's Tiefste verletzt. Mein heimatlicher Hgel htte Ihr Kometen-Brckchen im Fluge gehascht und sich dasselbe wie einen Kppi aufgesetzt!

Um dieser nur kurzen, aber unzweckmigen Discussion ein Ende zu machen, befahl Hector Servadac Ben-Zouf zu schweigen, und theilte dem Professor des Nheren mit, welch' eigenthmliche Ideen seine Ordonnanz ber die Festigkeit des Montmartre-Hgels habe.

Der Zwischenfall erschien also auf Ordre erledigt, doch konnte der Soldat niemals Palmyrin Rosette verzeihen, da dieser so wegwerfend ber seinen heimatlichen Berg gesprochen hatte.

Jetzt htte man gern erfahren, ob Palmyrin Rosette auch nach dem Zusammensto im Stande gewesen sei, seine astronomischen Beobachtungen fortzusetzen, und welcher Art die Resultate derselben bezglich der Zukunft des Kometen sein mchten.

Mit aller dem griesgrmigen Temperamente des Professors gegenber nothwendigen Zurckhaltung, stellte Lieutenant Prokop die zweifache Frage nach dem Wege, dem die Gallia jetzt im Weltraume folgte, und nach der Dauer ihrer Umlaufszeit um die Sonne.

Ja, mein Herr, lie sich Palmyrin Rosette vernehmen, ich hatte die Bahn meines Kometen zwar vor der Collision bestimmt, mute nach derselben die Berechnungen jedoch auf's Neue vornehmen.

- Und warum das, Herr Professor? fragte Lieutenant Prokop etwas erstaunt ber diese Erklrung.

- Weil auf der einen Seite die Erde durch jenen Zusammensto nicht aus ihrer Bahn gelenkt wurde, das auf der anderen aber mit der Gallia-Bahn der Fall war.

- Diese Bahn ist durch den Sto eine andere geworden?

- Das wage ich bestimmt zu behaupten, erwiderte Palmyrin Rosette, vorausgesetzt, da meinen Beobachtungen nach dem Zusammentreffen nicht die nthige Genauigkeit mangelt.

- Sie haben fr diese Bahn also neue Elemente erhalten? fragte Lieutenant Prokop lebhaft.

- Ja wohl, besttigte Palmyrin Rosette ohne Zgern.

- Nun, so wissen Sie auch....

- Was ich wei, mein Herr, beschrnkt sich auf Folgendes: Die Gallia traf auf die Erde in ihrem aufsteigenden Knoten in der Nacht vom 31. December zum 1. Januar um zwei Uhr siebenundvierzig Minuten fnfunddreiig sechs Zehntel Secunden des Morgens; am 10. Januar durchschnitt sie die Bahn der Venus, erreichte ihr Perihel am 15. Januar, hierauf zum zweiten Male die Bahn der Venus, durchschnitt die Erdbahn im absteigenden Knoten am 1. Februar, die Bahn des Mars am 13. und gelangte am 10. Mrz in die Zone der teleskopischen Planeten, legte sich die Nerina als Satelliten zu ...

- Lauter Umstnde, welche auch uns bekannt sind, lieber Professor, unterbrach ihn Hector Servadac, da wir das Glck hatten, Ihre Notizen darber aufzufangen. Leider enthielten diese niemals ihre Unterschrift oder die Angabe des Ortes, von dem sie herrhrten.

- Wie? Konnte Jemand darber unklar sein, da ich deren Verfasser war? rief der Professor voller Selbstgefhl; ich, der sie hundertweise in's Meer warf, ich, der Professor Palmyrin Rosette?

- O nein, das sicherlich nicht! erwiderte ernsthaft Graf Timascheff.

Ueber die Zukunft der Gallia hatte man freilich noch immer nichts erfahren. Palmyrin Rosette schien mit einer diesbezglichen Auskunft absichtlich zurckzuhalten. Lieutenant Prokop wollte seine Anfragen schon in bestimmterer Form wiederholen, Hector Servadac kam ihm jedoch zuvor, da er es fr wichtiger hielt, seinen originellen alten Lehrer nicht zu drngen.

Ah, lieber Professor, begann er, wrden Sie uns wohl geflligst erklren, wie es zuging, da wir bei einem so frchterlichen Stoe nicht weit bler weggekommen sind?

- O, das ist sehr erklrlich.

- Und meinen Sie, da die Erde, abgesehen von dem entfhrten, nur wenige Quadratmeilen groen Terrain, nicht weiter gelitten und sich unter Anderem ihre Rotationsachse nicht pltzlich gendert hat?

- Das glaube ich nicht, Kapitn Servadac, erwiderte Palmyrin Rosette; hren Sie meine Grnde dafr. Die Erde bewegte sich damals mit einer Geschwindigkeit von 17,280 Meilen in der Stunde; die Gallia mit einer solchen von 34,200 in der gleichen Zeit. Es liegt hier also derselbe Fall vor, als ob ein Eisenbahnzug mit der Schnelligkeit von nahezu 51,600 Meilen in der Stunde gegen ein Hinderni liefe. Der Komet wirkte demnach, in Folge der auerordentlichen Hrte seines Kernes, wie eine aus groer Nhe gegen eine Fensterscheibe abgeschossene Gewehrkugel, sie durchschlug die getroffene seichte Erdrinde, ohne etwas Weiteres zu zertrmmern.

- Wahrhaftig, meinte Hector Servadac, so knnte die Sache wohl zugegangen sein ...

- So mute sie zugehen, fuhr der Professor sehr zuversichtlich fort, und das um so mehr, als die Erde nur in schiefer Richtung getroffen ward. Wre die Gallia in normaler Richtung auf die Erdkugel gestrzt, so wre sie auch unter den entsetzlichsten Verwstungen tief in dieselbe eingedrungen und htte sogar den Montmartre-Hgel vernichtet, wenn er in ihrem Wege lag.

- Mein Herr!... rief Ben-Zouf, der sich jetzt direct und ohne seine Schuld angegriffen fhlte.

- Still, Ben-Zouf, sagte Kapitn Servadac. Eben jetzt nherte sich Isaak Hakhabut, der sich von dem thatschlichen Zustande der Dinge nachgerade berzeugt haben mochte, Palmyrin Rosette, und fragte diesen in einem Tone der uersten Unruhe:

Herr Professor, werden wir berhaupt nach der Erde zurckkommen, und wann wird das geschehen?

- Sie haben wohl groe Eile? erwiderte Palmyrin Rosette.

- Erlauben Sie, mein Herr, die von diesem Juden gestellten Fragen in etwas wissenschaftlicherer Form an Sie zu richten, mischte sich Lieutenant Prokop ein.

- Thun Sie es.

- Sie erwhnten, da die frhere Bahn der Gallia eine Strung erlitten habe.

- Unzweifelhaft.

- Bildet nun die neue Bahn, die jetzige Curve des Kometen eine Hyperbel, so da er in ungemessene Fernen des Weltraumes hinaus entfhrt wird und jede Hoffnung auf eine dereinstige Rckkehr schwindet?

- Nein, gewi nicht! antwortete Palmyrin Rosette.

- Jene Bahn wre demnach eine elliptische geworden?

- Wie Sie sagen.

- Und ihre Ebene lge auch ferner in der der Erdbahn?

- Vollstndig.

- Die Gallia reprsentirte demnach einen periodischen Kometen?

- Gewi, und zwar einen solchen von kurzer Umlaufszeit, da ihre Revolution um die Sonne, unter Bercksichtigung der ihr von Jupiter, Saturn und Mars drohenden Strungen, genau zwei Jahre dauert.

- Dann wren aber, rief Lieutenant Prokop, alle Aussichten vorhanden, da sie der Erde, genau zwei Jahre nach dem ersten Zusammensto, an derselbe Stelle wieder begegnete?

- In der That, mein Herr, das steht zu befrchten.

- Zu befrchten? rief Kapitn Servadac erstaunt.

- Ja wohl, meine Herren, antwortete Palmyrin Rosette mit dem Fue stampfend. Wir sind eben da, wo wir sind und wenn es von mir abhinge, so drfte die Gallia niemals wieder zur Erde zurckkehren!

Fnftes Capitel.

In dem der Schler Servadac vom Professor Palmyrin Rosette recht bel behandelt wird.

Jetzt war also fr unsere Grbler, diese Hypothesenschmiede, Alles klar, Alles enthllt. Sie wurden von einem Kometen durch die grenzenlose Sonnenwelt entfhrt. Nach jenem Stoe war es die Erde gewesen, welche Hector Servadac durch den dichten Wolkenschleier im Weltraume verschwinden sah. Die Erdkugel hatte damals ebenso jene einzige und ganz auerordentliche Fluth des Gallia-Meeres verursacht.

Indessen, dieser Komet sollte ja doch - wenigstens nach der Behauptung des Professors - zur Erde zurckkehren. Ob seine Berechnungen wohl verllich genug sein mochten, um diese Rckkehr zweifellos sicher zu stellen? Man wird zugeben mssen, da die Bewohner der Gallia bezglich dieses Punktes nicht vllig beruhigt sein konnten.

Die nchstfolgenden Tage benutzte man zur huslichen Einrichtung des neuen Ankmmlings. Dieser gehrte glcklicher Weise zu den Leuten, welche nicht viele besondere Ansprche an das Leben stellen und sich leicht jeder Lage anbequemen. Da er Tag und Nacht nur in den Himmeln, unter den Sternen lebte und den im Weltraume umherschweifenden Himmelskrpern nachsprte, so machte er sich um Wohnung und Nahrung - hchstens den Kaffee ausgenommen - blutwenig Sorge. Es schien fast, als entginge die sinnreiche innere Ausstattung des Nina-Baues, welcher sich die Kolonisten rhmten, gnzlich seiner Beachtung.

Kapitn Servadac gedachte seinem alten Lehrer das beste der vorhandenen Zimmer anzubieten. Dieser aber schlug das, offenbar wenig geneigt, das allgemeine Leben zu theilen, rundweg ab. Was er bedurfte, war ein mglichst frei und abgetrennt belegenes Observatorium, wo er sich ungestrt seinen astronomischen Beobachtungen widmen konnte.

Hector Servadac und Lieutenant Prokop bemhten sich also, ein ihm zusagendes Unterkommen auszumitteln, was ihnen auch ganz nach Wunsch gelang. In der Seitenwand der vulkanischen Bergmasse entdeckten sie, etwa hundert Fu ber der Hauptaushhlung, ein beschrnktes Pltzchen, welches jedoch hinreichen mute, einen Beobachter und dessen Instrumente aufzunehmen. Es bot den nthigen Platz fr ein Bett, einige Mbel, fr Tisch, Lehnstuhl, Schrank, natrlich auch fr das unumgngliche Fernrohr, welches eine seine Handhabung mglichst erleichternde Aufstellung erhielt. Ein schwacher Lavastrom, den man hierher ableitete, gengte zur Erwrmung des kleinen Raumes.

Hier also richtete der Professor sich huslich ein, verzehrte die Mahlzeiten, die man ihm zu bestimmter Stunde brachte, hier schlief er, brigens mglichst wenig, rechnete whrend des Tages, beobachtete whrend der Nacht, und betheiligte sich also fast gar nicht an dem Leben der Uebrigen. Alles in Allem erschien es auch am gerathensten, ihn in Anbetracht seiner eigenthmlichen Gewohnheiten sich selbst zu berlassen.

Die Klte wurde allmlig sehr lebhaft. Das Thermometer zeigte im Mittel stets dreiig Centigrade unter Null. Das Quecksilber schwankte in seinem Rohre hier niemals auf und ab, wie in den unbestndigeren Klimaten der Erde, sondern es fiel nur langsam, aber stetig. Dieses Sinken mute andauern, bis die niedrigsten Temperaturgrade des Weltraumes erreicht waren, da auf eine Zunahme ja nicht eher zu rechnen war, als bis die Gallia sich in ihrer elliptischen Bahn der Sonne wieder nherte.

Wenn die Quecksilbersule im Thermometer aber niemals merkbar oscillirte, so rhrte das von dem Fehlen jedes Windes her, der die Atmosphre der Gallia bewegt htte. Die Kolonisten befanden sich also unter ganz ausnahmsweisen klimatischen Verhltnissen. Kein Luftmolekl rhrte sich von seiner Stelle. Alles, was gasfrmig oder tropfbar flssig war auf der Oberflche des Kometen, schien vor Klte erstarrt. Niemals kam es zu einem Gewitter, einem Platzregen, oder zeigten sich Dnste, weder am Zenith noch am Horizonte. Ebenso fehlten also jene feuchten Nebel und der trockene Hhenrauch, welche die Polarzonen des Erdsphroides nicht selten einhllen. Der Himmel bewahrte sich eine unvernderte und unvernderliche Klarheit, wobei der Tag von den Strahlen der Sonne, die Nacht von denen der Sterne erglnzte, ohne da die eine mehr Wrme zu spenden schien, als die anderen.

Hierzu ist wohl zu merken, da diese excessive Temperatur in der freien Luft doch recht wohl zu ertragen war. Denn nur die heftig bewegte kalte Luft, der scharfe, schneidende Wind, die ungesunden, Nebel, die frchterlichen Schneewirbel - das ist es, dem sich die in den arktischen Regionen Ueberwinternden deshalb nicht ungestraft aussetzen drfen, weil dadurch die Lungen so zu sagen ausgetrocknet und zur Erfllung ihrer physiologischen Functionen untauglich werden. Hierin ist die Ursache zu suchen, die das Leben der Polarfahrer so hufig und ernstlich bedroht. Whrend der Perioden der Ruhe aber, wenn die Atmosphre nicht erregt ist, knnen sie, sei es auf der Insel Melville, wie Parrey, oder jenseit des 81. Breitengrades, wie Kane, ja, noch ber den von dem unerschrockenen Hall und den Naturforschern der Polaris erreichten Grenzen, der Klte und wenn sie noch so intensiv wre, recht wohl trotzen. Sobald sie nur geeignete Kleidung und hinreichende Nahrung haben, setzen sie sich bei Windstille der strksten Temperatur-Erniedrigung aus, und haben das selbst gewagt, wenn die Alkoholthermometer sechzig Grad unter Null zeigten.

Die Kolonisten von Warm-Land befanden sich also unter den gnstigsten Verhltnissen gegenber der Klte des leeren Weltraumes.

An Pelzwerk aus den Vorrthen der Golette und an selbst zugerichteten Fellen litten sie ja keinen Mangel. Ihre Nahrung war stoffreich und gesund. Die Ruhe der Atmosphre gestattete ihnen gleichzeitig, trotz der sehr starken Erniedrigung der Temperatur nach Belieben ein- und auszugehen.

Der General-Gouverneur der Gallia achtete brigens mit besonderer Sorgfalt darauf, da Alle stets entsprechend warm gekleidet und ordentlich ernhrt blieben. Gesundheitsfrdernde Uebungen waren nicht nur vorgeschrieben, sondern wurden auch tglich gewissenhaft ausfhrt. Nichts geschah auerhalb des Programmes fr das gemeinschaftliche Leben. Weder der junge Pablo noch die kleine Nina bildeten eine Ausnahme von dieser Regel. Halb vermummt in ihren Pelzen, hnelten diese liebenswrdigen Wesen fast graziseren Eskimos, wenn sie am Ufer von Warm-Land Schlittschuh liefen. Pablo zeigte sich immer besorgt um seine Gespielin. Er nahm an ihren Vergngungen theil und untersttzte sie, wenn sie einmal ermdete. Beide benahmen sich eben, wie Kinder ihres Alters zu thun pflegen.

Und was wurde aus Isaak Hakhabut?

Nach seiner ungeschickten Interpellation Palmyrin Rosette's war er ganz bestrzt nach seiner Tartane zurckkehrt. In den bisherigen Vorstellungen des Juden vollzog sich nun eine wesentliche Vernderung. Jene eingehenden und bestimmten Angaben des Professors konnte er wohl nicht bezweifeln und bezweifelte er auch nicht mehr. Er wute es jetzt, da ein umherirrender Komet ihn durch den Weltraum fhrte, Millionen Meilen hinweg von der Erdkugel, auf der er so viele und so gute Geschftchen gemacht hatte!

Wenn er sich jetzt betrachtete, der sechsunddreiigste Bewohner der Gallia, sollte man wohl annehmen, da diese, jeder menschlichen Voraussicht spottende Lage seine Gedanken und seinen Charakter einigermaen beeinflut und zu einer gewissen Einkehr in sich selbst bestimmt haben mte, da bessere Gefhle in ihm zum Durchbruch gekommen wren gegen die Wenigen, welche Gottes Gnade noch an seiner Seite gelassen hatte, um sie nicht ferner nur als Ziel seiner Habsucht zu betrachten.

Leider war dem nicht so. Htte sich Isaak Hakhabut gendert, so wre er ja nicht mehr das Musterexemplar dessen gewesen, was der Mensch werden kann, der immer nur an sich selbst denkt. Im Gegentheil, seine Sinnesart verhrtete sich eher noch mehr; er dachte nur an das Eine: die gegebene Lage bis zum Aeuersten auszunutzen. Den Kapitn Servadac kannte er lngst viel zu gut, um sicher zu sein, da ihm von keiner Seite werde ein Unrecht geschehen drfen; er wute sein Heil unter den Schutz eines franzsischen Officiers gestellt, und da ihm, von hherer Gewalt abgesehen, gewi keine Schdigung drohe. Da der Eintritt einer hheren Gewalt nicht zu erwarten stand, so schmiedete Isaak Hakhabut seine Plne fr die nchste Zukunft in folgender Weise:

Waren die Aussichten auf eine Rckkehr nach der Erde auch nur gering, so durften sie doch nicht vllig aus dem Auge gelassen werden. Englisches und russisches Gold und Silber fehlte nun der kleinen Kolonie keineswegs, einen eigentlichen Werth erlangte es aber natrlich erst, wenn es wieder auf der alten Erde in Umlauf kommen konnte. Es galt also jetzt, den ganzen Mnzenvorrath der Gallia zusammenzuscharren. Isaak Hakhabut's Interesse lief demnach darauf hinaus, seine Waaren vor der Rckkehr an den Mann zu bringen, da sie schon ihrer Seltenheit wegen auf der Gallia in noch hherem Werthe stehen muten als auf der Erde - aber damit zu warten, bis in Folge der nicht abweisbaren Bedrfnisse der Kolonie die Nachfrage das Angebot bersteigen werde. Dann mute eine merkliche Preissteigerung eintreten und ein guter Gewinn gesichert sein. Hakhabut's Losung hie also: Verkaufen, aber abwarten, um besser zu verkaufen.

Das waren etwa die Gedanken, mit denen der Jude sich in der engen Cabine der Hansa beschftigte. Jedenfalls war man dabei seines widerwrtigen Anblicks enthoben, worber sich Niemand beklagen konnte.

Whrend des Monats April belief sich der von der Gallia zurckgelegte Weg auf 23 . Millionen Meilen und der Abstand von der Sonne am Ende des Monats auf 66 Millionen Meilen. Der Professor hatte sehr genaue Ephymeriden entworfen, auf welchen die elliptische Bahn des Kometen verzeichnet stand. Vierundzwanzig ungleich groe Abtheilungen dieser Curve stellten die vierundzwanzig Monate des Gallia-Jahres dar. Diese Abtheilungen veranschaulichten also den allmonatlich durchlaufenen oder zu durchlaufenden Weg. Die ersten zwlf Segmente der Curve nahmen bis zum Punkte des Aphels an Lnge ab - ganz entsprechend einem der drei Kepler'schen Gesetze; jenseit dieses Punktes wuchsen diese Abtheilungen wieder je nach der Annherung an das Perihel der Bahn.

Eines Tages - es war am 12. Mai - legte der Professor dem Kapitn Servadac, Grafen Timascheff und Lieutenant Prokop seine Arbeit vor, welch Letztere dieselbe mit leicht begreiflichem Interesse betrachteten. Die vollstndige Bahnlinie der Gallia lag vor ihren Augen, und sie erkannten, da sich dieselbe bis etwas ber die Bahn des Jupiter hinaus erstreckte. Die jeden Monat zurckgelegten Strecken sowie die Abstnde von der Sonne waren auch in Zahlen ausgedrckt. Hier zeigte sich Alles ganz klar, und sobald Palmyrin Rosette sich nicht geirrt hatte, wenn die Gallia ihre Revolution wirklich genau in zwei Jahren vollendete, so mute sie auch der Erde an der Stelle des ersten Zusammenstoes wieder begegnen, da letztere in derselben Zeit zweimal ihre Bahn um die Sonne vollendet haben mute. Von welchen Folgen aber wrde der neue Zusammensto begleitet sein? Man wagte kaum darber nachzudenken.

Wenn man auch ber die unbedingte Verllichkeit der Palmyrin Rosette'schen Arbeit vielleicht einige Zweifel hegte, so erschien es doch gerathen, diese nicht sichtbar werden zu lassen.

Die Gallia wird demnach, sagte Hector Servadac, im Laufe des Monats Mai nur 18,240,000 Meilen durchfliegen und sich von der Sonne bis auf 83,400,000 Meilen entfernen?

- Ganz richtig, besttigte der Professor.

- Wir haben also die Zone der teleskopischen Planeten schon berschritten? fgte Graf Timascheff hinzu.

- Urtheilen Sie selbst, Herr Graf, erwiderte Palmyrin Rosette, ich habe die Zone jener Planeten hier eingezeichnet.

- Und der Komet wird also, fragte Hector Servadac weiter, gerade ein Jahr nach dem Passiren des Perihels an seinem Aphel anlangen?

- Gewi.

- Am nchsten 15. Januar?

- Natrlich, am 15. Januar .... und doch, nein! rief der Professor. Warum sagen Sie am 15. Januar, Kapitn Servadac? - Weil der Zeitraum vom 15. Januar bis wieder zu demselben Datum ein Jahr oder, anders ausgedrckt, zwlf Monate umfat.

- Zwlf Erdenmonate, ja! versetzte der Professor, nicht aber zwlf Gallia-Monate!

Lieutenant Prokop konnte sich bei diesem unerwarteten Ausspruche eines Lchelns nicht erwehren.

Sie lachen da, Herr Lieutenant, wandte sich der Professor an diesen, und warum lachen Sie denn?

- O, Herr Professor, nur deshalb, weil ich sehe, da Sie den Erdenkalender reformiren wollen.

- Ich will nichts Anderes, mein Herr, als logisch sein!

- Ja wohl, wir wollen logisch verfahren, lieber Professor, rief Hector Servadac dazwischen, immer nur logisch!

- Geben Sie zunchst zu, fragte Palmyrin Rosette in trockenstem Docententone, da die Gallia zwei Jahre nach Passirung ihres Perihels wieder bei demselben eintreffen wird?

- Ohne Widerrede.

- Stellt diese Periode von zwei Jahren, whrend welcher unser Komet seine Revolution um die Sonne beendet, nicht das Gallia-Jahr vor?

- Gewi.

- Mu nicht dieses Jahr, so wie jedes beliebige andere, in zwlf Monate getheilt werden?

- Wenn Sie es so wollen, lieber Professor...

- Hier handelt es sich nicht darum, ob ich will...

- Nein, nein, es ist richtig, in zwlf Monate! sagte Hector Servadac nachgebend.

- Und wie viele Tage werden diese Monate zhlen?

- Nun, sechzig Tage, da diese um die Hlfte krzer geworden sind.

- Kapitn Servadac, entgegnete der Professor streng, berlegen Sie erst, was sie sagen...

- Aber ich denke, ich gehe damit vollstndig auf Ihr System ein, antwortete Hector Servadac.

- Keineswegs.

- Nun, so erklren Sie mir...

- Nichts einfacher als das! fiel ihm Palmyrin Rosette in's Wort, wobei er etwas mitleidig und wegwerfend die Achseln zuckte. Jeder Gallia-Monat umfat doch zwei irdische Monate, nicht wahr?

- Ohne Zweifel, da das Gallia-Jahr zwei Erdenjahre wahrt.

- Zwei Monate enthalten auf der Erde aber sechzig Tage?

- Richtig, sechzig Tage.

- Und folglich? ... fragte Graf Timascheff zu Palmyrin Rosette gewendet.

- Wenn zwei Monate auf der Erde sechzig Tage zhlen, so ergiebt das hundertzwanzig Gallia-Tage, da die Dauer eines Tages auf der Gallia nur zwlf Stunden betrgt. Verstanden?

- Vollkommen, Herr Professor, antwortete Graf Timascheff. Doch frchten Sie nicht, da dieser Kalender leicht verwirrend wirken werde?

- Verwirrend! rief der Professor, schon seit dem 1. Januar zhle ich nicht mehr anders!

- Unsere Monate wrden folglich, fragte Hector Servadac, mindestens hundertzwanzig Tage zhlen?

- Was finden Sie Schlimmes dabei?

- O, gar nichts, lieber Professor. Anstatt also jetzt im Mai zu leben, haben wir nun erst Mrz?

- So ist es, meine Herren; wir haben den zweihundertsechsundsechzigsten Gallia-Tag, der dem hundertdreiunddreiigsten auf der Erde entspricht. Heute ist demnach der 12. Gallia-Mrz und nach weiteren sechzig Tagen...

- Werden wir den 72. Mrz zhlen! rief Hector Servadac. Bravo! Nur immer logisch!

Palmyrin Rosette sah aus, als fragte er sich, ob sein frherer Schler sich nicht etwas ber ihn lustig mache; doch, da es schon etwas spt geworden war, verlieen die drei Besucher das Observatorium ohne weitere Auseinandersetzung.

Der Professor hatte also den Kalender fr die Gallia festgestellt. Jedenfalls - und das sei hier im Voraus bemerkt - bediente er sich desselben nur allein und Niemand verstand ihn, wenn er etwa vom 48. April oder vom 118. Mai sprach.

Inzwischen kam der Monat Juni - nach dem alten Kalender - heran, whrend welches die Gallia nur 16 . Millionen Meilen Weg zurcklegen und sich bis auf 93 Millionen Meilen von der Sonne entfernen sollte. Die Temperatur nahm zwar noch weiter ab, doch die Atmosphre blieb ebenso rein, ebenso ruhig wie bisher. Das Leben auf der Gallia ging mit vollendeter Regelmigkeit, um nicht zu sagen Monotonie, vor sich. Diese Monotonie zu stren, bedurfte es nichts Geringeres, als jener nrrischen, nervsen, launenhaften, ja znkischen Persnlichkeit Palmyrin Rosette's. Wenn er sich einmal herablie, seine Beobachtungen zu unterbrechen und in der gemeinsamen Wohnung zu erscheinen, so war ein neuer Auftritt immer bald zu erwarten.

Die Unterhaltung bewegte sich dann regelmig um das Thema, da Hector Servadac und seine Gefhrten, so gro auch die Gefahren eines neuen Zusammentreffens mit der Erde sein mochten, sich doch auf dessen einstigen Eintritt freuten. Das gengte, den Professor in Harnisch zu bringen, da dieser von einer Rckkehr am liebsten gar nichts hren wollte und seine Studien auf der Gallia fortsetzte, als sollte er hier ewig leben.

Eines Tages - am 27. Juni - platzte Palmyrin Rosette wie eine Bombe in den Hauptsaal hinein. Hector Servadac, Lieutenant Prokop, Graf Timascheff und Ben-Zouf befanden sich eben in demselben.

Lieutenant Prokop, rief er, beantworten Sie mir ohne Umwege und ohne von der Sache abzuschweifen, was ich Sie fragen werde.

- Ich bin es gar nicht gewhnt - entgegnete Lieutenant Prokop.

- Gut, schon gut, schnitt ihm Palmyrin Rosette jedes weitere Wort ab, als habe er einen Gymnasiasten vor sich. Antworten Sie also: Haben Sie - ja oder nein! - mit der Golette die Gallia auf ihrem Aequator oder doch lngs eines der grten Kreise umschifft?

- Ja, Herr Professor, antwortete Lieutenant Prokop, den Graf Timascheff durch ein Zeichen verstndigt hatte, sich dem schrecklichen Professor zu fgen.

- Gut, sagte der Letztere. Haben Sie bei dieser Entdeckungsreise auch den von der Dobryna durchlaufenen Weg gemessen?

- Wenigstens annhernd, erwiderte Prokop, das heit mit Hilfe des Loog und des Kompasses, nicht aber durch Beobachtung der Sonnen- und Sternhhen, die zu berechnen uns unmglich war.

- Und was haben Sie gefunden?

- Fr den Umfang der Gallia etwa 2300 Kilometer, wonach ihr Durchmesser also 740 Kilometer betragen mte.

- Ja... antworte Palmyrin Rosette halb fr sich, dieser Durchmesser wre also sechzehnmal kleiner als der der Erde, welcher zu 12,792 Kilometer angenommen wird.

Kapitn Servadac und seine beiden Gefhrten sahen den Professor an, ohne noch zu wissen, wo er hinaus wolle.

Schn, fuhr Palmyrin Rosette fort; zur Vollendung meiner Studien ber die Gallia mu ich nun noch deren Oberflche, Volumen, Masse, Dichtigkeit und die Intensitt der Schwerkraft auf derselben wissen.

- Was die Oberflche und das Volumen betrifft, bemerkte Lieutenant Prokop, so sind diese ja, da uns der Durchmesser der Gallia bekannt ist, ganz leicht zu finden.

- Habe ich denn gesagt, da das schwierig wre? rief der Professor. Solche Rechnungen fhrte ich schon aus, als ich zur Welt kam.

- Oho! knurrte Ben-Zouf, der nur auf die Gelegenheit wartete, den Verchter des Montmartre zu rgern.

- Schler Servadac, sagte Palmyrin Rosette, nachdem er Ben-Zouf einen Augenblick strafend betrachtet hatte, nehmen Sie Ihre Feder. Da Sie den Umfang eines grten Kreises der Gallia kennen, so sagen Sie mir, wie gro deren Oberflche ist,

- Sofort, Herr Rosette, antwortete Hector Servadac, der sich einmal als guter Schler benehmen wollte. Wir haben 2323 Kilometer, den Umfang der Gallia, mit 740, ihrem Durchmesser zu multipliciren. (Hierdurch wird nur ein annhernd richtiges Resultat erzielt.)

- Ja, ja, beeilen Sie sich nur! drngte der Professor. Das mte schon fertig sein. Nun?

- Ich erhalte da, antwortete Hector Servadac, als Product 1,719,020 Quadrat-Kilometer fr die Oberflche der Gallia.

- Das wre demnach eine zweihundertsiebenundneunzigmal kleinere Oberflche als die der Erde, welche 510 Millionen Quadrat-Kilometer enthlt.

- Pah! machte Ben-Zouf und schnitt dabei ein Gesicht, welches seine Verachtung dieses Kometen des Professors ausdrcken sollte.

Ein funkelnder Blitz aus den Augen des Gelehrten strafte ihn.

Nun, fuhr der Professor allmlig warm werdend fort, was betrgt also das Volumen der Gallia?

- Das Volumen? ... erwiderte Hector Servadac zgernd.

- Schler Seroadac, knnen Sie denn nicht mehr das Volumen einer Kugel, deren Oberflche gegeben ist, berechnen?

- Doch, Herr Rosette... aber Sie lassen den Menschen ja gar nicht einmal aufathmen.

- Bei der Beschftigung mit Mathematik ist gar nichts aufzuathmen, mein Herr, da athmet man so gut, wie gar nicht.

Alle Anwesenden muten ihren ganzen Ernst zusammen nehmen, um nicht laut aufzulachen.

Wird es denn endlich? fragte der Professor. Der Kubikinhalt einer Kugel ist...

- Gleich dem Producte aus deren Oberflche... antwortete Hector Servadac halb auf's Gerathewohl, multiplicirt mit...

- Mit dem dritten Theile des Radius, mein Herr! polterte Palmyrin Rosette heraus, mit dem dritten Theil des Radius. Sind Sie nun fertig?

- Ziemlich! Der dritte Theil des Gallia-Halbmessers betrgt hundertdreiundzwanzig drei Zehntel, drei Hundertstel, drei Tausendstel, drei Zehntau ...

- Drei, drei, drei, drei Xtel... setzte Ben-Zouf die Aufzhlung durch alle Stufen der Tonleiter weiter fort.

- Ruhe! rief der Professor, der nun ernsthaft bse wurde. Begngen Sie sich mit den ersten beiden Decimalen und vernachlssigen Sie die brigen.

- Ich thue es schon.

- Nun also?

- Das Product aus 1,719,020 mit 123,33 ergiebt 211,439,460 Kubik-Kilometer.

- Das ist demnach das Volumen meines Kometen! In der That, er kann sich schon sehen lassen!

- Gewi, bemerkte Lieutenant Prokop, doch dieses Volumen ist immer noch 5166mal kleiner als das der Erde, welches in runden Zahlen...

- Eine Trillion zweiundachtzig Milliarden und achthunderteinundvierzig Millionen Kubik-Kilometer betrgt, das wei ich wohl, mein Herr, unterbrach ihn Palmyrin Rosette.

- Und folglich, setzte Lieutenant Prokop hinzu, erreicht das Volumen der Gallia noch lange nicht das des Mondes, welches den neunundvierzigsten Theil des Erdvolumens darstellt.

- Wer hat davon berhaupt eine Sylbe gesprochen? warf der in seiner Eigenliebe verletzte Gelehrte ein.

- Also, fuhr Lieutenant Prokop unerbittlich weiter fort, kann die Gallia von der Erde aus nicht mehr sichtbar sein als ein Stern siebenter Gre, das heit, sie ist jetzt mit bloem Auge gar nicht mehr zu erkennen.

- Alle Wetter, rief Ben-Zouf, das ist mir ein hbscher Komet! Und auf diesem Krmelchen laufen wir herum!

- Ruhe! rief Palmyrin Rosette ganz auer sich.

- Ein kleines Nchen, eine Kichererbse, ein Senfkrnchen! fuhr Ben-Zouf fort, um sich doch einmal an dem Gelehrten zu rchen.

- Schweig, Ben-Zouf! befahl ihm auch Kapitn Servadac.

- Ein Stecknadelkopf! Noch mehr, das Nichts von einem Nichtse!

- Alle Wetter, wirst Du still sein?

Ben-Zouf bemerkte, da sein Kapitn ernstlich bse wurde, er rumte also das Gemach, rief durch das hellste Lachen aber alle Echos der vulkanischen Bergwand wach.

Es war die hchste Zeit gewesen, da er ging. Palmyrin war nahe daran gewesen, alle Rcksichten zu vergessen und brauchte lngere Zeit, um sich einigermaen zu beruhigen. Seine Empfindlichkeit bezglich des Kometen glich eben ganz der Ben-Zouf's bezglich des Montmartre. Jeder verteidigte seinen Schtzling mit eiferschtiger Hartnckigkeit.

Endlich fand der Professor die Sprache wieder und wandte sich an seine Schler, oder vielmehr an seine Zuhrer wie folgt:

Wir kennen nun, meine Herren, begann er, Durchmesser, Umfang, Oberflche und Volumen der Gallia. Das ist wohl etwas, aber noch nicht Alles. Ich mu nun durch direkte Messung noch deren Masse und Dichtigkeit, sowie die Intensitt der Schwerkraft auf ihrer Oberflche zu bestimmen suchen.

- Das drfte wohl schwierig werden, meinte Graf Timascheff.

- Thut nichts. Ich brauche dazu nur zu wissen, wieviel mein Komet wiegt.

- Die Lsung dieses Problems, bemerkte Lieutenant Prokop, erscheint mir etwas erschwert durch den Umstand, da wir die Natur der Substanz, aus welcher die Gallia besteht, ganz und gar nicht kennen.

- Ah, Sie kennen diesen Stoff also nicht? erwiderte der Professor.

- Nein, antwortete Graf Timascheff, und wenn Sie uns in dieser Hinsicht aufzuklren vermchten...

- O, meine Herren, was geht mich das an? sagte Palmyrin Rosette. Ich werde meine Fragen auch ohnedem zu lsen wissen.

- Wenn Sie es wnschen, lieber Professor, stehen wir jederzeit zu Ihrer Verfgung, erklrte Kapitn Servadac.

- Noch habe ich einen Monat lang Beobachtungen anzustellen und Rechnungen auszufhren, antwortete Palmyrin Rosette abweisend, und Sie werden sich, denke ich, gedulden, bis ich zu Ende bin!

- Aber, Herr Professor, entgegnete Graf Timascheff zuvorkommend, wir warten selbstverstndlich so lange es Ihnen beliebt.

- Und selbst noch etwas lnger, setzte Kapitn Servadac hinzu, der diesen Scherz nicht zurckhalten konnte.

- Nun wohl, schlo Palmyrin Rosette, so stellen Sie sich nach Ablauf eines Monats, also am kommenden 62. April wieder ein.

Dieses Datum entsprach dem 31. Juli des Erdenkalenders. 

Sechstes Capitel.

Worin man sich berzeugen wird, da Palmyrin Rosette alle Ursache hatte, das Material der Kolonie lckenhaft zu nennen.

Inzwischen kreiste die Gallia unter dem Einflusse der Anziehungskraft der Sonne ruhig durch die Planetenrume weiter. Bisher erlitt ihre Bewegung von keiner Seite her eine Strung. Der Planet Nerina, den sie sich bei Durchschreitung der Asteroidenzone geraubt, blieb ihr treu und vollendete gewissenhaft seinen halbmonatlichen Umlauf. Es gewann den Anschein, als sollte das ganze Gallia-Jahr ohne jede Strung verlaufen.

Die Hauptsorge unserer unfreiwilligen Bewohner der Gallia betraf jedoch immer noch die Frage, ob jene zur Erde zurckkehren werde. Hatte sich der Astronom in seinen Berechnungen nicht getuscht? Durfte man die Bestimmung der neuen Bahn des Kometen und die der Dauer seiner Umlaufszeit fr verllich ansehen?

Palmyrin Rosette's argwhnische Natur, die bei den unschuldigsten Fragen nach versteckten Ursachen suchte, erlaubte es nicht, den Wunsch nach einer wiederholten Durchsicht seiner Arbeiten gegen ihn zu uern. Hector Servadac, Graf Timascheff und Prokop konnten sich bezglich dieses Punktes also noch immer nicht beruhigen. Den brigen Kolonisten ging die ganze Sache gar nicht besonders zu Herzen. Welche Ergebung zeigten sie! Welch' praktische Philosophie! Die Spanier vorzglich, in ihrer Heimat arme Teufel, waren in ihrem Leben noch niemals so glcklich gewesen. Negrete und seine Gefhrten hatten sich noch nie in so gnstigen Verhltnissen befunden. Was kmmerte sie die Bahn, welcher die Gallia folgte? Warum sollten sie sich darber den Kopf zerbrechen, ob die Sonne sie im Kreise ihrer Anziehungskraft erhalten oder jene sich ihr entziehen wrde, um durch fremde Himmelsrume zu schweifen? Sie sangen frhlich und wohlgemuth, und wann konnte es solchen Majos je besser ergehen, als wenn ihre Lieder erlangen?

Die beiden allerglcklichsten Wesen der Colonie waren aber ohne Zweifel der junge Pablo und die kleine Nina. Welch' unterhaltende Ausflge machten sie mit einander durch die langen Galerien des Nina-Baues oder auf den Felsen des Ufers. Einmal liefen sie ber Sehweite hinaus Schlittschuh auf der grenzenlosen Flche des bereisten Meeres; ein andermal fischten sie am Rande der kleinen Lagune, welche der feurige Lavastrom flssig erhielt. Alles geschah aber nicht auf Kosten der Unterrichtsstunden bei Hector Servadac. Sie wuten sich schon recht leidlich zu verstndigen und jedenfalls verstanden sie sich.

Weshalb sollten sich der Knabe und das kleine Mdchen wegen der Zukunft beunruhigen? Warum die Vergangenheit bedauern?

Eines Tages begann Pablo: Hast Du noch Eltern, Nina?

- Nein, Pablo, antwortete Nina, ich bin ganz allein. Und Du?

- Ich bin auch ganz allein, Nina. - Und was triebst Du frher da unten?

- Ich htete meine Ziegen, Pablo. - Und ich, erklrte der junge Knabe, ich lief Tag und Nacht vor den Pferden der Postwagen her.

- Doch jetzt sind wir nicht mehr allein, Pablo.

- Nein, liebe Nina, jetzt gewi nicht.

- Der Gouverneur ist unser Papa und der Graf und der Lieutenant sind unsere Onkels.

- Und Ben-Zouf ist unser Kamerad, vervollstndigte Pablo.

- Die Anderen alle sind so lieb und gut gegen uns, setzte Nina hinzu. Man verwhnt uns, Pablo; wohlan, wir wollen uns nicht verwhnen lassen. Sie mssen mit uns immer zufrieden sein... immer!

- Du bist so artig, Nina, da man gezwungen ist, es an Deiner Seite auch zu sein.

- Ich bin Deine Schwester und Du bist mein Bruder, sagte Nina ernsthaft.

- Ja wohl, Du hast recht! antwortete Pablo. Die Freundlichkeit und das artige Wesen dieser beiden Kinder machten sie bei Allen beliebt. Jeder verschwendete an sie Schmeichelworte und Liebkosungen, von denen auch Marzu, die Ziege, ihren Antheil erhielt. Kapitn Servadac und Graf Timascheff empfanden fr sie eine aufrichtige, fast vterliche Zuneigung. Warum sollten sich Jene zurcksehnen, Pablo nach den glhenden Ebenen Andalusiens oder Nina nach den drren Felsen Siziliens? Ihnen schien es, als ob sie der neuen Welt schon von jeher angehrt htten.

Der Juli kam heran. Whrend dieses Monats hatte die Gallia nur 13 2/10 Millionen Meilen in ihrer Bahn zu durchlaufen, whrend die Entfernung von der Sonne auf etwas ber 103 Millionen Meilen anwuchs. Jetzt gravitirte sie also etwa vier und ein halbmal entfernter als die Erde von dem Centrum der Attraction, inde die Geschwindigkeiten beider Himmelskrper nahezu die gleichen waren. Die mittlere Geschwindigkeit der Erde in ihrer elliptischen Bahn betrgt nmlich 12 6/10 Millionen Meilen im Monat, oder 17,280 Meilen in der Stunde.

Am 62. Gallia-April erhielt Kapitn Servadac ein lakonisches Briefchen von dem Professor. Palmyrin Rosette gedachte mit diesem Tage die nthigen Operationen vorzunehmen, um die Masse und Dichtigkeit seines Kometen und die Intensitt der Schwerkraft an dessen Oberflche zu ergrnden.

Hector Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop lieen es sich angelegen sein, die ihnen bewilligte Zusammenkunft nicht zu verfehlen. Die vorzunehmenden Experimente interessirten sie freilich in weit geringerem Grade als den Professor, und htten sie weit lieber erfahren, woraus die metallische Substanz, welche die ganze Gallia zu bilden schien eigentlich bestehe.

Schon am Morgen hatte Palmyrin Rosette Alle um sich versammelt.

Er schien noch bei ertrglich guter Laune zu sein; indessen fing der Tag jetzt eben erst an.

Jedermann wei, was man unter der Intensitt der Schwerkraft versteht. Es ist das die Anziehungskraft, welche die Erde auf einen Krper von gewisser Masse ausbt, und man erinnert sich, wie auffallend diese anziehende Kraft auf der Gallia vermindert war - eine Erscheinung, welche sich nothwendiger Weise auch in der scheinbaren Zunahme der Muskelkraft der Kometenbewohner uerte. Nur das richtige Verhltni dieser Ab-, resp. Zunahme war bisher unbekannt.

Die Masse wird dargestellt durch die Quantitt der Materie, welche einen Krper bildet, und diese Masse findet durch das Gewicht des Krpers ihren Ausdruck. Die Dichtigkeit dagegen ist die Quantitt der Materie, welche ein Krper von gegebenem Volumen enthlt.

Die erste zu lsende Frage bezog sich also auf die Intensitt der Schwerkraft an der Oberflche der Gallia.

Die zweite Frage lautete: Wie viel betrgt die Quantitt der in der Gallia enthaltenen Materie, oder mit anderen Worten, wie gro ist ihre Masse und folglich ihr Gewicht?

Die dritte Frage: wie gro ist die Quantitt der in der Gallia enthaltenen Materie gegenber ihrem Volumen, oder mit anderen Worten, wie gro ist ihre Dichtigkeit?

Heute, meine Herren, begann der Professor, wollen wir nun die Bestimmung der verschiedenen Elemente unseres Kometen vornehmen. Sobald wir die Intensitt der Schwerkraft an seiner Oberflche, seine Masse und Dichtigkeit durch directe Messung kennen lernen, giebt es fr uns keine weiteren Geheimnisse. Wir wollen also, kurz ausgedrckt, die Gallia wgen.

Bei Palmyrin Rosette's letzten Worten war Ben-Zouf in den Saal getreten. Er entfernte sich sofort wieder und kam erst nach einiger Zeit zurck und meldete spttelnd:

Ich kann das ganze Hauptmagazin umwhlen, ohne eine Waage zu finden, und brigens wte ich auch gar nicht, wo wir eine solche aufhngen sollten!

Ben-Zouf sah dabei hinaus in's Freie, als suche er einen passenden Nagel am Himmel.

Ein Blick des Professors und eine nicht mizuverstehende Bewegung Hector Servadac's brachten diese lose Zunge zum Schweigen.

