Erstes Kapitel.

Schiff in Sicht.

Am 18. Oktober 1827, in der fnften Stunde nachmittags, kmpfte ein kleines Schiff aus der Levante scharf gegen den Wind, um vor Nacht noch den Hafen Vitylo an der Einfahrt zum Golfe von Koron anzulaufen.
Dieser Hafen, das Detylos Homers, liegt in einer jener drei tiefen Einbuchtungen, die am Ionischen und am Aegischen Meere jenes Platanenblatt aus dem Festlande herausschneiden, mit welchem man das sdliche Griechenland sehr zutreffend verglichen hat. Auf diesem Blatte entfaltet sich der Peloponnesos des Altertums, das Morea der neuen Geographie. Der erste dieser Einschnitte ist der Busen von Koron zwischen Messenien und Magnos; der zweite der Busen von Marathon, der tief in das Gestade des rauhen Lakonien hineinreicht; der dritte der Meerbusen von Nauplia, dessen Gewsser das ebengenannte Lakonien von Argolis trennen.
Zu dem ersten dieser drei Meerbusen gehrt der Busen von Vitylo. An der Ostkste, im Hintergrunde einer unregelmigen Bai, ausgebuchtet, reicht er bis zu den vordersten Auslufern des Taygetos, dessen orographische Verlngerung das Skelett der als Magnos bezeichneten Landschaft bildet. Durch seinen sichern Ankergrund, durch die Richtung seiner Zufahrten, durch die ihn umschlieenden Hhen wird er zu einem der besten Zufluchtssttten an einer von allen Winden dieser mittellndischen Meere unablssig gepeitschten Kste.
Das Fahrzeug, das ziemlich hart gegen eine frische Brise aus Nordnordwest ankmpfte, war vom Kai von Vitylo aus nicht sichtbar. Noch trennte dasselbe ein Abstand von 6 - 7 Meilen. Obwohl sehr klares Wetter war, hob sich der Rand seiner obersten Segel doch kaum von dem schimmernden Hintergrunde des uersten Horizonts ab.
Was aber nicht von unten zu sehen war, das war von oben, nmlich von dem Gipfel der Hhen aus, zu sehen, die sich ber der Dorfschaft erheben. Vitylo ist auf steilen Felsen, die von der alten Akropolis von Kephala verteidigt werden, erbaut. Darber erheben sich ein paar alte verfallene Trme, die jngeren Ursprungs sind als jene merkwrdigen berreste eines Serapis-Tempels, dessen Sulen und Kapitle ionischen Stils noch immer die Kirche von Vitylo zieren. Neben diesen Trmen erheben sich auch noch ein paar kleine Kapellen, die von Mnchen bedient werden, aber geringen Besuch aufzuweisen haben.
Es ist hier notwendig, ber diesen Ausdruck bedienen, ja auch ber diese Bezeichnung Mnch, die man an der messenischen Kste den Geistlichen beilegt, Klarheit zu gewinnen. Einen von diesen Mnchen, der soeben aus seiner Kapelle trat, wird der Leser brigens nach der Natur beurteilen knnen.
Zu der Zeit, da diese Erzhlung spielt, war die Religion in Griechenland noch ein seltsames Sammelsurium aus heidnischen berresten und Glaubensstzen der christlichen Lehre. Von vielen Glubigen wurden die weiblichen Gottheiten des Altertums als heilige Gestalten der neuen Religion betrachtet. Sogar heute noch werden dort, wie Henry Belle nachweist, die Halbgtter mit den Heiligen, die Spukgeister der verhexten Tler mit den Engeln des Paradieses ber einen Kamm geschoren, indem man die Sirenen und die Furien ganz ebenso anruft wie die Panagia. Daher gewisse wunderliche Praktiken, Anomalieen, ber die man lcheln mu, und nicht selten eine Geistlichkeit, die sich keinen Rat wei, aus diesem alles andere eher als orthodoxen Wirrwarr sich herauszufinden und die Mitmenschheit zu erlsen.
Ganz besonders whrend des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts, zu der Zeit eben, in welcher unsere Erzhlung spielt, war die Geistlichkeit der griechischen Halbinsel noch weit unwissender als jetzt, und die Mnche, harmlose, sorglose, gemtliche Leute, gute Kerle, mit einem Worte, schienen ziemlich geringe Fhigkeiten zur Leitung der von Natur aberglubischen Bevlkerung zu haben.
Ja, wenn diese Diener der Kirche blo dumm und unwissend gewesen wren! Aber in gewissen Teilen von Griechenland, vornehmlich in den wilden Gegenden der Landschaft Magnus, machten sich diese armen Leute, die brigens zumeist aus den untersten Bevlkerungsschichten genommen wurden, die also von Haus aus ebenso gut wie durch die Not zu Bettlern prdestiniert waren und auf die Paar Drachmen, die ihnen barmherzige Reisende hin und wieder zuwarfen, erpicht waren wie der Teufel auf die Judenseele, die kaum anderes zu verrichten hatten, als den Glubigen irgend ein apokryphes Heiligenbild zum Kusse zu reichen oder die ewige Lampe in einer Heiligen-Nische zu unterhalten, die zudem in rabiater Stimmung waren ber das geringfgige Ertrgnis Pfrndengroschen, Beichtgroschen, Begrbnis- und Taufgroschen - in gewissen Teilen Griechenlands, sage ich, machen sich diese armen Leute kein Gewissen daraus, im Solde der Kstenanwohner als Sprhunde - und als was fr eine Sorte von Sprhunden! - zu wirken.
Kein Wunder, da sich die Matrosen von Vitylo, die dort am Hafen liegen ganz wie in Neapel die Lazzaroni, und gleich diesen mehrstndige Ruhe haben mssen, wenn sie ein paar Minuten lang gearbeitet haben, im Nu erhoben, als sie einen ihrer Mnche unter lebhaften Gestikulationen eilenden Schrittes auf ihr Dorf zulaufen sahen.
Es war ein Mann von 50-55 Jahren, nicht blo dick, sondern fett, und zwar mit solchem Fett behaftet, das als Produkt der Faulheit und Migkeit entsteht - ein Mann, dessen verschlagenes Gesicht einen blo mittelmigen Grad von Vertrauen wecken konnte.
Ei! was gibt es, heiliger Vater, was gibt es? rief, auf ihn zueilend, einer der Matrosen. Der Vityliner sprach stark durch die Nase, da einem wohl der Gedanke htte kommen knnen, Nason fr einen Altvordern der Hellenen zu halten, zugleich redete er jenes maniotische Platt, das ein Gemisch aus Griechisch, Trkisch, Italienisch und Albanesisch ist und den andern Gedanken wecken kann, als sei es schon zur Zeit des Turmbaues von Babel gesprochen worden.
Haben die Soldaten Ibrahims die Hhen des Taygetes erstiegen? fragte ein anderer Matrose mit einer Gebrde so ausgesprochener Gleichgiltigkeit, da man von Vaterlandsliebe bei ihm kaum Spuren vermuten konnte.
Wenn es nicht am Ende gar Franken sind, die uns gerade noch fehlten, erwiderte der, welcher zuerst gesprochen hatte.
Aus diesem Gesprch lie sich entnehmen, in welch geringem Mae der damals in seinem schrecklichen Stadium befindliche Kampf diese Griechen vom uersten Peloponnes interessierte, im starken Gegensatz zu den Manioten im Norden, die sich im Freiheitskriege durch die glnzendsten Waffentaten auszeichneten.
Aber der fette Gottesknecht konnte weder diesem noch jenem Rede und Antwort stehen. Er hatte sich auf dem Wege ber die steilen Abhnge ganz auer Atem gerannt. Seine Asthmatiker-Brust keuchte. Er wollte sprechen, doch es gelang ihm nicht. Einer seiner Altvordern im Hellas, der Krieger von Marathon, hatte wenigstens noch, ehe er tot zusammenbrach, den Sieg des Miltiades verknden knnen. Aber es handelte sich ebenso wenig noch um Miltiades als um den Krieg der Athener wider die Perser. Waren es ja doch kaum Griechen, diese wilden Bewohner der uersten Spitze der Landschaft Magnos!
Ei, so sprich doch, Vater! sprich doch! rief ein alter Matrose, namens Gozzo, der ungeduldiger war als die brigen, als htte er, was der Mnch verknden wollte, erraten.
Endlich war der Gottesknecht wieder zu Atem gekommen, und die Hand ausstreckend, rief er:
Schiff in Sicht!
Auf diese drei Worte hin waren die Faulpelze im Nu auf den Beinen und strmten, freudig in die Hnde klatschend, einen Felsen hinauf, der den Hafen berragte. Von da aus konnte ihr Blick das weite Meer in weit grerem Umkreise bersehen.
Wer hier nicht einheimisch war, htte meinen knnen, dieses Leben sei durch das Interesse geweckt, das jedes von hoher See her kommende Schiff bei fanatischen Seeleuten naturgem wecken msse. Dem war nicht so oder vielmehr, dem war nur in gewisser Hinsicht so, wenn nmlich diese Halbinsulaner durch eine Nutzensfrage in Alarm gesetzt werden konnten.
Zur Zeit nmlich, wo diese Erzhlung zu Papier gebracht wird - nicht in jenem Augenblick, da sich dieselbe zutrug - ist die Landschaft Magnos ein Land fr sich im Mittelpunkte des durch den Willen der europischen Signatarmchte im Vertrag von Adrianopel Anno 1829 zum unabhngigen Knigreich erhobenen Griechenlands. Die Manioten oder zum wenigsten die diesen Namen fhrenden Kstenleute, die auf den verlngerten Landspitzen zwischen den Meerbusen wohnen, sind mehr als zur Hlfte Barbaren geblieben, denen ihre persnliche Freiheit weit mehr am Herzen liegt als die Freiheit ihres Vaterlands. Kein Wunder also, da diese uerste Landzunge von Nieder-Morea seit alters sich unter kein Regiment hat zwingen lassen wollen! weder den trkischen Janitscharen, noch den griechischen Gendarmen hat dieses Kunststck gelingen wollen. Hndel- und rachschtig, gleich den Korsen Sklaven der Blutrache, ruberisch von Geburt und doch das Gastrecht heilig haltend, vor dem Meuchelmord nicht zurckschreckend, sobald er durch Raub notwendig wird, halten sich diese rauhen Gebirgsvlker trotz allem fr die direkten Abkmmlinge der Spartiaten; aber von ihren unzugnglichen Pyrgos oder Bergfesten aus, deren man in diesen gewundenen Ketten des Taygetes zu Tausenden zhlt, spielen sie mit besonderer Vorliebe die zweifelhafte Rolle jener Wegelagerer des Mittelalters, die ihre Feudalrechte mit Dolchsten und Pfeilschssen ausbten.
Sind nun die Manioten noch gegenwrtig halbe Wilde, so lt sich leicht vorstellen, wie es um sie mehr denn 50 Jahre frher stand. Ehe whrend des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts ihrem seeruberischen Treiben durch die an den Ksten kreuzenden Dampfschiffe der Garaus gemacht wurde, waren die Manioten als die verwegensten Seeruber in der ganzen Levante gefrchtet. Und vor allem war es, durch seine Lage am uersten Zipfel des Peloponnes an der Einfahrt zweier Meere, wie auch durch seine Nhe an der allem Seerubervolk ans Herz gewachsenen Insel Cerigotto, der Hafen von Vitylo, der solchem Gesindel eine gute Zuflucht bot.
Hier wimmelte es von seetchtigen Leuten, und von hier aus wurden der griechische Archipel sowohl als die anstoenden Gewsser des Mittelmeeres mit Raubzgen frmlich berschwemmt. Der eigentliche Sammelpunkt fr diesen Teil der Landschaft Magnos fhrte damals genauer den Namen Kakovonni, und die Kakovonnioten mit ihren Wohnsitzen auf der im Kap Matapan auslaufenden Landspitze hatten leichtes Feld fr ihren Seeraub. Auf dem Meere gingen sie den Schiffen direkt zu Leibe. Vom Lande lockten sie dieselben durch falsche Signale heran. Ueberall plnderten sie, berall sengten und brandschatzten sie. Ob die Schiffsbesatzung trkisch war oder maltesisch, gyptisch oder schlielich auch griechisch, war ihnen so gut wie gleichgiltig: sie wurde ohne Erbarmen niedergemacht oder nach den Barbareskenstaaten in die Sklaverei verkauft. Kam einmal stille Zeit, wurden die Kstenfahrzeuge in den Gewssern des Busens von Koron oder Marathon, auf der Hhe von Cerigo oder des Kaps Gallo rar, dann stiegen ffentliche Gebete empor zum Gott und Herrn der Strme, damit Er die Gnade habe, ein Schiff von stattlichem Tonnengehalt und mit reicher Fracht zu ihnen zu fhren! und kein Gottesknecht weigerte sich, zum grern Nutzen ihrer Getreuen solche Frbitte in der Kirche zu tun.
Wochenlang hatte es keine Gelegenheit zu Raub und Plnderung gegeben. Kein Schiff war am Strande von Magnos gescheitert. Kein Wunder also, da der Ruf des Mnchs: Schiff in Sicht! sozusagen elektrisierend wirkte.
Fast im selben Augenblick drhnten die dumpfen Schlge der Simandra, einer Glocke aus Holz mit eisernem Klppel, die in jenen Provinzen im Brauch ist, wo die Trken metallne Glocken nicht zulassen. Aber die unheimlich klingenden Schlge reichten hin, um eine von Habgier beseelte Bevlkerung zusammenzutreiben: Mnner, Weiber, Kinder, blutdrstige gefrchtete Hunde: alle gleichmig erfllt von der Gier zu plndern und zu morden.
Unterdes diskutierten die Leute von Vitylo auf dem hohen Felsen, wo sie standen, mit lautem Geschrei. Was fr ein Schiff war es, das der Gottesknecht gemeldet hatte?
Unter dem Druck der Brise aus Nordnordwest, die sich bei sinkender Nacht noch frischte, machte das Schiff, das die Backbordhalsen gesetzt hatte, sehr schnelle Fahrt. Ja, es schien nicht ausgeschlossen zu sein, dass es scharf am Kap Matapan anlaufen wrde, dass es lavierte. Sein Kurs schien der Vermutung Raum zu geben, dass es aus den kretensischen Gewssern kam. Schon trat das Schiff langsam ber der weie Furche, die sein Kiel zog, in Sicht; aber sein Segelzeug bildete fr das Auge noch immer nur eine verworrene Masse. Demzufolge lie sich schwer erkennen, zu welcher Gattung von Fahrzeugen das Schiff, das man sah, gehrte. Zufolgedessen widersprachen sich die Meinungen aller Minuten.
Eine Schebecke ist's! erklrte einer von den Seeleuten; ich habe ganz deutlich die viereckigen Segel am Fockmast gesehen!
Nicht doch! erwiderte ein anderer, eine Pinke ist's und nichts anderes! seht doch sein hohes Achter und den ausgebauchten Vorsteven!
Schebecke oder Pinke! ei! wer wrde die voneinander unterscheiden knnen aus solcher Entfernung!
Ob's nicht gar eine Polakra ist mit Quadratsegeln? bemerkte ein anderer Matrose, der sich aus seinen halbgeschlossenen Hnden ein Fernrohr gedreht hatte.
Sei uns der liebe Gott gndig! versetzte der alte Gozzo. Ob nun Polakra oder Schebecke oder Pinke, auf alle Flle ist's ein Dreimaster, und ein Dreimaster ist immer besser als ein Zweimaster, wenn er bei uns stranden soll mit einer ordentlichen Weinfracht aus Kandia oder mit Stoffen aus Smyrna!
Zufolge dieser den Nagel auf den Kopf treffenden Bemerkung hielt alles noch weit schrfere Ausschau. Das Schiff kam nher und wurde langsam grer; aber gerade weil es so dicht am Winde fuhr, konnte man es nicht von der Quere sehen; es htte also noch immer seine Schwierigkeit gehabt, zu entscheiden, ob es ein Zwei- oder ein Dreimaster sei, das heit: ob man auf eine betrchtliche Tonnenlast rechnen drfe oder nicht.
O! das Unglck verfolgt uns, und der Teufel hat die Hand im Spiel! rief Gozzo und stie einen jener vielzungigen Flche aus, mit denen er all seine Stze verstrkte ... wir werden nicht ber eine Feluke hinauskommen ...
Oder gar nur eine Speronare! rief der Gottesknecht, nicht weniger enttuscht als seine Glubigen.
Ob diese beiden Bemerkungen mit Ausrufen des Verdrusses hingenommen wurden, wird nicht erst gesagt zu werden brauchen. Aber mochte es nun solch oder solch ein Fahrzeug sein, so viel lie sich schon beurteilen, da es nicht ber 100-120 Tonnen messen wrde. Schlielich kam es ja gar nicht auf ein betrchtliches Quantum an, sobald die Qualitt der Fracht hervorragend war. Gar manche von diesen gewhnlichen Feluken oder gar Speronaren sind nmlich mit kstlichen Weinen, feinen Oelen oder wertvollen Geweben befrachtet. In solchem Falle sind sie des Angriffs schon wert und bringen viel ein fr einen kleinen Aufwand von Mhe. Zu verzweifeln brauchte man also noch immer nicht. Zudem fanden die Alten unter der Schar, die auf solchem Gebiete gutbeschlagen waren, an dem Schiffe einen gewissen Grad von vornehmer Form und flotter Fahrt: allemal Eigenschaften, die zu seinem Vorteil sprachen.
Inzwischen begann die Sonne im Westen des ionischen Meeres hinter dem Horizont zu verschwinden; aber die Oktoberdmmerung lie erwarten, da es noch immer eine Stunde lang hell genug bleiben wrde, um vor Einbruch der Nacht das Schiff noch feststellen zu knnen. Zudem wendete es, nach Umschiffung des Kap Matapan, um bessere Einfahrt in den Busen zu haben, um zwei Quarten und zeigte sich den Blicken der Beobachter unter besseren Bedingungen.
Kein Wunder, da im nchsten Augenblicke dem Munde des alten Gozzo das Wort Sakolewa! entfuhr.
Eine Sakolewa! schrieen seine Kameraden, deren Aerger sich durch eine Flut von Flchen Luft machte.
In dieser Hinsicht aber gab es keinen Streit, weil kein Irrtum mehr mglich war. Das Schiff, das an der Mndung des Golfs von Koron manvrierte, war tatschlich nichts anderes als eine Sakolewa. Zudem waren schlielich die Leute von Vitylo sehr im Unrecht, ber Unglck zu schreien, denn es gehrt durchaus nicht zu den Seltenheiten, da sich auch an Bord von solchen Sakolewen kostbare Fracht vorfindet.
Als Sakolewen bezeichnet man in der Levante Fahrzeuge von mittlerem Tonnengehalt, mit leicht aufwrts gebogenem Hinterdeck und aurischem Segelwerk auf den drei Masten. Der stark zum Vorsteven hin gekippte, mitten im Schiff stehende Gromast trgt ein lateinisches Segel, ein Not- und ein Marssegel mit fliegendem Topp. Zwei Klver am Vorsteven, zwei Spitzsegel auf den beiden ungleichen Masten des Hinterschiffs bilden die Ergnzung des Segelwerks, das solcher Sakolewa einen Anblick von merkwrdiger Beschaffenheit verleiht. Die grellen Farben, mit denen ihr Rumpf bemalt ist, die im Gegensatz zum Hinterschiff gradlaufende Form ihres Vorstevens, die Mannigfaltigkeit ihrer Bemastung, der phantastische Schnitt ihrer Segel, stellen die Sakolewa in die vorderste Reihe jener grazisen Schiffe, die in den schmalen Gewssern des griechischen Archipels zu Hunderten luven.
Obwohl die Brise Neigung steif zu werden verriet und der Himmel sich mit Lmmchen - Bezeichnung bei den Bewohnern der Levante fr eine gewisse Wolkenbildung des sdlichen Himmels - zu berziehen anfing, verringerte doch die Sakolewa ihr Segelwerk um kein Stck. Sie hatte sogar ihr fliegendes Topp beibehalten, das mancher Seemann von geringerer Verwegenheit gewi schon hereingeholt htte. Augenscheinlich verfolgte der Kapitn die Absicht, ans Land zu gehen, weil er keine Lust hatte, auf einem schon harten Meere, das noch schlimmer zu werden drohte, die Nacht zuzubringen.
Bestand nun aber bei dem Seevolk von Vitylo kein Zweifel mehr darber, da die Sakolewa in den Busen einfuhr, so blieb noch immer die Frage offen fr sie, ob die Wahl des Kapitns auf ihren Hafen fallen wrde.
Ei! rief einer von ihnen, es sieht ganz aus, als ob sie, statt einzufahren, noch immer den Wind zu kneifen sucht.
Dann soll sie der Satan ins Schlepptau nehmen! rief ein anderer; sie wird doch nicht blo lavieren, um wieder in See hinauszustechen?
Hlt sie denn berhaupt Kurs auf Koron?
Oder auf Kalamata?
Von diesen beiden Annahmen war die eine so gut mglich wie die andere. Koron ist ein Hafen an der maniotischen Kste, der von den Kauffahrteischiffen der Levante ziemlich oft angelaufen wird und eine bedeutende Ausfuhr von Oelen aus dem sdlichen Griechenland hat. Nicht anders verhlt es sich mit dem im Grunde des Golfs gelegenen Kalamata, dessen Bazare von Manufakturware, Stoffen oder Tpferware, die aus den verschiedenen Lndern von Westeuropa hierher geschafft wird, strotzen. Es war also recht wohl mglich, da die Sakolewa nach einem dieser beiden Hfen unterwegs war - was den auf Raub und Plnderung erpichten Leuten von Vitylo einen starken Strich durch die Rechnung gemacht haben wrde.
Die Sakolewa machte, whrend sie das Ziel einer so lebhaften Aufmerksamkeit blieb, schnelle Fahrt. Nicht lange dauerte es mehr, so segelte sie auf Hhe von Vitylo. Das war der Moment, in welchem ihr Schicksal sich entscheiden sollte. Hielt sie nach wie vor auf den Hintergrund des Golfes zu, so mute Gozzo mit seinen Kameraden alle Hoffnung, sich ihrer zu bemchtigen, fallen lassen; denn selbst in ihren schnellsten Barken wrden sie keine Aussicht haben, die ihnen durch das ungeheure Segelwerk, das sie ohne Mhe trug, an Fahrgeschwindigkeit weit berlegene Sakolewa einzuholen.
Sie kommt heran!
Die Worte kamen aus dem Munde des alten Seemanns, dessen Arm mit seiner Hakenhand sich wie ein Enterhaken nach dem kleinen Fahrzeuge reckte.
Gozzo irrte sich nicht. Das Steuerruder war zum Winde gedreht worden, und die Sakolewa hielt Kurs auf Vitylo. Jetzt wurden ihr fliegendes Topp und ihr zweites Focksegel hereingeholt, dann klatschte ihr Klver an seinen Raaen nieder. Hierdurch um einen Teil ihrer Takelage erleichtert, befand sie sich in besserer Gewalt des Manns am Ruder.
Es fing nun an, Nacht zu werden. Die Sakolewa hatte gerade noch Zeit, in die Kanle von Vitylo zu steuern. Dort ragen Klippen unter Wasserflchen, denen es auszuweichen gilt, wenn ein Schiff nicht scheitern will. Am Gromast des kleinen Fahrzeugs war aber von einer Lotsenflagge nichts zu sehen. Sein Kapitn mute also diese ziemlich gefhrlichen Tiefen genau kennen, da er sich, ohne Beistand zu begehren, hineinwagte. Vielleicht traute er auch - mit Fug und Recht - den Leuten von Vitylo nichts Gutes zu, die sich wohl kaum besonnen htten, sein Schiff an erster bester Stelle auf den Grund laufen zu lassen, wo schon zahllose Schiffe zu Grunde gegangen waren.
Zudem erhellte zu jener Zeit noch kein Leuchtturm diesen Teil der Kste von Magnos. Ein bloes Hafenlicht diente als Wegweiser in den engen Kanal.
Die Sakolewa indessen kam nher. Bald war sie blo noch eine halbe Meile von Vitylo. Sie steuerte ohne Zgern auf das Land zu. Man merkte, sie wurde von geschickter Hand gefhrt: ein Umstand, nicht nach dem Herzen all dieser Missetter, die es natrlich lieber gesehen htten, wenn das Schiff, nach dem sie begehrten, auf eine Klippe aufgestoen wre. Begann doch die Klippe das Werk, das sie dann vollendeten. Erst Strandung, dann Seeraub: so war es ihnen immer am liebsten. Dadurch kamen sie um den Kampf mit bewaffneter Hand, um einen direkten Angriff und Ueberfall herum, bei dem immer Leute von ihnen selber draufgehen konnten. Gab es doch oft genug Schiffe, deren mutige Mannschaft sich tapfer zur Wehr setzte, statt sich wehrlos berfallen zu lassen.
Gozzos Kameraden verlieen nun, ohne einen Augenblick zu sumen, ihren Ausguckposten und stiegen wieder zum Hafen hinunter. Es galt nun, all jene Manver ins Werk zu setzen, mit denen alles Seerubervolk, im Abend- wie im Morgenlande, genau Bescheid wei.
Die Sakolewa in den Engen des Kanals dadurch zum Stranden zu bringen, da man ihr eine falsche Richtung wies, war in solch finsterer Nacht doch wahrlich kein Kunststck.
Ans Hafenfeuer! rief einfach Gozzo, dem seine Kameraden aus Gewohnheit aufs Wort gehorchten.
Man verstand, was der alte Seemann wollte. Nach zwei Minuten verlosch dies Feuer, das nichts weiter war als eine bloe Laterne, die auf der kleinen Mole oben an einer Mastspitze hing. Gleich darauf trat ein anderes Feuer in Sicht, und zwar zuerst aus der gleichen Richtung; whrend aber das erste von der Mole aus, wo es hing, dem Schiffer auf See einen festen Punkt wies, sollte ihn das zweite durch seine Beweglichkeit aus dem Kanal herauslocken und in die Gefahr des Aufrennens und Strandens setzen. Dieses trgerische Licht war nmlich ebenfalls eine Laterne, deren Schein von dem des Hafenlichts sich in keiner Weise unterschied. Aber diese zweite Laterne war einer Ziege an die Hrner gehngt, die am Klippenrande in langsamem Tempo entlang getrieben wurde. Ziege und Laterne vernderten also zusammen fortwhrend ihren Standpunkt, wodurch die Sakolewa zu falschem Manvrieren veranlat werden sollte.
Da die Leute von Vitylo durch derartiges Verfahren Schiffe ins Unglck gelockt hatten, geschah nicht zum erstenmale. Nein, wahrlich nicht! und nur selten war es sogar vorgekommen, da sie ihr Verbrechen erfolglos bten.
Mittlerweile war die Sakolewa in den Kanal eingefahren. Sie hatte auch ihr Hauptsegel gerefft und trug blo noch ihre lateinischen Segel am Hinterschiff und ihr Focksegel. Dieses verringerte Segelzeug mute ihr ausreichen, um sie bis zur Anlnde zu bringen.
Zur hchsten Verwunderung der sie im Auge haltenden Seeleute kam die Sakolewa mit unglaublicher Sicherheit durch alle Windungen des Fahrwassers vorwrts. Um jenes bewegliche Licht an den Hrnern der Ziege schien sie sich gar nicht zu bekmmern. Beim hellsten Tageslichte htte sie unmglich richtiger steuern knnen; ihr Kapitn mute also Vitylo schon hufig angelaufen haben, um mitten in finsterer Nacht hier eine Landung zu wagen.
Schon wurde er sichtbar, dieser verwegene Seemann; seine Figur hob sich scharf heraus in dem Schatten auf dem Vorsteven der Sakolewa. Er stand, in die weiten Falten seiner Aba gehllt einer Art wollnen Mantels mit Kapuze, die ber den Kopf niederfiel; wahrlich! dieser Kapitn hatte nichts an sich von jenen ngstlichen Kstenfahrern, die bei keinem Manver, das sie mit ihrem Fahrzeug ausfhren, den Rosenkranz mit den groen Perlen, wie man sie fast berall im griechischen Archipel trifft, aus den Fingern legen. Nein! der hier gab dem am Hintersteven des kleinen Fahrzeugs postierten Steuermann seine Befehle mit leiser, ruhiger Stimme.
Da verlschte pltzlich die am Strande entlang wandernde Laterne. Aber die Sakolewa lie sich dadurch nicht beirren, sondern verfolgte zielbewut ihre Fahrt. Eine Weile lang konnte man glauben, sie mte bei einer jhen Wendung gegen einen knapp ber Wasser ragenden gefhrlichen Felsen, in Kabellnge etwa vom Hafen entfernt, aufrennen, zumal derselbe in der herrschenden Finsternis unmglich zu sehen war. Aber ein schwacher Druck des Steuers reichte, um die Sakolewa von dem Felsen abzubringen.
Den Leuten von Vitylo blieb also keine Aussicht mehr auf die Vorteile einer Strandung, die ihnen die Sakolewa wehrlos berliefert haben wrde. Nur noch Minuten konnte es dauern, bis sie im Hafen vor Anker liegen wrde. Wollten sie sich ihrer bemchtigen, so blieb kein anderes Mittel mehr als sie zu entern.
Eine kurze Errterung fand zwischen dem Seerubervolk statt, dann wurde beschlossen, in dieser Weise vorzugehen, die bei der noch immer herrschenden Dunkelheit auch Erfolg zu versprechen schien.
In die Boote! rief der alte Gozzo, ber dessen Kommandos niemals ein Wort fiel, vornehmlich dann nicht, wenn sie den Seeraub betrafen.
Etwa dreiig krftige Mnner, manche mit Pistolen, berwiegend aber mit Dolchen und Beilen bewaffnet, strzten in die am Kai festgemachten Boote und rckten, an Zahl ohne Frage der Besatzung der Sakolewa berlegen, vor.
Da ertnte an Bord derselben ein kurzes Kommando. Das Schiff war aus dem Kanal heraus in den offenen Hafen gelangt, die Trossen wurden gelst, der Anker fate Grund und nach kurzer Erschtterung, veranlat durchs das Anziehen der Kette, lag das Schiff unbeweglich. Die Boote waren bis auf ein Paar Fadenlngen heran. Ohne auch nur gesteigertes Mitrauen zu zeigen, aber in Kenntnis des schlimmen Rufes, in welchem die Leute von Vitylo stehen, hatte die Besatzung der Sakolewa, um fr jeden Notfall gerstet zu sein, zu den Waffen gegriffen.
Zunchst trat solcher Notfall nicht ein. Sobald das Schiff vor Anker lag, war der Kapitn zwischen Vor- und Hintersteven mehrmals auf und ab geschritten, whrend seine Mannschaft sich, unbekmmert um die heranfahrenden Boote, mit der Ordnung des Segelwerks und der Suberung des Decks zu tun machte. Blo ein Umstand wre einem aufmerksamen Auge nicht entgangen, da nmlich die Segel nicht angeschlagen wurden, da man sich also die Mglichkeit lie, sie sofort wieder zu hissen und in See zu stechen.
Das erste Boot kam an Backbord der Sakolewa und legte an. Die andern Boote waren fast gleichzeitig zur Stelle ... und da die Sakolewa sehr niedrige Wandungen hatte, war es den Angreifern ein leichtes, sich hinaufzuschwingen. Mit wildem Geschrei strmten die Verwegensten nach dem Hinterschiff. Einer packte einen Feuerbrand und leuchtete dem Kapitn ins Gesicht.
Mit raschem Griffe ri dieser die Kapuze auf die Schultern, so da sein Gesicht in volles Licht trat.
Ei, ei! rief er, kennen die Leute von Vitylo denn den Landsmann Nikolas Starkos nicht mehr?
Mit diesen Worten hatte der Kapitn ruhig die Arme ber seiner Brust gekreuzt. Im andern Augenblick waren die Boote abgestoen, und im schnellsten Tempo nach dem Hafen zurckgesteuert.

Zweites Kapitel.

Auge in Auge.

Zehn Minuten spter stach ein leichtes Boot, eine Gig, von der Sakolewa ab und legte am Fu der Mole an; dort ging, ohne alle Bedeckung, ohne jede Waffe, der Mann ans Land, vor dem die Leute von Vitylo soeben so schnell das Hasenpanier ergriffen hatten.
Der Mann war der Kapitn der Karysta - diesen Namen fhrte das kleine Schiff, das eben in den Hafen eingelaufen war. Er war von Mittelgre. Unter der dicken Seemannskappe zeigte sich eine hohe, stolze Stirn. Aus seinen kalten Augen fiel ein starrer, strenger Blick. Ueber seiner Lippe lief, wagerecht gespannt, in dickem Busche, nicht in Form einer Spitze endigend, der Klephten-Schnurrbart. Seine Brust war breit, seine Gliedmaen verrieten gewaltige Kraft. Sein schwarzes Haar fiel in Locken auf die Schultern. Er mochte Mitte der Dreiiger sein; wenn er darber hinaus war, so sicher nur um ein paar Monate; aber seine vom Seewinde gebrunte Haut, die Hrte seines Gesichtsausdrucks, eine Falte in der Stirn, tief gegraben wie eine Ackerfurche, in der kein gutes Samenkorn keimen kann, lieen ihn lter erscheinen als er war.
Das Gewand, das er zur Zeit trug, war weder die Jacke noch die Weste, noch die Fustanella der Palikaren. Sein Kaftan mit der braunen Kapuze und mit Sumen von ziemlich nchterner Farbe besetzt, sein Beinkleid von grnlicher Frbung, das in weiten Falten bis auf die Schfte der hohen Stiefel fiel, um dort zu verlaufen, erinnerten vielmehr an die Tracht des Seemanns von der Barbaresken-Kste. Und doch war Nikolas Starkos Grieche von Geburt und stammte direkt aus Vitylo. Dort hatte er seine Knaben- und Jnglingszeit verlebt; in diesem Klippenbereich hatte er das Seemannsgewerbe gelernt; in diesen Gewssern hatte er Strmen und Strmungen getrotzt. Keine Bucht, deren Tiefe und deren Ufer er nicht gekannt htte! Keine Klippe, kein Riff, kein Felsgang unter Wasser, die ihm nicht vertraut wren! Keine Enge, kein Kanal, wo er nicht ohne Kompa und Lotsen zurecht gefunden htte durch all die vielen Krmmungen und Wendungen, die jede Fahrstrae in diesen Gewssern macht! Es erklrt sich also leicht, wie er seine Sakolewa, aller falschen Signale seiner Landsleute ungeachtet, mit dieser sichern Hand hatte steuern knnen. Zudem wute er, welche Vorsicht den Leuten von Vitylo gegenber am Platze war. Er hatte sie ja schon bei der Arbeit gesehen! und vielleicht war er im Grunde genommen gar kein Feind ihrer seeruberischen Bruche, so lange er persnlich wenigstens nicht darunter zu leiden brauchte.
Aber wenn Nikolas Starkos seine Landsleute kannte, so kannten auch seine Landsleute ihren Nikolas Starkos. Seit dem Tode seines Vaters, der zu den Tausenden gehrte, die trkischer Grausamkeit zum Opfer fielen, wartete seine von Rachedurst erfllte Mutter nur auf die Stunde, wenn ihr Volk sich gegen das ottomanische Joch erheben wrde, um als erste sich gegen die Todfeinde zu kehren. Nikolas selber hatte das Magnos in seinem 18. Jahre verlassen, um die See oder, richtiger gesagt, den Archipel zu befahren, und zwar nicht blo als Seemann, sondern auch als Seeruber. An Bord welcher Schiffe er whrend dieser Zeit gedient hatte, unter welchen Seeruberkapitnen er gefahren war, unter welcher Flagge er seine ersten Wassertaten vollfhrt hatte, welches Blut, ob das der Feinde oder das der Beschtzer Griechenlands, oder gar das gleiche, das in seinen Adern flo, er vergossen hatte: das zu sagen wre wohl kaum ein Mensch imstande gewesen. Indessen mehr denn einmal war er schon in den verschiedenen Hfen des Meerbusens von Koron gesehen worden. Gar mancher von seinen Landsleuten hatte erzhlen knnen von den Heldenstckchen als Seeruber, die er zusammen mit ihm ausgefhrt hatte, manches Kauffahrteischiff hatten sie mit ihm berfallen und in Grund gebohrt, gar manche reiche Prise mit ihm geteilt! Aber ein Geheimnis war um den Namen Nikolas Starkos gewoben, - und so rhmlich bekannt war derselbe in den Provinzen des Magnos, da sich all und jeder vor ihm beugte.
Hiernach begreift sich der Empfang, der diesem Manne von den Leuten von Vitylo bereitet wurde; hieraus erklrt sich, da sein bloer Name, seine bloe Gegenwart gengt hatte, sie Abstand nehmen zu lassen von der Plnderung der Sakolewa, die sie schon als ihnen verfallen betrachtet hatten.
Sobald der Kapitn der Karysta kurz hinter der Mole den Fu auf den Kai gesetzt hatte, bildeten Mnner und Weiber, die herbeigelaufen waren, um ihn zu sehen, respektvoll Spalier. Kein Ruf war laut geworden, als er aus seiner Gig stieg. Sein Prestige war scheinbar gro genug, um durch sein bloes Erscheinen schon Ruhe ringsum zu stiften. Man wartete, bis er sprechen wrde, und wenn er es unterlie, zu sprechen, - ein Fall, der leicht eintrat - so getraute sich niemand, das Wort etwa selber an ihn zu richten.
Nikolas Starkos schritt, nachdem er die Matrosen mit der Gig wieder an Bord seiner Sakolewa geschickt hatte, auf den Winkel zu, der im Hintergrunde des Hafens von dem Kai gebildet wird. Aber kaum hatte er zwanzig Schritt in dieser Richtung getan, als er stehen blieb. Dann wendete er sich an den ihm bekannten alten Seemann, der ihm, gleichsam gewrtig eines Befehls, gefolgt war, und sagte:
Gozzo! ich werde wohl noch zehn krftige Leute brauchen, um meine Mannschaft vollzhlig zu machen.
Die sollst du haben, Nikolas Starkos, erwiderte Gozzo. Und htte der Kapitn der Karysta hundert Leute begehrt, so wrde er sie unter dieser seefahrenden Bevlkerung gefunden haben, ganz, wie er sie haben wollte ... und diese hundert Leute wrden, ohne zu fragen wohin man sie fhren, zu welchem Gewerbe man sie bestimmen wolle, fr wessen Rechnung sie fahren oder kmpfen sollten, ihrem Landsmann gefolgt sein, mnniglich bereit, sein Schicksal zu teilen, da sie alle wuten, auf diese oder jene Weise auf ihre Rechnung dabei zu kommen.
In einer Stunde, setzte der Kapitn hinzu, sollen die zehn Mann an Bord der Karysta sein!
Sie werden dort sein, erwiderte Gozzo.
Nikolas Starkos bedeutete Gozzo durch einen Wink, da er seine Begleitung nicht weiter wnsche, stieg den Kai hinauf, der sich an die Mole schlo, und verschwand in einer der engen Gassen, die beim Hafen mndeten.
Gozzo, der Alte, kehrte, gehorsam Starkos' Willen, zu seinen Kameraden zurck und widmete sich blo der Auswahl der zehn fr die Ergnzung der Mannschaft der Sakolewa notwendigen Leute.
Mittlerweile stieg Nikolas Starkos langsam ber die Hnge des steilen Uferfelsens, welcher den Flecken Vitylo trgt. In dieser Hhe war kein anderes Gerusch vernehmlich als das Gebell der bissigen Hunde, die fr Reisende kaum weniger zu frchten waren als Schakals und Wlfe, Hunde mit furchtbaren Kinnladen und groem Bulldoggen-Gesicht, die sich mit dem Stocke kaum abwehren lassen. Ein paar Mwen kreisten mit kurzen Schlgen ihrer groen Flgel durch die Lfte, auf dem Wege zu ihren Schlupfwinkeln am Strande befindlich.
Bald hatte Nikolas Starkos die letzten Huser von Vitylo hinter sich. Von hier ab schlug er den rauhen Pfad ein, der um die Akropolis von Kerapha heraufluft. An den Ruinen einer Feste vorbei, die hier zur Zeit, als die Kreuzfahrer verschiedene Punkte des Peloponnes besetzt hielten, durch Ville-Hardouin erbaut worden war, um die Mauern von alten Trmen herum, von denen der Uferfelsen noch immer gekrnt wird, fhrte ihn sein Weg. Bei dem alten Gemuer blieb er eine Weile stehen und drehte sich um.
Am Horizont, diesseits vom Kap Gallo, war die zunehmende Mondsichel schon halb in den Fluten des Ionischen Meeres versunken. Hie und da funkelten ein paar Sterne durch schmale Wolkenfetzen, die von dem frischen Abendwind gejagt wurden. Wenn der Wind aussetzte, herrschte unbedingtes Schweigen um die Akropolis herum. Ein paar kleine, kaum sichtbare Segel furchten die Oberflche des Golfs quer auf Koron zu oder in der Richtung nach Kalamata hinauf. Ohne das an ihrer Mastspitze hin und her tanzende Fanal wren sie wohl kaum erkenntlich gewesen. Mehr nach dem Fue der Felsen zu, an verschiedenen Punkten des Gestades, leuchteten, verzwiefacht durch das zitternde Widerspiel der Fluten, noch sieben bis acht andere Feuer. Waren es Signallichter von Fischerbarken oder Laternenschein von menschlichen Behausungen? Wer htte es sagen knnen?
Nikolas Starkos durchschweifte mit seinem an Finsternis gewhnten Blick diese ganze unermeliche Flche. Im Seemannsauge liegt eine durchdringende Sehkraft, die ihm in Weiten zu sehen gestattet, wohin kein anderes Auge zu sehen vermag. Momentan hatte es aber nicht den Anschein, als ob das, was auen um ihn her vorging, auf den jedenfalls an andere Szenen gewhnten Kapitn der Karysta von Eindruck sei. Nein! er war in sich gekehrt, er sah nur im Geiste. Diese heimatliche Luft, die gleichsam Landeshauch ist, atmete er, fast ohne es zu wissen ... und ohne ein Glied zu rhren, in Sinnen versunken, mit bereinander geschlagenen Armen, blieb er stehen, whrend sein aus der Kapuze befreiter Kopf so starr und steif zwischen den Schultern sa, als sei er aus Stein gemeielt.
So verstrich nahezu eine Viertelstunde. Nikolas Starkos hatte den Blick unverwandt nach Westen zu gerichtet, wo in weiter Ferne das Meer den Horizont abschlo. Dann machte er ein paar Schritte in schrger Richtung den Felshang hinauf. Es war durchaus nicht Zufall, der seine Schritte lenkte. Ein heimlicher Gedanke war sein Fhrer; aber fast sah es aus, als ob seine Augen noch immer zu sehen vermieden, was sie auf den Hhen von Vitylo suchten.
Uebrigens lt sich wohl kaum ein trostloserer, derer Anblick denken als dieses Kstenland vom Kap Matapan bis zur uersten Sackgasse des Meerbusens. Hier wachsen weder Orangen, noch Zitronen, noch wilde oder Lorbeer-Rosenbume, weder argolischer Jasmin noch Feigen- oder Erd- und Maulbeerbume, hier ist keine Spur vorhanden von all der herrlichen Vegetation, die gewisse Teile Griechenlands zur reichen blhenden Landschaft gestaltet. Hier hebt sich keine immergrne Eiche, keine Platane, kein Granatbaum von dunklem Cypressen- und Cederngrunde ab. Ueberall Felsen, die beim nchsten Erdsto in die Fluten des Golfs abrutschen knnen. Ueberall auf diesem Boden der Landschaft Magnos, die eine recht karge Amme ihrer Bevlkerung ist, eine Art wilder Rauheit und Schrfe. Kaum ein paar verkrppelte, [phantastisch verzerrte Pinien, denen man alles Harz entzogen, denen aller]Setzfehler, Zeile fehlt Saft fehlt, die tiefe Wunden an ihren Stmmen zeigen. Dann und wann ein paar magere Kakteen, die richtigen Dornendisteln mit Blttern, deren Aussehen sich mit Igelzwergen, die auf der einen Seite geschoren worden, vergleichen liee. Nirgendswo endlich, weder an dem verkrppelten Strauchwerk noch an dem mehr aus Kiesel- als aus Humuserde gebildeten Boden auch nur soviel Nahrung, da Ziegen, die doch mit dem kmmerlichsten Futter zufrieden sind, ihr Fortkommen htten finden knnen.
Nach etwa wiederum zwanzig Schritten blieb Nikolas Starkos von neuem stehen. Dann drehte er um nach Nordosten, dorthin wo sich der ferne Karst des Taygetes auf dem um einige Scheine helleren Himmelsgrunde in schrferem Profile zeichnete. Ein paar Sterne, die zu dieser Zeit aufgingen, ruhten noch wie groe Glhwrmer dicht ber dem Horizont.
Nikolas Starkos hatte sich nicht vom Flecke gerhrt. Seine Augen ruhten auf einem kleinen, niedrigen Holzhause, das im Abstande von kaum zwanzig Schritt auf einem Felsvorsprunge stand. Eine bescheidene, einsam oberhalb des Dorfes gelegene Wohnsttte, zu der man nur auf steilen Pfaden hinaufklimmen konnte, mitten in einem kleinen, von einer Dornenhecke eingeschlossenen Gehge kmmerlicher Bumchen erbaut.
Diese Wohnsttte machte ganz den Eindruck, als stnde sie schon lange leer. Die Hecke - hier dicht verwachsen - dort weit auseinanderklaffend, durchweg in schlechtem Stande, bot dem Hause keine gengende Schutzwehr mehr. Die wilden Hunde und Schakals, die sich hin und wieder in der Gegend zeigen, hatten dieses kleine Stckchen Manioten-Erde schon wiederholt verwstet. Verkommenes Gras und wirres Gestrpp, das war alles, was die Natur an dieser vereinsamten Sttte zeitigte, seit der Mensch hier keine Hand mehr regte.
Und warum lag die Sttte so einsam und de? Weil der, dem dies Stckchen Erde gehrt hatte, seit vielen Jahren tot war; weil seine Witwe, Andronika Starkos, die Gegend verlassen hatte, um sich zu jenen tapfern Weibern zu gesellen, die ein Ruhmesblatt in dem Freiheitskampfe der Griechen bilden; weil der Sohn seit seinem Weggange aus der Heimat keinen Fu wieder in das Vaterhaus gesetzt hatte.
Und doch war Nikolas Starkos hier auf diesem Fleckchen Erde geboren; und doch hatte er hier die ersten Kinderjahre verlebt! Nach langem, ehrlichem Seemannsleben hatte sich sein Vater hierher in dies Asyl geflchtet; aber er hielt sich abseits von der Bevlkerung Vitylos, deren Sittenlosigkeit ihm ein Greuel war. Im Besitz einer besseren Bildung und mit mehr Sinn fr Behaglichkeit und Ruhe ausgestattet, als die Leute von Vitylo, war es ihm gelungen, sich mit seiner Frau und seinem Kinde hier oben in diesem abgelegenen Schlupfwinkel eine Art Einsiedlerleben zu grnden, von kaum jemand gekannt, von kaum jemand gestrt, bis er es eines Tags in jhzorniger Regung wagte, Widerstand gegen die Tyrannei zu leisten, und sein Beginnen mit dem Tode bte. Den trkischen Sphern entging niemand, und wenn er an der uersten Grenze der Halbinsel hauste!
Als der Vater nicht mehr am Leben war, sah sich die Mutter auer stande, den Sohn in Rand und Band zu halten. Nikolas verlie das Vaterhaus und ging auf die See, trieb Seeruberei und vergeudete die ihm angeborenen vortrefflichen Gaben fr diesen Beruf im Umgange mit dem Abschaum der seefahrenden Bevlkerung der Levante.
Seit zehn Jahren war das Huschen am Felshange vom Sohne, seit sechs Jahren von der Mutter verlassen. Indessen hie es in der Gegend, Andronika kme dann und wann dort hin zurck. Wenigstens meinte man sie gesehen zu haben, wenn auch in langen Zwischenrumen und immer nur auf ganz kurze Zeit, ohne da sie mit jemand aus Vitylo ein einzigesmal verkehrt htte.
Nikolas Starkos war nun zwar gelegentlich seiner Meerfahrten ein paar mal nach Magnos zurckgefhrt worden, hatte aber niemals bis zu diesem Tage Lust bezeigt, sein bescheidenes Vaterhaus wieder aufzusuchen. Niemals hatte er Erkundigung eingezogen, in welchem Stande es sich befnde. Niemals war eine Anspielung auf seine Mutter ber seine Lippen gekommen, ob sie zuweilen noch in die verdete Behausung den Fu setzte oder wann und wie lange sie zuletzt hier gewesen sei; wohl aber mochte in jener Zeit wilder schrecklicher Ereignisse, die damals Griechenlands Boden mit Blut dngten, der Name Andronika bis zu ihm hin gedrungen sein: ein Name, der ihm das Gewissen htte zerreien mssen, wre dasselbe nicht hart wie Leder gewesen.
Und doch war Nikolas Starkos heute im Hafen von Vitylo vor Anker gegangen, und zwar nicht blo zu dem Zwecke, die Mannschaft seiner Sakolewa um zehn Kpfe zu verstrken. Ein Verlangen - mehr als dies - ein gebieterischer Instinkt, ber den er sich vielleicht kaum selber Rechenschaft zu geben vermochte, hatte ihn dorthin getrieben. Das Bedrfnis hatte sich in ihm geregt, noch einmal, zweifelsohne zum letztenmale, das Vaterhaus wiederzusehen, noch einmal auf jenem Boden zu wandeln, auf welchem seine Beinchen die ersten Schritte gemacht hatten, noch einmal die Luft zwischen jenen Mauern zu atmen, wo er den ersten Atemzug getan, wo er die ersten Kindesworte gelallt hatte. Ja! darum stieg er die rauhen Pfade hinauf, die am Uferfelsen zu jener Sttte fhrten - darum stand er zu dieser Zeit und Stunde vor der Hecke, die den kleinen Platz umschlo.
Da berkam ihn eine Empfindung, als solle er den Fu nicht weiter setzen! Es schlgt ja kein Herz in einer Menschenbrust, verhrtet genug, da es sich nicht zusammenkrampfte angesichts gewisser Erscheinungen aus der Vergangenheit! und kein Mensch wird geboren, der nicht an die Sttte seiner Geburt, wo ihn die Mutter in Schlaf gewiegt und am Gngelband gefhrt, mit heiliger Empfindung zurck dchte! So war es auch Nikolas Starkos ums Herz, als er auf der Schwelle des verlassenen Huschens stand, in dessen Innern es so finster, so still, so tot war wie drauen.
Hinein!... ja doch ... hinein!
Dies waren die ersten Worte, die den Weg ber des Mannes Lippen fanden. Aber er sprach sie nicht, er flsterte sie blo, gleich als ob er Furcht gehabt htte, da man ihn hren knne, da durch seine Worte eine Erscheinung aus der Vergangenheit geweckt werden knne.
Was war leichter als den Fu in diese Einfriedigung zu setzen! Die Hecke war zerstrt, die Tr verfallen; die Angeln lagen auf der Erde. Also nicht einmal eine Tr brauchte er aufzuklinken, nicht einmal einen Riegel wegzuschieben!
Nikolas Starkos trat ber die Hecke. Vor dem Hause blieb er stehen; die vom Regen halb verfaulten Lden hingen kaum noch an den verrosteten Beschlgen.
Da flog eine Eule mit heiserem Geschrei aus einem Lentiskenbusche auf, der den Weg ber die Schwelle versperrte.
Dort zauderte Nikolas Starkos von neuem. Und doch war er fest entschlossen, die Behausung bis auf ihr kleinstes Kmmerchen zu besichtigen. Aber er ward von dumpfem Groll ergriffen ber das, was in seinem Innern vorging, da es sich dort regte wie Gewissensbisse. Ergriffen fhlte er sich, ja! aber auch erbost! - es kam ihm vor, als hbe sich von diesem vterlichen Dache gleichsam ein Vorwurf gegen ihn, gleichsam ein letzter Fluch!
Darum kam ihm der Einfall, um das Haus herumzugehen, bevor er den Fu hineinsetzte. Es war finstere Nacht. Niemand sah ihn, sah er sich doch selber nicht! Bei hellem Tageslicht wre er vielleicht nicht hergekommen; mitten in der Nacht fhlte er sich khner, seinen Erinnerungen zu trotzen.
Nun schlich er, gleich einem Missetter, der die Zugnge zu einer Behausung, gegen die er Bses im Schilde fhrt, ersphen will, um das kleine Haus herum, an den rissigen Wnden entlang, um die hinter Moos versteckten Ecken herum; mit den Hnden befate er dieses brchig gewordene Gestein, gleich als ob er prfen wolle, ob noch ein bichen Leben geblieben sei in diesem Kadaver von Haus; gespannten Ohres lauschte er, ob noch ein Herz darin schlge! Hinter dem Hause war die Hecke noch dsterer; die schrgen Strahlen der im Schwinden begriffenen Mondsichel htten keinen Weg hierher finden knnen.
Nikolas Starkos hatte seinen Rundgang langsamen Schrittes vollendet. Die dstre Behausung bewahrte eine bengstigende Stille. Es war, als sei sie verhext oder als berge sie Visionen. Er kam zurck zu der nach Westen zu gelegenen Vorderseite.
Nun trat er vor die Tr, um sie zurckzuschieben, wenn sie blo durch einen Riegel gehalten wurde - um sie einzustoen, wenn etwa die Schlosicherung noch unversehrt geblieben war.
Aber da scho ihm das Blut in die Augen; es wurde ihm, wie man sagt, rot, aber feuerrot vor den Augen. Er traute sich nicht, in dieses Haus, das er doch noch einmal besichtigen wollte, den Fu zu setzen. Es kam ihm vor, als erschienen ihm Vater und Mutter auf der Schwelle, als hben sie die Arme, als fluchten sie ihm! ihm, dem schlechten Sohne, dem schlechten Brger! ihm, dem Verrter an Haus und Familie, am Vaterlande!
Da ffnete sich langsam die Tr. Eine Frau erschien auf der Schwelle. Sie trug Manioten-Tracht: einen schwarzwollnen Rock mit schmaler roter Borte, ein dunkelfarbiges Kamisol, das eng um die Taille schlo, und auf dem Kopfe eine breitfaltige braune Haube, mit einem Tuch in den Farben der Griechenflagge umschlungen.
Dieses Weib hatte ein energisches Gesicht mit groen, schwarzen Augen von wildem Feuer und war tiefgebrunt wie die Fischerfrauen an der Kste. Sie ging noch kerzengerade, trotzdem sie ber sechzig Jahre zhlen mute.
Dies Weib war Andronika Starkos. Mutter und Sohn, seit so langer Zeit geschieden, leiblich und geistig geschieden, standen einander Auge in Auge.
Sich seiner Mutter hier gegenber zu sehen, darauf war Nikolas Starkos nicht gefat gewesen ... Durch diese Erscheinung fhlte er sich von Entsetzen geschlagen ...
Andronika hob den Arm gegen ihn auf, zum Zeichen, da sie ihm den Eintritt in ihr Haus verbiete, wehre, und nichts weiter sprach sie als die Worte - sprach sie mit einer Stimme, deren Eindruck um so furchtbarer war, als sie aus ihrem Munde zu ihm drangen: Niemals wird Nikolas Starkos den Fu wieder in das Vaterhaus setzen! ... Niemals!
Und der Sohn beugte sich diesem Verbote und wich langsam zurck ... das Weib, das ihn unter dem Herzen getragen, dies Weib jagte ihn jetzt von sich, wie man einen Verrter von sich jagt! Da wollte er einen Schritt vorwrts tun ... Eine Gebrde, noch energischer als die erste, eine Gebrde, die einen Fluch bedeutete, bannte ihn an den Boden.
Nikolas Starkes fuhr zurck. Dann drehte er sich um und entwich aus dem eingefriedigten Raume. Dann schlug er den Pfad ber den Felsenhang wieder ein und stieg hinunter, mit groen Schritten, ohne sich wieder umzudrehen ... gleich als ob ihn eine unsichtbare Hand an den Schultern vorwrts stiee ...
Andronika stand, ohne ein Glied zu rhren, auf der Schwelle des Hauses und sah ihn mitten in der Nacht verschwinden.
Nach zehn Minuten, ohne von seiner Aufregung das geringste merken zu lassen, wieder vllig Herr ber sich, erreichte Nikolas Starkos den Hafen, wo er sein Boot anrief und wo er wieder zu Schiffe ging. Die von Gozzo ausgefhrten Leute waren schon an Bord der Sakolewa.
Ohne da ein einziges Wort den Weg ber seine Lippen nahm, stieg Nikolas Starkos auf das Deck der Karysta und gab durch einen Wink Befehl, die Anker zu lichten.
Rasch wurde das Manver ausgefhrt. Es brauchten blo die zum schnellen Aufbruch bereiten Segel gehit zu werden. Es hatte sich Wind vom Lande her aufgenommen, der die Ausfahrt aus dem Hafen wesentlich frderte.
Kaum fnf Minuten waren verstrichen, so passierte die Karysta sicher und schweigsam, ohne da weder die Leute an Bord noch die Leute von Vitylo einen Ruf getan htten, die Engen des Kanals.
Aber noch keine Meile hoher See hatte die Sakolewa gewonnen, als eine mchtige Flamme den Felsenhang in Feuerglut setzte.
Andronika Starkos hatte Feuer an das Haus gelegt, das bis auf den Grund niederbrannte ... Die Mutterhand hatte das Feuer angelegt ... das Mutterherz litt nicht, da von der Sttte, wo sie dem Sohne das Leben geschenkt, die schwchste Spur verbliebe!
Drei Meilen weit konnte der Kapitn den Blick nicht wenden von dem Feuerschein, der ber die ganze Landschaft Magnos hin loderte, und bis auf den letzten Funken verfolgte er den Schein in den nchtlichen Schatten.
Niemals wird Nikolas Starkos den Fu wieder in das Vaterhaus setzen! ... Niemals!
Das waren die Worte, die Andronika Starkos gesprochen hatte!