Zunchst, meine Herren, fuhr Palmyrin Rosette fort, mu ich wissen, wie viel ein irdisches Kilogramm auf der Gallia wiegt. In Folge der geringeren Masse der letzteren ist auch ihre Anziehungskraft eine geringere, und nothwendiger Weise wiegt also jeder Gegenstand auf ihrer Oberflche entsprechend weniger als auf der der Erde. Eben den Unterschied zwischen beiden Gewichten mssen wir kennen zu lernen suchen. - Ganz recht, bemerkte Lieutenant Prokop, doch wrde eine gewhnliche Balkenwaage, selbst wenn wir eine solche besen, zu dieser Bestimmung nicht dienen knnen, da ihre beiden Schalen von der Anziehungskraft der Gallia gleichmig beeinflut wrden und den Unterschied zwischen dem Gallia-Gewicht und dem Erden-Gewicht nicht sichtbar machen knnten.

- In der That, fgte Graf Timascheff hinzu, ein Kilogrammgewichtsstck z. B. wrde ebenso viel an Schwere verlieren wie der damit zu wgende Gegenstand und...

- Wenn Sie glauben, meine Herren, fiel Palmyrin Rosette ein, dieser Auseinandersetzungen zu meiner persnlichen Instruction zu bedrfen, so verlieren Sie die Zeit unntz, und ich ersuche Sie, mich in meiner physikalischen Vorlesung nicht weiter zu unterbrechen.

Der Professor fhlte sich heute mehr als je aus dem Katheder.

Besitzen wir eine Schnellwaage und ein Kilogrammgewicht? fragte er, damit wre alles Nthige besorgt. Eine Schnellwaage zeigt das daran gehngte Gewicht entweder durch eine Stahllamelle oder eine Feder an, welche durch ihre Biegsamkeit und Spannkraft functioniren. Hnge ich ein Kilometergewicht an meine Schnellwaage, so wird diese mir genau anzeigen, wie viel dasselbe auf der Gallia wiegt.

Ich erfahre damit also den Unterschied zwischen der Anziehungskraft der Erde und der der Gallia. Ich widerhole also meine Frage: Besitzen Sie eine Schnellwaage?

Palmyrin Rosette's Zuhrer sahen sich fragend an. Dann wendete sich Hector Servadac an Ben-Zouf, der das ganze Material der Kolonie grndlich kannte.

Wir besitzen weder eine Schnellwaage noch ein Kilogewicht! erklrte dieser.

Der Professor drckte sein Mifallen ber diesen Mangel dadurch aus, da er mit dem Fue heftig auf den Boden stampfte.

Ich glaube aber zu wissen, fuhr Ben-Zouf fort, wo sich eine Schnellwaage, vielleicht auch ein Gewichtsstck, finden drfte.

- Wo?

- In der Tartane des Juden.

- Das httest Du gleich sagen knnen, Schwachkopf! sagte der Professor mit verchtlichem Achselzucken.

- Natrlich werden wir sie sofort holen lassen, erklrte Kapitn Servadac.

- Ich gehe schon, versetzte Ben-Zouf.

- Ich werde Dich begleiten, fuhr Hector Servadac fort, denn Hakhabut drfte wahrscheinlich Schwierigkeiten erheben, wenn es sich darum handelt, etwas herzuleihen.

- Begeben wir uns Alle zusammen nach der Tartane, meinte Graf Timascheff. Wir knnen ja einmal sehen, wie der Jude sich in der Hansa eingerichtet hat.

Dieser Vorschlag wurde angenommen, doch als Alle sich anschickten, zu gehen, sagte der Professor:

Graf Timascheff, knnte mir nicht einer Ihrer Leute aus der Felsenmasse der Bergwand einen Wrfel von genau einem Decimeter Seite herstellen?

- Das wird meinem Mechaniker nicht schwer fallen, antwortete der Gefragte, freilich unter der Bedingung, da man ihm ein Ma liefert, um die genaue Lnge abnehmen zu knnen.

- Sollten Sie hier ebensowenig ein Meterma wie eine Schnellwaage besitzen? rief Palmyrin Rosette.

In der That fand sich im Hauptmagazin das verlangte Ma nicht vor, wie Ben-Zouf zu seiner Beschmung gestehen mute.

Indessen, fgte er hinzu, wre es doch mglich, da sich eines an Bord der Hansa fnde.

- So gehen wir dahin! erwiderte Palmyrin Rosette und verschwand schnellen Schrittes in der langen Hauptgalerie.

Die Uebrigen folgten. Bald darauf erschienen Hector Servadac, Graf Timascheff, Prokop und Ben-Zouf auf dem das Ufer berragenden Felsen. Sie stiegen hinab bis zum Strande und wendeten sich nach der engen Bucht, welche die Dobryna und die Hansa in ihrem Eispanzer gefangen hielt.

Obwohl die Temperatur auerordentlich niedrig war - fnfunddreiig Grad unter Null - konnten sie derselben doch, Dank ihrer guten Kleidung und Verhllung durch dichte Pelzberrcke und dicke Mtzen, ohne grere Beschwerde trotzen. Da Bart, Augenbrauen und Wimpern der Mnner sich unverzglich mit feinen Eiskrystallen bedeckten, rhrte nur her von dem Gefrieren des Wasserdunstes ihres Athems in der kalten Luft. Ihr Gesicht mit den weien, feinen, spitzen Eisnadeln, welche ihnen eine gewisse hnlichkeit mit Stacheligeln verliehen, machte fast einen komischen Eindruck. Das Antlitz des Professors der bei seiner kleinen Figur schon mehr einem jungen Bren glich, sah jetzt freilich noch abschreckender aus als sonst.

Es war um acht Uhr Morgens. Die Sonne stieg schnell nach dem Zenith zu empor. Ihre durch die ungeheure Entfernung auffallend verkleinerte Scheibe bot etwa den Anblick des Vollmondes bei dessen Culmination. Die Strahlen derselben gelangten hierher ohne fhlbare Warme zu spenden und verbreiteten auch nur ein wesentlich geschwchtes Licht. Alle Uferfelsen am Fue des Vulkanes und auch dessen Hauptmassen selbst zeigten noch die makellose Weie der letzten Schneeflle aus der Zeit, wo sich noch feuchte Dnste in der Atmosphre der Gallia sammelten. Weiter rckwrts, bis hinauf zu dem rauchenden Gipfel des Kegels, der die ganze Umgebung beherrschte, breitete sich der ungeheure blendende Teppich aus, den keine Fuspur unterbrach. Am nrdlichen Abhange flo die Lava-Cascade hinunter.

Dort wich der Schnee dem glhenden Strome, der launenhaft jeder Einsenkung folgend, sich bis zur Oeffnung der Haupthhle hinabwlzte, von wo aus er senkrecht in's Meer hinabstrzte.

Ueber dieser Hhle, etwa in der Hhe von hundertfnfzig Fu, gewahrte man an der Bergwand eine dunkle Oeffnung, ber der sich ein Arm des vulkanischen Stromes gabelfrmig theilte. Aus dieser heraus ragte das Rohr eines astronomischen Teleskopes. Hier war das Observatorium Palmyrin Rosette's.

Auch der Strand erschien vllig wei und verschmolz ohne sichtbare Grenzlinie mit dem gefrorenen Meere. Als Gegensatz zu diesen wei blendenden Flchen frbte den Himmel ein dunkles, mattes Blau. Auf dem Strande sah man die Fuspuren der Kolonisten, welche hier tglich zu verkehren pflegten, entweder um Eis zu holen, durch dessen Schmelzung das nthige Swasser gewonnen wurde, oder auch um dem Vergngen des Schlittschuhlaufens nachzugehen. Die von den Schlittschuhen in die harte Flche eingeritzten Linien kreuzten sich hier vielfach, hnlich wie die Kreise, welche Wasserinsecten auf den Teichen hervorzubringen pflegen.

Vom Ufer aus verlief auch eine Spur von Tritten nach der Hansa zu. Diese rhrten noch von Isaak Hakhabut aus der Zeit vor dem letzten Schneefalle her. Die aufgeworfenen Rnder rings um diese Fuabdrcke hatten unter dem Einflsse der auerordentlichen Klte die Hrte der Bronze gewonnen.

Zwischen den letzten Auslufern der Bergmasse und der Bucht, in welcher die beiden Schiffe berwinterten, betrug die Entfernung etwa einen halben Kilometer.

An der Bucht angelangt, machte Lieutenant Prokop darauf aufmerksam, wie sich die Schwimmlinie der Hansa und der Dobryna zunehmend gehoben habe. Die Tartane und die Golette berragten die Flche des Meeres jetzt mindestens um zwanzig Fu.

Das ist eine merkwrdige Erscheinung, sagte Kapitn Servadac.

- Leider eine ebenso beunruhigende als merkwrdige, antwortete Lieutenant Prokop. Es spricht das fr die enorme Wirkung des Frostes unter dem Rumpfe der Schiffe, wo das Wasser nur eine geringe Tiefe hat. Nach und nach verdickte sich hier die Eismasse und drngt Alles, was sie trgt, mit unwiderstehlicher Kraft in die Hhe.

- Dieser Proce wird aber seine Grenze finden? bemerkte Graf Timascheff.

- Das wei ich nicht, Vater, erwiderte Lieutenant Prokop, denn die Klte hat ihr Maximum wohl noch nicht erreicht.

- Wie ich bestimmt hoffe, fiel der Professor ein. Es verlohnte sich wahrlich nicht der Mhe, hundertzwanzig Millionen Meilen weit von der Sonne wegzufliegen, um nur eine Klte gleich der an den Erdpolen anzutreffen.

- Sie sind sehr freundlich, Herr Professor, antwortete Lieutenant Prokop. Zum Glck berschreitet die Klte im Weltraume niemals sechzig bis siebzig Grad, was, dcht' ich, wohl schon annehmbar wre.

- Ei, was da, warf Hector Servadac dazwischen, eine Klte ohne Wind, ist Klte ohne Schnupfen; wir werden also den ganzen Winter ber nicht einmal niesen!

Inzwischen theilte Lieutenant Prokop dem Grafen Timascheff die Befrchtungen mit, welche ihm die Lage der Golette einflte. Bei der noch fortdauernden Arbeit der Klte erschien es nicht unmglich, da die Dobryna auf eine sehr betrchtliche Hhe gehoben wrde. Dann war aber bei eintretendem Thauwetter eine Katastrophe derselben Art zu befrchten, wie sie so hufig die Schiffe der in den arktischen Meeren berwinternden Walfischfnger zu Grunde richten. Doch, was sollte man dagegen thun?

Die kleine Gesellschaft erreichte jetzt die in ihrer Eisschale gefesselte Hansa. Auf Stufen, welche Isaak Hakhabut erst neuerdings in die Schollen geschnitten hatte, gelangte man jetzt ziemlich bequem an Bord. Was wrde der Besitzer des Schiffes aber beginnen, wenn seine Tartane vielleicht hundert Fu in die Luft empor gedrngt wurde? Doch - das war ja seine Sache.

Ein leichter blulicher Rauch wirbelte aus einem Kupferrohre auf, welches ber die auf dem Deck des Schiffes aufgehuften Schneemassen hinausragte. Der Geizhals verwendete sein Brennmaterial mit uerster Sparsamkeit, das sah man auf den ersten Blick, und doch mochte er unter der Klte nicht allzusehr leiden, denn die Eismassen rings um die Tartane bildeten sowohl an und fr sich schlechte Wrmeleiter, als sie auch im Innern eine ertrgliche Temperatur erhalten muten.

Heda! Nebukadnezar! rief Ben-Zouf.


Siebentes Capitel.

In dem man sehen wird, da der Jude eine herrliche Gelegenheit findet, sein Geld zu 1800% auszuleihen.

Auf diesen Ruf ffnete sich die Thr der Treppendecke am Hintertheil und Isaak Hakhabut wurde zur Hlfte sichtbar.

Was ist los? rief er bestrzt. Was soll ich? Hier ist Niemand. Ich habe weder etwas zu verborgen, noch zu verkaufen! Mit diesen gastfreundlichen Worten empfing er seine Besucher.

Gemach, Meister Hakhabut! antwortete Kapitn Servadac mit gebieterischer Stimme. Haltet Ihr uns etwa fr Diebe?

- Ah, Sie sind es, Herr General-Gouverneur, lenkte der Jude ein, ohne jedoch herauszutreten.

- Natrlich, besttigte Ben-Zouf, der jetzt auf dem Deck der Tartane erschien. Du solltest Dich durch diesen Besuch hoch geehrt fhlen. Allons, heraus aus dem Loche!

Isaak Hakhabut entschlo sich, mhsam aus der Treppenffnung herauszukommen, behielt aber die Thr in der Hand, um im Falle der Noth schleunig den Rckzug antreten zu knnen.

Was wnschen Sie? fragte er.

- Ein wenig mit Euch zu plaudern, Meister Isaak, erwiderte der Kapitn. Da es hier aber empfindlich kalt ist, werdet Ihr uns in Eurer Cabine wohl eine Viertelstunde gastfreundlich aufnehmen.

- Wie? Sie wollen bei mir eintreten? rief der Jude, der sich gar nicht zu verhehlen bemhte, wie verdchtig ihm dieser Besuch erschien.

- Das ist unsere Absicht, antwortete der Kapitn, der gefolgt von seinen Gefhrten jetzt die letzten Stufen erkletterte.

- Ich kann Ihnen nichts anbieten, jammerte der Jude. Ich bin nur ein armer Mann.

- Da fngt er wieder seine alte Litanei an! polterte Ben-Zouf heraus. Marsch, Elias, Platz machen!

Dabei nahm die Ordonnanz Hakhabut am Kragen und schob ihn ohne Umstnde zur Seite. Dann ffnete er die Thr zur Schiffstreppe.

Noch bevor sie eintraten, sagte Kapitn Servadac:

Hrt wohl, Hakhabut, wir kommen nicht, um Euch wider Willen etwas von Eurem Hab und Gut zu nehmen. Ich wiederhole hiermit, da ich, wenn Noth und das allgemeine Interesse es erfordern, zaudern werde, es zu thun, das heit, Eure Waare zum allgemeinen Besten zu expropriiren... natrlich gegen Zahlung des europischen Marktpreises.

- Des europischen Marktpreises, brummte Isaak Hakhabut in den Bart. Nein, nach dem Marktpreise auf der Gallia, und den werde ich selbst bestimmen!

Hector Servadac und seine Begleiter waren inzwischen nach der Cabine der Hansa hinabgestiegen. Diese bot nur einen sehr beschrnkten Raum, da der grte Theil des Schiffsinnern fr die Ladung reservirt zu sein schien. In einer Ecke erhob sich ein kleiner gueiserner Ofen, in welchem sich zwei Stckchen Kohle bemhten, nicht allzu schnell zu verbrennen. Jenem gegenber befand sich eine Art Matratzenrahmen, der als Bett diente. Den Hintergrund nahm ein Schrank mit wohlverschlossener Thr ein. Einige Schemel, ein Holztisch von zweifelhafter Sauberkeit und die unumgnglich nothwendigen Kchengerthe vervollstndigten die Ausstattung. Das Ganze bot, wie man sieht, blutwenig Comfort, war aber seines Besitzers vollkommen wrdig.

Ben-Zouf's erste Sorge nach dem Betreten der Cabine bestand darin, in den Ofen einige Stcke Kohle nachzuschtten, eine Vorsicht, welche die niedrige Temperatur des Raumes vollkommen rechtfertigte. Isaak Hakhabut, der lieber seine eigenen Knochen verbrannt htte, wenn er solche zum Wechseln besessen, heulte und jammerte zwar ber diese Vergeudung seines Brennmaterials, doch kmmerte sich Niemand um seine Einreden. Ben-Zouf fate neben dem Ofen Posto und bemhte sich, den Brand bestens anzufachen. Die Gste setzten sich, so gut es eben anging, und berlieen es dem Kapitn Servadac, den Zweck ihres Hierseins auseinander zu setzen.

Isaak Hakhabut stand, seine hakenfrmigen Hnde fest ineinander geschlagen, in einer Ecke und glich fast einem armen Snder, der sein Urtheil erwartet.

Meister Isaak, begann der Kapitn Servadac, wir sind einfach hierher gekommen. Euch um eine Geflligkeit zu ersuchen.

- Eine Geflligkeit?...

- Die das allgemeine Beste betrifft.

- Ich habe aber kein gemeinschaftliches Interesse...

- Hrt nur erst, Hakhabut, und jammert nicht vorher. Es handelt sich nicht darum, Euch das Fell ber die Ohren zu ziehen.

- Von mir zu verlangen eine Geflligkeit! Von mir, einem armen, beklagenswerthen Manne... heulte der Jude.

- Es betrifft nmlich Folgendes, fuhr Hector Servadac fort, als htte er Hakhabut's Wehklagen gar nicht gehrt.

Durch diese umstndliche Einleitung setzte er sich der Gefahr aus, Isaak Hakhabut glauben zu machen, da man ihm sein ganzes Eigenthum abnehmen wolle.

Mir einem Worte, Meister Isaak, erklrte Kapitn Servadac, wir bedrfen einer Schnellwaage. Knnt Ihr uns eine Schnellwaage leihen?

- Eine Schnellwaage! rief der Jude, so, als htte Jemand Tausende von Francs von ihm leihen wollen. Sie sagen eine Schnellwaage?...

- Ja, eine Schnellwaage zum Wiegen! widerholte Palmyrin Rosette, dem so viel Umstnde die Geduld raubten.

- Besitzt Ihr denn keine Schnellwaage? fragte auch Lieutenant Prokop.

- Gewi hat er eine! versicherte Ben-Zouf.

- In der That... ja... ich glaube wenigstens... antwortete Hakhabut stockend, um sich nach keiner Seite zu binden.

- Nun also, Meister Isaak, wollt Ihr die auerordentliche Geflligkeit haben, uns diese Schnellwaage zu leihen?

- Zu leihen? Herr General-Gouverneur, Sie wollten sie von mir leihen...

- Auf einen Tag, fiel der Professor ein, nur auf einen Tag, Jude. Ihr werdet Eure Schnellwaage auch wieder zurckerhalten.

- Das ist aber ein sehr empfindliches Instrument, mein lieber Herr, erwiderte Isaak Hakhabut. Kann doch zerspringen die Feder bei dieser groen Klte!...

- O, dieser erbrmliche Kerl! rief Palmyrin Rosette.

- Dann soll vielleicht auch gewogen werden etwas zu Schweres.

- Denkst Du, wir wollen einen Berg d'rauf wiegen, Ephraim? spottete Ben-Zouf.

- O, mehr als einen Berg! erklrte Palmyrin Rosette ernsthaft. Wir wollen die ganze Gallia wiegen.

- Erbarmen! Erbarmen! winselte der Jude, dessen erheuchelte Klagen seinen eigentlichen Zweck deutlich genug verriethen.

Kapitn Servadac mute von Neuem vermitteln.

Meister Hakhabut, sagte er, wir brauchen die Waage, um hchstens ein Kilogramm damit zu wiegen.

- Ein ganzes Kilogramm? Herrgott Israels!

- Und auch dieses Gewicht wird sich in Folge der schwcheren Anziehungskraft der Gallia noch wesentlich vermindern. Ihr habt also fr Eure Schnellwaage nichts zu frchten.

- Ich glaub's, Herr General-Gouverneur, ich glaub's, antwortete der Jude, aber leihen ... eine Schnellwaage leihen!...

- Nun, wenn Ihr darauf nicht eingeht, sagte da Graf Timascheff, wollt Ihr sie vielleicht verkaufen?

- Verkaufen? wendete der Jude auch gegen diesen Vorschlag ein, meine Waage verkaufen! Doch wenn ich sie verkauft htte, womit sollte ich wiegen meine Waaren? Ich habe keine andere Waage! Ich besitze nur das eine arme, kleine, sehr empfindliche und sehr genaue Instrument, und das soll ich hergeben!

Ben-Zouf begriff es gar nicht, da sein Kapitn den widerwrtigen Alten, der sich ihm so widerwillig zeigte, nicht gleich beim Schopfe nahm. Hector Servadac schien sich aber damit zu belustigen, an dem Juden alle Knste der Ueberredung zu versuchen.

Nun also, Meister Isaak, sagte er, ohne im Geringsten heftig zu werden, ich sehe wohl, da Ihr nicht zustimmen werdet, uns jene Waage zu leihen...

- Ach, kann ich's denn, Herr General-Gouverneur?

- Noch sie zu verkaufen?

- Verkaufen? Niemals.

- Gut; wollt Ihr sie uns vermiethen?

Isaak Hakhabut's Augen flammten auf wie glhende Kohlen. Wrden Sie auch fr jeden Schaden haften? fragte er.

- Ja.

- Und deponiren auch ein Unterpfand, welches im Falle der Beschdigung mir gehrt?

- Ja wohl.

- Wie viel?

- Hundert Francs fr ein Instrument, das zwanzig werth ist. Reicht das?

- Kaum... Herr Gouverneur... kaum, bedenken Sie, da diese Schnellwaage die einzige ist in unserer neuen Welt. Doch, es sei, zahlen Sie diese hundert Francs in Gold?

- In blanken Goldstcken.

- Und Sie wollten mir abmiethen diese Waage, welche ich so nthig brauche, abmiethen fr einen Tag?

- Nur fr einen Tag.

- Und der Miethpreis?...

- Wir zahlen zwanzig Francs fr den einen Tag, sagte Graf Timascheff. Pat Euch das?

- Ach... ich kann nicht hart sein!... murmelte der Jude die Hnde faltend. Man mu sich zu begngen wissen.

Der Handel war also, offenbar zur grten Befriedigung des Juden, abgeschlossen. Zwanzig Francs Miethgeld, hundert Francs Caution fr Beschdigung, Alles in gutem franzsischen oder russischen Golde. Wahrlich, Isaak Hakhabut htte sein Recht der Erstgeburt nicht fr ein Linsengericht hingegeben, die Linsen wren denn Perlen gewesen.

Nach einem verdchtig prfenden Blicke ringsumher verlie der Jude die Cabine, um die Waage zu holen.

Ein schrecklicher Mensch! sagte Graf Timascheff.

- Gewi, antwortete Hector Servadac, ein Muster seiner Art.

Gleich darauf trat Isaak Hakhabut wieder ein und brachte das verlangte Instrument, das er sorgfltig im Arme trug.

Es bestand aus einer Federwaage mit Haken zum Anhngen der zu wgenden Gegenstnde. Eine ber einem Gradbogen bewegliche Nadel zeigte das betreffende Gewicht an. Diese Angaben waren also, wie Palmyrin Rosette vorher erklrt hatte, unabhngig von der Schwerkraft, wie gro diese auch sein mochte. Eingetheilt fr irdische Wgungen, mute dies Instrument auf der Erde fr jeden ein Kilo schweren Gegenstand auch tausend Gramm anzeigen. Wie viel wrde es aber fr denselben Gegenstand auf der Gallia markiren? Das wird der Leser spter erfahren.

Hundertzwanzig Francs in Gold wurden dem Juden hingezhlt, dessen Hnde sich wie der Deckel einer Casette ber dem kostbaren Metalle schlossen. Ben-Zouf erhielt die Schnellwaage ausgehndigt und die Besucher der Hansa schickten sich an, die Cabine zu verlassen.

Eben jetzt erinnerte sich aber der Professor, da ihm zu seinen Operationen noch ein nothwendiges Hilfsmittel fehle. Eine Schnellwaage ntzte ihm ja nichts, wenn er daran nicht ein genau gemessenes Stck aus dem die Gallia bildenden Metalle anhngen konnte, etwa einen Wrfel von einem Decimeter Seitenlange.

Halt, das ist noch nicht Alles, Jude! sagte Palmyrin Rosette stehen bleibend. Du mut uns noch etwas leihen...

Isaak Hathabut zitterte.

Ein Meterma und ein Kilogrammgewicht.

- O, lieber Herr, antwortete der Jude, das ist nicht mglich, ich bedaure sehr, ich wre Ihnen so gern gefllig gewesen!

Jetzt sagte Isaak Hakhabut zweimal die Wahrheit, da er weder ein Meterma noch Gewichtsstcke an Bord hatte, und da er bedauerte, sie nicht zu besitzen. Er htte damit noch ein herrliches Geschftchen machen knnen.

Palmyrin Rosette sah seine Gefhrten hchst rgerlich an, als wollte er sie fr diesen Mangel verantwortlich machen. Er war dazu wohl sehr berechtigt, denn ohne den gewnschten Mastab sah er nicht ein, wie ein befriedigendes Resultat erlangt werden solle.

Ich mu doch wohl sehen, wie ich mir ohne Ma und Gewicht helfe! murmelte er und rieb sich dabei hinter den Ohren.

Schnell stieg er die Treppe wieder hinauf. Seine Begleiter folgten ihm. Noch hatten sie das Verdeck der Tartane nicht erreicht, als sich aus der Cabine der Klang von Silbermnzen hren lie.

Er rhrte von Isaak Hakhabut her, der sein Gold in einem der Schubksten des Schrankes verschlo.

Sofort kehrte der Professor um und eilte die Treppe wieder hinab. Alle folgten ihm, ohne zu wissen, was Palmyrin Rosette beabsichtigte.

Ihr seid im Besitz von Silbermnzen! rief er den Juden an und packte ihn am Aermel seines alten Kaftans.

- Ich... Silber!... antwortete Isaak Hakhabut erbleichend, als stnde er einem Ruber gegenber.

- Gewi... Silbermnzen! fuhr der Professor in lebhafter Erregung fort. Sind das franzsische Mnzen? Sind es Fnffrancsstcke?

- Ja... nein... erwiderte der Jude, der seiner Worte nicht mehr mchtig war.

Der Professor hatte sich schon dem Kasten genhert, den Isaak Hakhabut vergeblich zu schlieen suchte. Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop verstanden zwar den ganzen Vorgang nach keiner Seite, wenn sie innerlich auch natrlich fr den Professor Partei nahmen, und lieen vorerst dem Wortwechsel seinen Lauf, ohne sich selbst dabei zu betheiligen.

Diese franzsischen Mnzen brauch' ich aber einmal! rief Palmyrin Rosette.

- Nie, niemals! rief seinerseits der Jude, der sich geberdete, als wolle man ihm die Eingeweide herausreien.

- Ich brauche sie, sag' ich Dir, und ich werde sie zu bekommen wissen!

- Eher la' ich mich umbringen! heulte Isaak Hakhabut.

Kapitn Servadac hielt es jetzt doch fr angezeigt, vermittelnd einzuschreiten.

Lieber Professor, sagte er lchelnd, erlauben Sie mir, diese Angelegenheit zu ordnen, ebenso wie die erstere.

- Ach, Herr Gouverneur, rief Isaak Hakhabut ganz bleich und entstellt, schtzen Sie mich, schtzen Sie mein Hab und Gut.

- Ruhe, Meister Isaak! antwortete Kapitn Servadac.

Er wandte sich hierauf an Palmyrin Rosette.

Sie bedrfen, fragte er, einer gewissen Anzahl von Fnffrancsstcken zu Ihrer Arbeit?

- Ja, erwiderte der Professor, ich brauche deren vierzig.

- Zweihundert Francs, murmelte der Jude.

- Auerdem, fgte der Professor hinzu, zehn Zweifrancsstcke und zwanzig Fnfzigcentimesstcke.

- Noch einmal dreiig Francs! lie sich eine klgliche Stimme vernehmen.

- Zusammen also zweihundertdreiig Francs? wiederholte Hector Servadac.

- Richtig, zweihundertdreiig Francs, besttigte Palmyrin Rosette.

- Gut, sagte Kapitn Servadac.

Er richtete das Wort nun an Graf Timascheff.

Herr Graf, sagte er, haben Sie noch eine gengende Summe bei sich, um dem Juden fr die Zwangsanleihe, die ich ihm auferlegen will, Garantie zu bieten?

- Meine Brse steht zu Ihrer Verfgung, Kapitn, antwortete Graf Timascheff, freilich habe ich augenblicklich nur noch Papierrubel bei mir...

- Kein Papier! kein Papier! wehrte sich Isaak Hakhabut. Papiergeld steht auf der Gallia nicht in Cours.

- Steht das Silber vielleicht besser? erwiderte Graf Timascheff sehr khl und gelassen.

- Meister Isaak, sagte da Kapitn Servadac etwas ernster, Eure Jeremiaden haben mir bis jetzt die Laune noch nicht verdorben. Stellt meine Geduld aber nicht auf eine zu lange Probe. Werdet Ihr uns nun gern oder ungern die zweihundertdreiig Francs in Silber aushndigen?

- Diebe! Diebe! schrie der Jude.

Er ward bei diesem Ruf aber sehr unsanft durch Ben-Zouf unterbrochen, dessen krftige Hand ihm die Kehle zuschnrte.

La ihn, Ben-Zouf, sagte Kapitn Servadac, la ihn los. Er wird sich schon bequemen, uns zu willfahren.

- Niemals... Niemals!...

- Wie viel Interessen verlangt Ihr, Meister Isaak, fr jenes Darlehen von zweihundertdreiig Francs?

- Ein Darlehen!... Es handelt sich nur um ein Darlehen!.. rief Isaak Hakhabut, dessen Augen pltzlich ganz anders zu leuchten begannen.

- Natrlich, um ein einfaches Darlehensgeschft... was verlangt Ihr an Interessen?

- O, Herr General-Gouverneur, erwiderte der Jude slich, das Silber ist sehr schwer zu gewinnen und vorzglich ist es auf der Gallia heutzutage sehr selten...

- Zum Kuckuck mit diesen unntzen Einreden!.. Wie viel beansprucht Ihr? unterbrach ihn Hector Servadac.

- Nun, Herr Gouverneur, antwortete Isaak Hakhabut, es scheint mir, da zehn Francs Interessen...

- Fr den Tag?

- Ja freilich... per Tag!...

Der Wucherer hatte seinen Satz noch nicht vollendet, als Graf Timascheff ein Pckchen Rubelscheine auf den Tisch warf. Der Jude ergriff sie hastig und begann die Billets mit groer Fingerfertigkeit zu zhlen. Obwohl dieses Pfand nur aus Papier bestand, so schien es doch auch dem habgierigsten der Kinder Jud zu gengen.

Dem Professor wurden nun die verlangten franzsischen Mnzsorten ausgeliefert und er steckte diese mit sichtbarer Befriedigung in die Tasche.

Der Jude dagegen - nun, der hatte sein Kapital einfach zu mehr als 1800 Percent Zinsen ausgeliehen. Wenn er in dieser Weise weitere Geschfte machte, so mute er auf der Gallia noch schneller ein groes Vermgen zusammenscharren, als es auf der Erde je mglich war.

Als Kapitn Servadac und seine Begleiter bald nachher die Tartane verlassen hatten, erklrte ihnen Palmyrin Rosette:

Meine Herren, eine Summe von zweihundertdreiig Francs ist es nicht, die ich hier mitgenommen habe, sondern nur das einzige Hilfsmittel, um ein Kilogramm und ein Meterma herzustellen.

Achtes Capitel.

In welchem der Professor und seine Schler sich nur mit Sextillionen, Quintillionen und anderen Mehrheiten von Milliarden abgeben.

Eine Viertelstunde spter fanden sich die Besucher der Hansa in dem allgemeinen Wohnraum vereinigt, wo die letzten Worte des Professors ihre Erklrung finden sollten.

Auf Anordnung des Letzteren hatte Ben-Zouf verschiedene auf dem Tische stehende Gegenstnde weggerumt und hinlnglichen freien Platz geschaffen. Die von dem Juden Hakhabut entliehenen Silberstcke wurden nun auf den Tisch gelegt und zwar, sortirt nach ihrem Werthe, zwei Sulchen von je zwanzig Fnffrancsstcken, ein solches von zehn Zweifrancsstcken und noch eines von zwanzig Fnfzigcentimesstcken.

Meine Herren, begann Palmyrin Rosette mit sichtlicher Selbstzufriedenheit, da Sie im Moment des Stoes die Vorsicht auer Acht gelassen haben, ein Meterma und ein Kilogrammgewicht von der alten Erde zu retten, mute ich auf Mittel denken, diese beiden Objecte, welche mir zur Berechnung der Anziehung, Masse und Dichtigkeit meines Kometen unentbehrlich find, auf andere Weise zu ersetzen.

Diese Einleitung war sowohl etwas lang, als auch der Art, wie sie ein Redner meist vorauszuschicken pflegt, der seiner Sache und des beabsichtigten Eindruckes auf die Zuhrer sicher ist.

Weder Kapitn Servadac, noch Graf Timascheff oder Lieutenant Prokop erhoben Einspruch gegen diesen einzigen Vorwurf, den Palmyrin Rosette ihnen machte. Sie kannten ja seine beliebte Art und Weise. Ich habe mich, meine Herren, nahm der Professor wieder das Wort, zuvor berzeugt, da diese verschiedenen Mnzen ziemlich neu und weder durch den Gebrauch abgenutzt, noch etwa von dem Juden beschnitten waren. Sie befinden sich in der That in dem erwnschten Zustande, welcher meinen Operationen die nothwendige Genauigkeit sichert. Zunchst denke ich mich ihrer also zu bedienen, um sehr zuverlssig die Lnge des irdischen Meters zu erhalten.

Hector Servadac und seine Gefhrten durchschauten die Absicht des Professors schon, ehe er sie ausgesprochen hatte. Ben-Zouf freilich glotzte den Professor an, als she er einem Zauberknstler zu, der in irgend einer Bude des Montmartre seine Knste produciren wollte.

Der Professor begrndete aber seine erste Operation, zu welcher ihm der Gedanke urpltzlich kam, als er die Silbermnzen in Isaak Hakhabut's Geldkasten klingen hrte, auf Folgendes:

Die franzsischen Mnzen sind streng nach dem Decimalsysteme ausgeprgt, nmlich: 1. ein, zwei, fnf und zehn Centimes in Kupfer; 2. zwanzig und fnfzig Centimes, ein, zwei und fnf Francs in Silber; 3. fnf, zehn, zwanzig, fnfzig und hundert Francs in Gold.

Ueber dem Franc existiren also alle in die Decimalrechnung passenden Mehrheiten eines solchen; unter demselben alle entsprechenden Theile. Der Franc bildet den Mastab.

- Ueberdies - und hierauf fute der Professor zunchst - sind diese verschiedenen Geldstcke genau kalibrirt, und ihr durch das Gesetz bestimmt vorgeschriebener Durchmesser wird bei der Ausmnzung strengstens eingehalten. Um nur von den Stcken zu fnf und zwei Francs und von denen zu fnfzig Centimes zu sprechen, so zeigen die ersten einen Durchmesser von siebenunddreiig Millimetern, die zweiten einen solchen von siebenundzwanzig und die letzten von achtzehn Millimetern.

War es also nicht mglich, durch Nebeneinanderlegen einer gewissen Anzahl Stcke von verschiedenem Werthe ein genau zu bestimmendes Lngenma zu erhalten, das mit den tausend Millimetern des irdischen Meters bereinstimmte?

Gewi; der Professor wute das recht gut und nahm deshalb von den mitgebrachten vierzig Fnffrancsstcken zehn, ferner die zehn Zweifrancsstcke, und die zwanzig Mnzen zu fnfzig Centimes.

Er entwarf auf einem Blttchen Papier schnell folgende Berechnung, die er seinen Zuhrern zeigte:
10 Stck	zu	5	Francs		0 m,037	=	0 m,370
10 Stck	zu	2	Francs		0 m,027	=	0 m,270
20 Stck	zu	50	Cent.		0 m,18	=	0 m,360
							
					Summa		1 m,000

Sehr schn, lieber Professor, sagte Hector Servadac, wir htten diese vierzig Geldstcke also nur so dicht an einander zu legen, da eine gerade Linie alle Mittelpunkte derselben schneidet, um genau die Lnge eines irdischen Meters zu erhalten.

- Alle Wetter, rief Ben-Zouf, es ist doch hbsch, so gelehrt zu sein!

- Das nennt er schon gelehrt! meinte Palmyrin Rosette achselzuckend.

Die zehn Fnffrancsstcke wurden also auf der Tischplatte so neben einander gelegt, da eine gerade Linie ihre Mittelpunkte verband, hierauf die zehn Zweifrancsstcke und endlich die zwanzig Fnfzigcentimesstcke. Durch Einschnitte in den Tisch bezeichnete man sodann die beiden Enden dieser Linie.

Hier, meine Herren, erklrte der Professor, haben Sie die genaue Gre des irdischen Meters.

Bei dem Verfahren beobachtete man die peinlichste Genauigkeit. Mittels eines Zirkel wurde dieser Meter dann in zehn gleiche Theile getheilt und dadurch die Lnge des Decimeters bestimmt. Ein nach diesem Mae zugeschnittenes Holzstbchen erhielt der Mechaniker der Dobryna.

Letzterer, ein sehr geschickter Mann, hatte sich ein hinreichendes Stck der unbekannten Masse verschafft, welche den Vulkan bildete, und brauchte dieses blos rechtwinklig, jede Seite in der Lnge eines Decimeters zuzuschneiden, um einen tadellosen Wrfel zu erhalten, wie ihn Palmyrin Rosette gewnscht hatte.

Ein Meterma war also geschaffen. Jetzt handelte es sich noch um ein Kilogrammgewicht.

Das erschien noch leichter ausfhrbar.

Die franzsischen Mnzen haben nmlich nicht nur eine streng vorgeschriebene Gre, sondern auch ein sehr genau berechnetes Gewicht.

Die Fnffrancsstcke z. B. wiegen genau fnfundzwanzig Gramm, oder fnfmal das Gewicht eines Franc, welches fnf Gramm betrgt.

[Funote]Gewichte der verschiedenen Mnzen Frankreichs:
Gold: 100 Frcs. wiegen 32,25 Gr.; 50 Frcs. = 16,12 Gr.; 20 Frcs. = 6,45 Gr.; 10 Frcs. = 3,22 Gr.; 5 Frcs. = 1,61 Gr.
Silber: 5 Frcs. wiegen 25 Gr.; 2 Frcs. = 10 Gr.; 1 Frc. = 5 Gr.; 50 Cent. = 2,5 Gr.
Kupfer: 0,10 Frc. wiegt 10 Gr.; 0,05 Frcs. = 5 Gr.; 0,02 Frcs. = 2 Gr.; 0,01 Frc. = 1 Gr.


Durch Zusammenhufung von vierzig Fnffrancsstcken erhielt man also das Gewicht eines Kilogrammes.

Kapitn Servadac und seine Freunde sahen das ohne nhere Darlegung ein.

Ei, ei, sagte Ben-Zouf, ich merke wohl, da es zu alledem nicht ausreicht, gelehrt zu sein, man mu auch...

- Nun, was denn? fragte Hector Servadac.

- Man mu auch ziemlich reich sein!

Alle lachten herzlich ber diese Bemerkung des wackeren Ben-Zouf.

Einige Stunden spter ward der sehr sorgfltig bearbeitete Wrfel fertig und von dem Mechaniker dem Professor ausgehndigt.

Palmyrin Rosette besa nun ein Kilogrammgewicht, einen Wrfel von einem Decimeter Seitenlnge und dazu eine Schnellwaage, befand sich also in der Lage, die Anziehungskraft, Masse und Dichtigkeit seines Kometen berechnen zu knnen.

Meine Herren, sagte er, ich mu Ihnen hierbei, im Fall, da Sie es nicht kennten - oder vielmehr, da es Ihnen wieder entfallen wre - Newton's berhmtes Gesetz in's Gedchtni zurckrufen, nach welchem die Anziehungskraft im geraden Verhltnisse zur Masse und im umgekehrten Verhltnisse des Quadrats der Entfernung steht. Ich ersuche Sie, diesen Lehrsatz immer im Auge zu behalten.

Wie eifrig er docirte, der gelehrte Professor! Aber welch' folgsame Schler hatte er auch vor sich!

Hier sehen Sie, fuhr er fort, eine Anzahl von vierzig Fnffrancsstcken in diesem Beutelchen vereinigt. Dieselben wrden auf der Erde genau ein Kilogramm wiegen. Befnden wir uns also auf genanntem Planeten und ich hinge das Sckchen an den Haken der Schnellwaage, so wrde deren Zeiger genau auf 1 Kilogramm weisen. Ist das Ihnen klar?

Bei diesen Worten heftete Palmyrin Rosette die Augen immer auf Ben-Zouf. Er ahmte hiermit Arago nach, der bei seinen Vortrgen stets Denjenigen unter den Zuhrern anzusehen pflegte, den er fr den mindest Begabtesten hielt; schien es ihm dann, als habe ihn dieser Zuhrer verstanden, so hielt er sich von der Klarheit seiner Demonstration berzeugt. [Funote]Hierzu folgendes Erlebni, welches der berhmte Astronom gern erzhlte:
[Funote]Eines Tages trat in einen Salon, gerade als er von dieser seiner Gewohnheit gesprochen hatte, ein junger Mann ein, den er nicht kannte, der ihn aber doch recht bemerkbar begrte.
Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? fragte er.
- O, Herr Arago, Sie sollten mich wohl kennen, da ich Ihre Vortrge sehr fleiig besuche und Sie mich dabei ununterbrochen anzusehen belieben! In unserem Falle war nun Ben-Zouf zwar nicht gerade unbegabt zu nennen, dafr aber der Unwissendste, und das kam ja auf Eines hinaus.

Da Ben-Zouf von der Richtigkeit seiner Worte berzeugt schien, so setzte der Professor seinen Vortrag weiter fort.

Diese vierzig Geldstcke, meine Herren, werde ich jetzt an dem Haken der Schnellwaage befestigen, und da ich auf der Gallia operire, werden wir erfahren, wieviel sie auf der Gallia wiegen.

Das Pckchen ward angehngt, der Zeiger schwankte kurze Zeit hin und her und stellte sich auf dem Kreisbogen auf 133 Gramm ein.

Nun also, erklrte Palmyrin Rosette, was auf der Erde 1 Kilogramm wiegt, wiegt auf der Gallia nur 133 Gramm, demnach etwa siebenmal weniger. Ist das klar?

Ben-Zouf machte ein Zeichen der Zustimmung und der Professor docirte hchst ernsthaft weiter.

Jetzt werden Sie auch begreifen, da ich dieses Resultat wohl mit einer Federwaage, keineswegs aber mit einer gewhnlichen Balkenwaage erhalten konnte. Die beiden Schalen, auf welche ich einerseits das Sckchen mit den Mnzen und andererseits ein Kilogrammgewicht gelegt htte, wren eben im Gleichgewicht geblieben, da das Gewicht beider vollkommen gleichmig vermindert sein mute. Verstanden?

- Sogar von mir, meldete sich Ben-Zouf.

- Wenn sich hier nun das Gewicht eines Krpers siebenmal geringer herausstellt als auf der Erde, so ist auch daraus zu schlieen, da die Intensitt der Schwerkraft eine siebenmal geringere sein wird.

- Ganz richtig! besttigte Kapitn Servadac, ber diesen Punkt wren wir also einig. Nun lassen Sie uns, lieber Professor, zur Bestimmung der Masse bergehen.

- Nein, erst zu der der Dichtigkeit, entgegnete Palmyrin Rosette.

- Da wir das Volumen der Gallia schon kennen, sagte Lieutenant Prokop, so ergiebt sich nach Bestimmung ihrer Dichtigkeit die Masse derselben allerdings fast von selbst.

Die Bemerkung des Lieutenants war ganz richtig; es erbrigte nur noch die Berechnung der Dichtigkeit der Gallia.

Der Professor schickte sich dazu an. Er gebrauchte dazu den aus dem Bergmateriale geschnittenen Block, welcher genau einen Wrfel von einem Decimeter Seite darstellte.

Dieser Block, meine Herren, sagte er, besteht aus der bisher unbekannten Substanz, welche Sie bei Gelegenheit Ihrer Rundfahrt berall an der Oberflche unserer Gallia angetroffen haben. Es scheint wirklich, als sei mein Komet daraus einzig und allein gebildet. Das Uferland, der Vulkan, die inneren Terrains im Norden wie im Sden, bestehen durchweg aus diesem Mineral, fr welches Sie bei Ihrer Unkenntni in der Geologie nicht einmal den Namen fanden.

- Leider; dagegen erfhren wir so gern etwas ber die Natur dieser Substanz, sagte Hector Servadac.

- Ich glaube zu dem Schlusse berechtigt zu sein, fuhr Palmyrin Rosette fort, da die Gallia ganz allein aus diesem Stoffe besteht. Hier ist ein Kubik-Decimeter dieses Stoffes. Was wrde derselbe auf der Erde wiegen? Er mte genau siebenmal so viel wiegen als auf der Gallia, da, ich wiederhole es, die Anziehungskraft auf meinem Kometen gegenber der auf der Erde um das Siebenfache vermindert ist. Haben Sie mich verstanden, Sie, der Sie mich mit weit offenen Augen ansehen.

Die letzten Worte galten Ben-Zouf.

Nein, gestand dieser offenherzig.

- Nun, ich mag meine Zeit nicht damit verlieren, Ihnen das besonders verstndlich zu machen. Jene Herren sind sich ber meine Worte klar, das gengt mir.

- Brummbr! murmelte Ben-Zouf.

- Wiegen wir also diesen Wrfel, sagte der Professor. Es ist dasselbe, als hinge ich den Kometen selbst an den Waagenhaken.

Das Stck Mineral ward an der Schnellwaage befestigt und der Zeiger stellte sich auf dem Gradbogen bei 1 Kilogramm 330 Gramm ein.

Ein Kilo dreihundertdreiig Gramm multiplicirt mit Sieben, rief Palmyrin Rosette, ergiebt nahezu zehn Kilo. Da die Dichtigkeit der Erde etwa gleich Fnf ist, so erreicht die der Gallia die doppelte Ziffer. Ohne diesen Umstand, dieses hohe specifische Gewicht, wrde die Schwerkraft auf meinem Kometen, statt des siebenten Theiles der Anziehungskraft auf der Erde nur den fnfzehnten Theil derselben betragen.

Man bemerkte leicht, da der Professor diese Worte mit einem gewissen Stolze aussprach. Wenn die Erde seinen Kometen an Umfang bertraf, so bertraf dieser jene an Dichtigkeit, und er wre auf einen Tausch zwischen beiden Weltkrpern sicher nicht eingegangen.

Nachdem jetzt also der Durchmesser, der Umfang, die Oberflche, das Volumen, die Dichtigkeit der Gallia und die Intensitt der Schwerkraft an ihrer Oberflche festgestellt waren, blieb nur noch die Berechnung ihrer Masse, mit anderen Worten ihres eigentlichen Gewichtes, auszufhren brig.

Diese Rechnung war bald vollendet. Da ein Kubik-Decimeter des Gallia-Materiales bei der Wgung auf der Erde zehn Kilogramm gewogen htte, so mute das Gesammtgewicht der Gallia zehnmal so viel Kilogramm erreichen, als sie Kubik-Decimeter Masse enthielt. Da dieses Volumen, wie wir wissen, 211,433,460 Kubik-Kilometer betrug, so drckte sich die Anzahl der Kubik-Decimeter durch eine Zahl von einundzwanzig Ziffern aus; diese erreichte nmlich (wir schreiben die Zahl der Uebersichtlichkeit wegen hier nicht ausschlielich mit Ziffern) 211 Quintillionen, 433 Quatrillionen und 460 Trillionen. Diese Zahl reprsentirte also in irdischen Kilogrammen die Masse oder das Eigengewicht der Gallia.

Es blieb letzteres demnach unter jenem der Erde um 4 Sextillionen 788 Quintillionen 570 Quatrillionen 540 Trillionen Kilogramm zurck.

Wie viel wiegt denn eigentlich die Erde? fragte Ben-Zouf, dem diese Milliarden von Millionen den Kopf etwas verdrehten.

- Nun, weit Du denn, was eine Milliarde bedeutet? fragte ihn Kapitn Servadac.

- So ungefhr, Herr Kapitn.

- So wisse denn, da seit der Geburt Jesu Christi bis heute noch nicht eine Milliarde Minuten verstrichen ist, [Funote]Bis Ende des Jahres 1876 zhlt man vom Anfang unserer Zeitrechnung an genau 986,679,360 Minuten; es fehlen demnach noch circa 13 1/3 Millionen Minuten, d. h. die erste Milliarde wird erst bald nach Anfang des nchsten Jahrhunderts erfllt werden. und httest Du seit jener Zeit eine Milliarde Francs Schulden und in jeder Minute einen Franc davon abgezahlt, so wrst Du heute noch nicht mit der Zahlung fertig!

- Einen Franc jede Minute! rief Ben-Zouf. Da htte mich schon die erste Viertelstunde ruinirt!

- Aber was wiegt denn eigentlich die Erde?

- Nun, 5175 Sextillionen Kilogramm, belehrte ihn Lieutenant Prokop, eine Zahl von fnfundzwanzig Ziffern.

- Und der Mond?

- Der Mond wiegt 72 Sextillionen Kilo.

- Mehr nicht? antwortete Ben-Zouf. Aber die Sonne?...

- Wiegt 2 Nonillionen, antwortete der Professor, eine Zahl von einunddreiig Ziffern.

- Zwei Nonillionen! rief Ben-Zouf, wahrscheinlich genau auf das Gramm?

Palmyrin Rosette sah Ben-Zouf verchtlich ber die Achsel an.

Also wiegt jeder Gegenstand, fiel Hector Servadac ein, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, an der Oberflche der Gallia siebenmal weniger als auf der Erde.

- Gewi, erwiderte der Professor, unsere Muskelkraft ist hier also versiebenfacht, und wer auf der Erde hundert Kilo zu tragen vermochte, wrde es hier auf siebenhundert bringen.

- Aha, deshalb springen wir hier auch siebenmal hher, bemerkte Ben-Zouf.

- Ganz richtig, antwortete Lieutenant Prokop, und wre die Masse der Gallia noch geringer, Ben-Zouf, so wrdet Ihr noch hher in die Luft schnellen.

- Sogar ber den ganzen Montmartre hinweg! setzte der Professor mit den Augen blinzelnd, um Ben-Zouf zu rgern.

- Wie gro ist die Intensitt der Schwerkraft aber auf den anderen Himmelskrpern? fragte Hector Servadac.

- Das haben Sie also glcklich vergessen! rief der Professor. Sie waren freilich immer nur ein ziemlich schlechter Schler.

- Das mu ich zur eigenen Schande gestehen, antwortete Kapitn Servadac.

- Nun, so hren Sie. Die Erde gleich 1 gesetzt, so betrgt die Anziehung auf dem Monde 0,16; auf dem Jupiter 2,45; auf dem Mars 0,50; auf dem Merkur 1,15; auf der Venus 0,92, d. i. fast ebenso viel als auf der Erde; auf der Sonne 28; auf letzterer wrde 1 irdisches Kilogramm also 28 Kilo schwer sein!

- Ferner, bemerkte Lieutenant Prokop dazu, wrde ein Mensch mit einem dem unsrigen entsprechenden Krperbaue sich nach einem Falle nur schwer wieder aufrichten knnen, und eine Kanonenkugel knnte nur einige Dutzend Meter weit fliegen.

- Da wr' ja fr feige Memmen ein herrliches Schlachtfeld, sagte Ben-Zouf.

- O nein, versetzte Kapitn Servadac, denn sie wren dort zu schwer, um ausreien zu knnen.

- Ei, plauderte Ben-Zouf weiter, da wir noch strker wren und noch hher springen knnten, so bedauere ich nur, da die Gallia einst nicht noch etwas kleiner ausfiel, als sie es wirklich ist. Freilich htte das seine Schwierigkeiten gehabt!

Dieser Wunsch mute nothwendig die Eigenliebe Palmyrin Rosette's, des Eigenthmers besagter Gallia, krnken und ihn zu einer tadelnden Gegenbemerkung herausfordern.

Da hren Sie nur, rief er, ist der Kopf dieses Ignoranten nicht so schon leicht genug? Er mag sich nur in Acht nehmen, da er ihm nicht einmal durch einen Windsto entfhrt wird.

- Schon gut, schon gut, erwiderte Ben-Zouf, dann halte ich ihn eben mit beiden Hnden fest.

Palmyrin Rosette sah wohl ein, da er dem zungenfertigen Ben-Zouf gegenber doch nicht das letzte Wort behalten werde und wollte sich schon entfernen, als ihn Kapitn Servadac durch eine Handbewegung zurckhielt.

Verzeihung, lieber Professor, sagte er, noch eine Frage. Ist Ihnen nicht bekannt, aus welcher Substanz unsere Gallia eigentlich besteht?

- Vielleicht doch, antwortete Palmyrin Rosette. Die Natur dieser Substanz ... ihre Dichtigkeit von 10 ... ich mchte fast behaupten ... Ah, das wre etwas, den Ben-Zouf grndlich zu beschmen. Er wag' es nur noch, einmal, seinen Maulwurfshaufen mit meinem Kometen vergleichen zu wollen!

- Was wrden Sie zu behaupten wagen? fragte Kapitn Servadac.

- Da diese Substanz nichts Anderes ist, fuhr der Professor unter scharfer Betonung jeder Silbe fort, als eine Verbindung von Tellur ...

- Puh, von Tellur ... rief Ben-Zouf.

- Von Tellur und Gold, ein Krper der sich (z. B. im Schrifterz) auf der Erde nicht allzuselten findet, und da in dieser Verbindung siebzig Procent Tellur enthalten sind, so schtze ich ihren Goldgehalt auf dreiig Procent.

- Dreiig Procent! wiederholte Hector Servadac verwundert.

- Es ergbe das, wenn man die specifischen Gewichte beider Krper, welche im Mittel zusammen dann Zehn ausmachen, genau die Zahl, welche die Dichtigkeit der Gallia reprsentirt.

- Ein Komet von Gold! rief Kapitn Servadac.

- Der berhmte Maupertuis hielt das fr leicht mglich, und die Gallia besttigt seine Annahme.

- Wenn die Gallia aber, mischte sich Graf Timascheff in das Gesprch, einst auf die Erde zurckfllt, so wird sie alle bestehenden Mnzverhltnisse pltzlich umstoen, indem thatschlich nur neunundzwanzig Milliarden und vierhundert Millionen (Francs) Gold in Umlauf sind.

- Gewi, antwortete Palmyrin Rosette, und da der Block von Tellurgold, welcher uns trgt, nach irdischem Gewichte 211 Quintillionen 433 Quatrillionen 460 Trillionen Kilogramm wiegt, so bringt er etwa 72 Quintillionen Kilogramm Gold nach der Erde. Da ferner ein Kilogramm Gold dreitausendfnfhundert Francs ergiebt, so entspricht das Ganze einer Summe von 246 Sextillionen Francs - eine Zahl von vierundzwanzig Ziffern.

- Sobald das aber eintritt, setzte Hector Servadac hinzu, wird der Preis des Goldes auf Null sinken, und es wird jenes mehr als jemals die Bezeichnung eines nutzlosen Metalles verdienen.

Die letzten Worte hatte der Professor nicht mehr gehrt. Majesttisch verlie er nach seiner letzten Antwort den Wohnraum und begab sich nach seinem Observatorium.

Zu was in aller Welt aber, fragte Ben-Zouf, ntzen nur solche Berechnungen, die der gelehrte Brenbeier wie Taschenspieler-Kunststckchen zum Besten giebt?

- Hufig zu gar nichts, antwortete Kapitn Servadac, aber gerade das verleiht ihnen einen besonderen Reiz!

Neuntes Capitel.

In dem einzig und allein vom Jupiter, dem groen Strenfried der Kometen, die Rede ist.

Palmyrin Rosette bemhte sich in der That nur im Interesse des abstrakten Wissens. Er kannte die Ephemeriden seines Kometen, seine Bahn durch den interplanetarischen Weltraum, wie die Dauer seines Umlaufs um die Sonne. Das Uebrige, wie Masse, Dichtigkeit, Anziehungskraft und selbst der Metallwerth der Gallia, konnte nur ihn allein interessiren, nicht aber seine Gefhrten, welche nur den Wunsch hegten, der Erde an der bezeichneten Stelle ihrer Bahn und zur berechneten Zeit wieder zu begegnen.

Man berlie also den Professor seinen rein wissenschaftlichen Arbeiten.

Der folgende Tag war der 1. August oder, um uns der Ausdrucksweise Palmyrin Rosette's zu bedienen, der 63. Gallia-April. Whrend dieses Monats mute sich der Komet, indem er 9,900,000 Meilen in seiner Bahn zurcklegte, bis auf 118,200,000 Meilen von der Sonne entfernen. Er mute noch 48,600,000 Meilen zurcklegen, um am 15. Januar sein Aphel zu erreichen. Von diesem Punkte aus begann er sich der Sonne wieder zu nhern.

Dabei eilte die Gallia aber durch eine Welt von Wundern, die noch kein menschliches Auge so in der Nhe geschaut hatte.

Gewi, der Professor that recht daran, sein Observatorium so gut wie gar nicht zu verlassen. Noch niemals ergtzte einem Astronomen - und ein Astronom ist mehr als ein Mensch, denn er lebt auerhalb der Erdenwelt - eine solche Augenweide. Wie schn waren diese Gallia-Nchte! Kein Windhauch, keine Wolke trbte deren Heiterkeit. Offen lag das groe Buch des Firmamentes und leicht war seine Flammenschrift zu lesen.

Die glanzvolle Welt, der die Gallia zustrebte, war die Welt des Jupiter, des grten Planeten, den die Sonne im Kreise ihre Anziehung gefesselt hlt. Sieben Monate verflossen schon seit dem Zusammenstoe der Erde mit dem Kometen, und dieser eilte schnellen Laufes auf den prchtigen Planeten zu, der vor ihm schwebte. Heute am 1. August trennte die beiden Weltkrper nur eine Entfernung von 36 . Millionen Meilen und bis zum 1. November muten sie sich einander noch immer mehr nhern.

Lag in diesem Umstnde wohl eine drohende Gefahr? Riskirte die Gallia nicht allzuviel, wenn sie so nahe dem Jupiter schwebte? Konnte die mchtige Anziehungskraft des Planeten, dessen Masse die ihrige so ungeheuer bertraf, nicht einen verderblichen Einflu auf den schwachen Weltkrper uern? Bei der Berechnung der Umlaufszeit der Gallia hatte der Professor sicherlich nicht nur die von dem Jupiter, sondern auch alle vom Saturn und Mars zu erwartenden Strungen in Betracht gezogen. Wenn er sich aber ber die Gre derselben tuschte, wenn sein Komet eine strkere Verzgerung erlitt, als er voraussetzte, was dann? Wenn etwa gar der schreckliche Jupiter, der ewige Verfhrer der Kometen...

Kurz, wenn sich die Berechnungen des Astronomen nicht bewahrheiteten, so drohte der Gallia, nach Lieutenant Prokop's Auseinandersetzung, eine vierfache Gefahr:

1. Entweder strzte die vom Jupiter unwiderstehlich angezogene Gallia auf diesen Planeten und ging dabei zu Grunde.

2. Oder sie wrde nur in dessen Attractionskreise festgebannt und dadurch zum Satelliten, vielleicht gar zu einem solchen zweiter Ordnung.

3. Oder sie schlug in Folge der Ableitung von ihrer bisherigen Bahn einen neuen Weg ein, um nie wieder zur Ekliptik zurckzukehren.

4. Oder endlich, sie traf, selbst wenn ihr Lauf nur um ein wenig verzgert ward, zu spt bei der Ekliptik ein, nachdem die Erde jenen Punkt schon passirt hatte.

Es ist einleuchtend, da die Gallia-Bewohner bei dem Eintritt einer jeden dieser Mglichkeiten alle Aussichten verloren, jemals die Erdkugel wieder zu betreten. Wir bemerken hier auch, da Palmyrin Rosette freilich von jenen vier Eventualitten fr sich nur zwei frchtete. Ihm, dem abenteuerlustigen Astronomen, konnte es nicht genehm sein, wenn die Gallia etwa in das Verhltni eines Mondes oder gar eines Nebenmondes der Jupiterwelt bertrat; wenn sie dagegen das Zusammentreffen mit der Erde verfehlte und selbststndig um die Sonne weiter gravitirte oder selbst durch den leeren Weltraum etwa auf die Nebelmassen der Milchstrae, zu deren System vielleicht alle sichtbaren Fixsterne gehren, zueilte, das wre so nach seinem Geschmack gewesen.

Seine Begleiter mochte wohl der unwiderstehliche Wunsch beseelen, zurckzugelangen nach der schnen Erde, wo sie Angehrige und Freunde hinterlassen hatten; das war ja erklrlich; Palmyrin Rosette dagegen besa keine Familie mehr und auch keine Freunde, da es ihm stets an Zeit mangelte, sich solche zu erwerben. Wie htte ihm das auch bei dem Charakter, den wir an ihm kennen, je gelingen knnen? Da er sich nun einmal in der ganz ausnahmsweisen Lage befand, auf einem neuen Gestirn durch den Himmelsraum zu fliegen, so htte er auch Alles darum gegeben, jenes nie wieder zu verlassen.

So verflo denn ein Monat auf der einen Seite unter den Befrchtungen der Gallia-Bewohner, auf der anderen unter den Hoffnungen Palmyrin Rosette's. Am 1. September betrug die Entfernung zwischen der Gallia und dem Jupiter nur noch 22 3/4 Millionen Meilen, war also etwa gleich gro wie die zwischen Erde und Sonne. Am 15. schrumpfte sie schon auf 15 . Millionen Meilen zusammen. Der Planet nahm dabei sichtlich an Gre zu und die Gallia schien nach demselben hin angezogen zu werden, so als htte sich ihre elliptische Bahn unter dem Einflusse des Jupiter in eine geradlinige verwandelt.

In der That, es ist ein ungeheurer Planet, der hier den Lauf der Gallia zu stren drohte. Ein wirklich gefhrlicher Stein des Anstoes! Man wei, seit Newton, da die gegenseitige Anziehung der Krper im geraden Verhltnisse ihrer Massen und im umgekehrten des Quadrates der Entfernung steht. Die Masse des Jupiter aber ist eine sehr groe, und die Entfernung, in welcher die Gallia an ihm vorberkommen sollte, eine ziemlich kleine.

Der Durchmesser dieses Riesen betrgt nmlich 21,474 Meilen, d. h. elfmal mehr als der der Erde, sein Umfang aber mit 67,464 Meilen. Sein Volumen bertrifft das der Erde 1414mal, d. h. es wren 1414 Erdkugeln nthig, um ihn an Gre zu erreichen. Seine Masse ist 338mal betrchtlicher als die unseres Planeten; mit anderen Worten, er wiegt 338mal so viel wie die Erde, d. i. ziemlich zwei Octillionen Kilogramm - eine Zahl, welche mit Ziffern geschrieben achtundzwanzig Stellen hat. Wenn die aus seiner Masse und seinem Volumen berechnete Dichtigkeit desselben nur den vierten Theil von der der Erde erreicht und die des Wassers nur um ein Drittel bersteigt - woraus man sich zu folgern berechtigt glaubte, da der ungeheure Planet vielleicht ganz, mindestens an seiner Oberflche flssig sei - so blieb seine Masse eben fr die Gallia noch bedrohlich genug.

Zur Vervollstndigung dieser physikalischen Notizen ber den Jupiter diene hierbei, da er seine Kreisbahn um die Sonne, nach Erdenzeit ausgedrckt, in elf Jahren, zehn Monaten, siebzehn Tagen, acht Stunden und zweiundvierzig Minuten durchluft, bei einer Schnelligkeit von dreizehn Kilometer in der Secunde und einer Bahnlnge von nahe 728 Millionen Meilen; da sich die Rotation um seine Achse in neun Stunden fnfundfnfzig, Minuten vollzieht, die Dauer der Tage gegenber den unserigen also eine wesentlich krzere ist; da sich demnach jeder Punkt des Aequators siebenundzwanzigmal schneller fortbewegt als ein Aequatorpunkt der Erde, wodurch jeder seiner Pole eine Abplattung von 465 Meilen erlitt; da die Achse des Planeten fast rechtwinkelig auf seiner Bahnebene steht, woraus wiederum folgt, da Tage und Nchte fortwhrend annhernd gleich lang sind und von einem Wechsel der Jahreszeiten kaum die Rede sein kann, da die Sonne stets nahezu in der Ebene des Aequators bleibt; endlich, da die Intensitt des Lichtes und der Wrme, welche der Planet empfngt, nur den fnfundzwanzigsten Theil des Lichtes und der Wrme an der Erdoberflche ausmacht, denn der Jupiter beschreibt eine Bahn, welche ihn im Minimum 113, im Maximum gar 124 Millionen Meilen von der Sonne entfernt hlt.

Es erbrigt noch von den vier Monden zu reden, welche bald ber einem Horizont vereinigt, bald getrennt, die Jupiternchte gewi prachtvoll beleuchten.

Von diesen vier Satelliten umkreist der eine den Jupiter etwa in derselben Entfernung wie der Mond die Erde. Ein zweiter ist ein wenig kleiner als unser Gestirn der Nacht. Alle vollenden ihre Revolution aber weit schneller als unser Mond; der erste binnen einem Tage, achtzehn Stunden und achtundzwanzig Minuten; der zweite binnen drei Tagen, dreizehn Stunden und vierzehn Minuten; der dritte braucht dazu sieben Tage, drei Stunden und dreiundvierzig Minuten; der vierte endlich sechzehn Tage, sechzehn Stunden und zweiunddreiig Minuten. Der letzte kreist in einer Entfernung von 279,000 Meilen von der Oberflche um den Hauptplaneten.

Bekanntlich gelang es zuerst durch die Beobachtung dieser Satelliten, deren Bewegung ganz zuverlssig bekannt war, die Geschwindigkeit des Lichtes zu bestimmen. Jene eignen sich gleichzeitig zur Bestimmung eines gesuchten Lngengrades auf der Erde.

Man kann sich demnach den Jupiter, sagte Lieutenant Prokop eines Tages, als eine ungeheure Uhr vorstellen, dessen Satelliten die Zeiger bilden, und welche die Zeit mit grter Genauigkeit mit.

- Fr meine Tasche wre das Uehrchen freilich etwas zu gro, bemerkte Ben-Zouf.

- Wenn unsere Uhren, setzte Lieutenant Prokop hinzu, hchstens drei Zeiger zu haben pflegen, so hat diese hier deren vier...

- Und wir wollen Acht geben, da sie nicht bald gar einen fnften erhlt! sagte Kapitn Servadac, anspielend auf die der Gallia drohende Gefahr, unter das Satellitensystem des Jupiter gezogen zu werden.

Wie man leicht begreifen wird, bildete diese sich tagtglich vergrernde besondere Planetenwelt jetzt fast das einzige Thema der Unterhaltung zwischen Kapitn Servadac und seinen Gefhrten. Sie vermochten ihre Augen nicht mehr von diesem Ziele abzuwenden, ihre Gedanken nicht mehr auf ein anderes Object zu richten.

Eines Tages fhrte das Gesprch auf die Frage nach dem Alter der verschiedenen, um die Sonne kreisenden Planeten, welche Frage Lieutenant Prokop gar nicht besser beantworten konnte als durch Vorlesung einer einschlagenden Stelle aus Flammarion's Berichten aus der Unendlichkeit, von denen er eine russische Uebersetzung besa.

Die entferntesten (dieser Gestirne), lautete jene Quelle, sind die ehrwrdigsten und die in ihrer Entwicklung am meisten fortgeschrittenen. Neptun, 690 Millionen Meilen entfernt, hat sich zuerst aus der Nebelmasse der Sonne und sicher schon vor Milliarden von Jahrhunderten losgelst. Jupiter, dieser Kolo in 114 Millionen Meilen von der Sonne, mag etwa siebzig Millionen Jahrhunderte alt sein. Uranus, der in einer mittleren Entfernung von 420 Millionen Meilen vom Attractionscentrum der Planetenwelt gravitirt, ist gewi mehrere hundert Millionen Jahrhunderte alt. Mars wird etwa 1000 Millionen Jahre alt sein; sein Abstand von der Sonne betrgt 33,6 Millionen Meilen. Die Erde, in einer Entfernung von etwas ber 20 Millionen Meilen von der Sonne, ist deren glhendem Schooe wahrscheinlich vor 100 Millionen Jahren entsprossen. Seit etwa 50 Millionen Jahren mag sich die Venus losgerungen haben; der Halbmesser ihrer Bahn betrgt 15 . Millionen Meilen. Der Merkur endlich wird nur 10 Millionen Jahre alt sein (Entfernung 8 . Millionen Meilen) und entstammt derselben Mutter, whrend unser Mond seinen Ursprung unzweifelhaft von der Erde abzuleiten hat.

Das war die neue Planetentheorie, welche Kapitn Servadac zu der Bemerkung veranlate, es mchte Alles in Allem doch wohl vorzuziehen sein, vom Merkur gefangen zu werden, statt vom Jupiter. In jenem Falle diente man mindestens einem noch jngeren Herrn, der gewi leichter zu befriedigen sein werde.

Whrend der zweiten Hlfte des September nherten sich die Gallia und der Jupiter einander immer mehr. Am 1. dieses Monates hatte der Komet die Bahn des Planeten gekreuzt und am 1. des folgenden muten die Gestirne in krzester Distanz von einander stehen. Ein directer Sto war zwar nicht zu frchten, da die Ebenen der Jupiter- und Gallia-Bahnen nicht zusammenfielen, dennoch standen sie eine zur anderen nur schwach geneigt. Die Ebene, in welcher der Jupiter sich bewegt, steht in der That nur in einem Winkel von 1 19' zur Ekliptik, und der Leser hat wohl nicht vergessen, da die Ekliptik und die Bahn des Kometen seit dem Zusammenstoe mit der Erde nahezu in eine Ebene fielen.

Im Laufe dieses halben Monates wre der Jupiter, seitens eines minder interessirten Beobachters, als der Bewohner der Gallia, der hchsten Bewunderung sicher gewesen. Seine von den Sonnenstrahlen erleuchtete Scheibe warf ihr Licht mit einer gewissen Intensitt auf die Gallia zurck. Alle Gegenstnde erschienen in frher fast unbekannten Farbentnen. Wenn sich Nerina in Opposition zum Jupiter, also in Cunjunction mit der Sonne befand, war sie in der Nacht kaum zu bemerken. Ununterbrochen in sein Observatorium festgebannt, das Fernrohr unverrckt nach dem prchtigen Gestirne gerichtet, schien Palmyrin Rosette bis in die letzten Geheimnisse der Jupiterwelt eindringen zu wollen. Dieser Planet, den ein Astronom auf der Erde noch niemals nher als 90 Millionen Meilen vor Augen hatte, trat hier bis auf 7/8 Millionen Meilen an den enthusiastischen Professor heran.

Die Sonne dagegen erschien, bei der groen Entfernung, in welcher die Gallia jetzt dahinschwebte, nur noch als eine Scheibe von 5 46'' Durchmesser.

Einige Tage vor Erreichung des geringsten Zwischenraumes zwischen Jupiter und Gallia wurden die Satelliten des Planeten fr das unbewaffnete Auge sichtbar. Wie bekannt, ist es ohne Fernrohr so gut wie unmglich, von der Erde aus die Jupitermonde wahrzunehmen. Nichtsdestoweniger ist es constatirt, da einige, mit ausnahmsweise scharfem Sehvermgen ausgestattete Personen diese Satelliten ohne Hilfe jedes optischen Instrumentes zu sehen vermochten. Die Annalen der Wissenschaften erwhnen als solche z. B. Mstlin, den Lehrer Kepler's; einen sibirischen Jger Namens Wrangel, und nach Boguslawski, dem Director der Sternwarte zu Breslau, noch einen Schneidermeister aus dieser Stadt. Die durchdringende Schrfe des Gesichts dieser wenigen Sterblichen zugegeben, so htten sie zahlreiche Rivalen erhalten, wenn sie jetzt Warm-Land und die Zellen des Nina-Baues bewohnt htten. Die betrchtlichen Nebenplaneten waren hier eben fr Jedermanns Auge sichtbar. Man konnte sogar erkennen, da der erste in mehr oder weniger lebhafter weier Farbe, der zweite in blassem Blau, der dritte in gleichmigem Wei und der vierte bald mehr orange, bald mehr rthlich erglnzte. Es sei hierbei auch bemerkt, da dem Jupiter, in dieser Nhe gesehen, das bekannte Flimmern ganz abzugehen schien.

Wenn Palmyrin Rosette den Planeten mit keinem anderen Interesse als dem des Astronomen betrachtete, so frchteten seine Gefhrten dagegen mindestens eine Verzgerung, wenn nicht gar eine so mchtige Anziehung, da sie einen Sturz der Gallia veranlate. Die nchsten Tage verliefen indessen, ohne letzteren Verdacht zu rechtfertigen. Sollte der groe Strenfried wirklich keine anderen, als die in der Berechnung schon vorausgesehenen Wirkungen auf den winzigen Kometen uern? Wenn man ein directes Niederstrzen in Folge der dem Haarstern ertheilten Anfangsrichtung ausschlieen durfte, wrde dieser erste Impuls hinreichen, ihn innerhalb der Grenzen, derjenigen Strungen zu erhalten, die ihm, der Rechnung nach, gestatten sollten, seine Revolution um die Sonne binnen zwei Jahren zu vollenden?

Auf dieses Ziel richteten sich offenbar Palmyrin Rosette's Beobachtungen; gewi aber wre gar nicht daran zu denken gewesen, ihm seine eigenen Geheimnisse zu entlocken.

Dann und wann sprachen Hector Servadac und seine Freunde ber dieses Thema.

Ei, was da, sagte dann Hector Servadac, wenn die Dauer des Gallia-Umlaufes sich vernderte, wenn unser Komet unvorhergesehene Strungen erlitte, so wrde mein Ex-Lehrer seine Befriedigung darber nicht zu unterdrcken vermgen. Er fhlte sich gewi, zu glcklich dabei, uns auszulachen, und deshalb werden wir auch ohne directe Anfrage stets wissen, woran wir sind.

- Gott gebe, fgte Graf Timascheff ein, da er bei seinen ersten Berechnungen keinerlei Fehler gemacht hat.

- Er, Palmyrin Rosette und einen Rechenfehler machen! erwiderte Hector Servadac, daran glaube ich nimmermehr. Den Ruhm eines verdienstvollen Beobachters kann man ihm nicht abstreiten. Ich vertraue der Verllichkeit seiner ersten Berechnungen bezglich der Gallia, wie ich fr die Sicherheit der zweiten einstehen wrde, wenn er uns erklrte, da wir auf jede Hoffnung, einst zur Erde zurckzukehren, verzichten mten.

- Ganz schn, Herr Kapitn, meldete sich da Ben-Zouf, aber wollen Sie mir erlauben auszusprechen, was mich recht qult?

- So sag' uns, was Dich peinigt, Ben-Zouf.

- Ihr Gelehrter verbringt die ganze Zeit in seinem Observatorium, nicht wahr? begann Ben-Zouf mit dem Tone eines Mannes, der seine Rede reiflich berlegt hat.

- Ganz gewi, antwortete Hector Servadac.

- Und Tag und Nacht, fuhr Ben-Zouf fort, ist sein verwnschtes Fernrohr auf den Herrn Jupiter gerichtet, der uns verschlingen will.

- Nun was weiter?

- Sind Sie sich dessen sicher, Herr Kapitn, da Ihr alter Lehrer jenen mit seinem Teufelsrohre nicht gar allmlig herbeilockt?

- O, darber bin ich ruhig! antwortete Kapitn Servadac laut auflachend.

- Schon gut, Herr Kapitn, schon gut! sagte Ben-Zouf kopfschttelnd, als glaube er nicht recht daran. Mir erscheint das gar nicht so ausgemacht wie Ihnen, und ich mu sehr an mich halten, um nicht...

- Was denn? fragte Hector Servadac.

- Um sein Unglcksinstrument nicht zu demoliren.

- Wie? Du wolltest sein Fernrohr zertrmmern, Ben-Zouf?

- In tausend Granatstckchen!

- Versuch' es nur, ich lasse Dich hngen!

- Oho, gleich hngen!

- Bin ich nicht General-Gouverneur der Gallia?

- Ja wohl, Herr Kapitn! antwortete der brave Ben-Zouf.

Und sicherlich wre er verurtheilt worden, er htte sich gewi selbst den Strick um den Hals befestigt, statt einen Augenblick lang Seiner Excellenz Recht ber Leben und Tod in Zweifel zu ziehen. Am 1. Oktober betrug die Entfernung zwischen Jupiter und Gallia nur noch 10.+sub+8+/sub+ Millionen Meilen. Der Planet stand von dem Kometen also etwa noch hundertachtzigmal so weit ab als die Erde von dem Monde bei dessen grter Entfernung. In gleicher Distanz wie der Mond von der Erde wrde die Jupiterscheibe den Mond im Durchmesser dreiundvierzigmal, an Oberflchenausdehnung gegen zwlfhundertmal bertreffen. Den Beobachtern der Gallia stellte er sich also auch jetzt schon in sehr ansehnlicher Gre dar.

Man unterschied z. B. sehr deutlich die verschiedenen, seinem Aequator parallel verlaufenden Streifen von grauer Farbe im Norden und im Sden, welche nahe den Polen abwechselnd hell und dunkel erscheinen, die Rnder des Gestirnes selbst aber in hellerem Lichte erscheinen lassen. Sehr erkennbare und ihrer Gre und Form nach wechselnde Flecken unterbrachen da und dort die Gleichmigkeit jener Streifungen.

Sollten beide Erscheinungen wohl auf Strungen in der Jupiter-Atmosphre zurckzufhren sein? Erklrte sich ihr Vorhandensein, ihre Natur, ihre Ortsvernderung vielleicht durch Anhufungen von Dunstmassen, durch Bildung von Wolken, welche Luftstrmungen, hnlich unseren Passatwinden, dahinfhrten und in umgekehrter Richtung zur Drehung des Planeten um seine Achse verbreiteten? Hierber wute Palmyrin Rosette eben so wenig zu sagen wie seine Kollegen von der Erde, und wenn er einst nach der letzteren zurckkehrte, hatte er nicht einmal den schnen Trost, den Schleier eines der interessantesten Geheimnisse der Jupiterwelt gelftet zu haben.

In der zweiten Octoberwoche wurden die Befrchtungen lebhafter als je. Mit groer Geschwindigkeit nherte sich die Gallia dem gefhrlichen Punkte. Graf Timascheff und Hector Servadac, welche sich sonst etwas reservirt, um nicht zu sagen khl verhielten, brachte die gemeinschaftliche Gefahr einander nher, so da sie fast unablssig ihre Gedanken austauschten. Wenn sie die Partie manchmal fr verloren, die Rckkehr nach der Erde fr unmglich hielten, so verbreiteten sie sich im Gesprch ber die Zukunft, die ihrer in der Sonnen-, vielleicht gar in der Fixsternenwelt harren mchte. Sie ergaben sich von vornherein in dieses Schicksal. Sie sahen sich versetzt in eine neue Menschheit und tranken aus dem Borne einer weiterblickenden Philosophie, welche die beschrnkte Auffassung einer allein fr den Menschen geschaffenen Welt verwirft und dagegen die ganze Ausdehnung eines bewohnten Universums umfat.

Wenn sie dabei aber ehrlich in ihr eigenes Innere blickten, fhlten sie dennoch, da darin ein Fnkchen Hoffnung weiter glimmte und da sie es noch keineswegs aufgaben, die Erde wiederzusehen, wenn sie einst am Horizonte der Gallia inmitten der unzhligen Tausende von Sternen erschiene. Entging sie nur den aus der Nachbarschaft des Jupiter entspringenden Gefahren, so hatte die Gallia, wie Lieutenant Prokop wiederholt versicherte, nichts weiter zu frchten, weder vom Saturn, der in zu groer Entfernung blieb, noch vom Mars, dessen Bahn sie bei der Rckkehr nach der Sonne schneiden mute. Welche Eile hatten sie nun Alle, gleich Wilhelm Tell, den Todesweg hinter sich zu haben.

Am 15. October standen die beiden Weltkrper in der krzesten Entfernung von einander, welche sie erreichen sollten, im Falle keine besonderen Strungen eintraten. Die Entfernung betrug nur 7.+sub+8+/sub+ Millionen Meilen. Jetzt mute der Einflu des Jupiter die Gallia an sich ziehen oder diese ihrer Bahn ohne weitere Verzgerungen, als die im Voraus berechneten, folgen...

Die Gallia ging vorber.

Man sah das schon folgenden Tages an Palmyrin Rosette's entsetzlich schlechter Laune. Seinen Triumph als Rechner erkaufte er mit einer Niederlage als Abenteuerjger. Er, der der Beglckteste aller Astronomen htte sein sollen, er war der Unglcklichste aller Gallia-Bewohner.

Die Gallia selbst gravitirte auf ungestrter Bahn ruhig weiter um die Sonne und zuletzt folglich wieder nach der Erde zu.

Zehntes Capitel.

In welchem es sich klar und deutlich zeigt, da es besser ist, auf der Erde als auf der Gallia zu reisen.

Halloh! Ich glaube, wir sind ihm glcklich entwischt! rief Kapitn Servadac, als das enttuschte Gesicht des Professors ihm verrieth, da jede Gefahr vorber sei.

Dann wendete er sich an seine Gefhrten, die ber diese Thatsache nicht weniger befriedigt schienen als er selbst.

Was werden wir dann am Ende Groes geleistet haben? Eine einfache, zwei Jahre dauernde Reise durch die Sonnenwelt! Da unternimmt man ja auf der Erde lngere Reisen! Bis hierher haben wir uns nicht besonders zu beklagen, und wenn in Zukunft Alles ebenso glatt verluft, werden wir uns binnen fnfzehn Monaten auf dem gewohnten Sphroid wieder eingenistet...

- Und auch den Montmartre wieder gesehen haben! fiel Ben-Zouf ein.

Es war in der That ein Glck zu nennen, da die Gallia-Bewohner diesen Enterversuch abgeschlagen hatten, wie ein Seemann sich ausdrcken wrde. Selbst angenommen, da die Gallia unter dem Einflusse des Jupiter eine Verzgerung von nur einer einzigen Stunde erlitt, so wrde sie die Erde schon nahe sechzigtausend Meilen von dem Punkte entfernt gefunden haben, an dem sie letztere antreffen sollte. Welch' langen Zeitraumes htte es aber bedurft, ehe die gleich gnstigen Stellungsverhltnisse wiederkehrten? Wren nicht Jahrhunderte, Jahrtausende vergangen, bevor ein zweites Zusammentreffen mglich wurde? Ohne Zweifel. Wenn der Jupiter berdies die Gallia in der Weise strte, da sie entweder die Ebene oder die Form ihrer Bahn nderte, so htte sie wahrscheinlich in Ewigkeit durch die Sonnen- oder gar durch die Sternenwelt umherirren mssen.

Am 1. November ma die Entfernung zwischen Jupiter und Gallia 14-1/5 Millionen Meilen. In zwei und einem halben Monat sollte der Komet sein Aphel, d. h. seinen betrchtlichen Abstand von der Sonne erreichen, und sich letzterer von diesem Punkte aus wieder nhern.

Die Licht- und Wrme-Intensitt des Tagesgestirnes erschien jetzt sehr bedeutend vermindert, so da die Gegenstnde auf der Oberflche des Kometen nur wie in der Dmmerung sichtbar waren. Es gelangte jetzt hierher freilich auch nur der fnfundzwanzigste Theil der Licht- und Wrmemenge, welche die Sonne der Erde spendet. Dennoch war jenes Gestirn, in welchem der Mittelpunkt aller Anziehung im Planetensysteme liegt, noch vorhanden und die Gallia noch immer seinem mchtigen Einflusse unterworfen. Bald sollte man sich ihm wieder nhern, bald sollte das Leben wieder neu erblhen, wenn man nach dem flammenden Centrum hin zurckkehrte, dessen Temperatur nicht geringer als zu fnf Millionen Grad abgeschtzt wird. Diese lockende Aussicht htte den Bewohnern der Gallia gewi ihre moralischen und physischen Krfte wiedergegeben, wenn das solchen Mnnern gegenber berhaupt nthig gewesen wre.

Und Isaak Hakhabut? Hatte der egoistische Jude auch etwas empfunden von den Befrchtungen, die den Kapitn Servadac und seine Gefhrten whrend der zwei letzten Monate qulten?

Nein, ganz und gar nicht. Seitdem er das fr ihn so gnstige Anlehensgeschft abschlo, hatte Isaak Hakhabut die Tartane nicht wieder verlassen. Schon am Tage nach Beendigung der Untersuchungen des Professors beeilte sich Ben-Zouf, ihm die Schnellwaage nebst den Silbermnzen zurckzustellen. Der Miethzins und die Interessen befanden sich ja vorher in seinen Hnden. Er brauchte nur die ihm als Pfand berlassenen Papierrubel wieder herauszugeben, und damit hatten seine Beziehungen zu den Insassen des Nina-Baues ihre Ende erreicht.

Bei diesem Zusammentreffen theilte ihm Ben-Zouf gleichzeitig mit, da der ganze Grund und Boden der Gallia aus gutem Golde bestand, das freilich weder hier einen Werth besa, noch nach der Rckkehr zur Erde seiner bergroen Menge wegen einen solchen erhalten konnte.

Der Jude glaubte natrlich nur, da Ben-Zouf sich ber ihn lustig machen wolle. Er schenkte seinen Geschichtchen jetzt wie frher keinen Glauben, sondern trachtete mehr als je darnach, allen Mnzvorrath der Colonie an sich zu bringen.

Dem Nina-Bau widerfuhr also niemals die Ehre eines Besuches seitens des Juden Hakhabut.

Es ist doch erstaunlich, bemerkte Ben-Zouf wiederholt, wie leicht man sich daran gewhnt, ihn niemals zu sehen!

Gerade jetzt dachte aber Isaak Hakhabut daran, mit den brigen Bewohnern der Gallia einige Verbindungen anzuknpfen. Einerseits begannen verschiedene seiner Waarenvorrthe zu verderben, andererseits lag ihm natrlich daran, sein ganzes Lager vor der Rckkehr nach der Erde in Geld umzusetzen. Auf der alten Erdkugel erzielten seine Waaren im gnstigsten Falle hchstens den blichen Marktpreis, auf der Gallia dagegen muten sie, im Hinblick auf ihre Seltenheit und den dringenden Bedarf, eine sehr hohe Verwerthung finden, da - der Jude wute das sehr gut - sich doch Jeder nur an ihn wenden konnte.

Zu derselben Zeit begannen auch einige vor Allem nothwendige Artikel, wie Oel, Kaffee, Zucker, Tabak u. dgl. im Hauptmagazine zur Neige zu gehen. Ben-Zouf hatte seinem Kapitn davon Meldung gemacht. Dieser beschlo, getreu seinem Isaak Hakhabut gegenber bisher eingehaltenen Benehmen, die Waaren der Hansa gegen Baarzahlung einzutauschen.

Diese Uebereinstimmung der Gedanken zwischen dem Verkufer und den Kufern mute es dem Juden erleichtern, frhere Beziehungen zu den Bewohnern von Warm-Land wieder aufzunehmen, resp. neue anzuknpfen. In Folge des unausbleiblichen Steigens der Preise hoffte Isaak Hakhabut, binnen Kurzem alles Gold und Silber der Kolonie zusammengerafft zu haben.

Leider, sagte er, wenn er in seiner engen Cabine so fr sich hin speculirte, bertrifft der Werth meiner Ladung weitaus den des Geldes, ber welches die Leutchen da verfgen knnen. Wenn ich nun Alles im Kasten habe, womit sollen sie mir abkaufen den Rest meiner Waaren?

Diese Aussicht beunruhigte den Wucherer nicht wenig. Zum Glck erinnerte er sich noch rechtzeitig, da er ja nicht allein Waarenhndler, sondern auch Gelddarleiher, oder richtiger Halsabschneider sei. Konnte er dieses eintrgliche Geschftchen, das auf der Erde in so hoher Blthe stand, nicht auch auf der Gallia fortsetzen? Seine letzte Operation dieser Art war doch dazu angethan, ihn zu weiteren zu reizen.

Isaak Hakhabut - ein logischer Kopf - gelangte nun nach und nach zu folgenden Erwgungen:

Wenn die Leute kein Geld mehr haben, besitze ich immer noch Waaren, da diese gewi ihren hohen Preis behalten. Wer hindert mich dann, ihnen Geld zu leihen, natrlich nur Denen, deren Unterschrift mir gut scheint? Ei, wenn die Schuldscheine auch auf der Gallia ausgefertigt wurden, werden sie doch haben auf der Erde dieselbe Giltigkeit. Werden sie dann zur Verfallzeit nicht eingelst, lass' ich protestiren die Wechselchen, und die Gerichtsdiener werden besorgen das Uebrige. Der Ewige im Himmel verbietet ja den Menschen nicht, zu wuchern mit ihrem Pfunde. Im Gegentheil. Da ist nun ein Kapitn Servadac und vorzglich ein Graf Timascheff, die mir zahlungsfhig aussehen und nicht geizen mit ein paar Procent Interessen. O, Du Herrgott Israel's, werd' ich doch nicht bse sein zu verleihen einiges Geld, das in der wirklichen Welt zurckzuzahlen ist!

Ohne es zu wissen dachte hier Isaak Hakhabut ganz hnlich zu verfahren, wie ehemals die alten Gallier. Diese liehen Geld aus auf in der anderen Welt zahlbare Schuldscheine. Fr sie war diese andere Welt in der That die Ewigkeit. Fr den Juden war es die Erdenwelt, nach welcher sie die wahrscheinliche, fr ihn gnstige, fr seine Schuldner ungnstige Aussicht hatten, zurckversetzt zu werden.

Es erscheint nach dem Obengesagten als natrliche Folge, da, ebenso wie Gallia und Erdkugel unverwandt auf einander zueilten, Isaak Hakhabut einen Schritt that gegen Kapitn Servadac, der wiederum ihm, dem Eigenthmer der Tartane, auf halbem Wege entgegenkam.

Die hierdurch nothwendig werdende Begegnung fand am 15. November in der Cabine der Hansa statt. Der pfiffige Jude hatte sich wohl gehtet, mit Anerbietungen hervorzutreten, da er recht gut wute, da man sich werde an ihn wenden mssen.

Meister Isaak, sagte Kapitn Servadac, der auf sein Ziel ohne Umstnde oder Winkelzge loszugehen pflegte, wir brauchen Kaffee, Tabak, Oel und andere Artikel, welche die Hansa fhrt. Morgen werd' ich mit Ben-Zouf kommen, um zu kaufen, was wir nthig haben.