Drittes Kapitel.

Griechen wider Trken.

In den vorgeschichtlichen Tagen, zur Zeit, als sich die feste Erdrinde unter der Arbeit von inneren, neptunischen oder vulkanischen Krften allmhlich umgestaltete, entstand Griechenland, und zwar zufolge eines Erdbebens, das diesen Teil der Erde ber die Meeresflche hob, whrend ein ganzer Teil des Kontinents im Archipel verschlungen wurde, von welchem nur noch die Spitzen in Gestalt von Inseln vorhanden sind. Griechenland liegt nmlich in der Erdbebenzone, die sich von Cypern bis Toskana erstreckt.
Wie es scheint, ist den Bewohnern Griechenlands von dem unbestndigen Boden ihrer Heimat der Instinkt zu jener physischen und moralischen Erregung berkommen, die ihren Heldenmut bis zur hchsten Ueberschwenglichkeit zu steigern vermag. Ganz ebenso wahr ist es, da sie es einzig und allein durch die ihnen angeborenen Eigenschaften, unzhmbaren Mut, hohe Vaterlandsliebe, hohen Freiheitssinn, erreicht haben, aus diesen seit so viel Jahrhunderten unter ottomanischem Druck schmachtenden Provinzen einen unabhngigen Staat zu bilden.
In der allerfrhesten Zeit pelasgisch, das heit bevlkert durch Stmme Asiens; vom 16. bis zum 14. Jahrhundert vor Christi Geburt hellenisch, nmlich seit Auftreten der Hellenen, von denen ein Stamm, die Graikoi, dem Lande den Namen geben sollte in jenen fast mythologischen Zeiten der Argonauten, der Herakliden und des trojanischen Kriegs; endlich griechisch im eigentlichen Sinne des Wortes, und zwar seit Lykurg, Miltiades, Themistokles, Aristides, Leonidas, Aeschylos, Sophokles, Aristophanes, Herodot, Thukydides, Pythagoras, Sokrates, Pluto, Aristoteles, Hippokrates, Phidias, Perikles, Alcibiades, Pelopidas, Epaminondas, Demosthenes; sodann macedonisch mit Philipp und Alexander dem Groen: fllt Griechenland unter dem Namen Achaia im Jahre 146 vor Christi Geburt als Provinz unter die Herrschaft Roms und bleibt unter derselben ganze vier Jahrhunderte.
Von dieser Zeit ab tritt Griechenland nacheinander unter die Herrschaft der Westgoten, Vandalen, Ostgoten, Bulgaren, Slaven, Araber, Normannen, Sizilier, wird zu Anfang des 13. Jahrhunderts von den Kreuzfahrern erobert, im 15. Jahrhundert in eine groe Anzahl von Einzelreichen zerstckelt und gert von da ab unter trkische Herrschaft.
Alles politische Leben erstirbt nun volle zwei Jahrhunderte fast vollstndig in Griechenland. Die Willkrherrschaft der trkischen Behrden berschritt alle Grenzen. Griechenland war weder ein annektiertes, noch ein erobertes, noch gar ein besiegtes Land; die Griechen waren Sklaven, die unter der Fuchtel des Paschas standen, dem zur Rechten der Imam oder Priester, zur Linken der Dschellah oder Henker stand.
Aber noch immer war nicht alles Leben aus diesem im Todeskampfe liegenden Lande gewichen. Noch einmal sollte es unter dem Ueberma von Schmerz und Leiden zucken. Im Jahre 1766 standen die Montenegriner im Epirus, im Jahre 1769 die Manioten auf; ihnen folgten die albanesischen Sulioten, die ihre Unabhngigkeit verkndeten; aber im Jahre 1804 wurden all diese Versuche, das tyrannische Joch der Trken abzuschtteln, durch den Pascha Ali von Janina endgltig unterdrckt.
Nun war die Zeit zur Intervention fr die europischen Mchte gekommen, wenn sie nicht zur vlligen Vernichtung Griechenlands selber die Hand mit bieten wollten. Blieb Griechenland auf seine eigene Kraft beschrnkt, so konnte es ber dem Versuche, seine Unabhngigkeit wieder zu erringen, blo in den Tod gehen.
Im Jahre 1821 rief Ali Pascha, als er sich selber gegen den Sultan Mahmud emprte, die Griechen zu Hilfe unter Zusicherung ihrer Freiheit. Sie standen auf in Masse. Aus allen Teilen Europas eilten ihnen die Philhellenen zu Hilfe. Italiener, Polen, Deutsche, vor allem aber Franzosen scharten sich zusammen wider die Bedrcker Griechenlands. Die Namen Guy de Sainte-Hlne, Gaillard, Chaurassaigne, der Kapitne Baleste und Jourdain, des Obersten Fabvier, des Reiterfhrers Regnaud de Saint-Jean d'Angly, des Generals Maison, sodann der Briten Lord Cochrane, Lord Byron und Colonel Hastings haben in diesem Lande, fr das sie stritten und starben, ein unvergngliches Andenken hinterlassen.
Diesen berhmten Namen von Mnnern, welche sich durch ihre Hingabe fr ein bedrcktes Volk zu den heldenmtigsten Taten begeistern lieen, stellte Griechenland selber zahlreiche Namen aus den edelsten Geschlechtern an die Seite: drei Hydrioten: Tombasis, Tsamados, Miaulis, dann: Colocotroni, Marco Botsaris, Maurocordato, Mauranichalis, Constantin Canaris, Negris, Constantin und Demetrius Ypsilanti, Ulysses und noch viele andere. Von Anfang an nahm der Aufstand den Charakter eines Kriegs bis aufs Messer an: Zahn um Zahn, Auge um Auge: und die grausigsten Repressalien wurden hben und drben genommen.
Im Jahre 1821 stehen die Sulioten und Manioten auf. In Patras erhebt Bischof Germanos mit dem Kreuz in der Hand den ersten Schlachtruf. Morea, die Moldau und der Archipel scharen sich unter die Flagge der Unabhngigkeit. Die Hellenen sind siegreich auf dem Meere: es gelingt ihnen, Tripolitsa zu nehmen. Auf diese ersten Erfolge der Griechen geben die Trken die Antwort durch das Blutbad von Konstantinopel, bei welchem alle in der trkischen Hauptstadt sehaften Griechen ermordet werden.
Im Jahre 1822 wird Ali Pascha in seiner Feste Janina von dem Trkengeneral Kurschid belagert und bei einer ihm von dem letzteren vorgeschlagenen Zusammenkunft meuchlings ermordet. Kurze Zeit nachher werden Maurocordato und die Philhellenen in dem Treffen bei Arta vernichtet, erringen aber vor Missolunghi Vorteile, dessen erste Belagerung Omar Pascha, und zwar nicht ohne erhebliche Verluste, aufheben mu.
Vom Jahre 1823 ab setzen die Mchte Europas energischer ein, schlagen dem Sultan ihre Vermittelung vor. Der Sultan weist jede Einmischung zurck und landet, um seiner ablehnenden Haltung Nachdruck zu verleihen, auf Euba zehntausend Mann asiatischer Truppen. Sein Vasall Mehemet Ali, - der Pascha von Aegypten - erhlt das Oberkommando. In den Kmpfen dieses Jahres fllt Marco Botsaris, jener griechische Patriot, von dem sich sagen lt: Er lebte wie Aristides und starb wie Leonidas.
Im Jahre 1824, als es um die Sache der Griechen am schlimmsten steht, landet Lord Byron in Missolunghi am 24. Januar, stirbt aber schon am Ostersonntag vor Lepanto, ohne da er die Verwirklichung seines Traumes erlebt. Die Ipsarionten werden von den Trken niedergemacht und die Stadt Candia auf Kreta ergibt sich den Truppen Mehemet-Alis. Einzig und allein die Erfolge zur See vermgen die Griechen ber solches Unma von Ungemach zu trsten.
Im Jahre 1825 landet Mehemet-Alis Sohn, Ibrahim Pascha, mit 11000 Mann in Modon auf Morea, erobert Navarin und schlgt Colocotroni bei Tripolitsa. Die hellenische Regierung unterstellt nun ein Korps regulrer Truppen zwei franzsischen Offizieren: den Obersten Fabvier und Regnaud de Saint-Jean d'Angely. Bevor aber dieses Korps ausrckt, verwstet Ibrahim Messenien und Magnos und rckt vor Missolunghi, um den Getteral Kiutaghi bei dessen Belagerung zu untersttzen; denn trotz dem Befehle des Sultans: entweder Missolunghi oder deinen Kopf! kann Kiutaghi die Feste nicht bezwingen.
Am 25. Januar 1825 rckt Ibrahim Pascha, nachdem er Pyrgos eingeschert, vor Missolunghi. Vom 25. bis 28. Januar bombardiert er die Stadt, berennt sie dreimal, vermag sie aber nicht zu nehmen, trotzdem er nur wenig ber 2000 von Hunger und Not entkrftete Griechen gegen sich hat. Als aber Miaulis mit seinem Geschwader, das der belagerten Feste Hilfe bringen soll, zurckgeschlagen wird, gelangt Ibrahim Pascha zum Ziele, und am 23. April, nach einer Belagerung, die ber zwei Drittel seiner Besatzung das Leben gekostet hat, fllt Missolunghi. Seine gesamte Bewohnerschaft wird mit dem Reste der Besatzung, zusammen an 9000 Kpfe, Mnner, Weiber und Kinder, von den Soldaten Ibrahim Paschas erbarmungslos niedergemetzelt.
Noch im selben Jahre rcken die Trken unter Fhrung von Kiutaghi, nachdem sie Phokis und Botien verwstet, am 10. Juli vor Theben, dringen in Attika ein, berennen Athen, erobern es, und belagern die von fnfzehnhundert Griechen verteidigte Akropolis.
Dieser Feste, die als Schlssel von Griechenland gilt, zu Hilfe entsendet die neue Regierung einen der Helden von Missolunghi, Karaiskakis, und den Obersten Fabvier mit seinem Korps regulrer Truppen. Die Schlacht, die sie den Trken bei Chaidari liefern, wird verloren, und Kiutaghi kann die Belagerung der Akropolis fortsetzen. Inzwischen dringt Karaiskakis durch die Schluchten des Parna, schlagt die Trken bei Arachowa am 5. Dezember und errichtet auf dem Schlachtfelde die grausige Trophe von dreihundert abgeschnittenen Trkenkpfen. Der ganze Norden Griechenlands wird durch diesen Sieg frei.
Leider wird der griechische Archipel jetzt die Beute der schlimmsten Seeruber, die jemals diese Meere verheert haben. Der Kriegszustand im Lande begnstigt natrlich ihr Treiben. Unter ihnen gilt, als der blutdrstigste und verwegenste der Pirat Sakratif, dessen bloer Name Schrecken und Entsetzen in allen Hfen und an allen Ksten der Levante herruft.
Sieben Monate vor der Zeit, zu welcher diese Erzhlung beginnt, werden jedoch die Trken gezwungen, sich in verschiedene feste Pltze des westlichen Griechenlands zurckzuziehen. Im Februar 1827 haben die Griechen das trkische Joch vom Golf von Ambrakia bis zu den Grenzen von Attika abgeschttelt. Der Halbmond weht blo noch ber Missolunghi, Bonitsa und Naupaktos. Am 21. Mrz berufen die Griechen der nrdlichen Provinzen und die Griechen des Peloponnes, unter Verzicht auf ihre innern Streitigkeiten, unter Lord Cochranes Einflu die Vertreter der Nation zu einer Versammlung in Trzene, und legen die Gesamtgewalt in eine Hand, in die Hand eines Fremden, eines russischen Diplomaten griechischer Abstammung, des aus Korfu gebrtigen Capo d'Istria.
Aber Athen befand sich in den Hnden der Trken. Am 5. Juni hatte die Akropolis kapituliert. Nordgriechenland wurde nun wieder unter trkisches Joch gezwungen. Am 6. Juli unterzeichneten allerdings Frankreich, England, Ruland und Oesterreich eine Konvention, kraft deren sie der griechischen Nation ihre Unabhngigkeit unter trkischer Oberhoheit zuerkannten, und verpflichteten sich in einer geheimen Klausel, gemeinsam gegen die Trkei vorzugehen, falls sich der Sultan einem gtlichen Abkommen verschlieen sollte.
Dies sind die Hauptakte jenes blutigen Dramas, die der Leser kennen mu, weil sie mit der Erzhlung, die nun folgt, in unmittelbarem Zusammenhang stehen.

Viertes Kapitel.

Eines reichen Mannes trauriges Heim.

Whrend die Karysta nordwrts segelte, nach einem Ziele, das blo ihrem Kapitn bekannt war, spielte sich auf Korfu ein Ereignis ab, das zwar nur privaten Charakters war, nichtsdestoweniger aber die ffentliche Aufmerksamkeit auf die Hauptpersonen dieser Erzhlung lenken sollte.
Seit dem Jahre 1815 waren bekanntlich zufolge der damals geschlossenen Vertrge die Ionischen Inseln unter englisches Protektorat gestellt worden, nachdem sie bis 1814 demjenigen Frankreichs den Vorzug gegeben hatten. Als grte und bedeutendste der ganzen Gruppe, zugleich auch am weitesten westlich gelegen, gilt Korfu; sonst sind aus der Gruppe noch zu nennen: Cerigo, Zante, Ithaka, Kefalonia, Leukadia und Paxos. Korfu ist das Korkyra des Altertums, bekannt in demselben durch den Knig Alkinous, den edelsinnigen Gastfreund des Jason und der Medea und aus dem trojanischen Kriege durch die Landung des Ulysses; im Mittelalter im wechselseitigen Besitze von Franken, Bulgaren, Sarazenen und Neapolitanern, im 16. Jahrhundert durch den algerischen Seeruber Barbarossa, im 18. verteidigt durch den Grafen von Schulenburg, gegen Ausgang des ersten Kaiserreichs durch General Donzelot, und von da ab Sitz eines britischen Oberkommissariats.
Zur Zeit unserer Erzhlung unterstand dies letztere dem Befehle Sir Frederick Adams, Gouverneurs der Ionischen Inseln. Angesichts der Mglichkeiten, die durch den Krieg der Griechen gegen die Trken entstehen konnten, standen ihm unausgesetzt mehrere Fregatten zum Zwecke polizeilicher berwachung dieser Gewsser zur Disposition. Dazu waren tatschlich andere als Fahrzeuge solcher Ordnung nicht zu verwenden, denn den griechischen Archipel machten nicht blo Griechen und Trken und Trger von Kaperbriefen, sondern vorzugsweise Seeruber zu jener Zeit unsicher, die keine Nationalitt verschonten, sondern jedes Schiff enterten und plnderten, dessen sie habhaft werden konnten.
Es kamen damals in Korfu Fremde aller Art zusammen, vorzugsweise solche, die whrend der letzten 3-4 Jahre durch die verschiedenen Phasen des Unabhngigkeitskriegs nach Griechenland gezogen worden waren. Von Korfu schifften sich die einen nach dem Kriegsschauplatz ein, whrend die anderen sich in Korfu aufhielten, um sich von den grenzenlosen Strapazen, die der Krieg auferlegte, eine Zeitlang zu erholen.
Unter diesen letzteren haben wir eines jungen Franzosen zu gedenken, der, von leidenschaftlicher Begeisterung fr die edle Sache erfllt, seit fnf Jahren ttigen und ruhmvollen Anteil an den wichtigsten Ereignissen genommen hat, deren Schauplatz die hellenische Halbinsel war.
Henry d'Albaret, Schiffsleutnant der damals kniglichen Marine von Frankreich, und zwar einer der jngsten im Range, auf unbeschrnkte Zeit beurlaubt, 29 Jahre alt, von mittlerer Gre und krftiger Natur, war seit Anfang des Krieges unter die Flagge der franzsischen Philhellenen getreten und erfreute sich zufolge seiner vornehmen und mnnlich-schnen Erscheinung und angenehmen Umgangsformen, seines freien, offenen Wesens und seiner guten, weitreichenden Beziehungen einer ziemlich allgemeinen Beliebtheit.
Henry d'Albaret stammte aus einer reichen Pariser Familie. Seine Mutter hatte er kaum gekannt. Sein Vater war zu der Zeit ungefhr gestorben, als der Sohn mndig wurde, also im zweiten oder dritten Jahre nach dessen Absolvierung der Seemannsschule. Hierdurch in den Besitz eines ziemlich bedeutenden Vermgens gelangt, hatte er trotzdem den Seemannsberuf nicht aufgegeben, sondern war vielmehr als einer der ersten mit nach Griechenland geeilt, um seine seemnnischen Kenntnisse in den Dienst dieses um seine Freiheit ringenden unglcklichen Landes zu stellen. Unter Maurocordato hatte er 1822 bei Arta, dann vor Missolunghi, 1823 unter Marco Botsaris, 1824 in den siegreichen Seegefechten gegen Mehemet-Ali, 1824 unter dem Obersten Fabvier bei Tripolitsa, 1826 im Juli bei Chaidari gekmpft. In dieser furchtbaren Schlacht, die den Philhellenen unersetzliche Verluste schlug, hatte er Andronika Starkos das Leben gerettet. Bald darauf war er wieder zu seinem Kommandanten, dem Oberst Fabvier, gestoen, um neben ihm bei Methen zu kmpfen.
Mit 1500 Mann verteidigte zur Zeit Kommandant Guras die Akropolis von Athen. In diese Feste hatten sich 500 Weiber und Kinder gerettet, denen durch die Trken bei der Eroberung der Stadt die Flucht abgeschnitten worden war. Guras hatte Proviant fr ein Jahr, verfgte ber Material von vierzehn Kanonen und drei Haubitzen, hatte aber keine Munition mehr. Oberst Fabvier fate nun den Entschlu, die Akropolis mit Munition zu versorgen. Er rief Freiwillige auf zu diesem Wagestck: 530 Mann entsprachen seinem Rufe, darunter 40 Philhellenen und an der Spitze derselben Henry d'Albaret. Jeder dieser verwegenen Parteignger schiffte sich mit einem Sack Pulver unter Fabviers Befehl zu Methen ein.
Am 13. Dezember landet dies kleine Korps fast direkt am Fue der Akropolis. Ein Mondstrahl trifft und verrt sie. Die Trken begren sie mit Gewehrsalven. Fabvier kommandiert: Vorwrts! Alle Mann klettern mit ihren Pulverscken, die aller Augenblicke explodieren und sie in Stcke reien knnen, den Graben hinauf und dringen durch die offnen Tore in die Feste. Siegreich schlagen die Belagerten die Trken zurck. Aber Fabvier ist verwundet, sein Major fllt, von einer Kugel getroffen, und auch Henry d'Albaret sinkt. Die Regulren mit ihren Offizieren sind nun in der Feste eingeschlossen zusammen mit den Belagerten, denen sie mit solchem Todesmute Hilfe gebracht haben und die sie nun nicht wieder ziehen lassen wollen.
In der Feste mu nun der junge Offizier, dessen Blessur zum Glck nicht schwerer Natur ist, alle Not mit den Belagerten teilen, die schlielich auf ein paar Rationen Gerste als einzige Nahrung angewiesen sind. Ein halbes Jahr verstreicht, ehe ihm durch die mit dem Trkengeneral Kiutaghi abgeschlossene Kapitulation die Freiheit zuteil wird. Erst am 5. Juni 1827 ist Oberst Fabvier mit seinen Freiwilligen und den Belagerten in der Lage, die Feste zu verlassen und sich auf Transportschiffe nach Salamis zu begeben.
Henry d'Albaret mochte, trotzdem er noch sehr schwach war, nicht lnger in Athen verweilen und schiffte sich nach Korfu ein. Hier suchte er nun seit acht Wochen Erholung von seinen Strapazen und Genesung von seinen Leiden; hier harrte er der Stunde, da er seinen Posten in der vordersten Reihe wieder bekleiden knnte, als der Zufall seinem Leben, das bislang nur militrischen Pflichten geweiht war, ein neues Interesse verleihen sollte.
In Korfu, am uersten Ende der Strada Reale, stand ein altes Haus von unscheinbarem Aussehen, halb im griechischen, halb im italienischen Stil gebaut. Dort wohnte ein Mann, der sich wenig sehen lie, von dem aber viel gesprochen wurde, nmlich der Bankier Elisundo. Ob er ein Sechziger war oder ein Siebziger, htte kaum jemand sagen knnen. Seit etwa 20 Jahren wohnte er in dem dstern Hause, aus dem er kaum je den Fu setzte. Statt dessen aber fanden um so mehr Leute den Weg zu ihm, und zwar Leute aller Lnder und aller Stnde, und alles Leute, die ihn brauchten. Ganz ohne Frage wurden in diesem unscheinbaren, aber aufs beste renommierten Bankhause sehr bedeutende Geschfte abgeschlossen. Elisundo galt zudem fr einen schwerreichen Mann. Kein Haus auf den ionischen Inseln bis nach Zara und Ragusa in Dalmatien hin htte mit dem Bankhause Elisundo in Korfu in Konkurrenz treten knnen. Eine Tratte vom Bankhause Elisundo war so gut wie bares Geld. Auf unsichre Geschfte lie Elisundo sich niemals ein, ja er galt sogar fr bervorsichtig, um nicht zu sagen engherzig, in Geschftssachen. Ohne vorzgliche Referenzen und goldsichre Brgschaften lehnte er allen Verkehr ab; dagegen schien seine Kasse, sobald diese Bedingungen erfllt waren, unerschpflich zu sein. Fast all seine Geschfte besorgte Elisundo selbst; es war nur ein einziger Mensch in seinem Hause, von welchem spter die Rede sein wird, dem die unwichtigeren Kontorarbeiten oblagen. Elisundo war sowohl sein eigener Kassierer als sein eigener Buchhalter. Keine Tratte ging anders aus dem Hause als durch seine Hnde, kein Brief ging aus dem Hause, der nicht von ihm geschrieben war. Nie hatte im Kontor von Elisundo ein fremder Kommis gesessen: ein Umstand, der nicht wenig dazu beitrug, dem Bankhause einen besonderen Charakter, den von ihm geschlossenen Geschften ein strenges Geheimnis zu wahren.
Woher der Bankier gebrtig war? Aus Illyrien oder Dalmatien, hie es. Aber Genaues in dieser Hinsicht wute niemand. Stumm wie das Grab ber seine Vergangenheit, noch stummer als das Grab ber alles, was sein gegenwrtiges Leben anbetraf, mied er allen Umgang mit der Gesellschaft Korfus. Als die Inselgruppe unter Frankreichs Protektorat gestellt wurde, war seine Existenz bereits ganz dieselbe wie zu der sptern Zeit, als ein britischer Gouverneur auf den Inseln amtierte. Hchst wahrscheinlich war nicht alles buchstblich zu nehmen, was ber das Vermgen des Mannes, das die Leute nach Hunderten von Millionen schtzten, gesprochen wurde. Aber reich, sehr reich mute Elisundo sein, wenn er auch hchst bescheiden lebte und kaum Bedrfnisse zu haben schien. Elisundo war Witwer und zwar schon, als er sich in Korfu mit einem damals zweijhrigen Tchterchen niederlie. Jetzt war dies Tchterchen, das den Namen Hadschina fhrte, 22 Jahre alt und fhrte dem Vater das Haus.
Ueberall, auch in jenen Lndern des Orients, die durch Frauenschnheit berhmt sind, wrde Hadschina Elisundo als ein Weib von wunderbarer Schnheit gegolten haben, und zwar trotz dem etwas ernsten Ausdruck ihrer Zge. Wie htte dieser Ausdruck aber anders sein sollen in dieser Umgebung, in der sich ihre ganze Jugend abgespielt hatte? ohne die fhrende Hand einer Mutter? ohne eine Genossin, mit der sie die ersten Mdchengedanken htte austauschen knnen? Hadschina Elisundo war von mittlerer Gre, aber von vornehmer Figur. Durch ihre griechische Herkunft mtterlicherseits erinnerte sie an den Typus jener schnen jungen Weiber Lakoniens, die ber alle Weiber des Peloponnes den Sieg davontrugen.
Von einer besonderen Zrtlichkeit war zwischen Tochter und Vater keine Rede; sie konnte auch kaum vorhanden sein. Der Bankier lebte allein, still, zurckgezogen - er gehrte zu jenen Menschen, die zumeist den Kopf wenden und die Augen bedecken, als wenn ihnen das Licht weh tte. Wenig mitteilsam sowohl in seinem Privatleben wie im ffentlichen Leben, ging er niemals aus sich heraus, selbst im Verkehr mit seinen Geschftskunden nicht. Wie htte also Hadschina solchem abgeschlossenen Leben Reiz abgewinnen knnen, da sie im Bereich der Mauern, hinter denen ihr Leben verflo, kaum den Weg zum Vaterherzen offen fand!
Zum Glck lebte in ihrer Nhe eine gutmtige, treue, liebevolle Seele, die blo lebte fr ihre junge Herrin, die mit ihr traurig war, deren Zge sich aufhellten, wenn sie auf den Zgen der Herrin Frhlichkeit sah. Ihr ganzes Leben ging auf im Leben ihrer Hadschina. Es war kein Hund, wie man nach diesen Worten vielleicht meinen knnte - nein! es war ein Mann, aber ein Mann, der verdient htte, ein Hund zu sein: er war bei Hadschinas Geburt schon im Hause Elisundo gewesen - er hatte Hadschina, seit sie auf der Welt war, nie verlassen - er hatte sie gewiegt als kleines Kind - er diente ihr, treu und ehrlich, seit sie als junges Mdchen in die Welt getreten war.
Der Mann war ein Grieche mit Namen Xaris, ein Milchbruder von Hadschinas Mutter und war ihr, als sie den Bankier von Korfu heiratete, dorthin gefolgt. Also war er schon ber 20 Jahre in Elisundos Hause, wo er eine Stellung einnahm hher als die eines gewhnlichen Dieners oder Angestellten, denn sobald es sich um leichtere Schreibarbeit handelte, half er auch Elisundo.
Xaris war, gleich gewissen typischen Erscheinungen Lakoniens, ein Mann von hoher Figur, breitschultrig, von auergewhnlicher Muskelstrke. Er hatte ein hbsches Gesicht, ein Paar schne Augen mit freiem, offenem Blick, eine lange, gebogene Nase, einen stattlichen schwarzen Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er die wollne Mtze von dunkler Farbe, um die Hften die gefllige Fustanella seiner Heimat.
Wenn Hadschina Elisundo ausging, um Einkufe zu machen, oder um sich zum Gottesdienste in die katholische Kirche Zum heiligen Spiridion zu begeben, oder um ein bichen Seeluft zu schpfen, die den Weg kaum bis in das Haus auf der Strada Reale fand, war Xaris immer Hadschinas Begleiter. Viel junge Korfioten hatten so Hadschina sehen knnen auf der Esplanade und auch in den Straen der Vorstadt Kastrades, die sich lngst der Bai dieses Namens hinzieht. Mehr denn einer hatte versucht, den Weg zu ihrem Vater zu finden. Wen htte die Schnheit des jungen Mdchens nicht hinreien, wen schlielich nicht auch die Millionen des Hauses Elisundo locken sollen? Aber gegen alle Antrge dieser Art hatte Hadschina sich ablehnend verhalten. Der Bankier selber hatte sich niemals eingemischt, um sie zu andern Entschlssen zu bringen. Und doch htte der brave Xaris alle Seligkeit, auf die ihm eine grenzenlose Hingabe und Treue ein Anrecht in der andern Welt gab, dafr hingegeben, wenn seine junge Herrin Glck und Seligkeit in dieser Welt gefunden htte!
So also lagen die Dinge in diesem strengen, traurigen in einem Winkel der Hauptstadt von Alt-Korlyra gleichsam isoliert liegenden Hause; das war das Haus, in welches die Zuflligkeiten des Lebens Henry d'Albaret fhren sollten.
Zuerst waren es Beziehungen geschftlicher Natur, die sich zwischen dem Bankier und dem franzsischen Offizier anbahnten. Von Paris brachte derselbe Tratten ber hohe Summen auf das Bankhaus Elisundo mit, die er in Korfu diskontierte. Von Korfu aus lie er sich die Geldbetrge senden, die er whrend seines Aufenthaltes im philhellenischen Lager brauchte. Wiederholt kam er auf die Insel, und so konnte es nicht fehlen, da er die Bekanntschaft von Hadschina Elisundo machte. Die Schnheit des jungen Mdchens hatte ihn berrascht. Die Erinnerung an sie folgte ihm auf die Schlachtfelder von Morea und Attika.
Nach dem Fall der Akropolis konnte Henry d'Albaret nichts Klgeres tun, als sich wieder nach Korfu zu begeben. Seine Blessur war noch nicht ausgeheilt. Die unsglichen Leiden der Belagerung hatten seine Gesundheit erschttert. Auf ein paar Stunden am Tage fand er im Hause des Bankiers immer gastfreundliche Aufnahme, wenn er auch nicht dort wohnte: und schon solches Entgegenkommens hatte sich von seiten des verschlossenen Elisundo kein anderer Fremder zu erfreuen.
ber solcher Lebensweise verflo ungefhr ein Vierteljahr. Mit der Zeit verloren seine tglichen Besuche im Hause Elisundo an geschftlichem Charakter und nahmen ein anderes Interesse: Hadschina hatte es dem jungen Offizier angetan. Wie htte ihr das verborgen bleiben sollen, wenn sie ihn kaum aus ihrer Nhe weichen, wenn sie ihn im Zauber ihrer Stimme, ihres Blickes befangen sah? hatte sie ihm doch, ohne alles zchtige Bedenken, alle Sorge, alle Pflege gewidmet, die der noch immer schlechte Stand seiner Gesundheit notwendig machte! konnte sich doch Henry d'Albaret unter der Hand solcher Pflegerin nicht anders als im siebenten Himmel fhlen!
Zudem hielt Xaris mit der Sympathie, die ihm der offne, liebenswrdige Charakter des jungen Offiziers einflte, nicht hinter dem Berge. Seine Anhnglichkeit an ihn gewann mit jedem Tage schrferen Ausdruck.
Du hast recht, Hadschina, sagte er oft zu dem jungen Mdchen; Griechenland ist dein Vaterland und mein Vaterland, und da Herr Henry im Kampfe fr unser Vaterland gelitten hat, das drfen wir ihm nie vergessen!
Er liebt mich! sagte Hadschina daraufhin eines Tages zu Xaris ... und sagte es zu ihm mit all der Herzensgte, die sie bei allen Dingen an den Tag legte.
Ei! warum soll er dich nicht lieben? warum sollst du seine Liebe nicht erwidern? antwortete Xaris; dein Vater wird alt, Hadschina! ich werde auch nicht ewig da sein. Und wo knntest du im Leben einen sicheren Beschtzer finden als Henry d'Albaret?
Hadschina hatte nichts darauf erwidert. Was htte sie anderes sagen knnen, als da sie die Liebe erwidere, die Henry ihr entgegenbrachte? Aber eine Scheu durchaus natrlicher Art wehrte ihr, solche Empfindung zu offenbaren, selbst Xaris zu offenbaren, vor dem sie sonst keine Geheimnisse hatte.
Auf diesen Standpunkt waren die Dinge gediehen. Fr niemand in der korfiotischen Gesellschaft war derselbe Geheimnis; und ehe noch irgend hierber offiziell etwas verlautet, wurde von der Heirat zwischen Henry d'Albaret und Hadschina Elisundo wie von einer ausgemachten Sache gesprochen.
Die Bemerkung drfte hier am Platze sein, da es dem Bankier selber durchaus nicht unangenehm zu sein schien, da der junge Offizier seiner Tochter den Hof machte. Wie Xaris bereits Hadschina gesagt hatte: der Bankier fhlte recht gut, da ihm das Alter nahe rckte, mit schnellen Schritten nahe rckte. So groe Drre auch in seinem Herzen herrschte, so mute doch Platz dort noch sein fr die Furcht, da Hadschina, wenn er das Zeitliche segnete, im Leben allein stehen wrde. Da Hadschina seine Erbin, die einzige Erbin seines ganzen Vermgens sein wrde, stand auf einem andern Blatte: fr Henry d'Albaret zudem hatte die Vermgensfrage niemals Interesse gehabt, keinen Augenblick war bei ihm in Betracht gekommen, ob Hadschina reich sei oder arm. Seine Liebe fr das junge Mdchen erwuchs aus ganz anderen, besseren Regungen und nicht aus Interessen plebejischer Natur. Um ihrer Herzenseinfalt willen liebte er sie nicht minder als um ihrer krperlichen Schnheit willen, um der lebhaften Sympathie willen, die ihm Hadschinas Leben in solch trbseliger Umgebung einflte, nicht minder als um ihres Edelsinns, ihrer Lebensklugheit, ihrer Willensstrke willen!
All diese Eigenschaften traten scharf bei ihr hervor, sobald sie auf das im Joche der Tyrannei schmachtende Griechenland und auf das bermenschliche Ringen seiner Shne, ihm die Freiheit zu schaffen, zu sprechen kam. Da auf diesem Gebiete zwischen den beiden jungen Leuten die vollste Harmonie herrschte, wird keinem unserer Leser unverstndlich sein.
Wieviel herrliche Zeit verflo fr sie im Gesprch ber all diese Dinge, das sie in dieser schnen griechischen Sprache fhrten, die Henry jetzt so gelufig sprach wie seine Muttersprache: wenn er erzhlte von den Schlachten, die die mutigen Scharen der Griechen geschlagen, von den Seesiegen, die sie erfochten hatten! wenn er das Loblied der griechischen Frauen sang, die zusammen mit den Mnnern in den Kampf zogen, denen Hadschina, ach! wie gern! gefolgt wre, wre sie Herrin ihres Willens gewesen.
Und eines Tages, als die Rede wieder kam auf diese Heldinnen Griechenlands, da nannte Henry d'Albaret neben anderen Namen auch den Namen Andronika Starkos ... und Elisundo, der bei diesem Gesprch zugegen war, machte eine Gebrde - eine Gebrde so lebhafter Natur, da sie die Aufmerksamkeit der Tochter weckte.
Was ist dir denn, Vater? fragte sie.
Nichts, versetzte der Bankier. Nach kurzer Pause richtete er aber, im Tone eines Menschen, der recht gleichgltig erscheinen will, die Frage an den jungen Offizier: Sie haben die Frau gekannt, die Andronika?
Jawohl, Herr Elisundo.
Und wissen Sie auch, was aus ihr geworden ist?
Nein, das wei ich nicht, erwiderte Henry d'Albaret; nach dem Treffen von Chaidari wird sie sich wohl nach dem Magnos zurckbegeben haben, wo sie ja zu Hause ist. Lange wird es wohl aber nicht dauern, bis ich sie auf den Schlachtfeldern Griechenlands wieder treffen werde.
Gewi! setzte Hadschina hinzu, und dort ist auch ihr Platz!
Weshalb Elisundo diese Frage ber Andronika Starkos gestellt hatte? niemand begehrte das von ihm zu wissen: er htte doch sicher blo ausweichende Antwort gegeben. Aber seiner Tochter, die ber des Vaters Leben und Lebensbeziehungen nur schwach unterrichtet war, lie die Sache keine Ruhe. War es wohl mglich, da zwischen ihrem Vater und dieser von ihr bewunderten Heldin mit Namen Andronika irgend welches Verhltnis bestand?
Zudem war Elisundo in allem, was den Unabhngigkeitskampf der Griechen anbetraf, zurckhaltend, verschlossen. Nach welcher Seite hin er neigte, ob er den Bedrckern Glck und Erfolg wnschte oder den Bedrckten, wre schwer gewesen zu sagen - soweit er berhaupt der Mann war, jemand was zu wnschen oder berhaupt was zu wnschen. Eins allerdings stand bei dem Manne auer Zweifel: da ihm die Post aus der Trkei ganz ebenso viel Briefschaften brachte wie aus Griechenland. Aber wiederholt zu werden verdient hier, da Elisundo dem Offizier darum, weil derselbe sich fr die Hellenen begeistert hatte und fr die Hellenen sein Leben in die Schanze schlug, in seinem Hause um keinen Deut weniger freundlich gegenber trat, als wenn die Dinge umgekehrt gelegen htten!
Mittlerweile konnte aber Henry d'Albaret seinen Aufenthalt in Korfu nicht lnger hinausziehen. Seine Genesung hatte gute Fortschritte gemacht, er war wieder in den Vollbesitz seiner Krfte gelangt und von dem entschiedenen Willen beseelt, das, was er als Pflicht betrachtete, zum vollen Ende zu fhren. Er sprach oft mit dem jungen Mdchen darber.
Freilich ist es Ihre Pflicht! gab ihm Hadschina zur Antwort; und so groen Schmerz mir auch Ihre Abreise verursachen mag, Henry, so begreife ich doch, da Sie zu Ihren Waffengefhrten zurck mssen. So lange Griechenland nicht im Besitz seiner Freiheit ist, so lange wird es danach ringen mssen!
Ich gehe auf den Kriegsschauplatz, Hadschina! es mu sein! sagte Henry eines Tages; knnte ich aber die Gewiheit mit fortnehmen, da Sie mich lieben, da Sie meine Liebe erwidern ...
Henry, ich habe keinen Grund, die Empfindungen zu verheimlichen, die Sie mir einflen, versetzte Hadschina; ich bin kein Kind mehr und blicke der Zukunft mit dem schicklichen Ernste ins Auge. Ich glaube an Sie, setzte sie hinzu und reichte ihm die Hand - glauben auch Sie an mich! Ganz wie Sie mich heute verlassen, so sollen Sie mich finden bei Ihrer Rcklehr!
Henry d'Albaret hatte die Hand gedrckt, die ihm Hadschina als Pfand ihrer Empfindungen reichte.
Ich danke dir von ganzem Herzen, antwortete er ihr; ja! wir gehren einander ... schon heute! und mag auch unser Abschied darum schmerzlicher sein, so werde ich wenigstens jene Zuversicht mit mir nehmen, da mir deine Liebe gehrt! Aber bevor ich dich verlasse, Hadschina, will ich mit deinem Vater reden ... will auch die weitere Gewiheit mit mir nehmen, da er unsere Liebe gutheit, da uns von seiner Seite nichts in den Weg gelegt wird!
Das wird nur klug sein, Henry, erwiderte das junge Mdchen; hole dir sein Jawort, wie du das meinige besitzest!
Henry d'Albaret durfte mit der Ausfhrung dieser Absicht nicht sumen, denn sein Entschlu, wieder in das Korps des Obersten Fabvier zu treten, stand fest.
Die Dinge hatten sich inzwischen fr die Griechen immer ungnstiger gestaltet; die Londoner Konvention hatte noch keinerlei Wirkung getan und die Frage, ob sich die Mchte dem Sultan gegenber nicht blo auf offizise Noten, also vllig platonische Schritte beschrnkten, lag uerst nahe.
Zudem schienen die Trken, durch ihre Erfolge geblendet, von irgendwelchem Verzicht auf ihre Forderungen nicht das geringste wissen zu wollen. Trotz der beiden Geschwader, die jetzt im gyptischen Meere kreuzten - eines britischen unter dem Kommando des Admirals Corington und eines franzsischen unter Admiral Rigny, - und trotzdem die griechische Regierung, um die Verhandlung unter besserer Sicherheit fhren zu knnen, ihren Sitz nach Aegina verlegt hatte: entwickelten die Trken einen Starrsinn, der ganz danach angetan war, die Dinge, wenn sie nicht schon zum uersten gelangt waren, zum uersten zu treiben. Der Standpunkt der Trken war brigens recht wohl begreiflich, angesichts der Flotte von 92 Schiffen trkischer, gyptischer und tunisischer Flagge, die seit dem 7. September in der weiten Reede von Navarino lag, und die dem trkischen Befehlshaber Ibrahim Pascha ein unermeliches Kriegsmaterial zufhrte zur Deckung aller fr einen Feldzug gegen die Hydrioten notwendigen Erfordernisse.
Und gerade Hydra war der Platz, wo Henry d'Albaret wieder zu dem Freiwilligen-Korps stoen wollte. Diese an der Spitze von Argolis gelegene Insel ist eine der reichsten im ganzen Archipel. Blut und Geld hatte sie fr die Sache der Hellenen in reichem Mae geopfert, ihre unerschrockenen Shne Tombasis, Miaulis, Tsamados waren die Schrecken aller trkischen Seefahrer geworden, und nun drohte ihr die schrecklichste Vergeltung.
Henry d'Albaret mute also, wenn er den Soldaten Ibrahims noch in Hydra zuvorkommen wollte, Korfu schnell verlassen. Infolgedessen setzte er seine Abfahrt auf den 21. Oktober fest.
Ein paar Tage vorher suchte der junge Offizier, gem seiner Absprache mit Hadschina, Elisundo auf und hielt um die Hand seiner Tochter an. Er verhehlte ihm nicht, da sich Hadschina glcklich schtzen wrde, wenn er seinem Antrage zustimmte. Zudem kam ja fr's erste blo seine Einwilligung in Betracht, denn die Hochzeit sollte erst nach Henrys Rckkehr aus dem Feldzug gefeiert werden. Lange wrde brigens, wenigstens hoffte er so, seine Abwesenheit nicht dauern.
Dem Bankier waren die Verhltnisse des jungen Offiziers, seine Stellung, sein Vermgen, die Achtung, in welcher seine Familie in Frankreich stand, zur Genge bekannt. In dieser Hinsicht war irgend welche Auseinandersetzung nicht von nten. Nicht anders stand es auf seiner Seite. Sein Ruf stand auer Frage, ber sein Haus hatte niemals das geringste verlautet, was dessen Ansehen htte gefhrden knnen. Da Henry d'Albaret mit keinem Worte die Vermgensverhltnisse des Bankiers berhrte, unterlie dies auch der Bankier. Ueber den Antrag selbst sprach er sich gnstig aus und gab seine Zustimmung: da er einzig und allein das Glck seines Kindes im Auge htte, knne ihn selber der Antrag des Offiziers nur glcklich machen.
Die ganze Unterhaltung wurde in ziemlich khlem Tone gefhrt: wichtig dabei war zunchst nur, da sie berhaupt zustande gekommen war. Henry d'Albaret hatte jetzt das Wort des Bankiers, und der Bankier erhielt hierfr den Dank von seiner Tochter, den er mit seiner gewohnten Zurckhaltung entgegennahm.
Alles schien also zur grten Zufriedenheit des jungen Paares zu verlaufen, aber auch, wie nicht ungesagt bleiben darf, zur hchsten Freude des alten Xaris. Der vortreffliche Mensch weinte wie ein Kind und htte den jungen Offizier fr sein Leben gern geherzt und gekt.
Die Zeit, die Henry nun noch bei Hadschina verweilen konnte, war nur noch kurz. Die Brigg, auf der er sich einschiffen wollte, sollte von Korfu am 21. laufenden Monats nach Hydra in See gehen. Das junge Paar wich kaum voneinander. In sem Geplauder saen sie in der untern Stube, im Erdgescho des dstern Gebudes, sprachen von der Zukunft, die ihnen gehrte, wenn auch die Gegenwart ihnen noch entrnne. Darber vergaen sie aber der griechischen Sache nicht, in deren Dienst sich Henry wieder stellte.
So kam der 20. Oktober heran, der letzte Tag, der ihnen blieb, denn der andere Tag stand fr die Abfahrt des Offiziers fest. Wieder saen sie unten in dem groen Wohnraume und plauderten, als pltzlich Xaris hineingestrmt kam.
Er fand keine Worte. Er war auer Atem. Er war gerannt, gerannt wie ein Toller! In wenigen Minuten hatten ihn seine krftigen Beine durch die ganze Stadt getragen, von der Zitadelle bis zum Ende der Strada Reale.
Ei, was bringst du denn, Xaris? ... was ist dir denn? ... warum denn diese Aufregung? fragte Hadschina.
Was mir ist? was mir ist? keuchte Xaris ... eine Nachricht, eine wichtige Nachricht bringe ich ... eine ernste, wichtige Nachricht!
So sprechen Sie doch, Xaris! sprechen Sie! drngte nun auch Henry, da er nicht wute, ob er sich freuen solle oder sich ngstigen msse.
Ich kann nicht ... ich kann nicht, versetzte Xaris, dem die Aufregung tatschlich die Kehle zuschnrte.
Ist's eine Nachricht vom Kriegsschauplatz? fragte das Mdchen, ihn an der Hand fassend.
Ja doch! ... ja doch!
Aber so sprich doch! wiederholte sie ... sprich doch, lieber Xaris! ... was ist denn vorgegangen?
Trken ... heute geschlagen ... bei Navarino!
Auf diese Weise erhielten Henry und Hadschina die Kunde von der Seeschlacht am 20. Oktober.
Durch den Lrm, den Xaris gemacht hatte, herbeigelockt, war der Bankier in die Stube getreten. Als er vernahm, um was es sich handelte, preten sich unwillkrlich seine Lippen aufeinander und seine Stirn zog sich in Falten; aber er zeigte weder Befriedigung noch Verdru, whrend das junge Paar seiner Freude die Zgel schieen lie.
Die Nachricht von der Seeschlacht von Navarino war gerade erst in Korfu eingelangt. Aber schon wute man alle Einzelheiten, denn die optischen Telegraphen lngs der albanesischen Kste hatten bereits ausfhrliche Meldungen bermittelt.
Zu dem britischen und dem franzsischen Geschwader war das russische Geschwader mit 27 Schiffen und 1276 Geschtzen gestoen, und die drei Geschwader vereint hatten die Einfahrt zur Reede von Navarino forciert und die trkische Flotte angegriffen. Obwohl die Trken der Zahl nach in der Uebermacht waren, denn ihre Flotte zhlte 60 Schiffe aller Gren, die mit 1994 Geschtzen armiert waren, so waren sie doch besiegt worden. Zahlreiche ihrer Schiffe waren mit ihrer Besatzung in den Grund gebohrt oder in die Luft gesprengt worden. Ibrahim Pascha durfte also fr seine Expedition gegen Hydra auf eine Untersttzung durch seine Flotte nicht mehr zhlen.
Dies war ein Ereignis von erheblicher Wichtigkeit. Sie bedeutete tatschlich den Ausgangspunkt einer neuen Wendung fr die Sache der Griechen. Mochten auch die Mchte schon jetzt entschlossen sein, diesen Sieg nicht zur Vernichtung der Pforte auszunutzen, so schien doch nunmehr festzustehen, da sie gemeinsam fr die Abtrennung Griechenlands von der Trkei eintreten, da sie der Errichtung eines selbstherrlichen griechischen Knigreichs binnen absehbarer Zeit das Wort reden wrden.
Diese Ansicht herrschte auch im Bankhause Elisundo. Hadschina, Henry, Xaris hatten jubelnd in die Hnde geklatscht, und ihre Freude hallte in der ganzen Stadt wider. Den Shnen Griechenlands hatten die Kanonen von Navarino soeben die Freiheit gekndet!
Die Nachricht von diesem Siege der verbndeten Mchte oder vielmehr - und das ist zutreffender - von der Vernichtung der trkischen Seemacht brachte zunchst auch eine Aenderung in die Absichten des jungen Offiziers; denn Ibrahim Pascha mute jetzt den gegen Hydra geplanten Handstreich aufgeben. Von einem solchen konnte fr's erste nicht mehr die Rede sein. Henry d'Albaret nderte nun seine am 20. Oktober gefaten Plne. Da er sich dem den Hydrioten zu Hilfe geeilten Freiwilligenkorps anschlo, war hinfort nicht mehr ntig. Er beschlo vielmehr, in Korfu die Vorgnge abzuwarten, die auf diese Schlacht bei Navarino naturgem folgen muten.
Auf alle Flle lie sich jetzt wohl annehmen, da ber Griechenlands Schicksal keine Zweifel mehr schwebten, da Europa es nicht zermalmen lassen wrde, da in absehbarer Zeit der Halbmond der Freiheitsflagge das Feld rumen wrde, da Ibrahim Pascha, der sich schon auf das mittlere Land und die Kstenstdte im Peloponnes gedrngt sah, schlielich gezwungen sein wrde, auch diese letzten Pltze zu rumen.
An welchen Punkt der Halbinsel sollte sich unter solchen Umstnden Henry d'Albaret begeben? Jedenfalls rstete sich Oberst Fabvier zum Abmarsch von Mitylene, um den Feldzug gegen die Trken auf der Insel Scio zu erffnen; seine Rstungen nahmen aber sicher noch einige Zeit in Anspruch. Es lag also gar keine Veranlassung vor, an sofortigen Aufbruch zu denken.
In solcher Weise beurteilte der junge Offizier die Sachlage; und Hadschina schlo sich seinem Urteile an. Was zunchst hieraus folgte, war, da fr den Aufschub der Hochzeit kein plausibler Grund mehr vorhanden war. Zudem erhob Elisundo selber keinen Einwand gegen sofortige Feier derselben. Und so geschah es denn, da fr dieselbe die Zeit zu Ende Oktober festgesetzt wurde. Die Feier sollte ohne allen Pomp, und in aller Ruhe vor sich gehen, viel Leute, womglich die ganze Stadt dazu einzuladen, erschien unntz, denn weder Hadschina noch Henry d'Albaret sehnten sich nach Zeugen ihres Glckes. Aber einige Vorbereitungen erwiesen sich doch als notwendig, und man traf dieselben, ohne viel Aufhebens zu machen.
Es war der 23. Oktober, also blo noch sieben Tage bis zur Hochzeit. Da sich noch irgend ein Hindernis einstellen, irgend eine Verzgerung notwendig machen wrde, schien nicht zu befrchten zu sein. Und doch vollzog sich eine Tatsache, die Hadschina und Henry auf das lebhafteste beunruhigt haben wrde, wenn sie ihnen bekannt geworden wre.
Am 23. Oktober lief mit der Frhpost bei dem Bankier ein Schreiben ein, dessen Inhalt ihm einen unerwarteten Schlag versetzte. Er zerknllte das Schreiben, zerri das Schreiben, ja er verbrannte das Schreiben. Und das waren bei einem Manne, der sich sonst so vllig in der Gewalt hatte, doch Dinge, die auf eine seelische Erregung sehr tiefer Art deuteten!
Und dann htte man die Worte aus seinem Munde hren knnen, wenn er sie nicht gar so leise in sich hinein geflstert htte:
Warum ist dieser Wisch nicht acht Tage spter eingelaufen? Verflucht die Kreatur, die ihn geschrieben hat!