- Erbarmen! Erbarmen! schrie der Jude, dem dieser Ausruf mit oder ohne Ursache stets, entfuhr. - Ich sagte, wiederholte Kapitn Servadac, wir kommen dann nur, um zu kaufen, versteht Ihr? Kaufen heit meiner Ansicht nach, eine Lieferung gegen einen bedungenen Preis beanspruchen. Ihr habt folglich nicht den geringsten Grund zu Euren beliebten Klageliedern.

- Ach, Herr Gouverneur, antwortete der Jude, dessen Stimme zitterte wie die eines armen Teufels, der sich ein Almosen erbettelt, ich verstehe schon. Ich wei, Sie werden einen armen Handelsmann, dessen ganzes Vermgen bedroht und in Frage gestellt ist, nicht berauben lassen.

- Nichts ist bedroht, Isaak, und ich wiederhole, da man Euch nichts nehmen wird, ohne dafr zu zahlen.

- Ohne zu zahlen ... und baar?

- Nur gegen baar.

- Sie sehen ein, Herr Gouverneur, fuhr Isaak Hakhabut fort, da es mir unmglich wre, Credit zu geben...

Kapitn Servadac lie seiner Gewohnheit nach und um ihn von allen Seiten grndlich kennen zu lernen, den Juden reden. Dieser fhlte sich sicher und schwatzte weiter.

Ich glaube .... nein ... ich denke ... es giebt auf Warm-Land sehr ehrenwerthe Leute... ich meine, sehr zahlungsfhige... den Grafen Timascheff ..., den Herrn General-Gouverneur selbst...

Hector Servadac sprte einige Lust, ihm mit einem Futritte beizustimmen.

Sie sehen aber ein... fuhr Isaak Hakhabut in slichstem Tone fort, wenn ich dem Einen Credit gbe, kme ich sehr in Verlegenheit, ihn einem Anderen zu verweigern. Das mte zu rgerlichen Auftritten fhren... und deshalb, mein' ich... ist es gerathener... gar Niemandem zu creditiren.

- Das ist ganz meine Ansicht, bekrftigte ihn Hector Servadac.

- O, faselte der Jude weiter, ich bin so erfreut und gerhrt, zu sehen, da der Herr Gouverneur billigt meine Gedanken. Das nenn' ich verstehen zu handeln, wie es geschehen soll. Darf ich mich unterstehen, zu fragen den Herrn Gouverneur nach der Mnzsorte, mit der Sie zahlen werden?

- Mit Gold, Silber und Kupfer, und wenn dieses Geld erschpft ist, mit Bankbillets...

- Mit Papier! O weh! jammerte Isaak Hakhabut, das hab' ich eben gefrchtet!

- Ihr habt kein Vertrauen zu den Staatsbanken von Frankreich, England oder Ruland?

- O, Herr Gouverneur! ... Es giebt nur zweierlei gutes Metall, Gold und Silber, was einen reellen Werth hat.

- Ich hab' Euch auch gesagt, Meister Isaak, antwortete Kapitn Servadac mit unvernderter Liebenswrdigkeit, da Ihr zunchst mit coursfhigem Gold und Silber bezahlt werden sollt.

- Mit Gold! ... Mit Gold! . .. rief der Jude. Das ist und bleibt doch das Hauptgeld auf Erden!

- Vor allem Anderen mit Gold, Meister Isaak, denn gerade Gold, russisches, englisches und franzsisches Gold giebt's auf der Gallia am meisten.

- Gott der Gerechte, die schnen Golde! murmelte der Jude, den seine Habgier jenes in der ganzen Welt so geschtzte Hauptwort gleich in der Mehrzahl zu gebrauchen trieb.

Kapitn Servadac wollte sich verabschieden.

Also abgemacht, Meister Isaak, sagte er, auf morgen!

Da kam Isaak Hakhabut nochmals auf ihn zu.

Wird mir der Herr General-Gouverneur gestatten, noch eine Frage zu stellen?

- So beeilt Euch.

Es wird mir freistehen, nicht wahr ... fr meine Waaren einen Preis zu stellen ... wie er mir pat?

- Meister Hakhabut, erwiderte Kapitn Servadac sehr ruhig, ich htte eigentlich das Recht, Euch einen Maximalpreis vorzuschreiben, doch will ich auf solche auergewhnliche Manahmen verzichten. Ihr werdet Eure Waaren selbst mit den gewhnlichen europischen Marktpreisen auszeichnen, nicht mit anderen!

- Erbarmen, Herr Gouverneur! rief der Jude an der empfindlichsten Stelle getroffen, damit berauben Sie mich eines ganz rechtmigen Vortheils! ... Das streitet gegen alle Gewohnheit des Handelns. Mir steht es zu, den Marktpreis zu bestimmen, denn alle Waaren sind in meiner Hand. Wenn Sie gerecht sein wollen, knnen Sie sich dem nicht widersetzen, Herr Gouverneur! ... Das hiee, mir mein Hab' und Gut rauben!

- Ich erwarte europische Preise, entgegnete einfach Kapitn, Servadac.

- Herrgott Israel's! Was! Hier wre eine Conjunctur auszubeuten...

- Eben daran wollte ich Euch hindern.

- Eine solche Gelegenheit kommt niemals wieder...

- Euren Mitmenschen das Fell ber die Ohren zu ziehen, Meister Isaak. Ja, ja, es thut mir leid um Euch ... Verget mir aber nicht, da ich das Recht habe, zum Besten der Allgemeinheit ber Eure Waarenvorrthe zu verfgen und...

- Ueber das zu verfgen, was mir eigen angehrt vor den Augen des ewigen Gottes!

- Gewi, Meister Isaak, antwortete der Kapitn: ich mag nur meine Zeit nicht verschwenden, Euch diese einfache Wahrheit begreiflich zu machen. Fgt Euch also darein, mir einfach zu gehorchen, und seid damit zufrieden, zu jedem Preise zu verkaufen, wo Ihr gezwungen werden knntet, ohne Entschdigung das Nthige zu liefern.

Isaak Hakhabut wollte seine Wehklagen noch einmal anfangen, Kapitn Servadac aber schnitt sie ab, indem er im Fortgehen nur die Worte wiederholte:

Europische Marktpreise, Meister Isaak, merkt's Euch!

Die brige Zeit dieses Tages hatte der Jude nichts Anderes zu thun, als auf den Gouverneur und die ganze Gallia-Kolonie weidlich zu schimpfen, da man ihm Maximalpreise vorschreiben wollte, wie in den schlimmsten Zeiten der franzsischen Revolution. Er schien sich erst einigermaen zu beruhigen, als er zu folgendem Gedanken kam, der fr ihn eine ganz besondere Bedeutung haben mute:

Nur zu, nur zu. Ihr schlechten Menschen! Ihr sollt die Marktpreise Europas haben. Ich verdiene dabei doch mehr, als Ihr glaubt!

Am nchsten Tage, dem 16. November, begab sich Kapitn Servadac, der die Ausfhrung seiner Befehle berwachen wollte, mit Ben-Zouf und zwei russischen Matrosen schon frhzeitig nach der Tartane.

Nun, Eleazar, begrte Ben-Zouf deren Eigenthmer, wie geht's alter Spitzbube!

- Sie sind zu gtig, Herr Ben-Zouf, antwortete der Jude.

- Wir wollen mit Dir also in aller Freundschaft ein kleines Geschftchen machen.

- Ja... in aller Freundschaft... aber gegen Bezahlung...

- Nach europischen Marktpreisen, begngte sich Kapitn Servadac hinzuzufgen.

- Gut, gut, fuhr Ben-Zouf fort, wenn Du Deine Rechnung gemacht, wirst Du auf Bezahlung nicht lange zu warten haben.

- Was brauchen denn die Herren?

- Fr heute, zhlte Ben-Zouf auf, Kaffee, Tabak und Zucker, von jedem etwa zehn Kilo. Bediene uns aber zur Zufriedenheit, sonst - hte Deine Knochen! Ich verstehe mich auf das Geschft, denn heute bin ich Feldwebel!

- Ich glaubte Adjutant des Herrn General-Gouverneurs? sagte der Jude.

- Gewi, Kaiphas, bei jeder feierlichen Gelegenheit, aber Feldwebel immer dann, wenn's zum Einkaufen geht. Doch verlieren wir nicht unsere Zeit!

- Sie sagten, Herr Ben-Zouf, zehn Kilo Kaffee, zehn Kilo Zucker und zehn Kilo Tabak?

Nach erlangter Ueberzeugung von der Richtigkeit dieser Bestellung verschwand der Jude aus der Cabine und stieg nach dem Raume der Hansa hinunter, von wo er sehr bald zehn Packete, alle mit dem Stempel des Staates verschlossen und jedes im Gewichte eines Kilogrammes, heraufbrachte.

Hier sind zehn Kilo Tabak, sagte er. Das Kilogramm zu 12 Francs macht 120 Francs.

Ben-Zouf wollte schon den gewhnlichen Regie-Preis zahlen, als Kapitn Servadac ihn daran verhinderte.

Halt einmal, Ben-Zouf. Wir mssen uns auch berzeugen, ob das Gewicht richtig ist.

- Sie haben recht, Herr Kapitn.

- Wozu ist das nthig? versetzte Isaak Hakhabut. Sie sehen ja, da die Verpackung jedes Kilos unverletzt ist und da das Gewicht darauf bemerkt ist.

- Thut nichts, Meister Isaak, erwiderte Kapitn Servadac in einem Tone, der jede Einrede abschnitt.

- Vorwrts, Alter, hol' Deine Schnellwaage! trieb Ben-Zouf.

Der Jude besorgte die Waage und hing ein Kilogrammpacket Tabak an den Haken.

Gott der Gerechte! rief er pltzlich.

Er hatte in der That alle Ursache zu diesem Ausrufe der Verwunderung.

In Folge der verminderten Schwerkraft auf der Gallia markirte der Zeiger des Instrumentes nur 132 Gramm fr ein Packet von 1 Erden-Kilogramm

Wie denn nun, Meister Isaak, begann der Kapitn unverndert ernsthaft, Ihr seht, wie recht ich hatte, uns jedes Packet vorwiegen zu lassen.

- Aber, Herr Gouverneur...

- Legt nur soviel zu, bis ein Kilogramm voll ist.

- Aber, ich bitte Sie, Herr Gouverneur...

- Keine Umstnde! Zulegen! verlangte Ben-Zouf.

- Aber, Herr Ben-Zouf...

Der unglckliche Jude sa in der Schlinge. Ihm war jene Erscheinung der verminderten Anziehung recht wohl bekannt. Er sah, da diese Unglubigen darauf ausgingen, sich fr den Preis, den sie zahlen muten, durch das Gewicht der Waare schadlos zu halten. O, htte er nur gewhnliche Waagen besessen, so htte das - wie ja bei anderer Gelegenheit schon erlutert wurde - nicht vorkommen knnen. Leider mangelten ihm aber solche.

Er versuchte noch einmal zu reclamiren und Kapitn Servadac zu erweichen, doch dieser schien unbeugsam bleiben zu wollen. Die Sache war ja weder sein Fehler, noch der seiner Begleiter; er bestand einfach auf dem Verlangen, da der Waagenzeiger ein Kilogramm markiren sollte, wo er ein Kilogramm bezahlte.

Isaak Hakhabut mute sich wohl oder bel fgen, mischte aber seine Seufzer schluchzend unter das helle Lachen Ben-Zouf's und der russischen Matrosen, denen die Geschichte gar zu lustig vorkam. Zum Schlu blieb ihm nichts Anderes brig, als fr jedes Kilo Tabak deren sieben zu geben, und bei dem Zucker und Kaffee nicht minder.

Ziere Dich doch nicht, Pontius Pilatus! widerholte Ben-Zouf immer, wr' es Dir vielleicht lieber, wir nhmen unseren Bedarf ohne Bezahlung?

Das leidige Geschft war beendigt. Isaak Hakhabut hatte zwar siebzig Kilo Tabak und ebensoviel Kaffee und Zucker geliefert, Bezahlung aber nur fr je zehn Kilo empfangen.

Uebrigens ging das, wie Ben-Zouf sagte, einzig und allein der Gallia an. Weshalb war Isaak Hakhabut hierher gekommen, um zu schachern?

Ganz zuletzt sorgte Kapitn Servadac, der sich mit dem Juden nur belustigen wollte, getrieben durch das Gefhl von Gerechtigkeit, das er auch ihm gegenber stets bewahrte, fr eine richtige Ausgleichung zwischen Preis und Gewicht, so da Isaak Hakhabut fr gelieferte siebzig Kilo auch die entsprechende Bezahlung erhielt.

Man wird brigens zugeben, da die auergewhnlichen Verhltnisse der Schwerkraft Kapitn Servadac und seine Gefhrten wegen dieser etwas sonderbaren Art und Weise, ein Geschft abzuschlieen, wohl htten entschuldigen knnen.

So wie bei anderen Gelegenheiten hielt Hector Servadac auch hierbei an dem Glauben fest, da der Jude stets mehr jammerte, als er Ursache hatte. Seine Seufzer, seine Einwendungen hatten immer einen etwas zweideutigen Charakter.

Alle verlieen also die Hansa und lange konnte Isaak Hakhabut noch Ben-Zouf's lustiges Soldatenliedchen hren:

Ich freu' mich beim Tone
Der Clarinette,
Der Trommel, Trompete,
Doch voll ist die Freud'
Erst beim Schall der Kanone!

Elftes Capitel.

In welchem die gelehrte Welt der Gallia in Gedanken durch das grenzenlose Weltall schweift.

Ein weiterer Monat verstrich. Die Gallia eilte durch den Planetenraum dahin und fhrte ihre kleine Welt mit sich. Gewi, eine kleine Welt, in der aber die menschlichen Leidenschaften bisher nur wenig Eingang fanden. Die Habgier, die Selbstsucht waren allein durch jenen Juden, ein abschreckendes Muster der Menschenrace, vertreten. Er bildete den einzigen Schandfleck, welcher diesen von der brigen Menschheit abgesonderten Mikrokosmus verunzierte.

Alles in Allem muten sich die Bewohner der Gallia doch nur als Passagiere auf einer Rundreise durch die Sonnenwelt betrachten, weshalb sie sich an Bord ihres Gestirnes zwar so bequem als mglich, doch immer nur vorbergehend einzurichten suchten. Nach Vollendung dieser Reise um die Welt sollte ihr Fahrzeug wieder an der alten Erdkugel landen und, wenn sich des Professors Berechnungen als vllig richtig erwiesen - freilich war das unumgnglich nthig - gedachten sie dann ihren Kometen zu verlassen und die irdischen Continente wieder zu betreten.

Freilich konnte das Anlegen des Schiffes Gallia an seinem Bestimmungshafen voraussichtlich nur mit grter Schwierigkeit und unter den ernsthaftesten Gefahren vor sich gehen. Doch um diese Frage handelte es sich vorlufig noch nicht, ihre Lsung verschob man also auf sptere Zeit.

Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Lieutenant Prokop hielten sich stets berzeugt, ihres Gleichen in verhltnimig kurzer Zeit wieder zu begren. Ebenso glaubten sie sich der Verpflichtung berhoben, Vorrthe fr die Zukunft aufzuspeichern, die fruchtbaren Landstriche der Insel Gourbi auszuntzen und die verschiedenen Arten von Sugethieren und Vgeln zu erhalten, welche sie anfnglich zu Stammeltern des Thierreiches auf der Gallia ausgewhlt hatten.

Manchmal plauderten sie jedoch davon, was sie wohl unternommen htten, die Gallia auf die Dauer bewohnbar zu machen, wenn es ihnen versagt gewesen wre, sie jemals wieder zu verlassen. Wie viele Projecte tauchten da vor ihren Augen auf, wie viele Arbeiten waren zu bewltigen, die Existenz dieser nicht einmal zahlreichen Gesellschaft sicher zu stellen, welche ein zwanzigmonatlicher Winter so ernsthaft bedrohte.

Am kommenden 15. Januar sollte der Komet den Endpunkt seiner groen Achse, also sein Aphel erreichen, von diesem Zeitpunkte an aber mit wachsender Geschwindigkeit auf seiner Bahn der Sonne wieder zueilen. Neun bis zehn Monate konnten wohl noch darber hingehen, bis die Sonnenwrme das Meer vom Eis befreite und das Land wieder fruchtbar machte. Hiermit wre die Zeit gekommen, wo die Dobryna und die Hansa Menschen und Thiere wieder nach der Insel Gourbi zurckfhren sollten. Das Ackerland htte man sodann fr den so kurzen, aber heien Gallia-Sommer eilends bearbeitet. Bei rechtzeitiger Einsaat lieferte der fruchtbare Boden voraussichtlich schon nach wenigen Monaten Getreide und Futterstoffe zur Ernhrung Aller. Heu- und Kornernte htte man vor der Rckkehr des Winters beendigt und auf der Insel ein freies, gesundheitsfrderndes Jger- und Bauernleben gefhrt. Mit dem Winter wre man endlich zu jener Troglodyten-Existenz in den Hohlrumen des feuerspeienden Berges zurckgekehrt. Die Bienen htten dann auf's Neue die Zellen des Nina-Baues bevlkert, um darin die harte und lange kalte Jahreszeit zu verbringen.

Gewi, nach ihrer warmen Wohnung wren die Kolonisten wohl heimgekehrt. Aber htten sie denn niemals einen weiteren Ausflug unternommen, um vielleicht geeignetes Brennmaterial, etwa ein leicht auszubeutendes Kohlenlager, zu entdecken? Sollten sie nicht versucht haben, sich auf der Insel Gourbi selbst eine Wohnsttte zu errichten, welche, fr die Bewohner bequemer, den Bedrfnissen der Kolonie und den klimatischen Verhltnissen der Gallia entsprechender wre?

Ohne Zweifel htten sie das Alles gethan, wenigstens es versucht, um dieser langen Einsperrung in den Hhlen von Warm-Land zu entgehen - einer Einsperrung, welche in geistiger Hinsicht noch beklagenswerter erschien als in krperlicher.

Es bedurfte eben eines Palmyrin Rosette, eines in seinen Zahlenreihen vllig aufgehenden Originales, um diese traurigen Folgen nicht zu spren und unter den gegebenen Umstnden auf der Gallia ad infinitum ausharren zu wollen.

Daneben bedrohte die Insassen von Warm-Land tglich noch eine andere entsetzliche Mglichkeit. Wer konnte vorhersagen, ob sie sich in Zukunft nicht erfllen werde? Wer wenigstens versichern, da ihr Eintritt nicht eher erfolge, als bis der Komet wieder von der Sonne die fr seine Bewohnbarkeit unumgnglich nthige Wrmemenge erhielt? Hier lag eine sehr ernste Frage vor, welche die Bewohner der Gallia mit Rcksicht auf die nchste Zeit wiederholt behandelten, whrend sie dabei von der Zukunft in der Hoffnung absahen, dieser durch ihre Rckkehr zur Erde berhaupt zu entgehen.

Wir haben hier die Mglichkeit im uge, da der ganz Warm-Land gleichsam heizende Vulkan doch vielleicht verlschen konnte. Sollte das innere Feuer der Gallia wirklich unerschpflich sein? Was wurde aber aus den Bewohnern des Nina-Baues nach dem Aufhren dieses Feuers? Sollten sie sich weiter bis in das Innerste des Kometen hinab verkriechen, um daselbst eine ertrgliche Temperatur zu suchen? Wrde es ihnen endlich auch dort nicht unmglich werden, der Klte des freien Weltraumes zu trotzen?

Offenbar stand der Gallia in nherer oder fernerer Zukunft dasselbe Schicksal bevor wie allen brigen Einzelkrpern unserer Sonnenwelt. Ihr inneres Feuer mute einmal verlschen; sie selbst zum todten Gestirn werden, wie es der Mond jetzt schon ist und die Erde einst sein wird. Diese Aussicht hatte fr die Bewohner der Gallia inde nichts Beunruhigendes, da sie darauf rechneten, ihren Kometen weit eher verlassen zu haben, als er unbewohnbar wrde.

Jedenfalls konnte die Eruption des Vulkanes von einem Augenblicke zum anderen, ebenso wie es bei den Vulkanen der Erde vorkommt, aufhren, noch ehe der Komet sich der Sonne hinreichend genhert hatte. Woher sollte man in diesem Falle aber jene Lava nehmen, welche die so nothwendige und wohlthuende Wrme bis in die Tiefe der Bergmasse verbreitete? Welches Heizmaterial wrde dann ihrer Wohnsttte jene mittlere Temperatur ertheilen, welche sie brauchten, um bei einer Klte von sechzig Graden unter Null fortzuleben?

Gewi eine ernste Frage. Glcklicher Weise zeigte die Ausstrmung der Auswurfsmassen bisher noch keinerlei bedrohliche Vernderung. Der Vulkan functionirte mit einer Regelmigkeit und, wie frher erwhnt, mit einer Ruhe von bester Vorbedeutung In dieser Hinsicht brauchten sie sich also weder wegen der Zukunft, noch wegen der Gegenwart besondere Sorgen zu machen. Mindestens war das die Ansicht des stets vertrauungsvollen Kapitn Servadac.

Am 15. December schwebte die Gallia 129.+sub+6+sub+ Millionen Meilen von der Sonne entfernt, d. h, fast am Ende der groen Achse ihrer Bahn. Sie bewegte sich jetzt nur mit einer monatlichen Geschwindigkeit von 6 bis 7 Millionen Meilen vorwrts.

Vor den Augen der Gallia-Bewohner, vorzglich freilich vor denen Palmyrin Rosette's, that sich eine ganz neue Welt auf. Nachdem er den Jupiter aus grerer Nhe, als es jemals einem Sterblichen vergnnt gewesen, beobachtet, beschftigte sich der Professor jetzt mit Betrachtung des Saturn.

Leider bot dieser nicht jene ausnehmend gnstigen Verhltnisse der Entfernung. Nur 7.8 Millionen Meilen hatten zwischen dem Kometen und der Jupiterwelt gelegen, wogegen ihn 1O3.8 Millionen Meilen von dem anderen merkwrdigen Planeten trennten. Von Seiten des letzteren waren also Verzgerungen, auer den schon in Rechnung gezogenen, und berhaupt ernstere Strungen gewi nicht zu frchten.

Auf jeden Fall befand sich Palmyrin Rosette in der gnstigen Lage, den Saturn etwa so beobachten zu knnen, als htte sich dieser einem Astronomen der Erde um den halben Durchmesser seiner Bahn genhert.

Es wre ganz berflssig gewesen, ihn mit Anfragen ber Einzelheiten des Saturns zu behelligen. Der Ex-Professor fhlte kein Bedrfni, sein Licht leuchten zu lassen. Man htte ihn wohl kaum dazu vermocht, sein Observatorium zu verlassen und es schien fast, als sei das Ocular seines Fernrohres Tag und Nacht direct an sein Auge geschraubt.

Als Ersatz zhlte die Bibliothek der Dobryna mehrere Werke ber elementare Kosmographie, so da alle Kolonisten, welche sich fr derartige astronomische Fragen interessirten, Dank dem Lieutenant Prokop, von der Saturnwelt hren konnten, was sie verlangten.

Ben-Zouf schien vorzglich befriedigt, als man ihm mittheilte, da die Erde, wenn die Gallia in derselben Distanz von der Sonne gravitirte wie der Saturn, mit bloem Auge nicht mehr sichtbar sein wrde. Bekanntlich hielt die Ordonnanz vor allem daran fest, da die Erdkugel wenigstens immer fr seine Augen erkennbar bleibe.

So lange man die Erde sieht, ist noch nichts verloren, wiederholte er immer.

Wirklich wre die Erde in der Entfernung, welche den Saturn von der Sonne trennt, auch fr die besten Augen unsichtbar geworden.

Saturn schwebte zu dieser Zeit noch 105 Millionen Meilen von der Gallia, also 218.6 Millionen Meilen weit von der Sonne. In dieser Stellung erhielt er nur den hundertsten Theil des Lichtes und der Wrme, welche die Erde von dem Centralkrper empfngt.

Mit dem Buche in der Hand erfuhr man, da der Saturn seinen Kreislauf um die Sonne binnen 29 Jahren, 167 Tagen vollendet, wobei er mit einer Geschwindigkeit von nahezu 5315 Meilen in der Stunde eine Bahn von 1,378 . Millionen Meilen durchmit - die Centimes immer weggelassen, wie Ben-Zouf sagte. Der Umfang dieses Planeten betrgt am Aequator 54,108 Millionen Meilen. Seine Oberflche 24 Milliarden Quadrat-Kilometer, sein Inhalt 399.6 Milliarden Kubik-Kilometer. In Summa ist der Saturn 735mal so gro als die Erde, folglich kleiner als der Jupiter. Die Masse des Planeten freilich erreicht nur das Hundertfache der Erdmasse, weshalb ihm auch nur eine geringere Dichtigkeit als die des Wassers zugeschrieben wird. Er dreht sich in 10 Stunden 29 Minuten um seine Achse, wonach sein Jahr aus 24,600 Tagen bestehen mu und seine Jahreszeiten, mit Rcksicht auf die sehr starke Neigung seiner Achse zur Ebene der Bahn, jede sieben volle Erdenjahre andauern.

Was den Saturn-Bewohnern aber vorzglich herrliche Nchte verschaffen mu, das sind die acht Monde, welche ihren Planeten begleiten. Sie fhren die sehr mythologischen Namen Midas, Enceladus, Thetys, Dione, Rhea, Titan, Hyperion und Japet. Wenn die Revolution des Midas nur zweiundzwanzig und eine halbe Stunde dauert, so whrt die des Japet dagegen neunundsiebzig Tage. Whrend die mittlere Entfernung des Japet von der Oberflche des Saturns 546,000 Meilen betrgt, umkreist der Midas diesen nur in einer Distanz von 20,400 Meilen, also fast dreimal so nahe als der Mond die Erde. O, sie mssen prachtvoll sein, diese Nchte, wenn das von der Sonne bis dorthin gesendete Licht auch nur von schwacher Intensitt sein kann.

Einen weiteren Reiz verleiht den Nchten auf diesem Planeten ohne Zweifel noch der dreifache Ring, der ihn umschliet. Der Saturn erscheint wie umrahmt von einer leuchtenden Fassung. Ein genau unter diesem Ringe stehender Beobachter, ber dessen Kopf jener also im Zenith, brigens in einer Hhe von 3099 Meilen, sich dahin zge, wrde nichts als einen schwachen Streifen wahrnehmen, dessen Breite Herschel auf kaum 66 Meilen abschtzte. Er mu demnach wie ein leuchtender, durch den Weltraum gespannter Faden erscheinen. Verndert der Beobachter aber seine Stellung nach der einen oder der anderen Seite, so sieht er drei concentrische Ringe sich nach und nach von einander ablsen, deren nchster, dunkel aber durchscheinend, eine Breite von 1875.6 Meilen hat, der mittlere 4433 Meilen Breite und leuchtender als der Komet selbst ist, und der uerste endlich 2207 Meilen mit und dem Auge in mehr grauer Frbung erscheint.

Das ist das Wissenswertheste ber diesen ringfrmigen Begleiter, der sich in seiner Ebene binnen zwei Stunden zweiunddreiig Minuten herumdreht. Aus welchem Stoffe besteht nun dieser Ring und wie widersteht er dem Zerfalle? Niemand wei es; da er ihn dem Saturn als Begleiter gab, wollte der Schpfer den Menschen vielleicht zeigen, auf welche Art und Weise sich die Himmelskrper bilden. Dieser Appendix ist nmlich ohne Zweifel der Rest der Nebelmasse, aus welcher durch allmlige Concentration der Saturn dereinst entstanden ist. Aus unbekannten Grnden consolidirte er sich damals abgesondert, und wenn er jetzt zertrmmert wrde, strzte er entweder in Stcken auf den Saturn oder seine Bruchstcke bildeten ebenfalls neue Satelliten.

Wie dem auch sei, jedenfalls mu dieser dreifache Ring fr die Bewohner des Saturns zwischen dessen Aequator und dem fnfundvierzigsten Grade der Breite Veranlassung zu den merkwrdigsten Erscheinungen geben. Bald glnzt er nmlich am Horizonte gleich einem ungeheuren Bogen der am Scheitel seines Gewlbes durch den eigenen Schatten des Saturns unterbrochen wird; bald erscheint er nirgends verdunkelt als halbe Strahlenkrone. Sehr hufig verdunkelt er jedoch die Sonne, welche gewi zur grten Genugthuung der Saturn-Astronomen zu festbestimmter Zeit verschwindet und wieder erscheint. Rechne man hierzu noch den Aufgang und Untergang der acht Monde, deren einer sich vielleicht voll, der zweite im ersten oder letzten Viertel, die anderen als zu oder abnehmende Sicheln zeigen, so mu der Saturnhimmel in der Nacht ein wahrhaft unvergleichliches Schauspiel bieten.

Die Gallia-Bewohner waren freilich nicht in der Lage, all' die Herrlichkeit dieser abgeschlossenen Welt zu bewundern. Daran hinderte sie die viel zu groe Entfernung. Die Astronomen der Erde bringen sich diesen groen Planeten mittels ihrer mchtigen Fernrhre mehr als tausendmal nher und die Bcher der Dobryna lehrten dem Kapitn Servadac und seinen Gefhrten hier mehr als ihre eigenen Augen. Sie beklagten sich darber indessen nicht - die Nachbarschaft dieser groen Gestirne barg fr ihren winzigen Kometen gar zu viele Gefahren!

Auch in die entferntere Welt des Uranus vermochten sie nicht weiter einzudringen; doch wurde der Hauptplanet dieser Einzelwelt, welcher die Erde zweiundachtzigmal an Gre bertrifft, wie schon erwhnt, fr das bloe Auge sehr deutlich sichtbar, whrend er von der Erde aus auch bei seinem nchsten Stande von derselben nur einen Stern sechster Gre darstellt. Man sah nichts von den acht Satelliten, welche auch ihn begleiten aus seiner Bahn, die er binnen achtzig Jahren durchfliegt, wobei er von der Sonne im Mittel 437.5 Millionen Meilen absteht.

Was nun den letzten Planeten des Sonnensystems betrifft - den letzten bis zu dem Augenblick, da ein Leverrier der Zukunft vielleicht einen noch entfernteren Wanderer entdeckt - so konnten die Gallia-Bewohner denselben nicht wahrnehmen. Palmyrin Rosette sah ihn gewi im Gesichtsfelde seines Fernrohres, er empfing aber niemals Gesellschaft in seinem Observatorium, und mute man sich somit begngen, den Neptun ... in den kosmographischen Werken zu studiren. Der mittlere Abstand dieses Planeten von der Sonne betrgt 684 Millionen Meilen und die Dauer seiner Umlaufszeit 165 Jahre. Neptun durcheilt seine ungeheuere Bahn von 4302 Millionen Meilen mit einer Schnelligkeit von 20,000 Kilometern in der Stunde, und besitzt die Form eines die Erde an Gre um das Hundertfache bertreffenden Sphrodes, welches ein Satellit in der Entfernung von 66,000 Meilen begleitet.

Der Abstand von fast 700 Millionen Meilen, wie ihn der Neptun aufweist, scheint die Grenze unseres Sonnensystems zu bezeichnen. Wie gro der Durchmesser dieser Welt auch sein mag, so verschwindet er doch vllig, wenn man ihn mit demjenigen der Fixsterngruppe vergleicht, zu welcher unsere Sonne wieder als Einzelglied gehrt.

Die Sonne scheint in der That einen Bestandtheil jenes groen Sternennebels zu bilden, den wir die Milchstrae nennen, innerhalb dessen sie vielleicht wie ein bescheidener Stern vierter Gre erglnzt. Wohin wre also die Gallia wohl gerathen, wenn sie der Anziehung der Sonne entwich? Welchem neuen Centrum htte sie sich auf ihrem Wege durch die Sternenwelt angeschlossen? Wahrscheinlich einem der nchsten Sterne der Milchstrae.

Dieser Stern ist brigens das Alpha im Sternbilde des Centauren, und das Licht, welches 46,000 Meilen in der Secunde zurcklegt, braucht doch nicht weniger als dreiundeinhalb Jahr, um von der Sonne bis zu ihm zu gelangen. Wie gro ist denn diese Entfernung? Sie ist so gro, da die Astronomen, um sie bequem zu bezeichnen, die Milliarde als Einheit setzen und sagen, da der Stern Alpha von uns 4800 Milliarden Meilen absteht.

Kennt man wohl eine grere Anzahl solcher Sterndistanzen? Hchstens acht derselben sind gemessen worden und kennt man unter den hervorragendsten, bezglich derer das mglich war, die Vega, in 30,000 Milliarden, den Sirius in 31,320 Milliarden, den Polarstern in 69,560 und die Capella, in 102,240 Milliarden Meilen Entfernung.

Um eine Vorstellung von solchen Verhltnissen zu geben, kann man unter Zugrundelegung der Geschwindigkeit des Lichtes nach dem Vorgang einiger geistreicher Gelehrten sich etwa folgendermaen ausdrcken:

Nehmen wir zunchst einen Beobachter an, der mit unbegrenztem Gesichtssinne ausgestattet wre, und denken ihn uns beispielsweise auf der Capella. Wenn derselbe nach der Erde blickte, so wrde er Zeuge der Vorgnge sein, welche sich vor 72 Jahren ereigneten. Nach einem zehnmal weiteren Stern versetzt, mte er die Ereignisse vor 720 Jahren vor Augen haben. Noch weiter, bis zu einer Entfernung, welche zu durchlaufen das Licht 1800 Jahre brauchte, wrde er Augenzeuge der Kreuzigung Christi sein. Immer noch entfernter, da, bis woher der Lichtstrahl 6000 Jahre braucht, knnte er heute die Zerstrungen der Sndfluth betrachten. Endlich noch weiter drauen - der Weltraum ist ja unendlich - wrde er nach der Tradition der Bibel Gott selbst sehen, wie er die Welt aus dem Nichts erschuf. Alle Ereignisse sind so zu sagen im Weltraume stereotypirt und nichts kann spurlos verschwinden, was berhaupt einmal im Universum geschehen ist.

Vielleicht hatte er recht, der abenteuerlustige Palmyrin Rosette, durch die Sternenwelt zu schweifen, wo so viele Wunder seine Augen entzckten. Wenn sein Komet nacheinander aus der Sphre eines Fixsternes in die eines anderen bergetreten wre, wie viel verschiedene Sternen- oder Sonnensysteme htte er da beobachten knnen! Die Gallia htte ihren Ort verndert gleichzeitig mit jenen Gestirnen, deren Unbeweglichkeit nur eine scheinbare ist, und die sich dennoch fortbewegen, wie z. B. der Arktur mit einer Schnelligkeit von 13.2 Meilen in der Secunde. Auch unsere Sonne hat eine Jahresbewegung von 37.2 Millionen Meilen in der Richtung nach dem Sternbilde des Hercules hin. Die Entfernung dieser Sterne ist aber so gro, da ihre betreffenden Stellungen trotz dieser so geschwinden Fortbewegung fr die Beobachter der Erde noch nicht im geringsten verndert erscheinen.

Immerhin mssen diese Jahrhunderte andauernden Ortsvernderungen einmal nothwendig die Gestalt der Sternbilder modificiren, da jeder Stern mit verschiedener Schnelligkeit fortrckt oder doch fortzurcken scheint. Die Astronomen sind im Stande gewesen, die neue Stellung zu bestimmen, welche die Fixsterne nach Verlauf sehr vieler Jahre gegen einander einnehmen werden. Man hat sogar Zeichnungen der Sternbilder, wie sie sich in 50,000 Jahren darstellen werden, graphisch vervielfltigt. Sie zeigen z. B. an Stelle des unregelmigen Viereckes des groen Bren ein langgezogenes Kreuz, und statt des Fnfeckes im Sternbilde des Orion ein einfaches Viereck.

Doch weder die jetzigen Bewohner der Gallia, noch die der Erde, wren im Stande gewesen, diese nach und nach eintretenden Dislocationen wahrzunehmen. Das war es auch sicherlich nicht, was Palmyrin Rosette in der Sternenwelt zu ergrnden suchte. Doch wenn irgend ein Umstand den Kometen dem Centrum seiner Attraction entrissen htte, um denselben irgend welchem anderen Gestirne zuzufhren, so wren seine Augen gewi entzckt gewesen bei Betrachtung der Wunder, von welchen unser Sonnensystem keine Vorstellung geben kann.

Die Planetengruppen des Weltraumes werden nmlich keineswegs von einer einzigen Sonne regiert. Das monarchische System scheint nur auf einige Punkte des Himmels beschrnkt. Es gravitiren hier eine, dort zwei, da sechs Sonnen, welche von einander abhngen, unter ihrem gegenseitigen Einflsse. Da giebt es verschiedene gefrbte Sterne, rothe, gelbe, grne, orange- und indigofarbene. Wie wunderbar mgen die Lichtcontraste sich ausnehmen, welche sie auf die Oberflche ihrer Planeten werfen. Und wer wei, ob die Gallia beim Tagesanbruch nicht nach und nach Licht von allen Farben des Regenbogens an ihrem Horizonte zu sehen bekommen htte.

Doch, es sollte ihr nicht beschieden sein, unter der Anziehung eines anderen Centrums ihren Weg fortzusetzen, noch sich unter jenen Sternhaufen zu mischen, welchen die mchtigen Teleskope noch aufzulsen vermgen, noch sich nach jenen Nebelsternen hin zu verlieren, die bis jetzt nur zum Theile aufgelst sind, oder gar nach jenen Nebelmassen, welche selbst den grten Reflectoren widerstehen, Nebelmassen, deren die Astronomen im Himmelsraume ber 5000 kennen.

Nein, die Gallia sollte die Sonnenwelt niemals verlassen, noch die Erde aus dem Gesichte verlieren. Nachdem sie aber eine Bahn von 378 Millionen Meilen beschrieben, hatte sie doch nur eine verschwindend kleine Reise durch das Universum vollbracht, dessen Ausdehnung ja keine Grenzen kennt.

Zwlftes Capitel.

Wie man den 1. Januar auf der Gallia feierte und auf welche Weise dieser Festtag endete.

Mit der zunehmenden Entfernung der Gallia wuchs nun auch die Klte sehr merkbar. Schon war die Temperatur auf zweiundvierzig Grad unter Null herabgegangen. Unter diesen Verhltnissen hatten die Quecksilber-Thermometer nicht benutzt werden knnen, da das Quecksilber bei zweiundvierzig Grad gefriert. Es wurde also das Alkohol-Thermometer der Dobryna in Gebrauch genommen, und dessen Sule fiel dann auf dreiundfnfzig Grad unter den Eispunkt.

Jetzt zeigte sich auch die von Lieutenant Prokop vorausgesehene Wirkung der Klte an den Rndern der Bucht, welche den beiden Fahrzeugen als Ueberwinterungshafen diente. Die Eisschichten unter dem Rumpfe der Hansa und der Dobryna hatten sich in langsamem, aber unwiderstehlichem Fortschreiten verdickt. Nahe dem felsigen Vorlande, das sie deckte, sah man die Golette und die Tartane hoch auf ihrer krystallenen Schaale erhoben, so da sie schon fnfzig Fu ber das Niveau des Meeres emporragten. Die etwas leichtere Dobryna stand noch etwas hher als die Tartane. Keine menschliche Kraft aber war im Stande, dieses langsame Empordrngen aufzuhalten.

Lieutenant Prokop beunruhigte das der Golette bevorstehende Schicksal natrlich nicht wenig. Alles Werthvolle war aus ihrem Innern zwar herausgeschafft und nur der Rumpf, die Bemastung und die Maschine brig geblieben; aber gerade dieser Schiffsrumpf konnte ja noch bestimmt sein, im Falle der Noth der ganzen kleinen Kolonie eine letzte Zufluchtssttte bieten. Wenn derselbe nun mit Eintritt des Thauwetters in Folge des gar nicht abzuwendenden Sturzes in tausend Stcken zerbrach und die Bewohner der Gallia vielleicht gezwungen wren, Warm-Land zu verlassen, welches andere Schiff htte ihnen es dann ersetzen knnen?

Die Tartane gewi nicht, denn diese war ja ebenso bedroht und ihr stand ohne Zweifel dasselbe Schicksal bevor. Die Hansa schien sogar weniger gut vom Eise untersttzt zu sein, denn sie neigte sich schon in einem sehr beunruhigenden Winkel zur Seite. Es wurde gefhrlich, sie noch lnger zu bewohnen. Der Jude verstand sich trotz Allem nicht dazu, seine Ladung zu verlassen, die er Tag und Nacht bewachen zu mssen glaubte. Er fhlte es recht wohl, da sein Leben bedroht sei, sein Hab und Gut aber noch weit mehr, und er entbldete sich nicht, denselben Ewigen, den er bei jedem dritten Worte anrief, fr alle die Prfungen, die er auf ihn hufte, regelrecht zu verwnschen.

Unter diesen Umstnden sah sich Kapitn Servadac zu einem Entschlsse genthigt, dem der Jude sich unterwerfen mute. Wenn Isaak Hakhabut's Leben auch fr die anderen Mitglieder der Kolonie nicht gerade unentbehrlich schien, so hatten doch seine Waarenvorrthe einen unschtzbaren Werth. Jedenfalls muten diese zunchst dem nahen Verderben entrissen werden. Kapitn Servadac versuchte auch zuerst, dem Juden Angst wegen seiner eigenen Person einzuflen, erreichte damit aber so gut wie nichts. Der Jude wollte eben nicht ausziehen. Das steht Euch zuletzt frei, hatte ihm Kapitn Servadac auf seine Weigerung geantwortet, Eure Waaren werden aber in eines der Magazine von Warm-Land geschafft werden.

Die Klagelieder, welche Isaak Hakhabut darum hren lie, rhrten trotz ihres jmmerlichen Tones doch Niemanden und die angesagte Ausrumung fand im Laufe des 20. Decembers wirklich statt.

Dem Juden war es ja erlaubt, sich im Nina-Baue huslich einzurichten und ganz wie vorher seine Waaren zu bewachen, zu verkaufen und zu handeln nach bestimmtem Preise und Gewichte. Es wurde ihm nicht das Geringste in den Weg gelegt. Wahrlich, wenn sich Ben-Zouf berhaupt erlaubt htte, seinen Kapitn zu tadeln, so wre es darber gewesen, da man diesem erbrmlichen Kinde Israel's gegenber so viel Schonung beobachtete.

Im Grunde stimmte Isaak Hakhabut dem Beschlusse des General-Gouverneurs eigentlich vollkommen zu. Er wahrte ja sein Interesse und brachte ihn selbst und seine Reichthmer in Sicherheit, und dazu hatte er fr die Entladung der Tartane nichts zu zahlen, da sie gegen seinen Willen ausgefhrt worden war.

Mehrere Tage lang beschftigte diese Arbeit die Russen und die Spanier. Warm gekleidet und den Kopf dicht verhllt, widerstanden sie der niedrigen Temperatur ohne Beschwerden. Nur muten sie sich hten, metallene Gegenstnde, welche sie transportirten, mit bloen Hnden anzufassen. Die Haut der Finger wre unzweifelhaft ebenso daran hngen geblieben, als wren sie in rothglhendem Zustande gewesen - denn die Wirkung sehr heftiger Klte gleicht derjenigen hherer Hitzegrade vollkommen. Die Arbeit verlief ohne Zwischenfall und die Ladung der Hansa wurde endlich in einer der weiten Galerien des Nina-Baues untergebracht.

Lieutenant Prokop beruhigte sich nicht eher, als bis Alles in Ordnung war.

Jetzt entschlo sich nun Isaak Hakhabut, da ihm jede Ursache fehlte, noch lnger in der Tartane zu wohnen, auch die Galerie, welche seine Waaren barg, selbst zu beziehen; wir gestehen gern, da er dadurch nur wenig belstigte. Man sah ihn sehr selten. Er schlief neben seinen Waaren und ernhrte sich von ihnen. Eine Spirituslampe gengte seinen mehr als bescheidenen Kchenbedrfnissen. Die Bewohner des Nina-Baues unterhielten niemals besondere Beziehungen zu ihm, auer wenn es sich fr sie darum handelte, zu kaufen und fr ihn zu verkaufen. Eines aber war sicher: da das ganze Gold und Silber der kleinen Kolonie nach und nach in einen dreifach verschlossenen Schrank zusammenflo, dessen Schlssel Isaak Hakhabut niemals verlie.

Der erste Januar des Erdenjahres nahte heran. Nach wenig Tagen war ein Jahr verflossen seit dem Zusammenstoe der Erde mit dem Kometen, seit dem Ereigni, welches sechsunddreiig menschliche Wesen urpltzlich von ihresgleichen getrennt hatte. Bis jetzt fehlte von diesen noch Keiner. Bei den neuen klimatischen Verhltnissen hielt sich ihre Gesundheit auffallend gut. Diese stets abnehmende Temperatur, welche aber keinen jhen Umschlag zeigte und von fast gar keiner Luftbewegung begleitet war, hatte ihnen nicht einmal einen Schnupfen verursacht. Konnte es ein gesnderes Klima geben als das des Kometen? Alles lie demnach voraussetzen, da, wenn nur die Berechnungen des Professors richtig waren und die Gallia wirklich zur Erde zurckkehrte, die Bewohner derselben auch in unverminderter Anzahl mit anlangen wrden. Obwohl dieser erste Tag des Jahres nicht auch der erste des Gallia-Jahres war und mit ihm nur die zweite Hlfte des Umlaufes um die Sonne begann, so wnschte Kapitn Servadac doch, und zwar mit gutem Grunde, da man ihn mit einer gewissen Feierlichkeit begehe.