Fnftes Kapitel

Die messenische Kste.

Die ganze Nacht hindurch war die Karysta von Vitylo aus in sdwestlicher Richtung, also schrg durch den Busen von Koron, gefahren. Nikolas Starkos war wieder in seine Kabine hinunter gegangen und gedachte vor Tagesanbruch nicht wieder auf Deck zu kommen.
Der Wind war gnstig - eine jener frischen Brisen aus Sdost, die gewhnlich in diesen Meeren zu Sommersausgang und Frhlingsanfang zur Zeit der Solstitien oder Tag- und Nachtgleiche herrscht, wenn sich die Dnste des Mittelmeeres in Regen auflsen.
Gegen Morgen wurde das Kap Gallo an der Spitze Messeniens umsegelt, und die letzten, seine jhen Schroffen berragenden Gipfel des Taygetes verschwammen bald in den Dunstschleiern der aufsteigenden Sonne.
Sobald die Sakolewa die Spitze des Kaps hinter sich hatte, stand Nikolas Starkos wieder auf dem Verdeck. Sein erster Blick wandte sich gen Osten.
Die Landschaft Magnos war nicht mehr sichtbar. In dieser Himmelsrichtung stiegen jetzt die mchtigen Vorberge des Hagios-Dimitrios auf, ein kurzes Stck hinter dem Vorgebirge.
Einen Moment reckte sich der Arm des Kapitns gen Osten. War es eine Gebrde der Drohung? oder ein ewiger Scheidegru, der Heimat zugeworfen? Wer htte es sagen knnen? Aber Gutes verhie der Blick nicht, denn die Augen des Mannes in diesem Moment schossen Blitze.
Die Sakolewa, die unter dem Druck ihrer Quadrat- und ihrer lateinischen Segel flotte Fahrt machte, setzte jetzt die Steuerbordhalsen und fing an, nordwestlichen Kurs zu nehmen. Da aber der Wind vom Lande her kam, zeigte das Meer die gnstigsten Bedingungen fr eine Schnellfahrt. Die Sakolewa lie die Oinussischen Inseln, Cabrera, Sapienza und Venetia zur Linken, lenkte dann direkt durch die Enge zwischen Sapienza und dem Festlande, um in Sicht von Modon zu gelangen. Jetzt entrollte sich vor ihr die messenische Kste mit dem grandiosen Panorama ihrer Berge scharf vulkanischen Charakters. Dies Messenien war, nach endgltiger Konstituierung Griechenlands als Knigreich, zu einer der 13 Naumachien oder Prfekturen ersehen, aus denen dasselbe, mit Einschlu der ionischen Inseln, besteht. Zur Zeit dieser Erzhlung bildete Messenien aber blo einen der vielen Kriegsschaupltze und befand sich, je nachdem die Wrfel fielen, bald in den Hnden Ibrahim Paschas, bald in den Hnden der Griechen, gleich wie es im Altertum der Schauplatz jener drei messenischen Kriege war, die gegen die Spartaner gefhrt wurden und die Namen Aristomenes und Epaminondas zu Glanz und Ruhm erhoben.
Nikolas Starkos hatte sich, sobald er den Kurs seiner Sakolewa nach dem Kompa kontrolliert und Ausschau nach dem Wetter gehalten hatte, ohne ein Wort zu sprechen, auf das Hinterdeck begeben. Daraufhin wurden am Vorderdeck allerhand Meinungen ausgetauscht zwischen der alten Mannschaft und dem tagsvorher in Vitylo geworbenen Sukkurs - im ganzen waren es einige zwanzig Mann, die, weil der zweite Offizier zur Zeit nicht an Bord war, unter dem Befehl eines einfachen Hochbootsmanns standen, der aber blo das Sprachrohr des Kapitns war.
Viel redet er nicht gerade, der Kapitn!
So selten wie mglich; aber wenn er redet, hat's Hand und Fu und heischt auf der Stelle Gehorsam.
Wohin fhrt denn die Karysta?
Das wei man niemals.
Mohrenelement! wir sind auf Treu und Glauben geworben, und da kann's uns schlielich gleichgiltig bleiben.
Stimmt! und verlassen knnt ihr euch darauf, da es immer dorthin gehen mu, wohin der Kapitn uns fhrt.
Aber mit ihren beiden Kanonen kleinen Formats auf dem Vorderschiff kann sich die Karysta doch nicht einfallen lassen, Jagd auf Kauffahrteischiffe des Archipels zu machen?
Piraterie ist auch nicht ihre Aufgabe. Kapitn Starkos hat dazu andere Schiffe, voll armierte Schiffe mit ausreichender und tchtiger Besatzung. Die Karysta dient ihm gewissermaen als Vergngungsjacht. Ihr merkt's ja selber, wie harmlos sie aussieht, und dies harmlose Aussehen ist's ja, worauf die Kreuzer, Franzosen und Briten, Griechen und Trken, so grndlich hereinfallen.
Aber die Prisen-Anteile ...?
Prisen-Anteile fallen denen zu, die Prisen machen, und zu denen werdet ihr schon auch gehren, wenn die Sakolewa ihre Fahrtbestimmung erfllt hat. Die Hnde behaltet ihr schon nicht im Schoe, das lat euch gesagt sein! und wenn's Gefahr setzt, setzt's auch Profit, das lat euch gesagt sein!
Also gibt's jetzt in den Gewssern von Griechenland und seinen Inseln nichts zu tun?
Nichts! noch weniger im adriatischen Meere, wenn den Kapitn die Laune anwandeln sollte, dorthin zu steuern ... Bis auf neues Kommando sind wir also ehrsames Seevolk an Bord einer ehrsamen Sakolewa, die auf ehrsamer Fahrt begriffen ist im Ionischen Meere ... aber das Blttchen wird sich wenden!
Und je frher, desto bester! Die neu geworbene Mannschaft gab, wie man sieht, dem alten Stamme nichts nach, wenn es Prisen zu machen galt oder wenn es Arbeit vorm Feinde gab. Bedenken, Gewissensbisse, ja auch nur bloe Vorurteile in solcher Hinsicht durfte man bei dieser ganzen Kstenbevlkerung des untern Magnos nicht suchen. Die Leute waren tatschlich des Mannes wrdig, der das Kommando ber sie fhrte, und dieser Mann wute genau, da er sich auf sie verlassen konnte.
Den Kapitn kannten nun wohl die Leute von Vitylo, nicht aber den zweiten Offizier an Bord, der sowohl Seemann war als Kaufmann - den Judas des Kapitns, mit einem Worte! das war ein gewisser Skopelo, gebrtig auf Cerigotto, einem an der sdlichen Grenze des Archipels, zwischen Cerigo und Kreta gelegenen und gar bel beleumundeten Eiland. Und weil sie ihn nicht kannten, darum wandte sich jetzt einer von der neugeworbenen Mannschaft an den Hochbootsmann mit der Frage:
Na, und der Leutnant?
Der Leutnant ist gar nicht an Bord, ward ihm zur Antwort.
Kriegt man ihn nicht zu sehen?
Doch!
Wann?
Sobald es notwendig sein wird, da man ihn sieht.
Wo steckt er denn?
Dort, wo er stecken mu!
Mit dieser Antwort, die keine war, mute man sich abfinden. Uebrigens rief jetzt die Pfeife des Hochbootsmanns alle Mann auf Deck, die Schoten zu steifen. Das machte dem Geschwtz auf dem Verdeck mit einemmal ein Ende.
Um im Abstand von einer Meile an der Kste zu bleiben, mute schrfer geluvt werden. Um Mittag herum trat die Karysta in Sicht von Modon. Aber Modon war nicht das Ziel ihrer Fahrt. Sie ging also nicht bei dieser kleinen, auf den Trmmern des alten Methone erbauten Stadt vor Anker, die auf der Spitze eines Vorgebirges liegt, das seine Felsgrate nach der Insel Sapienza zu wendet. Bald verschwindet hinter solchem scharfen Schroffe der an der Hafeneinfahrt errichtete Leuchtturm.
Inzwischen war an Bord der Salolewa ein Signal gezogen worden: ein schwarzer Wimpel mit rotem Halbmond war an der Spitze der groen Raa gehit worden. Vom Lande her erfolgte aber keine Antwort. Deshalb wurde die Fahrt in nrdlicher Richtung fortgesetzt.
Abends gelangte die Karysta vor die Einfahrt zur Reede von Navarino, einer Art groen Sees auf hoher See, der in einen Saum hoher Berge gefat ist. Auf einen Moment trat die von der wirren Masse ihrer Citadelle berragte Stadt durch das Tor eines gigantischen Felsens hindurch in Sicht. Hier lag die uerste Spitze jenes von der Natur aufgeworfenen Dammes, an welchem sich die Wut der Nordweststrme bricht, die aus dem Schlauche von gewaltiger Lnge, den das Adriatische Meer darstellt, ber das Ionische Meer hinfegen.
Den Kamm der letzten Hhenzge im Osten erhellte noch die scheidende Sonne; schon verdunkelte aber nchtlicher Schatten die weite Reede.
Diesmal htte die Mannschaft meinen knnen, die Karysta wrde in Navarino vor Anker gehen. Sie steuerte nmlich direkt in die Enge von Megalo-Thuro im Sden der schmalen Insel Sphakteria, die sich ber eine Lnge von etwa 4000 Meter erstreckt. Dort erhoben sich schon zwei Grabmler, errichtet zweien der edelsten Opfer, die der Freiheitskampf gefordert hatte: das Denkmal des im Jahre 1825 ermordeten franzsischen Kapitns Mallet und im Hintergrunde einer Grotte dasjenige des Grafen Santa-Rose, eines italienischen Philhellenen, ehemaligen Ministers von Piemont, der im selben Jahre fr die nmliche Sache den Heldentod starb.
Knapp zehn Kabellngen war die Sakolewa nur noch von der Stadt, als sie umlegte, mit dem Focksegel dem Winde zugewandt. Ein rotes Fanal stieg jetzt herauf, wie vordem der schwarze Wimpel, und wiederum an der Spitze der groen Raa. Doch auch auf dieses Signal erhielt die Karysta keine Antwort. Sie hatte also nichts auf dieser Reede zu verrichten, auf der sich zur Zeit eine stattliche Zahl trkischer Schiffe befand. Die Karysta manvrierte nun so, da sie an dem fast in der Mitte gelegenen, grau in grau gehaltenen Eilande Kuloneski vorbei und dem Gestade von Sphakteria wieder nahe kam. Auf Kuloneski waren im Anfangsjahr des Kriegs, 1821, mehrere hundert Trken berfallen, gefangen genommen und dem Hungertode berantwortet worden, trotzdem sie sich nur auf die Zusage, auf trkischen Boden berfhrt zu werden, ergeben hatten. Vier Jahre nachher, 1825, als Ibrahims Truppen das von Maurocordato persnlich verteidigte Sphakteria belagerten, wurden zur Vergeltung hierfr achthundert Griechen niedergemacht.
Die Sakolewa steuerte nun in die Enge von Sikia, die sich im Norden der Insel, zwischen dem Vorgebirge Koryphasion und ihrer Nordspitze gelegen, auf eine Breite von 200 Metern erstreckte. Wer sich in dieses Fahrwasser hinein wagte, mute dasselbe ganz genau kennen, denn es ist fr Fahrzeuge mit nur einigem Tiefgang fast unpassierbar. Aber Nikolas Starkos steuerte, gleich dem besten Lotsen der Reede, khn zwischen den steilen Felsen der Spitze der Insel hindurch und um das Vorgebirge von Koryphasion herum. Als er vor der Reede mehrerer Geschwader ansichtig wurde, einiger dreiig franzsischen, englischen und russischen Schiffe, ging er ihnen behutsam aus dem Wege, fuhr in der Nacht an der messenischen Kste hin, segelte zwischen dem Festland und der Insel Prodana hindurch und fuhr mit Tagesanbruch, von einer frischen Sdostbrise getragen, an dem scharfgewundenen Gestade hin durch die friedlichen Gewsser des Busens von Arkadia.
Da stieg die Sonne ber dem Gipfel jenes Ithome herauf, von dem aus der Blick ber das alte Messene hin auf der einen Seite ber den Golf von Koron, auf der andern ber den Golf hin reicht, dem die Stadt Arkadia ihren Namen gegeben hat. Weithin, von der Brise beim Schein der ersten Sonnenstrahlen leicht gekruselt, glitzerte das Meer. Vom Morgengrauen an steuerte Nikolas Starkos sein Schiff so, da er der Stadt, die auf einer der eingebuchteten Kstenstellen an der offnen breiten Reede lag, so nahe wie mglich kam.
Gegen 10 Uhr trat der Oberbootsmann auf das Hinterdeck und postierte sich in der Haltung eines Untergebenen, der auf Befehle wartet, vor den Kapitn.
Der ganze gewaltige Gebirgssattel des arkadischen Hochlands rollte sich nun im Osten auf. In mittlerer Hhe Dorfschaften, versteckt in den dichten Oliven- und Mandelhainen und Weingelnden; Bche, die zwischen Myrten- und Lorbeerhainen einem greren Gewsser zuflieen; auf alle Hhen, an alle Bergrcken geklebt, allen Himmelsrichtungen sich anschmiegend, Tausende von Anpflanzungen jener berhmten Reben von Korinth, die keinen Zoll Boden frei lieen; tiefer unten, auf den ersten Terrassen, die roten Huser der Stadt, die wie groe Straminfetzen auf dem Fond eines Cypressenvorhangs glitzern: so ungefhr zeigt sich dieses herrliche Panorama einer der schnsten, an malerischen Eindrcken reichsten Ksten des Peloponnes.
Je nher man aber an Arkadia herankam, an jenes alte Kyparissia, das zur Zeit des Epaminondas der wichtigste Hafen von Messenien war, zur Zeit der Kreuzzge zu einem Lehen Ville-Hardouins wurde: desto trbseliger gestaltete sich das Bild, desto tieferes Weh mute Menschen beschleichen, in deren Herzen noch Raum ist fr piettvolle Erinnerungen!
Zwei Jahre frher hatte Ibrahim Pascha die Stadt zerstrt, Kinder, Weiber und Greise gemordet! In Trmmern lag ihre alte, auf der Sttte der einstigen Akropolis gebaute Burg; in Trmmern ihre von fanatischen Muselmanen verwstete Sankt-Georgskirche; in Trmmern lagen ihre Wohnsttten und ffentlichen Bauten!
Deutlich zu sehen, flsterte Nikolas Starkos, der vor diesem Bilde grausiger Verwstung kein Mitleid fhlte, da, unsere Freunde aus Aegypten hier gewesen sind!
Und nun sind die Trken hier Herren, versetzte der Oberbootsmann.
Ja ... auf lange Zeit hin ... und, wie man hoffen darf, auf immer! setzte der Kapitn hinzu.
Legt die Karysta hier an oder fahren wir weiter?
Nikolas Starkos beobachtete scharf das Gestade, von dem er nur wenige Kabellngen noch entfernt war. Dann richteten sich seine Blicke auf die eine Meile weiter im Hintergrunde, auf einem Vorwalle des Psykhro, eines Berges von stattlicher Hhe gelegene Stadt. Er schien unschlssig, was angesichts von Arkadia zu tun geraten sei: an der Mole zu landen oder wieder in See zu stechen.
Der Bootsmann wartete noch immer auf Antwort auf seine Frage.
Zieht das Signal! sprach endlich Nikolas Starkos.
Das rote Wimpel mit dem silbernen Halbmond stieg an die Raa hinauf und flatterte in der Luft.
Kurz darauf flatterte ein hnliches Wimpel an der Spitze eines am Hafentore errichteten Mastes.
Ans Land! befahl der Kapitn.
Das Steuer wurde gesenkt und die Sakolewa drehte bei. Als sie die Einfahrt gewonnen hatte, lie sie sich von der Flut tragen. Bald wurden die Focksegel eingeholt, dann das groe Segel, und die Karysta glitt unter ihrem Klver bis an die Mole. Dort wurde Anker geworfen, dann ein Boot ins Wasser gelassen und mit vier Ruderern bemannt, das im Nu vor einer kleinen steinernen Treppe lag, die in den Hafenfelsen ausgehauen war.
Dort stand ein Mann, der den Kapitn mit den Worten begrte:
Skopelo harrt Eurer Befehle, Nikolas Starkos!
Eine freundliche Bewegung mit der Hand war die ganze Antwort von seiten des Kapitns.
Er ging voraus, die Terrasse hinauf, bis er die ersten Huser der Stadt erreicht hatte. Ueber die Trmmer der letzten Belagerung hinweg, mitten durch die von trkischen und arabischen Soldaten gefllten Gassen lenkte er die Schritte zu einer ziemlich unversehrt gebliebenen Herberge, die den Minervakopf als Schild fhrte. Hier trat er mit seinem Begleiter ein.
Kurz darauf saen sie in der Gaststube, vor sich zwei Glser und eine Flasche Raki, ber Goldwurz destillierter starker Schnaps. Zigaretten wurden aus dem hellen, wohlriechenden Missolunghi-Tabak gedreht, angesteckt und geraucht; dann nahm die Unterhaltung zwischen den beiden Mnnern ihren Anfang, von denen der eine mit sichtlichem Behagen den untertnigen Diener des andern zu spielen schien.
Ein bses, gemeines, hinterhltiges, nichtsdestoweniger kluges Gesicht, das dieser Skopelo hatte! Wenn man ihn auf fnfzig Jahre schtzte, so traf man wohl das rechte, wenngleich er etwas lter aussah. Das richtige Pfandleihergesicht mit kleinen falschen, aber lebendigen Augen, einer krummen Nase, Hnden mit Hakenfingern und Fen von erstaunlicher Lnge: Fen, auf die sich die Redensart htte anwenden lassen, die von den Fen der Albanesen gebraucht wird: wenn die groe Zehe in Macedonien steht, steht die Ferse noch in Botien! Ein rundes Gesicht ohne Schnurrbart, mit ein paar grauen Stoppeln am Kinn; ein krftiger Kopf mit kahler Schdelkuppe auf einem mager gebliebenen Krper von mittlerer Gre.
Dieser echte Typus der arabischen Juden von christlicher Abkunft trug ein uerst schlichtes Gewand: die Jacke und Weste des Levante-Matrosen, mit einer Art weiten Faltenkittels darber.
Skopelo war ganz der Geschftsmann, den solches Seerubergesindel, wie es im griechischen Archipel hauste, zur Wahrung seiner Interessen brauchte: Aeuerst gewandt in der Unterbringung von Beute in Gestalt von Ware ebensowohl wie im Verkauf von Kriegs- und andern Gefangenen, die auf die trkischen Handelsmrkte und in die Barbareskenstaaten geschafft wurden.
Welcher Art ein Gesprch zwischen Nikolas Starkos und Skopelo sein konnte, um welche Dinge es sich drehen mute, wie von ihnen die Vorgnge auf dem Kriegsschauplatze aufgefat und taxiert wurden, welchen Profit sie daraus zu ziehen gedachten, darber lt sich ein Urteil nur allzu leicht bilden.
Wie steht es zur Zeit in Griechenland? fragte der Kapitn.
Wohl noch so, wie Ihr es verlassen habt, Kapitn! versetzte Skopelo; die Karysta kreuzt doch nun reichlich vier Wochen an der Kste von Tripolis und wahrscheinlich habt Ihr seit Eurer Ausfahrt keine Nachricht vom Kriegsschauplatz bekommen.
Nein, keine!
Eins will ich Euch melden, Kapitn: die trkischen Schiffe liegen in Bereitschaft, Ibrahim Pascha mit seinen Soldaten nach Hydra zu bringen.
Jawohl, antwortete Nikolas Starkos; ich habe sie gestern abend selber gesehen, als ich die Rede von Navarino passierte.
Seit Eurer Ausfahrt von Tripolis seid Ihr nirgends gelandet? fragte Skopelo.
Doch ... einmal! ich war ein paar Stunden in Vitylo ... um die Mannschaft vollzhlig zu machen. Aber seit wir die Ksten von Magnos aus dem Gesicht gekommen, ist mir vor meiner Ankunft in Arkadia auf kein Signal Antwort gegeben worden.
Wahrscheinlich kein Grund dazu dagewesen, versetzte Skopelo.
Sprich, fuhr Nikolas Starkos fort, was treiben zur Zeit Miaulis und Kanaris?
Beide sind auf den Kleinkrieg angewiesen, Kapitn! mssen es probieren mit Handstreichen, die blo keine Erfolge bringen knnen, niemals einen wirklichen Sieg ... drum haben die Seeruber, so lange die beiden Jagd machen auf Trkenschiffe, leichtes Spiel im ganzen Archipel!
Und spricht die Welt noch immer von ...?
Von Sakratif? ergnzte Skopelo, die Stimme leicht senkend; jawohl! berall ... und allezeit, Nikolas Starkos, und blo seine Sache ist's, da noch mehr von ihm gesprochen wird!
Es wird mehr von ihm gesprochen werden!
Nikolas Starkos war, nachdem er sein Glas Raki ausgetrunken hatte, das Skopelo von neuem fllte, aufgestanden, ging in der Gaststube auf und nieder, blieb dann vor dem Fenster stehen, kreuzte die Arme ber der Brust und lauschte dem derben Gesange der trkischen Soldaten, der aus der Ferne herberschallte. Endlich setzte er sich wieder Skopelo gegenber und gab dem Gesprch ganz schroff eine andere Wendung.
Aus deinem Signal habe ich gesehen, da du Gefangenenfracht hier hast? fragte er.
Jawohl, Nikolas Starkos, versetzte Skopelo, genug fr eine Barkasse von 400 Tonnen! alles, was von dem Gemetzel nach der Niederlage bei Kremmydi noch brig ist! Mord und Brand! Diesmal haben's die Trken ein bichen zu arg gemacht! wenn's nach ihnen gegangen wre, so wre kein einziger Sklave geblieben!
Es sind Mnner und Weiber?
Jawohl, und Kinder auch ... alles vertreten!
Wo stecken sie?
In der Citadelle von Arkadia.
Hast sie teuer bezahlt?
Hm! sonderlich entgegenkommend war der Pascha nicht gerade! versetzte Skopelo; er denkt, mit dem Unabhngigkeitskriege drfte es zu Ende gehen ... leider! Gibt's keinen Krieg mehr, dann gibt's keine Schlachten mehr, und ohne Schlacht keine Razzia, wie es unten in der Berberei heit, und ohne Razzia keine Ware, weder Menschen noch andere! Werden die Gefangenen aber rar, dann steigen sie im Preise, Kapitn! es mu nun einmal jeder sehen, wo er bleibt! Aber ich wei aus guter Quelle, da jetzt Sklavenmangel auf den afrikanischen Mrkten herrscht! - wir haben also Aussicht, was wir noch haben, zu sehr guten Preisen an den Mann zu bringen!
Kann sein! versetzte Nikolas Starkes; ist alles bereit, und kannst du an Bord kommen?
Alles in Bereitschaft! mich hlt hier nichts mehr!
Gut, Skopelo! in 8-10 Tagen sptestens wird das Schiff von Skarpanto herber kommen und die Fracht abholen. Sie wird doch ohne Anstand ausgeliefert?
Ohne Anstand, es ist alles abgemacht, versetzte Skopelo; aber gegen Kasse! wir mssen also zuvor mit Elisundo, dem Bankier, verhandeln, da er unsre Tratten zeichnet. Sein Giro gengt; Tratten mit dem Giro Elisundo wird der Pascha nehmen als Bargeld!
Ich will an Elisundo schreiben, da ich binnen kurzem in Korfu vor Anker gehen und dies Geschft ins reine bringen will ...
... und ein anderes mit, das wohl nicht weniger dringlich ist, Nikolas Starkos! setzte Skopelo hinzu.
Vielleicht! entgegnete der Kapitn.
Wre wahrhaftig nicht mehr als recht und am Platze! sagte Skopelo; Elisundo ist reich, wie es heit sehr reich, und was ihn reich gemacht hat, ist doch blo sein Handel mit uns ... und dabei laufen doch blo wir das Risiko dabei ... das Risiko, auf den Pfiff des Hochbootsmanns an der Fockraa aufgeknpft zu werden! ... Mord und Brand! bei solchen Zeitluften war es ein feines Geschft, Bankier der Seeruber vom griechischen Archipel zu sein! Drum wiederhole ich, Nikolas Starkos! es wre blo recht und am Platze!
Was wre blo recht und am Platze? fragte der Kapitn, seinem Offizier scharf ins Gesicht sehend.
Ei! Ihr wit's nicht, Kapitn? versetzte Skopelo; na, wahrlich, Kapitn! ich soll es Euch wohl zum hundertstenmale sagen? he?
Kann sein!
Elisundos Tchterchen ...
Was recht und am Platze ist, wird kommen, versetzte einfach Nikolas Starkos und stand auf, verlie die Herberge zur Minerva und begab sich zum Hafen zurck, dorthin, wo sein Boot wartete.
Steige ein, sprach er zu Skopelo; die Tratten mit Elisundo bringen wir in Korfu ins reine; dann fhrst du nach Arkadia zurck und besorgst die Fracht!
Fahren wir ab! versetzte Skopelo.
Eine Stunde darauf fuhr die Karysta aus dem Golfe. Aber vor Tagesausgang konnte Nikolas Starkos ein fernes Grollen hren, das ihm das Echo von Sden herzutrug.
Das war die Kanonade der vereinigten Geschwader auf der Reede von Navarino.

Sechstes Kapitel.

Wider die Piraten des Archipels!

Der Kurs Nordnordwest, der von der Sakolewa gehalten wurde, fhrte sie mitten durch das pittoreske Sammelsurium, das die ionischen Inseln bilden. Ein Glck fr die Karysta, da sich ihre wahre Natur hinter ihr biederes Aussehen als Levantefahrzeug, halb Vergngungsjacht, halb Kauffahrteischiff, versteckte. Sonst wre es nicht klug von ihrem Kapitn gewesen, sich bis unter die Kanonen der britischen Forts und zwischen die britischen Fregatten hinein so auf Gnade und Ungnade zu ergeben.
Etwa 15 Seemeilen hchstens liegen zwischen Arkadien und der Insel Zante, der Blume der Levante, wie sie poetisch von den Italienern genannt wird. Vom Hintergrunde des Golfs aus, durch den die Karysta jetzt segelte, sah man sogar die grnenden Gipfel des Skopos, an dessen Wnden sich Oliven- und Orangenhaine hinaufziehen, die an Stelle der von Homer und [Virgil besungenen Wlder stehen]Setzerfehler: doppelte Zeile, Setzerfehler: fehlende Zeile
Der Wind war gnstig. Aus Sdosten blies eine krftige Landbrise. Unter ihren Mars- und Besan-Bonnetten strich die Sakolewa munter durch die Fluten von Zante, die fast so ruhig lagen wie die eines Sees.
Gegen Abend segelte sie in Sicht der Hauptstadt gleichen Namens mit der Insel. Eine liebliche italienische Stadt, die auf dem Boden des Zakynthos, des Sohnes des Trojaners Dardanos, aufblht. Vom Deck der Karysta aus waren blo die Lichter der Stadt sichtbar, die sich ber den Raum einer halben Meile am Saum einer kreisfrmigen Bucht erstreckt. Diese in verschiedenen Hhen, von den Hafenkais bis zu den Zinnen des in 300 Fu Hhe gelegenen Schlosses venetianischen Ursprungs hinauf, verstreuten Lichter bildeten gleichsam ein Sternbild von gewaltiger Gre, als dessen Sterne erster Gre die Lichter gelten konnten, die die Pltze anzeigten, wo die im Renaissance-Stil erbauten Palste der Hauptstrae und die Kathedrale des heiligen Dionysios von Zakynthos sich erheben.
Mit dieser zantiotischen Bevlkerung, die sich durch den innigen Verkehr mit Venetianern, Franzosen, Englndern und Russen stark mit fremdem Blut durchsetzt hat, konnte Nikolas Starkos unmglich die gleichen Berhrungspunkte haben, wie mit den Trken des Peloponnes. Hier auf dieser Insel, der Heimat des berhmten italienischen Dichters Hugo Foscolo zu Ende des 18. Jahrhunderts und des zu den Berhmtheiten von Neugriechenland zhlenden Dichters Salomos, hatte Nikolas Starkos keine Veranlassung, Signale mit der Hafenwache auszutauschen oder vor Anker zu gehen.
Die Karysta steuerte durch den schmalen Meeresarm, welcher die Insel Zante von Achaia und Elis trennt. Mehr als ein Ohr an Bord htte sich am liebsten den Gesngen verschlossen, die vom Winde, Gondelliedern vom Lido Venetiens gleich, herbergetragen wurden. Aber man mute sich darein finden! Die Sakolewa glitt mitten durch diese italischen Melodieen hin und lag am andern Morgen vor dem Hafen von Patras, dem tiefen Einschnitt, welcher die Fortsetzung des Golfs von Lepanto bis zum Isthmus von Korinth bildet.
Nikolas Starkos stand jetzt auf dem Vorderdeck der Kalysta. Sein Blick schweifte ber diese ganze Kste von Akarnanien an der nrdlichen Grenze des Golfs. Von diesem Boden stiegen groe, unvergngliche Erinnerungen auf, die einem Sohne Griechenlands das Herz htten zusammenschnren mssen, wenn dieser Sohn nicht seit Jahren schon zum Verleugner und Verrter seiner Mutter geworden wre!
Missolunghi! sagte Skopelo, indem er mit der Hand gen Nordosten zeigte. Alberne Menschen! Dummes Gesindel, das sich lieber in die Luft sprengen lt, als sich ergibt!
Dort htte sich allerdings vor zwei Jahren fr Gefangenen-Aufkufer und Sklavenverkufer kein Geschft machen lassen. Nach zehnmonatlichem Ringen hatten die in Missolunghi belagerten Griechen, von den Strapazen zermartert, vom Hunger erschpft, Stadt und Feste in die Luft gesprengt, statt sich an Ibrahim Pascha zu ergeben. Mnner, Weiber, Kinder, alles war bei der Explosion umgekommen, die nicht einmal die Sieger verschonte. Und im Jahre zuvor, fast an derselben Stelle, wo das Griechenvolk Marco Botsaris, einen der Heroen des Unabhngigkeitskrieges, beerdigt hatte, war Lord Byron, dessen sterbliche Ueberreste noch immer keine Ruhestatt in Westminster gefunden haben, trotzdem er einer der herrlichsten Shne der britischen Erde ist, entmutigt und verzweifelt gestorben. Aber sein Herz ist auf griechischer Erde verblieben, die er so hei geliebt hat und der die Freiheit, fr die er begeistert schwrmte, erst nach seinem Tode zuteil wurde.
Eine heftige Gebrde war die ganze Antwort, die Nikolas Starkos auf Skopelo's Bemerkung hin machte. Dann nahm die Sakolewa, die sich rasch aus dem Golfe von Patras entfernte, Kurs auf Kefalonia.
Bei so gnstigem Winde vom Lande her waren nur wenige Stunden notwendig, um die Entfernung zwischen Kefalonia und Zante zurckzulegen, zumal die Karysta keine Veranlassung fand, in Argostoli, der Hauptstadt, anzulaufen, deren Hafen, wenn er auch nur geringe Tiefe hat, darum doch zu den besten fr Fahrzeuge mittleren Tonnengehaltes rechnet. Die Karysta steuerte khn in die engen Fahrstraen hinein, die sich um die Ostkste von Kefalonia ziehen, und erreichte gegen 6 Uhr abends die Spitze von Thiaki, dem Ithaka des Altertums.
Diese Insel von acht Meilen Lnge bei anderthalb Meilen Breite ist eine seltsame Felseninsel von grandioser Wildheit, besitzt groen Reichtum an Oel und Wein und zhlt etwa ein Dutzend tausend Einwohner. An sich von keiner geschichtlichen Bedeutung, ist es im Altertum durch Odysseus und Penelopeia, deren Vaterland es war und an die noch die Gipfel des Anogi, die Hhle im Sankt-Stefansberge in den Ruinen auf dem Berge Oetos, in den Gefilden Eumeas, am Fue des sogenannten Rabenfelsens, auf welchem die poetischen Wasser der Arethusa-Quelle entspringen sollten, zu hoher Schnheit gelangt.
Bei sinkender Nacht war das Land des Sohnes des Laertes allmhlich im Schatten verschwunden, etwa ein Dutzend Meilen jenseits vom letzten Vorgebirge von Kefalonia. Zur Nachtzeit gewann die Karysta mehr offne See, weil sie dem engen Kanal ausbiegen mute, der die Nordspitze Ithakas von der Sdspitze Santa Mauras trennt, und fuhr etwa zwei Meilen vom Ufer an der Ostkste dieser Insel entlang.
Bei hellem Mondschein wrde man von hier aus eine Art weier Uferwand, wenn auch kaum deutlich, bemerkt haben, die etwa 180 Fu hoch ber das Meer heraufragt, nmlich den durch Sappho und Artemisia, die von hier aus den Tod gesucht haben sollen, als Leukates Sprung berhmten Felsen. Aber von dieser, noch heute den Namen Leukate tragenden Insel verblieb bei aufsteigender Sonne im Sden keine Spur mehr, und die Sakolewa verfolgte nun an der albanesischen Kste hin die Richtung nach Korfu.
Etwa 20 Meilen waren an diesem Tage noch zu fahren, wenn Nikolas Starkos vor Einbruch der Nacht noch in den Gewssern der Hauptstadt dieser Insel einlaufen wollte.
Die khne und flinke Karysta, die soviel Segelzeug gesetzt hatte, da sie mit ihrem Bord fast auf der Wasserflche lag, bezwang diese Aufgabe leicht. Die Brise hatte sich erheblich verstrkt. Der Steuermann mute scharfen Ausguck halten, um unter so hohem Segeldruck nicht in Gefahr zu kommen. Zum Glck waren die Masten fest und sicher, das Takelwerk so gut wie neu und von vortrefflicher Beschaffenheit. Kein Reff wurde eingezogen, keine einzige Bonnette gesenkt.
Die Sakolewa scho durch das Wasser, als wenn es sich um den ersten Preis bei einer internationalen Wettfahrt gehandelt htte, an dem Eilande Paxos vorbei. Nach Norden hin zeigte sich bereits das Profil der ersten Hhen von Korfu, zur Rechten an der albanesischen Kste, fern am Horizont, die Zackenkette des Akrokeraunischen Gebirges. Ein paar Kriegsschiffe unter britischer, zum Teil auch trkischer Flagge kamen in diesen ziemlich stark befahrenen Gewssern des Ionischen Meeres in Sicht. Die Karysta ging weder den einen noch den andern aus dem Wege. Wre ihr das Signal beizulegen gegeben worden, so wrde sie unbedenklich gehorcht haben, denn sie fhrte weder Fracht noch Konsignation an Bord, die ihre Herkunft htten verraten knnen.
Gegen vier Uhr nachmittags fate die Sakolewa schrfer Wind, um in den Kanal Einfahrt zu gewinnen, der Korfu vom Festlande scheidet. Die Schoten wurden gesteift und der Mann am Ruder luvte um eine Quart, um das Kap Blanco an der Sdspitze der Insel zu nehmen.
Dieses erste Stck des Kanals ist lachender als sein nrdlicher Teil. Schon hierdurch bildet er einen glcklichen Gegensatz zu der noch so gut wie unkultivierten, halb wilden Kste. Ein paar Meilen weiter verbreitet sich der Kanal durch die Ausbuchtung, welche die korfiotische Kste hier aufweist. Die Sakolewa konnte also an Fahrt gewinnen, indem sie schrgen Kurs nahm, und passierte gegen 5 Uhr, nahe dem Eilande des Odysseus, die Oeffnung, welche den See Kalikiopulo, den Hyllischen Hafen des Altertums, mit dem Meere verbindet. Dann folgte sie den Umrissen jener lieblichen Cannone, die mit Aloe und Agaven bepflanzt ist und bereits von den Gefhrten und Reitern belebt wird, die eine Meile sdlich von der Stadt in der erquickenden Luft sich an dem herrlichen Panorama weiden, dessen Horizont auf dem andern Kanalufer die albanesische Kste bildet. Vorber an der Bai von Kardakio und den sie berragenden Ruinen, vorbei an dem Sommerpalaste des Lord-Oberkommissariats, lie die Karysta die Bucht von Kastrades, auf der sich die Vorstadt gleiches Namens in der Runde hinzieht, dann die Strada Marina, mehr Promenade als Strae, das Zuchthaus, das alte Fort Salvador und die ersten Gebude der korfiotischen Hauptstadt zur Linken, segelte um das Kap Sidero, das die Citadelle trgt, gleichsam eine kleine Militrstadt fr sich und doch gro genug, um Platz fr die Kommandanturgebude, die Offiziersquartiere, ein Spital und eine griechische Kirche zu bieten, die von den Briten in ein protestantisches Gotteshaus umgewandelt worden ist - endlich, nach kurzer Biegung in westlicher Richtung, um die Landspitze San Nicolo, von da an dem Ufer vorbei, hinter welchem die Gebude des nrdlichen Stadtteils aufsteigen, und bis auf eine halbe Kabellnge an die Mole heran, um da Anker zu werfen.
Das Boot wurde bemannt, Nikolas Starkos und Skopelo stiegen ein - der erstere nicht ohne da er eins jener Messer mit kurzer, breiter Klinge, wie sie in den Landstrichen Messeniens stark im Brauche sind, in den Grtel geschoben hatte. Die beiden Mnner gingen bei der Sanittswache ans Land und legten dort ihre Schiffspapiere vor, die in vlliger Ordnung befunden wurden. Es stand ihnen hiernach frei sich nach Belieben hierhin oder dorthin zu begeben, und nach kurzer Verabredung, sich um 11 Uhr zu treffen, um sich zusammen an Bord zu begeben, trennten sie sich.
Skopelo begab sich, um fr die Karysta allerhand Geschfte zu besorgen, in die engen kurzen krummen Gassen und Gchen der Handelsstadt mit ihren italienischen Namen, unter die Lauben, mit den Kauf- und Schaulden, in das dichte bunte Gewhl eines echt neapolitanischen Stadtviertels.
Nikolas Starkos dagegen wollte diesen Abend benutzen, um zu horchen - wie man im Volksmunde sagt. Zu dem Zwecke begab er sich auf die Esplanade, den vornehmsten Teil der korfiotischen City.
Diese Esplanade oder der Paradeplatz, zu beiden Seiten mit herrlichen Bumen bepflanzt, erstreckt sich zwischen der Stadt und der Citadelle, von der sie durch einen breiten Graben geschieden wird. Fremde und Einheimische bildeten dort ein unaufhrliches Wogen und Treiben, das aber einen nichts weniger als festlichen Anstrich an sich hatte. Stafetten eilten in den auf der Nordseite des Platzes befindlichen Palast, der von dem britischen General Maitland erbaut worden ist, und verlieen denselben durch das Sankt-Georgs- oder Sankt-Michaels-Tor, die sich zu beiden Seiten der weien Kalkstein-Fassade erheben. Zwischen dem Gouverneurspalast und der Citadelle mit dem Standbilde des Generals Schulenburg, fand ein unablssiger Meldeverkehr statt.
Nikolas Starkos mischte sich unter die Menge. Er erkannte auf der Stelle, da dieselbe unter dem Eindruck keiner tglichen Aufregung stand. Da er der Mann nicht war, um selber Fragen zu stellen, begngte er sich damit, die Ohren offen zu halten. Was ihm vor allem auffiel, war ein Name, der unter allen Gruppen, fast ohne Ausnahme, mit Beigaben recht unerfreulicher Art immer und immer wieder genannt wurde.
Dieser Name schien seine Neugierde zuerst halb und halb zu reizen. Dann zuckte er aber geringschtzig mit den Achseln und stieg dann die Esplanade wieder hinunter bis zu der Terrasse, die ber das Meer hinausragend ihren Abschlu bildet.
Dort hatte sich eine gewisse Zahl Neugieriger um einen kleinen Tempel kreisrunder Form geschart, der vor kurzem zum Gedchtnis Sir Thomas Maitlands errichtet worden. Und auch hier schwebte auf aller Lippen der Name, der schon auf der Esplanade den Weg zu seinem Ohre gefunden, auch hier schien aller Zwist und Hader vergessen zu sein, und aller Groll und Zorn sich in einem einzigen, ewig gleichlautenden Fluche Luft zu machen:
Sakratif! Sakratif! Fluch ber den Seeruber Sakratif!
Ob die auf und ab wogende Menge in englischer, italischer oder griechischer Zunge redete, ob der verfluchte Name mit diesem oder jenem Accent ausgesprochen wurde, die Flche, mit denen er berschttet wurde, waren und blieben der Ausdruck des gleichen Grausens, des gleichen Abscheus, des gleichen Hasses.
Nikolas Starkos hrte nach wie vor zu, sprach aber kein Wort. Von der Hhe der Terrasse aus konnte sein Blick bequem einen groen Teil des Kanals von Korfu, der bis zu den von der Abendsonne beleuchteten Bergen Albaniens eingeschlossen war wie ein See, berschauen.
Der Kapitn der Karysta wandte sich nach der Hafenseite. Hier nahm er ein besonders reges Leben und Treiben wahr. Unzhlige Barken ruderten zu den Kriegsschiffen hinber. Signale wurden zwischen diesen Schiffen und dem auf dem Kamm der Citadelle errichteten Flaggenmast gewechselt. Die Batterien und Kasematten derselben lagen tiefversteckt hinter einer Gardine gigantischer Aloebume.
Augenscheinlich - ber all diese Symptome konnte sich ein Seemann schwerlich tuschen - rsteten sich Schiffe zur Abfahrt von Korfu. War dies der Fall, so mute man es den Korfioten lassen, da sie ein tatschlich auffllig reges Interesse hieran nahmen.
Aber schon war die Sonne hinter den hohen Bergspitzen der Insel verschwunden, und bei der unter diesen Breiten ziemlich kurzen Dmmerung konnte der Einbruch der Nacht nicht lange auf sich warten lassen. Nikolas Starkos hielt es demnach fr geraten, die Terrasse zu verlassen. Er begab sich zurck auf die Esplanade, ohne sich um die Menge von Menschen zu bekmmern, die dort aus Neugierde noch zurckgehalten wurden. Dann lenkte er die Schritte gemchlich nach den Lauben unter dieser Huserfolge, welche die westliche Seite des Paradefeldes abschliet.
Dort fehlte es weder an den hellerleuchteten Cafs, noch an den langen Reihen von Sthlen, die auf der Strae weithin aufgestellt sind und schon von zahlreichen Kaffeehausgsten besetzt gehalten wurden. Indessen fand man bald heraus, da all diese Herrschaften den Mund mehr zum Konversieren als zum Konsumieren zu haben schienen, sofern es statthaft ist, solche allzu modernen Ausdrcke auf die Korfioten der Anfangsjahrzehnte des verwichenen Jahrhunderts anzuwenden.
Nikolas Starkos setzte sich in der festen Absicht, sich kein Wort von den an den Nebentischen gefhrten Gesprchen entgehen zu lassen, an einen kleinen Tisch.
Wahrlich! rief ein Reeder aus der Strade Marina, von Sicherheit fr den Handel lt sich gar nicht mehr sprechen, und wertvolle Fracht nach Levantepltzen darf man gar nicht mehr riskieren.
Und nur zu bald, setzte sein Tischnachbar hinzu, einer jener protzigen Briten, die immer, gleich dem Sprecher ihres Oberhauses, auf einem Vollsack zu sitzen scheinen - nur zu bald wird keine Mannschaft mehr zu finden sein, die an Bord von Archipel-Fahrzeugen Dienste leisten will.
O! dieser Sakratif! ... Dieses Luder von Sakratif! klang es voll aufrichtigen Abscheus aus allerlei Gruppen.
Ein Name, ganz danach, da man sich die Kehle verrenken kann, dachte der Kaffeehauswirt, der doch veranlassen sollte, dieses notwendige Organ unseres Organismus zu schmieren!
Wann soll denn die Syphanta in See stechen? fragte der Reeder.
Um 8 Uhr, erwiderte der Korfiote. Aber, setzte er in einem Tone hinzu, der nicht gerade vertrauensvoll klang, mit dem Stechen in See ist's nicht abgemacht, es soll auch der Ort erreicht werden, wohin das Schiff bestimmt ist!
Ei! der Ort wird auch erreicht werden! rief ein anderer Korfiote - es wird sich doch nicht sagen lassen, da ein einziger Pirat die britische Marine in Schach halten knne ...
Mitsamt der griechischen und franzsischen und italischen Marine! setzte phlegmatisch ein englischer Offizier hinzu, der jedem Staate seinen Anteil an der Blamage gewahrt wissen wollte.
Aber, fuhr der Reeder fort, indem er von seinem Stuhle aufstand, die Stunde kommt heran, und wenn wir bei der Abfahrt der Syphanta dabei sein wollen, drfte es wohl Zeit sein, sich auf die Esplanade zu begeben.
Nein, erwiderte sein Tischnachbar, es hat noch keine Eile. Zudem mu doch ein Kanonenschlag die Abfahrt verknden. Man steuerte seinen Anteil zu Verwnschungen weiter bei, von denen es noch immer gegen Sakratif hagelte.
Zweifelsohne hielt Nikolas Starkos den Augenblick fr gnstig, sich in das Gesprch zu mischen, und ohne da ihn der leiseste Accent als einen Griechen aus dem sdlichen Landesteile htte verraten knnen, wandte er sich mit den Worten an seine Tischnachbarn:
Meine Herren, drfte ich mir die Frage erlauben, wie es sich eigentlich verhlt um diese Syphanta, von der heute alle Welt spricht?
Die Syphanta, mein Herr, ist eine Korvette, wurde ihm zur Antwort, eine Korvette, zu deren Ankauf, Armierung und Bemannung sich aus englischen, franzsischen und korfiotischen Reedern eine Gesellschaft gebildet hat. Die Mannschaft setzt sich aus diesen drei Nationalitten zusammen. Auslaufen wird die Korvette unter dem Kommando des erprobten Kapitns Stradena. Vielleicht gelingt ihm, was den Kriegsschiffen Englands und Frankreichs nicht gelingen will!
Ah! rief Nikolas Starkos, eine Korvette, die in See sticht! und nach welchen Gewssern, wenn ich bitten darf?
Dorthin, wo er das Aas von Sakratif treffen, fangen und hngen kann!
Da mu ich Ihre Liebenswrdigkeit noch mit einer weiteren Frage in Anspruch nehmen, fuhr Nikolas Starkos fort, was ist denn das fr ein Mensch, dieser Sa-
Sakratif! half ihm der Korfiote ein, trotzdem er ber die Frage ganz verblfft wurde, dem aber der Englnder durch einen am richtigsten durch den Laut au! wiedergegebenen Ruf der Verwunderung beisprang - Sie fragen, was dieser Sakratif fr ein Kerl ist?
Ein Mensch, der in Korfu, mitten in der Stadt, in dem Moment da dieser Name in aller Munde war, noch darber in Unwissenheit war, wem er gehrte, mute notwendigerweise als Phnomen angestaunt werden! Der Kapitn der Karysta merkte auch sofort, welche Wirkung seine Unwissenheit auf die versammelte Gesellschaft hervorbrachte. Er beeilte sich deshalb hinzuzufgen:
Ich bin fremd, meine Herren, komme gerade von Zara, also direkt von der Adria her, also kann ich nicht gut wissen, was auf den ionischen Inseln vorgeht!
Sagen Sie lieber, was im Archipel vorgeht! rief der Korfiote, denn, wirklich und wahrhaftig, dieser Sakratif hat den ganzen Archipel zum Schauplatz seiner Seeruberei gemacht!
Ah! machte Nikolas Starkos, von einem Seeruber ist die Rede?
Von einem Seeruber, einem Strandruber, einem Kstenmarder, einem Meer-Werwolf! versetzte der protzige Brite, ... jawohl! all diese Titel verdient dieser Sakratif! Das Wrterbuch ist gar nicht reich genug an Schimpfwrtern und Flchen, die diesem Schufte zukommen!
Der Englnder war schier auer Atem.
Was mich blo wundert, mein Herr, setzte er hinzu, ist die Tatsache, da man noch einen Europer trifft, der nicht wei, was und wer Sakratif ist!
O mein Herr, versetzte Nikolas Starkos, vllig unbekannt, glauben Sie mir, ist mir der Name nicht; aber da sich die ganze Stadt heute durch ihn hat in Alarm setzen lassen, das wute ich nicht. Ist etwa Korfu durch einen Ueberfall dieses Piraten bedroht?
Das drfte er doch wohl nicht riskieren! rief der Reeder; den Fu auf unsere Insel zu setzen, wird er sich wohl niemals beikommen lassen!
Ah ... wirklich? versetzte der Kapitn der Karysta.
Ganz gewi, Herr, und wre es wirklich an dem, dann wr' ihm der Galgen nicht weit! wie Pilze wrden die Galgen emporschieen und nach ihm zuschnappen, wenn er vorbeikme!
Woher dann aber diese Aufregung? fragte Nikolas Starkos; kaum seit einer Stunde bin ich gelandet und kann mir tatschlich nicht erklren, wie sich eine ganze Bevlkerung dermaen alarmieren lassen kann.
Der Grund ist der, mein Herr, antwortete der Englnder, vor etwa vier Wochen sind zwei Kauffahrer, der Carnatic und die Three Brothers von diesem sakrischen Sakratif gekapert und was von beiden Besatzungen mit dem Leben davongekommen, in Tripolis auf den Sklavenmrkten verkauft worden.
Nicht mglich! rief Nikolas Starkos; hm, eine schlimme Affre, die diesem Sakratif wohl noch leid tun knnte!
Daraufhin hat sich eben eine Gesellschaft von Reedern zusammengetan und hat eine Kriegskorvette armiert, einen Schnellfahrer ersten Ranges, mit auserlesener Mannschaft unter dem Kommando eines unerschrockenen Seemanns! ja, unser Stradena wird diesem Sakratif schon ans Leder gehen! Diesmal steht wirklich zu hoffen, da dieser Seeruber, der den ganzen Archipel in Schach hlt, seinem Schicksal nicht entrinnen wird!
Schwer wird's ihm jedenfalls werden, versetzte Nikolas Starkos.
Und wenn Sie heute die ganze Bevlkerung auf den Beinen und auf der Esplanade versammelt sehen, setzte der Reeder hinzu, so hat das keinen andern Grund, als weil ganz Korfu der Syphanta ein Hurra zum Abschied nachrufen will, wenn sie den Kanal hinunter segelt!
Nikolas Starkos wute nun jedenfalls, was er wissen wollte. Er dankte seinen Tischnachbarn, stand auf und mischte sich von neuem unter die Menge, welche die Esplanade fllte. Was von diesen Englndern und Korfioten gesagt worden war, war keineswegs bertrieben, sondern nur allzu wahr. Seit mehreren Jahren schon kennzeichneten sich Sakratifs Raubzge durch Gewaltttigkeit der emprendsten Art. Unzhlige Kauffahrteischiffe aller Nationalitt waren von diesem Seeruber, dessen Verwegenheit mit seiner Blutgier um den Rang stritt, berfallen worden. Woher kam der Bandit? welcher Herkunft war er? gehrte er jenem Piratengesindel an, das an den Ksten der Berberei zu Hause ist? Wer htte es sagen knnen? Es kannte ihn niemand. Es hatte ihn niemand gesehen. Keiner von all denen, die unter das Feuer seiner Kanonen geraten waren, war davongekommen: wer nicht den Tod gefunden hatte, war in die Sklaverei geschickt worden. Wer htte die Schiffe nennen knnen, die er fuhr? Er wechselte unablssig mit dem Kommando, war bald auf diesem, bald auf jenem Schiffe; fhrte seine Schlge bald mit einer flinken Levante-Brigg, bald mit einer jener leichten Korvetten, deren Schnelligkeit kein Schiff bertrumpfen kann, und fhrte immer die Schwarzflagge. Im Nu war er verschwunden, sobald er merkte, da er im Nachteil war, da er sich einem zu starken Gegner gegenber befand. Und in welchem unbekannten Schlupfloch, in welchem entlegenen Winkel des Archipels htte man ihn suchen sollen? Kannte er doch die geheimsten Engen dieser Ksten, deren Kunde damals noch auerordentlich zu wnschen lie.
War der Seeruber Sakratif ein tchtiger Seemann, so war er nicht minder ein schrecklicher Draufgnger. Immer von Mannschaft umringt, die vor nichts zurckschreckte, verga er niemals ihr nach dem Kampfe den Teufelsteil zu lassen, das heit: ein paar Stunden zu Mord und Plnderung. Darum folgten ihm auch seine Scharen, wohin er sie fhrte; darum fhrten sie seine Befehle aus, gleichviel wie sie lauteten. Einer wie alle htten sich erschlagen lassen fr ihn! Die Androhung der furchtbarsten Strafen htte sie zu keinem Verrat an ihrem Huptling bestimmt, der einen wirklichen Zauber auf sie bte. Gerieten solche Leute mit den Enterhaken an ein Schiff, so war Widerstand freilich nur selten mglich, vornehmlich dann, wenn es ein Kauffahrteischiff war, dem es ja an ausreichenden Verteidigungsmitteln in der Regel fehlt.
Uebrigens htte Sakratif, wre ihm trotz aller Gewandtheit einmal ein Kriegsschiff ber den Hals gekommen, sich eher in die Luft gesprengt, als sich ergeben. Ja man erzhlte sich, da er bei solcher Gelegenheit einmal, als ihm die Kugeln ausgingen, den auf Deck liegenden Leichen die Kpfe abgeschnitten und damit seine Kanonen geladen!
Auf die Verfolgung solches Mannes also wurde die Syphanta ausgeschickt - das also war der furchtbare Seeruber, dessen fluchbeladener Name in der korfiotischen Hauptstadt ein solches Ma von Aufregung verursacht hatte!
Bald drhnte ein Schu. Ueber dem Hauptwall der Citadelle zuckte ein greller Blitz auf; eine Rauchwolke stieg auf. Es war das Abfahrtssignal. Die Syphanta lichtete die Anker und fuhr den Kanal von Korfu hinunter, um die sdlichen Gewsser des Ionischen Meers zu gewinnen.
Alles Volk drngte zum Rande der Esplanade, zur Terrasse hin, wo Sir Maitlands Monument stand. Nikolas Starkos, gebieterisch fortgerissen durch eine vielleicht strkere Empfindung als die bloer Neugierde, befand sich im Nu vorn in der ersten Reihe.
Allmhlich trat im hellen Mondlicht die Korvette mit ihren Positionsfeuern in Sicht. In langsamer Fahrt bog sie um die Spitze des Kap Blanco herum, das sich im Sden von der Insel in die See hinaus schiebt. Ein zweiter Kanonenschlag drhnte von der Citadelle herber, dann ein dritter - und von der Syphanta herber, ihre Stckpforten aufhellend, drhnten drei Kanonenschlge als Antwort herber. Tausendfaches Hurrageschrei antwortete auf die Salve, und ihr letztes Echo gelangte zu der Korvette hinber in dem Augenblick, als sie die Bucht von Kardakio passierte.
Dann versank alles in tiefes Schweigen. Allmhlich verlief sich die Menge in den Straen der Vorstadt Kastrades und berlie den Platz den sprlichen Spaziergngern, die noch durch ein geschftliches Interesse oder aus Lust am Vergngen auf der Esplanade zurckgehalten wurden.
Noch eine Stunde lang verweilte Nikolas Starkos, in tiefes Sinnen versunken, auf dem groen Paradefelde, das jetzt so gut wie verdet lag. Aber Stille zog weder in sein Hirn noch in sein Herz. In seinen Augen leuchtete ein Feuer, das die Lider nicht zu verdecken vermochten. Sein Blick starrte, gleichsam zufolge unfreiwilliger Regung, in der Fahrtrichtung, die die hinter der verworrenen Inselmasse entschwindende Korvette genommen hatte.
Als es an der Sankt Spiridion-Kirche elf schlug, fiel es Nikolas Starkos ein, da er sich an der Sanittswache mit Skopelo hatte treffen wollen, und darum schritt er durch die Straen des Stadtviertels, die zur neuen Feste hin fhren. Bald war er auf dem Kai. Dort wartete Skopelo.
Der Kapitn der Sakolewa trat auf ihn zu.
Eben ist die Korvette Syphanta in See gestochen! sagte er.
So? machte Skopelo.
Ja ... um auf Sakratif das Jagen zu erffnen!
Die oder eine andere - was tut's? lautete Skopelos' einfache Antwort, indem er mit der Hand auf die Gig wies, die sich am Treppenfue auf den letzten Wellenschlgen der Kabelsee schaukelte.
Ein paar Minuten spter legte das Boot an der Karysta an und mit den Worten: Morgen zu Elisundo! sprang Nikolas Starkos an Bord.