Es scheint mir nicht gut, uerte er zu Graf Timascheff und Lieutenant Prokop, da unsere Gefhrten sich der Angelegenheiten der Erde gnzlich entwhnen. Sie sollen ja einst nach der Erdkugel zurckkehren, doch selbst, wenn dieser Fall nicht eintrte, bleibt es immerhin gerathen, ihre Verbindung mit der alten Welt, und wenn auch nur der Erinnerung wegen, nicht ganz verloren gehen zu lassen. Da unten wird man Neujahr feiern, also feiern wir es auch auf dem Kometen. Diese Uebereinstimmung der Empfindung hat ihre guten Seiten. Wir drfen nicht vergessen, da man sich auf der Erde mit uns beschftigen wird. Von verschiedenen Punkten aus sieht man dort die Gallia durch den Weltraum irren, wenn auch, ihrer geringen Gre wegen, nicht mit bloen Augen, so doch mit Hilfe der Fernrohre und Teleskope. Eine Art wissenschaftliches Band verknpft uns stets mit der Erde und die Gallia bildet ja zu jeder Zeit einen Theil der Sonnenwelt.

- Ich stimme Ihnen bei, Kapitn, antwortete Graf Timascheff. Es unterliegt keinem Zweifel, da die Sternwarten mit der Beobachtung des neuen Kometen beschftigt sein mssen. Ich glaube gern, da in Paris, Petersburg, Greenwich, Cambridge, am Cap, wie in Melbourne die mchtigen Himmelsfernrohre, hufig genug nach unserem Asteroden gerichtet sind. - Er mu jetzt da unten sehr in der Mode sein, meinte Kapitn Servadac, und es sollte mich sehr wundern, wenn die Revuen, die Journale, das groe Publikum ber Alles, was mit und an der Gallia geschieht, nicht auf dem Laufenden erhielten. Gedenken wir also Derer, welche am 1. Januar gewi unser gedenken, und feiern wir den Tag mit denselben Gefhlen wie sie.

- Sie glauben, mischte sich da Lieutenant Prokop ein, da man sich auf der Erde mit dem Kometen, der einmal an sie stie, beschftigt? Ich glaube das zwar auch, aber ich halte dafr, da man dort von ganz anderen Motiven dazu gefhrt wird als dem wissenschaftlichen Interesse oder gar der bloen Neugier. Die Beobachtungen, mit welchen unser Astronom sich beschftigte, sind auf der Erde sicher auch und mit nicht minderer Genauigkeit angestellt worden. Die Ephemeriden der Gallia mgen wohl schon lange zweifellos ermittelt sein. Man kennt die Elemente des neuen Kometen. Man wei, welche Bahn er im Weltrume durchluft und hat jedenfalls doch auch bestimmt, wo und wie er die Erde wieder treffen wird. An welchem Punkte der Ekliptik, zu welcher Secunde, an welchem geographischen Orte er an die Erdkugel stoen wird, das Alles ist gewi mit mathematischer Genauigkeit berechnet. Die Gewiheit dieses erneuten Zusammenstoes aber drfte die Gemther wohl nicht weniger beunruhigen. Ja, ich gehe noch weiter und behaupte, da man auf Erden allerlei Vorbereitungen treffen wird, um die entsetzlichen Wirkungen des zweiten Stoes zu mildern - wenn das berhaupt auf irgend eine Weise mglich ist!

Mit diesen Worten mochte Lieutenant Prokop wohl die Wahrheit ziemlich treffen; die Logik mindestens konnte man ihnen nicht absprechen. Die nach allen Seiten durch Rechnungen bestimmte Wiederkehr der Gallia gengte gewi, auf der Erbe jedes andere Interesse zu unterbrcken. Man mute wohl an die Gallia denken, doch nur mit dem Wunsche, da sie niemals zurckkehren mchte. Auch die Bewohner des Kometen konnten sich, trotzdem sie jenes Wiederzusammtreffen lebhaft herbeiwnschten, einer gewissen Beunruhigung nicht entschlagen. Wenn auf der Erde, wie Lieutenant Prokop meinte, Vorkehrungen getroffen wurden, um die drohenden frchterlichen Folgen zu mildern, sollte es da nicht am Platze sein, auf der Gallia an etwas Aehnliches zu denken? Diese Frage verdiente wohl spter in Betracht gezogen zu werden.

Wie dem nun auch sein mochte, man blieb bei dem Beschlusse, den 1. Januar gebhrend zu feiern. Auch die Russen sollten sich dabei den Franzosen und Spaniern anschlieen, obgleich deren Kalender den Jahresanfang nicht fr den nmlichen Tag angiebt. [Funote]Zwischen dem russischen Kalender und dem der anderen christlichen Staaten ist bekanntlich ein Unterschied von zwlf Tagen, so da Neujahr nach dem ersteren auf unseren 13. Januar fllt.

Weihnachten kam heran. Der Jahrestag der Geburt Christi wurde kirchlich, wenn man hier so sagen darf, gefeiert.

Der Jude allein schien sich an diesem Tage noch tiefer in seine dunkle Ecke zu verkriechen.

Whrend der letzten Woche des Jahres war Ben-Zouf auerordentlich beschftigt, um ein anziehendes Programm aufzustellen. Von sehr verschiedenen Vergngungen konnte auf der Gallia ja von vornherein nicht die Rede sein. Man kam also dahin berein, den Tag mit einem tchtigen, auserlesenen Frhstck zu beginnen und mit einem Ausfluge auf dem Eise nach der Seite der Insel Gourbi zu beschlieen. Die Rckkehr sollte unter festlicher Beleuchtung erfolgen, d. h. mittels Fackeln, welche man aus den nthigen, auf der Hansa sich vorfindenden Ingredienzen selbst verfertigte.

Wenn das Frhstck ausnehmend gut ausfllt, philosophirte Ben-Zouf, so wird der Ausflug nicht minder lustig werden, und weiter braucht es ja nichts!

Die Zusammenstellung des Speisezettels gestaltete sich also zu einer sehr wichtigen Angelegenheit. Die Ordonnanz des Kapitn Servadac hatte darum wiederholt Besprechungen mit dem Koch der Dobryna, deren Endresultat in einer glckverheienden Verbindung der russischen und franzsischen Kche gipfelte.

Am 31. December Abends war Alles bereit. Die kalten Gerichte, wie Fleischconserven, Wildpastete, Galantine und andere, welche man zu gutem Preise von dem Juden Isaak Hakhabut erworben hatte, figurirten schon auf der Tafel des Hauptsaales, die warmen Speisen sollten erst am nchsten Morgen in dem Lavaofen zubereitet werden.

An diesem Abend berhrte man noch eine Frage bezglich Palmyrin Rosette's. Sollte man den Professor einladen, an der Festtafel theilzunehmen? Gewi erforderte das die Hflichkeit. Wrde er die Einladung auch annehmen? Das erschien mehr als zweifelhaft.

Nichtsdestoweniger erging diese Einladung. Kapitn Servadac hatte sie persnlich nach dem Observatorium berbringen wollen; Palmyrin Rosette empfing aber alle ungeladenen Gste so barsch, da man es vorzog, ihm ein Briefchen zu senden. Der junge Pablo erbot sich, dasselbe zu berbringen, und kam bald darauf mit einer in folgende Worte gefaten Antwort zurck:

Palmyrin Rosette hat nicht anderes zu sagen, als das: Heute ist der 125. Juni und morgen wird der 1. Juli sein, da man auf der Gallia doch wohl Veranlassung hat, nach dem hier giltigen Kalender zu rechnen.

Das war zwar ein wissenschaftlich abgefater Absagebrief, doch eine Absagung blieb es immer.

Am 1. Januar, eine Stunde nach Sonnenaufgang, fanden sich Franzosen, Russen, Spanier und die kleine Nina, welche Italien reprsentirte, zu einem Frhstck vereinigt, wie ein solches die Gallia noch niemals gesehen hatte.

Bezglich des solideren Theiles desselben hatten Ben-Zouf und der Kchenmeister der Dobryna sich thatschlich selbst bertroffen. Eine Schssel mit Rebhuhn und Kohl, welch' letzterer hier durch Carry ersetzt und so zart war, da er die Papillen der Zunge und die Schleimhaut des Magens fast gelst htte, bildete den Glanzpunkt der Speisekarte. Die aus den Vorrthen der Dobryna entnommenen Weine lobten sich selbst. Da trank man denn franzsische und spanische Weine zur Ehre ihres Vaterlandes und selbst Ruland fand durch einige Flaschen Branntwein gebhrende Vertretung. Es war wirklich, wie Ben-Zouf gehofft, sehr schn und sehr heiter.

Zum Schlu rief ein Toast auf das gemeinsame Vaterland, die alte Erdkugel und auf die Rckkehr nach derselben einen solchen Beifallssturm hervor, da Palmyrin Rosette ihn gewi in der stillen Hhe seines Observatoriums vernehmen mute.

Nach Beendigung des Frhstckes hatte man noch drei volle Stunden Tag vor sich. Eben passirte die Sonne den Zenith - eine Sonne, welche niemals die Reben von Bordeaux oder Burgund, deren Blut man eben getrunken, gezeitigt htte, denn sie erleuchtete Alles nur schwach und erwrmte gar nicht.

Alle Tafelgenossen kleideten sich von Kopf bis zu den Fen warm an, um einen Ausflug zu unternehmen, der bis zum Eintritt der Nacht ausgedehnt werden sollte. Sie setzten sich dabei freilich einer sehr rauhen Temperatur aus, konnten das aber bei der ruhigen Luft ungestraft wagen.

Alle verlieen, die Einen plaudernd, die Anderen singend, den Nina-Bau. Am Strande legten Alle die Schlittschuhe an und tummelten sich lustig, entweder allein oder in einzelnen Gruppen. Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Lieutenant Prokop hielten sich gern zu einander. Negrete und die Spanier schweiften in launischen Bogen auf der ungeheuren Flche umher und verschwanden bald mit wunderbarer Schnelligkeit unter den Grenzen des Horizontes. Jetzt, wo sie das Schlittschuhlaufen sicher erlernt, entwickelten sie mit Vorliebe dabei auch die ihnen angeborene Grazie.

Die Matrosen der Dobryna bildeten, nach einer in den nrdlichen Lndern beliebten Gewohnheit, eine lange Reihe. Eine unter dem rechten Arme gehaltene Stange hielt sie dabei in einer Linie und so flogen sie hinaus bis ber Sehweite, wie ein Eisenbahnzug, der in seinen Schienen nur Bogen von groem Radius beschreiben kann.

Pablo und Nina vergngten sich vor Freude aufjauchzend Arm in Arm - zwei flatternde Vgel, denen man die Freiheit geschenkt - und nherten sich jetzt der Gruppe des Kapitn Servadac, um ihr sofort wieder im losen Spiel zu entfliehen. Diese jungen Wesen vereinigten in sich, man mchte sagen alle Freude auf der Gallia und vielleicht auch fast alle Hoffnung.

Hierbei ist jedoch Ben-Zouf nicht zu bergehen, der in frhlicher Laune von dem Einen zum Anderen eilte, sich ganz der schnen Gegenwart hingab und sich um die Zukunft wenigstens nicht absorgte.

Die Schlittschuhlufer-Gesellschaft, welche mit frhlichem Muthe ber diese prachtvolle, ebene Flche dahinflog, wagte sich weit, weit hinaus - weiter als die Kreislinie, welche den Horizont von Warm-Land umschlo. Ihren Augen verschwanden zuerst die Felsen des Ufers, dann der weie Kamm der hheren Stufen und endlich auch der Gipfel des Vulkans mit seiner Wolkenhaube. Manchmal hielten die Lufer an, um Athem zu schpfen, doch nur fr einen Augenblick, um sich der Klte nicht zu sehr auszusetzen. Dann ging es sausend wieder vorwrts nach der Kste der Insel Gourbi zu, ohne da sie Jemand zu erreichen gesucht htte, denn schon sank die Nacht herab und mahnte zur schleunigen Rckkehr.

Die Sonne senkte sich im Osten oder vielmehr - eine Erscheinung, welche die Gallia-Bewohner schon hinlnglich gewhnt waren - sie schien rasch niederzustrzen. Der Untergang des Tagesgestirns ging an diesem begrnzten Horizonte eben unter eigenthmlichen Umstnden vor sich. Hier erglhten keine Dnste in den prchtigen Farbentnen, welche die letzten Strahlen sonst hervorzuzaubern pflegen. Ueber dem gefrorenen Meer sah das Auge nicht einmal jenen letzten grnlichen Lichtschimmer, der sonst ber die flssige Oberflche zittert. Hier zeigte die durch eine bekannte optische Tuschung grer erscheinende Sonne bis zuletzt ihre reine, unvernderte Scheibe. Dann glaubte man, es habe sich pltzlich ein Schlund in dem Eise geffnet, in dem sie verschwand und der dunklen Nacht ohne Uebergang Platz machte.

Bevor der Tag zur Neige ging, sammelte Kapitn Servadac seine kleine Welt um sich. Whrend man in Schtzenschwrmen hinausgezogen war, sollte der Rckweg in geschlossenem Gliede angetreten werden, denn der Mond (die Nerina) stand jetzt in Conjunction zur Sonne und auch sein schwaches Licht fehlte der kurzen Nacht.

Jetzt hllte diese schon die ganze Umgebung in ihren schwarzen Mantel. Die Sterne gossen ber die Gallia nur ein fahles Licht, wie Corneille sich ausdrckt. Die Fackeln wurden also angezndet, und whrend deren Trger rasch voranglitten, loderten die Flammen, welche die geschwinde Bewegung noch belebte, leuchtend rckwrts.

Eine Stunde spter hob sich das steile Ufer von Warm-Land unbestimmt wie eine schwarze Wolke vom Horizonte ab. Eine Tuschung war unmglich. Hoch darber strebte der Vulkan empor und warf einen intensiven Lichtschein durch die herrschende Finsterni. Die auf dem glitzernden Eise sich wiederspiegelnden Lavamassen leuchteten bis zu den Schlittschuhlufern und zeichneten in deren Rcken lange Schatten ab.

So verging etwa ein und eine halbe Stunde. Rasch nherte man sich dem Ufer, als pltzlich ein Aufschrei durch die Luft drang, der von Ben-Zouf herrhrte.

Alle hielten ein, indem sie die Eisen tief in's Eis einschneiden lieen.

Da, beim Scheine der Fackeln, welche schon nahe am Verlschen waren, sah man, da Ben-Zouf die Arme gegen das Ufer ausstreckte.

Von den Lippen Aller ertnte ein Schrei, der dem Ben-Zouf's zu antworten schien.

Der Vulkan war urpltzlich erloschen. Kein Lavastrom wlzte sich mehr von dem obersten Gipfel herab. Es schien, als habe ein mchtiger Windsto die Flamme des Kraters erstickt.

Alle begriffen, da die Quelle des Feuers versiegt sein msse. War die Auswurfsmasse zu Ende gegangen? Sollte Warm-Land von nun am fr immer die belebende Wrme fehlen und sich keine Mglichkeit bieten, der Strenge des Gallia-Winters zu entgehen?

Drohte ihnen nun der Tod, der entsetzliche Tod des Erfrierens?

Vorwrts! rief Kapitn Servadac mit befehlender Stimme.

Eben verloschen die Fackeln. Alle strmten durch die tiefe Dunkelheit und erreichten bald das Ufer; dessen bereiste Felsen sie nicht ohne groe Mhe erklommen. Sie eilten nach der groen Galerie, drangen in den Hauptsaal...

Tiefe Dunkelheit rings, die Temperatur schon merkbar verndert. Der Feuervorhang, der sonst vor der groen Oeffnung herabrollte, schlo diese nicht mehr und Lieutenant Prokop konnte sogar sehen, da die durch das Einstrmen der Lava bisher flssige Lagune schon durch die Klte erstarrt war.

So endete auf der Gallia der Neujahrstag der Erde, den man so festlich und freudig erregt begonnen hatte!

Dreizehntes Capitel.

In welchem Kapitn Servadac und seine Gefhrten das Einzige thun, was ihnen zu thun brig bleibt.

Die Bewohner der Gallia verbrachten die Nacht, d. h. die wenigen Stunden bis Sonnenaufgang, in ganz unaussprechlicher Besorgni. Auch Palmyrin Rosette hatte die bittere Klte aus seinem Observatorium nach den inneren Galerien des Nina-Baues vertrieben. Jetzt oder nie bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn zu fragen, ob er immer noch bei der Absicht verharre, auf seinem unbewohnbaren Kometen die Sonnenwelt zu durchstreifen, worauf er indessen jedenfalls bejahend geantwortet htte. Ob er bergeschnappt sei und das bis zu welchem Grade, htte Niemand entscheiden knnen.

Gleichzeitig mit ihm hatten auch Kapitn Servadac und die anderen Alle eine Zuflucht in den tieferen Galerien der Bergmasse aufsuchen mssen. Der nach auen so weit offene Hauptsaal war jetzt nicht mehr zu benutzen. Schon traten glitzernde Krystalle an seinen sonst nur feuchten Wnden auf, und selbst wenn es gelungen wre, dessen groe offene Seite, welche frher der Lavavorhang bedeckte, irgendwie anders zu verschlieen, so mute die Temperatur dieses Raumes doch bis zur Unertrglichkeit herabsinken.

Das Innere der dunklen Gnge bot immer noch eine mittelmige Wrme. Zwischen der Luft drauen und drinnen hatte sich - wenn das auch nicht mehr lange dauern durfte - das Gleichgewicht jetzt noch nicht hergestellt. Man fhlte es fast, wie die Wrme sich gleichsam zurckzog. Der Berg glich etwa einem Leichnam, dessen Extremitten zuerst erkalten, whrend das Herz der Todesklte noch widersteht.

Nun gut, rief Kapitn Servadac, so werden wir im Herzen selbst unsere Wohnung aufschlagen.

Am nchsten Tage versammelte er seine Genossen um sich.

Liebe Freunde, redete er sie an, was ist's denn, das uns bedroht? Die Klte, zugegeben, aber auch weiter nichts, als die Klte. Wir besitzen Lebensmittel, welche unsere Fahrt auf der Gallia berdauern werden, Conserven in solchem Ueberflusse, da wir eines Brennmateriales gewi nicht bedrfen. Was brauchten wir denn brigens, um die paar Monate Winter hinzubringen? Nur ein wenig von der Wrme, welche die Natur uns bisher umsonst lieferte. Nun, es ist ja mehr als wahrscheinlich, da diese Wrme in den Eingeweiden der Gallia noch vorhanden ist, also werden wir sie dort aufsuchen!

Diese vertrauungsvollen Worte belebten die guten Leute wieder, deren Einige schon den Muth sinken lieen. Graf Timascheff, Lieutenant Prokop und Ben-Zouf drckten dem Kapitn die dargebotene Hand; sie waren ja am meisten davon entfernt, das Spiel verloren zu geben.

Zum Kuckuck, aber Du, Nina, sagte Hector Seroadac, da ihm das kleine Mdchen vor Angen kam, frchtest Du Dich denn nicht davor, in den Vulkan mit hinabzusteigen?

- O, nein, Herr Kapitn, erwiderte Nina entschlossen, vor allem, wenn Pablo mit uns geht.

- Natrlich geht auch Pablo mit. Das ist ein wackerer Bursche, er frchtet sich vor nichts. - Nicht wahr, Pablo!

- Ich folge Ihnen berall, wohin Sie gehen, Herr Gouverneur! antwortete der Knabe.

Alle waren unterrichtet und bereit, ihren Vorsatz auszufhren.

Man durfte hierbei natrlich nicht etwa daran denken, durch die obere Oeffnung des Kraters einzudringen. Bei so niedriger Temperatur konnten die Abhnge des Berges unmglich gangbar sein. Auf den schiefen, schlpfrigen Flchen htte der Fu wohl niemals einen Sttzpunkt gefunden. Man sah sich demnach darauf angewiesen, nach dem Centralkamin direct durch die Bergwand vorzudringen, und das auch schnell zu vollbringen, denn die grausige Klte begann sich schon in den gedecktesten Winkeln des Nina-Baues fhlbar zu machen.

Da Lieutenant Prokop die Anordnung der inneren Galerien und ihren Verlauf in der Bergmasse frher schon untersucht hatte, konnte er angeben, da einer der engen Seitengnge sehr nahe dem Centralkamin sein Ende haben mute.

An dieser Stelle schien es, wenn die Lava durch den Druck der Dmpfe hher hinaufbrodelte, als ob die Wrme so zu sagen durch die Wand schwitzte. Offenbar war die mineralische Substanz, jener Tellurit, aus dem der Bergkegel bestand, ein guter Wrmeleiter. Durchbrach man also diese Galerie in einer Lnge von hchstens sieben bis acht Metern, so mute man auf den alten Weg der Lava stoen, und hier durfte man hoffen, hinabklettern zu knnen.

Die Arbeit ward ohne Verzug begonnen. Bei dieser Gelegenheit zeigten die russischen Matrosen unter der Anleitung ihres Lieutenants eine erstaunliche Gewandtheit. Spitzhaue und Axt gengten freilich nicht, die auerordentliche harte Masse zu bezwingen. Man konnte nur Sprenglcher herstellen und den Felsen mittels Pulvers entfernen. Die Arbeit schritt eben dadurch wesentlich schneller vorwrts und wurde binnen zwei Tagen nach Wunsch zu Ende gefhrt.

Whrend dieses kurzen Zeitraumes hatten die Kolonisten von der Klte furchtbar zu leiden.

Bleibt uns der Eintritt in das Innere des Vulkans verwehrt, hatte Graf Timascheff geuert, so wird das Keiner von uns berdauern knnen und das Ende der Gallia-Kolonie nahe sein!

- Graf Timascheff, entgegnete Kapitn Servadac, haben Sie noch Vertrauen zu Dem, der Alles vermag?

- Gewi, Kapitn; doch er kann heute etwas Anderes wollen als gestern. Es kommt uns nicht zu, ber seine Beschlsse zu richten. Bis jetzt war seine Hand fr uns offen... nun scheint sie sich zu schlieen...

- Nur zur Hlfte, fiel Kapitn Servadac ein. Er stellt unseren Muth neu auf die Probe. Ein gewisses Etwas sagt es mir, wie unwahrscheinlich es sei, da die Eruption des Vulkans in Folge des wirklichen Verlschens des inneren Gallia-Feuers aufgehrt habe. Es scheint vielmehr, als sei diese Unterbrechung des Abflusses der Laven nach auen nur eine vorbergehende.

Lieutenant Prokop schlo sich der Ansicht des Kapitn Servadac allseitig an. Vielleicht hatte sich an einer anderen Stelle des Kometen eine neue Kraterffnung gebildet, und es war ja mglich, da sich die Auswurfsmassen jetzt durch diesen Weg hinausdrngten. Vielerlei Ursachen konnten in die Verhltnisse, welche die bisherige Eruption bedingten, verndernd eingegriffen haben, ohne da die mineralischen Substanzen im Innern der Gallia ihren Verbindungsproce mit dem Sauerstoffe der Luft eingestellt haben muten. Leider erwies es sich unmglich, vorher zu bestimmen, ob man im Stande sein werde, bis zu einem Punkte einzudringen, der es gestattete, der ungeheuren Klte der Auenwelt zu trotzen.

Whrend jener beiden Tage betheiligte sich Palmyrin Rosette weder an derlei Gesprchen noch an den Arbeiten. Er ging und kam wie eine Seele im Fegefeuer, der noch alle Resignation fehlt. Er hatte entgegen jeder Abmahnung sein Fernrohr in dem Hauptsaale aufgestellt. Von hier aus betrachtete er manchmal, am Tage wie in der Nacht, den weiten Himmel, bis er buchstblich gefroren dasa. Dann zog er sich murrend zurck, verwnschte das ganze Warm-Land und verschwor sich, da sein Felsen auf Formentera ihm gnstigere Verhltnisse geboten htte!

Der letzte Axthieb erfolgte am 4. Januar. Man hrte die Steintrmmer in das Innere des Centralkamines hinabrollen. Lieutenant Prokop beobachtete mit Sicherheit, da sie nicht lothrecht hinunterstrzten, sondern mehr lngs der Wnde zu gleiten schienen, wobei sie da und dort gegen vorstehende Steine anstieen. Der Centralkamin mute also geneigte Umfassungswnde haben und folglich auch leichter gangbar sein.

Diese Schlufolgerung bewahrheitete sich.

Nach Erweiterung der gewonnenen Oeffnung bis zu dem Durchmesser, da sich ein Mensch hindurchzwngen konnte, begaben sich Lieutenant Prokop und Kapitn Servadac, ihnen voraus Ben-Zouf mit einer brennenden Fackel, in den Centralkamin. Dieser folgte unter einem Neigungswinkel von hchstens fnfundfnfzig Grad, einer schief verlaufenden Linie. Man vermochte in demselben also, ohne einen unglcklichen Fall zu befrchten, langsam hinabzusteigen Ueberdies zeigten die Wnde zahlreiche Risse, kleine Vertiefungen, und Vorsprnge, so da die Fe unter der weichen Decke von Asche stets einen sicheren Sttzpunkt fanden. Es rhrte das von der nur kurzes Dauer der Eruption her, welche unzweifelhaft erst seit dem Zusammenstoe der Gallia mit der Erde bestand, wobei jene einen Theil der Erdatmosphre mit sich ri, so da die Wnde also durch die Lavamassen noch nicht abgeschliffen waren.

Schn, rief Ben-Zouf, hier ist also die Treppe! Entschuldigen Sie, da sie noch nicht ganz fertig wurde!

Kapitn Servadac und seine Gefhrten begannen vorsichtig hinabzuklimmen. Es fehlten allerdings, um mit Ben-Zouf zu reden, so manche Stufen, und sie brauchten fast eine halbe Stunde Zeit, um in der Richtung nach Sden zu eine Tiefe von fnfhundert Fu zu erreichen. Die Wnde des Centralkamines zeigten da und dort gewisse Ausbuchtungen; keine derselben setzte sich aber in Form einer Galerie weiter fort.

Ben-Zouf erleuchtete alle mit seiner Fackel, so da man bin Hintergrund dieser Hhlen sehen und sich berzeugen konnte, da keine derselben, hnlich den oberen Etagen des Nina-Baues sich weiter in die Bergmasse hinein verzweigte.

Freilich blieb den Gallia-Bewohnern keine Wahl. Sie muten in ihrer Lage die Hilfe annehmen, wie sie sich ihnen darbot.

Kapitn Servadac's Hoffnung schien sich brigens zu besttigen. Mit jedem weiteren Eindringen in die tieferen Bergschichten nahm die Temperatur merkbar und in steigendem Mae zu. Man hatte es auch nicht mit einer einfachen Steigerung der Wrmegrade, wie in den Bergwerken der Erde, zu thun. Eine rtliche Ursache veranlate hier vielmehr eine schnellere Temperaturzunahme. Im tiefen Grunde verrieth sich schon die Quelle dieser Wrme. Es war ja keine Kohlengrube, sondern ein Vulkan, den sie hier untersuchten.

In der Tiefe dieses Vulkanes, der nicht erloschen war, wie man htte befrchten knnen, brodelten noch die Lavamassen. Wenn sie jetzt auch aus unbekannten Grnden nicht bis zu ihrer Kratermndung aufstiegen, um nach auen abzuflieen, so durchdrang ihre Wrme doch alle Grundmauern des Bergkegels. Ein Quecksilber-Thermometer, das Lieutenant Prokop mitgenommen, und ein Anerod-Barometer, welches Kapitn Servadac bei sich hatte, zeigten beide, letzteres die Tiefenlage ihres Standortes unter der Meeresflche, jenes die progressive Zunahme der Temperatur. Sechshundert Fu unter der Oberflche des Kometen zeigte die Quecksilbersule sechs Grad ber Null

Sechs Grad, sagte Kapitn. Servadac, ist noch etwas zu wenig Wrme fr Leute, welche den Winter ber mehrere Monate lang eingesperrt bleiben sollen. Versuchen wir, noch tiefer zu gehen, da ja berall ein hinreichender Luftwechsel stattzufinden scheint.

Durch den gerumigen Krater des Berges und die weite Oeffnung an seiner Seite zog die Luft wirklich in vollen Strmen. Es hatte den Anschein, als wrde sie von diesen Tiefen angesaugt und gleichzeitig eignete sie sich hier besser zum Athmen. Man durfte also ungestraft wagen, soweit hinabzugehen, bis man eine zusagende Temperatur antraf.

Die Wanderer gelangten noch vierhundert Fu unter das Niveau des Nina-Baues und erreichten damit eine Tiefe von zweihundertfnfzig Metern unter dem Gallia-Meere. Hier zeigte das Thermometer zwlf Grad Celsius ber Null, also eine hinreichende Temperatur, so lange sie keine Vernderung erlitt.

Die drei Mnner htten auf dem schrgen Lavawege leicht noch weiter vordringen knnen. Doch, wozu sollte das dienen. Bei aufmerksamerem Lauschen vernahmen sie auch schon ein dumpfes Getse - ein Beweis, da sie von dem Feuerherde des Innern nicht weit entfernt waren.

Bleiben wir hier, sagte Ben-Zouf, wer zu frostig ist unter unseren Kolonisten, der mag noch tiefer hinunter kriechen, wenn es ihm Spa macht! Aber alle Wetter, ich fr meinen Theil finde, da es schon hier gehrig warm ist.

Es handelte sich nun darum, zu wissen, ob es thunlich wre, sich in diesem Theile des Berges wohl oder bel huslich einzurichten.

Hector Servadac und seine Begleiter saen eben auf einem etwas vorspringenden Felsen, von welchem Platze aus sie die Stelle, an der sie weilten, beim Scheine der Fackel genau mustern konnten.

Um wahr zu sein, mute man freilich gestehen, da sie nicht besonders einladend aussah. Der Centralkamin bildete hier durch eine locale Ausweitung nur eine Art tiefer Hhle, welche allerdings gerumig genug war, die ganze Kolonie aufzunehmen. Eine den gewohnten Bedrfnissen entsprechende Einrichtung mochte hier nur schwer durchzufhren sein. Ueber und unter der Hauptausbuchtung fanden sich zwar kleinere Hhlen von gengendem Umfange, um die Nahrungsmittel und andere Vorrthe darin unterzubringen, auf besondere Zimmer fr Kapitn Servadac und Graf Timascheff mute man aber jedenfalls verzichten. Einen kleinen, etwa fr Nina zu bestimmenden Schlupfwinkel fand man noch in der Nhe. Im Uebrigen mute man sich auf ein vllig gemeinschaftliches Leben einrichten. Die Haupthhle bildete dabei den Speisesaal, das Wohnzimmer und den Schlafraum. Nachdem sie eine lange Zeit hingebracht, wie Kaninchen in ihrem Baue, sollten die Kolonisten sich nun in die Erde verkriechen wie Maulwrfe und so wie diese vegetiren - ohne sich der Wohlthaten des langen Winterschlafes dieser Thiere zu erfreuen.

Es konnte jedoch nicht schwer werden, diese Hhle mittels Lampen und Laternen zu erleuchten. An Oel fehlte es nicht, da das Hauptmagazin noch mehrere Fsser desselben enthielt, ebenso wie eine gewisse Menge Weingeist, welcher zur Bereitung einiger warmer Speisen diente.

Von einer gnzlichen ununterbrochenen Einsperrung whrend des ganzen Gallia-Winters konnte ja nicht die Rede sein. Voraussichtlich wrden die Kolonisten doch in mglichst warmer Kleidung entweder den Nina-Bau oder auch die Uferfelsen besuchen. Auerdem trat an sie die Nothwendigkeit heran, sich mit Eis zu versorgen, das durch Einschmelzung den ganzen Wasserbedarf der Gesellschaft zu decken bestimmt war. Einer nach dem Anderen sollte sich dieser beschwerlichen Aufgabe unterziehen, bei der es sich darum handelte, neunhundert Fu hoch emporzuklettern und mit einer schweren Belastung ebenso tief zurckzukehren.

Nach sorgsamster Besichtigung entschied man sich dafr, da die kleine Kolonie in diese dunkle Hhle bersiedeln und sich daselbst wohl oder bel huslich einrichten solle. Die einzige Aushhlung sollte Allen als Wohnsttte dienen. Alles in Allem waren Kapitn Servadac und seine Gefhrten damit ja nicht schlechter gestellt als die Schiffer, welche in arktischen Gegenden berwintern. Man benutzt in solchen Fllen nmlich, am Bord der Walfischfahrer ebenso wie in den Faktoreien Nordamerikas, niemals eine Mehrzahl von Zimmern oder Cabinen, sondern begngt sich mit einem einzigen gerumigen Saale, in welchen die Feuchtigkeit weniger leicht Zugang findet, und richtet dann seine Aufmerksamkeit vorzglich auf die Ecken, an welchen die Condensation der Wasserdnste am leichtesten stattfindet. Dazu ist ein groes, hohes Zimmer leichter zu lften und zu erwrmen, und folglich auch der Gesundheit zutrglicher. In den Forts des hohen Nordens richtet man gewhnlich eine ganze Etage, in den Schiffen das ganze Zwischendeck in dieser Weise ein.

Lieutenant Prokop, der mit den Gebruchen und Lebensgewohnheiten in den Polarmeeren aus Erfahrung vertraut war, erklrte Obiges mit kurzen Worten, und seine Gefhrten entschlossen sich, in dieser Weise zu berwintern, da sie zu einer Ueberwinterung gezwungen waren.

Alle Drei stiegen wieder nach dem Nina-Bau hinauf. Die Kolonisten wurden mit den letzten Beschlssen bekannt gemacht und stimmten ihnen ohne Widerrede bei. Nun ging es unverzglich an die Arbeit, die erwhlte Hhle von den noch warmen Aschenresten grndlich zu subern und das hochwendigste von dem Materiale aus dem Nina-Baue schleunigst berzufhren.

Hier war keine Stunde zu verlieren. Man fror, selbst in den tiefsten Galerien der alten Wohnung, fast buchstblich zu Eis. Der Eifer aller Betheiligten wurde also ganz natrlicher Weise wach gehalten und niemals mag wohl ein Umzug und das Ausrumen einer Wohnung, beziehungsweise der Mbel, Lagersttten derselben, verschiedener Werkzeuge, mancher Vorrthe aus der Golette und vieler Waaren der Tartane, hurtiger ausgefhrt worden sein. Freilich kommt hierbei in Betracht, da man Alles nur bergab zu schaffen hatte und da das wesentlich verminderte Gewicht der Collis deren Handhabung nicht wenig erleichterte.

Selbst Palmyrin Rosette mute, so sehr er auch dagegen eiferte, in das Innere der Gallia hinabflchten; er gab jedoch um keinen Preis zu, da man sein Fernrohr mit wegschaffte. Freilich war es fr jene dunkle Hhle von vornherein nicht geschaffen und blieb also ruhig auf seinem Dreifu im Hauptsaal des Nina-Baues zurck.

Es ist wohl unntz, die kaum wiederzugebenden Klagen Isaak Hakhabut's hier aufzufhren. Da gab es im ganzen Weltall keinen so geprften Handelsmann wie ihn. Mitten unter den Neckereien der Anderen, die ihm niemals erspart blieben, bewachte er scharf den Transport seiner Waaren. Auf Kapitn Servadac's Befehl ward Alles, was ihm gehrte, auf einer Seite zusammengestellt, wo er selbst hausen sollte. So konnte er seine Gter bersehen und seinen Handel nach Belieben fortsetzen.

Binnen wenigen Tagen war die neue Einrichtung vollendet. Einige Schiffslaternen beleuchteten sprlich den schiefen Hauptgang nach dem Nina-Bau, was einen ganz romantischen Anblick bot und in Tausend und einer Nacht gewi reizend gewesen wre. Die groe Hhle, der allgemeine Wohnraum, wurde durch die Lampen der Dobryna erhellt. Am 10. Januar war Jedermann in der Tiefe des Kraters wohnlich eingerichtet und wohl verwahrt, mindestens gegen die Klte, welche im Freien sechzig Grad unter Null erreichte.

Va bene! wie unsere kleine Nina sagt, rief der leicht befriedigte Ben-Zouf. Statt in der ersten Etage zu wohnen, campiren wir einfach im Keller, das ist Alles!

Und doch konnten sich Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Prokop, wenn sie ihre Empfindungen auch mglichst verbargen, einer gewissen Unruhe wegen der Zukunft nicht erwehren. Wenn die vulkanische Wrme einmal aufhrte, wenn irgend eine unerwartete Strung den Umlauf der Gallia um die Sonne verzgerte, wenn mau in die Lage kme, unter den nmlichen Verhltnissen noch einmal zu berwintern, wrde man dann das nothwendige Brennmaterial im Kerne des Kometen finden? Steinkohlen, diese Ueberbleisel vorsndfluthlicher Wlder, welche in grauer Vorzeit vergraben und im Laufe vieler Jahrtausende mineralisirt wurden, konnten im Innern der Gallia nicht vorhanden sein. Sollte man darauf angewiesen sein, die Eruptivmassen zu verwenden, welche das Innere des Vulkanes auch nach seinem vlligen Erlschen noch bergen mute?

Lat nur die Zukunft herankommen, liebe Freunde, sagte Kapitn Servadac. Wir haben noch lange Monate hindurch Zeit zu berlegen, zu plaudern und zu besprechen. Mordio, das mte ja mit dem Teufel zugehen, wenn uns bis dahin kein gescheidter Gedanke kme!

- Gewi, antwortete Graf Timascheff, wenn sich Schwierigkeiten erheben, leistet das Gehirn mehr als sonst. Uebrigens ist es kaum wahrscheinlich, da die Wrme des Innern uns vor Eintritt des Gallia-Sommers fehlen sollte.

- Ich glaub' es kaum, meinte Lieutenant Prokop, denn noch immer hrt man das Sieden und Zischen im Kratergrunde. Die Entzndung dieser vulkanischen Substanzen datirt erst aus jngster Zeit. Als der Komet durch den Weltraum irrte, besa er bis zu seinem Zusammentreffen mit der Erde keine Atmosphre und folglich kann der Sauerstoff erst nach jenem Ereigni in sein Inneres Zutritt gefunden haben. Nun bildete sich eine chemische Verbindung, deren Resultat die Eruption war. Eben deshalb darf man, meiner Ansicht nach, voraussetzen, da die plutonische Thtigkeit auf der Gallia noch im ersten Anfange steht. Ich stimme Dir so sehr bei, Prokop, bemerkte Graf Timascheff, da ich, weit entfernt an ein Verlschen des Centralfeuers zu glauben, vielmehr eine andere, fr uns nicht minder entsetzliche Mglichkeit befrchte.

Und diese wre? fragte Kapitn Servadac.

Ich denke hierbei daran, Kapitn, da ein pltzlicher Wiederausbruch erfolgen knnte und uns mitten auf dem gewohnten Wege der Lava berraschte.

Mordio! rief Kapitn Servadac, das wr' eine schne Bescheerung!

Wir werden wachen, versprach Lieutenant Prokop, und zwar mit solcher Aufmerksamkeit, um uns nicht berraschen zu lassen!

Fnf Tage spter, am 15. Januar, ging die Gallia durch ihr Aphel, am Ende der groen Achse ihrer Bahn, und gravitirte an diesem Punkte 132 Millionen Meilen entfernt von der Sonne.

Vierzehntes Capitel.

Welches den Beweis liefert, da menschliche Wesen nicht geschaffen sind, hundertundzweiunddreiig Millionen Meilen von der Sonne entfernt umherzuschweifen.

Von diesem Tage ab kehrte die Gallia also auf ihrer elliptischen Bahn um und mit zunehmender Schnelligkeit zurck. Alle lebenden Wesen derselben hatten in der Tiefe der vulkanischen Bergmassen eine Zuflucht gefunden.

Wie hatten nun jene Englnder, welche freiwillig auf ihrem Eilande zurckblieben, die erste Hlfte des Gallia-Winters berstanden? Gewi besser - wenigstens war das die allgemeine Meinung - als die Bewohner von Warm-Land. Jedenfalls hatten sie es nicht nthig gehabt, aus einem Vulkan die Hitze der Lava zu entnehmen, um ihre gewhnlichen Bedrfnisse zu befriedigen. Ihr Vorrath an Kohle und Lebensmitteln berhob sie dieser Mhe, denn an beiden konnten sie keinen Mangel gelitten haben. Ihre aus soliden Kasematten bestehende, mit dicken Steinmauern umgebene Wohnung mute sie wohl auch gegen eine sehr weitgehende Erniedrigung der Temperatur schtzen. Reichliche Heizung bewahrte sie vor der Klte, krftige Nahrung vor dem Hunger - hchstens htte ihre Kleidung zu enge geworden sein knnen. Brigadier Murphy und Major Oliphant muten gewi Gelegenheit gefunden haben, gegen einander die geistreichsten Angriffe auf dem geschlossenen Schlachtfelde des Schachbrettes auszufhren. Niemand zweifelte daran, da das Leben in Gibraltar ein ganz gutes und bequemes gewesen sei. Jedenfalls konnte England den beiden Officieren und elf Soldaten, welche auf ihrem Posten so treu ausgehalten hatten, seine Anerkennung nicht vorenthalten.

Wren Kapitn Servadac und seine Gefhrten bedroht gewesen, durch die Klte umzukommen, so htten sie gewi eine Zuflucht auf dem Eilande von Gibraltar suchen knnen. Der Gedanke daran war wohl auch einmal aufgetaucht. Sie wren dort sicherlich gastfreundlich aufgenommen worden, wenn der erste Empfang von frher auch manches zu wnschen brig lie. Englnder find nicht die Leute dazu, ihres Gleichen zu verlassen, ohne Hilfe zu gewhren. Im Falle der unbedingten Notwendigkeit wrden sie auch nicht gezgert haben, nach Gibraltar auszuwandern. Ohne Schutz und ohne Feuer wre das freilich eine lange und gefhrliche Reise ber das grenzenlose Eisfeld gewesen, bei welcher wahrscheinlich nicht Alle an das Ziel gelangt wren. Dieses Project sollte bestimmt auch nur unter den dringendsten Umstnden ausgefhrt werden, whrend Alle darin bereinstimmten, Warm-Land nicht zu verlassen, so lange der Vulkan hinreichende Wrme lieferte.

Wir erwhnten schon oben, da alle lebenden Wesen der Gallia-Kolonie ohne Ausnahme in den Hhlen des Centralkamines Zuflucht gefunden hatten. Auch eine ziemliche Anzahl der Thiere war gezwungen gewesen, die Galerien des Nina-Baues zu verlassen, wo sie vor Klte zu Grunde gegangen wren. Kapitn Servadac's und Ben-Zouf's beide Pferde lieen sich freilich nur mit Mhe in diese Tiefen schaffen. Dem Kapitn und seiner Ordonnanz lag aber vorzglich daran, Zephir und Galette zu erhalten und lebend nach der Erde mitzubringen. Sie liebten die beiden Thiere, welche fr diese neuen klimatischen Verhltnisse allerdings nicht geschaffen schienen, viel zu sehr. Eine gerumige zum Stall umgeschaffene Nebenhhle ward fr sie eingerichtet und Futter, besa man fr beide ja zum Glck genug.

Die anderen Hausthiere muten freilich zum Theil geopfert werden, da es unmglich war, sie in den unteren Hhlenrumen der Bergmasse unterzubringen. Lie man sie aber in den oberen Galerien, so verdammte man sie damit nur zu einem grausamen Tode. Man fand keinen anderen Ausweg als den, sie zu tdten. Da sich das Fleisch dieser Thiere in den alten Magazinen, worin es der strengen Klte ausgesetzt war, unbegrenzt lange halten mute, so erreichte man damit gleichzeitig einen sehr schtzenswerthen Zuwachs an Vorrthen.

Zur Vervollstndigung des Verzeichnisses der lebenden Wesen, welche in das Innere des Berges geflchtet waren, erwhnen wir hier auch die Vgel, deren Nahrung aus den Brocken und Abfllen bestand, die man ihnen tglich zukommen lie. Die Klte hatte auch sie getrieben, die Hhen des Nina-Baues mit den dunklen Klften des Berginnern zu vertauschen. Ihre Anzahl war leider zu gro und ihre Gegenwart zu unbequem, so da man sich genthigt sah, auf sie Jagd zu machen und einen groen Theil derselben zu vernichten.

Alles das nahm den Januar bis zum Ende in Anspruch, denn erst zu dieser Zeit konnte man die neue Einrichtung als vollendet betrachten. Nun aber begann fr die Mitglieder der Gallia-Kolonie ein Leben von wahrhaft verzweifelter Eintnigkeit.

Wrden sie wohl im Stande sein, der ertdtenden Langweile zu trotzen, welche ihre Einschlieung mit sich brachte? Ihre Chefs suchten dieses Resultat zu erzielen durch ein enges Aneinanderschlieen Aller, durch Unterhaltungen, an welchen Theil zu nehmen Jeder aufgefordert wurde, und durch lautes Vorlesen einzelner, besonders interessanter Theile aus den Reisewerken und wissenschaftlichen Bchern der Bibliothek. Dann saen Alle rund um den groen Tisch, die Russen wie die Spanier hrten zu und lernten dabei, und wenn sie wirklich einmal zur Erde zurckkehrten, so kamen sie sicher mit mehr Kenntnissen wieder, als sie durch Verbleiben in ihrem Vaterlande je htten erreichen knnen.