Siebentes Kapitel.

Der Unerwartete.

Am Tage darauf, gegen 10 Uhr vormittags, ging Nikolas Starkos an der Mole ans Land und begab sich zu dem Hause des Bankiers. Nicht zum erstenmale erschien er in diesem Kontor, vielmehr wurde er dort immer als ein Kunde empfangen, dessen Geschfte nicht von der Hand zu weisen seien.
Elisundo kannte ihn jedoch; Elisundo mute vieles aus seinem Leben wissen; Elisundo war es auch nicht fremd, da er der Sohn jener Patriotin war, ber die er einmal mit Henry d'Albaret gesprochen hatte. Sonst aber wute niemand und konnte niemand wissen, wie es um den Kapitn der Karysta stand.
Nikolas Starkos wurde augenscheinlich erwartet, deshalb auch sogleich vorgelassen, als er sich meldete. Der vor 48 Stunden aus Arkadia eingelaufene Brief war nmlich von ihm. Der Bankier schlo, als Nikolas Starkos in seinem Privatkontor stand, der Vorsicht halber die Tr ab.
Nun standen die beiden Mnner einander gegenber.
Niemand wrde sie stren, niemand wrde hren knnen, was in diesem Zwiegesprch verlautete.
Guten Tag, Elisundo, hub der Kapitn der Karysta an und lie sich mit der Ungezwungenheit eines Menschen, der sich zu Hause fhlt, in einen Sessel fallen; bald ein halbes Jahr ist es nun her, seit ich Sie zum letztenmal gesehen, wenn Sie auch fter von mir gehrt haben. Dicht an Korfu mochte ich doch nicht vorbeifahren, ohne auszusteigen und einen Hndedruck mit Ihnen zu wechseln.
Blo um mich zu sehen oder um ein paar freundschaftliche Worte mit mir zu wechseln, sind Sie nicht hergekommen, Nikolas Starkos, versetzte der Bankier mit dumpfer Stimme - was also ist Ihr Begehr?
Sieh da! sieh da! rief der Kapitn, daran erkenne ich meinen alten Freund Elisundo! Von Sentimentalitt keine Spur! Geschftsmann vom Scheitel bis zur Sohle. Es mu lange her sein, seit Sie Ihr Herz im geheimsten Geheimfach Ihres Geldschranks verschlossen - seit Sie den Schlssel zu diesem Geheimfach verloren haben!
Wollen Sie mir sagen, was Sie herfhrt und warum Sie mir geschrieben haben? fragte Elisundo wieder.
Im Grunde haben Sie recht, Elisundo! Keine Gemeinpltze, keine Redensarten! Sprechen wir ernstlich! Es gibt fr heute sehr wichtige Interessen zu errtern - Interessen, die keinen Aufschub erleiden!
In Ihrem Schreiben sprechen Sie von zwei Geschften, fuhr der Bankier fort: einem, das in die Kategorie unserer gewohnten Beziehungen schlgt, und einem andern, das lediglich Ihre Person angeht.
Sehr richtig, Elisundo!
Nun, dann reden Sie, Nikolas Starkos! ich mchte wissen. um was es sich bei den beiden Geschften handelt.
Der Bankier war in seiner Ausdrucksweise, wie man sieht, sehr bestimmt: leider stand hiermit der dumpfe Ton, in welchem er sprach, nicht im Einklang; ganz augenscheinlich war es von den beiden Mnnern, die einander hier gegenber standen, nicht der Bankier, welcher die Lage beherrschte. Kein Wunder, da der Kapitn der Karysta so etwas wie ein Lcheln nicht verbergen konnte, von welchem indessen Elisundo, der die Augen zu Boden gesenkt hielt, nichts wahrnahm.
Welche der beiden Fragen diskutieren wir zuerst? fragte Starkos.
Ich meine: zuerst die, welche Sie allein persnlich angeht, sagte der Bankier mit ziemlich groer Lebhaftigkeit.
Wir fangen aber doch wohl besser mit der andern an, versetzte der Kapitn in scharfem, allen Widerspruch abschneidendem Tone.
Meinetwegen, Nikolas Starkos! um was handelt es sich denn?
Um einen Gefangenentrupp, den wir in Arkadia bernehmen und nach der Insel Scarpanto schaffen sollen, von wo aus ich ihn an die Kste der Berberei hinberbringen will: 237 Kpfe, Mnner, Weiber und Kinder. Nun wissen Sie ja, Elisundo, aus unseren frheren Geschften, da die Trken ihre Ware blo ausliefern gegen Bargeld oder gegen Tratten mit gutem Giro. Sie sollen mir also die Tratten girieren, Elisundo, und ich verlasse mich darauf, da Sie mir den Gefallen tun werden, wenn ich Skopelo mit den Tratten sende. - Gilt das als abgemacht - wie?
Der Bankier gab keine Antwort, aber sein Schweigen lie sich blo als ein Ja auf die Frage des Kapitns auffassen: lieen ihm doch frhere Geschfte gleicher Art kaum eine andere Wahl!
Hinzusetzen mu ich, fuhr Nikolas Starkos mit Ungezwungenheit fort, da das Geschft kein schlechtes sein drfte. Die trkische Sache nimmt in Griechenland eine schlimme Wendung. Die Seeschlacht von Navarino drfte, da sich die europischen Mchte nun einmischen, fr die Trken unheilvoll ausgehen. Mssen sie den Krieg einstellen, ist's aus mit Kriegsgefangenen, mit Sklavenschacher und Profit. Darum drften sich fr diese letzten Transporte, die man uns noch immer zu ziemlich gnstigen Bedingungen lt, an den Ksten von Afrika Liebhaber zu guten Preisen finden: Wir werden also bei diesem Geschft mit Vorteil arbeiten, und Sie mit! - Ich darf mich also auf Ihr Giro verlassen?
Ich werde Ihnen die Tratten diskontieren, erwiderte Elisundo, brauche also dann nicht girieren.
Ganz nach Wunsch, Elisundo, versetzte der Kapitn, aber Ihr Giro wrde uns gengt haben. Frher zgerten Sie nicht damit!
Frher ist nicht jetzt, erwiderte Elisundo; jetzt habe ich andere Meinung ber all diese Dinge!
Ei! was Sie sagen! rief der Kapitn; nun, ganz nach Wunsch, wie gesagt! Aber ist es denn wahr, da Sie das Geschft an den Nagel hngen wollen, wie ich von Leuten gehrt habe?
Jawohl, Nikolas Starkos! versetzte der Bankier mit festerer Stimme, und zwischen uns beiden wird dieses Geschft das letzte sein, das gemacht wird ... sofern Sie es noch machen wollen!
Freilich will ich es noch machen, Elisundo! versetzte Nikolas Starkos schroff.
Dann stand er auf, ging ein paarmal durch das Kontor, aber ohne den Bankier aus den Augen zu lassen, deren Blick nicht eben freundlich oder gar wohlwollend war. Endlich trat er vor ihn hin und fragte spttisch:
Meister Elisundo! Sie sind also wohl schwer reich, wenn Sie daran denken, das Geschft an den Nagel zu hngen?
Der Bankier gab keine Antwort.
Hm, machte der Kapitn, was soll denn aus all den Millionen werden, die Sie verdient haben? mit in die andere Welt hinber knnen Sie sie doch nicht nehmen! Wre doch zu schwere Fracht fr diese letzte Reise! An wen fallen sie, wenn Sie mal hinber sind?
Elisundo schwieg nach wie vor.
An Ihre Tochter natrlich fallen sie, fuhr Nikolas Starkos fort, an die schne Hadschina Elisundo! die wird Erbin sein der Schtze ihres Vaters! was wre auch rechter und billiger? Aber was soll sie damit anfangen? allein im Leben, im Besitze von soviel Millionen?
Nicht ohne Anstrengung richtete der Bankier sich auf und stie rasch, wie jemand, der ein Gestndnis macht, das ihm schwer wird, die Worte hervor:
Allein stehen im Leben wird meine Tochter nicht!
So? also verheiraten wollen Sie das Mdel? versetzte der Kapitn; und mit wem, bitte? wer wird Hadschina Elisundo nehmen wollen, sobald er wei, woher das Vermgen ihres Vaters zum grten Teile stammt? ja ich mchte fragen: wem wird Hadschina Elisundo die Hand zu reichen wagen, sobald sie das erfhrt?
Wie soll sie das erfahren? versetzte der Bankier; bis jetzt wei sie nichts, und wer wird's ihr sagen?
Ich, wenn's sein mu!
Sie?
Ich! Hren Sie mich an, Elisundo, und rechnen Sie mit meinen Worten, versetzte der Kapitn der Karysta mit berechneter Unverschmtheit, denn ich werde auf meine heutigen Worte nicht wieder zurckkommen. Dieses ungeheure Vermgen rhrt vornehmlich her von mir, von den Geschften, die wir zusammen gemacht haben und bei denen ich Kopf und Kragen riskiert habe! Nur durch den Handel mit geraubtem Gut, nur durch den Einkauf und Verkauf Kriegsgefangener whrend des Unabhngigkeitskrieges haben Sie diese Gewinne aufgestapelt, deren Summe sich auf Millionen beluft! Nun meine ich, da es nur gerecht sein drfte, wenn diese Millionen wieder an mich fielen. Vorurteile kenne ich nicht, das ist Ihnen nicht fremd; ich kmmere mich also nicht darum, woher Ihr Vermgen rhrt. Sobald der Krieg aus ist, werde auch ich mich von den Geschften zurckziehen. Aber ich mag nicht allein im Leben dastehen und rechne darauf, - verstehen Sie recht: ich rechne darauf - da Hadschina Elisundo das Weib von Nikolas Starkos wird!
Der Bankier sank in seinen Sessel zurck. Er fhlte recht gut, da er sich in dieses Mannes Hnden befand, dessen Helfershelfer er seit langen Jahren war. Er wute, da dieser Mann vor nichts zurckschrecken wrde, um zum Ziele zu gelangen. Er zweifelte keine Sekunde, da der Kapitn der Mann wre, ntigenfalls die ganze Vergangenheit des Bankhauses blozulegen.
Dem Bankier blieb als Ablehnung dieser Zumutung aus Nikolas Starkos' Munde, auf die Gefahr hin, einen Auftritt hervorzurufen, blo eine Antwort brig, und diese Antwort gab er nicht ohne einiges Zaudern.
Meine Tochter kann Ihre Frau nicht werden, Nikolas Starkos, weil sie die Frau eines andern Mannes werden mu!
Eines andern Mannes? schrie Nikolas Starkos. Na, wahrhaftig! da bin ich ja gerade zurecht gekommen! So so! die Tochter des Bankiers Elisundo vermhlt sich ...?
Binnen heut und fnf Tagen."
Und wen heiratet sie? fragte der Kapitn der Karysta, dessen Stimme vor Zorn bebte.
Mit einem frnkischen Offizier!
Mit einem Franken? mit einem frnkischen Offizier? wiederholte der Kapitn der Karysta - so so! wohl mit solchem Philhellenen, deren wir mehr als genug im Lande haben?
Ja.
Sein Name?
Kapitn Henry d'Albaret.
Hm, Meister Elisundo, fuhr Nikolas Starkos fort, dicht an den Bankier herantretend, und ihm whrend der ganzen Zeit scharf in die Augen sehend, ich sage Ihnen nochmals: sobald dieser Herr Henry d'Albaret wei, was fr ein Herr Sie sind, wird er sich schn bedanken fr Ihre Tochter, und wenn Ihre Tochter wei, aus welcher Quelle das Vermgen ihres Vaters stammt, wird sie nicht mehr daran denken, die Frau dieses Herrn Henry d'Albaret zu werden! Wenn Sie also dieses Verlbnis nicht heute auflsen, wird es sich morgen von selber auflsen ... denn morgen werden Braut und Brutigam wissen, wie alles steht ... jawohl! jawohl! sie sollen's wissen! Mord und Brand! ich mte nicht Nikolas Starkos sein!
Der Bankier richtete sich nochmals auf. Starr sah er dem Kapitn der Karysta ins Auge, und dann sprach er, mit einer Verzweiflung, ber die keine Tuschung mglich war:
Es sei! ... ich bringe mich um, Nikolas Starkos, um nicht lnger eine Schande zu sein fr mein Kind!
Das werden Sie in Zukunft bleiben, erwiderte der Kapitn, wie Sie es zur Zeit sind! denn durch Ihren Tod werden Sie nicht austilgen, da Elisundo der Bankhalter der Seeruber im Archipel war!
Niedergeschmettert sank Elisundo zurck - auer stande, zu antworten, als der Kapitn hinzusetzte:
Und darum, Elisundo, wird Hadschina die Frau nicht dieses Henry d'Albaret, sondern von Nikolas Starkos werden!
Noch eine halbe Stunde lang whrte dieses Zwiegesprch unter Bitten von der einen und Drohungen von der andern Seite. Ganz ohne Frage! um Liebe handelte es sich nicht bei Nikolas Starkos, wenn er Elisundos Tochter zum Weibe begehrte, sondern einzig und allein um den Besitz der Millionen. Nach ihnen trachtete er, und kein Grund, kein Vorhalt vermochte ihn von diesem Ziele abzubringen.
Hadschina hatte nichts gehrt von jenem Schreiben, das die Ankunft des Kapitns der Karysta meldete; aber seit dem Tage, da dies geschehen war, war ihr Vater ihr trauriger, finsterer als sonst erschienen, ganz so, wie wenn ihn eine heimliche Sorge bedrckte. Kein Wunder, da sie sich einer noch lebhafteren Unruhe nicht zu erwehren vermochte, als sich Nikolas Starkos im Bankhause einfand. Sie hatte den Mann whrend der letzten Kriegsjahre fter bei ihrem Vater gesehen, kannte ihn also; er hatte ihr immer einen Abscheu eingeflt, ber den sie sich Rechenschaft nicht geben konnte. Er ma sie, wie es schien, mit Blicken, die ihr wohl oder bel mifallen muten, obgleich er immer nur Worte ohne Belang an sie gerichtet hatte, wie schlielich jeder andere Kunde der Firma auch. Aber dem jungen Mdchen war es nicht entgangen, da ihr Vater immer, wenn dieser Mann dagewesen war, und immer eine ganze Zeitlang, in eine niedergedrckte Stimmung verfiel. Daher ihre Abneigung gegen Nikolas Starkos, fr die bis zur Zeit wenigstens ein gerechter Grund nicht vorhanden war.
Hadschina Elisundo hatte mit Henry d'Albaret noch kein Wort ber diesen Mann gesprochen. Was ihn mit dem Bankhause verknpfte, konnten ja doch blo Angelegenheiten geschftlicher Natur sein. Hierber wute sie nun aber so gut wie gar nicht Bescheid, und ber solche Dinge wurde zwischen ihnen niemals gesprochen. Der junge Offizier hatte also keine Ahnung von den Beziehungen, die einesteils zwischen Nikolas Starkos und dem Bankier, andernteils zwischen Nikolas Starkos und jener tapfern Griechin vorhanden waren, der er in dem Treffen von Chaidari das Leben gerettet hatte und die er lediglich unter dem Namen Andronika kannte.
Wie aber Hadschina, so hatte auch Xaris wiederholt Gelegenheit gehabt, Nikolas Starkos im Kontore der Strada Reale zu sehen, und zu begren. Auch er fhlte Widerwillen gegen diesen Mann, ganz wie das junge Mdchen. Blo uerten sich bei dem entschlossenen, krftigen Manne diese Empfindungen wesentlich anders als bei ihr. Ging Hadschina jeder Gelegenheit, ihm zu begegnen, beflissen aus dem Wege, so suchte Xaris solche Gelegenheit weit lieber auf, in der Absicht - wie er sich manchmal uerte - ihm, sobald es sich machen liee, die Rippen zu brechen.
Ein Recht dazu habe ich ja offenbar nicht, dachte er bei sich, vielleicht findet sich das aber noch!
Aus alledem leuchtet hervor, da der letzte Besuch des Kapitns der Karysta im Kontor des Bankiers Elisundo weder von Xaris noch von dem jungen Mdchen mit Freude wahrgenommen wurde. Kein Wunder, da sie es beide als eine Erleichterung empfanden, als Nikolas Starkos nach einem Zwiegesprch, ber dessen Natur nichts verlautete, das Haus verlassen und den Weg zum Hafen hinunter eingeschlagen hatte.
Eine Stunde lang blieb Elisundo in seinem Kontor. Nicht einmal, da er sich bewegt htte! Aber seine Weisungen in dieser Hinsicht waren streng: weder seine Tochter, noch Xaris durften sein Kontor betreten, ohne da sie gerufen wurden. Da nun aber der Besuch diesmal lange gedauert hatte, war natrlicherweise ihre Besorgnis nach Magabe der verflossenen Zeit gestiegen.
Pltzlich klingelte der Bankier - aber es hrte sich an, als htte eine recht schwache, unsichere Hand die Klingel gerhrt.
Xaris eilte zur Kontortr, die nicht mehr von innen verschlossen war, und stand dem Bankier gegenber, der noch immer in seinem Sessel sa in halb gedrckter Haltung, und ganz so aussah wie jemand, der einen schweren Kampf mit sich gefhrt habe. Er hob den Kopf, sah Xaris an, als ob er Mhe htte, ihn zu erkennen, strich sich mit der Hand ber die Stirn und fragte:
Hadschina?
Xaris nickte und ging hinaus. Kurz nachher befand sich das junge Mdchen bei ihrem Vater. Sogleich richtete dieser, ohne alle Einleitung, aber mit gesenkten Blicken und mit einer durch die Erregung stark vernderten Stimme, die Worte an sie:
Hadschina ... aus der Heirat mit dem Kapitn Henry d'Albaret ... kann nichts ... kann nichts werden!
Was sagst du, Vater? rief das junge Mdchen, von diesem unvermuteten Schlag mitten ins Herz getroffen.
Es geht nicht, Hadschina ... es geht nicht! wiederholte Elisundo. Es kann nichts draus werden!
Vater, wirst du mir sagen, warum du dein Wort zurcknimmst, das du ihm und mir gegeben? fragte das junge Mdchen; du weit, es ist meine Gewohnheit nicht, darber zu rechten, was du als deinen Willen erklrt hast, und auch heute wird das geschehen, gleichviel wie du entscheidest! ... Aber wirst du mir den Grund sagen, weshalb ich auf die Heirat mit Henry d'Albaret verzichten mu?
Weil es sein mu, Hadschina! weil du das Weib eines andern werden mut! murmelte Elisundo.
So leise er auch gesprochen hatte, das Mdchen hatte doch verstanden.
Eines andern! wiederholte sie, von diesem zweiten Schlage nicht minder grausam getroffen als von dem ersten ... und dieser andere ... wer ist das?
Kapitn Starkos!
Den Menschen? ... den?
Unwillkrlich entschlpften diese paar Worte Hadschinas Lippen. Sie mute sich am Tische festhalten, um nicht umzusinken.
Dann rief sie, in einer letzten Aufwallung gegen diese Entschlieung sich wehrend:
Vater, in diesem Befehle, den du mir wohl gar wider Willen gibst, liegt etwas mir Unerklrliches! liegt ein Geheimnis versteckt, das du mir nicht sagen magst!
Frage mich nicht! schrie Elisundo, frage mich nichts!
Nichts fragen soll ich? ... Vater! Vater! ... Nun, es sei ... Aber wenn ich auch, dir gehorsam, verzichten kann darauf, Henry d'Albarets Frau zu werden, so kann ich doch, und mte ich daran sterben, Nikolas Starkos zum Manne nicht nehmen! ... Das wrdest du nicht wollen.
Es mu sein, Hadschina! wiederholte Elisundo.
Mein Glck steht auf dem Spiele! rief das junge Mdchen.
Und meine Ehre!
Kann Elisundos Ehre abhngig sein von einem andern als ihm selber? fragte Hadschina.
Ja! ... von einem andern ... und dieser andere .. ist Nikolas Starkos!
Als diese Worte den Weg ber seine Lippen gefunden hatten, stand der Bankier auf, mit geisterhaftem Blick, mit verzerrtem Gesicht, ganz so, als ob er einen Schlaganfall gehabt htte.
Vor diesem Bilde fand Hadschina all ihre Seelenstrke wieder ... und Seelenstrke brauchte sie, frwahr! um von dem Vater zu gehen mit den Worten:
Es sei, Vater! ... ich will dir gehorchen!
Ihr Leben war gebrochen auf ewig, aber sie hatte begriffen, da es sich hier um irgend ein furchtbares Geheimnis in dem Verhltnis des Bankiers zum Kapitn der Karysta handeln msse ... sie hatte begriffen, da sich ihr Vater in den Hnden dieses abscheulichen Menschen befand ... sie beugte sich ... sie brachte sich zum Opfer! ... die Ehre ihres Vaters erheischte dieses Opfer!
Xaris fing das einer Ohnmacht nahe junge Mdchen in den Armen auf und trug sie in ihr Zimmer. Dort erfuhr er alles von ihr, was sich zugetragen, in welchen Verzicht sie gewilligt hatte ... Kein Wunder, da sich der Ha, den er gegen Nikolas Starkos im Herzen trug, verzehnfachte.
Eine Stunde darauf trat Henry d'Albaret seiner Gewohnheit gem in das Bankhaus. Eine Dienstfrau beschied ihn, Hadschina Elisundo sei nicht zu sprechen. Er fragte nach dem Bankier: der Bankier knne ihn nicht vorlassen. Er fragte nach Xaris: derselbe sei nicht im Kontor.
Aufs hchste beunruhigt, kehrte Henry d'Albaret ins Hotel zurck. Solcher Bescheid war ihm noch niemals erteilt worden. Er nahm sich vor, gegen Abend nochmals vorzusprechen, und wartete in Seelenangst.
Um 6 Uhr wurde im Hotel ein Brief fr ihn abgegeben. Er sah die Adresse an: er erkannte, da sie von Elisundo selber geschrieben war. Der Brief enthielt nur die wenigen Zeilen:
Herr Henry d'Albaret wird ersucht, das zwischen ihm und der Tochter des Bankiers Elisundo geplante Heiratsprojekt fallen zu lassen. Aus Grnden, die mit ihm selber nicht das geringste zu tun haben, kann diese Verheiratung nicht stattfinden. Herr Henry d'Albaret wird deshalb gut tun, seine Besuche im Bankhause hinfort zu unterlassen.
Elisundo.
Im ersten Moment verstand der junge Offizier kein Wort von dem, was er gelesen hatte. Dann las er den Brief noch einmal ... er war wie vom Donner gerhrt. Was war bei Elisundo vorgegangen? Weshalb solche Abfertigung? Noch tagsvorher war er dort gewesen und hatte gesehen, wie rege die Zurstungen zur Hochzeit betrieben wurden; der Bankier hatte mit ihm verkehrt wie immer; nichts an dem jungen Mdchen hatte solche Vernderung ihm gegenber ahnen lassen! -
Aber der Brief ist ja auch nicht mit Hadschina unterzeichnet! sprach er bei sich; sondern mit Elisundo! ... Nein, Hadschina hat nicht gewut und wei nicht, was ihr Vater mir schreibt ... ohne ihr Wissen hat er seine Absichten gendert! Warum? ich habe doch keinen Anla dazu gegeben! ... Ha! ich mu wissen, welcher Natur das Hindernis ist, welches sich zwischen das Mdchen und mich gestellt hat! und da er im Hause des Bankiers keinen Zutritt fand, schrieb er an den Bankier und bat um Bekanntgabe der Grnde, weshalb er diese Hochzeit, die sozusagen vor der Tr gestanden, rckgngig gemacht habe, mit dem Bemerken, da er ein unbedingtes Recht habe, dieselben kennen zu lernen.
Sein Brief blieb ohne Antwort. Er schrieb einen zweiten, dritten, vierten: ganz das gleiche Schweigen!
Nun wandte er sich an Hadschina selber, beschwor sie im Namen ihrer Liebe, ihm Antwort zu geben, und wenn sie ihm auch nur sollte schreiben knnen, da jedes Wiedersehen ausgeschlossen sei.
Dem jungen Mdchen war sein Brief, allem Anschein nach, nicht in die Hnde gekommen. Zum wenigsten mute das Henry d'Albaret annehmen. Kannte er doch ihren Charakter genug, um recht gut zu wissen, da sie ihm Antwort gegeben haben wrde.
Nun suchte der junge Offizier in seiner Verzweiflung, Xaris zu treffen. Er wich nicht mehr von der Strada Reale. Ganze Stunden lang streifte er um das Haus des Bankiers herum. Umsonst: Xaris, vielleicht den Befehlen des Bankiers, vielleicht auch der Bitte des Mdchens gehorsam, setzte keinen Fu mehr aus dem Hause.
So verstrichen ber vergeblichen Bemhungen der 24. und der 25. Oktober. Unter unsglicher Angst meinte Henry d'Albaret, die uerste Grenze des Herzeleids erreicht zu haben.
Er irrte sich.
Am 26. kam eine Neuigkeit in Umlauf, die ihn mit einem noch schrecklicheren Schlage treffen sollte.
Nicht blo sein Verlbnis mit Hadschina Elisundo war gebrochen - eine Tatsache, die nun die ganze Stadt wute - sondern Hadschina Elisundo ging ein Verlbnis ein mit einem andern!
Henry d'Albaret war, als ihm diese Kunde zu Ohren kam, vernichtet - ein anderer sollte Hadschinas Gatte sein!
Ich mu wissen, wer es ist! schrie er; sei wer es sei, ich will ihn kennen! ... ich werde den Weg zu ihm finden! ... will mit ihm reden! ... und Rede und Antwort soll er mir stehen!
Es sollte nicht lange dauern, bis der junge Offizier den Namen seines Nebenbuhlers erfuhr. Ja er sah ihn in das Bankhaus gehen; er wartete, bis er herauskam; er ging ihm hinterdrein; er sphte ihm nach bis zum Hafen, wo am Fue der Mole die Gig seiner wartete; er sah ihn zur Sakolewa hinber fahren, die eine halbe Meile weit in offener See vor Anker lag.
Nikolas Starkos war es, der Kapitn der Karysta!
Das trug sich am 27. Oktober zu. Genaue Erkundigungen, die Henry d'Albaret einziehen konnte, ergaben, da die Hochzeit von Nikolas Starkos und Hadschina Elisundo in allerehester Zeit stattfinden solle, denn die Vorbereitungen wrden mit aller Hast betrieben. Die Trauung wurde auf den 30. laufenden Monats, also auf den gleichen Tag festgesetzt, an welchem Henrys Trauung mit Hadschina hatte stattfinden sollen. Blo sollte nicht er, sondern dieser Schiffskapitn der Brutigam sein, von dem niemand wute, woher er kam, wohin er ging!
Kein Wunder, da Henry d'Albaret, in einen Grimm verfallen, dessen er nicht Herr zu werden vermochte, willens war, Nikolas Starkos herauszufordern, und mte er ihn von den Stufen des Altars reien! Erschlug nicht er ihn, so wrde ihm doch dieses Schicksal winken und dann wrde es aus sein mit diesem unertrglichen Dasein!
Umsonst sagte er sich, da diese Heirat, wenn sie stattfnde, doch mit Elisundos Einwilligung stattfnde! Umsonst sagte er sich, da doch derjenige, der ber Hadschinas Hand verfgte, ihr Vater sei!
Ja! aber wider ihren Willen geht dies alles vor sich! ... sie erliegt einem Zwange, der sie an diesen Menschen liefert ... sie bringt sich zum Opfer!
Im Laufe des 28. Oktobers versuchte Henry d'Albaret, Nikolas Starkos zu treffen. Er lauerte ihm am Hafen auf, an der Anlande, an der Tr zum Kontor. Umsonst. Und in zwei Tagen sollte diese schndliche Hochzeit stattfinden - in zwei Tagen, an denen der junge Offizier nichts unversucht lie, zu dem jungen Mdchen zu gelangen oder Nikolas Starkos Auge in Auge gegenber zu stehen.
Aber am 29., gegen 6 Uhr abends, vollzog sich ein unvermutetes Ereignis, das die Lsung des Knotens beschleunigen sollte ... am Nachmittag kam das Gercht in Umlauf, der Bankier sei von einem Gehirnschlag getroffen worden!
Und das Gercht fand Besttigung: zwei Stunden spter war Elisundo eine Leiche.

Achtes Kapitel.

Zwanzig Millionen Einsatz.

Welche Folgen dieses jngste Ereignis zeitigen wrde, htte noch niemand zu ermessen vermocht. Henry d'Albaret mute ganz natrlich, als er die Neuigkeit hrte, die Meinung haben, diese Folgen knnten nur gnstig fr ihn sein. Jedesfalls erlitt Hadschinas Vermhlung Aufschub, und wenn auch anzunehmen war, da sie von tiefem Schmerz berwltigt sein mute, zgerte der Offizier doch nicht, im Hause der Strada Reale vorzusprechen. Aber weder Hadschina noch Xaris konnte er sprechen. Es blieb ihm also nichts brig, als zu warten.
Wenn sich Hadschina, so dachte er, dem Wunsche des Vaters opferte, als sie diesem Starkos ihr Wort gab, so wird jetzt, nachdem ihr Vater tot ist, aus dieser Heirat nichts mehr werden!
Dieser Gedankengang war richtig: er ergab die ganz natrliche Folgerung, da, wenn sich Henry d'Albarets Chancen verbessert hatten, sich Nikolas Starkos' Chancen um eben soviel verschlechtert hatten. Es wird also niemand Wunder nehmen, da am nchsten Morgen an Bord der Sakolewa zwischen Skopelo und seinem Kapitn eine Unterredung hierber gepflogen wurde, die von dem ersteren ausging, denn er hatte die Neuigkeit in der Stadt vernommen und bei seiner Rckkehr gegen 6 Uhr morgens mit an Bord gebracht.
Man htte wohl annehmen drfen, da sich Nikolas Starkos bei den ersten Worten aus Skopelos Munde vor Zorn nicht kennen wrde. Dem war aber nicht so, denn der Kapitn wute sich zu beherrschen und war kein Freund davon, gegen Tatsachen, die sich nicht ndern lieen, Krfte zu vergeuden.
So so! Elisundo ist also tot? fragte er blo.
Ja! ... Elisundo ist tot!
Etwa Selbstmord? setzte er halblaut, wie im Selbstgesprch mit sich, hinzu.
Nein, versetzte Skopelo, der den Gedanken des Kapitns gehrt hatte, nein! Die Aerzte haben festgestellt, da Bankier Elisundo von einem Schlaganfall ...
Hingeschmettert worden?
So ungefhr! er hat auf der Stelle das Bewutsein verloren und vor seinem Tode kein Wort mehr sprechen knnen.
Kein Schade, da es so gekommen ist, Skopelo!
Ohne Widerrede, Kapitn! besonders insofern nicht, als die Transaktion mit Arkadia schon in Ordnung war ...
Vllig in Ordnung, antwortete Nikolas Starkos; unsere Tratten sind diskontiert worden, so da du den Gefangenentransport gegen bare Kasse bernehmen kannst.
Ei, Mord und Brand, Kapitn, rief der Leutnant, das war aber die hchste Zeit! Wie steht's denn aber mit der zweiten Affaire, wenn die erste im Lote ist?
Mit der zweiten? versetzte gelassen Nikolas Starkos; hm, die wird verlaufen, wie sie verlaufen sollte; Hadschina Elisundo wird ihrem Vater im Tode ganz ebenso gehorchen, wie sie ihm im Leben gehorcht haben wrde, und aus den nmlichen Grnden!
Also liegt es nicht in Eurer Absicht, Kapitn, fragte Skopelo weiter, die Sache fallen zu lassen?
Fallen lassen? die Sache fallen lassen? rief Nikolas Starkos in einem Tone, der seinen festen Willen, jedes Hindernis zu zermalmen, verriet. Sprich doch, Skopelo, meinst du, es gbe auf der Welt einen Menschen, einen einzigen, der die Hand von selber schlsse, wenn er sie blo aufzumachen braucht, damit ihm zwanzig Millionen hineinfallen?
Zwanzig Millionen! wiederholte Skopelo, indem er lchelnd den Kopf wiegte; freilich! auf reichlich zwanzig Millionen hatte ich das Vermgen unsers alten Freundes Elisundo geschtzt!
Runde schne Summe das! in guten Werten, versetzte Nikolas Starkos, die sich ohne Verzug versilbern lassen werden ...
Sobald Ihr sie im Besitze haben werdet, Kapitn; denn zunchst fllt doch dies ganze Vermgen an die schne Hadschina!
Die mir zufallen wird! mir! Sei ohne Furcht, Skopelo! mit einem einzigen Worte kann ich die Ehre des Bankiers vernichten, und seine Tochter wird nach seinem Tode wie zu seinen Lebzeiten diese Ehre hher schtzen als sein Vermgen! Aber ich werde nichts sagen, und werde nichts zu sagen haben! den Druck, den ich auf ihren Vater bte, werde ich immer auf sie ausben! Diese zwanzig Millionen wird sie mit Freuden ihrem Nikolas Starkos als Mitgift in die Ehe bringen, und wenn du Zweifel hierin setzest, Skopelo, nun! so kennst du den Kapitn der Karysta nicht!
Nikolas Starkos sprach mit solcher Zuversicht, da sein Leutnant, so wenig er sonst zu Illusionen neigte, die Meinung gewann, da der Vorfall vom gestrigen Abend den Verlauf der Angelegenheit nicht hindern wrde. Hchstens verschleppen, sonst aber nichts weiter!
Wie lange die Angelegenheit verschleppt werden knnte, das allein war die Frage, die Skopelo und auch Nikolas Starkos beschftigte, obwohl der letztere auch solche Mglichkeit nicht recht zugeben mochte. Am andern Tage versumte er nicht, dem Begrbnis des reichen Bankiers beizuwohnen, das in sehr einfacher Weise stattfand und dem nur eine geringe Anzahl Leidtragender beiwohnte. Bei diesem Anla war er mit Henry d'Albaret zusammengetroffen, aber nur einige Blicke waren zwischen ihnen gewechselt worden - nichts weiter!
Whrend der ersten fnf Tage nach Elisundos Tode versuchte der Kapitn der Karysta umsonst, bis zu dem jungen Mdchen zu dringen. Die Kontortr blieb fr jedermann geschlossen. Es schien, als sei das Bankhaus zusammen mit dem Bankier verschieden.
Uebrigens war Henry d'Albaret nicht glcklicher als Nikolas Starkos. Er konnte sich weder persnlich noch schriftlich mit Hadschina in Verbindung setzen; und schon stellte er sich die Frage, ob das junge Mdchen nicht etwa schon unter Xaris Schutze, der sich auch kein einzigesmal sehen lie, Korfu verlassen habe.
Weit entfernt, seine Plne fallen zu lassen, gefiel es dem Kapitn der Karysta, sich in den Gedanken zu wiegen, da ihre Verwirklichung sich eben nur verschleppe. Zufolge seiner Reden, zufolge Skopelos Manahmen, zufolge der Gerchte, die dieser absichtlich verstreute, war die Heirat zwischen Nikolas Starkos und Hadschina Elisundo fr niemand Gegenstand des Zweifels. Es mute blo solange gewartet werden, bis die Trauerzeit vorbei sei, vielleicht auch noch, bis die finanzielle Lage der Firma vllig ins Reine gebracht sei.
Da das von dem Bankier hinterlassene Vermgen sich auf eine ungeheure Ziffer belief, war in ganz Korfu bekannt. Natrlich stieg es durch die Klatschbasen im Viertel und durch die Gerchte in der Stadt schnell um das fnffache. Ja wirklich! es wurde behauptet, Elisundo hinterlasse nicht weniger als hundert Millionen. War das eine reiche Erbin, diese junge schne Hadschina! und war das ein glcklicher Mann, dieser Nikolas Starkos, dem ihre Hand versprochen war! In ganz Korfu wurde von nichts anderm mehr gesprochen, und in seinen beiden Vorstdten bis hinaus in die fernsten Drfer der Insel nicht minder! Sicher traf es ja zu, da Elisundo ein ungeheures Vermgen hinterlie, nahezu zwanzig Millionen, und zwar, wie Nikolas Starkos und Skopelo in ihrer letzten Unterredung ganz richtig gesagt hatten, in sichern, leicht realisierbaren Wertpapieren, nicht in Liegenschaften.
Das stellte whrend der ersten Tage nach des Bankiers Ableben Hadschina Elisundo fest; das stellte im Verein mit ihr Xaris fest. Aber was ihnen auch nicht verschlossen blieb, das war der Ursprung dieses Riesenvermgens, das waren die Quellen, aus denen es geflossen war. Xaris besa in der Tat von Bankgeschften Uebung genug, um sich ber die Vergangenheit des Bank-Kontors Elisundo ein genaues Bild zu machen, sobald er die Handelsbcher und Papiere zur Verfgung hatte. Zweifelsohne mochte es Elisundos Absicht gewesen sein, sie spter zu vernichten, aber der Tod hatte ihn berrascht. Bcher und Papiere waren da. Bcher und Papiere sprachen Bcher fr sich.
Jetzt wuten Hadschina und Xaris nur zu genau, woher diese Millionen geflossen waren! auf wieviel schmhlichen Geschften, auf wieviel Jammer und Elend all dieser Reichtum beruhte, brauchte ihnen nun niemand mehr zu sagen. Zufolgedessen also hielt Nikolas Starkos den Bankier in seiner Gewalt! Der Bankier war des Kapitns Helfershelfer! mit einem einzigen Worte konnte er ihn ehrlos machen! Zog er es dann vor zu verschwinden, so wre es niemand mglich gewesen, seine Spuren wieder aufzufinden! und das Stillschweigen dieses Menschen hatte der Vater dadurch erkaufen mssen, da er ihm die Tochter zur Ehe versprach!
Der Schurke! ... der Schurke! rief Xaris.
Schweig! verwies ihm Hadschina die Rede.
Und Xaris schwieg, denn er fhlte recht gut, da seine Worte ber Nikolas Starkos hinaus nicht reichen wrden.
Indessen mute die Situation ber kurz oder lang ihre Lsung finden. Zudem war ja Hadschina Elisundo selber unendlich viel daran gelegen, im Interesse aller, da diese Lsung schnell erfolgte.
Am sechsten Tage nach Elisundos Tode, gegen 7 Uhr abends, war Nikolas Starkos ersucht worden, sich nach dem Bankhause zu bemhen. An der Treppe der Mole wurde er von Xaris erwartet.
Da ihm diese Mitteilung in sonderlich liebenswrdigem Tone gemacht worden wre, mchte sich nicht wohl sagen lassen. Der Ton, in welchem Xaris sprach, war nichts weniger als einladend und seine Stimme nichts weniger als sanft, als er den Kapitn der Karysta anredete. Aber dieser war nicht der Mann, sich durch solche Kleinigkeit irritieren zu lassen. Er folgte Xaris zum Kontor, woselbst er sofort Zutritt fand.
Fr die Nachbarsleute, die Nikolas Starkos den Fu in das Bankhaus setzen sahen, das bislang so hartnckig fest verschlossen geblieben war, gab es nun keinen Zweifel mehr, da sich die Chancen zu seinen Gunsten gestaltet htten.
Nikolas Starkos traf Hadschina Elisundo im Kontor ihres Vaters. Sie sa vor dem Schreibtisch, auf welchem eine Menge Papiere und Schriftstcke umherlagen. Der Kapitn begriff, da sich das Mdchen Einblick in die Geschfte der Firma verschafft haben msse, und er befand sich nicht im Irrtum. Aber waren ihr die Beziehungen bekannt geworden, die der Bankier mit den Piraten des Archipels unterhalten hatte? Diese Frage stellte sich der Kapitn der Karysta.
Als derselbe eintrat, erhob sich Hadschina Elisundo - was sie der Verpflichtung berhob, ihm einen Stuhl anzubieten - und winkte Xaris, sie mit dem Besucher allein zu lassen. Sie ging in Trauer. Ihr ernstes Gesicht, ihre von schlaflosen Nchten mden Augen wiesen in ihrer ganzen Erscheinung auf eine groe physische Abspannung, nicht aber auf seelische Ermdung. In dieser Unterredung, die fr beide so ernste Folgen herbeifhren sollte, durfte die Ruhe sie nicht einen einzigen Augenblick verlassen.
Hier bin ich, Hadschina Elisundo, sagte der Kapitn, und stehe zu Ihrem Befehl. Warum haben Sie mich rufen lassen?
Aus zweierlei Grnden, Nikolas Starkos, versetzte das junge Mdchen, die gerade auf ihr Ziel zusteuern wollte. Vorerst mu ich Ihnen sagen, da das mir von meinem Vater, wie Sie ja recht gut wissen, auferlegte Heiratsprojekt als zwischen uns aufgelst zu betrachten ist.
Und ich, versetzte hierauf Nikolas Starkos mit Klte, werde mir an der Antwort gengen lassen, da Hadschina Elisundo, wenn sie so spricht, wohl an die Folgen ihrer Worte nicht gedacht haben wrde.
Ich habe reiflich berlegt, antwortete das junge Mdchen, und Sie werden begreifen, da mein Entschlu unwiderruflich sein mu, da ich ber die Natur der Geschfte, die das Bankhaus Elisundo mit Ihnen und den Ihrigen, Nikolas Starkos, gefhrt hat, keiner Aufklrung mehr bedarf.
Nicht ohne lebhaftes Mibehagen nahm der Kapitn der Karysta diese sehr klare und deutliche Antwort des jungen Mdchens hin. Ganz sicher war er darauf gefat gewesen, da ihm Hadschina Elisundo in aller Form den Abschied geben wrde, aber er baute ebenso darauf, ihren Widerstand dadurch zu brechen, da er ihr sagen wollte, was ihr Vater gewesen war und welche Beziehungen zwischen ihrem Vater und ihm bestanden hatten. Nun wute sie aber dies alles. Mithin zerbrach eine Waffe, seine beste vielleicht, ihm in der Hand. Immerhin hielt er sich nicht fr entwaffnet und versetzte in leicht ironischem Tone:
So? Sie haben Kenntnis von den Geschften des Hauses Elisundo und fhren trotzdem solche Sprache?
Ich fhre solche Sprache, Nikolas Starkos, und werde solche Sprache immer fhren, weil es meine Pflicht ist, sie zu fhren!
Soll ich also glauben, erwiderte Nikolas Starkos, da Kapitn Henry d'Albaret ...
Lassen Sie den Namen Henry d'Albaret bei dieser ganzen Sache beiseite! versetzte Hadschina lebhaft. Dann aber gewann sie die Herrschaft wieder ber sich und setzte, um jede Mglichkeit einer weitern Herausforderung abzuschneiden, kalt und ruhig hinzu: Sie wissen recht gut, Nikolas Starkos, da Kapitn d'Albaret sich niemals dazu verstehen wird, eine eheliche Verbindung mit der Tochter des Bankiers Elisundo einzugehen.
Schwer drfte das sein.
Aber ehrenhaft wird es sein!
Und warum?
Weil niemand eine Erbin heiratet, deren Vater der Bankhalter von Seerubern gewesen ist. Nein! kein Mann von Ehre kann ein Vermgen nehmen, das auf so schndliche Weise erworben worden.
Aber mir scheint, versetzte Nikolas Starkos, als redeten wir da von Dingen, die der Frage, um deren Lsung es sich handelt, absolut fremd sind?
Diese Frage ist gelst!
Erlauben Sie mir die Bemerkung hierzu, da Hadschina Elisundo den Kapitn Starkos, nicht den Kapitn d'Albaret heiraten sollte. Der Tod ihres Vaters drfte ihre Absichten so wenig verndert haben, wie er die meinigen verndert hat.
Ich gehorchte meinem Vater, erwiderte Hadschina, gehorchte ihm, ohne die geringste Kenntnis der Beweggrnde, die ihn dazu ntigten, mich zu opfern. Jetzt wei ich, da ich durch meinen Gehorsam seine Ehre rettete.
Nun also, wenn Sie wissen ... erwiderte Nikolas Starkos.
Ich wei, versetzte Hadschina, ihm das Wort abschneidend, ich wei, da Sie, sein Mitschuldiger, ihn in diese schmhlichen Geschfte hineingezogen haben, da Sie diese Millionen in das Bankhaus gebracht haben, das ehrenhaft dastand, bevor Sie mit ihm in Verkehr traten. Ich wei, da Sie ihm gedroht haben seine Schande der Oeffentlichkeit preiszugeben, sofern er sich weigerte, Ihnen seine Tochter zu geben. Wahrlich! Nikolas Starkos, haben Sie glauben knnen, da ich aus irgend welchem andern Grunde, als Gehorsam gegen meinen Vater, darein gewilligt htte, die Ihre zu werden?
Recht, Hadschina Elisundo, ich brauche Sie also nicht gescheit zu machen!! Wenn Sie aber auf die Ehre Ihres Vaters so frsorglich bedacht waren bei seinen Lebzeiten, mssen Sie es ganz ebenso sein nach seinem Tode, und sollten Sie darauf bestehen wollen, Ihr Wort mir gegenber nicht zu halten ...
So werden Sie alles an die groe Glocke hngen, Nikolas Starkos! rief das junge Mdchen mit einem solchen Ausdruck von Abscheu und Verachtung, da auf die Stirn des frechen Patrons etwas wie Rte stieg.
Ja ... alles! versetzte er.
Das werden Sie bleiben lassen, Nikolas Starkos.
So? warum?
Weil das fr Sie hiee, sich selber in Anklage zu setzen!
Mich in Anklage setzen, Hadschina Elisundo? Meinen Sie denn, solche Geschfte seien je unter meinem Namen gemacht worden? Bilden Sie sich ein, Nikolas Starkos sei es, der den Archipel abfhrt und Kriegsgefangene verschachert? Nein! wenn ich den Mund auftue, werde ich mich nicht blostellen, und auftun werde ich den Mund, wenn Sie mich dazu zwingen!
Das junge Mdchen sah dem Kapitn ins Gesicht, ihre Augen, denen die ganze Khnheit der Ehrenhaftigkeit innewohnte, senkten sich nicht vor den seinigen, so grimmig sie auch blickten.
Nikolas Starkos, versetzte sie, ich knnte Sie mit einem einzigen Worte entwaffnen, denn Sie haben diese Ehe weder aus Mitgefhl fr mich, noch aus Liebe zu mir gefordert! Der Grund war lediglich, da Sie in den Besitz von meines Vaters Vermgen gelangen wollten! Nun knnte ich Ihnen ja sagen: Sie wollen ja doch blo die Millionen! na, hier sind sie! nehmen Sie sie sich! und gehen Sie! auf Nimmerwiedersehen! ... Aber so, Nikolas Starkos, werde ich nicht sprechen! ... Nein, Nikolas Starkos! diese Millionen, die ich erbe ... die sollen Sie nicht bekommen! Sie nicht! ... die werde ich behalten ... die werde ich verwenden, wie es mir pat! ... Nein! die sollen Sie nicht haben ... nun und nimmer! ... Und jetzt hinaus aus diesem Zimmer ... hinaus aus diesem Hause! ... Hinaus!
Mit gestrecktem Arme und erhobenen Hauptes stand jetzt Hadschina Elisundo da, genau so, wie wenige Wochen frher Andronika Starkos stand auf der Schwelle des vterlichen Hauses, und gleich wie Andronika schien jetzt Hadschina den Mann zu verfluchen. Wenn aber an jenem Tage Nikolas Starkos vor der Gebrde der Mutter zurckgewichen war, so schritt er diesmal entschlossen auf das Mdchen zu ...
Hadschina Elisundo, sprach er - ja! ich brauche diese Millionen ... so oder so mu ich sie bekommen ... und werde sie bekommen!
Nein! ... lieber vernichte ich sie ... lieber werfe ich sie in den Golf! versetzte Hadschina.
Ich werde sie bekommen, sage ich dir ... ich mu sie haben ... und will sie haben!
Nikolas Starkos hatte das Mdchen am Arme gepackt. Der Zorn machte ihn von Sinnen. Er war nicht mehr Herr ber sich! sein Blick trbte sich - er wre imstande gewesen, sie zu ermorden!
Hadschina Elisundo sah dies alles in einem Nu. Sterben! ha! was lag ihr noch am Leben? was hatte der Tod fr sie Schreckliches? ... Aber das energische Mdchen hatte anderes ber sich bestimmt! sie hatte sich verurteilt zum Leben!
Xaris! rief sie.
Die Tr ging auf. Xaris erschien.
Xaris! jag diesen Kerl hinaus!
Nikolas Starkos hatte nicht Zeit gehabt, sich umzudrehen, so schnell war er von zwei Eisenarmen umschlungen. Der Atem ging ihm aus ... er wollte sprechen, schreien, es gelang ihm so wenig, wie es ihm gelang, sich von dieser schrecklichen Umarmung frei zu machen. Dann wurde er drauen vorm Hause auf die Erde gestellt, zerschunden am ganzen Leibe, halb erstickt, auer stande zu mucksen.
Und dort sprach Xaris nichts weites zu ihm als:
Tot schlage ich dich nicht, Kerl, weil sie es mich nicht geheien hat. Aber wenn sie's mir sagt, dann tue ich's!
Und dann schlo er die Tr.
Zu dieser Zeit und Stunde war die Strae leer. Niemand hatte sehen knnen, was vorging: da nmlich Nikolas Starkos aus dem Hause des Bankiers Elisundo gejagt worden war. Aber hinein gehen hatte man ihn gesehen, und das war genug. Hieraus ging hervor, da Henry d'Albaret, wenn er erfuhr, sein Nebenbuhler sei dort eingelassen worden, wo man ihm den Einla verweigerte, gleich aller Welt die Meinung gewinnen mute, der Kapitn der Karysta sei mit dem jungen Mdchen auf dem Fue eines Brutigams verblieben.
Welch ein Schlag war das fr ihn! Nikolas Starkos hatte Einla gefunden in jenem Hause, das ihm unerbittlich verschlossen gehalten wurde! Zuerst fhlte er die Versuchung an sich heranschleichen, dem Mdchen zu fluchen: und wem an seiner Statt wre es vielleicht nicht so gegangen? Aber bald gewann er die Herrschaft ber sich, seine Liebe trug den Sieg davon ber seinen Zorn, und trotzdem der uere Schein gegen das Mdchen sprach, rief er:
Nein! nein! das kann nicht sein! ... Sie ... mit diesem Menschen! ... das kann nicht sein! das ist nicht! ... Nein, nein! das ist nicht!
Indessen war Nikolas Starkos, trotz der von Hadschina Elisundo gegen ihn ausgestoenen Drohungen nach reiflicher Ueberlegung zu dem Entschlusse gekommen, zu schweigen, nichts von dem Geheimnis zu offenbaren, das auf dem Leben des Bankiers lastete. Verhielt er sich ruhig, so blieb ihm vllige Handelsfreiheit, und Zeit dazu blieb ihm ja immer noch, falls es die Umstnde spter notwendig machten.
So wurde zwischen ihm und Skopelo vereinbart. Er verheimlichte seinem Leutnant nicht das geringste von dem, was zwischen ihm und Hadschina gesprochen und vorgegangen war, und Skopelo war gleich ihm der Meinung, nichts verlauten zu lassen und Zurckhaltung zu wahren, hingegen die Augen offen zu halten, um sofort handeln zu knnen, falls die Dinge eine ihren Plnen gnstige Wendung nehmen sollten. Was ihm vornehmlich bedenklich vorkam, war die Abneigung der Erbin dagegen, sein Schweigen durch Ausfolgung der Erbschaft zu erkaufen. Warum sie hierzu nicht geneigt war, das vermochte er tatschlich nicht zu verstehen.
Whrend der folgenden Tage, bis zum 12. November, wich Nikolas Starkos nicht vom Bord seines Schiffes, nicht auf eine Stunde. Er sann und kombinierte, Mittel und Wege zu finden, die ihn zum Ziele brchten. Zudem rechnete er halb und halb auf den glcklichen Zufall im Leben, der ihm whrend seiner ganzen Verbrecherlaufbahn in hervorragender Weise dienstbar gewesen war. Diesmal aber verrechnete er sich.
Nicht anders verhielt sich Henry d'Albaret: auch er lebte ganz ebenso abseits. Seine Versuche, eine Zusammenkunft mit dem jungen Mdchen zu erlangen, hatte er einstellen zu mssen geglaubt. Aber der Verzweiflung gab er sich nicht hin. Am 12. abends wurde ein Brief fr ihn im Hotel abgegeben. Eine Ahnung sagte ihm, da derselbe von Hadschina komme. Er ffnete ihn, blickte auf die Unterschrift und sah, da er sich nicht geirrt hatte.
Der Brief enthielt nur wenige Zeilen, die von der Hand des jungen Mdchens geschrieben waren, und zwar die folgenden:
Henry!
Meines Vaters Tod hat mich in den Rckbesitz meiner Freiheit gesetzt. Aber Sie mssen auf mich verzichten! Die Tochter des Bankiers ist Ihrer nicht wrdig. Nie werde ich Nikolas Starkos, einem Schurken, angehren - aber die Ihrige, eines Ehrenmannes Frau! kann ich nicht werden! Nachsicht und Lebewohl!
Hadschina Elisundo.
Kaum hatte er zu Ende gelesen, als er auch schon, ohne zu berlegen, unterwegs war nach dem Hause in der Strada Reale.
Das Haus war geschlossen, verlassen, stand leer ... als htte Hadschina Elisundo es mit ihrem getreuen Xaris verlassen auf Nimmerwiederkehr.

Neuntes Kapitel.

Archipel in Flammen

Die Insel Scio, heute allgemeiner Chio genannt, liegt am Aegischen Meere, westlich vom Golfe von Smyrna, unfern der kleinasiatischen Kste. Mit Lesbos im Norden und Samos im Sden gehrt sie zu der im Osten des Archipels gelegenen Gruppe der Sporaden. Sie erstreckt ich auf etwas ber 40 Meilen im Durchmesser. Der pelinische Berg, jetzt Eliasberg genannt, der sie beherrscht, steigt zu einer Hhe von 2500 Fu ber dem Meeresspiegel.
Von den greren Stdten, die auf ihr liegen, Volysso, Pitys, Delphinium, Leukonia, Kaukasa ist die ihren Namen tragende die bedeutendste. Dort war am 30. Oktober 1827 Oberst Fabvier mit einem Korps von 700 Mann Regulrer, 1500 Mann Irregulrer, im Solde der Skioten stehender Infanterie, 200 Mann Kavallerie und einem Artilleriepark von 10 Haubitzen und 10 Kanonen, gelandet.
Noch war seit der Seeschlacht von Navarino die griechische Frage nicht durch die Intervention der europischen Mchte gelst worden. England, Frankreich und Ruland wollten nmlich dem neuen Knigreich nur diejenigen Grenzen geben, ber welche die aufstndische Bewegung niemals hinausgegangen war. Eine solche Begrenzung konnte aber der hellenischen Regierung nicht gengen, die auer dem ganzen festlndischen Griechenland den Besitz von Kreta und Scio als notwendig fr seine Autonomie erklrte. Whrend nun Miaulis Kreta und Ducas das Festland zu ihren Operationsfeldern nahmen, landete zu dem vorhin genannten Zeitpunkt Oberst Fabvier in Maurolimena aus der Insel Scio.
Da die Hellenen den Trken diese herrliche Insel, das prchtigste Juwel in diesem Kranze der Sporaden, entreien wollten, ist begreiflich. Der Himmel von Scio ist der reinste Himmel in ganz Kleinasien, das Klima von Scio zufolgedessen geradezu wunderbar, frei von bermiger Hitze, frei von auerordentlicher Klte. Ein gemigter Seewind bringt stndige Erfrischung. Himmel und Seewind machen das Klima auf Chio zum gesndesten im ganzen Archipel. Kein Wunder, da in einem dem Homer - den Chio als sein Landeskind in Anspruch nimmt - zugeschriebenen Hymnus Scio die berppige Insel heit. Auf ihrer westlichen Seite kocht hier die Sonne die kstlichsten Weine, die den berhmtesten Gewssern des Altertums gleichkommen, und liefert ihren Bienen den Stoff zu einem Honig, der dem vom Hymettos den Rang abluft. Auf ihrer Ostseite reift sie Zitronen und Apfelsinen, deren Ruf sich bis nach Westeuropa hinein erstreckt. Nach Sden zu wachsen auf ihrem gesegneten Boden in dichten Hainen jene verschiedenen Lentiscus-Arten, die ein unter der Bezeichnung Mastix in den verschiedensten Zweigen der Industrie, auch in der Heilkunde geschtztes Harz - den eigentlichen Reichtum der Insel - liefern. Die Feige, die Dattel, die Mandel, die Granate, die Olive, von allem Gestruch und allen Bumen der sdlichen Zone Europas wohnen hier die herrlichsten Typen.
Diese Insel sollte nach dem Willen der Nationalregierung einen Bestandteil des neu zu schaffenden Knigreichs bilden. Darum war der khne Fabvier, trotz allen Undanks, den er in reichem Mae geerntet hatte von denen, fr die er sein Blut zu vergieen gekommen war, auf Scio gelandet, zum Zwecke, die Insel durch Eroberung zu gewinnen.
Whrend der letzten Monate im Jahre hatten jedoch die Trken Mord und Brand und Raub ber die ganze hellenische Halbinsel getragen, noch am Tage vor der Landung Capo d'Istrias in Nauplia. Die Ankunft dieses Diplomaten sollte den innern Zwistigkeiten der Griechen ein Ende machen und das Regiment in eine Hand legen. Aber obwohl Ruland dem Sultan ein halbes Jahr spter den Krieg erklren und auf diese Weise der Konstitution des neuen Knigreichs zu Hilfe kommen sollte, hielt Ibrahim nach wie vor den mittleren Peloponnes und die Kstenstdte in seiner Gewalt. Und wenn er sich auch acht Monate spter, am 6. Juli 1828, anschickte, das Land zu verlassen, dem er so entsetzlich viel Wunden geschlagen hatte, wenn auch im September desselben Jahres kein einziger Aegypter mehr auf griechischem Boden stehen sollte, so verheerten diese wilden Horden doch noch immer eine Zeitlang Morea. Solange nun die Trken oder ihre Bundesgenossen verschiedene Kstenstdte noch besetzt hielten, wird sich niemand wundern, da in den benachbarten Meeresteilen noch Seeruber ber Seeruber ihr Wesen trieben. War der Schaden, den sie den zwischen den Inseln verkehrenden Handelsschiffen zufgten, von hohem Belang, so lag es wahrlich nicht daran, da die Befehlshaber der griechischen Kleinflotten, Miaulis, Kanaris, Tsamados und andere, ihre Verfolgung eingestellt htten; aber dieses Gesindel war in Menge vorhanden, war unverdrossen und immer auf der Hut, und die Unsicherheit in diesen Meeren nahm so berhand, da sich noch kaum jemand auf ein Schiff getraute. Von Kreta bis Mitylene, von Rhodus bis Negroponte stand der Archipel im Feuer.
Sogar auf Scio selber machten diese aus dem Auswurf der Nationen zusammengewrfelten Banden alle Ksten, alle Wege und Stege unsicher, um dem in der Citadelle eingeschlossenen Pascha gegen den Obersten Fabvier zu Hilfe zu kommen, der unter mehr als ungnstigen Bedingungen zur Belagerung sich anschickte.
Die Reeder auf den ionischen Inseln, denen der Schreck ber solche in der ganzen Levante eingerissenen Zustnde in die Glieder gefahren war, hatten sich, wie der Leser wei, endlich aufgerafft und sich zur Armierung einer Korvette zusammengetan, welche den Korsaren auf den Leib rcken sollte. Seit fnf Wochen war die Syphanta nun von Korfu bereits unterwegs, um die Meere des Archipels reinzufegen, wie die Korfioten sagten. Aus ein paar Affren hatte sie sich nicht ohne Glck herausgebracht, auch ein paar mit Fug und Recht fr verdchtig erachtete Schiffe aufgebracht: Umstnde, die zur eifrigen Fortsetzung des begonnenen Werks nur anspornen konnten. Ihr Kommandant Stradena, der in den Gewssern von Psara, Skyros, Zea, Lemnos, Paros, Santorin wiederholt erschienen war, auch hin und wieder Scharmtzel bestanden hatte, erfllte seine Aufgabe mit Khnheit nicht minder als mit Glck. Blo eines schien ihm nicht vergnnt zu sein: dem Korsaren Sakratif in den Weg zu kommen, dessen Auftreten nach wie vor durch die blutigsten Greuel gekennzeichnet wurde, den niemand fangen konnte, weil ihn niemand zu Gesicht bekam, und der doch in aller Munde war!
Vor hchstens vierzehn Tagen, um den 13. November herum, war die Syphanta in der Nhe von Scio gesehen worden. Am selben Tage wurde sogar eine von ihr aufgebrachte Prise in den Hafen der Insel gesteuert, und Fabvier bte an ihrer Korsarenbesatzung prompte Justiz.
Aber seitdem hatte von der Korvette nichts weiter verlautet; niemand konnte Auskunft darber geben, in welchen Gewssern des Archipels sie jetzt hinter dem ruberischen Gesindel her war. Man hatte schlielich gerechte Ursache, sich ihretwegen in Unruhe zu setzen: war es doch bislang in diesen engbegrenzten, von Inseln und Eilanden berseten, mithin an Schlupfwinkeln reichen Gewssern nur selten vorgekommen, da ein paar Tage verstrichen, ohne da Meldung von dem Aufenthalt der Korvette erstattet worden war.
So lagen die Dinge, als am 27. November Henry d'Albaret auf Scio eintraf, acht Tage nach seiner Abfahrt von Korfu. Dort war er mit seinen alten Waffengefhrten zusammengetroffen, und unter seinen Kameraden gedachte er wieder in den Kampf gegen die Trken zu treten.
Hadschinas Verschwinden hatte ihm einen furchtbaren Schlag versetzt. Freilich stie sie Nikolas Starkos als einen ihrer unwrdigen Schurken von sich, weigerte sich selber aber auch, als seiner unwrdig, demjenigen anzugehren, dem sie sich vorher verlobt hatte! Was fr ein Geheimnis verbarg sich hinter all diesen Dingen? wo sollte er dasselbe suchen? in ihrem so stillen, so lauteren Leben? Nein, ganz gewi nicht! Also im Leben ihres Vaters? Aber in welchem Zusammenhange standen denn Elisundo, der korfiotische Bankier, und Nikolas Starkos, der Kapitn einer Sakolewa?
Wer konnte Antwort geben auf diese Fragen? Das Haus des Bankiers stand leer. Auch Xaris mute es gleichzeitig mit dem jungen Mdchen verlassen haben. Henry d'Albaret konnte auf niemand zhlen, diese Geheimnisse des Hauses Elisundo aufzudecken, als auf sich selber.
Nun kam er auf den Einfall, erst die Stadt, dann die ganze Insel Korfu abzusuchen. Vielleicht hatte Hadschina sich an irgend einen einsamen Fleck, den niemand kannte, wo niemand sie vermuten konnte, geflchtet? Es gibt ja tatschlich auf Korfu, verstreut ber die Landflche, eine gewisse Zahl von Ortschaften, wo sich leicht sichere Zuflucht finden lt. Wer sich vor den Menschen verbergen, sich in vllige Vergessenheit bringen will, der findet in Benizza, Santa Dekka, Leukimne und ein paar Dutzend anderer Drfchen ganz sicher Stellen, wo ihn niemand sucht. Henry d'Albaret lief alle Straen und Wege ab, durchstberte die unscheinbarsten Weiler, um eine Spur des Mdchens aufzufinden: aber er fand nichts; blo zuletzt erhielt er, schon im Begriffe, seine Suche einzustellen, einen Wink, der ihm die Vermutung nahe legte, da Hadschina Elisundo die Insel Korfu verlassen haben mte. In dem kleinen, im Westnordwesten der Insel gelegenen Hafen Alipa hrte er nmlich, es sei vor kurzem eine leichte Speronare in See gestochen, mit zwei Passagieren, auf die sie eine Zeitlang im Hafen gewartet habe, von denen sie unter der Hand gemietet worden sei. Aber das war blo ein ganz unbestimmter Wink. Zudem sollte bald ein gewisses Zusammenfallen von Umstnden und Tagen dem jungen Offizier Grund zu neuen Befrchtungen geben.
Bei seiner Rckkunft nach Korfu erfuhr er nmlich, da auch die Sakolewa den Hafen verlassen htte. Was bei dieser Nachricht am schwersten wog, war, da dies am selben Tage geschehen war, an welchem Hadschina Elisundo verschwunden war. War zwischen diesen beiden Vorfllen ein Zusammenhang zu erblicken? War das junge Mdchen zusammen mit Xaris in einen Hinterhalt gelockt und gewaltsam hinweggefhrt worden? Befand sie sich jetzt in der Gewalt des Kapitns der Karysta?
Dieser Gedanke brach Henry d'Albaret das Herz. Aber was tun? an welchem Punkte der Erde Nikolas Starkos aufsuchen? was war denn eigentlich dieser Abenteurer? Die Karysta, von der niemand wute, woher sie gekommen, noch wohin sie gegangen war, durfte schlielich mit Fug und Recht als verdchtiges Schiff gelten! Indessen wies der junge Offizier, sobald er erst wieder Herr seiner Sinne war, solchen Gedanken weit von sich. Da sich Hadschina Elisundo seiner fr unwrdig erklrte, da sie ihn nicht wiedersehen mochte, lag die Annahme doch blo nahe, da sie sich unter dem Schutze ihres getreuen Xaris freiwillig entfernt hatte.
Und wenn dem so war, dann wrde, dann mte es schlielich Henry d'Albaret beschieden sein, sie wiederzufinden. Vielleicht hatte ihr Patriotismus sie in den Kampf getrieben, der um das Schicksal ihrer Heimat wtete? vielleicht trug sie sich mit dem Gedanken, jenes ungeheure Vermgen, ber das sie jetzt freie Verfgung hatte, in den Dienst des Unabhngigkeitskrieges zu stellen? und warum htte sie es den griechischen Heldinnen, einer Andronika und anderen, nicht gleichtun, warum ihnen nicht auf den Kriegsschauplatz folgen sollen, da sie ihnen doch schrankenlose Bewunderung zollte?! So kam es, da Henry d'Albaret, fest berzeugt, da Hadschina Elisundo nicht mehr in Korfu weile, auf den Entschlu geriet, wieder in das Philhellenen-Korps einzutreten. Oberst Fabvier stand in Scio mit seinen Regularen; dorthin zu eilen, beschlo Henry; er verlie die ionischen Inseln, passierte Nordgriechenland, die Meerbusen von Patras und Lepanto, schiffte sich im Meerbusen von Aegina ein, entrann, nicht immer ohne Mhe, Korsaren, die das Meer der Kykladen unsicher machten, und landete nach ziemlich schneller Ueberfahrt in Scio.
Oberst Fabvier nahm den jungen Offizier aufs herzlichste bei sich auf: ein Beweis dafr, in welch hoher Achtung er bei ihm stand. Dem tapferen und khnen Soldaten galt er nicht blo als treuer Waffengefhrte, sondern auch als sicherer, verllicher Freund, dem er sein Herz ausschtten, seinen Verdru und Kummer beichten konnte, und an beidem litt er wahrlich keinen Mangel! Die Disziplinlosigkeit der Irregulren, die zu dem Expeditionskorps eine bedeutende Kopfzahl stellten, der geringe, zumeist berhaupt nicht bezahlte Sold, die von den Skioten selbst heraufbeschworenen Verdrielichkeiten: dies alles behinderte ihn und verschleppte sein Vorgehen.
Trotz alledem war mit der Belagerung der Citadelle begonnen worden. Aber Henry d'Albaret kam noch frh genug, um an der Erffnung der Laufgrben teilzunehmen. Zweimal schon hatten die verbndeten Mchte an den Obersten die Aufforderung gerichtet, seine Zurstungen einzustellen; der Oberst aber, der die offne Untersttzung der hellenischen Regierung hinter sich hatte, trug diesen Aufforderungen keine Rechnung, sondern fuhr in dem begonnenen Werk unerschtterlich fort.
Bald wurde die bloe Belagerung zur Blockade, wenigstens in gewissem Mae, erweitert. Leider lie sich dieselbe nicht vollstndig durchfhren, so da die Belagerten noch immer Proviant und Munition erneuern konnten. Vielleicht wre es aber schlielich Fabvier gelungen, die Citadelle zu Falle zu bringen, htte sich nicht schlielich sein Korps, von Hungersnot tglich strker mitgenommen, ber die ganze Insel zerstreut, um zu plndern und Proviant herbeizuschaffen. Unter solchen Umstnden war es schlielich kein Wunder, da es den Trken mit fnf Schiffen gelang, die Einfahrt in den Hafen von Scio zu erzwingen und den Belagerten einen Sukkurs von 2500 Mann zuzufhren. Allerdings kam kurz nachher auch Miaulis mit seinem Geschwader vor Scio in Sicht, um dem Oberst Fabvier Hilfe zu bringen, aber zu spt, so da er unverrichteter Sache wieder abziehen mute.
Ein paar Schiffe mit Freiwilligen waren mit dem griechischen Admiral nach Scio gegangen, die als Verstrkung zu dem Expeditionskorps rcken sollten. Darunter befand sich auch ein Weib, nmlich Andronika.
Bis zuletzt hatte sie im Peloponnes mit gegen Ibrahims Soldaten im Felde gestanden, und war entschlossen, gleichwie zu Anfang des Krieges, nun auch beim Schlusse desselben nicht zu fehlen. Das war der Grund, der sie nach Scio fhrte.
Der trkische Sultan hatte gerade den schrecklichen Bannfluch: Feuer, Eisen, Sklaverei! ber Scio verhngt und den Kapudan-Pascha Kara-Ali mit der Vollfhrung desselben beauftragt. Und Kara-Ali vollfhrte den Fluch! seine blutdrstigen Horden faten Fu auf der Insel. Alle mnnliche Bevlkerung unter zwlf und alle weibliche ber vierzig Jahre wurde erbarmungslos niedergemetzelt. Was brig blieb, verfiel in Sklaverei und wurde auf die Mrkte nach Smyrna und in die Berberei geschafft. Die ganze Insel wurde von 30 000 Trken mit Feuer und Schwert zur Oedenei gemacht; 23 000 Skioten waren niedergemetzelt worden, 47 000 sollten in die Sklaverei verkauft werden.
Hierbei hatte Nikolas Starkos die Hand im Spiele gehabt. Seine Kameraden hatten mit ihm zuerst gemordet und geplndert, und dann die Hauptschacherer abgegeben, die eine ganze Herde von Menschen trkischer Habgier berlieferte. Auf den Schiffen dieses Piraten waren Tausende von Unglcklichen nach den Ksten von Kleinasien und Afrika geschafft worden, und eben diese schndlichen Machinationen waren es, die Nikolas Starkos in Beziehung zu dem Bankier Elisundo gebracht hatten. Aus ihnen ergab sich unermelicher Gewinn, der zum grten Teile Hadschinas Vater zufiel.
Andronika wute aber nun recht gut, in welchem Mae Nikolas Starkos teilgenommen hatte an dem Gemetzel von Scio und welche Rolle er bei diesen frchterlichen Vorgngen gespielt hatte. Warum hatte sie die Sttte aufgesucht, wo sie hundertmal verflucht worden wre, htte man gewut, da sie die Mutter dieses Scheusals sei. Mitzukmpfen auf dieser Insel, ihr Blut zu vergieen fr die gerechte Sache der Skioten, bednkte ihr gleichsam als Bue, als Shne fr die verbrecherischen Taten ihres Sohnes.
Aber von dem Moment an, da Andronika in Scio ans Land gestiegen war, konnte es blo noch eine Frage der Zeit sein, da sich Henry d'Albaret, der Offizier, der dieser Frau bei Chaidari das Leben gerettet hatte, in Scio mit ihr begegnete. Das war auch, und zwar verhltnismig kurze Zeit nachher, am 15. Januar, der Fall.
Sie war es, die mit offenen Armen auf ihn zueilte und mit dem Rufe: Henry d'Albaret! ihn in die Arme schlo.
Ihr hier? Andronika? ... Ihr! erwiderte der junge Offizier.
Ja! versetzte sie - ist dort nicht mein Platz, wo der Kampf wider die Bedrcker noch tobt?
Andronika, rief Henry d'Albaret, seid stolz auf Euer Vaterland! stolz auf seine Kinder, die es mit Euch verteidigt haben! Binnen kurzem wird kein trkischer Soldat mehr auf dem Boden Griechenlands weilen!
Das wei ich, Henry d'Albaret! Gott mge mir das Leben lassen bis zu diesem Tage!
Und nun mute Andronika erzhlen, was sie erlebt hatte, seit sich nach dem Treffen von Chaidari ihre Wege geschieden hatten. Sie berichtete von ihrer Wanderung nach dem Magnos, ihrer Heimat, die sie noch einmal habe wiedersehen wollen, dann von ihrem Wiedereintritt in das Korps, das auf dem Peloponnes focht, endlich von ihrer Landung auf Scio.
Auch Henry d'Albaret erzhlte ihr, unter welchen Verhltnissen er wieder nach Korfu gekommen, in welche Beziehungen er zu dem Bankier Elisundo getreten sei, erzhlte ihr von seinem Verlbnis mit Hadschina, Elisundos Tochter, und von dessen Lsung, von Hadschinas Verschwinden, und da er noch immer darauf rechne, sie eines Tages wiederzufinden.
Jawohl, Henry d'Albaret! antwortete Andronika, wissen Sie auch noch nicht, welches Geheimnis ber dem Leben dieses Mdchens liegt, so kann sie Ihrer doch nur wrdig sein! ... Ja, Henry! Sie werden sie wiedersehen, und ihr werdet beide zusammen glcklich werden ganz nach euerm Verdienst!
Aber sagt mir, Andronika, fragte Henry, habt Ihr denn den Bankier Elisundo nicht gekannt?
Nein, antwortete Andronika; wie sollte ich ihn kennen und warum stellt Ihr mir diese Frage?
Weil ich mehrfach Veranlassung gefunden. habe, Euern Namen in seiner Gegenwart zu nennen, versetzte der junge Offizier, und weil Euer Name seine Aufmerksamkeit in aufflliger Weise erregte. Einmal hat er mich gefragt, ob mir bekannt sei, was seit unserer Trennung aus Euch geworden sei.
Ich kenne ihn nicht, Henry d'Albaret, und in meiner Gegenwart ist der Name des Bankiers Elisundo niemals genannt worden.
Dann waltet auch hier ein Geheimnis ob, fr das ich keine Erklrung finden kann und das nun, seit Elisundo nicht mehr am Leben, wohl immer Geheimnis bleiben wird.
Henry d'Albaret war in Schweigen versunken. Seine Erinnerungen an Korfu waren ihm wiedergekehrt. Er litt noch einmal alles durch, was er dort gelitten, er gedachte noch einmal all dessen, was er fern von Hadschina zu leiden haben werde!
Wann wandte er sich pltzlich an Andronika mit der Frage:
Und was wollt Ihr beginnen, wenn dieser Krieg zu Ende sein wird?
Gott wird mir die Gnade erzeigen, antwortete sie, mich abzurufen von dieser Welt, wo das Leben fr mich blo eine Kette von Herzeleid und Gewissensbissen gewesen ist!
Gewissensbisse, Andronika?
Ja!
Und was dieser Mutter nun auf der Zunge lag, war, da ihr Leben an sich eine Snde gewesen sei, weil sie solchem Sohne das Leben gegeben! Aber sie jagte diesen Gedanken von sich und sagte:
O! Sie, Henry d'Albaret! Sie sind jung, und Gott beschere Ihnen ein langes Leben! Verwenden Sie es dazu, die wiederzufinden, die Sie verloren haben und die Sie ..... liebt!
Ja, Andronika, und ich will sie suchen berall, gleichwie ich ihn suchen will berall, den abscheulichen Nebenbuhler, der sich zwischen sie und mich geworfen hat!
Was war das denn fr ein Mensch? fragte Andronika.
Ein Schiffskapitn! der Kommandant irgend welches, mir nicht bekannten Schiffs, versetzte Henry d'Albaret, der Korfu gleich nach Hadschinas Verschwinden verlassen hat.
Sein Name?
Nikolas Starkos!
Er!
Ein Wort mehr, und ihr Geheimnis war ihr entschlpft; Andronika htte gesagt, da sie die Mutter dieses Mannes sei!
Dieser Name, von Henry d'Albaret so unvermutet ausgesprochen, war ber sie gekommen wie ein Entsetzen ... So gro ihre Energie war, so hatte sie ihrem Blute doch nicht zu wehren vermocht, da es den Weg zu ihrem Herzen nahm! sie war entsetzlich bleich geworden! ... Also alles dem jungen Manne, der ihr unter Gefahr des eigenen Lebens das Leben gerettet hatte, widerfahrene Herzeleid stammte von ihrem Sohne! stammte von Nikolas Starkos!
Aber Henry d'Albaret war die Wirkung nicht entgangen, die der Name Starkos, sobald er ihn ausgesprochen hatte, auf Andronika hervorbrachte. Begreiflich, da er sie auf der Stelle befragte.
Was ist Euch denn, Andronika? was ist Euch? rief er. Warum fuhrt Ihr zusammen, warum erbleicht Ihr ob dieses Namens? Kennt Ihr den, der ihn fhrt? Kennt Ihr den Kapitn der Karysta? Sprecht! .... o bitte, sprecht!
Nein! Henry d'Albaret! ... nein! antwortete Andronika, wider Willen stotternd.
Doch, Andronika! ... doch! Ihr kennt ihn! ... Andronika! ich bitte Euch, ich beschwre Euch: sagt mir, wer dieser Mann ist ... was dieser Mensch treibt ... wo er in diesem Augenblick weilt ... wo ich ihn treffen knnte!
Ich wei es nicht!
Nein ... Ihr kennt ihn! ... Ihr wit's, Andronika und wollt es mir nicht sagen ... mir nicht! mir nicht! ... Vielleicht knnt Ihr mich durch ein einziges Wort auf seine Spur hetzen ... vielleicht gar auf Hadschinas Spur ... und Ihr weigert Euch zu sprechen ... weigert Euch mir gegenber, zu sprechen!
Henry d'Albaret, erwiderte Andronika mit einer Stimme, deren Festigkeit sich nicht mehr anzweifeln lie - ich wei nichts! ... ich wei nicht, wo dieser Kapitn steckt ... ich kenne keinen Nikolas Starkos. Mit diesen Worten verlie sie den jungen Offizier, der unter den Wirkungen einer tiefen Erregung zurckblieb. Aber von jetzt ab war alles Bemhen, Andronika wieder zu treffen, vergeblich. Zweifelsohne hatte sie die Insel Scio verlassen und sich zurck auf das griechische Festland begeben. Henry d'Albaret mute aller Hoffnung, sie aufzufinden, entsagen.
Zudem sollte der Feldzug des Obersten Fabvier bald zu Ende gehen, ohne da er zu einem Resultat gefhrt hatte. Fahnenflucht war bald im Expeditionskorps eingerissen. Gegen die allgemeine Deroute anzukmpfen, war gar nicht mglich. Die Belagerung mute aufgehoben werden. Das Korps kehrte nach Syra zurck, wo die Expedition, die solch unglcklichen Verlauf nahm, ausgerstet worden war. Dort erntete Fabvier als Lohn fr seine heldenmtige Ausdauer nur Vorwrfe und Undank.
Henry d'Albaret hatte sich zu gleicher Zeit entschlossen, Scio zu verlassen. Aber wohin sollte er seine Schritte lenken? wo lie sich Erfolg fr seine Nachforschungen erhoffen? Noch war er im Unklaren hierber, als ein unvermuteter Zwischenfall seinem Zaudern ein Ende machte.
Am Vorabend des Tages, den er fr die Fahrt nach dem griechischen Festlande in Aussicht genommen, traf ein Schreiben an ihn mit der Inselpost ein, das den Poststempel Korinth trug und folgenden Inhalt hatte:
Im Stabe der Korvette Syphanta, von Korfu ausgelaufen, ist ein Platz offen. Wre es dem Kapitn d'Albaret genehm, sich an Bord zu begeben und die gegen Sakratif und die Korsaren im Archipel begonnene Kampagne mit durchzusetzen? Die Syphanta wird whrend der ersten Mrztage vorm Kap Anapomera kreuzen, im Norden der Insel; ihr Boot wird stndig am Fue des Kaps, in der Bai von Ora, ankern. Kapitn Henry d'Albaret mge seinen Entschlu von seiner Liebe fr Griechenland leiten lassen!
Keine Unterschrift. Handschrift unbekannt. Kein Anhalt irgendwelcher Art, woher dieser Brief stammte.
Das eine aber war von Wichtigkeit: es war eine Nachricht von der Korvette, von der so lange nichts verlautbart war! Sodann bot sich Henry d'Albaret Gelegenheit, seinen Seemannsberuf wieder zu ergreifen, und die Mglichkeit, den gefrchteten Sakratif zu verfolgen, vielleicht den Archipel von ihm zu befreien, vielleicht sogar auf Nikolas Starkos und seine Sakolewa zu treffen.
Henry d'Albarets Entschlu stand auf der Stelle fest: er nahm den Vorschlag an, der ihm durch diesen Brief ohne Unterschrift angeboten wurde; er verabschiedete sich von seinem Obersten in dem Augenblick, da sich dieser nach Syra einschiffte, heuerte ein leichtes Fahrzeug und fuhr nach dem Norden der Insel.
Die Fahrt konnte, vorzglich mit Landwind aus sdwestlicher Richtung, nicht lange dauern: sie ging am Hafen von Koloquinta vorbei, zwischen den Anossai-Inseln und dem Kap Pampaca hindurch; von letzterem zum Kap Ora, dann an der Kste entlang bis zur gleichnamigen Bai. Dort landete Henry d'Albaret am Nachmittag des 1. Mrz. Am Fue der Felsen lag ein Boot angebunden, das auf ihn wartete. Auf hoher See kreuzte eine Korvette.
Ich bin Kapitn d'Albaret, sagte der junge Offizier zu dem Bootsmann, der ber das Boot das Kommando fhrte.
Wnscht der Kapitn hinber an Bord zu fahren? fragte der Bootsmann.
Auf der Stelle!
Das Boot stie ab. Von seinen sechs Rudern getragen, hatte es die Distanz, die zwischen ihm und der Korvette lag, eine Meile hchstens, schnell bezwungen.
Als Henry d'Albaret die Treppe zum Deck hinauf stieg, ertnte ein langer Pfiff, dann drhnte ein Kanonenschlag, dem gleich darauf zwei andere folgten. Und als der junge Offizier den Fu auf das Verdeck setzte, prsentierte die gesamte Mannschaft, die ein Ehrenspalier bildete, und die Flagge von Korfu ging an der Gaffel hinauf.
Dann trat der zweite Offizier der Korvette vor die Front und rief mit weithin schallender Stimme, um von allen verstanden zu werden:
Offiziere und Mannschaft der Syphanta schtzen sich glcklich, den Kommandanten Henry d'Albaret an Bord seiner Korvette begren zu knnen.

Zehntes Kapitel.

Kreuzfahrten im Archipel.