Was machte aber Isaak Hakhabut whrend dieser Zeit? Betheiligte er sich an den Gesprchen oder an der Lectre? Nicht im Geringsten. Welchen Vortheil htte er davon gehabt? Er verbrachte die langen Stunden mit Rechnen und wieder Rechnen, mit Zhlen und wieder Zhlen des Geldes, welches in seine Hnde zusammenstrmte. Das, was er hier verdient hatte, betrug mit dem, was er schon vorher besa, mindestens einhundertfnfzigtausend Francs, davon die Hlfte in gutem, europischem Golde. Er hoffte sicher darauf, da dieses klingende vollwichtige Metall auf der Erde seinen wahren Werth schon wieder erhalten werde, und wenn er die Zahl der verflossenen Tage ausrechnete, so geschah das nur aus Bedauern ber die verlornen Zinsen. Er hatte noch nicht Gelegenheit gefunden, so viel als er hoffte, auf gute Papiere und natrlich unter sicherster Garantie, auszuleihen.

Unter allen Kolonisten war es Palmyrin Rosette, der sich am schnellsten eine ausreichende Beschftigung zu schaffen wute. Mit seinen Ziffern fhlte er sich niemals allein, und das unausgesetzt betriebene Rechnen verkrzte ihm die langen Tage des Winters.

Ueber die Gallia kannte er zwar Alles, was man nur von einem Himmelskrper zu wissen wnschen kann, nicht so aber von der Nerina, ihrem Satelliten. Die Eigenthumsrechte, welche er ber seinen Kometen beanspruchte, erstreckten sich auch auf dessen Mond, Es erschien ihm demnach als das wenigste, da er die neuen Elemente desselben bestimmte, seit dem er der Zone der teleskopischen Planeten entrissen worden war.

Er beschlo also, die nthigen Rechnungen vorzunehmen. Hierzu waren ihm noch einige Aufnahmen der Nerina in verschiedenen Stellungen nothwendig. Nachdem das geschehen, gedachte er, da ihm durch directe Messungen die Masse der Gallia bekannt war, auch die Nerina von seinem dunklen Cabinete aus zu wiegen.

Leider besa er nur jenen dunklen Winkel, dem er den Namen eines Cabinets beilegte, da es in der That unmglich war, jenes vielleicht gar ein Observatorium zu nennen. In den ersten Tagen des Februar sprach er sich auch Kapitn Servadac gegenber in dieser Richtung aus.

Sie brauchen ein besonderes Cabinet, lieber Professor? antwortete dieser.

- Ja, Kapitn, aber ein solches, in welchen ich arbeiten kann, ohne jeden Augenblick irgend einen Strenfried frchten zu mssen.

- Wir werden ein solches ganz nach ihrem Wunsche schon finden, trstete ihn Hector Servadac. Sollte es dann auch nicht so comfortabel sein, wie ich es selbst gern wnschte, so wird es Ihnen doch die nthige Abgeschiedenheit und Ruhe gewhren.

- Mehr beanspruche ich nicht.

- So sind wir also einig.

Da der Kapitn bemerkte, da Palmyrin Rosette gerade in ziemlich guter Laune war, so beeilte er sich, jenem eine ihm auf dem Herzen liegende Frage bezglich der frheren Berechnungen zu unterbreiten, eine Frage, auf welche er ein ganz besonderes Gewicht legte.

Lieber Professor, begann er, als dieser sich eben zurckziehen wollte, ich htte wohl noch eine Frage an Sie.

- Ich hre.

- Die Berechnungen, auf deren Grund Sie die Dauer des Umlaufes der Gallia bestimmt haben, sind gewi sehr genau, sagte Hector Servadac. Wenn ich mich inde nicht tusche, gengt eine halbe Minute Verzgerung oder Beschleunigung, und der Komet trifft nicht mehr in der Ekliptik mit der Erde zusammen! ...

- Nun, was weiter.

- Nun, lieber Professor, erscheint es da nicht rathsam, jene Rechnungen auf ihre Genauigkeit zu prfen.

- Das ist unnthig.

- Lieutenant Prokop wre gewi erbtig, Ihnen bei dieser umfangreichen Arbeit zu helfen.

- Ich brauche Niemand, erwiderte Palmyrin Rosette etwas piquirt.

- Wenn nun aber ...

- Ich tusche mich niemals, Kapitn Servadac, und Ihr Drngen ist sehr am unrechten Platze.

- Alle Wetter, lieber Professor, Sie sind gegen Ihre Gefhrten gerade nicht zu gefllig, und ...

Er behielt bei sich, was er noch auf dem Herzen hatte, da Palmyrin Rosette zu den Leuten gehrte, welche mit Schonung behandelt sein wollen.

Kapitn Servadac, erklrte trocken der Professor, ich wiederhole meine Rechnungen nicht, weil dieselben unbedingt verllich sind; doch theile ich Ihnen hierdurch mit, da ich das, was ich in Bezug auf die Gallia gethan habe, nun auch bezglich der Nerina, ihren Satelliten, vorzunehmen gedenke.

- Gewi eine ganz zeitgeme Beschftigung, sagte Kapitn Servadac ernsthaft. Ich glaubte bisher freilich, Nerina gehre zu den teleskopischen Planeten und ihre Elemente seien den Astronomen der Erde schon lngst bekannt.

Der Professor warf dem Kapitn Servadac einen wthenden Blick zu, als sei die Ntzlichkeit einer seiner Arbeiten bezweifelt worden. Dann fuhr er erregt fort:

Kapitn Servadac, wenn die Astronomen der Erde Nerina beobachtet haben, wenn sie schon die mittlere Dauer ihrer tglichen Umdrehung, die Dauer ihres siderischen Umlaufes, ihre mittlere Entfernung von der Sonne, ihre Excentricitt, die Lnge ihres Perihels, die mittlere Lnge der Epoche, die Lnge ihres aufsteigendes Knotens, die Neigung ihrer Bahn und noch sonst etwas kennen, so mu die Ergrndung dieser Verhltnisse doch ganz von vorne angefangen werden, da die Nerina nicht mehr der Zone der teleskopischen Planeten angehrt, seitdem sie ein Satellit der Gallia geworden ist. Da sie jetzt einen Mond darstellt, mu sie als Mond frisch beobachtet werden, und ich sehe nicht ein, warum die Bewohner der Gallia nicht berechtigt wren, das von ihrem Mond zu kennen, was die Erdenwrmer von dem ihrigen wissen!

Man mute Palmyrin Rosette dieses Wort Erdenwrmer selbst aussprechen hren! Mit welch' wegwerfendem Tone sprach er jetzt von Allem, was auf die Erde Bezug hatte!

Ich schliee dieses Gesprch, Kapitn Servadac, sagte er dann, ebenso wie ich es begonnen habe, indem ich Sie bitte, mir ein Cabinet zur Verfgung stellen zu lassen ...

- Wir werden es uns bestens angelegen sein lassen, lieber Professor ...

- O, ich bin nicht so pressirt, antwortete Palmyrin Rosette, wenn ich es nur in einer Stunde bekomme ...

Es vergingen freilich drei Stunden, nachher aber konnte Palmyrin Rosette in einer Art Hhle untergebracht werden, in der ein Tisch und ein Stuhl eben Platz fanden. Im Laufe der nachfolgenden Tage stieg er trotz der heftigen Klte noch immer viel nach seinem Observatorium, um die Nerina in verschiedenen Positionen zu beobachten. Dann aber schlo er sich in sein Cabinet ein und vorlufig sah ihn Niemand wieder.

Die Bewohner der Gallia, welche jetzt achthundert Fu unter der Oberflche vergraben lebten, bedurften wahrlich einer auergewhnlichen moralischen Energie, um in dieser Lage, welche kein anregender Zwischenfall unterbrach, auszuharren. So mancher Tag verstrich, ohne da nur Einer von ihnen nach der Oberflche emporstieg, und htte sie nicht die Noth gezwungen, von dort her Swasser in Form von Eis zu holen, so htten sie wohl so gut wie niemals die dunklen Tiefen des Vulkanes verlassen.

Dagegen stattete man den allertiefsten Theilen des Centralkamines wiederholt Besuche ab. Kapitn Servadac, Graf Timascheff, Lieutenant Prokop und Ben-Zouf wollten den in dem Kern der Gallia ausgehhlten Abgrund so weit als mglich kennen lernen. Die Untersuchung der aus dreiig Hunderttheilen Gold bestehenden Bergmasse lie sie sehr gleichgiltig. Uebrigens wrde ja diese hier auf der Gallia ganz werthlose Substanz, auch wenn sie auf die Erde fiele, ihrer groen Menge wegen keinen besonderen Werth erlangen, und so schenkten sie diesem Tellurit nicht mehr Aufmerksamkeit als etwa einem Granitfelsen.

Eines lernten sie aber doch durch diese Nachforschungen kennen: da das Centralfeuer noch immer in Thtigkeit war, und sie schlssen daraus, da, wenn die Eruption nicht mehr durch ihren Vulkan vor sich ging, andere feuerspeiende Oeffnungen auf der Oberflche der Gallia entstanden sein mten.

So verstrichen der Februar, Mrz, April und Mai, so zu sagen in einer Art moralischer Erschlaffung, von der sich die Gefangenen kaum klare Rechenschaft gaben. Die meisten derselben vegetirten mehr in einer nachgerade beunruhigenden Erstarrung. Die frher mit so groem Interesse angehrten Vorlesungen vereinigten jetzt keine lauschenden Zuhrer mehr um den groen Tisch. Die Unterhaltung beschrnkte sich auf zwei bis drei Personen und wurde nur mit halber Stimme gefhrt. Die Spanier schienen vorzglich niedergeschlagen und verlieen ihre Lager so gut wie gar nicht mehr. Kaum rhrten sie sich noch, um ein wenig Nahrung zu nehmen. Die Russen widerstanden besser und betrieben die wenigen Arbeiten mit noch mehr Eifer. In dem Mangel an Thtigkeit lag die grte Gefahr dieser langdauernden Einschlieung. Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop bemerkten recht wohl die Fortschritte dieses Zustandes, doch was vermochten sie dagegen zu thun? Sie selbst fhlten sich ziemlich angegriffen von der tdtenden Langweile und widerstanden dieser Prfung nicht immer. Bald zeigten sich die Folgen durch eine ungewhnlich lange Dauer des Schlafes, bald durch einen unbesieglichen Widerwillen gegen jede Nahrung, welcher Art sie auch war. Man htte fast sagen knnen, da diese tief im Boden vergrabenen Gefangenen den Schildkrten im Winter glichen und auch wie diese bis zum Eintritt wrmerer Jahreszeit schliefen und fasteten.

Von der ganzen Gallia-Kolonie hielt sich die kleine Nina noch am besten. Sie ging und kam und munterte Pablo auf, den die allgemeine Erstarrung ebenfalls ergriffen hatte. Sie sprach bald zu dem Einen, bald zu einem Anderen, und ihre frische Stimme schallte durch die dunklen Tiefen wie das lustige Lied eines Vgleins. Hier veranlate sie zu trinken, dort zu essen. Sie war mit einem Worte die Seele dieser kleinen Welt und belebte sie durch ihr munteres Wesen. Sie trllerte stets hbsche italienische Liedchen, wenn in diesem dunklen Grabe ein bedrckendes Schweigen herrschte. Sie summte wie eine kleine Fliege, die sich jedoch ntzlicher und wohlthuender erwies als die Fliege des Fabeldichters. In diesem kleinen Wesen pulsirte ein so bersprudelndes Leben, da sie sozusagen Jedem einen Theil desselben einflte. Diese Wechselwirkung vollzog sich zwar gewi, ohne da die Betreffenden davon besonders wuten, war aber nichtsdestoweniger vorhanden, und zweifelsohne diente die Anwesenheit Nina's den in ihrer Wintergrube halb entschlafenen Gallia-Bewohnern nur zum Heile.

Inde, die Monate vergingen. Wie? das htten weder Kapitn Servadac noch seine Genossen sagen knnen.

Mit Anfang Juni schien die allgemeine Erstarrung sich nach und nach zu lsen. Dankte man das dem Einflu des Strahlengestirns, dem man sich langsam nherte? Vielleicht, und doch stand die Sonne noch so unendlich fern. Lieutenant Prokop hatte whrend der ersten Hlfte der Gallia-Revolution ihre Stellung nebst den von dem Professor dazu angegebenen Ziffern genau notirt. Er gewann dadurch graphisch hergestellte Ephemeriden und konnte nun auf einer gezeichneten Bahn dem Lauf des Kometen mit mehr oder weniger Genauigkeit folgen. Nach berschreitung des Aphels war es ihm leicht, die Position der Gallia whrend ihrer Rckkehr zu verzeichnen und seine Gefhrten auf dem Laufenden zu erhalten, ohne Palmyrin Rosette ber jeden einzelnen Punkt zu befragen.

Dabei sah er denn auch, da die Gallia nach nochmaliger Durchschreitung der Jupiterbahn noch in der enormen Entfernung von 114 Millionen Meilen von der Sonne schwebte. Entsprechend dem einen Kepler'schen Gesetze nahm die Schnelligkeit ihrer Bewegung aber fortwhrend zu und vier Monate spter trat sie der Rechnung nach in die Zone der teleskopischen Planeten, bei 75 Millionen Meilen Entfernung von der Sonne, wieder ein.

Zu dieser Zeit - in der zweiten Hlfte des Juni - hatten Kapitn Servadac und seine Gefhrten ihre physischen und moralischen Fhigkeiten vollkommen wieder erlangt. Auch Ben-Zouf reckte und dehnte sich wie ein Mensch, der aus langem, tiefem Schlafe erwacht.

Jetzt huften sich die Besuche in den verlassenen Rumen des Nina-Baues. Kapitn Seruadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop stiegen sogar wieder bis zum Strande des Meeres hinab. Zwar herrschte noch immer eine ungeheure Klte, doch hatte auch die Atmosphre nichts von ihrer gewohnten Ruhe verloren. Keine Dunstmasse zeigte sich, weder am Horizonte noch im Zenith, kein Windhauch zitterte durch die klare Luft.

Die letzten Fuspuren auf dem Strande sah man noch immer so rein wie am ersten Tage.

Nur an einer Stelle war das Bild des Ufers verndert, und zwar nahe dem felsigen Vorgebirge, welches die Hafenbucht deckte. Dort hatte die aufsteigende Bewegung der Eisschichten weitere Fortschritte gemacht. Sie erhoben sich jetzt daselbst bis auf hundertfnfzig Fu. In derselben Hhe schwebten auch die Golette und die Tartane, zu welchen jeder Zugang abgeschnitten war. Ihr Sturz bei eintretendem Thauwetter schien gewi, ihr Untergang unausweichlich, denn es gab kein Mittel, sie zu retten.

Glcklicher Weise begleitete Isaak Hakhabut, der seinen Kramladen in der Tiefe des Berges niemals verlie, den Kapitn Servadac nicht bei dieser Promenade.

Wenn er jetzt hier wre, meinte Ben-Zouf, welches Pfauengeschrei htte der alte Spitzbube erhoben! Wie ein Pfau zu schreien und dessen Schweif nicht zu haben, das pat aber nicht zusammen!

Die zwei nchsten Monate, Juli und August, nherten die Gallia der Sonne bis auf 98.+sub+4+/sub+ Millionen Meilen. Whrend der kurzen Nchte blieb die Klte noch auerordentlich heftig; whrend des Tages aber strahlte die Sonne, da sie durch den Aequator der Gallia ging, eine merkbare Wrme aus und hob die Temperatur wohl um zwanzig Grade. Die Bewohner der Gallia kamen dann herbei, um sich an den belebenden Strahlen zu erfreuen, und machten es dabei ganz wie die Vgel, welche ebenfalls in der freien Luft herumftatterten, um erst mit dem sinkenden Tage wieder zu verschwinden.

Diese Art Frhling - doch darf man sich hier des Wortes bedienen? - bte einen sehr heilsamen Einflu auf die Bewohner der Gallia aus. Die Hoffnung, das Vertrauen kehrte allmlig zurck. Whrend des Tages zeigte sich die Sonnenscheibe am Horizonte schon vergrert; whrend der Nacht schien die Erde mitten unter den tausend Sternen zu wachsen. Man sah jetzt das Ziel vor sich - noch war es zwar entfernt - doch, man sah es ja, wenn es im Weltraume auch nur gleich einem Punkte erschien.

Eines Tages veranlate diese Beobachtung Ben-Zouf zu folgender Bemerkung gegenber Kapitn Servadac und Graf Timascheff:

Wahrhaftig, sagte er, es wird mir Niemand glauben machen, da mein Montmartre auch da unten liegen soll!

- Und doch, antwortete Kapitn Servadac, ich hoffe mit Sicherheit darauf, da wir ihn daselbst noch wiederfinden!

- Ich auch, Herr Kapitn! Aber sagen Sie mir, ohne Ihnen Vorschriften machen zu wollen, wenn nun Herrn Rosette's Komet nicht so freundlich gewesen wre, nach der Erde zurckzukehren, gbe es dann gar kein Mittel, ihn dazu zu zwingen?

- Nein, mein Freund, erwiderte Graf Timascheff. Keine menschliche Macht wre im Stande, die Stellung der Himmelskrper zu verndern. Welche Verwirrung mte es geben, wenn Jeder den Gang seines Planeten nach Belieben bestimmen knnte! Aber Gott hat das nicht gewollt, und ich glaube, er that weise daran!

Fnfzehntes Capitel.

Worin der ersten und letzten Beziehungen zwischen Palmyrin Rosette und Isaak Hakhabut Erwhnung geschieht.

Der Monat September kam heran. Noch immer war es unmglich gewesen, die dunklen aber doch warmen Zufluchtssttten im Untergrnde der Gallia zu verlassen, um die Wohnung im Nina-Bau wieder zu beziehen. Die Bienen wren ohne Zweifel in ihren alten Zellen erfroren.

Glcklicher oder unglcklicher Weise drohte der Vulkan nicht wieder in Thtigkeit zu treten.

Glcklicher Weise, denn eine pltzliche Eruption htte die Bewohner der Gallia in dem Centralkamine, dem einzigen Abflu fr die Lava, berraschen knnen.

Unglcklicher Weise, weil Jedermann das verhltnimig geordnete und fast comfortable Leben in dem hher gelegenen Nina-Bau gern wieder aufgenommen htte.

Da haben wir nun sieben abscheuliche Monate hier unten zugebracht, Herr Kapitn, begann eines Tages Ben-Zouf. Haben Sie unsere Nina whrend dieser Zeit beobachtet?

- Gewi, Ben-Zouf, antwortete Kapitn Servadac, das ist ein durchweg wunderbares kleines Wesen. Man mchte sagen, das ganze Leben der Gallia concentrire sich in ihrem Herzen.

- Ganz recht, mein Kapitn, aber spter?....

- Was willst Du damit sagen?

- Ja, ich meine, wenn wir nach der Erde zurckgekehrt sind, knnen wir das Kind doch nicht verlassen!

- Bewahre Gott, Ben-Zouf, wir werden es adoptiren!

- Brav, mein Kapitn! Sie werden dessen Vater und ich werde, mit Ihrer Erlaubni, seine Mutter sein.

- Nun, dann wren wir Beide ja so gut wie verheirathet, Ben-Zouf.

- O, mein Kapitn, erwiderte der brave Soldat, das sind wir in der That seit langem!

Von den ersten Tagen des October ab wurde die Temperatur, bei dem Fehlen jeder Bewegung der Atmosphre, selbst in der Nacht weit ertrglicher. Die Entfernung der Gallia von der Sonne erreichte jetzt kaum das Dreifache des Abstandes der Erde von dem Centrum ihrer Attraction. Die Temperatur hielt sich im Mittel auf dreiig bis fnfunddreiig Grad unter Null. Dem Nina-Bau sowohl als auch der Auenwelt wurden schon hufige Besuche abgestattet. Die Kolonisten wagten sich ungestraft hinaus auf den Strand. Bei der prchtigglatten, einladenden Eisflche des Meeres ergtzte man sich auch wieder am Schlittschuhlaufen. O, welche Freude war es fr die Gefangenen, ihren Kerker einmal verlassen zu knnen! Tag fr Tag traten auch Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Lieutenant Prokop zusammen, um sich ber die Lage der Dinge zu unterrichten und die groe Frage der Landung an der Erde zu besprechen. Es war ja damit nicht abgemacht, an der Erdkugel anzulangen, sondern es galt auch, den verderblichen Folgen des Stoes nach Mglichkeit zuvorzukommen.

Einer der fleiigsten Besucher des Nina-Baues war Palmyrin Rosette. Das Fernrohr hatte man wieder nach seinem Observatorium geschafft und hier beschftigte er sich, so lange es die Klte irgend erlaubte, mit astronomischen Beobachtungen.

Ueber das Resultat seiner neueren Beobachtungen stellte man keine Frage an den Professor. Er htte eine solche wahrscheinlich auch nicht beantwortet. Nach Verlauf einiger Tage glaubten seine Gefhrten an ihm zu bemerken, da er gar nicht mehr zufrieden sei. In dem schiefen Tunnel des Centralkamines sah man ihn auf- und absteigen, kommen und wieder gehen. Er murmelte vor sich hin, er fluchte sogar manchmal und erschien unzugnglicher als je. Ein- oder zweimal versuchte es Ben-Zouf - wie bekannt, ein unerschrockener Held - sich dem schrecklichen Professor zu nahen. Die Aufnahme, welche er dabei fand, spottet jeder Beschreibung.

Ich mchte wetten, dachte er, da es da oben nicht ganz so geht, wie er es wnschte. Alle Wetter, wenn er nur nicht die ganze Himmelsmechanik und uns dabei mit ruinirt!

Auch Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop fragten sich wiederholt, was Palmyrin Rosette wohl so sehr erregen mge. Hatt der Professor vielleicht seine Rechnung noch einmal geprft und gefunden, da sie mit den neueren Beobachtungen nicht bereinstimmte? Nahm der Komet etwa den ihm in den vorausberechneten Ephemeriden zugewiesenen Ort doch nicht ein und sollte er in Folge dessen nicht an der bezeichneten Stelle und in der richtigen Secunde bei der Erde anlangen?

Diese Fragen gingen Jedermann nahe, und da sich alle Hoffnungen nach dieser Seite nur auf Palmyrin Rosette's Versicherungen sttzten, so war aller Grund vorhanden, zu frchten, wenn man Jenen so seiner Sache ungewi sah.

In der That ward der arme Professor allmlig der Unglcklichste aller Astronomen. Ohne Zweifel entsprachen seine Rechnungen nicht den jetzigen Beobachtungen, und ein Mann wie er, mute darber das lebhafteste Mibehagen empfinden. Stets, wenn er nach einer lang fortgesetzten Beobachtung dreiviertel erfroren das Ocular seines Fernrohres verlie und nach seinem Zimmer herabkam, unterlag er einem wirklichen Wuthanfalle.

Htte ihn einer seiner Gefhrten in einem solchen Augenblicke angesprochen, so htte er hren knnen, wie Jener immer fr sich murmelnd wiederholte:

Alle Teufel, was bedeutet das? Was macht sie da? Sie ist nicht an der Stelle, die meine Berechnungen ihr anweisen! Die Elende! Sie bleibt zurck! Entweder Newton ist ein Narr oder sie ist toll! Alles das widerspricht den Gesetzen der allgemeinen Gravitation. Was zum Teufel, ich habe mich nicht tuschen knnen. Meine Beobachtungen sind richtig, meine Rechnungen auch! Alle Wetter, ich werde auf den Grund kommen!

Und Palmyrin Rosette prete den Kopf zwischen beide Hnde und raufte sich fast die Haare aus, an welchen sein Scheitel doch keinen Ueberflu hatte. Und immer und immer erhielt er dasselbe Resultat: eine Differenz zwischen seinen Berechnungen und den nachtrglichen Beobachtungen.

Sollte in der Himmelsmechanik, sagte er sich, wirklich eine Strung eingetreten sein? Nein, das ist nicht mglich! Ich, nur ich bin es, der sich irrt! Und doch ... dennoch ...

Wenn es bei Palmyrin Rosette noch angegangen wre, weiter abzumagern, jetzt wre die Gelegenheit dazu gewesen.

Fhlte er sich aber in seiner Erwartung getuscht, so beunruhigten sich die Anderen in seiner Umgebung, was ihm freilich die geringste Sorge machte.

Dieser Zustand der Dinge sollte inde auch ein Ende nehmen.

Eines Tages, es war am 12. October, hrte Ben-Zouf, der sich im Hauptsaale zu schaffen machte, den zufllig eben da anwesenden Professor laut und freudig aufschreien.

Ben-Zouf lief auf ihn zu.

Ist Ihnen etwas zugestoen? fragte er in ziemlich gleichgiltigem Tone.

- Heureka, sage ich Dir, Heureka! erwiderte der Professor, der sich fast wie toll geberdete.

In seiner Antwort trat ebensoviel Befriedigung als Aufregung zu Tage.

Heureka? wiederholte Ben-Zouf verblfft.

- Ja, Heureka! Weit Du, was das sagen will?

- Nein.

- Nun, dann geh' zum Teufel!

- Ei, dachte die Ordonnanz wegen Mangels einer passenden Antwort, es ist doch ein Glck, da Herr Rosette sich immer in hflichen Formen bewegt!

Er ging davon, und wenn auch Nicht zum Teufel, so doch zu Hector Servadac.

Herr Kapitn, begann er, es giebt etwas Neues.

- Das wre?

- Unser gelehrter Herr... er hat... ja, er hat Heureka....

- Er hat es gefunden!.... rief Kapitn Servadac. Aber was hat er denn gefunden?

- Ja, das wei ich nicht.

- Eben das mssen wir jedoch vor Allem wissen!

Kapitn Servadac ward unruhiger, als er je vorher gewesen.

Inzwischen verfgte sich Palmyrin Rosette wieder nach seinem Observatorium und murmelte immer fr sich.

Gewi, so ist es... Es kann nicht anders sein!.... O, dieser Schurke! Wenn ich Recht habe, soll er's theuer zahlen!... Doch, wrde er es zugestehen? Nimmermehr!... Er mte ja wieder herausgeben!.... Wohlan, ich werde mich einer List bedienen.... den Erfolg werden wir ja sehen!

Wenn das Alles auch nicht zu verstehen war, so zeigte sich doch offenbar, da Palmyrin Rosette von diesem Tage ab sein Benehmen gegen den Juden Isaak Hakhabut auffallend vernderte. Bisher hatte er ihn stets vermieden oder wegwerfend behandelt. Jetzt wurde das ganz anders.

Wer erstaunte darber am meisten? Natrlich Meister Isaak selbst, welcher ein solches Entgegenkommen niemals gewohnt gewesen war. Den Professor sah er nun hufig nach seiner dunklen Klause herunterkommen. Palmyrin Rosette interessirte sich fr ihn, fr seine Person und seine Angelegenheiten. Er fragte ihn, ob er seine Waaren gut verkauft habe, was er wohl dabei gewonnen, ob er nicht eine Gelegenheit ausgenutzt habe, wie sie vielleicht niemals wiederkehren werde u. s. w. u. s. w., und alles das mit der nur schwierig verhehlen Absicht, Jenen in die Enge zu treiben.

Isaak Hakhabut antwortete, mitrauisch wie ein alter Fuchs, nur ausweichend. Diese Vernderung in dem Benehmen des Professors ihm gegenber machte ihn stutzig. Er fragte sich, ob Palmyrin Rosette nicht etwa darauf ausgehe, von ihm Geld zu leihen.

Bekanntlich war Isaak Hakhabut im Principe gar nicht abgeneigt, solche Geschfte zu machen, und berechnete dabei nur den bei ihm blichen Zinsfu. Er rechnete sogar auf solche Operationen, um sein Geld nie mig liegen zu lassen. Er verlangte dabei aber stets eine sichere, solide Brgschaft und hier - gestehen wir es nur - sah er nur den Grafen Timascheff, den reichen Russen, mit dem er etwas Aehnliches gewagt htte. Kapitn Servadac erschien ihm selbstverstndlich bettelarm wie ein Gascogner. Den Professor selbst betreffend, wer htte jemals die Idee gehabt, an einen Professor Geld auszuleihen! Meister Isaak hielt sich also sehr zurck.

Andererseits sollte der Jude in die Lage kommen, von seinem Gelde Gebrauch zu machen, wobei er sich natrlich mglichst beschrnkte, worauf er aber doch nicht im mindesten gerechnet haben mochte.

Zu jener Zeit hatte er nmlich an die Gallia-Bewohner fast seine ganze Ladung derjenigen Gter verkauft, welche als Nahrungs- und Genumittel dienten, und dabei die Vorsicht auer Acht gelassen, sich fr seinen eigenen Bedarf das Nthige zurckzubehalten. Unter Anderem fehlte ihm nun der Kaffee. Und wenn man vom Kaffee auch einen noch so sparsamen Gebrauch macht, wenn keiner mehr vorhanden ist, dann ist eben keiner mehr da, wie Ben-Zouf gesagt hatte.

So kam es also, da Isaak sich pltzlich eines Lieblingsgetrnkes beraubt sah, das er gar nicht entbehren konnte, und da er dadurch in die Lage kam, es aus den Vorrthen des allgemeinen Magazines zu beanspruchen.

Nach langem Zgern und reiflicher Ueberlegung sagte er sich dann, da, da jene Vorrthe fr alle Gallia-Bewohner ohne Unterschied bestimmt waren, auch er dieselben Rechte darauf habe wie jeder Andere. Er suchte zuerst Ben-Zouf zu treffen.

Herr Ben-Zouf, sagte er im freundlichsten Tone, ich htte zu stellen eine kleine Frage an Sie.

- So rede, Josua, antwortete Ben-Zouf.

- Ich werde aus dem Vorrathe ein Pfund Kaffee zu meinem persnlichen Gebrauch entnehmen mssen.

- Ein Pfund Kaffee! rief Ben-Zouf verwundert, wie! Du verlangst ein Pfund Kaffee?

- Ja, Herr Ben-Zouf.

- O, o, das ist eine ernsthafte Sache.

- Ist vielleicht keiner mehr da?

- Gewi, wohl noch hundert Kilo.

- Nun also?

- Nun, Alter, erwiderte Ben-Zouf mit beunruhigendem Kopfschtteln, ich wei es nicht, ob ich Dir das geben kann.

- Geben Sie's mir, Herr Ben-Zouf, sagte Isaak Hakhabut, geben Sie, ich werde immer sein erkenntlich dafr!

- Deine Erkenntlichkeit ist mir wahrlich hchst gleichgiltig.

- Sie wrden's aber nicht abschlagen, wenn ein Anderer als ich...

- Ja, siehst Du, Du bist aber eben kein Anderer.

- Was werden Sie thun, Herr Ben-Zouf?

- Na, ich will mit Seiner Excellenz dem Herrn General-Gouverneur sprechen.

- O, Herr Ben-Zouf, ich zweifle gar nicht, da er bei seiner Gerechtigkeit...

- Im Gegentheil, Alter, seine Gerechtigkeitsliebe lt mich fr Dich frchten.

Die Ordonnanz lie Isaak Hakhabut mit dieser wenig trstlichen Aussicht stehen.

Palmyrin Rosette, der dem Juden gegenber immer auf der Lauer stand, kam gerade hinzu, als diese Worte zwischen Jenem und Ben-Zouf gewechselt wurden. Die Angelegenheit schien ihm gnstig, seine lngst vorbereitete Absicht zur Ausfhrung zu bringen.

He, Meister Isaak, sagte er, Ihr braucht ja wohl Kaffee?

- Ja, Herr Professor, antwortete Isaak Hakhabut.

- Ihr habt also Euere ganzen Vorrthe verkauft?

- Gott der Gerechte, ich habe gemacht diesen Fehler.

- Teufel, ja, der ist Euch nothwendig... ja... ja, der erwrmt Euch das Blut.

- So ist es... und in meinem schwarzen Loche da kann ich ihn gar nicht entbehren.

- Nun wohlan, Meister Isaak, Ihr werdet eine fr Euern Bedarf hinreichende Quantitt Kaffee erhalten.

- Nicht wahr, Herr Professor..... und, wenn ich ihn auch erst verkauft habe, diesen Kaffee, so habe ich doch das Recht, zu meinem Gebrauche davon zu nehmen.

- Gewi.... Meister Isaak.... Gewi!...

Braucht Ihr denn eine groe Menge?

- Ach, nur ein einziges Pfund! ... Ich werde ihn sparen, so viel ich kann! Ein Pfund wird fr mich sehr lange reichen.

- Doch womit soll man den Kaffee abwiegen? fragte Palmyrin Rosette, der diese Worte wider Willen etwas stark betonte.

- Mit meiner Schnellwaage! murmelte der Jude. Palmyrin Rosette glaubte wahrzunehmen, da sich Meister Isaak's Brust ein leichter Seufzer entrang.

Ja wohl, versetzte er ... mit der Schnellwaage. - Eine Balkenwaage ist wohl nicht hier?

- Nein, erwiderte der Jude, der seinen Seufzer zu bedauern schien.

Ei, Meister Isaak,..... das wird ein vortheilhafter Handel, fr ein Pfund Kaffee werdet Ihr da sieben erhalten.

- Ja, sieben, nun das ist ja desto besser!

Der Professor sah sich seinen Mann scharf an. Er wollte ihm eine Frage stellen..... Er wagte es nicht, da er sich sagen mute, da Jener mit der Wahrheit hinter dem Berge halten werde, und die Wahrheit wollte er auf jeden Fall erfahren.

Schon vermochte er seine Ungeduld kaum noch zu zgeln, als Ben-Zouf wieder zurckkam.

Nun, wie steht's, fragte Isaak Hakhabut lebhaft.

- Der Gouverneur will nicht, antwortete Ben-Zouf.

- Er will nicht, da man mir Kaffee giebt! . .. seufzte Isaak Hakhabut.

- Nein, er will nur, da man Dir solchen verkauft.

- Mir verkauft, Herr Gott Israel's!

- Ja, und das ist nicht mehr als gerecht, da Du alles Geld der Kolonie zusammengerafft hast. Nun, beeile Dich, la uns Deine Goldfchse sehen!

- Mich zum Kaufen zu zwingen, whrend ein Anderer....

- Ich habe Dir schon einmal gesagt, da Du eben kein Anderer bist. Willst zu kaufen oder nicht?

- Erbarmen, Erbarmen!

- Antworte oder ich schliee den Laden!

Der Jude wute es aus Erfahrung, da er mit Ben-Zouf nicht scherzen durfte.

Nun gut, ich will kaufen.... sagte er.

- Schn.

- Aber zu welchem Preise?

- Zu demselben, zu welchem Du verkauft hast. Man wird Dir das Fell nicht ber die Ohren ziehen. Dein Pelz ist es nicht werth.

Isaak Hakhabut hatte die Hand in die Tasche gesteckt und klapperte mit einigen Mnzen.

Der Professor wurde immer aufmerksamer und schien jedes Wort aus dem Munde des Juden aufzufangen.

Wie viel soll ich zahlen fr ein Pfund Kaffee? fragte dieser.

- Zehn Francs, antwortete Ben-Zouf, das ist der Marktpreis auf Warm-Land. Doch, was kann Dich das kmmern, da das Gold nach unserer Rckkehr zur Erde ohnehin keinen Werth mehr hat.

- Das Gold soll keinen Werth mehr haben, schrie der Jude. Knnte das mglich sein, Herr Ben-Zouf?

- Du wirst es ja sehen.

- Helfe mir Gott der Gerechte! Ein Pfund Kaffee zehn Francs.

- Zehn Francs. Nun, wird es endlich?

Isaak Hakhabut zog ein Goldstck hervor, besah es genau bei dem Scheine der Lampe und drckte es beinahe zrtlich an die Lippen.

Und Sie wollen wiegen mit meiner Schnellwaage? fragte der Jude mit einem so klglichen Tone, da es fast verdchtig erschien.

- Womit soll ich denn wiegen? erwiderte Ben-Zouf.

Er ergriff die Schnellwaage, befestigte eine Schaale an deren Haken und schttete so viel Kaffee hinein, bis sie ein Pfund angab - in Wahrheit betrug diese Menge also sieben Pfund.

Isaak Hakhabut folgte mit den Augen jeder Bewegung.

Hier nimm, sagte Ben-Zouf.

- Steht der Zeiger richtig auf dem Striche? fragte der Jude und neigte sich nach dem Gradbogen des Instrumentes.

- Ja doch, alter Jonas.

- Stoen Sie ein wenig mit dem Finger daran, Herr Ben-Zouf.

- Und warum das?

- Weil ... weil ... murmelte Isaak Hakhabut, weil meine Schnellwaage vielleicht nicht ... nicht ganz vollstndig ... richtig sein knnte! ...

Kaum waren ihm diese Worte entflohen, als Palmyrin Rosette den Juden schon an der Gurgel hatte, ihn abschttelte und wrgte.

Elender Wicht! rief er zornig.

- Zu Hilfe! Zu Hilfe! schrie Isaak Hakhabut. Es entspann sich eine regelrechte Prgelei. Ben-Zouf htete sich wohl dazwischen zu treten. Er hetzte die beiden Gegner vielmehr noch auf einander und wollte schier vor Lachen platzen. Ihm lag, offen gestanden, an dem Einen so viel wie an dem Anderen.

Durch den Lrm wurden aber Kapitn Servadac, Graf Timascheff und Lieutenant Prokop herbeigezogen, welche sehen wollten, was es hier gbe.

Man trennte den Juden und den Professor.

Was zum Kuckuck ist hier los? fragte Hector Servadac.

- Nun, dieser erbrmliche Kerl, antwortete Palmyrin Rosette, hat uns eine falsche Schnellwaage gegeben, eine Waage, welche ein zu groes Gewicht anzeigt!

- Ist das wahr, Isaak?

- Herr Gouverneur, ja ... nein ... antwortete der Jude ... ja!

- Dieser Strauchdieb hat uns seine Waaren nach falschem Gewicht verkauft, fuhr der Professor mit wachsendem Zorne fort, und damals, als ich meinen Kometen mit seinem Instrumente wog, habe ich in Folge dessen ein greres Gewicht erhalten als jener wirklich hat.

- Verhlt sich das so?

- Das ist wohl mglich ... ich wei es nicht! stammelte Isaak Hakhabut.

- Endlich habe ich diese falsche Masse meinen neuen Rechnungen zu Grunde gelegt und folglich stimmen diese nicht mit meinen Beobachtungen berein, so da ich lange Zeit glaubte, sie sei nicht an ihrem richtigen Platze.

- Welche Sie .... die Gallia?

- Nein, zum Teufel, die Nerina, unser Mond. - Aber die Gallia?

- O, die Gallia befindet sich immer da, wo sie sein soll, erwiderte Palmyrin Rosette. Sie geht geraden Weges auf die Erde zu und wir mit ihr.. und auch dieser verdammte Jude, den Gott noch strafen mge!

Sechzehntes Capitel.

In welchem Kapitn Servadac und Ben-Zouf weggehen und wiederkommen, wie sie fortgegangen sind.

Es verhielt sich so. Seitdem Isaak Hakhabut seinen ehrlichen Handel lngs der Ksten begonnen, hatte er auch nach falschem Gewichte verkauft. So weit wir den Mann kennen gelernt haben, wird das Niemand verwundern. An dem Tage aber, wo er aus dem Verkufer zum Kufer ward, wendete sich das Blttchen gegen ihn. Das Hilfsmittel seines Vermgens war jene Schnellwaage, welche, wie sich nun herausstellte, um ein Viertel zu viel zeigte - was den Professor veranlate, seine Rechnungen wieder aufzunehmen und nun von einer richtigen Basis auszugehen.

Wenn die Schnellwaage auf der Erde das Gewicht eines Kilogrammes anzeigte, so wog der betreffende Gegenstand in der That nur siebenhundertfnfzig Gramm. Von dem fr die Gallia gefundenen Gewichte mute der Professor also ein volles Viertel abziehen. Es liegt auf der Hand, da seine Rechnungen, welche sich auf ein um ein Viertel zu groes Gewicht des Kometen grndeten, nicht richtig sein und mit den Positionen der Nerina nicht bereinstimmen konnten, da letztere von der Masse der Gallia bestimmt wurden.

Nachdem Palmyrin Rosette seine Wuth gekhlt und Isaak Hakhabut tchtig durchgeprgelt hatte, ging er sofort an die Arbeit, um bezglich der Nerina in's Reine zu kommen.

Wie es Isaak Hakhabut nun erst nach diesem Auftritte erging, das versteht sich wohl von selbst. Ben-Zouf versicherte ihm einmal ber das andere, da er wegen Gebrauches falschen Gewichtes verklagt, sein Geschft geschlossen und er vor das Zuchtpolizei-Gericht gestellt werden wrde.

Aber wo und wann? fragte der Jude.

- Auf der Erde, nach unserer Rckkehr, alter Spitzbube! antwortete Ben-Zouf.

Das widerliche Mnnchen mute sich in seine Ecke verkriechen und lie sich so wenig als mglich sehen.

Noch zweiundeinhalb Monate trennten die Gallia-Bewohner von dem Tage, an dem sie der Erde zu begegnen hofften.

Seit dem 7. October war der Komet wieder in die Zone der teleskopischen Planeten eingetreten, aus der er frher die Nerina mit weggefhrt hatte.

Am 1. November wurde auch die Mitte der Zone, in welcher jene, wahrscheinlich von dem Zerspringen eines greren Planeten herrhrenden Asteroiden zwischen Mars und Jupiter kreisen, glcklich berschritten. Im Laufe dieses Monats sollte die Gallia in ihrer Bahn ein Bogenstck von 24 Millionen Meilen durchlaufen und sich der Sonne dabei bis auf 46.8 Millionen Meilen nhern.

Die Temperatur wurde jetzt ertrglicher und hob sich auf zehn bis zwlf Grad unter Null. Noch zeigte sich natrlich keine Spur von Thauwetter. Die Meeresflche ruhte noch immer unter der starren Eisdecke und die beiden Fahrzeuge schwebten auf ihrer krystallenen Unterlage ber dem verderblichen Abgrunde.

Jetzt erinnerte man sich auch gelegentlich der auf dem Eiland von Gibraltar eingesperrten Englnder. Niemand bezweifelte brigens, da sie die furchtbare Klte des Gallia-Winters gewi ohne Schaden berstanden htten.

Kapitn Servadac besprach diese Angelegenheit von einem Gesichtspunkte aus, der seinem edelmthigen Charakter alle Ehre machte. Er sagte, da es ihm, trotz des unfreundlichen Empfanges bei dem ersten Besuche der Dobryna, angezeigt erscheine, sich mit Jenen in Verbindung zu setzen und sie von alledem zu unterrichten, was ihnen wahrscheinlich unbekannt geblieben war. Die Rckkehr zur Erde, welche aller Voraussicht nach nur unter einem wiederholten Zusammensto erfolgen konnte, bot ja die ernstlichsten Gefahren. Man mute die Englnder aus rein menschlicher Rcksicht darber aufklren und sie womglich veranlassen, diesen Gefahren im Vereine mit allen Uebrigen entgegenzutreten.

Graf Timascheff und Lieutenant Prokop stimmten Kapitn Servadac's Anschauung unumwunden bei. Es betraf ja eine Frage der Menschenpflicht, welche sie niemals unempfindlich lie. Wie sollte man zu dieser Jahreszeit aber nach dem Eiland von Gibraltar gelangen?

Natrlich ber das Meer, und zwar unter Bentzung der festen Eisflche, die es jetzt noch darbot.

Das war brigens die einzige Art und Weise, von einer Insel zu andern zu kommen, denn nach Eintritt des Thauwetters mute jede Kommunication unmglich werden. In der That konnte man ja in Zukunft weder auf die Golette noch auf die Tartane rechnen. Die Verwendung der kleinen Dampfschaluppe fr hnliche Zwecke htte den Verbrauch einiger Tonnen Kohlen erfordert, welche man sorglich aufbewahrte, im Falle die Kolonisten gezwungen wren, nach der Insel Gourbi zurckzukehren.

Nun blieb noch der schon zum Segelschlitten umgewandelte You-You brig. Man erinnert sich, wie schnell und sicher mit ihm die Ueberfahrt von Formentera nach Warm-Land vor sich ging.

Dieser benthigte aber des Windes, um sich zu bewegen, und von Wind zeigte sich auf der Oberflche der Gallia keine Spur. Vielleicht entstanden nach eingetretenem Thauwetter, wenn die sommerliche Wrme erst wieder Dnste entwickelte, auch neue Strungen der jetzt so stillen Gallia-Atmosphre? Das war sogar zu befrchten. Vorlufig indessen herrschte vollkommene Ruhe, so da der You-You unmglich zur Fahrt nach Gibraltar Verwendung finden konnte.

Man sah sich demnach in die Nothwendigkeit versetzt, den langen Weg zu Fu oder vielmehr auf Schlittschuhen zurckzulegen. Er betrug gegen fnfundsechzig Meilen; - konnte man den Versuch unter den jetzigen Umstnden wagen?