Die Syphanta, eine Korvette zweiter Klasse, fhrte 22 Geschtze, smtlich 24pfnder, und - damals eine Raritt fr Schiffe dieser Klasse - ein halbes Dutzend Deck-Kannonaden, 12pfnder, an Bord. Sie war ein stattliches Schiff von tadellosem Bau und konnte es mit den besten Fahrzeugen damaliger Zeit aufnehmen, was Standfestigkeit und Fahrtgeschwindigkeit anbetrifft. Sie trug eine Besatzung von 250 Mann, zur reichlicheren Hlfte Franzosen, Levante-Leute und Provenzalen; die andere kleinere Hlfte setzte sich zusammen aus Briten, Griechen und Korfioten: durchweg geschickte, kouragierte Seeleute, auf die fester Verla war: erprobte Mannschaft! Steuerleute, Bootsleute und Bootsmannsmaate bildeten ein Korps, wie es als Bindeglied zwischen Offizierkorps und Mannschaft von gleicher Tchtigkeit kaum auf einem zweiten Schiffe zu finden sein mochte. Der Stab setzte sich zusammen aus vier Leutnants, acht Fhnrichen, zu gleichen Teilen korfiotischen, englischer und franzsischer Herkunft, und einem zweiten Offizier, Kapitn Todros, einer alten Wasserratte vom Archipel, sehr befahren in diesen Meeren und genau bekannt mit allen Engen und Buchten und Hfen. Knapp 50 Jahre alt und Grieche aus Hydra, hatte er schon unter Kanaris und Tomasis Dienste getan und durfte als wertvoller Beirat fr den Kommandanten der Syphanta gelten.
Die ersten Kreuzfahrten hatte die Syphanta im Archipel unter dem Kommando des Kapitns Stradena gemacht, und zwar in den ersten Wochen, wie schon gesagt, mit ziemlich viel Glck. Sie hatte Schiffe in Grund gebohrt und ganz hbsche Prisen aufgebracht, ganz sicher kein schlechter Anfang. Aber die Fahrt hatte im weiteren Verlauf ziemliche Verluste an Mannschaft und Offizieren gefordert, und wenn man von der Syphanta ziemlich lange ohne Nachricht geblieben war, so war die Ursache in einem Gefecht zu suchen, das die Korvette am 27. Februar auf der Hhe von Lemnos gegen eine Korsarenflottille zu bestehen hatte.
Dieses Gefecht hatte nicht blo einen Mannschaftsverlust von 40 Kpfen, Blessierte und Tote zusammen, gebracht, sondern auch den Kommandanten Stradena gekostet, der auf der Kommandobrcke von einer Kugel getroffen worden war. Seitdem fhrte Kapitn Todros die Korvette; er hatte zunchst das Gefecht siegreich beendet, war aber dann in den Hafen von Aegina eingelaufen, um allerhand Havarie schlimmer Art ausbessern zu lassen. Kurz darauf verlautete, zur nicht geringen Ueberraschung von Offizieren und Mannschaft, da die Syphanta um ein gutes Stck Geld fr Rechnung eines Ragusaner Bankiers angekauft worden sei, der auch bald einen mit Vollmacht ausgestatteten Vertreter zur Umschreibung der Schiffspapiere an Bord sandte. Diese Besitzvernderung, bei der die korfiotischen Reeder ein gutes Geschft gemacht hatten, zog aber keine Aenderung in der Bestimmung der Korvette nach sich, die nach wie vor den Archipel von seeruberischem Gesindel reinigen, gefangene Griechen, wo sich irgend Gelegenheit bot, in die Heimat zurckschaffen und nicht eher ruhen sollte, als bis sie die griechischen Gewsser von dem schrecklichsten aller Bsewichte, dem Korsaren Sakratif, befreit htte. Als die Havarie ausgebessert war, erhielt der stellvertretende Kapitn Todros Befehl, an der Nordkste von Scio zu kreuzen, von wo aus der neue Kapitn an Bord kommen wrde. All dies erfuhr Henry d'Albaret aus einer Unterredung, die er mit Kapitn Todros hatte. Das Schriftstck, durch welches ihm das Kommando ber die Korvette bertragen wurde, war in tadelloser Ordnung, die Bestallung des jungen Offiziers also nicht anfechtbar: sie wurde auch nicht angefochten. Zudem kannten ihn mehrere Offiziere an Bord; man wute, da er im Rang eines Schiffsleutnants stand, da er zwar einer der jngsten, aber auch einer der tchtigsten Offiziere der franzsischen Marine war. Ein wohlverdientes Ansehen hatte ihm seine Teilnahme am Unabhngigkeitskriege eingebracht. Kein Wunder, da ihm von der ersten Parade an, die er an Bord der Syphanta abnahm, die Mannschaft zujubelte.
Offiziere und Matrosen, so hatte seine schlichte Ansprache gelautet, ich kenne die Mission, mit der unsere Syphanta betraut worden ist. Wenn es unserm Herrgott gefllig ist, so werden wir unsere Mission erfllen. Ehre Euerm Kapitn Stradena, der ruhmvollen Tod fand auf dieser Brcke! Ich rechne auf Euch! rechnet Ihr auf mich! ... Abtreten! 
Am Tage darauf, dem 2. Mrz, in aller Frhe, lie die Korvette die Ksten von Scio hinter sich, bald auch den Gipfel des Eliasberges, und hielt Kurs nach dem Norden des Archipels, lie die Insel Mitylene, eine der grten derselben, im Osten und kam am andern Morgen in Hhe derselben. Hier hatten zu Beginn des Krieges, 1821, die Griechen ber die trkische Flotte einen bedeutenden Vorteil errungen.
Da war ich dabei, sagte Kapitn Todros zum Kommandanten d'Albaret; das war im Mai. Wir waren an die 70 Briggs und damit hinter 5 Trkenschiffen, 4 Fregatten und 4 Korvetten her, die sich in den Hafen von Mitylene flchteten. Ein Schiff, ein 74pfnder, brach aus, um von Konstantinopel Hilfe zu holen. Hui! war das eine Jagd! und mitsamt seinen 950 Matrosen flog der Racker in die Luft! Ja, Kommandant! da war ich dabei und hab' selber den Brand an die Schwefel- und Pechhemden gelegt, die wir ihm ber seinen Kiel gezogen hatten. Prchtige Garderobe, solche Hemden, halten sakrisch warm, Kommandant! empfehle sie Ihnen fr vorkommende Flle ... bei den Herren Korsaren natrlich!
Es war ein Gaudium, Kapitn Todros mit echtem Vorstevenmanns-Humor von seinen Kriegstaten zur See erzhlen zu hren! aber was er erzhlte, das war auch erlebt und vollbracht, und richtig erlebt und vollbracht!
Nicht ohne triftigen Grund hatte sich Kapitn Henry d'Albaret, nachdem er das Kommando der Korvette bernommen, zum Kurs nach Norden entschlossen. Kurz vor seiner Abfahrt von Scio waren verdchtige Schiffe in der Nhe von Lemnos und Samothraka signalisiert worden. Ein paar Levantefahrer waren fast unmittelbar am Gestade der europischen Trkei geplndert und in den Grund gebohrt worden. Vielleicht hielt es das Korsaren-Gesindel, seit die Syphanta ihnen so scharf auf den Haxen war, fr klger, sich in den nrdlichen Gewssern des Archipels aufzuhalten, was man ihnen im Grunde blo als Klugheit anrechnen konnte.
In den Gewssern von Mitylene war nichts zu finden, auer ein paar Kauffahrteischiffen, die sich an die Korvette anschlossen, deren Anwesenheit ihnen nur willkommen war.
Vierzehn Tage lang erfllte die Syphanta, obwohl sie unter dem schlimmen Wetter, das bei Tag- und Nachtgleiche immer eintritt, schwer zu leiden hatte, schlecht und recht ihre Mission. Ein paar scharf hintereinander einsetzende Ben zwangen sie, Sturmsegel zu setzen, und gaben Henry d'Albaret Gelegenheit, sich ein Urteil ber die Seetchtigkeit seines Schiffs sowohl als seiner Mannschaft zu bilden. Aber auch die Mannschaft gewann Respekt vor den taktischen Fhigkeiten ihres Kapitns, ber dessen Mut und Tapferkeit im Feuer Zweifel ohnehin nicht bestanden. Er wies sich aber nicht blo als Taktiker, sondern auch als Praktiker auf See: er war im Handumdrehen mit allen Finessen seiner Mannschaft vertraut und wute alle Vorteile, die ihm Schiff und Mannschaften boten, aufs klgste und geschickteste zu ntzen. Dabei besa er ein verwegenes Temperament, Seelenstrke, Kaltbltigkeit: mit einem Worte, er war Seemann durch und durch - vom Scheitel bis zur Sohle!
Whrend der zweiten Hlfte im Mrz rekognoszierte die Korvette die Ksten von Lemnos. Diese Insel, die bedeutendste auf dieser Seite des gischen Meeres, mit in der Lnge 15, in der Breite 5-6 Meilen und war, gleichwie ihre Nachbarinsel Imbro, vom Unabhngigkeitskriege noch nicht berhrt worden. Indessen waren die Korsarenschiffe hin und wieder bis vor ihre Reede gekommen und hatten Kauffahrer, auf der Ausfahrt begriffen, direkt in Sicht von Lemnos berfallen. Die Korvette steuerte, um Proviant und Munition einzunehmen, in den momentan bervollen Hafen. Es befanden sich nmlich gerade auf der Inselwerft zahlreiche Schiffe im Bau, aber aus Furcht vor den Korsaren blieben dieselben, ohne seeklar gemacht zu werden, im Dock: zufolgedessen die Ueberflle an Schiffen im Hafen.
Was der Kommandant der Syphanta in Lemnos erfuhr, konnte ihn nur bestimmen, nrdlichen Kurs fr seine Korvette zu halten. Wiederholt wurde sogar ihm und seinen Offizieren gegenber der Name Sakratif laut.
Ha! rief Kapitn Todros, wre wirklich gespannt, diesem sakrischen Kerl mal Auge in Auge gegenberzustehen. Kommt mir schier schon vor, als sei der ganze Kerl blo Fabel! Wr mir doch wenigstens Beweis, da er wirklich existiert!
Setzen Sie in seine Existenz etwa Zweifel? fragte Henry d'Albaret lebhaft.
Auf Seemannsehre, Kapitn! erwiderte Todros, wenn Sie meine wahre Meinung hren wollen, dann glaube ich nicht recht an diesen sakritischen Patron von Sakratif, ich wte auch niemand, der sich rhmen knnte damit, ihn je in seinem Leben gesehen zu haben! Vielleicht ist's ein sogenannter nom de guerre, den all diese Korsarenkapitne, die hier zusammen ihr Unwesen treiben, reihum annehmen! Mag wohl schon mehr als einer, denk ich mir, der diesen stolzen Namen fhrte, an einer Raaspitze gebaumelt haben! Kommt brigens nicht viel darauf an, wer von den Kerlen baumelt - Hauptsache ist, da keiner dem Strick entrinnt! Na, dafr ist ja gesorgt!
So unmglich ist das brigens nicht, was Sie da sagen, Kapitn Todros! meinte Henry d'Albaret, das wrde auch erklren, da dieser Sakratif die Gabe, berall und nirgends zu sein, zu besitzen scheint.
Sie haben recht, Kommandant, bemerkte einer der frnkischen Offiziere: wenn Sakratif, wie behauptet wird, an verschiedenen Punkten zur gleichen Zeit und Stunde gesehen worden ist, dann mu er sich doch aus verschiedenen Personen zusammensetzen, dann mu der Name von mehreren Korsarenhuptlingen zugleich gefhrt werden.
Und wenn es sich so verhlt, dann tun's die Schufte blo, um ehrliche Leute, die auf sie Jagd machen, auf falsche Fhrte zu locken! versetzte Kapitn Todros; aber ich sage Ihnen: ein schnes Mittel gibt's, diesen Namen aus der Welt zu schaffen, nmlich: alle Kerle fangen und hngen, die ihn fhren; und alle desgleichen, die ihn nicht fhren! Blo auf diese Weise entwischt der richtige Sakratif, wenn er existiert, dem Stricke nicht, der ihm mit vollem Rechte gebhrt!
Kapitn Todros, fragte nun Henry d'Albaret, sind Sie denn niemals auf Ihren ersten Kreuzfahrten mit der Syphanta oder auch auf andern Fahrten, die Sie gemacht haben, einer Sakolewa von hundert Tonnen begegnet, die unter dem Schilde Karysta segelt?
Niemals, Kommandant, antwortete Todros.
Und Sie, meine Herren, auch nicht? wandte sich der Kommandant an seine Offiziere.
Keiner von ihnen hatte je von einer Sakolewa Karysta gehrt, und doch fuhren sie fast alle seit dem Beginn des Unabhngigkeitskrieges in diesen Gewssern.
Der Kapitn dieser Sakolewa heit Nikolas Starkos; auch dieser Name ist Ihnen nie zu Ohren gekommen? fragte Henry d'Albaret weiter.
Keiner von den Offizieren hatte je solchen Namen gehrt; wobei brigens im Grunde kaum etwas Verwunderliches war, denn es handelte sich ja doch blo um einen bloen Kauffahrteikapitn, wie man ihrer in den Levantehfen zu Hunderten begegnet. Ganz unklar meinte sich jedoch Kapitn Todros zu besinnen, den Namen Starkos einmal in Arkadia in Messenien, als er dort vor Anker lag, gehrt zu haben, und zwar mute so, wenn er sich nicht sehr irrte, der Kapitn eines jener Schmugglerschiffe heien, die den Transport der von den trkischen Behrden in Sklaverei verkauften Kriegsgefangenen an die Ksten der Berberei bernehmen.
Hm, das kann aber der Starkos nicht sein, nach welchem Sie fragen! setzte er hinzu; Sie sagen ja, der habe eine Sakolewa gefhrt? mit einer Sakolewa kann niemand solche Schmuggelgeschfte treiben!
Allerdings nicht, pflichtete Henry d'Albaret bei und lie das Gesprch fallen.
Da ihm Nikolas Starkos in Gedanken lag, rhrte daher, weil ihm das undurchdringliche Geheimnis von dem zwiefachen Verschwinden Hadschinas und Andronikas nicht aus den Gedanken kam. Diese beiden Namen wichen nun in seiner Erinnerung nicht mehr von einander.
Um den 25. Mrz herum befand sich die Syphanta auf Hhe der Insel Samothrake, sechzig Meilen nrdlich von Scio, nachdem sie das ganze zwischenliegende Kstengebiet aufs sorgsamste - die Schlupfhfen, wohin sie selber nicht dringen konnte, durch ihre Boote - abgesucht hatte, ohne indessen auch nur den kleinsten Erfolg verzeichnen zu knnen.
Die Insel Samothrake war whrend des Krieges entsetzlich verwstet worden und befand sich noch immer unter trkischem Joche. Die Annahme war also nicht ausgeschlossen, da sich das Korsarengesindel in den zahlreichen Buchten dieser Insel, der ein eigentlicher Hafen fehlt, festgesetzt hatte. Um 5-6000 Fu ragt der Berg Saoke ber die Insel auf, und von dessen Spitze ist es fr ausgestellte Wachtposten leicht, jedes Schiff, dessen Annherung verdchtig zu sein scheint, zu bemerken und rechtzeitig zu melden. Hierdurch gewannen die Korsaren Zeit zur Flucht, ehe sich ihre Einschlieung bewerkstelligen lie. Wahrscheinlich verhielt es sich so, denn auch in diesen vereinsamten Gewssern traf die Syphanta auf keinerlei Fahrzeug.
Henry d'Albaret richtete den Kurs nun nordwestlich in der Absicht, die Insel Thasos, etwa 20 Meilen von Samothrake entfernt, anzulaufen. Die Korvette mute gegen eine krftige Brise lavieren, fand aber bald Schutz am Lande und zufolgedessen eine ruhigere See, die ihr die Fahrt wesentlich erleichterte.
Seltsames Schicksal, das ber diesen verschiedenen Inseln des Schicksals schwebte! Whrend Scio und Samothrake unter dem Trkenjoche so schwer zu leiden hatten, war an Thasos die Kriegsfurie ebenso vorbergezogen wie an Lemnos und Imbro. Dabei ist die gesamte Bevlkerung hier griechisch, herrscht noch altgriechische Sitte und sogar auch noch altgriechische Tracht. Die Trken, die seit Beginn des 15. Jahrhunderts im Besitz von Thasos sind, htten hier also rauben und plndern knnen, ohne einer Spur von Widerstand zu begegnen, aber ein seltsames Privilegium, fr das sich keine Erklrung finden lie, hatte den Bewohnern von Thasos, trotzdem ihr Reichtum die Habgier der Trken htte reizen mssen, bis jetzt Ruhe und Frieden gesichert. Indessen wre ihnen dieses Glck, ohne die Ankunft der Syphanta in ihrer Reede, wohl kaum noch lange beschert geblieben. Am 2. April nmlich war der im Norden der Insel befindliche Hafen, der heute den Namen Pyrgo fhrt, von einer Korsaren-Landung ernstlich bedroht worden. Etwa ein halbes Dutzend ihrer Schiffe, Mistiken und Djemen unter dem Schutze einer Brigantine von etwa einem Dutzend Kanonen, kam in Sicht der Stadt. Gelang dem Gesindel die Landung, so brach ber die Insel mit ihrer friedlichen, des Kampfes ungewohnten, jeglicher Streitmacht ermangelnden Bevlkerung ohne Frage das schwerste Unglck herein.
Kaum erschien jedoch die Korvette auf der Reede, als am Gromast der Brigantine ein Wimpel aufging und smtliche Korsarenschiffe zur Schlacht formierten: ein Anzeichen von seltsamer Verwegenheit auf ihrer Seite! Ob sie's riskieren sollten? rief Kapitn Todros, bei zum Kommandanten auf die Brcke getreten war.
Die Offensive ... oder Defensive? versetzte, nicht wenig verwundert ber die Haltung der Piraten, Henry d'Albaret.
Mord und Brand! eher htte ich gedacht, die Kerle wrden mit allem Segelzeug, das sie setzen knnen, fliehen!
Schon besser, Kapitn Todros, sie stehen uns, als da sie Fersengeld geben, denn dann wrden uns doch schlielich ein paar entwischen ... am liebsten wre es mir schon, sie griffen selber an! ... Signalisieren Sie klar zum Gefecht! Kapitn Todros.
Des Kommandanten Befehl wurde im Nu ausgefhrt. Die Kanonen wurden geladen, die Lunten angesteckt, die Kugeln in Handweite der Bedienungsmannschaft aufgeschichtet; die Karronaden auf Deck wurden montiert, die Waffen, Musketen, Pistolen, Sbel und Enterbeile, unter die Mannschaft verteilt. Alles geschah so prompt und schneidig wie auf einem Kriegsschiffe, auf welchen Charakter die Syphanta im Grunde nicht Anspruch erheben konnte.
Unterdes rckte die Korvette an die Korsaren-Flottille heran; der Kommandant nahm die Brigantine aufs Korn: eine Breitseite sollte sie kampfunfhig machen; dann gedachte er sie anzurennen und zu entern. Wahrscheinlich rechneten aber die Korsaren, whrend sie scheinbar zum Kampfe rsteten, blo auf gute Gelegenheit zur Flucht. Wenn sie diese nicht schon frher ergriffen hatten, so trugen nicht sie die Schuld daran, sondern lediglich die Korvette, die sie berrumpelt hatte und jetzt die Ausfahrt sperrte. Es blieb den Korsaren also blo brig, so zu manvrieren, da ihnen der Versuch eines gewaltsamen Durchbruchs gelang.
Erffnet wurde das Feuer durch die Brigantine, die ihre Geschosse ins Mastwerk der Korvette dirigierte. Gelang es ihr, dem Feinde auch nur einen Mast zu rauben, so befand sie sich in erheblich besserer Mglichkeit, zu fliehen.
Die feindliche Salve strich etwa 7 Fu hoch ber das Deck der Syphanta, zerri ein paar Drissen, zerschlug ein paar Schoten und Raaen, zersplitterte ein Stck vom Deck zwischen Gro- und Besanmast und blessierte, aber nicht schwer, drei bis vier Mann; richtete also im groen und ganzen keinen ernstlichen Schaden an.
Henry d'Albaret gab nicht sofort Antwort; er lie rechts auf die Brigantine zu halten und seine Salve erst abgeben, als der Rauch der ersten Schsse sich verzogen hatte. Ein groes Glck fr die Brigantine, da ihr Kapitn unter Wahrnehmung der Brise hatte abschwenken knnen: so bekam er blo ein paar Kugeln in den Rumpf ber der Schwimmlinie. Ein paar Mann waren wohl gefallen, dadurch wurde sein Schiff aber nicht kampfunfhig.
Die Geschosse der Korvette, welche an der Brigantine vorbeigingen, waren nicht verloren, sondern hatten der durch die Schwenkung der Brigantine blogelegten Mistike die Backbordwand zerschlagen und zwar so energisch, da sie sofort voll Wasser lief.
Mu die Brigantine nicht dran glauben, dann ihr Begleitschiff, das sein Bohnendeputat weg hat! rief einer der auf dem Vorsteven postierten Syphanta-Matrosen.
Meine Weinration wett' ich, da sie in fnf Minuten sinkt.
In drei Minuten!
Ich pariere - und soll mir dein Wein so flott in den Schlund kollern, wie der Mistike das Wasser durch ihre Lcher in den Rumpf!
Sie sinkt! sie sinkt!
Bis zum Grtel schon futsch ... gleich geht's ihr ber den Rand! dann ber den Kopf!
Hei! und die Satansbrut kopfber hinein in die Fluten, um sich durch Schwimmen zu retten!
Na, ganz gescheit! Der Strick um den Hals ist ihnen lieber als zuviel Wasser im Bauche - lassen wir den Kerlen den Willen!
Die Mistike sank tiefer und tiefer. Die Mannschaft war in das Meer gesprungen, in der Absicht, auf ein anderes Schiff hinber zu gelangen. Dort hatte die Mannschaft aber anderes zu tun, als Kameraden aus dem Wasser zu fischen. Alles suchte blo noch, sich das Entkommen zu sichern. Was im Wasser lag, fand den Tod durch Ertrinken. Kein einziges Stck Tau fand den Weg zu ihnen hinunter.
Zudem hatte die Syphanta eine zweite Breitlage gefeuert: auf eine Djerme, die quer vor sie geraten war; aller Masten, der ganzen Schanzkleidung beraubt, war die Djerme im Nu in einem Flammenmeer versunken; ein halbes Dutzend Brandkugeln hatte ihr Deck unter Feuer gesetzt.
Die beiden anderen kleinen Schiffe erkannten an diesem Resultate, da sie gegen die Kanonen der Korvette nichts auszurichten vermochten; ja da ihnen vor solchem Schnellsegler wie dieser Korvette kaum die Flucht gelingen wrde. Der Kapitn der Brigantine ergriff deshalb die einzige rtliche Maregel, wenn er seine Mannschaft retten wollte: er gab das Signal zum Sammeln. Im Nu hatten sich die Korsaren, eine Mistike und eine Djerme, nachdem sie Feuer an sie gelegt, im Stich lassend, an Bord der Brigantine geflchtet.
Mistike und Djerme flogen in die Luft.
Aber die Mannschaft der Brigantine war um etwa hundert Mann verstrkt, also fr den Enterkampf, falls ihnen die Flucht nicht gelnge, wesentlich besser gerstet. Mit allen Mitteln suchte sie nun, die hohe See und die trkische Kste zu gewinnen. Zwischen den Klippen dort war sie sicher vor Verfolgung; denn wenn sie die Korvette vielleicht dort entdeckte, ihr nachsetzen in diese schmalen Gewsser konnte sie nicht. Mit allem Segelzeug, das sich setzen lie, auf die Gefahr hin, da ihr die Masten brachen, floh nun die Brigantine vor der Syphanta.
Famos! schrie Kapitn Todros; sollte mich faktisch wundern, wenn ihre Beine die gleiche Lnge htten, wie die unserer Korvette!
Dann drehte er sich zum Kommandanten herum, der Befehle desselben gewrtig.
Im selben Moment wurde dessen Aufmerksamkeit nach anderer Seite hin in Anspruch genommen. Nicht die Brigantine mehr sah er: in seinem auf den Hafen von Thasos gerichteten Fernrohr kam ein leichtes Fahrzeug in Sicht, das mit allem Segeldruck das Weite zu gewinnen suchte.
Eine Sakolewa war es! Von steifer Nordwestbrise getragen, die ihr volle Segel zu setzen erlaubte, hatte sie die sdliche Hafenzufahrt gewonnen, deren Passage ihr zufolge ihres geringen Tiefganges mglich war. Noch ein scharfer Blick zu ihr hinber, dann warf Henry d'Albaret das Fernrohr beiseite. Die Karysta! schrie er.
Was? die Sakolewe, von der Sie uns erzhlt haben? versetzte Todros.
Dieselbe! und sonst was mchte ich opfern, wenn ich sie einholen ...
Henry d'Albaret vollendete den Satz nicht. Zwischen der von einer zahlreichen Korsarenschar bemannten Brigantine und der Karysta, trotzdem sie zweifelsohne von Nikolas Starkos befehligt war, durfte seine Pflicht nicht schwanken. Gab er die Verfolgung der Brigantine auf, gewann er die sdliche Zufahrt, schnitt er der Sakolewa den Weg dort ab, dann mute er sie abfangen, ganz ohne Zweifel! Aber das htte bedeutet, sein persnliches dem allgemeinen Interesse zu opfern; solches durfte er nicht tun! Die Brigantine anrennen, ohne einen Moment zu sumen, sie entern und in den Grund bohren: das war seine Aufgabe, und diese Aufgabe vollbrachte er. Noch einen letzten Blick warf er auf die Karysta, die mit erstaunlicher Geschwindigkeit durch die freigelassene Enge hinaus ins Meer scho: dann kommandierte er zur Jagd auf den Korsaren, der sich in entgegengesetzter Richtung zu entfernen versuchte.
Bald scho die Syphanta unter allem Segelzeug im Kielwasser der Brigantine einher. Zugleich wurden ihre Jagdgeschtze in Stellung gerckt, und da die beiden Schiffe blo noch eine halbe Meile von einander waren, fing die Korvette an zu reden! Was sie redete, war jedenfalls nicht nach dem Schnabel der Brigantine. Um zwei Viertel luvend, probierte sie, ob es ihr gelnge, durch dieses neue Fahrtempo ihrem Gegner Vorsprung abzugewinnen.
Dies war jedoch nicht der Fall!
Der Steuermann auf der Syphanta drehte das Ruder leicht unter den Wind, und die Korvette luvte nun selber.
Eine ganze Stunde wurde die Jagd unter diesen Umstnden fortgesetzt. Die Korsaren verloren sichtlich an Terrain; es war nicht mehr zweifelhaft, da sie vor Einbruch der Nacht eingeholt wurden. Aber der Kampf zwischen den beiden Schiffen sollte auf andere Weise endigen.
Ein glcklicher Schu der Syphanta raubte der Brigantine den Fockmast. Im Nu fiel sie unter Wind, und die Korvette brauchte nun blo noch zu brassen, um in der nchsten Viertelstunde quer vor ihr zu liegen.
Da drhnte - auf knapp halbe Kabellnge - eine furchtbare Salve von der Syphanta herber: durch diese eiserne Lawine wurde die Brigantine gleichsam ber Wasser gekippt; aber blo ihr totes Werk, also die ber Wasser ragenden Teile waren getroffen worden, und sie sank nicht unter.
Nichtsdestoweniger sah der Kapitn, dessen Mannschaft durch diese letzte Salve stark gelichtet worden, das Nutzlose lngeren Widerstandes und strich die Flagge.
Im Nu flogen die Boote der Korvette zur Brigantine hinber und holten an Bord, was drben noch lebte. Dann flogen die Brander ins Segelzeug, und die Brigantine ging in Flammen auf. Als der Brand die Wasserlinie erreichte, versank das Wrack in den Fluten.
Das war ein wackeres und erfolgreiches Stck Arbeit, das die Syphanta verrichtet hatte! Wer der Kapitn dieser Korsarenflottille war, wie er hie, woher er gebrtig war, sein Vorleben und was sonst noch, das sollte niemand je erfahren, denn er verweigerte hartnckig jede Antwort auf die ihm gestellten Fragen. Seine Kameraden schwiegen ganz ebenso; vielleicht wuten sie auch, wie das hin und wieder vorkam, gar nichts ber das frhere Leben dessen, der das Kommando ber sie fhrte. Aber da es durchweg Korsaren waren, die man gefangen hatte, das stand auer Zweifel, und so wurde prompte Justiz an ihnen gebt.
Seltsame Gedanken hatte aber in Henry d'Albaret dies Auftauchen und Verschwinden der Sakolewa geweckt. Die Umstnde, unter welchen sie aus Thasos entwichen war, muten notwendigerweise Verdacht auf sie lenken. Hatte sie den Kampf zu sicherem Entweichen ntzen wollen, in den die Korsarenflottille mit der Korvette verwickelt war? Scheute sie sich, der Syphanta gegenberzutreten, die sie vielleicht erkannt hatte? Ein ehrliches Schiff wre ruhig im Hafen verblieben, da doch die Korsaren blo noch das Ziel verfolgten, hinauszugelangen! Dagegen hatte die Karysta, auf die Gefahr hin, ihnen in die Hnde zu fallen, so schleunig wie mglich gelichtet und das offne Meer zu gewinnen versucht! Zweideutiger konnte sie sich gar nicht verhalten, und man mute sich notgedrungen sagen, da sie im Bunde mit den Korsaren stand! Wahrlich! dem Kommandanten d'Albaret wre es keine Ueberraschung mehr gewesen, in Nikolas Starkos einen Seerubergenossen zu erkennen. Leider lie sich jetzt blo noch auf den Zufall rechnen, seine Fhrte wieder zu finden. Die Nacht stand vor der Tr, und die Syphanta htte, auch wenn sie den Kurs sdlicher nahm, kaum Chancen gehabt, der Sakolewa wieder zu begegnen. Darum blieb Henry d'Albaret, so schmerzlich es ihm war, der Gelegenheit, die ihm Nikolas Starkos in die Hnde spielen wollte, verlustig gegangen zu sein, nichts brig, als sich in das Unvermeidliche zu schicken. Dafr hatte er das trstliche Bewutsein, seine Pflicht getan zu haben. Als Resultat des bei Thasos gewonnenen Sieges war die Zerstrung von fnf feindlichen Schiffen ohne erheblichen Verlust an Mannschaft zu verzeichnen. Vielleicht ergab sich hieraus, wenigstens auf eine Zeitlang, ein gewisser Grad von Sicherheit in den Gewssern des Archipels.

Elftes Kapitel.

Signale ohne Antwort.

Acht Tage nach dem Seekampf bei Thasos kreuzte die Syphanta, nachdem sie von la Cavale bis Orfana alle Buchten der ottomanischen Kste abgesucht hatte, den Golf von Contessa, fuhr vom Kap Deprano bis zum Kap Paliuri an den Einfahrten zum Golf von Monte-Santo und zum Golf von Cassandra. Endlich, am 15. April, kamen ihr die Gipfel des Berges Athos aus Sicht, dessen hchste Spitze bis zu 2000 Meter ber dem Meeresspiegel aufragt.
Kein verdchtiges Schiff wurde whrend dieser ganzen Fahrt bemerkt. Mehrmals kamen trkische Geschwader in Sicht; da die Syphanta aber unter korsiotischer Flagge fuhr, meinte sie, sich mit Schiffen nicht in Verbindung setzen zu sollen, denen ihr Kommandant lieber ein paar Kugeln in die Wanten gejagt als sein Kompliment durch Hutschwenken gemacht htte.
Unter diesen Verhltnissen, am 26. April, erhielt Henry d'Albaret Kunde von einem Ereignis von hoher Wichtigkeit. Die verbndeten Mchte hatten beschlossen, jeden Sukkurs, der auf dem Seewege zu Ibrahims Truppen stoen solle, aufzufangen. Auerdem erklrte Ruland an die Trkei offiziell den Krieg. Die Lage Griechenlands besserte sich also andauernd; ganz ohne Zweifel war ihm, wenn auch noch einige Zeit darber hinginge, die Unabhngigkeit sicher.
Am 30. April war die Korvette bis zu den uersten Grenzen des Golfs von Saloniki vorgedrungen, dem uersten Punkte, den sie whrend dieser Kreuzfahrt im Nordwesten des Archipels erreichen sollte. Hier bekam sie noch Gelegenheit, Jagd auf ein paar Schebecken, Senalen und Polakren zu machen, die sich durch Flucht auf den Strand vor ihr retten konnten. Ging auch die Mannschaft dieser Fahrzeuge nicht bis auf den letzten Mann zu Grunde, so wurden doch wenigstens die Schiffe auer Fahrt gesetzt.
Die Syphanta schlug nun die Richtung nach Sdosten ein, um die Sdkste des Golfs von Saloniki abzusuchen. Aber wahrscheinlich war dort rechtzeitig Alarm geschlagen worden, denn kein einziger Korsar kam in Sicht. Da trug sich ein seltsames, schier unerklrliches Vorkommnis an Bord der Korvette zu.
Am 10. Mai sah Kommandant d'Albaret, als er in das Mannschaftsquartier trat, das sich unter dem ganzen Hinterdeck erstreckte, auf dem Tisch einen Brief liegen. Er nahm ihn, trat an die Hngelampe, die sich an der Decke schaukelte, und las die Aufschrift. Dieselbe lautete:
An den Kapitn Henry d'Albaret, Kommandant der Korvette Syphanta. Auf See.
Henry d'Albaret meinte diese Handschrift zu kennen: sie hnelte nmlich derjenigen des in Scio an ihn gelangten Schreibens, durch das ihm Nachricht gegeben worden war, da an Bord der Korvette eine Stelle im Offizierkorps zu besetzen sei. Der Inhalt dieses unter so eigentmlichen Umstnden, unter Umgehung der Post, an ihn gelangten Briefes lautete wie folgt:
Wenn Kommandant d'Albaret seine Fahrt durch den Archipel so einrichten wrde, da er in der ersten Septemberwoche vor der Insel Scarpanto kreuzte, wrde er im Interesse aller ihm Unterstellten und zum Besten der ihm anvertrauten Interessen handeln.
Kein Datum und keine Unterschrift, ganz wie bei dem in Scio an ihn gelangten Briefe. Als Henry nun beide Handschriften miteinander verglich, konnte er sich vergewissern, da beide von der gleichen Hand herrhrten.
Wie war das zu erklren? Den ersten Brief hatte er durch die Post erhalten. Aber diesen Brief konnte nur jemand an Bord auf die Mannschaftstafel gelegt haben! Entweder mute ihn dieser Jemand also seit Anbeginn der Fahrt in seinem Besitze gehabt haben, oder er war ihm an einem der Pltze, wo die Syphanta zuletzt vor Anker gelegen, eingehndigt worden. Ferner: vor einer Stunde, als der Kapitn durch das Quartier gegangen war, um seine Anordnung fr die Nacht auf dem Deck zu treffen, hatte der Brief noch nicht dort gelegen, war also seit knapp einer Stunde erst dorthin gelegt worden.
Henry d'Albaret klingelte.
Ein Bootsmann erschien.
Wer ist hier gewesen, so lange ich auf Deck war? fragte Henry d'Albaret.
Niemand, Kommandant, versetzte der Bootsmann.
Niemand? ... Aber es hat doch niemand hereingelangen knnen, ohne da du ihn gesehen httest?
Niemand, Kommandant! denn ich bin keinen Augenblick von der Tr gewichen.
Es ist gut!
Der Bootsmann griff an die Mtze und verschwand.
Da ein Mann von Bord durch die Tr htte hereinkommen knnen, ohne gesehen worden zu sein, erscheint mir selber tatschlich nicht mglich. Aber kann nicht jemand bei sinkendem Tage bis zur ueren Galerie gerutscht und zu einem Fenster des Quartierraums eingestiegen sein?
Henry d'Albaret untersuchte die Luken, die nach dem Spiegel der Korvette zu lagen. Aber dort sowohl wie in seiner Kabine waren die Fenster von innen geschlossen. Es war also ganz ausgeschlossen, da jemand von drauen zu einem Fenster hinein htte gelangen knnen.
Im groen und ganzen war die Sache nicht danach beschaffen, Beunruhigung zu wecken, hchstens Ueberraschung, vielleicht auch jene Empfindung ungestillter Neugierde, die man einem schwer erklrlichen Vorgang gegenber bekommt. Soviel stand zum wenigsten fest, da der anonyme Brief in seine Hnde gespielt worden war und da er an keinen andern als an den Kommandanten der Syphanta hatte gelangen sollen.
Nach einiger Ueberlegung kam Henry d'Albaret zu dem Schlusse, da es am klgsten sei, von der Sache niemand, auch nicht seinem zweiten Offizier, etwas zu sagen. Was htte das ntzen sollen? Zu erkennen gegeben htte sich der geheimnisvolle Briefschreiber, gleichviel wer es war, doch ganz gewi nicht!
Und wie sollte er sich nun zu dem Inhalt des Briefes stellen? sollte er ihm gem handeln?
Gewi! sprach er bei sich; der erste Brief, den ich in Scio bekam, hat mich nicht irre gefhrt, als er mich an Bord der Syphanta rief. Warum sollte mich der zweite irre fhren wollen, wenn er mich Mitte September nach Scarpanto ruft? Wenn er es tut, so ganz gewi nur zum Nutzen der mir anvertrauten Mission! Gewi! ich ndere den Plan, den ich fr meine Kreuzfahrten aufgestellt hatte, und werde zur angegebenen Zeit vor Scarpanto kreuzen!
Henry d'Albaret verwahrte den Brief sorgfltig, der ihm diese neuen Weisungen erteilte, setzte sich vor seine Seekarte und legte sich einen neuen Fahrplan zurecht, der die vier Monate bis Ende August ausfllte.
Die Insel Scarpanto liegt im Sdwesten, am andern Ende des Archipels, nmlich etwa hundert Meilen in grader Fahrtlinie entfernt. An Zeit, die verschiedenen Ksten von Morea, wo es den Seerubern leicht war, Unterschlupf zu finden, desgleichen die ganze, von der Mndung des Golfs von Aegina bis zur Insel Kreta reichende Cykladengruppe abzusuchen, wrde es der Korvette nicht fehlen.
Im groen und ganzen bedingte die Rcksicht auf sein rechtzeitiges Eintreffen vor Scarpanto keine erhebliche Aenderung des vom Kommandanten bereits festgelegten Fahrplans, und am 20. Mai sichtete die Syphanta, nachdem sie die Eilande Pelerissa, Peperi, Sarakino und Skantxura im Norden von Negroponte beobachtet, die Insel Skyros, die bedeutendste der neun Inseln, die jene Gruppe bilden, die im Altertum als Heimat der neun Musen zu gelten pflegte. In ihrem sicheren, groen Hafen mit gutem Untergrunde, Sankt Georgias, fiel es der Syphanta leicht, Proviant und Munition einzunehmen. Hierauf wurde die an Buchten und Baien reiche Kste aufs sorgfltigste abgesucht. Aber alle Nachforschungen blieben vergeblich. Das einzige, was Henry d'Albaret bekannt wurde, war, da vor etwa 4 Wochen mehrere Kauffahrer in diesen nmlichen Gewssern durch ein Schiff unter Piratenflagge berfallen, geplndert und in den Grund gebohrt worden seien, und da als Kapitn dieses Schiffes der gefrchtete Sakratif genannt wrde. Aber worauf diese letztere Behauptung fue, vermochte niemand zusagen: so gro war die Ungewiheit, die ber der Existenz dieser Persnlichkeit schwebte.
Die Korvette verlie Skyros nach einem Aufenthalt von 5-6 Tagen, nherte sich gegen Ende Mai der groen Insel Euba, die auch Negroponte heit, und suchte auch ihre Ksten von ber 40 Meilen Lnge mit aller Sorgfalt ab.
Euba war bekanntlich eine der ersten Inseln, die mit in den Aufstand traten, und zwar schon 1821; aber die Trken behaupteten sich hartnckig in den Citadellen von Negroponte und Karystos. Als sie durch Jussuf Pascha Verstrkung bekommen hatten, berschwemmten sie die ganze Insel mit Mord und Brand in ihrer gewohnten Weise, bis ihnen ein griechischer Fhrer, Diamantis, im September 1823 Einhalt tat. Nachdem es ihm gelungen war, die Trken in einen Hinterhalt zu locken, lie er den grten Teil von ihnen ber die Klinge springen und zwang die Flchtigen, sich ber die Meerenge nach Thessalien zu flchten. Zuletzt gewannen aber die Trken durch ihre numerische Ueberlegenheit wieder die Oberhand und waren seit 1826 unumschrnkte Herren der Insel, auch zur Zeit noch, als die Syphanta auf Hhe von Negroponte erschien. Von Bord aus konnte Henry d'Albaret diesen Schauplatz blutiger Kmpfe betrachten, an denen er persnlich beteiligt gewesen war.
Dieser Teil der Kreuzfahrt, whrend dessen es der Syphanta noch gelang, gegen 20 Korsarenschiffe, die sich bis zu den Cykladen herangewagt hatten, aufzubringen, nahm den ganzen Juni in Anspruch. Von da an hielt es aber ihr Kommandant fr angezeigt, andern Kurs zu nehmen, und zwar direkt sdwestlich. Am 2. Juli sichtete die Syphanta das vom Eliasberg beherrschte Zea, das Kos oder Keos des Altertums, ging dort im Hafen, einem der besten dieser Gewsser, vor Anker und umschiffte am 5. Juli Kap Colonna an der Sdostspitze von Attika. Bis zum 10. Juli hatte sie unter Windstillen zu leiden, machte zufolgedessen vom Eingange zum Golf von Aegina bis zum Isthmus von Korinth nur langsame Fahrt, bestndig scharf auf dem Auslug, denn in diesen schlecht befahrenen Meeren bei solcher Windstille wre es ein paar hundert Booten nicht schwer gefallen, sich an sie heran zu machen. Es lieen sich auch wiederholt Boote sehen, ber deren Absichten der Kommandant nicht im Zweifel sein konnte; sie trauten sich aber doch nicht zu dicht an die Geschtze und Musketen der Korvette heran.
Am 10. Juli kam wieder etwas Wind aus Norden auf - ein nicht geringer Vorteil fr die Syphanta, die nun, kurze Zeit in Sicht der kleinen Stadt Damala, schnell um Kap Skyli, die uerste Spitze des Golfs von Nauplia, herum nach Hydra segelte, wo sie am 11. ankam, um hierauf am 13. vor Spezzia zu erscheinen. Ueber die bedeutende Rolle, welche die Hydrioten und Spezzioten im griechischen Unabhngigkeitskriege spielten, wird der Leser wohl durch die Geschichte unterrichtet sein. Sie traten, zusammen mit den Ipsarioten, mit ber 300 Kauffahrteischiffen, die sie zu Kriegsschiffen wandelten, in den Krieg und kmpften nicht ohne Glck gegen die Trkenflotte. Hier stand die Wiege jener Geschlechter der Konduriotis, Tombasis, Miaulis, Orlandos, die mit Geld und Blut ihre Schuld dem Vaterlande zahlten. Von hier aus stachen jene schreckliche Brander in See, die den Trken die Hlle so furchtbar hei machen sollten. Trotz der vielen Revolten im Innern wurden deshalb diese beiden Inseln auch niemals von einem Fue der Bedrcker betreten. Jetzt war die Stunde nicht mehr fern, wo auch sie zu dem neuen Knigreich geschlagen und mit den Kreisen Korinth und Argolis zwei Eparchieen bilden sollten.
Am 20. Juli ging die Korvette im Hafen von Harmopolis auf der Insel Syra vor Anker, der Heimat des von Homer so lieblich besungenen Helden der Treue Eumeos. Zur Zeit diente sie noch all denen als Zuflucht, die durch die Trken vom Festlande verjagt worden waren. In keinem Hafen Frankreichs htte der junge Kommandant besser und herzlicher aufgenommen werden knnen, als hier in Syra, dessen katholischer Bischof unter Frankreichs Schutze stand und alles aufbot, der Mannschaft der Syra zu dienen.
Ein einziger Verdru mischte sich in seine Freude ber diesen Empfang: da er nicht drei Tage frher hierher gekommen war! Aus einer Unterhaltung mit dem franzsischen Konsul erfuhr er nmlich, da eine Sakolewa des Namens Karysta unter griechischer Flagge vor etwa 60 Stunden erst aus dem Hafen gesteuert sei. Hieraus mute er schlieen, da sich die Sakolewa nach ihrer Flucht aus dem Hafen von Thasos whrend des Kampfes der Korvette mit den Korsaren nach den sdlichen Gestaden des Archipels begeben habe.
Ueber das Ziel ihrer Fahrt ist nichts bekannt? fragte Henry d'Albaret lebhaft.
Soweit ich gehrt habe, antwortete der Konsul, ist sie nach den sdstlichen Inseln gesegelt, wenn nicht nach einem Hafen von Kreta.
Verkehr mit ihrem Kapitn hatten Sie nicht? fragte d'Albaret.
Nein, Kommandant.
Ob der Kapitn Nikolas Starkos hie, wissen Sie auch nicht?
Nein, Kommandant.
Da die Sakolewa zur Piratenflottille gehrt, die diesen Teil des Archivs unsicher macht, lie nichts argwhnen? fragte d'Albaret.
Nichts, Kommandant! aber wenn dem so gewesen sein sollte, versetzte der Konsul, so wre es an sich nicht verwunderlich, wenn sie nach Kreta gesegelt wre, denn dort stehen diesem Gesindel gewisse Hfen bestndig offen.
Diese Nachricht konnte nicht ermangeln, den Kommandanten der Syphanta, wie alles, was sich direkt oder indirekt auf das Verschwinden Hadschina Elisundos beziehen lie, in lebhafte Erregung zu versetzen. Es war wirklich ein bser Zufall, der ihn erst drei Tage nach Ausfahrt der Sakolewa hierher kommen lie. Aber vielleicht gelang es der Korvette, die ja dieselbe Richtung verfolgen sollte, der auf sdlicher Fahrt begriffenen Sakolewa noch beizukommen! Henry d'Albaret, von einem glhenden Verlangen, Nikolas Starkos Auge in Auge gegenber zu treten, beseelt, verlie Syra noch am nmlichen Abend, dem 21. Juli, nachdem sich eine Brise aufgenommen hatte, die, dem Barometer nach zu urteilen, sich rasch auffrischen mute.
Vierzehn Tage lang suchte nun Henry d'Albaret, wie hier verzeichnet werden mu, die Sakolewa ebenso vergeblich wie die Korsaren. Ganz entschieden rangierte, seiner Meinung nach, die Karysta mit den Korsaren vllig gleich und verdiente keine andere Behandlung als sie. Aber alle Bemhungen blieben vergeblich: es lie sich keine Spur von der Sakolewa finden.
Auf Naxos, dessen Hfen man smtlich anfuhr, war die Karysta nicht vor Anker gegangen. Zwischen Eilanden um diese Insel her erfuhr man nichts Besseres. Ueberhaupt war hier, trotz dem bedeutenden Handel, der zwischen diesen reichen Cykladen getrieben wird, trotz der guten Aussicht auf Beute, die hier lockte, von Korsarenschiffen und Korsaren keine Spur vorhanden!
Ganz ebenso verhielt es sich auf Paros, das von Naxos blo durch einen Kanal von 7 Meilen Breite geschieden wird. Nirgendswo, weder in Parkia, Naussa, Santa Maria, noch in Augula oder Diko war Nikolas Starkos angelaufen. Ganz entschieden hatte sich die Sakolewa, die der franzsische Konsul auf Syra vermutete, nach einem Kstenplatze von Kreta begeben.
Am 9. August ging die Syphanta im Hafen von Milo vor Anker. Bis um die Mitte des 18. Jahrhunderts reich und gesegnet, seitdem durch vulkanische Erschtterungen in Armut gestrzt und verseucht durch schlimme Bodenausdnstung, war Milo ganz entschieden fr ruberisches Gesindel kein verlockender Aufenthalt. Kein Wunder also, da sich auch hier alle Nachforschungen umsonst erwiesen. Immerhin legte aber die gnzliche Abwesenheit in den Gewssern der Cykladen dieses dort sonst gewissermaen zu den Stammgsten zhlenden Korsarengesindels die Frage nahe, ob ihm die Heranfahrt der Syphanta nicht rechtzeitig signalisiert worden sei, da es Zeit zur Flucht gefunden haben konnte. Im Norden des Archipels hatte ihnen ja die Korvette Schaden gerade genug zugefgt, da die im Sden aufhltlichen ihr schlielich lieber ganz aus dem Wege gingen.
Darber kam der 14. August heran. Blo noch zwei Wochen blieben Frist fr die Fahrt nach Scarpanto, wo die Syphanta in den ersten Septembertagen ankern sollte. Von der Cykladengruppe aus hatte sie in direkt sdlicher Richtung nur noch 70-80 Meilen zu fahren. Dieser Meeresarm wird von der langen Kste von Kreta eingeschlossen. Schon zeigten sich ber dem Horizont die hchsten, von ewigem Schnee bedeckten Bergspitzen der Insel.
Auf Kreta zu beschlo Kommandant d'Albaret seinen Kurs zu nehmen. In Sicht von Kreta gelangt, brauchte er blo nach Osten zu drehen, um Scarpanto zu erreichen.
Am 15. August traten die Hhen dieser grten Insel des ganzen Archipels in malerischen Konturen auf klarem Horizont vom Kap Spada bis zum Kap Stavros scharf in Sicht. Noch verdeckte eine scharfe Ausbiegung der Kste die Bucht, in deren Hintergrunde sich Kandia, die Hauptstadt, erhebt.
Sie denken, in einem der Inselhfen vor Anker zu gehen, Kapitn? fragte Kapitn Todros.
Kreta ist noch immer in trkischen Hnden, erwiderte Henry d'Albaret; ich glaube, wir haben dort nicht recht was zu suchen. Nach den mir in Syra gewordenen Mitteilungen haben sich Mustafas Truppen jetzt auch Retimos bemchtigt, sind also jetzt, trotz der Tapferkeit der Sphakioten, Herren der ganzen Insel ... aber die nordwestliche Kste umschiffen wir, denke ich, und kreuzen ein paar Tage auf der Hhe von Grabusa.
Das war entschieden das richtigere; denn in den belberufenen Gewssern von Grabusa konnte sich leicht fr die Syphanta, die nun schon vier Wochen lang keinen Schu mehr getan, Gelegenheit finden zu Renkontres mit den gesuchten Korsaren: unmglich war es sogar keineswegs, da die Sakolewa, wenn sie nach Kreta gesegelt war, in Grabusa vor Anker lag.
Grabusa war zur Zeit, da diese Erzhlung spielt, tatschlich noch das richtige Korsarennest. Vor etwa 7 Monaten war es Maurocordato mit einem Korps regulrer Truppen gelungen, diesen gefhrlichen Schlupfwinkel zu subern, aber erst, als ihm eine englisch-franzsische Flotte zu Hilfe geeilt war. Da sich damals die kretensischen Behrden direkt geweigert hatten, etwa ein Dutzend Korsaren auszuliefern, und erst durch die Beschieung der Citadelle, durch Verbrennung mehrerer Schiffe und Landung eines Korps durch die Englnder hierzu gezwungen worden waren, lag die Vermutung nahe, da die Korsaren, seit das verbndete Geschwader Kreta verlassen hatte, die gastfreundlichen Hfen dort nach wie vor aufsuchten. Darum entschlo sich Henry d'Albaret, Scarpanto auf dem Seewege an der Sdkste von Kreta entlang, der an Grabusa vorbeifhrte, zu gewinnen.
Das Wetter war gnstig. Zudem herrscht unter diesem glcklichen Klima der Winter nur vier Wochen: im Dezember setzt er ein und ist im Januar schon zu Ende. Frwahr! eine glckliche Insel, dies Kreta, die Heimat des Knigs Minos und des Luftschiffers Ddalos! Sandte doch auch Hippokrates seine vielen Kranken zur Genesung nach den Gefilden von Kreta!
Sechs volle Tage suchte Kommandant d'Albaret die ganze Westkste zwischen Grabusa und Kisamo ab. Verschiedene Schiffe, Feluken oder Schebecken, smtlich Kauffahrer, fuhren aus dem Hafen. Die Syphanta hielt mehrere an und fhlte ihnen auf den Zahn, bekam aber keinerlei Veranlassung, die ihr gewordenen Ausknfte zu bemngeln oder Verdacht zu schpfen. Auf die ihnen gestellten Fragen, ob Korsaren im Hafen lgen, gaben sie uerst vorsichtige Auskunft. Es lie sich merken, da sie sich nicht in Gefahr setzen mochten. Nicht einmal soviel konnte Henry d'Albaret erfahren, ob sich die Sakolewa Karysta momentan im Hafen befand.
Die Korvette erweiterte nun ihren Beobachtungsrayon bis zum Kap Crio. Am 22. durchfuhr sie das Libysche Meer, sich mglichst dicht an der Kste haltend, was hier insofern leichter war als im kretensischen Meer gegenber, weil das Land bei weitem nicht so zerrissen und mit Vorgebirgen bespickt war, wie Kreta. Nach Norden hin stieg nun die Kette des Asprovuna-Gebirges auf, die nach Osten zu von dem vielverherrlichten Ida berragt wird, dessen ewiger Schnee selbst der Sonne des Archipels zu trotzen vermag.
Ohne in einem der kleinen Kstenhfen vor Anker zu gehen, hielt die Korvette doch wiederholt auf offener See, in Sicht von halber Meile von Rumeli, Anopoli und Sphakia; aber kein einziges Korsarenschiff konnten die Wachen an Bord in diesen Gewssern stellen.
Am 27. August umsegelte die Syphanta die groe Bai von Messara, dann das Kap Matala, die sdlichste Spitze von Kreta, dessen Breite an dieser Stelle kaum 10-12 Meilen betrgt. Die ganze Kreuzfahrt schien resultatlos verlaufen zu sollen. Tatschlich passieren ja auch in dieser Breite nur wenig Schiffe das Libysche Meer, in der Regel fahren sie weiter nrdlich durch den Archipel oder weiter sdlich an den Ksten Aegyptens hin. Henry d'Albaret war schon entschlossen, direkt auf Scarpanto hin zu steuern, auf die Gefahr hin, dort frher einzutreffen als der geheimnisvolle Brief bestimmte: als am Abend des 29. Augusts seinen Plnen eine andere Richtung gegeben wurde.
Es war in der sechsten Abendstunde. Der Kommandant, der zweite Offizier und andere Herren vom Stabe standen, im Anblick des Kap Matala versunken, auf der Brcke. Da ertnte von der kleinen Bramstenge herber aus dem Munde des Wachmannes der Ruf:
Schiff auf Backbord in Sicht!
Im Nu flogen die Fernrohre an die Augen, mit Richtung ber Backbord hinaus. Ein paar Meilen vom Schiffe sahen sie den gemeldeten Punkt.
Richtig, sagte der Kommandant, dicht am Lande segelt dort ein Schiff ...
Eins, das mit der Kste genau Bescheid wissen mu, sonst fhre es so dicht nicht heran, bemerkte Todros.
Hat es seine Wimpel gehit?
Nein, Kommandant, versetzte einer der Offiziere.
Fragt die Wachen, ob es sich feststellen lt, welcher Nationalitt das Schiff angehrt!
Der Befehl wurde im Nu ausgefhrt. Gleich darauf kam die Antwort, da weder an der Gaffel noch am Topp ein Wimpel flattere.
Indessen war es noch hell genug, um wenigstens festzustellen, welcher Gattung von Fahrzeugen das Schiff angehre.
Es war eine Brigg, deren groer Mast auffllig achterwrts geneigt war. Auerordentlich lang, von sehr zierlicher Form, bermig hoch bemastet, mit breiten Raaen versehen, konnte es, soweit sich auf die vorhandene Distanz hin schtzen lie, 7-800 Tonnen messen und mute unter jedem Winde hohe Fahrt machen knnen. Aber war es armiert? Fhrte es Geschtze an Bord oder nicht? waren die Wnde mit Stckpforten versehen oder nicht? Das festzustellen waren die besten Fernrohre nicht imstande.
Eine Distanz von reichlich vier Seemeilen trennte jetzt die Brigg noch von der Korvette. Zudem stand die Sonne dem Sinken nahe. Es begann zu dmmern, und drben am Lande herrschte schon ziemlich starkes Dunkel.
Seltsames Fahrzeug! meinte Kapitn Todros.
Sieht fast so aus, als suche es zwischen Platana-Insel und Kste zu passieren, setzte ein Offizier hinzu.
Ja! wie ein Schiff, dem es leid tut, da es sich hat sehen lassen, erwiderte Todros, und sich nun verkriechen mchte.
Henry d'Albaret uerte sich nicht; augenscheinlich war er aber gleicher Meinung mit seinen Offizieren. Ihr Manver in diesem Augenblick mute die Brigg hchst verdchtig erscheinen lassen.
Kapitn Todros, sagte er endlich, wir drfen dem Schiff whrend der Nacht nicht aus dem Kiel kommen. Wir bleiben ihm scharf hinterher. Damit es uns nicht sieht, werden alle Lichter an Bord gelscht.
Die Befehle waren im Nu ausgefhrt. Solange die Brigg unter dem hohen Lande, an dem sie hinfuhr, sichtbar war, wurde sie beobachtet, und kaum graute am andern Tage der Morgen, als Henry d'Albaret auf dem Vorsteven stand, lauernd, da sich die Nebeldnste von der Meeresflche hoben.
Gegen 7 Uhr zerteilte sich der Nebel. Alle Fernrohre flogen vor die Augen, in stlicher Richtung.
Die Brigg fuhr noch immer am Lande hin, jetzt etwa 6 Meilen vor der Korvette, auf der Hhe des Kaps Alikaporitha. Sie hatte also whrend der Nacht merklich an Vorsprung gewonnen und zwar, ohne da sie ihr Segelzeug vermehrt htte; denn sie fuhr noch immer nur unter ihrem Ober- und Unterbram-, Fock- und Gaffelsegel, whrend sie Grosegel und Klver noch eingebunden fhrte.
Sieht freilich nicht aus wie ein Schiff, das ausreien mchte, meinte der zweite Offizier.
Gleichviel! versetzte der Kommandant. Versuchen wir, es nher vor die Augen zu bekommen! Direkt zuhalten auf das Schiff, Kapitn Todros!
Die Pfeife ertnte, als Signal, die Obersegel zu setzen - die Korvette gewann merklich an Geschwindigkeit.
Aber jedenfalls lag der Brigg daran, an Fahrt nicht hinter der Korvette zu bleiben, denn sie setzte ihren Klverjger und ihr groes Stagsegel - sonst nichts! Indessen fuhr sie nach wie vor im Kstenwasser, und zwar so scharf wie irgend mglich am Lande.
Gegen 10 Uhr vormittags hatte die Korvette, ob nun besser vom Winde begnstigt oder weil das unbekannte Schiff ihr etwas Vorsprung gnnte, der Brigg etwa 4 Meilen abgewonnen.
Nun konnte man sich ein besseres Bild von ihr machen. Sie war mit etwa zwei Dutzend Karronaden bespickt und mute, obwohl sie haarscharf ber Wasser fuhr, ein Zwischendeck haben.
Die Flagge gehit! kommandierte Henry d'Albaret.
An der Gaffel ging die Flagge hoch und wurde mit einem Kanonenschlag begleitet. Das hie: die Korvette wollte Klarheit ber die Nationalitt des Schiffs in Sicht erlangen. Keine Antwort erfolgte aber auf dies Signal. Die Brigg nderte weder Kurs noch Tempo und drehte um eine Quart bei, um die Bai von Keraton zu umschiffen.
Nicht eben hflich, der Patron! meinten die Matrosen.
Vielleicht aber klug, antwortete ein alter Bootsmann, der am Besanmast lehnte; Sieht mit seinem gekippten Mast ganz aus wie einer, dem der Hut schief auf dem Kopfe sitzt und der keine Lust hat, sich den Rand durch's Gren zu verschandeln!
Ein zweiter Kanonenschlag fuhr aus der Jagdluke der Korvette - wieder umsonst! Die Brigg zeigte kein Wimpel, keine Flagge, sondern fuhr gelassen ihren Kurs, ohne sich im geringsten um die Aufforderungen der Korvette zu scheren.
Nun kam es zwischen den beiden Schiffen zu einem echten Rennen. Alles was an Segelzeug da war, hing ber dem Deck der Syphanta; aber auch die Brigg setzte, was sie noch setzen konnte, und hielt unverrckbar Distanz.
Der Racker hat den Teufel oder ein Teufelswerk im Leibe! rief der alte Bootsmann am Besanmast.
Wenn die Wahrheit gesagt werden soll, so fing an Bord der Korvette die Stimmung wild zu werden an, nicht blo bei der Mannschaft, sondern auch bei den Offizieren und nicht am wenigsten von allen bei dem vor Ungeduld tatschlich vergehenden Todros. Mord und Brand! seinen Prisenteil htte er geopfert, wenn er die Brigg htte anrennen knnen, mochte sie sonst wem angehren!
Die Syphanta war am Vorderschiff mit einem Geschtz armiert, das eine bedeutende Tragweite hatte und eine Vollkugel von 30 Pfund wohl auf 2 Seemeilen schleudern konnte.
Kommandant d'Albaret, ruhig, wenigstens dem Anschein nach, gab Befehl zum Feuern.
Der Schu krachte. Aber die Kugel schlug, nachdem sie rikoschettiert hatte, etwa 20 Fadenlngen von der Brigg ins Wasser.
Statt aller Antwort setzte die Brigg ihre obern Bonnetten und hatte bald die Distanz, die sie von der Korvette schied, erhht.
Sollte die Korvette auf die Beute verzichten? sollte sie noch mehr Segel setzen? von neuem feuern? Fr ein so flinkes Schiff wie die Syphanta war der Fall hchst deprimierend!
Darber sank die Nacht hernieder. Die Korvette segelte etwa in Hhe von Peristera. Die Brise frischte merklich auf, da es notwendig wurde, die Bonnetten wieder einzuholen und ein bescheidenes Segelzeug fr die Nacht aufzumachen.
Der Kommandant war der Meinung, da man am kommenden Tage von dem Schiffe wohl kaum noch etwas sehen wrde, nicht mal die Mastspitzen mehr, die ihm vielleicht der Horizont im Osten, vielleicht ein Kstenvorsprung verdecken wrde.
Er irrte sich.
Bei Sonnenaufgang war die Brigg noch immer in Sicht, noch immer in Fahrt, noch immer in der gleichen Distanz. Es war fast, als wenn sie ihr Tempo nach dem der Korvette einrichtete.
Htt' uns der Satan von Brigg im Schlepptau, hie es auf dem Vorderschiff, so wr' die Geschichte um kein Haar anders!
Ein wahres Wort - ohne Widerrede!
Da bog die Brigg, die in den Kanal zwischen der Insel Kufonisi und dem Festlande eingefahren war, um die Spitze von Kakialithi, um an der stlichen Kste von Kreta herauszufahren.
Wollte sie Zuflucht in einem Hafen suchen? oder in der Tiefe eines der schmalen Kanle der Kste verschwinden?
Keins von beiden!
Um 7 Uhr morgens herum schwenkte die Brigg in nordstlicher Richtung ab und segelte frank und frei ins offene Meer hinaus.
Sollte sie nach Scarpanto steuern? fragte sich, nicht ohne Verwunderung, Henry d'Albaret ... und unter einer Brise, die steifer und steifer wurde, setzte er, unter Gefahr, einen Teil seines Mastwerkes glatt am Deck zu brechen, diese Jagd ohne Ende fort, deren Aufgabe ihm das Interesse seiner Mission nicht minder als die Ehre seines Schiffs verbot.
Dort, in jenem nach allen Windrichtungen offen liegenden Teile des Archipels, mitten in dem groen, nicht mehr von den hohen Bergen Kretas beengten Meere schien es im Anfang, als wenn die Syphanta der Brigg wieder Vorsprung abgewinnen wollte. Gegen 1 Uhr nachmittags war die Entfernung zwischen den beiden Schiffen auf drei Meilen verringert. Noch ein paar Kugeln wurden zur Karysta hinber gejagt; sie konnten aber nicht bis zum Ziele gelangen und bewirkten in der Fahrt der Brigg keine Vernderung.
Schon erschienen die Gipfel von Scarpanto hinter dem Eilande Caso, das an der Spitze der Insel hngt wie Sizilien an der von Italien, am Horizont.
Der Kommandant d'Albaret konnte nun, und seine Offiziere und Mannschaft mit ihm, hoffen, da sie endlich mit diesem geheimnisvollen Schiffe, das unhflich genug war, weder auf Signale noch auf Kanonenschlge zu antworten, Bekanntschaft machen wrden.
Aber gegen 5 Uhr, als die Brise wieder abgeflaut hatte, gewann die Brigg wieder Vorsprung.
Ha! der Schweinekerl! ... dem steht der Satan in Person bei! ... der Hund entwischt uns noch! schrie Kapitn Todros.
Alles, was ein erfahrener Seemann zu tun vermag, um die Fahrgeschwindigkeit seines Schiffes zu erhhen, geschah nun auf der Korvette: die Segel wurden mit Wasser begossen, um das Gewebe zu steifen, die Hngematten wurden gespannt, um dem Winde noch etwas Flche zu schaffen, kurz: nichts unversucht gelassen - auch nicht ohne allen Erfolg, denn gegen 7 Uhr, kurz nach Sonnenuntergang, trennten hchstens zwei Meilen noch die beiden Schiffe.
Aber unter diesem Breitengrade bricht die Nacht schnell herein. Die Dmmerung ist von kurzer Dauer. Wollte die Korvette die Brigg noch vor Nacht erreichen, so mute sie ihre Geschwindigkeit noch immer verstrken.
Da fuhr die Brigg zwischen die Eilande Caso-Pulo und die Insel Casos ein. Bei der Biegung, die diese letztere macht, im Grunde der schmalen Enge, die sie von Scarpanto trennt, fing sie an, auer Sicht zu kommen.
Eine halbe Stunde hinter ihr her kam die Syphanta an dieselbe Enge, immer weit genug vom Strande ab, um guten Segelwind zu behalten. Noch war es hell genug, um ein Schiff von solcher Gre auf mehrere Meilen im Umkreise zu erkennen.
Aber - die Brigg war verschwunden.