Kapitn Servadac erbot sich zu dem Unternehmen. Zwlf bis achtzehn Meilen des Tages, also etwa fnf Viertelmeilen in der Stunde, zurckzulegen, das schreckte einen so gebten Schlittschuhlufer wohl nicht zurck. Binnen acht Tagen konnte er Gibraltar besucht und Warm-Land wieder erreicht haben. Einen Kompa, um die Richtung einzuhalten, eine kleine Menge kaltes Fleisch und eine Spiritus-Kaffeemaschine, mehr verlangte er nicht, und dieses etwas waghalsige Unternehmen war ja von Anfang an schon so recht eigentlich nach seinem Sinne.

Graf Timascheff und Lieutenant Prokop bestanden darauf, ihn zu begleiten oder ganz an seine Stelle zu treten. Kapitn Servadac lehnte dankend ab. Im Falle eines eintretenden Unglcks muten der Graf und der Lieutenant doch auf Warm-Land sein. Was wre ohne diese bei der Rckkunft nach der Erde aus ihren Gefhrten geworden?

Graf Timascheff mute nachgeben. Kapitn Servadac wollte durchaus nur einen Begleiter mitnehmen, seinen getreuen Ben-Zouf. Er fragte ihn also, ob ihm die Sache wohl passe.

Ob sie mir pat, alle Wetter, antwortete Ben-Zouf. Ob mir die Sache pat, Herr Kapitn! Eine so schne Gelegenheit, sich die Beine einmal wieder auszulaufen! Glauben Sie denn, ich htte Sie berhaupt allein abfahren lassen?

Die Abreise wurde fr den nchsten Tag, den 2. November, festgesetzt. Gewi trieb den Kapitn Servadac in erster Linie der Wunsch, den Englndern zu ntzen, und das Bedrfni, einer Pflicht der Menschlichkeit zu gengen. Vielleicht ruhte aber doch noch ein anderer Gedanke in seinem Gehirn verborgen. Noch hatte er einen solchen freilich Niemandem mitgetheilt und wollte ihn offenbar gerade vor Graf Timascheff verborgen halten.

Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls begriff Ben-Zouf, da die Sache noch ein Hkchen haben msse, als sein Kapitn am Abend vor dem Aufbruche zu ihm sagte:

Ben-Zouf, solltest Du im Hauptmagazine nicht irgend welche passende Stoffe finden, um eine dreifarbige Fahne herzustellen?

- Gewi, Herr Kapitn, versicherte Ben-Zouf.

- Nun gut, so sorge mir, ungesehen von den Anderen, fr eine solche Flagge, packe sie in Deine Reisetasche und nimm sie mit.

Ben-Zouf fragte nicht weiter und gehorchte.

Was hatte Kapitn Servadac aber eigentlich vor und warum sprach er sich darber nicht gegen seine Gefhrten aus?

Bevor wir hierauf nher eingehen, mssen wir einer gewissen psychologischen Erscheinung erwhnen, die, wenn sie auch nicht zur Kategorie der Himmelserscheinungen zhlte, doch nicht minder natrlich, nmlich in einer Art menschlicher Schwche begrndet war.

Seit der Wiederannherung der Gallia an die Erde entstand zwischen Graf Timascheff und Kapitn Servadac, wohl in Folge eines Widerstreites ihrer Empfindungen, eine sich mehr und mehr erweiternde Kluft, mglicher Weise ganz ohne ihr Wissen. Die Erinnerung ihrer, whrend eines zweiundzwanzig Monate langen Beisammenseins fast vollstndig vergessenen Nebenbuhlerschaft wachte erst in ihrem Kopfe, dann in ihrem Herzen wieder auf. Sollten diese zwei Gefhrten eines unerhrten Abenteuers nach der Rckkehr zur Erde nicht wieder die beiden Nebenbuhler von ehedem werden? Wenn man auch Gallia-Bewohner war, hat man ja darum nicht aufgehrt, Mensch zu sein. Frau v. L.... war vielleicht noch frei - o, es wre schon ein Verbrechen gewesen, daran nur zu zweifeln! ...

Kurz, aus all' diesen Grnden entwickelte sich zwischen Kapitn Servadac und Graf Timascheff, mit oder gegen deren Willen, eine zunehmende Klte. Ein feinerer Beobachter htte brigens bemerken mssen, da zwischen Beiden niemals eine herzliche Zuneigung, sondern nur jene Freundschaft herrschte, wie sie unter den gegebenen Umstnden eben nothwendiger Weise aufwuchs.

Nach dieser erklrenden Einleitung treten wir dem Projecte des Kapitn Servadac nher - einem Projecte, welches ganz geeignet schien, zwischen dem Grafen Timascheff und ihm nur neue Eiferschteleien zu erregen. Diese zu vermeiden, suchte er es eben, geheim zu halten.

Wir mssen gestehen, da der hier vorliegende Plan des phantastischen Kopfes, dem er seine Entstehung verdankte, ganz wrdig war.

Bekanntlich hielten die auf ihrem Felsen eingeschlossenen Englnder Gibraltar noch immer fr Albion besetzt. Dagegen wre ja in dem Falle nichts einzuwenden, da dieses britische Besitzthum sich wirklich unversehrt der Erde wieder einfgte. Mindestens wrde ihnen Niemand den Besitz streitig gemacht haben.

Gibraltar gegenber aber erhob sich das Eiland Ceuta. Vor dem Zusammenstoe gehrte dasselbe Spanien und beherrschte es die eine Seite der Meerenge. Da Ceuta jetzt herrenlos war, gehrte es Demjenigen, der zuerst seinen Fu darauf setzte. Sich also nach dem Felsen von Ceuta zu begeben, davon im Namen Frankreichs Besitz zu ergreifen und daselbst die franzsische Fahne aufzupflanzen, das war die geheime Absicht des Kapitn Servadac.

Wer wei denn, so sprach er zu sich selbst, ob Ceuta nicht wohlbehalten zur Erde gelangt und spter vielleicht ein wichtiges neues Mittelmeer beherrscht? Wohlan, die auf jenem Felsen aufgepflanzte franzsische Flagge wird dereinst Frankreichs Ansprche sichern!

Das waren die Grnde, weshalb Kapitn Servadac und seine Ordonnanz Ben-Zouf, ohne etwas davon zu sagen, auf Eroberung auszogen.

Man wird brigens zugeben, da Ben-Zouf ganz dazu geschaffen war, seinen Kapitn zu verstehen. Ein Stckchen Felsen fr Frankreich zu erwerben! Den Englndern ein Schnippchen zu schlagen! Das war Wasser auf seine Mhle.

Nach dem Aufbruche, als das Abschiednehmen am Fue des steilen Ufers zu Ende war, erhielt Ben-Zouf genauere Kenntni von den Absichten seines Kapitns.

Da stieg die Erinnerung an die lustigen Soldatenlieder wieder in ihm auf und er sang mit heller Stimme.

Und wenn die Sonne dem Meer entrckt
Die ersten schrgen Strahlen schickt -
Halloh! Ihr Jungen, d'rauf und d'ran,
Halloh! Die Zephyrs fliegen voran!

Kapitn Servadac und Ben-Zouf eilten, warm gekleidet, die Ordonnanz den Reisesack mit den nthigsten Bedrfnissen auf dem Rcken, Beide die Schlittschuhe an den Fen, hurtig ber die weie Ebene und verloren bald die Hhen von Warm-Land aus den Augen.

Die Fahrt ging ohne Unfall von statten. In gemessenen Zwischenrumen hielten sie Rast, um etwas zu ruhen und gemeinschaftlich ihr einfaches Mahl einzunehmen. Die Temperatur wurde selbst in der Nacht recht ertrglich, und drei Tage nach dem Aufbruche, am 5. November, kamen die beiden Helden einige Kilometer von der Insel Ceuta an.

Ben-Zouf brannte vor Begierde. Wre ein Sturm nthig gewesen, so htte er nur gewnscht, sich in Colonne, womglich als Carr formiren zu knnen, um die feindliche Reiterei zurckzuschlagen.

Es war jetzt Morgen. Vom Abfahrtspunkte bis hierher hatten sie die gerade Richtung mittels des Kompasses bestimmt und genau eingehalten. Von den Strahlen der Morgensonne bergossen, erschien der Felsen von Ceuta etwa fnf bis sechs Kilometer von ihnen entfernt am westlichen Horizonte.

Die beiden Abenteuerjger hatten Eile, ihren Fu auf diesen Felsen zu setzen.

Pltzlich hielt Ben-Zouf, der sich eines sehr scharfen Gesichtes erfreute, ungefhr drei Kilometer vor dem Ziele, im Laufe inne.

Herr Kapitn, sehen Sie doch!

- Was denn, Ben-Zouf?

- Dort bewegt sich etwas auf dem Felsen.

- Gehen wir darauf los! antwortete Kapitn Servadac.

Zwei Kilometer wurden binnen wenigen Minuten durchlaufen. Da hielten Kapitn Servadac und Ben-Zouf noch einmal an.

Herr Kapitn!

- Nun, Ben-Zouf?

- Da ist unbedingt Jemand auf Ceuta, der gegen uns Bewegungen mit den Armen macht. Er scheint die Arme auszustrecken, wie ein Mensch, der aus langem Schlafe erwacht.

- Mordio! rief Kapitn Servadac, sollten wir zu spt kommen?

Beide drangen weiter vor, bis Ben-Zouf ausrief:

Ah, Herr Kapitn, es ist nur ein Telegraph!

Es war in der That ein Telegraph, hnlich jenen Semaphoren der Seeksten (Zeichentelegraphen zur Kommunication mit Schiffen auf offener See), der auf dem Felsen von Ceuta functionirte.

Mordio! wiederholte Kapitn Servadac, wenn sich dort aber ein Telegraph befindet, so mu ihn wohl Einer errichtet hauen.

- Wenigstens, bemerkte Ben-Zouf, wenn auf der Gallia die Telegraphen nicht etwa wie Bume wachsen.

- Und wenn er gesticulirt, so mu ihn Jemand in Bewegung setzen.

- Wahrhaftig!

Sehr enttuscht wandte Hector Servadac den Blick gen Norden.

Da, an der Grenze des Horizontes erhob sich der Felsen von Gibraltar und auf dem Gipfel des Eilandes sah Ben-Zouf sowohl wie er selbst einen zweiten Telegraphen errichtet, der auf die Zeichensprache des ersteren zu antworten schien.

Sie haben Ceuta schon besetzt, sagte Kapitn Servadac mrrisch, und unser Erscheinen wird nach Gibraltar hinber gemeldet.

- Nun und dann, Herr Kapitn? ...

- Dann, Ben-Zouf, erwiderte dieser, mssen wir unser Project der Eroberung aufgeben und zum bsen Spiele gute Miene machen.

- Aber, Herr Kapitn, es knnen hchstens fnf bis sechs Englnder zur Verteidigung Ceutas bei der Hand sein ...

- Nein, nein, Ben-Zouf, erklrte Kapitn Servadac bestimmt, sie sind uns zuvorgekommen, und wenn meine Argumente sie nicht bestimmen, den Platz zu rumen, so ist eben nichts zu machen.

Hector Servadac und Ben-Zouf langten jetzt, nicht in bester Stimmung, bei dem Felsen von Ceuta an. Pltzlich erschien eine Wache, als habe den Mann eine Feder emporgeschnellt.

Wer da?

- Gut Freund! Frankreich!

- England!

So lauteten die zuerst gewechselten Worte, als vier Soldaten auf dem oberen Theile des Eilandes sichtbar wurden.

Was wnschen Sie? fragte Einer von den Leuten, welche zur Garnison von Gibraltar gehrt hatten.

- Ich mchte Ihren Vorgesetzten sprechen, antwortete Kapitn Servadac.

- Den Kommandanten von Ceuta?

- Den Kommandanten von Ceuta, wenn Ceuta schon einen Befehlshaber hat.

- Ich werde es ihm melden! antwortete der englische Soldat.

Kurze Zeit darauf trat der Kommandant von Ceuta in voller Uniform auf die uersten Felsen des Eilandes vor.

Es war kein Anderer als Major Oliphant.

Nun klrte sich Alles vollkommen auf. Kapitn Servadac's Gedanken, Ceuta zu besetzen, hatten die Englnder nicht nur ebenfalls gehabt, sondern ihn auch frher zur Ausfhrung gebracht. Nach Besitzergreifung des Felsens hhlten sie in demselben einen wohlkasematirten Wachtposten aus. Lebensmittel und Heizmaterial wurden auf dem Boote des Kommandanten von Gibraltar schon bergefhrt, bevor das Meer zufror.

Eine dichte, aus der Felsmasse selbst aufsteigende Rauchsule bewies, da hier whrend des Gallia-Winters tchtig gefeuert worden sein und die Garnison trotz seiner Strenge nicht Noth gelitten haben mochte. Die britischen Soldaten zeigten in der That ein sehr befriedigendes Embonpoint und selbst Major Oliphant war, so unbequem ihm das auch sein mute, etwas behbiger geworden.

Die Englnder von Ceuta lebten dabei gar nicht so sehr vereinsamt, da sie nur zweiundeinhalb Meilen von Gibraltar trennten, so da sie entweder durch Ueberschreitung der alten Meerenge oder durch ihren Telegraphen stets in Verbindung mit ihren Genossen blieben.

Wir bemerken hierbei gleichzeitig, da Brigadier Murphy und Major Oliphant nicht einmal ihre Schachpartie unterbrochen hatten und sich ihre wohl berlegten Zge telegraphisch bermittelten.

Sie ahmten damit jenen zwei amerikanischen Gesellschaften nach, welche im Jahre 1846 trotz Sturm und Regen telegraphisch eine berhmte Schachpartie zwischen Washington und Baltimore auskmpften.

Wir brauchen es wohl nicht ausdrcklich zu sagen, da es sich zwischen Brigadier Murphy und Major Oliphant noch immer um jene Partie handelte, welche sie schon vor dem Besuche Kapitn Servadac's auf Gibraltar begonnen hatten.

Inzwischen erwartete der Major sehr ruhig, was die beiden Fremdlinge von ihm begehrten.

Der Herr Major Oliphant, glaub' ich? begann Kapitn Servadac salutirend.

- Major Oliphant, Gouverneur auf Ceuta, erwiderte der Officier und setzte sogleich hinzu: Mit wem hab' ich die Ehre zu sprechen?

- Mit Kapitn Servadac, General-Gouverneur von Warm-Land.

- Ah, sehr schn, antwortete der Major.

- Erlauben Sie mir, mein Herr, fuhr Hector Servadac fort, Ihnen meine Verwunderung auszudrcken, Sie hier, auf dem Ueberbleibsel einer frheren Besitzung Spaniens, als Kommandanten eingesetzt zu sehen?

- Das ist Ihnen unbenommen, Herr Kapitn.

- Darf ich auch fragen durch welches Recht?...

- Durch das Recht der ersten Besitznahme.

- Das ist ja recht schn, Major Oliphant. Glauben Sie aber nicht, da jene Spanier, welche sich jetzt auf Warm-Land aufgehalten haben, mit einigem Rechte reclamiren knnten?...

- Das glaube ich nicht, Kapitn Servadac.

- Und weshalb, wenn ich bitten darf?

- Weil das dieselben Spanier sind, welche den Felsen von Ceuta in aller Form an England abgetreten haben.

- Contractlich, Major Oliphant?

- In bester, unumstlicher Form.

- Wirklich?

- Noch mehr, sie haben den Preis dieser Abtretung in baarem englischen Gelde ausgezahlt erhalten.

- Aha, rief Ben-Zouf, da wissen wir's ja, warum Negrete und seine Leute so viel Gold in der Tasche hatten!

Die Sache war in der That so vor sich gegangen, wie Major Oliphant sagte. Der Leser erinnert sich, da die beiden Officiere von Gibraltar einen heimlichen Besuch in Ceuta abgestattet hatten, als die Spanier noch daselbst weilten, wobei sie jene leicht zu erreichende Cession des Eilandes an England erwirkten.

Das Argument, auf welches Kapitn Servadac sich ein wenig zu sttzen gedachte, zerfiel also in sich selbst, was eine ungeheure Enttuschung des Eroberers und seines Generalstabs-Chefs zur Folge hatte. Er htete sich auch sehr wohl, auf seinem Vorhaben zu beharren oder es berhaupt nur durchblicken zu lassen.

Darf ich erfahren, begann Major Oliphant wieder, was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft?

- Ich kam, Herr Major, antwortete Hector Servadac, um Ihnen und Ihren Leuten einen Dienst zu erweisen.

- So! versetzte der Major mit dem Tone eines Mannes, der von Niemand eine Geflligkeit nthig zu haben glaubt.

- Vielleicht sind Sie, Major Oliphant, nicht vllig von dem unterrichtet, was vorgegangen ist, und wissen z. B. nicht, da die Felsen von Ceuta und Gibraltar jetzt auf einem Kometen durch die Sonnenwelt irren?

- Auf einem Kometen? wiederholte der Major unglubig lchelnd.

Kapitn Servadac theilte ihm nun mit kurzen Worten die Folgen des Zusammenstoes der Erde und der Gallia mit, was der englische Officier mit gewohnter Ruhe anhrte. Er fgte dann hinzu, da alle Aussicht vorhanden sei, bald nach der Erdkugel zurckzukehren und es sich vielleicht empfehlen mchte, da alle Insassen der Gallia ihre Krfte vereinigten, um die Gefahren der bevorstehenden Collision mglichst abzumindern.

Ich stelle deshalb die Frage an Sie, Major Oliphant, ob Ihre kleine Garnison, sowie die von Gibraltar nicht etwa nach Warm-Land auswandern sollte?

- Ich bin Ihnen sehr verbunden, Kapitn Servadac, erwiderte frostig Major Oliphant, doch unseren Posten drfen wir auf keinen Fall verlassen.

- Und warum nicht?

- Wir haben dazu von der Regierung keinerlei Befehl und warten noch tagtglich auf die Ankunft eines Postschiffes, um den Rapport an Admiral Fairfax mitzusenden.

- Ich wiederhole Ihnen aber, da wir uns berhaupt nicht mehr auf der Erde befinden und da der Komet erst binnen zwei Monaten wieder mit jener zusammenstoen wird!

- Das nimmt mich nicht Wunder, Kapitn Servadac, denn Englands Anziehungskraft allein drfte dazu ausreichen!

Offenbar glaubte der Major keine Silbe von dem, was ihm der Kapitn erzhlte.

Ganz nach Ihrem Belieben! fuhr Letzterer fort. Sie wollen also diese beiden Posten in Ceuta und Gibraltar unter allen Umstnden nicht aufgeben?

- Ganz gewi nicht, Kapitn Servadac, denn sie beherrschen den Eingang zum Mittelmeer.

- O, von einem Mittelmeer ist gar nicht weiter die Rede.

- Ein Mittelmeer wird es stets geben, so lange das England fr gut hlt! - Doch verzeihen Sie, Herr Kapitn, eben bermittelt mir Brigadier Murphy telegraphisch einen sehr bedenklichen Zug - Sie erlauben ....

Kapitn Servadac, der seinen Schnurrbart drehte, als ob er ihn ausreien wollte, erwiderte vorschriftsmig den Gru, mit dem sich Major Oliphant verabschiedete. Die englischen Soldaten zogen sich in ihre Kasematten zurck und die beiden Eroberer standen allein am Fue des Felsens.

Vorwrts also, Ben-Zouf.

- Oder vielmehr rckwrts, Herr Kapitn! antwortete Ben-Zouf, dem es gar nicht mehr einfiel, das Lied von den Zephyrs aus Afrika anzustimmen.

Sie kehrten also zurck, wie sie gekommen waren, ohne Gelegenheit gefunden zu haben, die franzsische Flagge aufzupflanzen.

Kein Unfall hielt sie auf und am 9. November schon setzten sie den Fu wieder bei Warm-Land an das Ufer.

Sie kamen gerade zu rechter Zeit, um noch Zeugen eines sehenswerthen Zornesausbruches Palmyrin Rosette's zu werden. Und wahrlich, der geplagte Gelehrte hatte alle Ursache dazu.

Man erinnert sich, wie fleiig der Professor seine Nerina beobachtet und ihre Elemente berechnet hatte. Eben glaubte er seine Arbeiten abschlieen zu knnen.

Nerina aber, welche am Abend vorher wieder htte aufgehen sollen, erschien nicht am Horizonte der Gallia. Bei Durchschneidung des Kreises der teleskopischen Planeten war sie von einem mchtigeren Asteroiden ohne Zweifel wieder - weggefangen worden!

Siebenzehntes Capitel.

Welches die wichtige Frage der Rckkehr nach der Erde und sehr khne Projekte des Lieutenants Prokop behandelt.

Nach seiner Ankunft theilte Kapitn Servadac dem Grafen Timascheff den Erfolg seines Besuches bei den Englndern mit. Er verschwieg dabei nicht, da Ceuta von den Spaniern, welche dazu gar keine Berechtigung hatten, verkauft worden sei, sprach aber wohlweislich nicht von seinen frheren eigenen Absichten.

Da die Englnder es abschlugen, nach Warm-Land berzusiedeln, beschlo man, auf sie keine weiteren Rcksichten zu nehmen. Sie waren ja gewarnt. Jetzt mochten sie sehen, wie sie sich allein halfen.

Nun schien es doch an der Zeit, sich ber die ernste Frage des neuen Zusammentreffens zwischen Erde und Kometen klar zu werden.

Zunchst mute man es als ein wahrhaftes Wunder betrachten, da Kapitn Servadac, seine Gefhrten, die Thiere, kurz Alle, welche damals von der Erde entfhrt wurden, den ersten Sto berlebt hatten. Wahrscheinlich rhrte das davon her, da die Bewegung des Kometen sich aus irgend welcher unbekannten Ursache damals verlangsamt hatte. Ob auf der Erde Opfer dieses Ereignisses zu beklagen waren, wrde man ja spter erfahren. Jedenfalls hatte keiner von Allen, welche der Komet auf der Insel Gourbi, in Gibraltar. Ceuta, Madalena und Formentera mit sich fortri, persnlich davon besonders gelitten.

Durfte man bei Gelegenheit der Rckkehr aus einen hnlichen gnstigen Ausgang hoffen? Wahrscheinlich nicht.

Am Morgen des 10. November kam diese hochwichtige Frage zur Verhandlung. Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Lieutenant Prokop fanden sich in der Hhle zusammen, welche ihnen als allgemeine Wohnung diente. Ben-Zouf nahm natrlich an der Sitzung Theil. Palmyrin Rosette, den man formell eingeladen, hatte es abgeschlagen, da ihn diese Frage nicht im Geringsten interessire. Seit dem Verschwinden seiner geliebten Nerina konnte er sich nicht mehr trsten. Jetzt, wo ihm der Verlust seines Kometen ebenso drohte, wie der seines Satelliten, wnschte er einzig und allein in Ruhe gelassen zu werden. Man that nach seinem Wunsche.

Kapitn Servadac und Graf Timascheff, deren gegenseitige Klte immer mehr zunahm, unterdrckten doch ihre eigenen Empfindungen vollstndig und behandelten diese Frage im Interesse Aller.

Kapitn Servadac ergriff zuerst das Wort

Meine Herren, begann er, wir schreiben heute den 10. November. Sind die Berechnungen meines alten Lehrers richtig - und das mssen sie wohl sein - so wird ein wiederholtes Zusammentreffen zwischen der Erde und unserem Kometen nach genau einundfnfzig Tagen stattfinden. Haben wir nun angesichts dieses Ereignisses irgend welche Vorsichtsmaregeln zu ergreifen?

- Unzweifelhaft, Kapitn, antwortete Graf Timascheff, doch sind wir es auch im Stande und nicht vielmehr ganz der Gnade der Vorsehung anheimgegeben?

- Sie verbietet nicht, sich zu helfen, Herr Graf, entgegnete Kapitn Servadac, im Gegentheil.

- Haben Sie denn eine Idee, was hier zu beginnen sei, Kapitn?

- Leider nein.

- Wie, meine Herren, fiel da Ben-Zouf ein, solche gelehrte Mnner, wie Sie, mit allem Respect, den ich vor Ihnen habe, sollten nicht einmal im Stande sein, diesen verteufelten Kometen zu lenken, wohin und wie Sie wollten?

- Erstens sind wir keine Gelehrten, Ben-Zouf, erwiderte Kapitn Servadac, und wren wir es, so vermchten wir das doch nicht. Sieh' doch, ob Palmyrin Rosette, der doch ein Gelehrter ist ....

- Und eine sehr lose Zunge hat, schob Ben-Zouf ein.

- Das mag ja sein, aber sieh', ob er die Rckkehr der Gallia nach der Erde etwa verhindern kann.

- Wozu ntzt dann aber die ganze Wissenschaft?

- Nun, meist um zu wissen, da man noch lange nicht Alles wei! belehrte ihn Graf Timascheff.

- Es steht fest, meine Herren, lie sich Lieutenant Prokop vernehmen, da uns bei dem zu erwartenden Stoe neue Gefahren bedrohen. Mit Ihrer Erlaubni will ich sie aufzhlen; wir werden dann am Besten sehen, ob es eine Mglichkeit giebt, sie zu bekmpfen oder doch ihre Wirkungen zu vermindern.

- Wir hren, Prokop! antwortete Graf Timascheff.

Alle sprachen ber das Alles mit einer Ruhe, da man htte glauben mgen, es ging ihnen selbst nicht das Geringste an.

Meine Herren, begann Lieutenant Prokop, wir mssen uns zunchst fragen, in welcher Weise der neue Zusammensto zwischen Erde und Komet erfolgen wird. Dann werden wir sofort erkennen, was in dem einen oder anderen Falle zu frchten oder zu hoffen ist.

- Das scheint mir ganz logisch, erwiderte Kapitn Servadac; vergessen wir aber nicht, da die beiden Gestirne sich das eine auf das andere zu bewegen und da ihre Geschwindigkeit im Augenblick des Zusammentreffens vierundfnfzigtausend Meilen in der Stunde betrgt.

- Zwei nette Eisenbahnzge! bemerkte Ben-Zouf.

- Suchen wir also zu ergrnden, wie der Sto erfolgen wird, fuhr Lieutenant Prokop fort. Die beiden Weltkrper werden sich entweder in schiefer oder in normaler Richtung begegnen. Im ersten Falle knnte es vorkommen, da die Gallia die Erde nur streifte, ebenso wie das erste Mal, ihr wiederum einige Stcke entrisse und im Weltraum ihre Bahn weiter fortsetzte. Dadurch wrde die Lage ihrer Bahn zweifelsohne eine Vernderung erleiden, und wir drften wenig Hoffnung haben, jemals unseres Gleichen wieder zu sehen.

- Das wre zwar Wasser auf Herrn Rosette's Mhle, aber nicht auf die unsere, bemerkte Ben-Zouf sehr richtig.

- Lassen wir diese Hypothese also auer Frage, sagte Graf Timascheff; die Vorzge und Nachtheile dieses Falles sind uns ja hinreichend bekannt. Beschftigen wir uns gleich mit dem eigentlichen Stoe, d. h. mit dem Falle, da die Gallia nach dem Zusammentreffen an die Erde gefesselt bliebe.

- Wie eine Warze auf einem Gesichte, sagte Ben-Zouf.

- Ruhe, Ben-Zouf, befahl Hector Servadac.

- Zu Befehl, Herr Kapitn.

- Gut, betrachten wir also, nahm Lieutenant Prokop wieder das Wort, die mglichen Folgen eines directen Stoes. Vor Allem ist zu bedenken, da die Masse der Erde die der Gallia so wesentlich bertrifft, da ihre Geschwindigkeit durch das Zusammentreffen nicht vermindert werden und sie den Kometen einfach mit sich fortfhren wird.

- Zugegeben, antwortete Kapitn Servadac.

- Nun, meine Herren, bei einem directen Stoe wird die Gallia auf die Erde entweder mit demjenigen Theile ihrer Oberflche treffen, den wir hier am Aequator bewohnen, oder mit der entgegengesetzten Seite, wo unsere Antipoden weilen knnen, oder endlich mit dem einen oder dem anderen ihrer Pole. In jedem dieser Flle ist aber berhaupt gar keine Aussicht vorhanden, da nur eines der lebenden Wesen, welche sie trgt, dabei mit dem Leben davon kme.

- Erklren Sie sich nher, Lieutenant, sagte Kapitn Servadac.

- Befinden wir uns zur Zeit des Zusammenstoes an der davon betroffenen Stelle selbst, so werden wir nothwendiger Weise zermalmt.

- Das versteht sich von selbst, meinte Ben-Zouf.

- Bilden wir dagegen die Antipoden dieses Punktes, so droht uns, auer der ebenso unmglichen Zermalmung, da die Geschwindigkeit, mit der wir dahinfliegen, pltzlich gehemmt wird - was der Wirkung eines Stoes vollkommen gleichkommt - noch die Gewiheit, zu ersticken. Die Gallia-Atmosphre mu sich nmlich mit der Erd-Atmosphre zu vermischen suchen und auf dem Gipfel dieses sechzig Meilen hohen Berges, den die Gallia dann ber der Erdoberflche darstellen wird, drfte sich keine athembare Luft mehr vorfinden.

- Und wenn die Gallia die Erde mit einem ihrer Pole trifft? fragte Graf Timascheff.

- In diesem Falle, antwortete Lieutenant Prokop, wrden wir rettungslos weggeschleudert und durch den furchtbaren Sturz zerschmettert werden.

- Sehr schn, murmelte Ben-Zouf.

- Ich erwhne hierzu aber noch, da wir, selbst in dem unmglichen Falle des nicht Eintretens einer dieser Hypothesen, unausweichlich verbrannt werden.

- Verbrannt? wiederholte Hector Servadac erstaunt.

- Ja wohl; denn da die durch ein Hinderni aufgehobene Geschwindigkeit der Gallia sich in Wrme umwandeln mu, so wird der Komet unter einer Temperatur von mehreren tausend Graden durch und durch erglhen und sich entznden mssen!


Lieutenant Prokop hatte mit seinen Worten vollstndig recht. Seine Zuhrer sahen ihn an und hrten, ohne besonderes Erstaunen, seine Darlegung der verschiedenen mglichen Flle an.

Doch, Herr Prokop, sagte Ben-Zouf, erlauben Sie mir eine Frage. Wenn die Gallia nun in das Meer fiele? ...

- Wie tief der Atlantische und Stille Ocean auch sein mgen, antwortete Lieutenant Prokop - und ihre Tiefe bersteigt nirgends einundeinhalb Meile - so wird dieses Wasserkissen doch noch lange nicht hinreichend sein, den Sto auszugleichen. Alle die Folgen, welche ich eben aufzhlte, wrden trotzdem eintreten ....

- Und ersuft wrden wir noch dazu! ... vervollstndigte Ben-Zouf.

- Also, meine Herren, nahm Kapitn Servadac das Wort, zerschmettert, zermalmt, erstickt oder gebraten zu werden, das wre so etwa das Schicksal, welches uns bevorsteht, wie der Zusammensto auch ausfallen mge.

- Ja wohl, Herr Kapitn, besttigte Lieutenant Prokop ohne Zgern.

- Na, wenn es so steht, warf Ben-Zouf ein, so sehe ich nur einen einzigen Ausweg.

- Und welchen denn? fragte Hector Servadac.

- Nun den, die Gallia vor dem Zusammensto zu verlassen.

- Durch welches Mittel?

- O, das Mittel wird wohl ein sehr einfaches sein, antwortete Ben-Zouf ganz seelenruhig, aber ich kenne keines.

- Vielleicht aber ich! sagte da Lieutenant Prokop.

Aller Augen richteten sich auf den Lieutenant, der den Kopf in die Hnde gesttzt, irgend ein khnes Projekt zu erwgen schien.

Vielleicht, wiederholte er, und so berspannt Ihnen mein Plan auch erscheinen mge, ich glaube doch, da er des Versuches werth ist.

- Erklre Dich! sagte Graf Timascheff.

Noch einige Augenblicke blieb der Lieutenant in Nachdenken versunken, dann begann er:

Ben-Zouf hat den einzigen Weg angegeben, den wir einzuschlagen haben: die Gallia vor dem Stoe zu verlassen.

- Sollte das mglich sein? fragte Graf Timascheff.

- Ja ... vielleicht ... ja!

- Und wie?

- Mittels eines Ballons!

- Im Ballon! rief Kapitn Servadac, o, gehen Sie mir mit diesem so abgenutzten Mittel! Selbst in Romanen wagt man es nicht mehr, sich eines solchen zu bedienen.

- Hren Sie mich geflligst an, meine Herren, fuhr Lieutenant Prokop mit leichtem Runzeln der Augenbrauen fort. Unter der Bedingung, da wir den Augenblick des Zusammentreffens mit Sicherheit kennen, knnen wir uns auch eine Stunde vorher in die Atmosphre der Gallia erheben. Diese Atmosphre fhrt uns nothwendig mit der ihr eigenen Schnelligkeit fort. Vor dem Zusammenstoe drfte sie sich aber doch mit der der Erde vereinigen, und so erscheint es mglich, da der Ballon gleitend von der einen in die andere bergeht, dadurch dem directen Stoe ausweicht und sich whrend desselben in der Luft erhlt.

- Richtig, Prokop, uerte Graf Timascheff, wir verstehen Dich und werden ausfhren, was Du da sagst.

- Die Partie steht deshalb, fuhr Lieutenant Prokop fort, immer noch wie eins zu neunundneunzig.

- Zu neunundneunzig!

- Mindestens, denn jedenfalls wird der Ballon im Momente der Unterbrechung seiner Fortbewegung, auch in Brand gerathen.

- Der auch? rief Ben-Zouf.

- Ebenso wie der Komet, erwiderte Lieutenant Prokop .... Mindestens wenn diese Vereinigung der beiden Atmosphren ... ja ... ich wei nicht ... es wre mir schwer, das zu sagen, mit einem Wort, es scheint mir besser, die Gallia vor dem Zusammenstoe verlassen zu haben.

- Ja, ja, fiel Kapitn Servadac ein, und wenn die Partie wie eins zu hunderttausend stnde, wir wrden den Versuch wagen!

- Wir haben aber keinen Wasserstoff, um den Ballon zu fllen ... warf Graf Timascheff ein.

- O, dazu, sagte Lieutenant Prokop, wird schon warme Luft ausreichen, da wir uns nicht lnger als eine Stunde schwebend zu erhalten brauchen.

- Schn, meinte Kapitn Servadac ... eine Montgolfire ... das ist einfacher und eine solche ist leichter herzustellen ... doch, die Hlle? ...

- Die schneiden wir aus den Segeln der Dobryna, welche aus leichter und sehr fester Leinwand bestehen ....

- Richtig, Prokop, fiel Graf Timascheff ein. Du weit doch auf Alles eine Antwort.

- Hurrah! Bravo! rief Ben-Zouf zum Schlusse.

In der That, es war wohl ein khner Plan, den Lieutenant Prokop entwickelte, da aber der Untergang der Kolonisten in jedem anderen Falle sicher schien, so durfte man vor diesem Abenteuer nicht zurckschrecken, sondern bald an dessen Vorbereitung denken. Hierzu mute freilich nicht nur die Stunde, sondern auch die Minute, womglich die Secunde des Zusammenstoes vorher genau bekannt sein.

Kapitn Servadac bernahm es, Palmyrin Rosette, unter Beobachtung aller Vorsichtsmaregeln, darnach zu fragen.

Unter der Leitung des Lieutenants begann man schon jetzt also die Herstellung der Montgolfire. Diese mute ziemlich groe Dimensionen erhalten, um alle Bewohner von Warm-Land aufnehmen zu knnen - dreiundzwanzig Personen, da man keine Ursache hatte, nach ihrer Weigerung auf die Englnder von Ceuta und Gibraltar weiter Rcksicht zu nehmen.

Lieutenant Prokop gedachte die Aussicht auf den erwnschten Erfolg der bevorstehenden Luftfahrt noch dadurch zu erhhen, da er sich die Mglichkeit sicherte, nach dem Stoe im Nothfalle noch eine Zeit lang in der Luft schweben zu knnen, da es darauf ankommen konnte, einen passenden Platz zum Niedergehen erst auszuwhlen. Er beschlo demnach, eine gewisse Menge Brennmaterial, trockenes Laub und Stroh, mitzunehmen, um die Luft im Innern der Montgolfire lnger warm halten zu knnen. So verfuhren frher die ersten Aronauten.

Die Segel der Dobryna waren im Nina-Bau untergebracht worden. Sie bestanden aus einem sehr dichten Gewebe, das man mittelst eines Firnisses bequem noch undurchdringlicher machen konnte. Alles hierzu Nthige fand sich unter der Ladung der Tartane und stand dem Lieutenant also zur Verfgung. Dieser zeichnete nun den Ri der zu schneidenden Streifen genau auf. Alle Hnde waren bald beschftigt, dieselben zusammenzunhen - alle, selbst die der kleinen Nina. Die russischen Matrosen erwiesen sich bei dieser Arbeit besonders gebt, und lehrten auch den Spaniern, wie sie sich anstellen sollten, so da das ganze Atelier bald in vollstndiger Thtigkeit war.

Ein Monat ging bei diesen Arbeiten hin. Kapitn Servadac hatte noch immer keine Gelegenheit gefunden, an seinen frheren Lehrer jene Fragen wegen der genauen Zeit des erwarteten neuen Zusammenstoes zu richten. Palmyrin Rosette war total unzugnglich. Es vergingen ganze Tage, ohne da man ihn zu sehen bekam. Da die Temperatur jetzt am Tage ertrglicher war, verschlo er sich in sein Observatorium, von dem er frmlich Besitz genommen, und wo er Jedermann den Zutritt verwehrte. Als Hector Servadac nur einmal einen Versuch wagte, kam er sehr bel an. Mehr als je verzweifelt, nach der Erde zurckkehren zu sollen, hatte er nicht die geringste Lust, sich mit den dabei zu erwartenden Gefahren zu beschftigen, noch etwas fr das allgemeine Beste zu thun.

Und doch erschien es vor Allem wichtig, genau den Augenblick zu kennen, in dem die beiden Himmelskrper mit einer Geschwindigkeit von vierzehnundeinviertel Meilen in der Secunde auf einander treffen wrden.

Kapitn Servadac mute sich eben in Geduld fassen und er that es.

Inzwischen nherte sich die Gallia der Sonne mehr und mehr. Die Erdscheibe wuchs sichtlich vor den Augen der Gallia-Bewohner. Whrend des Monats November hatte der Komet eine Strecke von 35.+sub+4+/sub+ Millionen Meilen zurckgelegt und befand sich am 1. December noch 46.+sub+8+/sub+ Millionen Meilen weit von der Sonne.

Die Temperatur stieg betrchtlich und fhrte mit dem Thauwetter den Eisbruch herbei. O, es bot ein herrliches Schauspiel, als das Eis des Meeres sich auflste und in Bewegung kam. Man hrte den furchtbaren Eisschrei, wie die Wallfischfahrer sagen.

Ueber die Abhnge des Vulkanes und des Strandes schlngelten sich launenhaft die ersten Wasserfden, die sich nach wenigen Tagen zu Wildbchen und Wasserfllen ausbildeten. Allberall schmolz nun der Schnee der Hhen.

Gleichzeitig stiegen auch wieder leichte Dnste am Horizonte auf. Nach und nach ballten sie sich zu Wolken zusammen, die der Wind, der whrend des langen Gallia-Winters vollstndig geruht hatte, lustig vor sich herfegte. Wohl mute man sich jetzt auf nahe bevorstehende Strungen der Atmosphre gefat machen, doch es war ja das Leben, das mit dem Lichte und der Wrme auf der Oberflche des Kometen wieder erwachte.

Jetzt traten auch zwei lngst vorhergesehene Ereignisse ein und fhrten die Zerstrung der Gallia-Marine herbei.

Zur Zeit des Eisbruches schwebten die Golette und die Tartane noch immer hundertfnfzig Fu ber der Oberflche des Meeres. Mit dem Thauwetter lockerte sich ihr enormer kristallener Grundpfeiler und neigte sich zur Seite. Es begann ihm seine von dem wrmeren Wasser benagte Basis zu fehlen, wie man das an den Eisbergen der arktischen Meere ja so hufig beobachtet. An eine Rettung der Fahrzeuge war nicht zu denken gewesen; jetzt sollte die Montgolfiere ihre Stelle so gut es ging, ersetzen.

In der Nacht vom 12. zum 13. December kam es zum Eisbruche. Der gewaltige Pfeiler verlor das Gleichgewicht und strzte in einem Stcke um. Um die Hansa und die Dobryna, welche an den Felsen des Ufers in tausend Trmmer zerschellten, war es nun geschehen.

Dieses Unglck, welches Alle voraussahen und nicht abwenden konnten, erfllte die Kolonisten doch mit recht schmerzlichen Empfindungen. Sie hatten das Gefhl, als sei ihnen ein liebgewordenes Stck der alten Erde entrissen worden.

Isaak Hakhabut's Jeremiaden angesichts dieser urpltzlichen Zerstrung der Tartane, seine Verwnschungen der schlechten Menschen wiederzugeben, ist fast unmglich. Er beschuldigte vorzglich den Kapitn Servadac und dessen Leute.

Htte man ihn nicht genthigt, die Hansa nach dieser Bucht von Warm-Land berzufhren und ihn im Hafen der Insel Gourbi zurckgelassen, so wre das Alles nicht vorgekommen. Man hatte gegen seinen ausgesprochenen Willen gehandelt und war nun dafr verantwortlich. Nach der Rckkehr zur Erde werde er schon Diejenigen, welche ihm einen so ungeheuren Schaden zugefgt, zu belangen wissen.

Mordio! fuhr Kapitn Servadac auf, werdet Ihr nun schweigen, Meister Isaak, oder ich lasse Euch in Ketten legen!

Isaak Hakhabut schwieg und verkroch sich in seinem Winkel.

Am 14. December wurde die Montgolfire fertig. Sorgfltig genht und gefirnit, versprach sie eine auergewhnliche Haltbarkeit. Das Netz hatte man aus den leichten Seisingen (die Hanffden, mit denen die Segel an ihren Raaen aufgebunden werden) der Dobryna geknpft? Der Nachen aus Weidengeflecht, von frheren dnnen Scheidewnden im Rume der Hansa herrhrend, reichte zur Aufnahme von dreiundzwanzig Personen hin. Es handelte sich ja aller Voraussicht nach nur um eine kurze Auffahrt - um die nthige Zeit, aus der Atmosphre der Gallia in die der Erde hinberzugleiten - bei der man auf besondere Bequemlichkeit wohl verzichten konnte.

Immer harrte freilich die Frage nach der Stunde, Minute und Secunde ihrer Lsung, ber welche sich der griesgrmige, starrkpfige Palmyrin Rosette noch nicht ausgesprochen hatte.

Whrend dieser Zeit durchschnitt die Gallia auch von Neuem die Bahn des Mars, der sich in einer Entfernung von 33.6 Millionen Meilen befand. Von ihm war also nichts zu frchten.

An eben diesem Tage, dem 15. December, glaubten die Gallia-Bewohner aber doch ihr letztes Stndlein gekommen. Es ereignete sich nmlich eine Art Erdbeben. Der Vulkan wankte, als wrde er von unterirdischen Krmpfen geschttelt. Kapitn Servadac und seine Genossen frchteten ein vlliges Zerbersten des Kometen und flchteten eiligst aus dem erzitternden Berge.

Da hrte man oben aus dem Observatorium einen gellenden Aufschrei und sah den unglcklichen Professor mit noch einem Ueberbleibsel seines zerbrochenen Fernrohres auf dem Felsen erscheinen.

Keiner dachte aber daran, ihn teilnehmend zu beklagen. Trotz der dunklen Nacht sah man einen anderen Satelliten um die Gallia kreisen.

Es war ein Stck des Kometen selbst..

Unter der Wirkung einer inneren Spannung hatte er sich verdoppelt, wie es frher schon einmal dem Biela'schen Kometen ergangen ist. Ein gewaltiges Bruchstck war von ihm losgerissen, in den Weltraum hinausgeschleudert worden und entfhrte gleichzeitig die Englnder in Ceuta, wie ihre Nachbarn in Gibraltar.

Achtzehntes Capitel.

In welchen man sehen kann, wie die Gallia-Bewohner sich vorbereiten, ihren ganzen Asteroiden aus der Vogelschau zu betrachten.

Welcher Art konnten wohl die Folgen dieses wichtigen Ereignisses fr die Gallia sein? Kapitn Servadac und seine Gefhrten wagten gar nicht sich diese Frage zu beantworten.

Die Sonne erschien ber dem Horizonte, und zwar um so zeitiger, da die stattgefundene Verdoppelung nachstehendes Resultat ergeben hatte: Wenn die Richtung der Umdrehung der Gallia sich auch nicht vernderte, der Komet sich also wie frher von Osten nach Westen um seine Achse bewegte, so war doch die Dauer dieser Rotation noch einmal um die Hlfte vermindert worden. Die Zeit zwischen zwei Sonnenaufgngen betrug jetzt nur noch sechs Stunden, statt frher deren zwlf. Drei Stunden nach Aufgang an dem einen Horizonte verschwand das Strahlengestirn schon an dem entgegengesetzten. Mordio, rief Kapitn Servadac, nun haben wir gar ein Jahr von eintausendneunhundertzwanzig Tagen.

- Fr diesen Kalender wird's bald nicht mehr Heilige genug geben! bemerkte Ben-Zouf.

In der That, htte Palmyrin Rosette seinen Kalender auch dieser neuen Dauer der Gallia-Tage anpassen wollen, so wre er dahin gelangt, etwa vom 238. Juni oder vom 325. December sprechen zu knnen.