Zwlftes Kapitel.

Auktion in Scarpanto.

Wenn Kreta, wie die Fabel erzhlte, die Wiege der Gtter war, so war das Karpathos des Altertums, das heutige Scarpanto, die Wiege der Titanen, der khnsten unter ihren Widersachern. Die Seeruber der Neuzeit, insofern als sie nur einfachen Sterblichen zu Leibe gehen, drfen ganz sicher als die wrdigen Abkmmlinge dieser mythologischen Missetter gelten, die vor dem Sturm auf den Olymp nicht zurckscheuten. Zur Zeit unserer Erzhlung hatte es nun ganz den Anschein, als ob der Abschaum der gesamten Welt sein Hauptquartier auf dieser Insel aufgeschlagen htte, auf der die vier Shne des Japetos, die Enkel Titans und der Erde, das Licht der Welt erblickten.
Wahrlich! Scarpanto war auch der richtige Schlupfwinkel des Archipels fr Korsarengesindel. Ziemlich isoliert am sdstlichen Ende dieser Meere und ber 40 Meilen von der Insel Rhodus gelegen, sind seine hohen Berggipfel schon von weitem sichtbar. Bei einem Durchmesser von 20 Meilen ist die Insel zerstckelt, ausgefranst, ausgebuchtet in viele Zacken, die durch unendlich viele Klippen beschtzt werden. Hat, wie es der Fall ist, die Insel ihren Namen den sie umgebenden Gewssern geliehen, so ist der Grund hierfr in dem Respekt zu suchen, in den sie sich bei den Alten schon ebenso gut zu setzen gewut hat wie bei den Neuen. Wer nicht im Karpathischen Meere zu Hause und alt geworden ist, fr den ist es noch immer ein gefhrliches Ding, sich hinauf zu wagen. Und wie heute, war es genau im Altertum.
Indessen fehlt es der Insel, welche die letzte Perle in dem groen Rosenkranze der Sporaden bildet, keineswegs an guten Ankerpltzen. Vom Kap Pernisa bis zum Kap Bonandra und zum Kap Andemo auf ihrer Nordkste lassen sich zahlreiche Zufluchtspltze finden. Die 4 Hfen Agata, Porto di Tristano, Porto Grato und Porto Malo Nato wurden ehedem stark von Levantefahrern angesprochen, bevor ihnen Rhodus ihre kommerzielle Bedeutung nahm. Jetzt haben nur sehr wenige Schiffe noch Interesse, hier vor Anker zu gehen.
Scarpanto ist eine griechische Insel oder wird wenigstens von einer griechischen Bevlkerung bewohnt, gehrt aber zum ottomanischen Reiche. Auch als das Knigreich Griechenland endgltig errichtet worden war, verblieb sie im Besitze der Trken unter der Verwaltung eines einfachen Kadi, der damals eine Art Feste bewohnte, die oberhalb der neuen Burg von Arlassa liegt.
Zur Zeit unserer Erzhlung wrde der Leser hier eine groe Zahl von Trken angetroffen haben, die bei den Inselbewohnern, die sich am Unabhngigkeitskriege nicht beteiligt hatten, eine, wie man sagen mu, durchaus nicht schlechte Aufnahme fanden. Allmhlich zum Mittelpunkte von Handelsgeschften geworden, wie sie verbrecherischer nicht mehr zu denken sind, waren auf Scarpanto Schiffe ottomanischer Herkunft ganz ebenso willkommen wie Korsarenschiffe, die ihre Gefangenenfrachten hier ausluden. In Scarpanto fanden sich die Mkler von Kleinasien ebenso ein wie diejenigen aus den Barbareskenstaaten, um sich auf einem bedeutenden Jahrmarkte, zu dem Menschenware angefahren wurde, einander zu berbieten. Hier wurden Auktionen abgehalten, hier wurden die Preise fr Angebot und Nachfrage festgesetzt. Der Kadi war, wie gesagt werden mu, hierbei gewi nicht mindestbeteiligte Person, denn er fungierte als Auktionator und die Hndler htten es als einen Versto gegen kaufmnnische Pflicht angesehen, wenn sie ihm nicht einen gewissen Satz vom Hundert ihrer Ware abgegeben htten.
Der Transport dieser Unglcklichen nach den Bazaren von Smyrna oder Afrika wurde auf Schiffen bewirkt, die in der Regel in dem an der Westkste gelegenen Hafen von Arkassa ihre Fracht einnahmen. Reichten die Schiffe nicht aus, so wurde Ersatz von der gegenberliegenden Kste herangeholt, und die Korsaren weigerten sich niemals, sich zu diesem erbrmlichen Geschft herzugeben.
Als die Syphanta vor Scarpanto sich einfand, lagen im Osten der Insel, in den Tiefen fast unauffindbarer Wasserlufe, an zwei Dutzend grerer und kleinerer Fahrzeuge, mit einer Besatzung von 12-1300 Mann. Diese Flottille wartete blo auf ihren Anfhrer, um auf neue Verbrechensfahrten auszuziehen.
Am 2. September abends ging die Syphanta eine Kabellnge von der Mole, auf trefflichem Untergrunde von 10 Faden Tiefe, im Hafen von Arkassa vor Anker. Henry d'Albaret war, als er den Fu auf die Insel setzte, kaum einen Moment im Zweifel, da ihn der Zufall direkt zum Hauptmarktplatze fr den Sklavenhandel gefhrt hatte.
Meinen Sie eine Zeitlang in Arkassa vor Anker zu bleiben, Kommandant? fragte Kapitn Todros, als das Schiff festlag.
Kann es noch nicht sagen, erwiderte d'Albaret; es knnen Umstnde eintreten, die uns zu sofortiger Abfahrt zwingen, aber auch andere, die uns zum Bleiben bestimmen knnen.
Wird die Mannschaft ans Land gehen?
Ja, aber blo rondenweis; die halbe Mannschaft soll immer an Bord konsigniert bleiben.
Zu Befehl, Kommandant! versetzte Todros; wir stecken hier mehr in trkischem als in griechischem Lande, und die Klugheit gebietet, die Augen scharf offen zu halten.
Der Leser wird sich besinnen, da Henry d'Albaret weder mit seinem zweiten Offizier noch den brigen Herren vom Stabe von den Beweggrnden gesprochen hatte, die ihn nach Scarpanto fhrten, auch nicht von der Aufforderung, die in dem Brief ohne Unterschrift an ihn gerichtet worden war, sich zu Anfang September hier einzufinden. Uebrigens rechnete er darauf, da ihm hier neue Mitteilungen darber gemacht werden wrden, was der geheimnisvolle Briefschreiber von der Anwesenheit der Korvette in den Gewssern des Karpathischen Meeres erwarte oder erhoffe.
Was aber nicht weniger seltsam war, das war dies pltzliche Verschwinden der Brigg jenseits vom Kanal von Casos, gerade als die Syphanta sie einholen zu knnen meinte.
Henry d'Albaret hatte auch noch immer die Partie nicht aufgeben wollen, und, ehe er in Arkassa vor Anker ging, alle Buchten und Baien der Kste, soweit es ihm der Tiefgang seiner Korvette gestattete, abgesucht. Aber in solchem Sammelsurium von Klippen, wie es an dieser Kste auftritt, unter dem Schutze hoher steiler Felsufer, mute es fr ein Schiff wie die verfolgte Brigg leicht sein, Unterschlupf oder Versteck zu finden. Zwei Tage lang suchte die Korvette, ohne den geringsten Anhalt zu finden: genau so unsichtbar war und blieb die Brigg, als wenn sie hinter Casos jh unter Wasser gegangen wre.
Am andern Tage, zwischen 3 und 5 Uhr nachmittags, sammelte sich in der kleinen Stadt Arkassa allerhand Volk von der Insel, die vielen Fremden aus Europa und Asien ungerechnet, an deren Zulauf es bei solcher Gelegenheit nicht fehlen konnte: es war nmlich groer Markttag. Unglckliche Wesen jeglichen Alters und jeglichen Standes, die Kriegsgefangenen der Trken whrend der letzten Wochen, sollten hier zur Versteigerung kommen, auf dem Batistan oder dem Sklavenbazar, den man in vielen Stdten der Barbareskenstaaten antrifft. An die hundert Gefangene, Mnner, Weiber und Kinder, lagen zur Zeit im Batistan von Arkassa, in einem Hofe, der keinen Schatten gegen die Sonne bot, bunt durcheinander gewrfelt, mit Fetzen auf dem Leibe, Verzweiflung auf dem Antlitz, von Hunger und Durst geplagt, schlotterig an Leib und Gliedern. Bis Kuferlaune das Weib vom Manne, die Kinder von den Eltern trennen sollte, saen die Unglcklichen familienweis zusammen; jedem anderen als diesen grausamen Baschis, ihren Wchtern, die kein Schmerz, kein Herzeleid mehr rhren konnte, htten sie das tiefste Mitleid eingeflt ... und was waren die Qualen hier im Vergleich zu jenen, die ihrer in den sechzehn Bagnos von Algier, Tunis und Tripolis warteten, wo der Tod so schnelle Lcken ri, die unablssig gefllt werden muten?
Indessen war den Gefangenen noch immer nicht alle Hoffnung, die Freiheit wieder zu erringen, genommen. Machten die Kufer ein gutes Geschft beim Einkauf, so sicher kein schlechteres, wenn sie die Sklaven in die Freiheit zurck verkauften, was immer zu sehr hohen Preisen geschah, und durchaus keine Seltenheit war, denn wer noch Angehrige in der Heimat hatte, die ber Mittel verfgten oder Mittel aufzubringen vermochten, der durfte rechnen, da diese nicht eher ruhten, als bis solchen in Sklaverei schmachtenden Verwandten oder Familiengliedern die Freiheit winkte. Nicht selten nahm auch der Markt selber die Auslsung von Gefangenen in die Hand oder die reiche Gnadenbrderschaft trat ein, die zu solchem Zwecke Kollekten in ganz Europa veranstaltete.
Auf dem Markte von Arkassa fanden die Auktionen statt. Allen, Fremden wie Einheimischen, stand das Befugnisrecht zu, gleichwie das Recht des Bietens; heute aber waren nur Grokufer fr die Bagnos der Berberei zur Stelle, deshalb sollte heute kein Einzelverkauf, sondern nur Enbloc-Verkauf der am Markte befindlichen Ware erfolgen, die dann, je nachdem der Zuschlag lautete, en bloc nach Algier, Tunis oder Tripolis zur Verschiffung kam. Bis um 5 Uhr nachmittags dauerte die Versteigerung; ein Kanonenschlag von der Citadelle verkndete ihren Schlu und den Zuschlag.
Am 3. September fehlte es im Batistan nicht an Kauflustigen. Aus Smyrna und anderen Nachbarpltzen Kleinasiens waren Agenten der Barbaresken-Bagnos zur Stelle. Der starke Zudrang war hchst erklrlich. Aus den letzten Kriegsereignissen lie sich schlielich schlieen, da der Friede in naher Aussicht stand. Ibrahim Pascha war in den Peloponnes zurckgedrngt, whrend General Maison mit einem Korps von 2000 Franzosen in Morea gelandet war. Knftighin erlitt also die Ausfuhr von Gefangenen erhebliche Beschrnkung, ihr Kaufwert mute also, zur lebhaften Genugtuung des Kadis, bedeutend steigen.
Im Lauf des Morgens hatten die Mkler den Batistan besucht und die zu Markte kommende Ware besichtigt; sie hatten die Meinung mit hinweggenommen, da dieselbe aller Wahrscheinlichkeit nach sehr hohe Preise erreichen wrde.
Beim Mahomet! rief ein Agent aus Smyrna, der unter seiner Sippe das Wort fhrte, die Zeit der feinen Geschfte ist vorbei! Gedenkt Ihr noch jener Zeiten, da die Schiffe uns die Gefangenen tausend- und nicht hundertweis herschafften!
Ja! ... wie seinerzeit bei dem Gemetzel auf Scio! erwiderte ein anderer; mit einem Schlage weit ber 40 000 Gefangene! Da gab's nicht Schiffe genug, die Last zu bezwingen!
Gewi, gewi, rief ein dritter, der mit sehr gesundem Kaufmannsverstande ausgestattet zu sein schien; aber zuviel Ware, zuviel Angebot und zuviel Preisdrckerei! Besser schon, es ist wenig Ware zu gutem Preise am Platze, denn die Nachfrage bleibt dann immer rege, und die paar Frachtgroschen mehr auf das einzelne Stck spielen keine Rolle!
Jawohl! ... vor allem nicht in der Berberei! ... Aber die zwlf Prozent fr den Pascha, Kadi oder Statthalter sprechen mit!
Und die hundert Prozent fr den Unterhalt der Mole und der Kstenbatterien!
Und das eine Prozent, das aus unserer Tasche noch an die Priester fllt!
Ja, diese Prozente ber Prozente machen die Reederschaft pleite und uns Mkler mit!
Solche Reden flogen zwischen diesen Agenten, die fr die Schndlichkeit ihres Handels keine Spur von Verstndnis hatten, hin und her. Immer die gleichen Klagen ber die gleichen Fragen! und htte ihren Reden nicht die Marktglocke ein Ende gemacht, so wrden die Klagen zweifellos zu weit schrferem Ausdruck gelangt sein.
Der Kadi leitete von einer Estrade aus, unter dem Schutz eines Zeltes, das von dem trkischen Halbmond berragt wurde, die Auktion, mit echt trkischer Ungeniertheit in halb liegender Stellung auf groen Polsterkissen.
Neben ihm stand der Ausrufer, der aber keine Gelegenheit fand, sich die Lunge sonderlich anzustrengen. Nein! denn bei Geschften dieser Art lassen sich im Orient die Kufer Zeit.
Das erste Gebot wurde von einem Hndler aus Smyrna mit tausend Pfund trkisch gemacht.
Tausend Pfund trkisch! wiederholte der Ausrufer.
Dann schlo er die Augen, als wenn ihm Mue genug zum Schlummern bleiben wrde, bis ein neues Gebot erfolgte.
Whrend der ersten Stunde ging das Gebot von tausend auf zweitausend Pfund trkisch herauf, nach franzsischem Gelde also auf annhernd 47 000 Francs. Die Mkler sahen einander an, hielten einander im Auge, schwatzten untereinander von allerhand anderen Dingen. Was sie bieten wollten, wuten sie zum voraus. Ihr Hchstgebot wrde erst wenige Minuten vor Auktionsschlu geschehen: darber waren sich alle klar.
Aber die Ankunft eines neuen Konkurrenten sollte diese Dispositionen ber den Haufen rennen und Leben in die Auktion bringen.
Gegen 4 Uhr waren nmlich auf dem Markte von Arkassa zwei Mnner eingetroffen. Woher? sicher aus dem orientalischen Teile der Insel, nach der Richtung wenigstens zu schlieen, aus welcher die Araba, die sie hergefhrt hatte, kam.
Ihr Erscheinen rief eine lebhafte Bewegung hervor. Erstaunen und Unruhe malte sich auf den Gesichtern. Eine Persnlichkeit auf dem Markte sozusagen einspringen zu sehen, mit der sie zu rechnen haben wrden, darauf waren die Mkler offenbar nicht gefat.
Bei Allah! rief einer von ihnen: das ist Nikolas Starkos in Person!
Mit seinem vermaledeiten Hundsfott Skopelo! setzte ein anderer hinzu; und wir meinten, die beiden Kerle seien lngst beim Teufel.
In der Tat: es waren die beiden, die auf dem Markte von Arkassa jeder kannte. Schon mehr denn einmal hatten sie ungeheure Geschfte gemacht beim Einkaufe von Gefangenen fr Rechnung afrikanischer Hndler. An Geld fehlte es ihnen nicht, wiewohl niemand recht wute, woher sie es nahmen; aber das ging niemand als sie an. Der Kadi aber, von seinem Standpunkt als Geschftsmann aus, konnte sich zur Ankunft dieser beiden gefrchteten Mitbieter nur gratulieren.
Ein einziger Blick hatte fr Skopelo, einen gewiegten Kenner, zur Schtzung des Wertes gengt, den die am Markte befindliche Ware besa. Ein paar Worte, Nikolas Starkos ins Ohr geflstert, waren alles, was er von sich gab. Nikolas Starkos antwortete durch ein bloes Nicken.
Ein so scharfer Beobachter aber der Leutnant der Kalysta war, so hatte er doch die Bewegung des Abscheus nicht gesehen, die durch die Ankunft des Kapitns der Karysta bei einer der gefangenen Frauen hervorgerufen worden war.
Es war eine alte Frau von hohem Wuchs. Sie sa abseits in einer Ecke des Batistan. Als wenn sie eine unwiderstehliche Gewalt triebe, erhob sie sich, machte ein paar Schritte ... es sah aus, als wollte sie aufschreien ... aber sie besa Kraft genug, an sich zu halten. Dann wich sie langsam zurck, vom Kopf bis zum Fue gehllt in einen alten, verschossenen Mantel, zurck bis zu ihrem Platze unter den Gefangenen, aber jetzt so weit zurck, da sie vllig verborgen sa. Augenscheinlich war es ihr nicht genug, das Gesicht vor Nikolas Starkos' Blicken zu verhllen: er sollte von ihrer ganzen Gestalt nichts sehen!
Unterdessen lieen die Mkler, wenn sie auch das Wort nicht an ihn richteten, keinen Blick vom Kapitn der Karysta, der sich um sie aber nicht im geringsten zu kmmern schien. Kam er tatschlich, ihnen den Transport vor der Nase weg zu kaufen? Befrchten muten sie es, in Anbetracht der Beziehungen, in denen Nikolas Starkos zu den Paschas und Beys der Barbareskenstaaten stand.
Hierber sollten sie nicht lange in Ungewiheit bleiben. Gerade war der Ausrufer wieder aufgestanden, um mit lauter Stimme das letzte Gebot zu wiederholen:
2000 Pfund trkisch!
2500! rief Skopelo, bei solchen Gelegenheiten das Sprachrohr seines Kapitns.
2500! verkndete der Ausrufer.
Wieder nahmen die Gesprche zwischen den verschiedenen Gruppen ihren Anfang, wieder betrachtete alles einander mit mitrauischen Blicken.
Eine Viertelstunde verflo. Hinter Skopelo war kein Gebot abgegeben worden. Nikolas Starkos ging gleichgiltig und hochmtig um den Batistan herum. Es erschien im Grunde wohl kaum jemand zweifelhaft, da ihm schlielich, sogar ohne erheblichen Widerspruch, der Zuschlag erteilt werden wrde.
Der Agent von Smyrna trat mit ein paar seiner Kollegen zusammen und besprach sich. Dann bot er von neuem:
2700 Pfund!
2700 Pfund! Wiederholte der Ausrufer.
3000!
Nikolas Starkos hatte diesmal geboten.
Was war denn passiert? Warum mischte er sich persnlich in den Wettkampf? Woher kam es, da seine sonst so kalte Stimme eine scharfe Erregung verriet, die selbst Skopelo berraschte? Man soll es gleich hren.
Seit ein paar Minuten ging Nikolas Starkos, der ber die Schranke des Batistans getreten war, mitten unter den Gefangenen auf und ab; die alte Frau hatte sich, sobald sie ihn kommen sah, noch dichter in ihren Mantel gehllt. Er hatte sie also nicht sehen knnen.
Pltzlich war aber seine Aufmerksamkeit auf zwei andere Gefangene gelenkt worden, die eine Gruppe fr sich bildeten. Wie fest genagelt blieb er stehen.
Neben einem Manne von groer Figur lag ein junges Mdchen, von Anstrengung erschpft, an der Erde.
Der Mann, als er Nikolas Starkos erblickte, fuhr wild in die Hhe. Da schlug auch das junge Mdchen die Augen auf. Sobald sie aber des Kapitns der Karysta ansichtig wurde, fuhr sie jh zurck.
Hadschina! schrie Nikolas Starkos.
Ja! Hadschina Elisundo war es, die Xaris, wie um sie zu schtzen, mit den Armen umfate.
Hadschina! wiederholte Nikolas Starkos.
Das Mdchen hatte sich aus Xaris' Armen freigemacht und sah dem einstigen Geschftskunden der Firma ihres Vaters ins Angesicht.
In diesem Moment hatte Nikolas Starkos, auer stande, zu fassen, wie die Erbin des Bankiers Elisundo auf den Sklavenmarkt von Arkassa kam, mit erregter Stimme sein Gebot getan.
3000 Pfund! hatte der Ausrufer wiederholt.
Jetzt war es kurz nach halb fnf. Noch 25 Minuten ungefhr, und der Kanonenschlag drhnte herber zum Zeichen, da der Zuschlag dem letzten Bieter gehre.
Aber schon schickten sich die Mkler, nach kurzer Beratung, zum Weggange an, da sie nicht willens waren, die Preise hher zu treiben. Es schien mithin so gut wie ausgemacht, da der Kapitn der Karysta, da kein Bieter mehr da war, den Platz behaupten wrde, als der Smyrnaer Agent einen letzten Versuch machen wollte, die Ware zu halten.
3500 Pfund! schrie er.
4000 Pfund! berbot im Nu Nikolas Starkos.
Skopelo, den Hadschina nicht bemerkt hatte, fand fr diese malose Hitze des Kapitns kein Verstndnis. Seiner Schtzung nach war der Wert der vorhandenen Ware mit dem Satze von 4000 Pfund schon weit berboten. Deshalb fragte er sich, was wohl der Grund zu solchem Verhalten bei Nikolas Starkos sein knne.
Auf die letzten Worte des Ausrufers war lange Stille gefolgt. Sogar der Smyrnaer Mkler hatte auf einen Wink seiner Kollegen die Partie aufgegeben. Da Nikolas Starkos Sieger bleiben und binnen wenigen Minuten im Besitz des Zuschlags sein werde, schien auer Zweifel.
Xaris hatte das Verhalten des Kapitns der Karysta begriffen. Enger umschlo er das junge Mdchen mit seinen Armen. Niemand sollte den Weg anders zu ihr finden als ber seine Leiche!
Da, inmitten der tiefen Stille, die ber dem ganzen Markte lag, eine zitternde Stimme! und zu dem Ausrufer klangen zwei Worte hinber:
5000 Pfund!
Nikolas Starkos drehte sich um.
Am Eingange zum Batistan war eine Schar Matrosen erschienen, an ihrer Spitze ein Offizier.
Henry d'Albaret! rief Nikolas Starkos ... Henry d'Albaret ... hier ... auf Scarpanto!
Bloer Zufall hatte den Kommandanten der Syphanta auf den Marktplatz gefhrt. Wute er doch nicht einmal, da heute - 24 Stunden nach seiner Einfahrt im Hafen von Arkassa - Sklavenmarkt daselbst sei. Da er andererseits die Sakolewa nicht vor Anker gefunden hatte, mute er nicht weniger erstaunt sein, hier Nikolas Starkos zu finden als umgekehrt dieser ihn. Nikolas Starkos wiederum hatte keine Ahnung, da die Korvette von Henry d'Albaret befehligt wrde, wenngleich ihm bekannt war, da sie in Arkassa vor Anker lag. Und wenn nun Henry d'Albaret mit diesem gnzlich unvermuteten Gebot dazwischen geschneit war, so war der Grund, da er eben unter den Gefangenen im Batistan Hadschina und Xaris bemerkt hatte - Hadschina, die wieder in die Gewalt von Nikolas Starkos fallen sollte! ... Aber Hadschina hatte ihn gehrt, hatte ihn gesehen ... und wre, htten sie die Baschis nicht daran verhindert, zu ihm hinber gestrzt.
Mit einer kurzen Handbewegung beruhigte Henry d'Albaret das junge Mdchen und bedeutete sie, ihren Platz nicht zu verlassen. So tief auch seine Emprung war, als er sich seinem verhaten Nebenbuhler gegenbersah, so blieb er doch Herr ber sich. Ja! und sollte es sein ganzes Vermgen kosten, an Nikolas Starkos sollten die in Arkassa am Markte befindlichen Gefangenen nicht fallen, nicht mit ihnen diejenige, die er so lange gesucht, die wiederzusehen er kaum noch gehofft hatte!
Der Kampf, dessen war er sich bewut, wrde hei werden. Konnte auch Nikolas Starkos nicht fassen, wieso Hadschina Elisundo sich unter diesen Gefangenen befand, so war und blieb sie fr ihn doch die reiche Erbin des korfiotischen Bankiers. Dessen Millionen konnten doch nicht verschwunden sein; von einer Gefahr also, im Gebote zu hoch zu gehen, bei einer Sklavin mit solchem Vermgen konnte fr ihn keine Rede sein! Kein Wunder also, da Nikolas Starkos zu dem festen Entschlusse gelangte, seinem Nebenbuhler gegenber - noch dazu demjenigen Nebenbuhler, den Hadschina ihm vorzog - vom Kampfe nicht abzulassen.
6000 Pfund! rief er.
7000! antwortete der Kommandant der Syphanta, ohne Sumen, ohne sich nach dem Gegner auch nur umzusehen.
Der Kadi konnte sich zu solcher Wendung der Dinge nur gratulieren. Diesen beiden Bietern gegenber hielt er es der Mhe fr gar nicht wert, die Befriedigung zu verbergen, die sich all seiner ottomanischen Gravitt zum Trotz zum Ausdruck brachte. Wenn aber dieser habgierige Vertreter der Obrigkeit schon ausrechnete, wie hoch sich der Profit aus diesem Geschft fr ihn stellen wrde, so verlor Skopelo nachgerade alle Herrschaft ber sich. Freilich hatte er Henry d'Albaret erkannt und auch Hadschina Elisundo. Lie sich Nikolas Starkos aus Ha verleiten, die Sache - die bis zu gewissem Grade ja ein gutes Geschft geblieben wre - weiterzutreiben, so drohte schlielich, besonders, wenn das Mdchen mit ihrer Freiheit auch ihr Vermgen verloren hatte, was schlielich ja nicht unmglich war, ein ganz gefhrlicher Verlust: deshalb zog er jetzt Nikolas Starkos beiseite und versuchte ihm mit Unterwrfigkeit Vorhalte zu machen. Aber er kam so bel an, da er es von neuem kaum wieder gewagt htte. Von jetzt ab machte der Kapitn der Karysta seine Gebote selber und schleuderte sie dem Ausrufer mit maloser Geringschtzung, berechnet auf die Krnkung seines Rivalen, zu.
Die Mkler waren, wie man sich denken kann, am Platze geblieben, um dem so hei entbrennenden Kampfe bis zu Ende zu folgen. Die neugierige Menge, gereizt durch diesen Kampf um Tausende von Pfunden, bekundete ihr Interesse durch berlautes Klatschen. Wenn auch die meisten der Anwesenden den Kapitn der Sakolewa kannten, so kannte doch kein einziger von ihnen den Kommandanten der Syphanta. Ja man wute nicht einmal, was diese Korvette unter korfiotischer Flagge im Hafen von Scarpanto wollte. Aber seit dem Beginn des Krieges waren soviel Schiffe aller mglichen Nationen mit Gefangenentransport befat gewesen, da solche Annahme auch betreffs der Syphanta am nchsten lag. Mochten die Gefangenen also von Henry d'Albaret gekauft werden oder von Nikolas Starkos, so nderte das, nach der Meinung der Arkassaner, nicht das mindeste: keiner von beiden kaufte sie zu anderm Zwecke, als um sie in die Sklaverei zu fhren.
Jedenfalls ging die Frage binnen jetzt und fnf Minuten ihrem Abschlu entgegen.
Auf das letzte, durch den Ausrufer verkndete Gebot hatte Nikolas Starkos ohne Zgern geantwortet mit dem Rufe:
8000 Pfund!
9000 Pfund! hatte Henry d'Albaret geboten.
Neue Stille. Der Kommandant der Syphanta, nach wie vor Herr ber sich, verfolgte Nikolas Starkos, der in grimmiger Erregung auf und ab lief, mit den Blicken. Skopelo wagte kein Wort wieder an seinen Kapitn. Uebrigens htte jetzt kein Vorhalt, keine Erwgung die Wut der Gebote hemmen knnen!
10 000 Pfund! schrie Nikolas Starkos.
11 000 Pfund! antwortete Henry d'Albaret.
12 000 Pfund! versetzte, diesmal ohne eine Sekunde zu zgern, Nikolas Starkos.
Kommandant d'Albaret hatte nicht auf der Stelle geantwortet. Nicht als ob er sich besonnen htte! Durchaus nicht! Aber er hatte gesehen, da sich Skopelo auf Nikolas Starkos strzte, um ihm in diesem tollen Beginnen Einhalt zu tun - ein Umstand, der auch die Aufmerksamkeit des Kapitns der Karysta auf Zeit von Sekunden ablenkte.
Zur selben Zeit hatte sich die gefangene Griechin, die sich bislang so hartnckig versteckt und verhllt gehalten hatte, zu voller Hhe aufgerichtet, wie wenn sie den Einfall bekommen htte, Nikolas Starkos ihr Gesicht zu zeigen.
Da blitzte auf dem Mauerkranze der Citadelle von Urkassa in einer Schlange weien Dampfes eine jhe Flamme empor ... aber ehe noch der Schu bis zum Batistan herber gedrhnt war, erfolgte mit schallender Stimme ein neues Gebot:
13 000 Pfund!
Dann drhnte der Schu ... endloses Hurrageschrei folgte ... Nikolas Starkos hatte Skopelo mit solcher Gewalt von sich gestoen, da er sich am Boden wlzte ... Jetzt, war es zu spt! Nikolas Starkos war nicht mehr im Rechte zu berbieten! Hadschina Elisundo war ihm entronnen ... und ohne Zweifel fr alle Zeit!
Komm! sprach er mit dumpfer Stimme zu Skopelo.
Dann htte man, wer gut hren konnte, die Worte, die halb zwischen seinen Zhnen blieben, hren knnen:
So wird's sicherer sein und billiger sein!
Sie stiegen beide in ihre Araba und verschwanden hinter dem Knie, das die nach dem Innern der Insel fhrende Strae unmittelbar hinter dem Marktplatze machte.
Schon war Hadschina, von Xaris gezogen, ber die Schranke des Batistans getreten. Schon lag sie in Henrys Armen, der sie an sein Herz prete und ihr zuflsterte:
Hadschina! ... Hadschina! ... all mein Vermgen htte ich geopfert, um dich loszukaufen!
Wie ich das meinige geopfert habe, um die Ehre meines Namens zu erkaufen! versetzte das junge Mdchen. Ja, Henry! ... Hadschina ist jetzt arm ... arm ... und deiner wrdig!

Dreizehntes Kapitel.

An Bord der Syphanta.

Am nchsten Tage, dem 4. September, lichtete die Syphanta gegen 10 Uhr morgens die Anker, suchte mit kleinem Segelzeug soviel Wind zu fassen wie mglich und lenkte durch die Einfahrt zum Hafen von Scarpanto hinaus.
Die von Henry d'Albaret losgekauften Gefangenen waren, so gut es anging, sowohl im Zwischendeck als im Stckpfortenraum untergebracht. Wenngleich die Fahrt durch den Archipel blo mehrere Tage beanspruchte, so hatten doch Offiziere und Mannschaft alles mgliche getan, um es den armen Gefangenen so bequem wie mglich zu machen.
Schon am Abend vorher hatte Kommandant d'Albaret alle Anordnungen getroffen, um sofort in See zu stechen. Als Zahlung fr die von ihm eingegangene Verbindlichkeit der 13 000 Pfund hatte er dem Kadi Brgschaften hinterlegt, mit denen sich derselbe vollauf zufrieden erklrt hatte. Die Einschiffung der Gefangenen war also ohne alle Schwierigkeiten vor sich gegangen, und noch ehe drei Tage verflossen, stand diesen Unglcklichen, statt der Qualen und Leiden in den Bagnos der Barbareskenstaaten, die Landung in einem Hafen des nrdlichen Griechenlands in Aussicht, wo sie fr ihre Freiheit nichts mehr zu frchten haben wrden.
Aber diese Befreiung hatten sie einzig und allein dem Manne zu danken, der sie jetzt aus den Hnden Nikolas Starkos, des Kapitns der Karysta, erlst hatte. Kein Wunder, da ihre Dankbarkeit sich durch einen Akt rhrender Frmmigkeit kundgab, sobald sie auf das Deck der Korvette den Fu gesetzt hatten.
Es befand sich unter ihnen ein greiser Priester, ein Pappa, aus Leonardi. Gefolgt von seinen Unglcksgefhrten, begab er sich auf das Oberdeck, auf welchem Henry d'Albaret mit Hadschina Elisundo, umringt von einigen Offizieren, stand. Hier knieten alle nieder, der Greis an ihrer Spitze, und die Hnde zum Kommandanten aufhebend, sprach dieser:
Henry d'Albaret! Gottes Segen ber Sie, und Lob und Preis Ihnen von all denen, denen Sie die Freiheit wiedergegeben haben!
Freunde, antwortete der Kommandant der Syphanta tief gerhrt, ich habe weiter nichts getan als meine Pflicht!
Ja, Henry! ... sie alle, alle segnen dich ... und ich auch ... Henry! ich auch! setzte Hadschina hinzu, sich gleich den brigen zur Erde vor ihm neigend.
Henry d'Albaret hatte sie schnell aufgehoben, und nun wollte es der Freudenrufe: Hoch Henry d'Albaret! Hoch Hadschina Elisundo! kein Ende nehmen: vom Hinter- bis zum Vorderkastell, von den Tiefen der Stckpforten bis hinauf zu den Raaen, wo sich an fnfzig Matrosen postiert hatten, erschollen sie von krftigen Seemannsstimmen.
Eine einzige Frau unter den Gefangenen - dieselbe, die sich tagsvorher im Arkassaner Batistan verborgen gehalten hatte - hatte sich nicht an dieser Kundgebung beteiligt. Whrend der Einschiffung hatte sie all ihre Aufmerksamkeit darauf gerichtet, unerkannt zwischen den Gefangenen zu bleiben. Es war ihr geglckt, und niemand bemerkte auch nur noch ihre Anwesenheit an Bord, seit sie sich im finstersten Winkel des Zwischendecks hingehockt hatte. Jedenfalls rechnete sie darauf, ebenso unerkannt auch das Schiff verlassen zu knnen. Aber warum bte sie solche Vorsicht? War sie denn einem Offizier oder einem Matrosen von der Korvette bekannt? Auf alle Flle mute sie wohl ernste Grnde haben, da sie whrend der 3-4 Tage, welche die Ueberfahrt dauern mute, dies Inkognito wahren wollte.
Wenn jedoch Henry den Dank der Passagiere, die die Korvette aufgenommen hatte, verdiente, was verdiente dann wohl Hadschina fr alles, was sie seit ihrer Abfahrt von Korfu getan hatte?
Henry, hatte sie tagsvorher gesagt, Hadschina Elisundo ist nun arm und deiner wrdig!
Arm? ja!, sie war arm, tatschlich arm! ... und wrdig des jungen Offiziers? Nun, der Leser mge urteilen!
Sobald Hadschina Elisundo erfahren hatte, woher das Vermgen stammte, das ihr Vater hinterlie, fate sie den Entschlu, dasselbe bis auf den letzten Heller zum Rckkauf griechischer Kriegsgefangenen zu verwenden; nichts wollte sie fr sich behalten von diesen schmhlich erworbenen Millionen. Blo Xaris gab sie von diesem Entschlusse Kenntnis. Derselbe billigte ihn, und so schnell wie irgend angngig wurden smtliche Vermgensstcke des Bankhauses zu Bargeld gemacht. Dann schrieb Hadschina den Brief an Henry d'Albaret, in welchem sie ihm Lebewohl sagte, und verlie heimlich in Begleitung ihres treuergebenen Xaris Korfu, um sich in den Peloponnes zu begeben.
Zu dieser Zeit wteten noch Ibrahims Horden im mittleren Morea, dessen Bevlkerung so schwer und seit so langer Zeit schon gelitten hatte. Die Unglcklichen, die man nicht erschlug, wurden in die messenischen Hfen, nach Patras oder Navarino, geschleppt und von dort auf Schiffen, die zum Teil von der trkischen Regierung geheuert, zum Teil von den Korsaren des Archipels gestellt wurden, zu Tausenden entweder nach Scarpanto oder nach Smyrna transportiert, wo unausgesetzt Sklavenmrkte abgehalten wurden.
Whrend der beiden ersten auf ihr Verschwinden folgenden Monate gelang es Hadschina und Xaris, denen kein Preis zu hoch war, ein paar Hundert Gefangene, die die messenische Kste noch nicht verlassen hatten, loszukaufen. Dann verwandten sie alle Sorge darauf, sie zum Teil auf den ionischen Inseln, zum Teil in den von Trken freien Bezirken des nrdlichen Griechenlands in Sicherheit zu bringen. Dann begaben sie sich zusammen nach Kleinasien, zunchst nach Smyrna, einem der Hauptsitze des Sklavenhandels. Dorthin wurden zahlreiche Trupps solcher griechischen Gefangenen geschleppt, an deren Befreiung Hadschina Elisundo vor allem gelegen war. Die Gebote, die sie machte, waren denen der Mkler aus der Berberei oder vom kleinasiatischen Kstenlande so erheblich berlegen, da die trkischen Behrden weit besser wegkamen, wenn sie mit ihr paktierten. Tausende von Gefangenen rettete sie auf diese Weise vor den Bagnos der afrikanischen Beys. Noch immer aber blieb sehr viel zu tun, und da kam Hadschina der Einfall, dem Ziele, das sie erstrebte, auf zwei verschiedenen Wegen entgegen zu steuern.
In Smyrna erfuhr Hadschina, wie es um die Syphanta stand, was nach den ersten Monaten ihrer Kreuzfahrt aus ihr geworden war. Sie wute, da korfiotische Reeder die Korvette ausgerstet hatten und zu welchem Zwecke; da das Schiff in der ersten Zeit ihrer Fahrt gute Resultate erzielt hatte, da es aber nachher seinen Kommandanten, mehrere Offiziere und einen Teil seiner Mannschaft in einem Treffen gegen eine, wie es hie, von Sakratif persnlich befehligte Korsarenflottille eingebt hatte.
Hadschina Elisundo setzte sich ohne weiteres mit der korfiotischen Reedergenossenschaft, die die Syphanta ausgerstet hatte, in Beziehung und lie ihnen einen Kaufpreis fr das Schiff bieten, der sie bestimmte, zu verkaufen. Unter dem Namen eines Ragusaner Bankiers wurde also die Korvette angekauft, gehrte aber Hadschina Elisundo, die hiermit nur das Beispiel anderer griechischen Patriotinnen, einer Bobolina, Modena, Zacharias und anderer heldenmtigen Frauen griechischer Erde, nachahmte, deren Schiffe, auf ihre Kosten ausgerstet und unterhalten, den Geschwadern der trkischen Marine so schwere Schlge zu Anfang des Unabhngigkeitskrieges versetzten.
Hierbei war aber Hadschina von Anfang an der weitere Gedanke gekommen, das Kommando ber die Syphanta in Henry d'Albarets Hnde zu legen. Ein ihr ergebener Mann, Neffe von Xaris und gleich seinem Onkel Seemann griechischer Abkunft, war dem jungen Offizier heimlich gefolgt, zuerst nach Korfu, als er, um Hadschina wiederzufinden, soviel vergebliche Nachforschungen anstellte; dann nach Scio, als er dort wieder zu dem Obersten Fabvier stie. Dieser Mann verheuerte sich auf ihren Wunsch als Matrose auf der Korvette, als dieselbe nach dem Kampfe bei Lemnos ihre Mannschaft erneuerte. Durch ihn waren in Henry d'Albarets Hnde die beiden von Xaris geschriebenen Briefe gelangt: der erste in Scio, durch den ihm mitgeteilt wurde, da im Stabe der Syphanta ein Platz offen sei; der andere whrend der Fahrt. Diesen letztern hatte Xaris auf die Tafel im Mannschaftsquartier gelegt, als er drauen auf Wache stand, und durch ihn wurde die Korvette fr Anfang September in die Gewsser von Scarpanto bestellt.
Dort gedachte Hadschina Elisundo nmlich, nach Beendigung ihres Barmherzigkeitswerkes um diese Zeit zu verweilen. Die Syphanta sollte den letzten Gefangenenzug zur Heimat zurckbefrdern, den sie mit dem Rest ihres Vermgens aufgekauft hatte.
Wieviel Strapazen hatte sie nun aber whrend des nun folgenden halben Jahres zu ertragen, wieviel Gefahren zu laufen! Im Herzen der Berberei, in jenen von Korsarengesindel verseuchten Hafenpltzen am afrikanischen Kstengelnde, wo bis zur Eroberung Algiers die schlimmsten Banditen die Herrschaft fhrten, hielt sich das mutige Mdchen in Begleitung von Xaris auf, um die Aufgabe zu erfllen, der sie ihr Leben geweiht hatte, unter stndiger Gefahr, Freiheit und Leben zu verlieren, und allen Gefahren trotzend, denen sie ihre Schnheit und ihre Jugend aussetzten.
Nichts hielt sie zurck, nichts schreckte sie zurck. Als Gnadenschwester - wie die weiblichen Mitglieder des groen Gnadenbrderbundes hieen - sah man sie nun in Tripolis, Algier, Tunis, ja selbst auf den niedrigsten Mrkten der Barbareskenkste erscheinen. Ueberall, wohin griechische Gefangene als Sklaven verkauft worden waren, kaufte sie solche mit allen erdenklichen Opfern, natrlich immer zu Preisen, die den derzeitigen Besitzern der Sklaven guten Gewinn sicherten. Ueberall, wo Sklaven versteigert wurden, fand sie sich ein mit Bargeld in den Hnden. An solchen Pltzen konnte sie nun in all seiner Schrecklichkeit das Schauspiel des Jammers und Elends sehen, das die Sitte der Sklaverei in einem Lande schuf, wo alle Leidenschaften zgellos austoben knnen.
Als ihre Mission beendigt war, als von den Millionen, die ihr Vater hinterlassen, nichts mehr vorhanden war, gedachte Hadschina mit Xaris nach Europa zurckzukehren. An Bord eines griechischen Schiffes, auf welchem die letzten von ihr aufgekauften Gefangenen untergebracht wurden, schiffte sie sich nach Scarpanto ein. Dort wollte sie mit Henry d'Albaret wieder zusammentreffen; von dort aus wollte sie die Fahrt auf der Syphanta fortsetzen. Aber drei Tage nach der Ausfahrt von Tunis wurde ihr Schiff von einem trkischen Schiffe gekapert, sie selber aber nach Arkassa gebracht, um dort zusammen mit denen, die sie hatte befreien wollen, in die Sklaverei verkauft zu werden.
So weit Hadschina!
Ja! Hadschina war nun arm und Henrys wrdig! und Henry, um sie den Hnden dieses Nikolas Starkos zu entreien, hatte sich in gleiche Armut gestrzt wie sie!
Am andern Tage, in frher Morgenstunde, sichtete die Syphanta die Insel Kreta. Bis zur Hhe von Euba wollte Kommandant d'Albaret die Ostkste von Griechenland entlang fahren; dort sollten entweder in Negroponte oder in Aegina die gefangenen Griechen ans Land gesetzt werden; dort wrden sie sicher sein vor den nunmehr bis tief in den Peloponnes hinein zurckgedrngten Trken.
Am nchsten Morgen schwanden die Gipfel Kretas aus dem Gesicht. Da die Brise aber stark abgeflaut hatte, wurde tagsber nur wenig Fahrt gemacht, obgleich die Korvette alle Segel gesetzt hatte. Indessen brauchte man sich schlielich wegen einer Fahrtverzgerung von 24 oder 48 Stunden nicht allzu sehr zu beunruhigen. Das Meer war schn, der Himmel herrlich. Nichts kndete eine baldige Vernderung im Wetter. Das gescheiteste also: man lie, wie die Seeleute sagen, das Schiff laufen und zwar so lange, wie es dem lieben Herrgott gefiele!
Solche friedliche Fahrt war natrlich ganz danach beschaffen, zur richtigen Plauderfahrt zu werden, zumal sich fr Arbeit auf dem Schiff wenig Veranlassung bot und eine einfache Bordwache ausreichte fr Meldung von Land in Sicht oder Schiff auf See. Hadschina und Henry saen am Hinterschiff auf einer ihnen vorbehaltenen Bank des Oberdecks. Dort unterhielten sie sich zumeist nicht sowohl von der Vergangenheit als vielmehr von der Zukunft, deren sie sich nunmehr versichert hielten; Plne fr die nchste Zeit wurden geschmiedet, von Hochzeit wurde gesprochen, die gleich nach der Landung gefeiert werden sollte; das Kommando ber die Korvette sollte dann Todros bernehmen; Henry wollte mit seiner Frau nach Frankreich bersiedeln.
Es war ein herrlicher Abend, der sich ber das Meer niedersenkte. Kaum ein Lftchen schwellte die Obersegel der Syphanta. Der Horizont erglnzte von dem goldigen Licht des herrlichsten Sonnenunterganges; drben glitzerten die ersten Sterne; auf dem Meere tanzten Funken an Funken mit phosphoreszierendem Schein; die Nacht versprach prchtig zu werden ...
Da rief's von der Groraa am Fockmast nieder ... grell, schrill durch die friedliche Stille:
Schiffe vorm Winde!
Im Nu war Henry d'Albaret auf seinem Platze neben dem Kapitn Todros, der in der gemeldeten Richtung mit dem Fernrohr auslugte.
Knapp sechs Meilen im Osten schwamm eine kleine Flotte, annhernd ein Dutzend Fahrzeuge, durchweg verschiedenen Tonnengehalts. Whrend aber die Syphanta mitten in einer Windstille lag und so gut wie keine Fahrt machte, nutzte die Flottille den letzten Druck einer Brise aus, die sich bis zur Korvette hin nicht mehr erstreckte, und mute diese notwendigerweise erreichen.
Henry d'Albaret musterte die Fahrt der Schiffe aufmerksam durch das Fernrohr.
Kapitn Todros, sagte er, sich zu demselben umdrehend, noch lt sich nichts sagen, was fr Absichten die Herrschaften drben verfolgen: wir sind noch zu weit von einander ab!
Allerdings, Kommandant, versetzte Todros, und bei solcher Nacht ohne Mondschein werden wir auch nicht zu Worte kommen knnen. Wir werden also schon bis morgen warten mssen.
Lassen Sie alle Wachen ausstellen, Todros! rief d'Albaret; scharfer Auslug soll gehalten werden, jeder Vorgang auf der Stelle gemeldet werden! Sodann treffen Sie alle Vorkehr, falls uns die Schiffe nher auf den Leib kommen sollten!
Alle Befehle wurden ohne Sumen ausgefhrt; Henry bat Hadschina, ihre Kabine aufzusuchen; die ganze Nacht wurde wenig an Bord geschlafen; die Anwesenheit einer Flottille auf hoher See mute Beunruhigung wecken. Soweit es angngig war, hatte man ihre Manver beobachtet. Gegen 9 Uhr nahm sich aber ziemlich dichter Nebel auf, so da man sie bald aus dem Gesicht verlor.
Als es Morgen wurde, verdeckten im Osten bei Sonnenaufgang noch immer Dunstmengen den Horizont. Da der Wind ganz aussetzte, kam die zehnte Stunde heran, ehe sie sich zerteilten. Noch hatte sich indessen nichts Verdchtiges in diesem Nebel gezeigt.
Kaum aber war er im Aufsteigen begriffen, als sich die ganze Flottille in einem Abstande von kaum 4 Meilen zeigte. Sie war also um 2 volle Meilen seit dem Abend nher herangekommen, und htte sie der Nebel nicht am Manvrieren verhindert, so wrde sie der Syphanta noch mehr Fahrt abgewonnen haben. Es war ein ganzes Dutzend Schiffe, in gleichem Fahrttempo begriffen, mit Ruderern bemannt, die krftig auf die langen Riemen drckten.
Die Korvette, die bei ihrer Gre Ruder nicht setzen konnte, lag nach wie vor unbeweglich auf demselben Flecke, vllig auer stande, etwas anders zu tun als zu warten ... und doch konnte sich an ihrem Bord ber die Absichten der Flotte niemand mehr einer Tuschung hingeben.
Eine ganze Schwadron verdchtigen Gesindels! meinte Kapitn Todros.
Um so verdchtiger, versetzte d'Albaret, als ich die Brigg darunter herauskenne, auf die wir gestern in den kretensischen Gewssern vergeblich Jagd gemacht haben!
Der Kommandant der Syphanta hatte recht. Die hinter der Spitze von Scarpanto so auffllig verschwundene Brigg segelte im ersten Gliede, offenbar mit beschrnkter Fahrt, um sich von den andern, unter ihr Kommando gestellten Fahrzeugen nicht zu trennen.
Inzwischen hatte sich im Osten etwas Wind aufgenommen, der die Bewegung der Flottille strkte, dagegen etwa zwei Fadenlngen von der Korvette stand.
Da warf Henry d'Albaret das Fernrohr beiseite, das bis jetzt nicht von seinen Augen gewichen war.
Klar zum Gefecht! rief er.
In langem Strahle scho weier Dampf vom Vorderschiff der Brigg herber ... und in dem Moment als der Knall eines Feuerschlundes zur Korvette drang, stieg ein Wimpel an der Gaffel der Brigg empor ...
Ein schwarzes Wimpel mit brandrotem S in der Mitte.
Das Wimpel Sakratifs, des Korsaren! 