Von dem Bruchstcke der Gallia, welches die Englnder sammt Gibraltar entfhrte, sah man deutlich, da es nicht rund um den Kometen gravitirte, sondern sich im Gegentheil von demselben entfernte. Hatte es auch einen Theil des Meeres und der Atmosphre der Gallia mit sich fortgerissen? Bot es berhaupt die fr seine Bewohnbarkeit nothwendigen Bedingungen? Und sollte es, wenn letzteres der Fall war, wohl jemals zur Erde zurckkehren?

Das sollte man spter erfahren.

Welche Folgen uerte aber die Verdoppelung bezglich der Fortbewegung der Gallia? Diese Fragen hatten sich Graf Timascheff, Kapitn Servadac und Lieutenant Prokov zuerst vorgelegt. Gleich zu Anfang empfanden sie eine nicht geringe Zunahme ihrer Krfte und constatirten eine weitere Abnahme der Schwerkraft. Da sich die Masse der Gallia gar nicht unbedeutend verringert hatte, sollte sich nun nicht auch ihre Geschwindigkeit verndert haben und mute man nicht frchten, da sie bei einer auch nur geringen Verzgerung oder Beschleunigung die Erde verfehlen wrde?

Das wre freilich ein nicht wieder gut zu machendes Unglck gewesen.

Aber hatte sich denn die Geschwindigkeit der Gallia wirklich, und wenn auch nur um ein Weniges, verndert? Lieutenant Prokop glaubte es nicht, er erlaubte sich aber, wegen Mangels hinreichender Kenntnisse in solchen Dingen, kein Urtheil darber.

Palmyrin Rosette allein vermochte diese Frage zu beantworten. Man mute ihn also, auf die eine oder die andere Art, durch Ueberredung oder Gewalt dazu bewegen, zu sprechen und gleichzeitig die genaue Stunde anzugeben, wann der Zusammensto stattfinden werde.

Im Laufe der nchstfolgenden Tage machte man Zunchst die Bemerkung, da der Professor in geradezu abscheulicher Laune war. Sollte man das als eine Folge des Verlustes seines geliebten Fernrohres betrachten oder vielleicht daraus schlieen, da die Verdoppelung die Geschwindigkeit der Gallia doch nicht verndert habe und sie der Erde in dem schon frher berechneten Augenblicke begegnen werde? Denn wenn sich der Komet in Folge der Verdoppelung in seiner Bewegung wirklich beschleunigte oder verzgerte und die endliche Rckkehr dadurch in Frage gestellt gewesen wre, so wre auch die Befriedigung Palmyrin Rosette's eine so groe gewesen, da er sie gewi nicht htte verbergen knnen. Da er jetzt nicht freudig aufjubelte, hatte er sicher - wenigstens in obiger Beziehung - keinen Grund dazu.

Kapitn Servadac und seine Begleiter setzten allerdings ihr Vertrauen auf diese Beobachtung, und doch gengte ihnen das nicht gnzlich. Man mute diesem Stacheligel sein Geheimni entreien.

Endlich sollte das Kapitn Servadac, und zwar unter folgenden Umstnden gelingen:

Es war am 18. December. Palmyrin Rosette lag eben in heftigem Streit mit Ben-Zouf. Letzterer hatte den Professor in der Person seines Kometen beleidigt. Ein hbsches Gestirn, meiner Treu, das sich umherwerfen lt wie ein Kinderspielzeug, das zerplatzt wie ein Schlauch und aufspringt wie eine trockene Nu! Lieber mchte ich auf einer Granate, auf einer Bombe leben, deren Lunte schon entzndet ist u. s. w. Kurz, Jedermann wird sich leicht vorstellen knnen, in welcher Weise sich Ben-Zouf ber dieses Thema auslie. Die beiden Gegner warfen sich gegenseitig, der Eine die Gallia, der Andere den Montmartre an den Kopf. Da wollte es der Zufall, da Kapitn Servadac gerade whrend des hitzigsten Streites hinzukam. War es eine Eingebung von Oben - jedenfalls sagte er sich, da, da bei Palmyrin Rosette mit Sanftmuth nichts zu erreichen sei, die Gewalt vielleicht bessere Dienste leisten werde, und so nahm er absichtlich Ben-Zouf's Partie.

Wie brauste da der Professor auf in hellem Zorn, der sich in den erbittertsten Worten Luft machte.

Kapitn Servadac stellte sich ebenfalls, als ob er wer wei wie wthend wre und sagte:

Herr Professor, Sie lassen Ihrer Zunge in einer Weise freien Lauf, welche mir nicht im Geringsten pat, und die ich entschlossen bin, nicht lnger zu ertragen. Sie vergessen zu hufig, da sie mit dem General-Gouverneur der Gallia sprechen!

- Und Sie, erwiderte der zornsprhende Astronom, Sie vergessen, da Sie dem Eigenthmer derselben antworten!

- Das ndert nichts an der Sache. Ihre Eigenthumsrechte scheinen mir berhaupt etwas zweifelhafter Natur!

- Was sagen Sie?

- Und da es uns nun nicht mglich ist, zur Erde zurckzukehren, so werden Sie sich den Gesetzen, wie sie auf der Gallia herrschen, geflligst fgen lernen.

- Ah, sehr schn, versetzte Palmyrin Rosette, ja ich werde mich Ihnen in Zukunft unterwerfen.

- Ich hoffe nach allen Seiten.

- Vorzglich jetzt, da die Gallia nicht mehr zur Erde zurckkehren soll! ....

- Und wir dazu bestimmt sind, ewig auf derselben zu leben, vervollstndigte Kapitn Servadac.

- Und warum soll denn die Gallia nicht mehr zur Erde zurckkehren? fragte der Professor mit einem Tone der grten Verachtung.

- Weil sich ihre Masse, antwortete der Kapitn Servadac, nach der Verdoppelung wesentlich vermindert hat und folglich eine Vernderung ihrer Geschwindigkeit stattgefunden haben mu.

- Ja, wer sagt denn das?

- Das sage ich und jeder Andere auch.

- Nun, Herr Kapitn, alle Uebrigen und auch Sie sind......

- Herr Rosette!

- Sie sind unwissende Thoren, die von der Himmelsmechanik nicht das Geringste verstehen!

- Nehmen Sie sich in Acht!

- So wenig wie von der elementaren Physik ...

- Mein Herr!

- O, Sie schlechter Schler! fuhr der Professor fort, dessen Wuth sich zum Paroxismus steigerte. Ich hab' es noch nicht vergessen, da Sie einst meiner Classe zur Schande gereichten! ....

- Das ist zu viel!

- Da Sie die ganze Charlemagne verunzierten!.... - Werden Sie nun schweigen, oder .....

- Nein, ich werde nicht schweigen und wenn Sie zehnmal Kapitn wren. Herr mein Gott, das sind mir schne Physiker! Weil die Masse der Gallia eine Verminderung erfuhr, bilden sie sich ein, da das einen Einflu auf ihre Tangential-Geschwindigkeit haben msse. Als ob diese Bewegung nicht einzig und allein von der ihr zu Anfang ertheilten Geschwindigkeit und der Anziehung der Sonne abhinge! Als ob man Strungen nicht berechnen knne, ohne die Masse der gestrten Himmelskrper zu kennen! Ist denn etwa die Masse der Kometen stets bekannt? Nein! Berechnet man wohl ihre Strungen? Ja! - O, Sie knnen mir wahrlich leid thun!

Der Professor gerieth ganz auer sich. Ben-Zouf, der den Zorn seines Kapitns ernst nahm, fragte diesen:

Wnschen Sie, da ich ihn in zwei Stcke zerbreche, Herr Kapitn, da ich ihn verdoppele, wie seinen erbrmlichen Kometen?

- Wagt es nur, mich anzurhren, rief Palmyrin Rosette, und richtete seine winzige Figur kerzengerade in die Hhe.

- Mein Herr, entgegnete lebhaft Kapitn Servadac, ich werde Sie schon zur Vernunft zu bringen wissen?

- Und ich werde Sie wegen Ihrer Drohungen oder handgreiflichen Vergehen vor die competenten Gerichte ziehen.

- Vor die Gerichte der Gallia?

- Nein, Herr Kapitn, aber vor die der Erde!

- O, gehen Sie doch! Die Erde ist weit von hier! spottete Kapitn Servadac.

- So weit sie jetzt auch noch ist, versetzte Palmyrin Rosette, der seiner gar nicht mehr Herr war, so werden wir ihre Bahn doch im aufsteigenden Knoten in der Nacht vom 31. December zum 1. Januar schneiden und daselbst um zwei Uhr siebenundvierzig Minuten fnfunddreiig sechs Zehntel Secunden des Morgens ankommen! ....

- Lieber Herr Professor, antwortete Kapitn Servadac mit einem hflichen Grue, mehr wollte ich von Ihnen, gar nicht erfahren!

Schleunigst lie er den so glcklich ausgefragten Professor Rosette stehen, dem Ben-Zouf noch einen eben so hflichen Gru bieten zu mssen glaubte wie sein Kapitn.

Hector Servadac und seine Freunde wuten nun endlich, was sie so sehnlichst zu wissen verlangten. Um zwei Uhr siebenundvierzig Minuten fnfunddreiig sechs Zehntel Secunden sollte der Zusammensto stattfinden.

Bis dahin lagen noch fnfzehn Erdentage, dreiig Gallia-Tage nach dem alten Kalender oder sechzig nach dem neuen vor ihnen!

Die Vorbereitungen dieser Abreise wurden nun mit einem Eifer sonder Gleichen betrieben. Alle konnten es kaum erwarten, die Gallia zu verlassen.

Lieutenant Prokop's Montgolfiere schien ein beruhigendes Hilfsmittel, die Erdkugel ohne Gefahr zu erreichen. Aus der Gallia-Atmosphre in die der Erde hinberzugleiten, was htte noch leichter und bequemer sein knnen. Freilich verga man hier die tausend Gefahren einer bei allen frheren Luftreisen noch nicht dagewesenen Lage. War das nicht ganz natrlich? Lieutenant Prokop wiederholte indessen mehrmals, da die Montgolfiere durch die pltzliche Hemmung ihre Bewegung jedenfalls in Brand gerathen und ihre Insassen ebenso verbrennen wrden - wenn nicht ein Wunder geschhe.

Kapitn Servadac erwies sich jetzt wie immerdar als unverbesserlicher Enthusiast. Ben-Zouf endlich hatte stets den Wunsch gehegt, einmal eine Ballonfahrt mitzumachen; er sah sich also am Ziele seiner Wnsche.

Der khler berlegende Graf Timascheff und sein Lieutenant Prokop vergegenwrtigten sich fast allein die Gefahren dieses waghalsigen Unternehmens. Nichtsdestoweniger waren sie zu Allem bereit.

Jetzt verschwand die Eisdecke auch wieder von dem Meere. Die Dampfschaluppe wurde in Stand gesetzt und mit dem Reste der Steinkohlen zu einigen Fahrten nach der Insel Gourbi benutzt.

Kapitn Servadac, Lieutenant Prokop und einige Russen fhrten die erste Reise dahin aus. Sie fanden die Insel, den Gourbi und das Wachthaus durch den langen Winter in keiner Weise verndert. Da und dort rannen einige muntere Bche ber das Land. Die Vgel, welche Warm-Land wieder verlassen hatten, schwrmten ber diesem Restchen fruchtbaren Bodens, nachdem sie das Grn der Wiesen und Bume gelockt hatte. Schon keimten junge Pflanzen unter dem Einflsse der Aequatorhitze der dreistndigen Tage hervor. Die Sonne go lothrechte Strahlen von auerordentlicher Intensitt ber sie aus.

Hier herrschte der glhende Sommer, der dem harten Winter so gut wie unvermittelt folgte.

Auf der Insel Gourbi sammelte man auch die trockenen Bltter und das Stroh, welche zur Erzeugung der erwrmenden Luft fr die Montgolfiere dienen sollten. Wre dieser ungeheure Apparat nicht gar so umfangreich gewesen, so htte man ihn wohl gern ber das Meer nach der Insel Gourbi geschafft. Da das nicht anging, zog man es vor, sich von Warm-Land aus zu erheben und dahin das Brennmaterial zu transportiren, welches die Verdnnung der Luft in dem Ballon hervorbringen sollte. Jetzt schon verbrannte man fr die Zwecke der tglichen Bedrfnisse die Trmmer der beiden Fahrzeuge. Als die Planken der Tartane demselben Schicksal verfallen sollten, versuchte Isaak Hakhabut sich dem zu widersetzen. Ben-Zouf machte ihm jedoch begreiflich, da er fr seinen Platz in der Gondel werde 50.000 Francs bezahlen mssen, wenn er es wagte, noch ferner den Mund aufzuthun.

Isaak Hakhabut seufzte und schwieg.

Der 25. December kam heran. Alle Vorbereitungen zur Abfahrt waren beendet. Weihnachten wurde in gleicher Weise wie das Jahr vorher, doch eher in gehobener religiser Stimmung gefeiert. Den bevorstehenden Neujahrstag gedachten die wackeren Leute alle ja auf der Erde mit zu begehen, und Ben-Zouf versprach sogar dem jungen Pablo und der kleinen Nina schon jetzt allerliebste Neujahrsprsente.

Seht Ihr, sagte er, es ist wirklich so gut als httet Ihr sie schon!

Obwohl man es in Anbetracht des herannahenden letzten Augenblickes kaum glauben sollte, so dachten Kapitn Servadac und Graf Timascheff doch an ganz andere Dinge als an die Gefahren der Landung. Die Klte, welche sie gegen einander zur Schau trugen, war keineswegs eine erknstelte. Die beiden Jahre, die sie fern von der Erde zusammen verlebt, erschienen ihnen jetzt wie ein halbvergessener Traum, wo sie so nahe daran waren, einander auf der alten Erde wieder Auge in Auge gegenberzutreten. Ein reizendes Bild drngte sich wieder zwischen sie und lie sie gegenseitig sich nicht mehr so sehen wie vordem.

Dem Kapitn Servadac fiel es nun auch wieder ein, das berhmte Rondeau zu vollenden, bei dessen letztem Verse jene unangenehme Unterbrechung eintrat. Noch einige Zeilen fehlten dem kleinen Gedichte zu seiner Vollendung. Einen Dichter hatte die Gallia einst der Erde entfhrt - einen Dichter sollte sie ihr jetzt wiedergeben.

Von Zeit zu Zeit wiederholte sich Kapitn Servadac also alle die widerspenstigen Reime.

Was die anderen Bewohner der Kolonie betrifft, so hatten Graf Timascheff und Lieutenant Prokop alle Eile, die Erde wiederzusehen, die brigen Russen aber nur den einen Gedanken, ihrem Herrn zu folgen, wohin er sie auch fhren werde.

Die Spanier befanden sich auf der Gallia so wohl, da sie auch den Rest ihrer Tage gern hier verlebt htten; immerhin freuten sich Negrete und seine Landsleute darauf, die Fluren Andalusiens einmal wieder zu begren.

Pablo und Nina schienen entzckt, mit allen ihren Freunden zurckzukehren, freilich unter der Bedingung, diese auch spter niemals zu verlassen.

Nur ein einziger Unzufriedener befand sich unter Allen - der Brummbr Palmyrin Rosette. Er kam aus seiner verbissenen Stimmung gar nicht mehr heraus und schwur Tag fr Tag, da er sich in der Gondel nicht mit einschiffen werde. Nein! Er bestand darauf, seinen Kometen nicht zu verlassen. Er wollte Tag und Nacht seine astronomischen Beobachtungen fortsetzen. O, wie beklagte er den Verlust seines Fernrohrs! Gerade jetzt, wo die Gallia die Zone der Sternschnuppen durcheilte! Waren da keine wichtigen Erscheinungen zu beobachten, keine neuen Entdeckungen zu machen?

In seiner Verzweiflung bediente sich Palmyrin Rosette eines wahrhaft heroischen Mittels, indem er die Pupille seiner Augen vergrerte, um durch deren verstrktes Sehvermgen das verlorene Fernglas mglichst zu ersetzen. Er trpfelte sich in die Augen nmlich eine Belladonna-Lsung, die sich in der Apotheke des Nina-Baues vorfand, und sah und sah hinaus in's Weite, da er fast blind ward! Doch, obwohl er die Lichtempfindlichkeit seiner Netzhute durch jenes Mittel wesentlich erhhte, er sah doch nichts, er entdeckte nichts!

Die letzten Tage verstrichen unter einer wahrhaft fieberhaften Erregung, von der Niemand frei blieb. Lieutenant Prokop berwachte die letzten nothwendigen Details. Am Strande wurden die beiden Masten der Golette aufgerichtet, um als Trger der ungeheuren Montgolfiere zu dienen, die jetzt zwar noch nicht aufgeblht, doch schon mit ihrem Netze umgeben war. Auch die Gondel stand bereit, hinlnglich gro, um alle Passagiere aufzunehmen. Einige an deren Seitenwnden befestigten Schluche verliehen ihr die Fhigkeit, eine Zeit lang zu schwimmen, fr den Fall, da die Montgolfiere nahe einer Kste in ein Meer niederfallen sollte. Sank sie freilich in den offenen Ocean hinab, so mute sie mit allen ihren Insassen zu Grunde gehen, wenn sich nicht zufllig Schiffe in der Nhe befanden, um jene aufzunehmen.

So verstrich der 26., 27., 28., 29. und 30. December. Nur achtundvierzig Erdenstunden sollten sie noch auf der Gallia zubringen.

Der 31. December brach an. Nur noch vierundzwanzig Stunden, dann sollte die von warmer, verdnnter Luft geschwellte Montgolfiere sich in die Gallia-Atmosphre erheben. Freilich war diese Atmosphre weniger dicht als jene der Erde, doch darf man hierbei nicht auer Acht lassen, da sich der ganze Apparat in Folge der allgemein verminderten Anziehungskraft eben auch leichter emporschwingen mute.

Die Gallia befand sich jetzt 24 Millionen Meilen, also etwas weiter als die Erde, von der Sonne entfernt. Mit ungeheurer Schnelligkeit strebte sie gegen das Erdsphrod zu, das sie in seinem aufsteigenden Knoten, genau an dem von ihm eingenommenen Punkte der Ekliptik, treffen sollte.

Die Distanz zwischen Erde und Kometen ma jetzt kaum 1 1/4 Million Meilen. Da sich die beiden Weltkrper auf einander zu bewegten, so durcheilten sie diesen Zwischenraum mit einer Schnelligkeit von 52.000 Meilen in der Stunde, von denen etwa 34.000 auf die Gallia und gegen 18.000 auf die Erde kamen.

Endlich, um zwei Uhr Morgens, bereiteten sich die Bewohner des Kometen zum Aufbruch. Binnen siebenundvierzig Minuten fnfunddreiig Secunden sollte der Zusammensto stattfinden.

In Folge der beschleunigten Rotationsbewegung der Gallia um ihre Achse war es jetzt schon hell, ebenso wie auf derjenigen Seite der Erdkugel, an welche der Komet antreffen mute.

Seit einer Stunde schwebte die Montgolfiere bereits vollstndig gefllt zwischen den Masten. Sie bewhrte sich vollkommen. Der ungeheuere Apparat war zur Auffahrt fertig. Seine an dem Netze befestigte Gondel harrte nur noch der Passagiere. Die Gallia gravitirte jetzt 45.000 Meilen von der Erde entfernt.

Isaak Hakhabut nahm zuerst in der Gondel Platz.

Da bemerkte Kapitn Servadac, da der Jude einen schwer gefllten Grtel um die Hften trug.

Was ist das? fragte er.

- O, Herr Gouverneur, antwortete Isaak Hakhabut, es ist mein bescheidenes Vermgen, das ich mit mir nehme.

- Wie viel wiegt denn Euer bescheidenes Vermgen?

- Ach, kaum sechzig Pfund.

- Sechzig Pfund! Und die Montgolfiere besitzt nur eine Tragkraft, um uns selbst emporzuheben. Entledigt Euch dieser unntzen Last!

- Aber Herr Gouverneur....

- Keine Einrede, sag' ich Euch, wir drfen die Gondel nicht berlasten.

- Herrgott Israel's, jammerte der Jude, mein ganzes sauer erworbenes Hab' und Gut!

- Ei was, Meister Isaak, Ihr wit ja recht gut, da Euer Gold auf der Erde spter so gut wie gar keinen Werth haben kann, da die Gallia allein hundertsechsundvierzig Sextillionen Francs an Gold enthlt!....

- Erbarmen, gndiger Herr, Erbarmen!

- Vorwrts, Mathathias! mischte sich Ben-Zouf ein, befreie uns von Deiner Person oder entledige Dich Deines Goldes - ganz nach Belieben!

Es half dem unglcklichen Juden kein Klagen, er mute sich seiner enormen Geldkatze entledigen, was natrlich nur unter einem Schwall von Jammertnen geschah, den wir hier vergeblich wiederzugeben versuchen wrden.

Mit Palmyrin Rosette lag die Sache ganz anders. Der gelehrte Wtherich bestand darauf, von dem Kerne seines Kometen nicht zu weichen. Niemand sollte ihn seinem eigenen Gebiete entreien! Diese Montgolfire wre auch ein ganz widersinnig erdachtes Rettungsmittel. Beim Uebergange aus einer Atmosphre in die andere mute sie ja auflodern wie ein Stck Papier. Seiner Ansicht nach war weniger Gefahr dabei, auf der Gallia auszuharren, und wenn dieselbe gegebenen Falles die Erde doch nur streifen sollte, so wrde wenigstens Palmyrin Rosette mit ihr weiter durch den Weltraum schweben. Dazu begleitete er tausend andere Grnde noch mit den wthendsten und auch lcherlichsten Drohungen, so z.B., da er den Schler Servadac mit Strafarbeiten berhufen werde u.dergl.m.

Trotz seines Widerstrebens ward der Professor aber doch als Zweiter in der Gondel untergebracht und durch zwei handfeste Matrosen an seinem Platze gehalten. Kapitn Servadac, entschlossen, ihn auf keinen Fall auf der Gallia zurckzulassen, hatte ihn deshalb in dieser etwas rcksichtslosen Weise eingeschifft.

Die beiden Pferde und Nina's Ziege mute man freilich opfern! Das gab ein rechtes Herzeleid fr Ben-Zouf und das kleine Mdchen. Es war indessen gar nicht daran zu denken, jene mitzunehmen. Von allen vorhandenen Thieren erhielt nur Nina's Taube einen Platz. Mglicher Weise konnte sich diese ja noch als Bote zwischen den Insassen der Gondel und irgend einem Punkte der Erdoberflche ntzlich erweisen.

Graf Timascheff und Lieutenant Prokop nahmen auf die Einladung des Kapitns hin ihre Pltze ein.

Zuletzt stand dieser mit seinem treuen Ben-Zouf nur allein noch auf dem Boden der Gallia.

Nun vorwrts, Ben-Zouf, jetzt ist die Reihe an Dir, sagte er.

- Nach Ihnen, mein Kapitn.

- Nein, nein! Ich mu bis zuletzt an Bord bleiben, gleich dem Befehlshaber eines Schiffes, wenn er gezwungen ist, dasselbe zu verlassen.

- Ja, aber...

- Thu' wie ich Dir sage!

- Auf Ihren Befehl also! antwortete Ben-Zouf.

Die Ordonnanz stieg ber den Rand des Nachens. Kapitn Servadac folgte.

Die letzten Leinen wurden gelst und majesttisch erhob sich die Montgolfiere in die Lfte.

Neunzehntes Capitel.

Ich welchem Minute fr Minute die Empfindungen und Eindrcke der Gondel-Insassen nebst anderen Dingen verzeichnet werden.

Die Montgolfire erreichte eine Hhe von zweitausend fnfhundert Metern und Lieutenant Prokop beschlo, sie in dieser Zone zu erhalten. Auf einem unter dem Ballon befestigten und mit trockenem Laube beschickten Netze von Eisendraht konnte leicht das nthige Feuer entzndet werden, um die Luft im Innern des Apparates auf dem gewnschten Grade von Verdnnung zu erhalten und dem Sinken der Montgolfiere vorzubeugen.

Die Passagiere der Gondel lieen ihre Blicke unter sich, rings umher und ber sich schweifen.

Unten breitete sich ein groer Theil des Gallia-Meeres aus, da ein concaves Becken zu bilden schien. Im Norden zeigte sich ein einzelner dunkler Punkt, das war die Insel Gourbi.

Im Westen htte man vergeblich die Eilande von Ceuta und Gibraltar gesucht. Diese waren und blieben verschwunden.

Im Sden erhob sich der Vulkan, der das Ufer und das ausgedehnte Gebiet von Warm-Land beherrschte. Diese Halbinsel grenzte an den Continent an, welcher das ganze Gallia-Meer als fester Rahmen umschlo. Ueberall jener fremdartige Anblick, jene Lamellenbildung, jetzt bergossen von den irisirenden Strahlen der Sonne. Ueberall derselbe mineralische Stoff, jenes Goldtellurid, das allein die Kruste und das Gerst des Kometen, den harten Kern der Gallia zu bilden schien.

Rund um die Gondel bis jenseit des Horizontes, der sich mit dem Aufsteigen der Montgolfiere gleichsam Schritt fr Schritt erweiterte, strahlte der Himmel in unvergleichlicher Reinheit. In der Richtung nach Nordwesten aber gravitirte, jetzt in Opposition zur Sonne, ein neues Gestirn, nein, weniger als ein Gestirn, weniger als ein Asterod - hchstens ein ungeheurer Meteorstein - das Bruchstck, welches eine innere Kraft von Seite der Gallia losgesprengt hatte. Die enorme Masse bewegte sich auf eigener, neuer Bahn und ihre Entfernung betrug jetzt wohl schon einige tausend Meilen. Sie war brigens nur wenig sichtbar und erschien nach Einbruch der Nacht nur als ein kleiner, leuchtender Punkt im Weltraume.

Ueber der Gondel in etwas schrger Richtung zeigte sich die Scheibe der Erdkugel in vollem Tagesglanze. Sie schien auf die Gallia zuzustrzen und nahm einen betrchtlichen Theil des Himmels ein.

Diese strahlend-helle Scheibe blendete die Augen. Die Entfernung bis zu derselben war verhltnimig schon sehr gering, so da man ihre beiden Pole zu gleicher Zeit unmglich genau erkennen konnte. Die Gallia stand ihr augenblicklich um die Hlfte nher als der Mond in seiner mittleren Entfernung, und diese Entfernung verminderte sich jede Minute in zunehmender Proportion. An der Oberflche derselben zeigten sich verschieden erleuchtete Stellen, die einen hell glnzend, das waren die Continente, die anderen dunkler, weil sie die Sonnenstrahlen mehr verschluckten, das waren die Oceane. Darberhin zogen langsam weiliche Streifen, welche auf der entgegengesetzten, also der Erde zugekehrten Seite wohl dunkel erscheinen mochten, das waren die in der Erd-Atmosphre schwebenden Wolken.

Bei der Schnelligkeit der Bewegung von fast 17 . Meilen wurde das bis dahin etwas unklare Bild der Erde bald deutlicher. Die groen Meeresksten und die Terrainverschiedenheiten hoben sich deutlicher hervor. Berge und Ebenen waren nicht mehr zu verwechseln. Die ebene Landkarte verwandelte sich und es schien den Insassen der Gondel, als schwebten sie vor einer Reliefkarte hin.

Um zwei Uhr siebenundzwanzig Minuten Frh trennten den Kometen kaum noch achtzehntausend Meilen von dem Erdsphroid. Die beiden Gestirne flogen auf einander zu. Um zwei Uhr siebenunddreiig Minuten waren nur noch neuntausend Meilen zurckzulegen. Immer bestimmter zeichneten sich die Linien der Landumrisse ab, und pltzlich riefen Lieutenant Prokop, Graf Timascheff und Graf Servadac wie aus einem Munde:

Europa!

- Ruland!

- Frankreich!

Sie tuschten sich nicht. Die Erde wandte der Gallia diejenige Seite zu, auf welcher sich das Festland Europas in voller Mittagsbeleuchtung ausdehnte. Die Formen jedes Landes waren sehr leicht erkennbar.

Die Passagiere des Ballon-Nachens blickten in lebhaftester Erregung nach der Erde, welche sie in sich aufnehmen sollte. Sie dachten nur noch daran, auf derselben zu landen, keineswegs aber an die Gefahren dieser Landung. Endlich sollten sie ja unter die Menschheit zurckkehren, die sie nie wiederzusehen geglaubt hatten.

Ja, das war Europa, das sich dort sichtbar vor ihren Augen ausbreitete. Sie erkannten die verschiedenen Staaten mit ihrer oft sonderbaren Gestalt, welche sie entweder der Natur oder den Vlkervertrgen verdanken.

England, eine Lady, die in ihrem Kleide mit weichem Faltenwurf und das Haupt mit Inseln und Eilanden geschmckt nach Osten zu geht.

Schweden und Norwegen, ein prchtiger Lwe mit krftigem, von Bergen gebildetem Rckgrat, der sich auf das nrdliche Inner-Europa strzt.

Ruland, ein gewaltiger Eisbr, welcher den Kopf nach Asien zu wendet und die linke Tatze auf die Trkei, die rechte auf den Kaukasus sttzt.

Oesterreich, eine groe in sich zusammengekrmmte Katze, in unruhigem Schlafe.

Spanien, das am Ende Europas hngt wie eine Fahne, deren Schaftende Portugal zu bilden scheint.

Die Trkei, ein Hahn mit aufrecht stehenden Federn, der sich mit dem einen Fue an das asiatische Ufer klammert und mit dem anderen Griechenland niederhlt.

Italien, ein feiner, eleganter Stiefel, der mit Sicilien, Sardinien und Corsica Ball zu spielen scheint.

Preuen, eine furchtbare Axt, welche tief in das deutsche Kaiserreich einschneidet und deren eines Ende Frankreich streift.

Endlich Frankreich, ein wohlgebildeter Torso mit Paris als Herz desselben.

Alles das sah man nicht nur, das fhlte auch Jeder. In jeder Brust herrschte eine fieberhafte Erregung. Da mischte sich pltzlich ein komischer Ton in diese allgemein ernste Stimmung.

Der Montmartre! rief Ben-Zouf.

Niemand htte dem Burschen des Kapitn Servadac begreiflich machen knnen, da er seinen Leib- und Lieblingshgel aus dieser Entfernung unmglich erkennen knne.

Palmyrin Rosette seinerseits beugte den Kopf ber die Gondel hinaus und hatte nur Augen fr die verlassene Gallia, welche 2500 Meter unter ihm schwebte. Er wollte diese Erde, die ihn wieder an ihr Vorhandensein erinnerte, gar nicht sehen, sondern betrachtete einzig und allein seinen Kometen, den die allgemeine: Lichtflle des Weltraumes gleichfalls lebhaft beleuchtete.

Mit dem Chronometer in der Hand zhlte Lieutenant Prokop die Minuten und Secunden. Auf den Herd legte man nach seiner Anordnung von Zeit zu Zeit etwas frisches Brennmaterial nach, so da sich die Montgolfire in der gewnschten Hhe erhielt.

In der Gondel wurde nur sehr wenig gesprochen. Kapitn Servadac und Graf Timascheff betrachteten unablssig die sich nhernde Erde. Die Montgolfiere schwebte im Verhltni zur letzteren etwas seitwrts und hinter der Gallia, so da der Anprall des Kometen vor dem des Arostaten erfolgen mute - ein gnstiger Umstand, insofern dieser, wenn er in die Erd-Atmosphre hinberglitt, sich nicht vollstndig umzukehren brauchte.

Wo aber sollte er niederfallen? Vielleicht auf einem Continente? Und wenn das der Fall war, bot dieser Continent dann einige Hilfsquellen? Konnte man von der betreffenden Stelle aus leicht nach bewohnten Theilen der Erde gelangen?

Oder fiel er in das Meer? Durfte man in diesem Falle auf das Wunder eines in der Nhe befindlichen Fahrzeuges rechnen, das die Schiffbrchigen retten knnte!

Wie viele Gefahren auf allen Seiten! Hatte Graf Timascheff damals nicht recht gehabt, als er sagte, da seine Begleiter und er allein in der Hand Gottes stnden?

Zwei Uhr zweiundvierzig Minuten! meldete Lieutenant Prokop unter allgemeinem Schweigen.

Noch fnf Minuten fnfunddreiig und sechs Zehntel Secunden, dann sollten die beiden Weltkrper zusammenprallen! ... Sie befanden sich jetzt nicht mehr 5000 Meilen von einander.

Da bemerkte Lieutenant Prokop, da der Komet eine etwas schiefe Richtung nach der Erde einhielt. Die beiden Massen bewegten sich nicht in ein und derselben Linie. Immerhin mute man darauf rechnen, da der Komet werde pltzlich und vollstndig aufgehalten werden, und da es zu einem bloen Abstreifen, wie vor zwei Jahren, nicht kommen wrde. Wenn die Gallia die Erdkugel auch nicht in normaler Richtung trfe, so wrde sie, wie Ben-Zouf sich ausdrckte, doch krftig an die Bande anschlagen.

Im Falle nun Keiner der Passagiere der Gondel den Zusammensto berlebte, wenn die Montgolfire, dahin gerissen von den entsetzlichen Luftwirbeln bei der Vermischung der beiden Atmosphren, selbst zerri und auf die Erde niederstrzte; wenn Keiner von diesen Bewohnern der Gallia unter Seinesgleichen zurckkehrte, sollte dann jede Erinnerung an diese, an ihren Aufenthalt auf dem Kometen, an ihre Reise durch die Sonnenwelt fr immer vernichtet werden?

Nein! Kapitn Servadac hatte einen glcklichen Einfall. Er ri ein Blatt aus seinem Taschenbuche. Auf dasselbe schrieb er den Namen des Kometen, bezeichnete die vor zwei Jahren durch diesen entfhrten Theile der Erde, fhrte dann die Namen aller seiner Gefhrten auf und bescheinigte Alles durch seine Unterschrift.

Dann verlangte er von Nina die Brieftaube, welche diese an der Brust verborgen hielt.

Nach einem zrtlichen Kusse gab ihm das kleine Mdchen ohne Zaudern die Taube.

Kapitn Servadac ergriff das Thierchen, befestigte ihm sein Notizblatt an dem Halse und warf es dann hinaus in die Luft.

In groen Kreisen fliegend, senkte sich die Taube durch die Gallia-Atmosphre und hielt sich in derselben in tieferen Schichten als die Montgolfiere.

Noch zwei Minuten und ungefhr achtzehnhundert Meilen! Die beiden Weltkrper sollten in krzester Zeit mit einer dreimal greren Geschwindigkeit zusammenstoen, als diejenige ist, welche die Erde in der Ekliptik hat.

Wir brauchen nicht besonders hervorzuheben, da die Insassen der Gondel von dieser entsetzlichen Schnelligkeit nicht das Geringste versprten und da ihr Apparat in der umgebenden Atmosphre unverrckt still zu stehen schien.

Zwei Uhr sechsundvierzig Minuten! sagte Prokop.

Die Entfernung noch 1020 Meilen. Wie eine ungeheuere Tonne schien die Erde sich unter dem Kometen auszuhhlen. Man htte sagen mgen, sie ffnete sich; um jenen zu empfangen.

Zwei Uhr siebenundvierzig Minuten! meldete Lieutenant Prokop.

Noch fnfunddreiig und sechs Zehntel Secunden mit einer Geschwindigkeit von 162 Meilen in der Secunde!

Da lie sich eine Art heftigen Zischens und Brausens vernehmen. Es rhrte von der Luft der Gallia her, welche von der Erde angesaugt wurde, gleichzeitig mit der Montgolfiere, die sich so sehr in die Lnge zog, da man befrchtete, sie werde dabei zerreien.

Entsetzt und starr vor Schrecken klammerten sich Alle an den Rand der Gondel...

Jetzt flossen die beiden Atmosphren ineinander. Urpltzlich entstand eine ungeheuere Wolkenmasse, die sich regellos durcheinander wlzte. Die Passagiere der Gondel sahen nichts mehr ber und nichts mehr unter sich. Es schien ihnen, als wirbele eine furchtbare Flamme rings um sie und als fehle ihren Fen jede Sttze, bis sie sich pltzlich, ohne zu bemerken wie und ohne sich den Vorgang erklren zu knnen, auf dem Boden der Erde wiederfanden. Betubt hatten sie frher die Erde verlassen, betubt kehrten sie wieder zu ihr zurck.

Von dem Ballon war keine Spur zu sehen.

Gleichzeitig entfloh die Gallia seitwrts etwa in tangentialer Richtung, nachdem sie die Erdkugel wider Erwarten auch diesmal nur gestreift hatte, und verschwand schon fern im Osten des Planeten.

Zwanzigstes Capitel.

Welches wider alle Regeln des Romanes nicht mit einer Heirath des Helden der Erzhlung endigt.

Ah, Herr Kapitn, das ist Algerien!

- Und dort Mostagenem, Ben-Zouf.

So lauteten die ersten Worte, welche gleichzeitig ber die Lippen des Kapitn Servadac und seiner Ordonnanz kamen, als Beide ihr Bewutsein wieder erlangten.

Durch ein Wunder, welches ebenso wie alle Wunder jeder Erklrung spottete, befanden sie sich heil und gesund.

Mostagenem! Algerien! hatten Kapitn Servadac und seine Ordonnanz ausgerufen. Sie konnten sich wohl nicht tuschen, da sie in diesem Theile der Provinz mehrere Jahre in Garnison gestanden hatten. Nach einer zweijhrigen Reise durch die Sonnenwelt kamen sie also fast genau nach dem Orte zurck, von dem sie einst weggerissen wurden.

Ein erstaunlicher Zufall - ist es wohl ein Zufall zu nennen, da Gallia und Erde sich in der nmlichen Secunde an der nmlichen Stelle der Ekliptik wieder begegneten? - versetzte sie wieder ziemlich an den Punkt ihrer Abreise. Sie befanden sich kaum zwei Kilometer von Mostagenem!

Eine halbe Stunde spter betraten Kapitn Servadac und alle seine Gefhrten diese Stadt.

Sehr auffllig erschien es ihnen, da auf der Oberflche der Erde die grte Stille herrschte. Die Bevlkerung Algeriens betrieb in aller Ruhe ihre tglichen Geschfte. Die Thiere weideten friedlich in dem thaufrischen Grase des Januars. Es mochte etwa acht Uhr Morgens sein. Die Sonne stieg ber dem gewohnten Horizonte empor. Es schien nicht nur, als sei auf der Erdkugel etwas Auergewhnliches nicht vorgefallen, sondern als htten die Bewohner derselben auch nicht einmal etwas Auergewhnliches erwartet.

Alle Wetter, sagte Kapitn Servadac, sie wuten also gar nichts von dem bevorstehenden Eintreffen des Kometen.

- Das mchte man fast glauben, Herr Kapitn. antwortete Ben-Zouf, und ich hatte auf einen recht pomphaften Einzug gerechnet.

Offenbar war der Anprall eines Kometen nicht erwartet worden. Anderenfalls htten in allen Theilen der Erde gewi Furcht und Schrecken geherrscht und ihre Bewohner das Ende der Welt sicher nher geglaubt, als im Jahre 1000 n. Chr.!

Am Thore von Mascara begegnete Kapitn Servadac seinen beiden Kameraden, dem Kommandanten des 2. Tirailleur- und dem Kapitn des 8. Artillerie-Regimentes. Er sank ihnen buchstblich in die Arme.

Sie, Servadac! rief der Kommandant.

- Ich selbst!

- Und woher kommen Sie jetzt, armer Freund, nach diesem unerklrlichen Verschwinden?

- Das knnte ich Ihnen wohl sagen, lieber Oberst, doch wenn ich es sagte, wrden Sie mir's nicht glauben!

- Aber, ich bitte Sie...

- Was da, liebe Freunde! Drckt einem alten Kameraden, der Euch niemals vergessen hat, wieder einmal die Hand, und im Uebrigen nehmen wir an, ich htte einen schweren Traum gehabt.

Trotz allen Bemhens wollte Hector Servadac nichts weiter sagen.

Nur eine Frage stellte er noch an die beiden Officiere.

Und Frau von ... ?

Der Oberst der Tirailleure verstand ihn und lie ihn nicht ausreden.

Ist vermhlt, wieder vermhlt, mein Bester! sagte er. Kann Sie das verwundern? Wer nicht zur Stelle ist, hat allemal verspielt ...

- Ja wohl! erwiderte ihm Kapitn Servadac, es war eine Dummheit, davonzugehen und zwei Jahre lang in unbekannten Welten umherzuschweifen!

Dann wendete er sich an Graf Timascheff:

Mordio, Herr Graf, sagte er, da haben Sie es selbst gehrt. Wahrlich, es freut mich, da ich mich nicht mehr mit Ihnen zu schlagen brauche.

- Und ich, Kapitn, bin glcklich, Ihnen ohne Hintergedanken die Hand herzlich drcken zu knnen!

- Was mir auch sehr gelegen kommt, murmelte heiter Seroadac, ist, da ich mein schreckliches Rondeau nun nicht zu beendigen brauche!

Die beiden Rivalen von ehedem schlossen jetzt, da jede Ursache einer Eiferschtelei wegfiel, durch einen Handschlag die innigste Freundschaft, welche nichts zu zerreien vermochte. Vollkommen unerklrlich erschien ihnen vorzglich, da sich lngs der Kste des Mittelmeeres Alles an seinem ordentlichen Platze vorfand.

Auf jeden Fall war es rathsam, fr jetzt zu schweigen.

Am folgenden Tage trennte sich die kleine Kolonie. Die Russen kehrten mit Graf Timascheff und Lieutenant Prokop nach Ruland zurck, die Spanier nach ihrem Vaterlande, in welchem die Freigebigkeit des Grafen sie auch fr die Zukunft gegen jeden Mangel sicher stellte. Alle die wackeren Leute gingen nicht von einander, ohne gegenseitig die Versicherungen der herzlichsten Freundschaft ausgetauscht zu haben.

Was Isaak Hakhabut betrifft, der durch den Verlust der Hansa sowohl, als auch durch den seines Goldes und Silbers vllig zu Grunde gerichtet war, so verschwand dieser unbemerkt, und wir mssen der Wahrheit gem hinzufgen, da ihn Niemand zurckwnschte.

Der alte Spitzbube, bemerkte Ben-Zouf, wird sich in Amerika als Gespenst aus der Sonnenwelt zur Schau ausstellen!

Noch einige Worte ber Palmyrin Rosette.

Diesen hatte keine Ueberredung vermocht, zu schweigen. Er sprach sich also aus! ... Da leugnete man ihm seinen ganzen Kometen ab, den kein Astronom am Horizont der Erde beobachtet habe. Er fand sich im Kataloge der astronomischen Jahrbcher nicht verzeichnet. Bis zu welchem Grade sich der Zorn des leicht erregbaren Gelehrten dabei steigerte, vermchte sich kaum Jemand vorzustellen. Zwei Jahre nach seiner Rckkehr lie er ein umfngliches Werk erscheinen, welches auer den Elementen der Gallia einen Bericht ber die eigenen Erlebnisse Palmyrin Rosette's enthielt.

Die Ansichten des gelehrten Europas blieben immer getheilt. Der grere Theil leugnete die Wahrheit dieser Erzhlungen, der kleinere Theil erkannte sie an.

Eine Gegenschrift - vielleicht die beste Arbeit, welche auf jene erste erscheinen konnte - fhrte Palmyrin Rosette's Werk auf sein richtiges Ma zurck, indem sie dasselbe  Die Geschichte einer Hypothese betitelte.

Diese Unverschmtheit reizte auf's Hchste den Zorn des Professors, welcher behauptete, nicht nur die Gallia wiedergesehen zu haben, wie sie durch den Weltraum kreiste, sondern auch jenes Bruchstck des Kometen, das die dreizehn Englnder trug, und niemals konnte er sich darber trsten, Letztere auf ihrer Reise nicht lnger begleiten zu knnen.

Hector Servadac und Ben-Zouf blieben in Zukunft, mochten sie nun diese unwahrscheinliche Fahrt durch die Sonnenwelt ausgefhrt haben oder nicht, mehr als je der Eine der Kapitn, der Andere die Ordonnanz, welche nichts zu trennen vermochte.

Eines Tages gingen sie auf dem Montmartre spazieren und plauderten, in der Ueberzeugung von Niemandem gehrt zu werden, von ihren Abenteuern.

Die ganze Geschichte kann gar nicht wahr sein, sagte Ben-Zouf.

- Alle Wetter, ich fange bald selbst an, das zu glauben! antwortete Kapitn Servadac.

Was endlich Pablo und Nina betrifft, welche, der Eine von Graf Timascheff, die Andere von Kapitn Servadac adoptirt worden, so wurden diese unter ihrer Leitung erzogen und unterrichtet.

Spter vermhlte der Oberst Servadac, dessen Haar schon ergraute, den jungen Spanier, der zum hbschen Manne aufgewachsen war, mit der kleinen Italienerin, jetzt einem reizenden, jungen Mdchen. Graf Timascheff hatte es sich nicht nehmen lassen, die Aussteuer Nina's zu besorgen.

Die jungen Gatten aber lebten nicht weniger glcklich, wenn sie auch nicht - der Adam und die Eva einer neuen Welt geworden waren.