Vierzehntes Kapitel.

Sakratif.

Am Tage vorher war diese aus zwlf Fahrzeugen zusammengesetzte Flottille aus den Schlupfhfen von Scarpanto hervorgebrochen. Entweder durch Frontangriff oder durch Umzingelung gedachte sie der Korvette, also in beiden Fllen unter den ungnstigsten Bedingungen fr diese letztere, auf den Leib zu rcken. Der Korvette blieb, infolge des herrschenden Windmangels, nichts weiter brig als den Kampf aufzunehmen: dem brigens Henry d'Albaret unter keinen Umstnden, auch bei gnstigen Windverhltnissen nicht, ausgewichen sein wrde; denn ohne sich in Unehre zu setzen, konnte die Flagge der Syphanta nicht vor der Korsarenflagge des Archipels fliehen.
Unter diesen 12 Schiffen zhlte man 4 Briggs mit je 16-18 Kanonen. Die brigen 8 Fahrzeuge mit geringem Tonnengehalt, aber mit leichtem Geschtz armiert, waren der Gattung nach Saiken, Senalen, Feluken und Sakolewen. Soweit die Korvetten-Offiziere taxieren konnten, waren es annhernd 100 Feuerschlnde, denen sie blo 22 Kanonen und 6 Karronaden entgegenzusetzen hatten; und der Korvettenmannschaft von 250 Mann standen 7-800 Mann, die sich freilich auf 12 Fahrzeuge verteilten, gegenber. Auf alle Flle ein hchst ungleicher Kampf! Immerhin konnte der Syphanta zufolge der berlegenheit ihres Geschtzmaterials ein groer Erfolg sicher sein, aber nur dann, wenn es ihr gelang, sich die Schiffe nicht ankommen zu lassen. Alles mute daran gesetzt werden, den Feind am Entern, den Kampf Mann gegen Mann zu verhindern; denn im letzten Falle mute der Sieg notwendigerweise der Uebermacht bleiben, ist doch beim Kampf auf See aller Rckzug abgeschnitten: ber Bord oder sich ergeben! ein Drittes gibt es nicht!
Eine Stunde nach Zerteilung des Nebels war die Flottille merklich nahe an die Korvette gerckt, die noch immer so still und ruhig lag wie mitten auf Reede vor Anker.
Unterdes lie Henry Fahrt und Manver der Korsarenschiffe nicht aus dem Auge. An Bord war alles im Nu gefechtsklar. Offiziere und Mannschaft standen auf ihren Pltzen. Wer von den Passagieren krftig genug war, hatte sich in die Reihen der Mannschaft gestellt und war bewaffnet worden. Tiefe Stille herrschte auf und unter Deck, kaum gestrt durch die wenigen Worte, die die beiden Kommandanten wechselten.
Keinen Enterhaken heranlassen! sprach d'Albaret; lassen wir sie auf Schuweite heran, dann Feuer von Steuerbord!
Grundschsse oder Mastschsse? fragte Todros.
Grundschsse! entschied d'Albaret.
Unstreitig das richtigere im Kampf gegen dieses im Entern besonders geschickte, Mann gegen Mann am meisten zu frchtende Kosarengesindel, und ganz besonders richtig gegen diesen Sakratif, der soeben die Frechheit gezeigt hatte, seine Schwarzflagge zu hissen - der sie ganz gewi blo hite, weil es ausgemacht fr ihn war, da kein Mann von der Korvette mit dem Leben davonkam, um sich rhmen zu knnen, da er die Korsarenflagge gesehen habe.
Gegen 1 Uhr nachmittags war die Flottille blo eine Meile noch unterm Winde; ihre Riemen brachten sie fortdauernd nher heran. Der Syphanta, mit der Nase im Nordwesten, fiel es ziemlich schwer, diese Kompalage zu halten. Die Korsaren fuhren in Schlachtordnung heran - zwei Briggs im Zentrum, die andern beiden rechts und links am Flgel. Sie manvrierten so, da sie die Korvette sowohl vorn als hinten umsegelten, um sie in einen Kreis zu schlieen, dessen Radius sich allmhlich verringern sollte; offenbar verfolgte sie das Ziel, sie erst unter konvergierendes Feuer zu nehmen und dann zu entern.
Henry d'Albaret hatte dieses fr ihn so gefahrvolle Manver im Nu durchschaut, vermochte es aber nicht zu verhindern, weil ihn die herrschende Kalme aller Bewegungsfhigkeit beraubte. Vielleicht bestnde aber doch die Mglichkeit, die feindliche Linie durch Kanonenschlge zu brechen, bevor sie die Korvette von allen Seiten umschlossen hielte. Schon stellten sich die Offiziere die Frage, weshalb ihr Kommandant nicht mit der ihm gewohnten festen, ruhigen Stimme das Feuer erffnen lie. Henry d'Albaret gab den Befehl nicht: er wollte keinen Schu vergeuden, er wollte erst feuern lassen, wenn jeder Schu unfehlbar sitzen mte.
Zehn Minuten verflossen noch. Alles wartete gespannt: die Mannschaft an den Geschtzen, die Offiziere vor den Stckpforten, die Matrosen auf Deck. Sollten die ersten Salven etwa vom Feinde herberkommen, nachdem die Distanz so weit geschwcht war, da ihm jeder Schu Erfolg versprach?
Henry d'Albaret schwieg noch immer. Er hielt die Linie scharf im Auge, die sich an ihren beiden Enden zu biegen begann. Die beiden Briggs im Zentrum - die eine war diejenige, die Sakratifs Schwarzflagge gehit hatte - hatten jetzt nur eine knappe Meile Abstand.
Wenn es aber dem Kommandanten der Syphanta mit der Erffnung des Feuers nicht eilig war, so schien es dem Anfhrer der Flottille noch weniger eilig damit zu sein. Vielleicht meinte er gar, ohne jeden Schu an die Korvette heranzukommen, sie durch ein paar hundert seiner Korsaren im Sturm zu nehmen.
Endlich hielt d'Albaret die Zeit gekommen, nicht lnger zu warten. Ein letztes Stck von der Brise strich bis zur Korvette heran und lie ihn um ein Quart anluven. Er justierte seine Position, so da er den beiden Briggs in knapp einer halben Meile Abstand an die Breitseite kam, und donnernd erschallte sein Kommando:
Achtung alle Mann!
Ein schwacher Lrm an Bord. Dann absolute Stille!
Grundschu! kommandierte d'Albaret.
Die Geschtze visierten auf den Rumpf, die Karronaden in die Masten der Schiffe.
Feuer! kommandierte d'Albaret.
Die Steuerbordsalve krachte. Elf Kanonen und drei Karronaden, aus den Stckpforten und vom Deck, spieen ihre Geschosse, darunter mehrere Paare Kettenkugeln, die bei mittlerer Distanz unter Masten und Raaen energisch aufrumen knnen.
Als der Pulverdampf sich verzogen hatte, lie sich die auf die beiden Briggs erzielte Schuwirkung feststellen. Vollstndig war sie nicht, immerhin aber von Belang.
Die eine Brigg war ber der Wasserlinie getroffen; das Takelwerk war stark havariert, der Fockmast ziemlich scharf ber Deck mitten durchgeschossen; beim Sturz nach vorn hatte er den Gromast getroffen und havariert: die Brigg mute also einige Zeit ans Ausbessern setzen, blieb aber imstande, an die Korvette mit heranzusegeln, so da die Gefahr fr diese, umzingelt zu werden, durch diese erste Salve nicht abgeschwcht wurde.
Inzwischen waren die beiden Briggs von den Flgeln der feindlichen Aufstellung auf Hhe der Syphanta gelangt. Sie lenkten nun scharf auf sie zu, und zwar nicht ohne sie von rechts und links her zu bestreichen, was d'Albaret ber sich ergehen lassen mute.
Ein bser Doppelschu traf die Korvette. Dicht ber den Mastbacken wurde ihr Besanmast getroffen; mit allem Behang strzte derselbe, zum Glck, ohne die Takelage vom Gromast mit zu reien; ein Boot wurde zerschlagen und - der empfindlichste Verlust! - ein Offizier und zwei Matrosen tot, vier Matrosen schwer blessiert.
Sofort kommandierte d'Albaret Deck freimachen. Alles Tauwerk, Segelzeug, Raaenstcke, Spieren waren in wenigen Minuten weggeschafft; der Platz wieder wegsam. Es galt, nicht einen Augenblick zu verlieren; der Geschtzkampf begann mit verstrkter Heftigkeit von neuem; blieb die Korvette zwischen zwei Feuern, mute sie von beiden Borden das Feuer erwidern.
Da gab die Syphanta eine neue Breitseite ab: diesmal so prompt, da zwei Schiffe, eine Saike und eine Sakolewa, im Nu unter Wasser gingen; aber der Mannschaft gelang es, die Boote zu fassen und an die Briggs im Zentrum zu segeln, wo sie schleunigst heraufgeholt wurden.
Hurra! Hurra! schallte es von der Korvette her.
Zwei unter Wasser! meinte Kapitn Todros.
Wohl, versetzte d'Albaret, aber die Kerle drauf sind wir nicht los! ich frchte, es kommt zum Kampfe Mann gegen Mann!
Eine Viertelstunde dauerte die Kanonade fort. Korsarenschiffe und Korvette verschwanden in dem weien Pulverdampf, und ehe sich derselbe nicht zerstreut hatte, lie sich der angerichtete Schaden bei keinem Schusse feststellen. An Bord der Syphanta war derselbe leider stark fhlbar; mehrere Matrosen waren gefallen, eine groe Zahl blessiert; ein Offizier, mitten in die Brust geschossen, war neben dem Kommandanten gefallen, whrend derselbe Befehle abholte.
Der Kreis um die Korvette schlo sich enger und enger. Von allen Seiten spieen die Geschtze. Aber sie wehrte sich mannhaft und machte der Flagge, die noch an ihrem Maste hing, Ehre. Ihre Geschtze richteten schlimme Verheerungen an unter der Flottille, zwei weitere Fahrzeuge, eine Saike und eine Feluke, wurden vernichtet: die eine ging unter Wasser, die andere, von Brandkugeln getroffen, ging in Flammen auf.
Der Kampf Mann gegen Mann rckte nher. Die Syphanta war auer stande, der Feuerlinie, die sich um sie schlo, zu entrinnen. Dagegen ruderten die Korsarenschiffe nher und nher heran. Die Brigg mit der Schwarzflagge lag nur noch in Pistolenschuweite, als sie noch eine volle Lage feuerte: eine Kugel schlug in die Versthlung am Hinterdeck der Korvette und zertrmmerte das Steuer.
Henry d'Albaret rstete nun zum Empfange der Korsaren, deren Sturm aller Sekunden zu erwarten stand, und lie die Enternetze spannen. Jetzt knatterte hben und drben das Gewehrfeuer: ein Kugelhagel schlug auf das Deck der Syphanta. Zahlreiche Leute fielen, fast durchweg tdlich getroffen. An zwanzig male drohte Henry d'Albaret der Tod; aber unbeweglich, ruhig, als kommandiere er bei einer Parade, gab er von der Brcke seine Befehle.
Durch die Risse im Pulverqualm konnte die kmpfende Mannschaft sich nun einander mit den Augen messen. Von den Korsaren kamen grliche Flche herber. Henry d'Albaret suchte an Bord der Brigg mit der Schwarzflagge vergeblich nach dem Befehlshaber, nach jenem Sakratif, dessen Name allein schon Entsetzen im ganzen Archipel hervorrief.
Da fuhr am Steuerbord der Korvette die Brigg mit der Schwarzflagge und am Backbord der Korvette eine von den beiden Briggs, welche die Linie geschlossen hatten, mit schwacher Untersttzung im Rcken durch die andern Fahrzeuge heran ... die Barkhlzer der Korvette knirschten unter dem Drucke der beiden Briggs ... im Nu flogen die Enterhaken herber, und die drei Schiffe hingen aneinander; ihre Geschtze muten schweigen ... da aber die Stckpforten der Syphanta genau soviel Breschen waren, durch die den Korsaren der Weg offen stand, blieb die Bedienungsmannschaft auf ihrem Posten, um diese Breschen mit Beilen, Pistolen und Piken zu verteidigen.
So lautete der Befehl des Kommandanten, der in dem Augenblicke unter Deck gelangte, als die beiden Briggs die Enterhaken an die Korvette warfen.
Pltzlich gellte von allen Seiten ein Schrei herber, - ein Schrei, der die Luft mit solcher Gewalt erfllte, da er einen Moment das Geknatter der Flinten und Musketen bertnte.
An Bord hinber! An Bord hinber!
Der Kampf, der nun folgte, Mann gegen Mann, war grausig. Weder die Salven von Flinten, Musketen und Steinschlogewehren, noch die Beilhiebe und Pikenste konnten dieses rasende, vor Blut trunkene, blutdrstige Korsarengesindel daran hindern, Fu auf der Korvette zu fassen. Aus ihren Mastkrben hinunter berschtteten sie das Deck der Korvette mit Granaten, die dasselbe vllig unhaltbar machten, obwohl ihnen die Syphanta aus ihren Mastkrben durch die Wchter gleiche Antwort geben lie.
Henry d'Albaret sah sich bestrmt von allen Seiten. Die Schanzkleidung der Syphanta, obwohl sie hher war als die der beiden Briggs, wurde berannt und genommen. Von Raa zu Raa kletterten die Piraten, zerhieben die Enternetze und kletterten daran auf Deck nieder. Was kam es ihnen bei der Zahl, die sie ausmachten, auf ein paar Tote an?
Die Mannschaft der Korvette hingegen war schon stark reduziert: sie bezifferte sich kaum noch auf 200 Mann - und hatte den Kampf aufzunehmen gegen 600!
Unaufhrlich strmten von den beiden Briggs herber neue Korsaren: von allen Schiffen der Flottille eilten sie auf diesem Wege heran. Widerstand gegen diese Massen war auf die Dauer nicht denkbar. Bald flo das Blut auf dem Deck der Syphanta in Strmen. Aber die korfiotische Flagge sollte nicht eher niedergehen, als bis der letzte Mann von der Syphanta gefallen war.
Mitten im wildesten Handgemenge focht Xaris. Er kmpfte wie ein Lwe. Noch immer stand er auf dem Oberdeck. Mehr denn zwanzigmale schon hatte seine an dem muskulsen Handgelenk mit der Riemenschnur festgemachte Axt einem Piraten den Schdel gespalten und dem Kommandanten das Leben gerettet.
Dieser aber, inmitten solches Wirrwarrs, solches Mordens, behielt, wenngleich er unvermgend war gegen solche Ueberzahl, unentwegt die Herrschaft ber sich. Woran dachte er? Sich zu ergeben? Nein! Ein franzsischer Offizier ergibt sich keinem Korsaren. Aber was beginnen? Das Beispiel des heldenmtigen Bisson nachahmen, der sich zehn Monate frher, um nicht dem Trken in die Hnde zu fallen, in die Luft sprengte? wrde er auch mit der Korvette die an seinen Flanken hngenden zwei Briggs vernichten? Aber das hie Blessierte, alle den Korsaren entrissenen Gefangenen, Weiber, Kinder ... ja! auch Hadschina opfern! und wie sollte, wer die Explosion berlebte, wenn Sakratif ihm das Leben lie, diesmal den Schrecken der Sklaverei entrinnen?!
Achtung, Kommandant! rief Xaris und warf sich vor ihn. Eine Sekunde spter, und Henry d'Albaret wre eine Leiche gewesen! Aber Xaris packte den Piraten, der ihn bedrohte, und schleuderte ihn ins Meer. Dreimal wollten andere Piraten dem Kommandanten zu Leibe, und dreimal hieb Xaris sie nieder.
Mittlerweile war das Deck der Korvette von Korsaren vllig berschwemmt. Kaum fielen noch vereinzelte Schsse; es wurde mit blanken Waffe gekmpft; und das Gebrll der Streiter bertnte das Klirren der Waffen und Knallen der Flinten.
Die Korsaren, bereits im Besitze des Vorderschiffs, waren allmhlich bis zum Fu des Gromastes vorgedrungen. Sie drngten die Mannschaft der Korvette zum Oberdeck hin. Es standen ihrer zehn gegen einen - mindestens! Blo eine Leichenbarre trennte sie vom Hinterdeck. Die vordersten Reihen, von den Hinteren gedrngt, berstiegen diese Barre, obwohl sie dieselbe durch zahlreiche Leichen der Ihrigen noch hher steigen sahen. Dann rasten sie, ber die Leiber hinweg, bis an die Knie im Blute badend, zum Sturm auf das Oberdeck. Dort hatten sich etwa 50 Mann geschart mit etwa einem halben Dutzend Offiziere unter Kapitn Todros. Entschlossen, bis zum Tode zu kmpfen, umringten sie ihren Kommandanten.
Auf diesem engen Raume wurde der Kampf frchterlich. Die Flagge, die mit dem Sturz des Besanmastes von der Gaffel niedergegangen war, war am Achterdeck von neuem gehit worden. Das war der letzte Posten, dessen Verteidigung Seemannsehre dem letzten Mann zur Pflicht machte.
Aber so entschlossen das kleine Korps auch war, was vermochte es gegen die 5-600 Seeruber, die jetzt das Vorderschiff, das Deck, die Mastkrbe inne hatten, und einen Hagel von Granaten feuerten? Noch immer kam Sukkurs zu den Angreifern. Whrend die Reihen der Verteidiger des Oberdecks sich fortwhrend lichteten, blieb die Zahl der Korsaren fortwhrend die gleiche.
Das Oberdeck aber glich tatschlich einer Feste. Zu wiederholten malen schlug sie den Sturm ab. Wieviel Blut um ihren Besitz geflossen, wer zu sagen htte das vermocht? Endlich fiel sie, die Feste! Die Mannschaft der Syphanta mute vor der Lawine zurckweichen bis zum Backbord! Dort scharten sie sich um die Flagge, um die sie einen Wall trmten aus ihren Leichen. Mitten unter ihnen, mit der Pistole in der einen, dem Dolche in der andern Faust, gab Henry die letzten Schsse, die letzten Dolchste.
Nein! der Kommandant der Korvette ergab sich nicht! Erdrckt wurde er durch die Ueberzahl ... da suchte er den Tod! Aber umsonst! ... es schien, als seien die Korsaren, die gegen ihn drangen, insgeheim angewiesen worden, ihn lebendig zu fangen - ein Befehl, der zwanzig der heibltigsten unter ihnen das Leben kostete: sie fielen unter den Axthieben des treuen Xaris.
Endlich fiel Henry d'Albaret mit den Ueberlebenden aus seinem Offizierkorps in die Gewalt der Korsaren. Xaris und die Matrosen muten den Kampf einstellen. Die Flagge der Syphanta ging am Achterstock nieder.
In demselben Augenblick erschallte Geschrei, Gebrll, untermischt mit Hurras, und mit Verwnschungen, von allen Seiten ... aus den Kehlen der Sieger, als Begrung ihres Anfhrers:
Sakratif! Sakratif!
Ueber der Schanzkleidung der Korvette erschien der Korsarenhuptling. Die Piratenhaufen teilten sich, ihm Platz zu machen. Langsam schritt er zum Hinterschiff hin, achtlos ber die Leichen seiner Kameraden weg ... die blutgetrnkte Treppe zum Oberdeck hinauf ... auf Henry d'Albaret zu.
Endlich erblickte der Kommandant der Syphanta denjenigen, den die Piratenhaufen mit dem Namen Sakratif begrten.
Der Mann war Nikolas Starkos.

Fnfzehntes Kapitel.

Die Lsung.

Volle dritthalb Stunden hatte der Kampf zwischen der Flottille und der Korvette gedauert. Auf seiten der Korsaren muten an 150 Mann gefallen oder blessiert sein; von den 250 Mann Besatzung der Korvette nicht weniger! was noch am Leben von ihr war, befand sich mit ihrem Kapitn, den Offizieren und den Passagieren in der Gewalt des erbarmungslosen Sakratif.
Sakratif oder Starkos war tatschlich einundderselbe. Bisher hatte niemand eine Ahnung davon, da sich unter diesem Namen ein Grieche verbarg, ein Sohn der Landschaft Magnos, ein Verrter, den die Tyrannen des Landes gedungen hatten, ein Renegat! Ja! Nikolas Starkos war es, der diese Piratenflotte befehligte, deren grausige Untaten Entsetzen ber diese Meere gebracht hatte, der mit diesem schmhlichen Handwerk einen noch schmhlicheren Schacher betrieb; der an Barbaren, an Unglubige seine den blutigen Gemetzeln entronnenen Landsleute verschacherte! Er, Sakratif! und dieser erschlichene Name, dieser Kriegs- oder vielmehr Piratenname war der Name des Sohnes der Andronika Starkos!
Sakratif - wie wir ihn von jetzt ab zu nennen haben - hatte die Insel Scarpanto seit Jahren zum Mittelpunkt seiner ruberischen Unternehmungen gemacht. Dort in den unbekannten Kanlen und Engen der stlichen Kste htte man die Hauptsttzpunkte seiner Flotte gefunden. Dort hatten sich Kameraden um ihn geschart, die allen Glauben abgeschworen, alles Gesetz fr null und nichtig erklrt hatten, die ihm den blindesten Gehorsam entgegenbrachten, von denen er sich jeder Gewalttat, jeder Freveltat versehen, denen er jeden verwegenen Raubzug zumuten konnte. Dort verfgte er ber annhernd zwei Dutzend Schiffe, ber die er gebot wie ein Selbstherrscher.
Nach seiner Abfahrt von Korfu an Bord der Karysta war Sakratif direkt nach Scarpanto gesegelt, mit der Absicht, seinen Kriegszug im Archipel wieder zu beginnen, und in der Hoffnung, da ihm die Korvette in den Wurf kommen werde, die er in See hatte stechen sehen und deren Bestimmungsort er kannte. Whrend er aber seine Aufmerksamkeit der Syphanta widmete, lie er Hadschina und ihre Millionen nicht auer acht, und ebenso wenig gab er die Racheplne gegen Henry d'Albaret auf.
Die Piratenflotte machte sich auf die Suche nach der Korvette; aber wenngleich Sakratif auch oft von ihr und von den Repressalien vernahm, die sie ber das Raubgesindel im Archipel verhngte, so gelang es ihm doch nicht, sie zu stellen. Nicht er war es, wie man wissen wollte, der bei Lemnos befehligte, wo Kapitn Stradena den Tod gefunden hatte; wohl aber war er es gewesen, der bei Thasos auf der Sakolewa, den Kampf sich zu nutze machend, aus dem Hafen entwichen war. Blo war ihm damals noch nicht bekannt, da das Kommando ber die Korvette von Henry d'Albaret gefhrt wurde: das erfuhr er erst, als er ihm auf dem Sklavenmarkte von Arkassa gegenberstand.
Als Sakratif aus Thasos fuhr, war er zunchst in Syra vor Anker gegangen und knapp 48 Stunden vor der Korvette wieder in See gegangen. In der Annahme, da die Sakolewa nach Kreta gesteuert sein msse, war man nicht fehlgegangen. In Grabusa wartete die Brigg auf Sakratif, um nach Scarpanto mit ihm zurckzufahren, wo er einen neuen Raubzug plante. Dort bemerkte die Korvette die Brigg kurz nach ihrer Ausfahrt, nahm die Jagd auf, konnte ihrer, da sie die grere Fahrgeschwindigkeit fr sich hatte, aber nicht habhaft werden.
Auch Sakratif hatte die Syphanta recht wohl erkannt. Sie anzurennen und durch Entern zu kapern, seinen Ha zu befriedigen durch ihre Vernichtung, war sein erster Gedanke gewesen. Aber er berlegte und fand, da es richtiger sei, wenn die Korvette seine Verfolgung lngs der Kste von Kreta aufnhme und ihn bis in die Gewsser von Scarpanto nachsetze, wo er zunchst in einem der allein ihm bekannten Schlupfhfen verschwinden knne.
An diesem Plane hatte er festgehalten und in Scarpanto alles zum Ueberfall der Syphanta vorgesehen, als der Zufall die Lsung dieses Dramas beschleunigen sollte.
Die weiteren Vorgnge sind dem Leser bekannt; ebenso, was Sakratif auf den Sklavenmarkt in Arkassa fhrte, und wie er mit Henry d'Albaret, dem Kommandanten der Syphanta zusammenstie, nachdem er Hadschina Elisundo unter den Gefangenen im Batistan wiedergefunden hatte.
Sakratif, in der Meinung, Hadschina sei noch immer die reiche Erbin des korfiotischen Bankiers, hatte alles daran gesetzt, sie mit den brigen Sklaven an sich zu bringen. Die Dazwischenkunft Henry d'Albarets hatte diesen Plan zu nichte gemacht. Hierdurch aber in seinem Entschlusse, sich Hadschinas zu bemchtigen und an seinem Nebenbuhler zu rchen, die Korvette in den Grund zu bohren und ihre gesamte Besatzung ber die Klinge springen zu lassen, bestrkt, zog Sakratif das unter Skopelo auf Kreuzfahrt begriffene Geschwader an sich und segelte nach der Westkste der Insel zurck. Da Henry d'Albaret Scarpanto ohne Verzug verlassen wrde, um seine Gefangenen in die Heimat zu schaffen, darber konnte niemand im Zweifel sein. Sobald Sakratif sein Geschwader beisammen hatte, wurde deshalb sofort in See gestochen. Die Witterungsverhltnisse hatten seine Fahrt begnstigt und seine Unternehmungen glckten: die Syphanta fiel in seine Gewalt.
Als Sakratif den Fu auf das Verdeck der Korvette setzte, war es drei Uhr nachmittags. Die Brise begann wieder frisch zu werden: dadurch gewannen die anderen Schiffe die Mglichkeit sich auf die Stellungen zurck zu begeben, von wo aus sie die Syphanta unter dem Feuer ihrer Geschtze hielten. Die an den Flanken der Korvette hngenden beiden Briggs muten dagegen abwarten, bis ihr Befehlshaber sich dort an Bord begbe.
Zur Zeit dachte derselbe hieran nicht, und etwa hundert Korsaren blieben mit ihm an Bord der Korvette.
Noch hatte Sakratif nicht das Wort an den Kommandanten d'Albaret gerichtet. Er hatte sich begngt, mit Skopelo ein paar Worte zu wechseln, dem er Befehl gab, die Gefangenen, Offiziere und Matrosen unter Deck zu schaffen, dessen Luken sich hinter ihnen schlossen. Welches Schicksal behielt er ihnen vor? Jedenfalls einen furchtbaren Tod; zusammen mit ihrem Schiffe, zusammen mit der Syphanta sollten sie den Untergang finden!
Auf dem Oberdeck standen blo noch Henry d'Albaret und Kapitn Todros, entwaffnet, gefesselt, bewacht.
Umringt von einem Dutzend seiner wildesten Gesellen, trat Sakratif einen Schritt auf sie zu.
Es war mir nicht bekannt, da die Syphanta von Henry d'Albaret befehligt wrde. Htte ich das gewut, so wrde ich nicht gezaudert haben, ihm den Kampf schon in den Meeren von Kreta anzubieten: der Weg nach Scarpanto, um der Gnadenbrderschaft das Feld streitig zu machen, wre ihm dann erspart geblieben!
Htte sich Nikolas Starkos uns in den Meeren von Kreta gestellt, versetzte d'Albaret, so hinge er jetzt an der Fockraa der Syphanta!
Wirklich? hhnte Sakratif - eine prompte Justiz!
Wie sie einem Korsarenhuptling zukommt!
Htet Eure Zunge, d'Albaret! rief Sakratif; noch hngt die Fockraa am Mast Eurer Korvette ... ein Wink von mir ...
Gebt ihn!
Einen Offizier knpft man nicht auf! rief Kapitn Todros dazwischen, einen Offizier erschiet man! Solchen ehrlosen Tod ...
... hat man von ehrlosen Schurken zu erwarten, Todros! fiel ihm d'Albaret ins Wort.
Diesem Worte folgte ein Wink Sakratifs, dessen Bedeutung seine Korsaren allzu gut kannten.
Wer Wink bedeutete d'Albarets Todesurteil.
Ein halbes Dutzend Korsaren strzte sich auf Henry d'Albaret, whrend die anderen den Kapitn Todros hielten, der an seinen Fesseln ri wie ein Rasender.
Der Kommandant der Syphanta wurde nach dem Vorderschiff geschleppt unter den grlichsten Flchen und Verwnschungen. Schon war das Hitau um die Spitze der Raa geschlungen, und nur noch Sekunden konnten verstreichen, bis die schmhliche Hinrichtung an der Person eines franzsischen Offiziers vollzogen war - als Hadschina Elisundo auf dem Verdeck erschien.
Auf Sakratifs Befehl war das junge Mdchen aus dem Zwischendeck heraufgeholt worden. Da Nikolas Starkos der gefrchtete Korsarenhuptling war, wute sie nun; aber weder ihre Ruhe noch ihr Stolz sollten sie verlassen.
Zunchst suchten ihre Blicke Henry. Ob er seine dezimierte Mannschaft berlebt habe, wute sie nicht ... Da sah sie ihn! ... er war am Leben ... am Leben, um die Todesstrafe zu erleiden!
Sie lief auf ihn zu mit dem Schrei: Henry! ... Henry!
Die Korsaren wollten sie auseinander reien, als Sakratif auf das Vorderschiff der Korvette zutrat und wenige Schritte vor Hadschina und Henry stehen blieb.
Mit grausamem Hohne betrachtete er sie.
Also Hadschina Elisundo in der Gewalt von Nikolas Starkos! rief er, die Arme bereinander schlagend; die Erbin des reichen Bankiers von Korfu also, in meinen Hnden!
Die Erbin des Bankiers von Korfu wohl, aber nicht das Erbe! erwiderte Hadschina kalt.
Fr diese Unterscheidung konnte Sakratif kein Verstndnis finden. Deshalb fuhr er fort:
Ich gehe wohl nicht irre, wenn ich annehme, die Braut von Nikolas Starkos wird ihm keinen Korb geben, weil sie ihn unter dem Namen Sakratif wiederfindet!
Ich - Braut von Euch! rief Hadschina.
Ja doch! versetzte Sakratif mit noch schrferer Ironie. Da Ihr Euch dankbar erweist gegen den edelmtigen Kommandant der Syphanta - dafr da er Euch freikaufte, - ist ja in Ordnung. Aber was er getan, war mein Wille auch! Um Euretwillen, nicht um der andern Sippe willen, bot ich auf der Auktion. Ja! Blo um Euretwillen setzte ich all mein Hab und Gut aufs Spiel! Ein Moment noch, schne Hadschina! und ich war Euer Gebieter ... oder vielmehr Euer Sklave!
Mit diesen Worten tat Sakratif einen Schritt weiter vorwrts ... Hadschina schmiegte sich enger an Henry d'Albaret.
Elender! schrie sie.
Freilich, Hadschina! elend, recht elend! versetzte Sakratif; gerade um meines Elends willen rechne ich ja auf die Millionen!
Bei diesen Worten trat das Mdchen auf Sakratif zu.
Nikolas Starkos, sprach sie mit ruhiger Stimme, von dem Vermgen, nach welchem Ihr begehrt, besitzt Hadschina Elisundo nichts mehr! Dieses Vermgen hat sie verausgabt, um die Snde gut zu machen, durch die es ihr Vater erworben hat! Nikolas Starkos, Hadschina Elisundo ist jetzt rmer als der rmste dieser Elenden, die auf der Syphanta in die Heimat fuhren!
Diese unvermutete Enthllung rief bei Sakratif eine gnzliche Umwandlung hervor. Seine Haltung wurde im Nu eine andere. In seinen Augen blitzte die Wut. Ja! er rechnete noch immer auf jene Millionen, die Hadschina Elisundo jetzt gern geopfert htte, um Henry d'Albaret das Leben zu retten! Aber von diesen Millionen - sie hatte die Worte gesprochen mit einem Ausdruck solcher Wahrhaftigkeit, da aller Zweifel ausgeschlossen war - von diesen Millionen besa sie keinen Pfennig mehr!
Sakratif betrachtete Hadschina ... er betrachtete Henry d'Albaret. Skopelo hielt ihn im Auge, kannte er ihn doch zur Genge, um zu wissen, welche Lsung dieses Drama nehmen wrde. Zudem waren ihm Befehle zur Vernichtung der Syphanta bereits gegeben worden: er harrte blo noch des Winkes, sie auszufhren.
Sakratif drehte sich zu ihm herum.
Los, Skopelo! befahl er.
Von einigen Spiegesellen gefolgt, stieg Skopelo die Treppe hinunter, die zu den Stckpforten fhrte, und schritt nach der Pulverkammer, die am Hinterschiff der Syphanta lag.
Gleichzeitig befahl Sakratif den Korsaren, auf die noch an den Flanken der Korvette hngenden Briggs zurckzutreten.
Henry d'Albaret hatte begriffen. Nicht blo sein Tod allein sollte Sakratifs Rache stillen. Hunderte von Unglcklichen waren zum Untergange mit ihm verdammt, um den Ha dieses Ungeheuers vollstndiger zu stillen!
Die beiden Briggs hatten schon die Enterhaken gelst und Segel an den Wind gebracht zur Untersttzung ihrer Ruder, um sich von der Korvette zu entfernen. Etwa zwei Dutzend Korsaren waren nur noch an Bord der Korvette; ihre Boote warteten lngs der Syphanta des Befehls, zusammen mit ihrem Huptling abzustoen.
Da erschien Skopelo mit seinen Leuten wieder auf Deck.
In die Boote! kommandierte Skopelo.
Alles in die Boote! schrie Sakratif mit entsetzlicher Stimme. In ein paar Minuten wird nichts mehr zu sehen sein von diesem verfluchten Schiffe! Ha, du wolltest keinen ehrlosen Tod, Henry d'Albaret! Sei es! die Explosion wird weder dich, noch die Gefangenen, noch die Mannschaft, noch die Offiziere der Syphanta verschonen! Bedanke dich bei mir, da ich dir solchen Tod in so guter Gesellschaft lasse!
Ja! bedanke dich bei ihm, Henry! sagte Hadschina, bedank' dich bei ihm! So sterben wir wenigstens zusammen!
Du sterben, Hadschina! versetzte Sakratif; nein, meine Schne! Du sollst leben, leben als meine Sklavin! ... verstehst du? als meine - Sklavin!
Der Elende! rief Henry d'Albaret.
Das junge Mdchen hatte sich eng an Henrys Brust geschmiegt ... Sie in der Gewalt dieses Menschen!
Packt sie! befahl Sakratif.
Und ins Boot hinunter! ergnzte Skopelo ... die Zeit drngt! Zwei Piraten hatten sich auf Hadschina gestrzt! sie rissen das Mdchen zur Schanzkleidung der Korvette.
Und nun, schrie Sakratif ... in die Luft mit Schiff und Mann ... alle in den Tod ...
Ja! alle, alle! ... und deine Mutter mit!
Die gefangene Greisin stand auf dem Deck ... gleich einem Gespenst ... diesmal mit unverhlltem Antlitz.
Meine Mutter! ... schrie Sakratif ... meine Mutter an Bord!
Ja, Nikolas Starkos! Deine Mutter! antwortete Andronika ... und von deiner Hand werde ich sterben!
Hinweg mit ihr! brllte Sakratif; ins Boot mit ihr!
Mehrere seiner Korsaren strzten sich auf Andronika.
Da aber wurde das Deck der Syphanta berflutet von all der Mannschaft, die noch am Leben war. Es war ihnen gelungen, die Luken im Zwischendeck, wo sie eingesperrt lagen, zu sprengen und zum Vorderschiff hinaus zu brechen.
Hierher! ... hierher! schrie Sakratif.
Die Korsaren, die noch auf dem Verdeck der Korvette waren, suchten, von Skopelo mit fortgerissen, zu ihrem Huptling zu gelangen. Die mit Beilen und Dolchen bewaffnete Mannschaft der Korvette hatte sie schnell bis auf den letzten Mann niedergehauen.
Sakratif fhlte sich verloren. Zum wenigsten fanden aber alle, die er mit seinem Hasse verfolgte, mit ihm den Tod.
Flieg in die Luft, verfluchtes Schiff! schrie er; flieg in die Luft!
In die Luft! ... unsre Syphanta! Nun und nimmer!
Xaris war es, der den Ruf getan ... Xaris, der jetzt mit der brennenden Lunte auf das Deck herauf strzte, die er von einem Pulverfasse in der Pulverkammer gerissen hatte ... Mit einem Sprunge war er neben Sakratif ... und mit einem Hiebe seiner Axt hatte er ihn auf das Deck gestreckt!
Andronika schrie auf. Alles, was im Herzen einer Mutter von mtterlichem Gefhl fr einen so verbrecherischen Sohn noch leben kann, kam in ihr zum Ausbruch. Wie gern htte sie den Todesstreich von seinem Haupte gewandt!
Sie trat zu der Leiche heran, sie kniete neben ihr nieder, als wolle sie ihm im letzten Augenblick verzeihen, ihr letztes Lebewohl sagen. Dann brach sie neben ihm zusammen.
Henry d'Albaret strzte zu ihr.
Tot! rief er. Verzeih Gott dem Sohne aus Mitleid mit der Mutter!
Inzwischen waren einige von den Korsaren bis zu den Briggs hinber gelangt. Im Nu verbreitete sich die Kunde vom Tode des Huptlings.
Rache! Rache dem Huptling! schrie es von allen Seiten, und die Kanonen der Korsarenflotte drhnten wieder gegen die Syphanta.
Diesmal umsonst! Henry d'Albaret befehligte wieder die Korvette. Was von seiner Mannschaft noch am Leben war - etwa hundert alles in allem - trat an die Geschtze und Karronaden, die den Salven der Korsaren siegreiche Antwort gaben. Bald war die eine Brigg, - die Sakratifs Flagge getragen hatte - unter Wasser gesetzt und versank unter greulichen Flchen ihrer Besatzung.
Drauf, Jungens! drauf! schrie Henry d'Albaret, wir retten noch unsere Syphanta!
Auf allen Seiten tobte der Kampf wieder. Aber der unbezwingliche Sakratif ri seine Korsaren nicht mehr mit fort ... und auf die Gefahren eines neuen Enterversuchs wagten es die Korsaren nicht ankommen zu lassen.
Bald blieben blo fnf Fahrzeuge von der Korsarenflottille noch brig. Den Kanonen der Syphanta konnten sie nicht mehr standhalten; die Brise ausntzend, ergriffen sie die Flucht.
Vivat Griechenland! rief Henry d'Albaret, whrend seine Flagge wieder an der Spitze des Gromastes aufstieg.
Vivat Frankreich! antwortete die gesamte Mannschaft, die beiden Lnder vereinend, die whrend des Unabhngigkeitskrieges so enge Kameradschaft gehalten hatten.
Es war nun die fnfte Nachmittagsstunde herangekommen. Trotz so vieler Strapazen wollte kein Mann frher an Ruhe denken, als bis die Korvette wieder in seetchtigem Zustande war. Ueber den hierzu notwendigen Arbeiten kam der Abend heran, und in der achten Stunde war die Syphanta wieder auf nordwestlicher Fahrt begriffen.
Andronikas Leiche wurde auf dem Hinterdeck mit all der hohen Achtung beigesetzt, die das Andenken an ihre Vaterlandsliebe forderte. Henry d'Albaret wollte ihre sterblichen Reste im Schoe des Vaterlandes betten, dem sie so tapfer gedient! An Nikolas Starkos' Leiche hingegen wurde eine Kugel gebunden, und Kugel mit Leiche in das Meer jenes Archipels gesenkt, ber den er als Korsar Sakratif soviel Jammer und Elend gebracht hatte.
24 Stunden nachher, am 7. September, gegen 6 Uhr abends, sichtete die Syphanta die Insel Aegina und fuhr in den Hafen derselben ein, nach einjhriger Kreuzfahrt, die den griechischen Meeren ihre Sicherheit wiedergegeben hatte.
Dort erzitterte die Luft von dem Hurrageschrei der Passagiere. Dann verabschiedete sich Henry d'Albaret von seinen Offizieren und seiner Mannschaft und legte den Befehl ber die Korvette, die Hadschina Elisundo der neuen Regierung zum Geschenk machte, in die Hnde des Kapitns Todros.
Wenige Tage spter fand unter gewaltigem Zulauf der Bevlkerung und in Gegenwart des Stabes und der Mannschaft der Syphanta, wie der durch die Syphanta befreiten Gefangenen die Vermhlung Henry d'Albarets mit Hadschina Elisundo statt. Am andern Tage schifften sich beide mit Xaris, der sie nicht verlassen durfte, nach Frankreich, aber mit der Absicht, nach Griechenland zurckzukehren, sobald sich dessen Verhltnisse gefestigt htten.
In die so lange unsicheren Meere Griechenlands zog wieder Ruhe und Frieden ein. Die letzten Korsaren waren verschwunden, und niemals wieder traf die Syphanta unter Todros' Befehl auf jene Schwarzflagge, die mit Sakratif ins Meer gesunken war.
Kein Archipel in Flammen war es, der Griechenlands Erde einschlo, sondern, nachdem die letzten Brnde ausgetobt hatten, jener gesegnete, dem Handel mit dem fernsten Orient wieder erschlossene Archipel!
Dank dem Heldenmute seiner Kinder, erstand das Knigreich der Hellenen und gewann seinen Platz unter den freien und selbstndigen Staaten Europas. Am 22. Mrz 1829 unterzeichnete der Sultan eine Konvention mit den verbndeten Mchten. Am 22. September sicherte die Schlacht von Patras den Griechen den Sieg, und 1832 wurde durch den Londoner Vertrag dem Prinzen Otto von Bayern die Krone bertragen. Das Knigtum Griechenland war begrndet.
Zu dieser Zeit kehrten Henry und Hadschina d'Albaret in die sonnige Heimat zurck, freilich unter bescheidenen Vermgensverhltnissen. Aber was fehlte ihnen zum Glcke, da sie dessen in sich selber im Uebermae fanden?
Ende.

